Part 30
Die ganze Nacht unter seinem Mantel, und er hatte sie nicht genommen. Sie hörte Pardis Auflachen und kämmte, die Zähne zusammengebissen. Der Kopf schmerzte ihr; sie schrak auf; und im Spiegel sah sie sich rot von Scham.
»Wie? Ich habe mich seiner geschämt? Arnolds? Meines Geliebten? Weil ein Mensch von niedrigerer Gattung ihn nicht verstehen würde? Versteht er denn mich? O!«
Nicht schnell genug ließ sich das gutmachen. Hinunter, -- er wartete am Tisch -- und noch ehe sie sich setzte, ihm die Hand geben und unter den Blicken des Saales ihm leise und stolz in die Augen sprechen:
»Mein Geliebter!«
* * * * *
Nach fünf solcher Tage, schon im Wagen, der sie forttrug:
»Ach! sieh noch einmal das Haus an, -- und die Obelisken! Werden wir je wieder diese Straße gehen? Zusammen gewiß nicht. Die Straße in die Lombardei. Das ist nun aus. Was wird kommen? Mir ahnt nur Trübes.«
»Warum, Lola? Da wir uns lieben?«
Sie senkte den Kopf. Verstand er denn nicht? »Wir haben nun doch gesehen, daß unsere Liebe uns nicht wohltut, mitten im Glück nicht wohltut.« Aber sie schwieg. Wie er sie drunten in Pracchia zur Bahn brachte, war sie unaufmerksam und reizbar. Endlich, noch aus dem Fenster:
»Lieber, komme mir nicht nach! Fahre nach Deutschland! Es ist besser, wir trennen uns.«
Aber da sie ihn fassungslos erschreckt sah, stieß sie die Tür auf und war bei ihm.
»Nein! nein! Wie könnte ich's ertragen! Du glaubst doch nicht? Ich sagte das, weil ich hier so glücklich war. Nimm meinen Fächer! Und daß du ihn mir morgen zurückbringst! Nicht später als morgen!«
Von ganz fern winkte sie nochmals. Er erwartete es nicht mehr, stand versunken und atmete das Parfüm ihres Fächers. Lola ließ sich auf den Sitz fallen und schloß die Augen. Die schwere Luft des Tunnels ängstete sie. Ihr war's, sie führe dem Verfall entgegen: ihrem und seinem.
Aber sie trafen sich, wie früher, in Vorstädten, bei entlegenen Landwirtshäusern; schlenderten Hand in Hand durch Schafherden, kleine Abendbäche entlang und lasen im Schatten von Klostermauern, vor gewellten Olivenfeldern, in Dichtern. Manchmal überschlug Lola eine Seite und wartete, daß Arnold nach Pardi frage. »Hat er ihn vergessen? Er nimmt unsere Freiheit hin, als sei sie verdient. Aber wem verdanken wir sie? Wenn Pardi zurückkäme --. Wenn er mich zu sich riefe --.« Und etwas Zorniges hob sich auf in ihr gegen diesen Träumer und sein über dem Buch gesammeltes Gesicht.
Der Herbsthimmel hatte sich weich und trübe um die Stadt geschlossen: da kam Pardi.
»Wie wir es nun wieder schwer haben,« klagte Arnold. Nach ihrem unzufriedenen Schweigen sagte Lola:
»Wir wenigstens machen es ihm nicht schwer. Er darf sich trösten, wie er mag, für die Sarrida.«
Arnold merkte nichts.
