Part 28
»Willst du mich für heute allein lassen, liebe Claudia? Ich bin von der Aufregung noch schwach.«
Er glaubte ihr! Er verstand, daß sie jenem andern gehorchen konnte und dennoch ihn lieben, nur ihn. Und er war bereit, sie zu lieben: von fern, ohne Hoffnung auf einen Druck, einen Blick, ohne noch in die Welt hinauszugehen, deren Bild er nicht in ihrem Auge auffangen durfte, -- eingeschlossen für den Rest seines Lebens mit dem Gedanken an sie! Sie sollte, war auch sein Leib verschwunden, für immer mit seinem Worte leben. Schon hatte sein Wort ihr Licht und Atem zurückgegeben.
Seine Briefe zu holen, ging sie zu Claudia.
»Er schreibt und schreibt,« sagte Claudia. »Was bleibt euch noch zu sprechen, wenn ihr euch seht?«
»Ich sagte dir doch, daß wir uns niemals sehen.«
»Aber seine Briefe kommen aus der Stadt!«
»Und doch sehen wir uns nie, nie. Wenn du seine Sprache verständest, könntest du's in seinen Briefen lesen.«
Claudia ließ die Lippe fallen; sie sah aus, wie ein zurückgesetztes Kind. Plötzlich warf sie Lola die Arme um den Hals.
»Also, ich glaube es!«
Wenn sie das Vertrauen der Freundin nicht genießen sollte: sie fügte sich! Sie diente ihr dennoch! Das kam ihr zu, und Vertrauen war sie nicht wert, sie, die der Freundin den Gatten genommen hatte! Lola verstand; sie umarmte Claudia schweigend, wie ein unschuldiges Tier, das einen liebt, und dem man sich nicht erklären kann.
»Es ist sehr gut,« sagte Claudia, »daß du deine Briefe nicht bei dir aufbewahrst.«
»Da ich täglich meinen Schreibtisch durchsucht finde! Da Pardi sogar auf der Post nach Briefen fragt, die für mich lagern! Da meine Jungfer das Futter meiner Kleider auftrennt und ich mich nicht ausziehen kann ohne das Auge eines Spions am Schlüsselloch!«
»So sind sie,« bestätigte Claudia; »so ist auch meiner. Und darum, Lola, sind deine Briefe auch bei mir nicht sicher. Mein Mann wird mich töten, ich weiß es. Sieh hier meinen Hals: das Rote, Geschwollene ist die Spur seiner Finger. Es war nur ein Verdacht, ich habe ihn noch besänftigt. Aber einmal wird er nicht wieder loslassen . . .«
Claudias Gesicht war von Schicksal steinern.
»Und wenn dann nicht er das Versteck mit deinen Briefen findet, finden's die anderen, die nach solchem Unglücksfall in ein Haus kommen . . . Lolina, du mußt die Briefe verbrennen.«
Lola senkte klagend die Stirn.
Aber als das Opfer vollzogen war, ward ihr, inmitten des Schmerzes, fast heiter. Das letzte Sichtbare, den Fremden Greifbare war aufgelöst. In diesem täglich verbrannten Stück Papier, auf dem seine Hand gelegen hatte, ward täglich der Körper überwunden. Was blieb, war Geheimnis und Seele. Von einem Entrückten wußte Lola Worte, die seine Stimme nicht gesprochen hatte, und die kein Auge erspähen konnte. Wieder floß eine Geisterwelt lautlos durch die wirkliche. Im Park der Cascine kreuzten sich die Wagen, immer dieselben, immer der Vitali, zwischen seine zwei Damen eingeklemmt, zwei im Vorüberjagen aufwehende, leichtfarbige Gebilde aus Federn und Spitzen; immer die reichgewordenen Ladenbesitzer mit ihren dicken Frauen auf ihren Karren und die jungen Leute auf den ihren, mit ihren Kokotten; immer in den stattlichsten Karrossen ein safrangelbes Gesicht, böse aus