»Ich bin ihm begegnet; mir klopft, ich gestehe es, immer ein wenig das Herz: als ob ich nahe an einen Raubtierkäfig hinträte. Dennoch sehe ich ihm gern zu, gestatte mir bei seinem Anblick oft auch eine leichte Sehnsucht, -- wenn er sich so bewegt und spielen läßt, immer ein Ziel vor Augen, immer gespannt und bereit. Ich erkenne dann in ihm den Mars von der Treppe der Uffizien.«
»Das ist wohl interessant?« -- ganz leise; und ausbrechend:
»Aber daß er mein Leben zerstört hat, vergessen Sie! Sie sind kalt! Lassen Sie mich allein!«
»Ich bitte dich!« Er stammelte, und er lief weiter mit durch den Nebel, wie ein Hündchen. »Wie magst du auf einmal alles verkennen? Haben wir uns nicht? Sind wir nicht eigentlich besser daran, unser sicherer, als der, der sich mit einem unverstandenen Schicksal herumschlägt? Ich liebe dich nicht weniger, weil ich ihn nicht hassen kann.«
»Doch.«
»Weil ich ihn ansehe, wie ein böses Bild.«
»Sagen Sie das ihm! Sie werden erfahren, daß er kein Bild ist. Kann sein, daß er Sie tötet. Er wäre durchaus nicht zu fein und bedenklich, Sie zu töten -- und auch mich. Ach! haben Sie denn kein Blut? Ist es denn nicht möglich, Sie zum Äußersten zu treiben? Nie könnten Sie etwas tun, was Sie bei kalter Vernunft nicht billigen würden: etwas Abschließendes, etwas Gewaltsames?«
»Wenn ich es vorauswüßte, würde ich es nicht tun.«
»Sie haben Recht Sie sind immer klar und vernünftig. Wie sollten Sie etwas Dummes tun. Gewalt ist natürlich dumm.«
»Ich bin so sehr dein, daß ich auch etwas tun würde, das mich Ehre und Leben kosten würde, und das ich ohne Überzeugung, nur in deinem Namen täte. Ich verachte die Gewalt; ich glaube, daß sie uns schlecht macht und die Dinge nicht bessert. Durch das Tragen einer Waffe fühlte ich mich einst schlechter werden -- und lächerlich. Denn alles Schlechte, Rückständige ist lächerlich. Der Gewaltmensch, der Krieger ist eine Karikatur . . .«
»Vorhin begeistertest du dich für den Mars.«
Seine Erregung, seine Widersprüche und seine trotzige Übertreibung versöhnten sie. Nun seine Stirn zornig gerunzelt war, zerging zwischen ihren Brauen die Falte. Sie atmete ruhiger, fast glücklich, weil sie ihn hatte reizen können. Nur nicht immer dieses nüchterne Gleichgewicht, diese künstliche Ruhe des Schwachen!
Da haschte sie nach seinem Arm.
»Um Gottes willen, wir müssen ausweichen. Siehst du ihn nicht kommen? Drüben, hinter dem Wagen?«
Aber er stieß hervor:
»Nun geschieht, was geschehen will. Mein Weg geht hier.«
»Du bist kindisch;« und zitternd, die Augen gradaus, folgte sie. Der Nebel zog sich noch dichter zusammen; sie kamen vorbei.
Lange nachher:
»Du wünschtest den Zusammenstoß?«
»Ja.«
»Wünschest du ihn noch?«
»Nein.«
»Das ist gut. Wir müssen vernünftig sein.«
»Du findest?« fragte er mit einem langen, bitteren Blick. Sie senkte die Stirn. Ja: was er sagen wollte, war wahr; sie schwächte ihn, wie er sie. Sie glichen sich, konnten einander nicht helfen, und schleppten einander nach.
Und zu Hause beweinte sie sich und ihn.
»So redlich er seine Liebe meint: wie lange wird's dauern, und alles ist nur gewesen, damit er ein Werk daraus macht. Er ist nicht, wie ich, dazu geboren, von der Liebe sein Schicksal hinzunehmen: sondern damit er innere Spiele aus ihr gestalte. Er kann nichts im Leben ganz und für immer ernst nehmen. Noch im äußersten Elend der Seele bleibt er ein spielender Knabe. Vielleicht, daß eine Tat, eine große Schuld ihn reifen und ernst machen würde? . . . Aber weiß ich, ob ich sie ihm verzeihen würde? . . . Keine Hilfe. Ich bin noch immer allein.«
Was tun? Dies hatte schon wieder an eine Stelle geführt, wo es nicht vorwärts noch zurück ging. Wie oft im Leben hatte sie solche Aussichtslosigkeit erlitten! Überdruß machte einem alles zweifelhaft: jede Zukunft, die Liebe selbst. Wozu diente das eine? Warum nicht ebensogut das andere tun? Lola ward krankhaft unentschlossen, versäumte Zusammenkünfte, weil sie das Kleid nicht fand, das zum Wetter paßte, und grübelte gramvoll durch den Tag hin:
»Was ist's: er fühlt diesen Dichter nicht, den ich doch fühle? Dies haben wir also nicht gemein. Was eigentlich haben wir gemein?«
Rastlos durchforschte sie sich: »Kann ich ihm nicht entkommen?« -- »Nein: denn ich liebe ihn; trotz allem muß ich ihn lieben.«
»Wollte er mich doch betrügen! Ich würde zu stolz sein, ihn noch zu lieben. Und auch ihm wäre besser, wir wären uns los. Denn auch er fängt an, mich zu hassen.«
Er sagte ihr jetzt:
»Du hast wenig an mir: ich weiß es. Du bist sinnlich. Wäre auch nicht deine Vergangenheit, ich spüre doch immer deine Verachtung, weil du mir nicht gehörst. Die Verachtung des Weibes für jeden, der sie nicht umwirft und nimmt. Welche Selbstverachtung!«
Seine Härte erleichterte sie; sie haschte demütig nach einem Blick des Grams und des Zorns; sie antwortete zart:
»Ich quäle dich, Lieber.«
Und sie verziehen einander.
»Daß wir uns zanken müssen! Als ich dich wiederfand, glaubte ich, nun wäre auf immer Friede. Du Lieber, wir verstehen uns nicht, selbst wir nicht. Noch lieben wir uns; jetzt sollten wir uns trennen. Noch würden wir einander nur Gutes hinterlassen.«
Sie hielten einer des andern beide Handgelenke, und sie sahen sich bleich und bebend in die Gesichter.
»Ich will nicht, daß du noch länger leidest. Ich will, daß du mich lieb behältst. Wir wollen uns trennen.«
Mit Wildheit sagten sie sich, wie glücklich sie einander wissen würden, fern voneinander. Und endlich mußte jeder an des Gefährten Schulter seine Tränen verstecken.
»Ich habe keine Geistesgegenwart,« sagte Arnold, »und mißverstehe dich oft. Nachher, allein, sehe ich eine deiner Gebärden wieder und weiß, was sie, trotz deinen Worten, sagten.«
Lola erwiderte:
»Ich bin ein schwieriger Charakter; ich werde dich sehr unglücklich machen.«
Und er:
»Gleichviel: du brauchst Liebe; und ich will lieber für einen andern leiden, als durch und für mich selbst.«
Seufzend sahen sie auf. Der Sonnenuntergang türmte sich als geröteter Rauch wild über den Hügeln. Sie wandten sich und fanden drüben, in monddurchträumtem Nebel, andere, müde und gütige. Hinter den leisen Lichtern dort war wohl Friede. »Wir werden Frieden haben. Wir müssen ihn finden, denn wir werden voneinander nie loskommen.«
Das Schicksal, das sie verband, hatten sie immer neu zu begreifen, mußten einander durch schlimme Wetter schleppen, vor allen Blicken ihre Liebe bergen und dabei an ihr zweifeln und am Grunde der Glücksstunde schon die Tränen rinnen hören.
Manchmal versuchten sie es, einander auszuweichen. Lola betrat tagelang nicht die Straße. In einer Dämmerstunde vor Weihnacht fand sie ihn neben ihrer Tür.
»Verzeih' mir, daß ich mich an dein Haus gelehnt habe. Es ist schon dunkel genug; und ich war so müde. Aber ich wäre bis morgen auf deiner Schwelle geblieben: bis du gekommen wärest. Warum kommst du nicht mehr?«
Sie vergaß alles; sie zog ihn hinter das Tor und faltete die Hände um seinen Hals. Geräusch auf der Treppe scheuchte sie von seiner Brust auf; sie entwichen.
Unter den starken, schwarzen Häuserfesten der hallenden Straße schlichen sie hin, trennten sich, bevor das Gewimmel der Alten Brücke sie über den Fluß trug, und führten jenseits einander durch ein Kreuz und Quer von Gäßchen, die Plätze zu umschreiben, den Hauptwegen auszuweichen. Sie gingen einsam und mitten auf dem engen Pflaster, das kein Trottoir säumte. Im Licht armer Läden streifte manchmal einer verlangend und traurig das Gesicht des andern. Die Tür einer Kneipe flog auf, und sie hielten den Schirm zwischen sich und jene Augen . . . Unter dem Schwebebogen der Via della Morte:
»Sollen wir nicht ein wenig ausruhen dürfen? Wir sind durchnäßt.« Sie wagten sich in ein dürftiges Café. Die Glastür wankte klirrend; drei Kartenspieler sahen ihnen gespannt entgegen; und sie drückten sich hinter den Pfeiler.