Pelz heraus. Und immer Lola, dunkel gegen den perlgrauen steilen Fonds, den leidenden Glanz des Blickes unbeteiligt vor sich hin, auf die Rücken ihrer schwarzen Livreen. Nie mischte ihr Blick sich in das Durcheinander der Fußgänger. Der eine, wußte sie, war nicht darunter. Unter alten Bäumen, in einem verlassenen Gartenhause am Ende des ödesten der bröckelnden Plätze dort überm Fluß: in einer Welt, zu der kein Steg führte, die Lola nie betreten würde und aus der sie dennoch ihren Atem herleitete, weilte er und wußte von ihr. Nun hinter seinen Bäumen die Sonne zerfloß, erblickte sie ihn auf seiner Schwelle. Sein Kopf, die breiten Schläfen vorgeneigt, sank tiefer in die Hand, die ihn hielt. Sein Körper erschlaffte: sein Blick schwamm am Boden. Aber da zitterte über der Spitze der Zypresse der erste Stern; blaue Pfade entlang tänzelten Mondfüße; -- und er hob die Augen, und in weißem Mondlicht zeigten sie ihr Bild. Er sah in Lolas Gesicht und sagte: »Auch du? Leidest auch du?« -- »Ich leide; aber ich bin stolz darauf. Schreibe mir nicht mehr, du Lieber! Ich will dir nicht mehr schreiben; will nicht mehr die Hand auf ein Stück Papier legen, das du küssen kannst, und deine Schriftzüge nicht mehr an Augen und Lippen führen. Es ist zu viel, es ist Sünde. War nicht reiner, unser würdiger, jener geisterhafte Sommer, als wir, die Seelen voll voneinander, uns sogar der Hoffnung auf ein Zeichen enthielten?«
Musik schreckte sie auf. Auf dem runden Platz hielten alle Wagen. Junge Leute traten an ihren Schlag.
»Contessa, man sieht Sie wenig. Wieder die Nerven? Sonderbar, daß Sie unser Klima nicht vertragen . . . Aber Sie wissen doch, daß Ihr Gatte dem Brocca hunderttausend Franken abgewonnen hat? Gestern nacht. Und dem alten Geizhals geschieht recht. Jetzt ist's an ihm, die Taschen aufzuknöpfen. Vor kaum acht Tagen hat er Ihren Gatten wegen lumpiger Fünftausend auf offener Straße bedrängt. Er soll unhöfliche Ausdrücke gebraucht haben, -- und Pardi sah die Damen Vitali kommen. Ein Glück, daß er Geistesgegenwart hat, Ihr Gatte. Wenn der Alte schrie: >Das ist nicht ehrenhaft!< fragte Pardi: >Sagten Sie ihm?< >Spielschulden zahlt man oder man wird ausgestoßen.< >Sagten Sie ihm?< So haben die Damen geglaubt, man spreche von einem dritten. Ah! Ihr Gatte, Contessa: der erste Herr von Florenz!«
Sie fingen an, ihr Winke zu geben. Solange sie Valdomini bevorzugt glaubten, hatten sie Pardi geschont. Jetzt, da wieder jeder sich Hoffnungen machte, gaben sie ihr zu verstehen, daß sie einen Liebhaber brauchen, ihn bald schon wegen ihrer Modistin und ihres Blumenhändlers brauchen werde. Lola erfuhr von jedem Pachthof, den Pardi verkaufte. Sie ward darüber aufgeklärt, daß das Schloß San Gregorio, als sie den vorigen Sommer darin gewohnt habe, nicht mehr Eigentum ihres Mannes gewesen sei; er habe es ihr gemietet; -- und sie mußte es glauben, wenn sie sich die Vorbereitungen zurückrief, die er damals nötig gehabt hatte. Sein Untergang kündigte sich ihr manchmal greifbar an. Eines Abends fehlte, als sie ihn bestellte, ihr Wagen. Er sei zerbrochen. Tags darauf erschien der junge Vitali und pries sich glücklich, ihr den Wagen zurückzubringen; Pardi habe ihn verloren und wiedergewonnen.
Ein Augenblick völligen Geldmangels. Aber wäre sein Spiel selbst immer glücklich gewesen: gleich hinter ihm stand die Sarrida und verlangte mehr. Man hatte dafür gesorgt, daß Lola auch sie sehe. Auf der Bühne der Alhambra, unter dem Licht tausend begehrlicher Augen wendete das götterähnliche Tier sein nur mit Juwelen bekleidetes Fleisch langsam hin und her, gab ihm alle Stellungen der Wollust, zeigte es Begierde dünstend, wie eine Himmlische, die zu den Männern der Erde herabsteigt, und Sattheit atmend, wie eine lagernde Kuh. Abseits saß Pardi; seine drohenden Augen beherrschten die Sarrida und den Saal. Diese Juwelen hatte er zu beschaffen, dies Fleisch zu bewachen. Lola hörte, daß er Duelle habe und Wucherern zufalle. Man sprach von seiner Prügelei mit einem Amerikaner, in der Wohnung der Sarrida. Lola war, sah sie ihn bleich von wütendem Gram, versucht, an ihn hinzutreten und ihm zu sagen, sie wisse wohl, er liebe die Sarrida nicht mehr als jede andere: aber sein Ehrgeiz und seine Phantasie hielten ihn besessen, zwängen ihn, sich zu behaupten gegen Jüngere und Reichere, legten ihm wieder einmal ein sinnloses, verkommenes Heldentum auf. »Sei sicher,« hätte sie gern gesagt, »von allen bin noch ich es, die dich am besten zu würdigen weiß.« Von der Höhe ihres entfleischten, hoffnungslosen Leidens bemitleidete sie sein einfach sinnliches, das ein hoher Haufen Metall hätte stillen können. Sie verhandelte mit den Gläubigern, die hereindrängten, half an den lautesten Forderungen mit ihrem Gelde vorbei, suchte aus der Wildnis von Zetteln auf seinem Schreibtisch seine Lage zu verstehen.
Paolo schickte etwas; und sie betrat Pardis Arbeitszimmer, hob eine handvoll Papiere auf und mischte einige Banknoten darunter: er würde vielleicht glauben, sie hier vergessen zu haben. Da blieb ein Blatt ihr zwischen den Fingern, ein Brief -- mit einer Schrift, die sie im Leben drei oder vier Mal gesehen hatte und doch in jedem Zuge kannte: Mais Schrift. Am Schluß die Adresse eines Hotels in Genua. Lola hatte von Mai seit ihrer Abreise nach Amerika keine Zeile bekommen; und was hatte sie Pardi zu schreiben gehabt? Die vierte Seite enthielt Danksagungen für ein empfangenes Glück. Für welches? Dann Lolas Namen.
»Sei gut mit ihr, so werde ich nicht bereuen, was ich für dich getan habe!«
»Und sie nennt ihn du?«
Lola wandte den Bogen; oben trug er: »Mein Geliebter!«
Alles in ihr stand still. Sie war vor sich selbst erschrocken, vor der, deren Geist die beiden Worte wiederholt hatte. Zögernd weiter: -- sie warf den Brief hin und sagte laut:
»Er war ihr Geliebter.«
Sie fiel auf einen Stuhl und hielt sich die Ohren zu.
»Ich will es nicht glauben! Es ist nicht wahr; ich bin krankhaft mißtrauisch!«
Aber da lag der Brief. Mai schwur ihrem Geliebten, daß von diesem einzigen, so kurzen Glück den ganzen Rest ihres Lebens ihr Herz sich nähren sollte. Und plötzlich warf Lola die Arme in die Luft, haltlos, zwischen Abgründen, mit einem Schauder vor dem Schicksal, das stumm gewesen war und auf einmal mit verfaultem Atem ein scheußliches Wort ausstieß.
»Sie hat mich verkauft: schlimmer, sie hat mich mit in den Kauf gegeben, bei dem sie ihn bekam! Er wollte uns beide! Ich wußte das und war so blind? Immer noch gibt es Schleier wegzuziehen? Mein Gott! was wird noch kommen . . . Bin ich denn ganz anders als alle? Auf den Gedanken, der der erste jeder Frau wäre, verfalle ich nie . . . Und sie hat mir, nun sehe ich's, den Verdacht fast aufgedrängt: gleich vor meiner Hochzeit, als sie ein letztes Mal um ihn kämpfte. Wie hat sie mich gehaßt! Als sie verlangte, ich solle ihn lassen! Natürlich: ihren Geliebten! Eine Mutter ist das, eine Mutter!«
Neuaufwallend:
»Und ich hätte ihn ihr lassen können! Ein Wort von ihr, und alles war unnötig, alles seither Erlittene! Das Glück wäre möglich gewesen. Ja, ganz frei lag es da!«
Sie drückte die Fäuste vor die Augen und schluchzte aus Zorn.