»Wir haben Ruhe, wir sind geborgen. Draußen ist's schlimm für uns.«
Er trocknete ihr Gesicht und Haar, -- und er erzählte ihr, daß eine andere Frau vor langen Jahrhunderten eben hier durch solche schlimme Nacht, wie sie, gegangen sei: Ginevra degli Amieri, die im Dom auf einer Bahre erwachte, in ihrem Totenhemd zu den Menschen zurückwollte, aber nicht bei Gatte und Eltern Einlaß fand, nur bei ihrem Geliebten.
»Sie hatte sich ihm immer versagt?« wiederholte Lola. »Auch ihnen also fehlte der Mut? Aber nach ihrem Tode war er ihre Zuflucht. O! du würdest mich lieben, wenn ich tot wäre.«
Er sagte zitternd, wie sehr er sie liebe, und sie lächelte trübe an ihm vorbei.
»Wir haben das Gute gehabt, das uns bestimmt war. Denke an unsern Frühling, an den Tag in Monte Turno. Mein Gott, daß das Leben einmal so süß und rein war! Wären wir damals gestorben! Wie nun alles sich unheilvoll anfühlt! Ist jemand an der Tür? Ach, mein Herz klopft bei jedem Windstoß.«
Und Arnold, tonlos:
»Es ist wohl wahr, wir haben ein gehetztes Dasein.«
Räderrollen ward lauter; sie unterschieden den Hufschlag zweier Pferde. Der Wagen hielt vor der Tür; Wirt und Kellner sprangen auf der Straße umher. Aus dem Wagen kam undeutlich eine Stimme, man solle dem Kutscher ein Glas Punsch bringen. Er bekam ihn; und draußen -- die feuchte Luft strich herein -- blieb es still, stockende Minuten still. Lola hatte die Hand auf dem Herzen. Die andere hielt Arnolds Arm gepackt; und Lola beugte sich, hinter dem Pfeiler hervor, langsam und bebend, bis in die Tür.
»Ich kann nicht mehr, ich muß sehen --«
Da riß sie sich zurück; er fand ihre Augen wie Geister blaß und irr; -- und dann sah auch er: dort stand der Wagen des Hauses Pardi.
Lola hob sich, zagend, vom Sitz; Arnold legte ein Geldstück hin; und ohne einander loszulassen, glitten sie hinaus. Das Fenster des Wagens war verhängt. Der Kutscher schlürfte und sah gradaus. Sie hatten den Wagen umgangen, sie konnten fliehen . . . Das Fenster war verhängt? Lola stand und zauderte, halb gewendet. Dann sagte ihrem Genossen ihr krank herbeischleichender Blick, daß sie sich ergebe. Jener dort solle zuschlagen, endlich zuschlagen. Die Neugier des Opfers war über sie gekommen, die Lust nach dem Opfer. Er sah sie an und erbleichte.
Sie setzte den Fuß an; sie erreichten drüben das Fenster: es stand offen; lautlos neigten ihre beiden Gesichter sich darauf. Und ihre beiden Gesichter empfingen die Atemstöße derer, die dort innen umkrampft lagen, sich wanden und zuckten. Lola bewegte die Wimpern nicht. Ohne Eile richtete sie sich auf; Claudias von Lust gebrochene Augen waren noch immer, ohne zu verstehen, an ihr; -- und Lola und Arnold gingen ungedämpften Schrittes von dannen, hinaus in Regen, zeitlose Stille und totes Menschengewühl, durch Vorstädte mit elendem Lichtflimmern im Pflaster und endlos weiter auf einer braunen, müden Landstraße ohne Lampe, ohne Stern . . . Arnold tastete nach Lolas Arm und stützte ihn. Ihre Schultern sanken im Gehen zueinander. Sie empfingen mit ihren Schläfen den Regen, stießen fremd an Steine und gaben ihre willenlosen Stimmen der leeren Weite hin, die sie trank.