»Ich wäre entronnen. Ein kurzer, verächtlicher Schmerz, und es war hinter mir. Alles Elend umsonst, eine gräßliche Posse. Da: sie dankt ihm auch dafür, daß er sie auf ihrer Bootfahrt geliebt hat, obwohl sie so krank war. Man liebt und erbricht sich, durcheinander. Um solches Lebens willen sitze ich hier.«
Wild sprang sie auf.
»Nein! Nicht länger. Zu lange war ich schwach. Auch ich will endlich rücksichtslos glücklich sein. Dahinten ist Arnold, den ich liebe. Ich weiß das Haus und den Weg, kenne sein Herz und meins, -- und was dazwischen stand, ist alles gesprengt. Ich erkenne nichts mehr an, will nichts mehr wissen. Ich gehöre wieder mir und gebe mich ihm. Ich will zu ihm!«
* * * * *
Der Weg war weit; sie schwankte vor Erschöpfung und dachte doch nicht daran, in einen der vorüberfahrenden Wagen zu steigen. Die Häuserreihen ringelten sich fahl dahin im erlöschenden Blau. Alles hastete bestürzt durcheinander, und man kam nicht weiter, wie in einem Traum. Die Welt war in Verwirrung und suchte einen Retter. »Zu ihm, der handeln wird, handeln und mich retten wird!« Sie erkannte die Straßen nicht wieder, fragte einen Menschen -- sein Gesicht deuchte ihr unheilvoll -- und hörte sich sprechen, wie eine andere. »Ich bin krank,« dachte sie deutlich; »ich weiß es wohl. Aber was kommt darauf an. Vorwärts!«
Über der Mauer schwebten Baumkronen: die Kronen seiner Bäume. Das Tor erwartete sie, unverschlossen. Er saß dorthinten, vor der Schwelle seines niedrigen Hauses, die Schläfe in der Hand, zu Boden sinnend. Dies alles gab es nicht nur in ihren Gesichten? Die Sonne schmolz hinter jenen Zypressen, wie in alten, süßen Erinnerungen. In Lolas Kopf klopfte es wirr und heiß. Bemooste Gartengötter streiften sie, den Gang entlang, mit schiefen Blicken »Seht nur zu!« -- und sie schlug den Mantel zurück, als würfe sie alles von sich und böte sich ihm. Der Kies spritzte von ihren gehetzten Füßen. Arnold sah auf, bewegte eine ungläubige Hand und erstarrte. Sie lag vor ihm.
»Es ist aus. Wir sind frei. Ich bin dein. O ja, nimm mich nur in deine Arme, frage mich nur! Du sollst alles wissen, du bist der, den ich habe. Einen Menschen muß man doch haben, einen. Ich war immer allein. Ich weiß noch, wie mein Vater mich in dem fremden Garten zurückließ. Keinen verstand ich. Nie habe ich eine Sprache ganz erlernt. Die Mädchen dort beschimpften mich einst, weil ich nirgends hingehörte. Als ich groß war, hielt man mich für eine Abenteurerin. Und behandelte mich wie eine.
Fremde in allen Ländern, Feinde. Weißt du, daß sie hier mich kaufen wollen, mich zu ihrer Dirne machen wollen? Kein Volk, dem ich zugehöre, keine Sprache, die mich ganz ausdrückt, -- und kein Mensch, an dessen Herzen ich daheim bin? Du! O, du!«
»Meine Lola. Meine liebe kleine Lola.«
»Sag mir das! Sag es mir oft. Ich habe es so lange entbehrt. Ich bin schlimm daran. Du weißt nicht: hier ist's so still, aber draußen geht alles drunter und drüber. Du mußt mich retten.«
»Meine arme Lola, du fieberst.«
»Es ist möglich, ich verliere den Kopf. Aber bedenke, was sie mir getan haben, und daß meine Mutter seine Geliebte war. Ja: seine, meines Mannes. Ist das nicht mehr, als alles was ich zu tragen verpflichtet war. Soll ich so viel Buße zahlen? O! ich ersticke. Es soll endlich aus sein. Hörst du? ich will, daß es aus sei!«
»Gib mir deine Hände, lege den Kopf hierher, an meine Schulter. Halte still, höre zu. Ich habe dich so lieb, daß ich wollte, an deinem Leid stürben wir augenblicklich, alle beide. Wir sind arm, und ich denke schon längst an den Tod mit dir, als an das Beste. Vielleicht, daß wir nachher uns haben würden?«
»Sterben? Ja, mag sein, daß es das war, was ich wollte. Ich wußte nicht . . . Gib vorher deinen Mund!«
. . . da schrak sie aus der Umarmung.