»Meine arme Geliebte!«
»Mein armer Geliebter!«
V
Lola fieberte, schon die zweite Nacht. Sie fühlte sich als Kind und auf der Großen Insel. Feenlicht in stiller Runde, über Meer und Garten; und hielt man ihm nur das Gesicht hin, war's einem, man lächele. Weite Blumenkelche schwankten bedächtig, und Lola gab ihnen Namen: jedem einen längst befreundeten Menschennamen. Da tat aber ihr Herz einen Sprung, die schöne Luft ward schwer; Lola wollte laufen, laufen, und blieb stecken in der Luft; wollte schreien und hörte sich nicht. Sie atmete auf: dort saßen um ihren Suppenkessel die Schwarzen. Alles war gut, die Boa war verschwunden, Lola war ihr entronnen. Ein starker Schwarzer hob sie den Kessel hinan, sie tauchte ihren Löffel ein und sah stolz umher, wie alle ihre blonden Locken bewunderten. Und nun schlug eine Stimme an: o, jene Stimme, bei der man vor Liebe zitterte und sprang; und aus den Bäumen trat die große, ernste Gestalt. »Pai! Pai!«
Sie erwachte, die Hände hingestreckt und auf den Lippen ein Lächeln. Aber ein fremdes Gesicht bewegte sich auf ihres zu; sie schrak zurück: »Claudia!« -- und sie bedeckte die Augen und stöhnte.
»Ich erschrecke dich wohl, Lolina? Ach, sieh mich an, ich flehe darum! Wirklich? Ich mache dir Grauen. O, du hast recht, ich bin grauenhaft, und ich will gehen.«
Alles war wieder da; nichts half es, die Lider zuzudrücken. Dahinter schimmerte dennoch, wie aus dem Dunkel eines Wagens, Claudias Gesicht, mit den von Lust gebrochenen Augen. Und auch er war zurückgekehrt, der unfruchtbar Geliebte. Das Schicksal war zurückgekehrt.
»Du bringst mir Nachricht von ihm?«
Claudia blieb scheu dorthinten gegen die Wand gedrängt, als wollte sie hindurch. Sie stammelte:
»Warum bist du krank geworden? O! ich bin eine Verbrecherin. Wollte doch Tullio mich umbringen, mich endlich umbringen! Ich habe dich gesehen, Lola, als eine Erscheinung: ich darf dir nicht sagen, wann. Du erscheinst mir oft: ich darf dir nicht sagen, wann.«
»Bin ich dir erschienen, Claudia? Ach, laß das! Es wird nicht wahr sein; denn ich glaube nicht, daß meine Seele von mir fortschweifen kann. Sie sitzt immer über sich selbst gebeugt. Du verstehst das nicht. Hat er dir Aufträge gegeben?«
»Nur, daß er sich sehr um dich ängstet. Er hat es nicht gesagt: ich sah es. Aber nun wirst du genesen, Lolina. Ich will ihm sagen, wie gut du aussiehst.«
»Tu' es nicht! Sage ihm, ich werde sterben . . .«
Sie sann müde. »Er verdient es. Wenn ich tot bin, wird er bereuen. Dann wird er mir alles geben wollen, als lebte ich. Jetzt liebt er mich nur so, wie man eine Tote liebt. Vielleicht gibt es ein Jenseits? Dort sehe ich seiner Liebe zu und freue mich meines Todes.«
»Ja,« sagte sie, »ich wünsche mir sehr, zu sterben. Niemand weiß, wie gut das wäre.«
Claudia kauerte am Boden und haschte mit den Lippen nach Lolas Hand.