»Nein! Nicht das. Ich kann es nicht.«
»Wenn du mich liebst? Ich weiß nicht, wie es kam, -- aber liebst du mich dafür denn nicht genug?«
»Sei nicht traurig! Ich schwöre dir --«
»Du liebst mich also nicht genug. Ich wußte es.«
Ganz voneinander gelöst, standen sie da. Lola führte die Hand zwischen die Augen. »Warum kann ich es nicht? Warum bereue ich fast, daß ich ihn liebe? Was erwartete ich denn anderes von ihm! Sollte er mich fortreißen aus den Feinden und um sich schlagen? Heldentaten? -- ich bin kindisch. Ein Held ist der andere, ich kenne den Helden. Dieser ist ein Mensch -- und zu fein, zu sehr mir gleich, um es mit dem Leben aufzunehmen, das lügt und vergewaltigt. Bei ihm ruhen. Nur ruhen. Den Hals nicht wenden; nicht zurückdenken.«
»Kannst du mich nicht so lieben? So? Ohne das andere?«
Und sie lehnte sich an ihn, ohne die Arme zu erheben.
»Ich werde trotzdem nur dir gehören. Wir werden uns immer sehen, ich verspreche es dir. Gern will ich mein Leben wagen, für wenige Minuten mit dir! Aber das andere -- siehst du, wir könnens nicht. Auch dir wäre gleich wieder eingefallen, daß wir's nicht können. Lügen und betrügen: wir! Lieber das Schlimmste erleiden. Im Grunde, was ist geschehen. Er und meine Mutter sind wie alle. Auch das hab' ich verschuldet und muß es tragen. Warum verlor ich mich? . . . Siehst du, nun senkst du die Stirn und siehst wieder alles ein. Du bist gut, du bist mein Trost. Alle Not will ich vergessen, wenn ich bei dir bin. Versprichst du, daß dir das genügen wird?«
Er hob ihre Hand an seine Lippen. Sie standen lange im Dunkeln. Mehrmals, nach verträumten Pausen, fragte Lola:
»Wirst du mich immer lieben?«
Und er hob ihre Hand an seine Lippen.
Ganz erwachend, unter einem Seufzer, sagte sie:
»Ja, es ist schön. Aber --«
Mit einer kleinen gefrorenen Stimme, an deren Decke ein leiser Spott pochte:
»-- wir werden uns nie gehören!«
IV
Sehr früh war Claudia bei ihr.
»Schon in vollem Anzug und unterwegs?« fragte Lola. Es sei solch schöner Morgen, sie habe ihr Veilchen bringen wollen; -- aber Claudia schien besorgt. Endlich, ganz leise, erschloß sie sich. Im Vorbeigehen habe sie Pardis Zimmer weitoffen gesehen. Die Schiebfächer seien herausgezogen. Vieles liege am Boden, wie nach einer Abreise. Lola war erstaunt.
»Vielleicht ist er wirklich fort?« fragte Claudia, und ihr Blick bat um Nachsicht.
»Wir stehen uns grade sehr schlecht, er und ich: drum hat er mir wohl nichts gesagt. Solltest du nicht mehr wissen als ich, Claudia?«
Claudia errötete. Allerdings hatte sie den aufräumenden Diener gefragt. Er konnte keine Auskunft geben, -- das heißt, ja --. Ihr Mund zuckte. »Er ist fort. Und ich wußte es schon! Mit der Sarrida ist er fort.«
Lola dachte: »Welch Glück!«
Claudia sprach starr weiter. Er begleitete die Sarrida und hatte acht Fechter mit, acht Händelsucher wie er selbst, um der Sarrida Erfolg zu erzwingen. Denn die eintönige Ausstellung ihres Fleisches langweilte vom dritten Abend ab.