»Du bist weich und unschuldig, meine Claudia; ich habe dich gern. Aber geh' nun, ich bitte dich, -- und sei unbesorgt. Ich werde wohl nicht sterben: es wäre zu viel Glück. Nur träumen darf ich. Vorhin träumte ich, und da war's, als sei noch nichts geschehen, von allem Schlimmen noch nichts.«
Noch wachte sie, und fühlte sich doch ganz deutlich aus dem Meer steigen: über große flache Steine und auf den Strand. Er war nun leer; und das schwarze Laubdach, unter dem sie hinging, blitzte oben weiß vom Mond. Sie wußte sich allein auf der Großen Insel: die Blumen im Mondlicht sahen aus wie Seelen, -- und da erinnerte Lola sich, sie sei gestorben. Dies war das Jenseits; und doch lag es auf Erden, und wer sie sehr liebte, konnte sie einholen und es ihr sagen. Sie vermochte nicht zu sprechen, aber sie erriet, was drüben geschah: erriet seine Sehnsucht und lauschte lächelnd übers Meer hin . . . Nun war er da. Noch fand er sie nicht, sie aber spähte schon bis in sein Herz und sah es bereit, mit ihrem auch den Tod zu teilen. Sie dachte: Hier bin ich! Komm! -- und da war er unter ihrer Palme; ihre Hände streiften sich, seine Wärme rann ihr ins Herz und erweckte sie. Ein Schrei: sie schrak auf.
Er liebte sie! Das Glück dehnte in ihr seine großen Flügel. Weich ward sie gehoben, schloß wieder die Augen und ließ sich tragen. »Nun bin ich seiner gewiß, -- da er mir bis hierher gefolgt ist. Nun liebt er mich mehr als sein Leben.«
Träume mußten es ihr beweisen; -- und sie erhielt sich im Traum von ihm, fand es süß, seiner zu denken und ihn nicht zu sehen. Längst ging sie wieder umher und wollte doch den Brief, den Claudia für ihn verlangte, nicht schreiben. Ihr Traumgespinst wäre durch Worte zerrissen worden. Er hätte sie enttäuscht. Als sie ihn wiedersah, war's Zufall, und sie erschrak. Er begegnete ihr sanft und reuevoll, -- und in ihr wallten Tränen auf. Warum schalt er sie nicht? Er mußte wissen, daß sie gestern große Gesellschaft bei sich gehabt hatte. Sie sah alle Welt, nur ihn nicht; er aber blieb gütig.
»Mein Mann ließ mir keine Ruhe,« sagte sie, und da sah sie ihn aufzucken. Also brauchte jetzt nur Pardis Name zu fallen, und er war getroffen und sank in eifersüchtiges Grübeln?
»Er ist ruiniert,« sagte Lola mit Herzklopfen; »um sich zu halten, bleibt ihm nur, daß er sich wählen läßt. Und da die Kammer aufgelöst ist --. Aber du hörst nicht zu?«
Er stammelte. Nein: sein Zorn, sein Haß waren wieder ausgewichen. Die Eifersucht machte ihn nur noch verlegen. Lola sagte gereizt:
»Warum schiltst du nicht? Ich bin schlecht.«
»Du warst krank. Ich habe dich zu lieb . . .«
Immer diese Gerechtigkeit. Hätte er den Herrn gezeigt -- wie der andere! In ihrem Zimmer träumte sie davon: auch davon. Er befahl ihr, und sie arbeitete für ihn. Denn sie waren arm, waren entflohen und lebten in einer Hütte: sie seine Magd. »Wie ich dich liebe! Schlage mich!« Sie saß, in ihrem Sinn, zu seinen Füßen; und wie sie zu ihm aufsah, schob seinem Gesicht sich, und sie wußte es kaum, Pardis unter. Als sie es merkte, vertrieb sie's. Noch oft kehrte es wieder, statt des gerufenen. Und mehrmals erwachte sie und bebte noch davon, daß sie in Armen gelegen hatte, die der Geliebte ihr geöffnet und der Gehaßte um sie geschlossen hatte.
»Warum suche ich nach allem Leiden, das jener mir auferlegt hat, in Arnold doch wieder den anderen? Bin ich denn wirklich unheilbar? Ach, wollte mein Geliebter mich erlösen! Eine Tat! Ein Zugreifen!« Sie wußte nicht, wie, wollte es nicht wissen. Es war seine, des Mannes, Sache. Er hätte handeln sollen trotz ihr, und wenn sie selbst ihm auch die Hände festhielt. Sie irrte durchs Zimmer. Vielleicht lag alles daran, daß er sie nicht nahm? Er verstand sie nicht, er war ein schlechter Seelenkenner. Sie sträubte sich, sie hatte Bedenken: welche Frau hatte sie nicht. »Ich bin eine gewöhnliche Frau!« Er ließ sich täuschen, er war lächerlich vor Zartgefühl. Wäre er einen Augenblick ganz Mann gewesen! Es blieb wider die Natur, daß sie, die sich alles gegeben hatten, einander die Körper versagten. Daraus kam diese Sucht, einander zu quälen, diese Feindseligkeit im Sehnen, diese Träume, die ins Irre und Verderbte schweiften. Sie legte Claudia eine zornige Beichte ab.