Befremdet fühlte Lola eine Regung von Eifersucht: o, nicht auf Pardis Liebe, aber vielleicht auf die acht Fechter, mit denen er seine Geliebte beschützte? Hier ward gehandelt. Man schickte sich nicht in etwas, das bestimmt schien; man verzichtete nicht: man handelte.
»Woran denkst du?« fragte Claudia.
»Daß wir dann nach Monte Turno könnten: du, Arnold, ich. Da du schon unterwegs bist: willst du mit Guidacci sprechen?«
Mittags trafen sich alle bei der Trambahn nach Prato. Der kleine Priester frohlockte; er faßte das schöne Wetter als persönlichen Erfolg auf.
»Jetzt werden Sie mein Landhäuschen sehen!« wiederholte er.
Dem groben, schwermütigen Gesicht Pierinas standen die Veilchen. Lola steckte sie ihr an; Arnold hatte welche für Claudia. Alle lachten aufgeregt durcheinander, man wußte nicht warum: weil es in den Frühling hinausging, weil die Frauen bunte Schleier und Blumen trugen, weil man sich abenteuerlich frei fühlte, in der schmutzigen, lärmenden kleinen Dampfbahn durch das weite, sonnig durchwogte Land hin. Es war braun; die Glockentürme mit dem Umriß alter Zeiten, alten seltsamen Menschensinnes, sanken grau darin ein; rosig und weiß überspülten es Obstblüten; und der Himmel öffnete sich immer weiter, immer mächtiger, bereit, einen Hineinstarrenden zu verschlingen.
Lola stand allein auf der Plattform und sah in den Himmel. Arnold trat neben sie. Nach einer Weile zeigte sie ihm die Pappeln, die zurückblieben.
»Wie sie fein und durchblaut sind! Hören Sie's nicht, als ob sie sängen? . . . Auf der Großen Insel, bei meinen Großeltern waren welche. Es ist mein Lieblingsbaum.«
Guidacci kam heraus. Sie sprachen beide so herzlich zu ihm, daß er sie ganz beglückt ansah.
Es ward heiß. An den Halteplätzen holten Arnold und Guidacci Erfrischungen unter den Zeltdächern der Cafés hervor, aus den schwarzgelben Reihen der Bauern mit kühn zerdrückten Hüten. Die Kutscher burlesker Landwagen spaßten und knallten. Wild schnaubend riß einen die Lokomotive -- noch warf ein Mädchen eine Rose nach -- aus dem sonnigen kleinen Haufen Leben.
Und man bestaunte in Prato, wie ein Kind, die Kanzel am Dom, mit dem geheimen Wunsch, da hinaufzuklettern, zu spielen. Und man atmete, im Stellwagen, die Luft vom Gebirge, erstieg Hügel, die sich, weinlaubüberzogen, um helle Häuser schmiegten, verlor sich in Laub, Quellenfrische, Duft verjüngter Erde . . . Das letzte Stück Weges ging's steil. Guidacci lief es, die Soutane gerafft, zu Fuß hinauf. Wie sie oben abstiegen, sprang aus einer Pforte ein gelbes, mageres Männchen in einer Pumphose, fuchtelnd aus seiner zu weiten Jacke. Man bewunderte den Priester; Claudia tat es nicht ohne Bedenken. Er wollte ihnen seinen Garten zeigen; nein, das Haus; nein, vor allem sollten sie seinen Wein kosten: er wußte selbst nicht, was er am wenigsten erwarten konnte. Und er erklärte, daß er in zwei Jahren, vielleicht in einem, sich hierher zurückziehen, seine Rosen pflegen und seinen Wein keltern wolle. Er sagte es stolz, als vermesse er sich einer Heldentat.