»Wir Frauen erfinden Gott weiß was, zu unserer Verteidigung. Du weißt selbst, daß wir's übel nehmen, wenn man es gelten läßt. Er aber läßt alles gelten. Ich bin noch immer nicht seine Geliebte. Du hast es mir früher nie geglaubt und wirst es auch jetzt nicht glauben: wie könntest du. Aber es ist so.«
Claudia spähte in Lolas Augen, ob dies die Wahrheit sei. Sie war sprachlos. Dann schob sie den Mund vor; die anstürmenden Worte blähten ihn; und plötzlich erbrachen sie ihn. Arnold war ein elender Feigling; er sollte eine Schürze vorbekommen; Lola konnte sich von ihm ihr Schlafzimmer aufräumen lassen. »Ah! auch dies laß ihn tun, --« und Claudia machte eine Gebärde. Vor Entrüstung ward sie unanständig. Übrigens beteuerte sie, sie habe Arnold nie getraut. Er sei kein Mann. Seine Augen mißfielen ihr. Erschreckt griff Lola ein, erklärte und suchte gutzumachen.
»Ich wußte wohl,« gab Claudia zu, »daß ihr anders seid, als wir: du eine andere Frau, er ein Mann, nicht wie die unseren. Ich verstehe eure Sachen nicht, ihr müßt selbst zusehen.«
Aber ihre Phantasie war nun umgelenkt. Claudia bewegte langsam ihren kleinen Kopf und verdrehte, vor schmerzlicher Bewunderung, die großen bräunlichweißen Tieraugen.
»Ihr seid Engel. Wir gewöhnlichen Menschen können euch nicht nachahmen, ihr aber seid Engel. Tröste dich, Lola: deine Leiden werden dir mit himmlischen Freuden vergolten werden, für meine aber bin ich verdammt. Ach! weine nicht, Lolina. Was soll dann ich tun?«
Lola wandte sich ab. Sie erkannte das Leiden anderer nicht mehr: ihr eigenes hatte alles verdunkelt. »Und wenn es ein Jenseits gäbe,« dachte sie, »es wäre dennoch leichter, sich mit allen anderen verdammen zu lassen, als ganz einsam selig zu werden.«
* * * * *
Sie forderte von Arnold:
»Sei ein einziges Mal leichtsinnig! Bist du mir nie untreu gewesen? Hast du dich je geschlagen? Ach nein, -- aber so verschwende doch irgend etwas!«
Er war gar zu sparsam: mit dem Seinen und mit sich. Sie warf ihm, wenn sie grübelte, vor, daß er ihr nie ein Geschenk gemacht habe. Pardi hatte für die Sarrida Hunderttausende fortgeworfen, -- »aber auch für mich war er immer bereit: ich brauchte nur Launen zu zeigen. Ein Gericht zu viel machte ihn wütend; aber er hätte mir eine Yacht gekauft. Wem eine Frau nicht das Geld wert ist, dem ist sie schwerlich das Leben wert. Arnold ist mäßig und vernünftig; seine Tugenden sind sehr bürgerlich . . .«
Und hingen nicht ebenso bürgerliche Untugenden mit ihnen zusammen? »Seine Kälte und seine Art, Menschen anzusehen! Ach! er wird niemandem unrecht tun: nicht durch blindes Lob und nicht durch Verleumdung. Er zerlegt und begreift. Er kennt nicht Freund noch Feind: nur das kleine selbstsüchtige Vergnügen des Durchschauens. In dem Gerechtigkeitssinn dieser Schwachen, wie viel kleinliche Bosheit! Pardi: o, dem wird's heiß, der liebt und haßt; und wen er nicht ersticht, den hält er gradaus für einen Ehrenmann. Bei dem würde man selbst wissen, wer man ist, würde seiner selbst sicher und geborgen sein . . .«