»Das Alleinsein fürchte ich nicht,« -- und er tat, mit gespreizten Fingern, einen entschlossenen Streich durch die Luft. »Übrigens habe ich hier meinen alten Lehrer. Sie müssen ihn sehen.«
Er führte sie um das Dorf und durch den verwilderten Pfarrgarten in die Sakristei der Kirche. Ein großer, gebückter Greis empfing sie. Das Chorhemd, das er eben ablegen wollte, ließ er auf die Schultern zurückgleiten, lud mit einer weichen Bewegung die Damen in das altersschwarze Wandgestühl und begann sogleich, als habe er sie erwartet, mit ihrer Unterhaltung.
»Hier vernehmen Sie mehr, als in Guidaccis Hause, vom Geräusch unseres Festes.«
Ein Schuß, der Schrei eines Verkäufers drangen über den stillen Garten her.
»Es ist das jährliche Fest unseres Heiligen. Ich will Ihnen seine Geschichte erzählen.«
Er rief hinaus nach der Magd, die süßen Wein brachte. Guidacci verhieß eifersüchtig, sein eigener Vino Santo, den er ihnen vorsetzen werde, sei besser. O, der Alte höre nicht!
Der alte Priester erzählte, auf seine Knie gestützt, Sachlichkeit und Ruhe im langen, blutleeren Gesicht, seine Wunderlegende. Claudias Augen, sah Lola, erweiterte leidenschaftliche Sehnsucht. Die kleine Pierina sah mit schwermütigem Spott von einem zum anderen. Guidacci, unfähig, stillzuhalten, sagte zu Lola:
»Wie frisch er ist, nicht? Und er wird achtzig. Aber er hat auch seit fünfzig Jahren dies Dorf nicht verlassen.«
Lola traf die Augen Arnolds. Im Drang, wohlzutun, glücklich zu machen, antwortete sie Guidacci:
»Sie werden denselben Frieden finden: ich glaube es.«
Und sie betrachtete die dunkeln Möbel: wie viele Hände, die nacheinander gelebt und daran hingetastet hatten, mochten diese Ecken abgerundet haben! Die Türfüllung war ausgebuchtet, wie von den hundert Rücken vergangener Priester, die sich plaudernd hineingelehnt hatten. Der Frühlingswind eilte nur wie ein fremder junger Gast durch den alten Raum, unvermischt mit seiner eigenen Luft, dem stillen Greisenatem der Wände, der schwarzen Bilder, der Stoffe, die mit verjährtem Weihrauch gesättigt, auf den Schultern des Achtzigjährigen und in den leisen Schränken ruhten.
»Wir aber dürfen hinaus,« dachte Lola: »er und ich! Wie weit und hell es dahinten ist!«
Schon im Garten, sahen sie drinnen den Alten die kleine Pierina an der Hand halten. Er berührte ihr Ohr und seins.
»Nicht undankbar sein,« sagte er. »Das ist ein Glück. Wir beide hören nichts Böses, und fern davon, uns in uns selbst zu verschließen, wollen wir den Menschen viel Gutes sagen.«
Pierina kam mit betretener Miene heraus. Lola nahm sie zwischen sich und Arnold, und plötzlich fand sie ihr eine Menge zu sagen, fühlte sich bei einer Freundin, die Zeugin ihrer glücklichsten Augenblicke gewesen war und der sie sie dankte, wie Geschenke. Das Mädchen erhellte sich, vergaß zu beobachten, plauderte . . . Aber Lola bemerkte Claudias gequältes Gesicht. Sie zog sie fort.
»O, wenn ich jenem alten Priester beichten könnte!« sagte Claudia; und Lola:
»Beichte mir!«
Claudia erhob große, schuldige Augen zu ihr.
»Dir möchte ich zu Füßen fallen, Lolina,« sagte sie, leise und wild. »Wie! ich habe dir deinen Mann genommen: ich zuerst, -- und du magst mich noch ansehen, ohne mir ins Gesicht zu schlagen? Du hörst meine Stimme und erwürgst mich nicht? Ich begreife dich nicht, aber ich will dich lieben wie ein Hund!«
»Du hast mir nichts genommen, arme Claudia. Er machte mich nicht glücklich: er zog mich in Schmutz. Daß ich ihn, der mich mit allen betrügt, einst geliebt habe, demütigt mich.«