Part 27
Sie saßen zu beiden Seiten des Schreibtisches, eines geistlos geschnitzten Möbels mit vielen Frauenbildnissen darauf. Die Photographien warfen sich in einer Garbe die Wand hinan; unter dem Porträt des Papstes hing eine weit ausgeschnittene und lächelte, wie er. Hellgrüne, schmalblätterige Gerten stiegen aus Töpfen lustig durch den engen Raum; und zwischen ihnen am Boden lagen leere Strohflaschen übereinander gestürzt. »Ist es nicht ein reizendes Zimmer?« dachte Lola. »Darin sitzen nun wir beide, ganz allein. Die Sonne scheint herein. So ist es gekommen.« Sie sah nichts mehr; die Augen standen ihr voll Tränen. Rasch verließ sie den Stuhl und kehrte sich nach dem Fenster.
»Warum so stumm?« fragte sie, ohne ihr Lächeln ihm zuzuwenden.
»Contessa --« mit ungefälliger Stimme.
»Lassen Sie den albernen Titel!«
Sie sah ihn an. Auch er war aufgestanden; er verneigte sich und wich ihrem Blick aus.
»Ich bin froh, Sie unter Freunden, so glücklich zu finden.«
Sie schluckte angstvoll hinunter. Dann lächelte sie stärker. Natürlich! er glaubte ihr noch nicht. Zweifelmütig und unsicher war er, wie je. »Ich werde ihn zur Vernunft bringen müssen. Diesmal ist's meine Sache allein.«
Da kam die Kleine mit den Zeichnungen; dann Guidacci. Er entschuldigte sich inständig, zählte seine Beschäftigungen her, kehrte immer zu einer österreichischen Baronin zurück, die ihn Florenz erst kennen lehre. »Besser, als aus den Büchern.« »Ach ja,« -- und Lola fiel es auf, daß in diesem priesterlichen Arbeitszimmer kaum ein Buch lag. Guidacci schickte seine Schwester mit Aufträgen fort; er sprach mit ihr nicht lauter, sie mußte ihm auf den Mund sehen und verstehen. Dann holte er den Plan der Kirchenfassade hervor und, mitten in den Erklärungen, die alten Stoffe. Dazwischen: er war seit heute ganz gesund; er nahm Brom, und alles war gut.
»Etwas Wunderbares! Wenn ich's früher gekannt hätte!«
Man mußte die Stoffe über seinem Bett sehen.
»Warum lassen Sie keine Decke daraus machen?«
Das ging nun wieder nicht.
»Das Kleid, das ich trage --«
Und er führte seine Gäste in den Salon. Pierina hatte das Tischchen hergerichtet.
»Wie? Der Vino Santo! Ja, ich bereite ihn selbst, er ist von Monte Turno. Sie müssen mich dort besuchen, wir fahren eines Tages zusammen hin, alle vier. Versprechen Sie's mir? Beide?«
Da Lola das Gebäck mit erhobener Stimme lobte, lächelte er unzufrieden, und Lola verstand. Niemand hatte zu merken, daß Pierina nicht gut hörte. Es war ungesellig, taub zu sein, und darum schändete es fast . . . Und zwischen den weltlichen, hellblumigen Möbeln sprang die schlanke Soutane hin und her, öffnete ein Fenster, zeigte im grauen Hof den Rosenschleier, pries das Haus, seine Wärme im Winter, seine sommerliche Kühle, und trieb die Besucher durch die Räume. Aus einem sah man das schmale Gäßchen, aus dem nächsten in einen Mauerwinkel von San Lorenzo. Kellerig frisch lagen ein paar stille Zimmer am Rande des Rosenhofes. Sie waren zu vermieten: der Priester rühmte sie Arnold, der ihm recht gab. Wie so wohl diese klösterliche Ruhe tue, sagte er zu Lola. Sie empfand Eifersucht. Nicht dazu sollte er hergekommen sein! Sollte nicht im Bereich von Menschen wohnen, die ihn ihr nehmen würden! Sie lenkte ihn auf die kleinen, sonnenleeren Fenster, auf die Feuchtigkeit des Steinbodens; -- und sie lächelte für sich: jetzt fürchtete er Krankheit.
Guidacci hatte keine Zeit, enttäuscht zu sein; er tummelte sich zwischen den Rosen. Für Lola brach er einen Strauß, und steckte Arnold eine ins Knopfloch. Dann führte er sie in das Eßzimmer, vor seinen Heiligen, den Lorenzo des Donatello, aus der Sakristei seiner Kirche.
»Würde man glauben, daß es eine Kopie ist?«
Arnold neben Lola, standen sie vor dem Heiligen. Von seiner Truhe herab sah sein menschlich gefärbtes Gesicht, etwas höher als ihre beiden sie an. Es war schön: frei und mild, mit braunen Augen, die einen erkannten. Rosen an der Brust, waren sie vor ihn hingetreten; -- und würde nun nicht die Büste ihre verlorenen Arme, ihre Hände, die fest und gut sein mußten, aus dem Leeren heben, und sie segnen? . . . Lola ward zu Guidacci zurückgenötigt. Seine fiebrig lächelnden Augen hielten die Andacht keine Minute länger aus. Er hatte seine altjungferlichen Herrlichkeiten zu zeigen, seine Ansichtskarten, seine Sammlung künstlicher Blumen. Und immer spürte Lola, zwischen sich und Arnold, den schwermütig spottenden Blick Pierinas.
* * * * *
Als Lola aufbrach, reichte sie Arnold als letztem die Hand.
»Wie kommt es eigentlich, daß Sie mir, Ihrer ältesten Freundin, noch keinen Besuch gemacht haben? . . . Sie sind erst seit gestern da? Mag sein. Aber ich muß Ihnen doch mein Haus zeigen, mein Mann wird sich freuen. Übrigens -- wie viel ist die Uhr? In diesem Augenblick treffen wir ihn. Wenn Sie gleich mitkämen?«
Sie stiegen in den Wagen; ihr klopfte das Herz; die Minute vorher hatte sie nicht gewußt, daß sie so viel wagen werde.
»Was haben Sie seitdem getan?« fragte sie, kaum daß der Schlag geschlossen war, in Angst vor einem Schweigen. Er sagte mühsam:
»Ich bin gereist . . .«
Und plötzlich begann er zu erzählen, irgend etwas, als schlüge er ein Buch bei einer zufälligen Seite auf.
Sie kamen an.
»Mein Mann nicht zu Hause? Das wundert mich. Eine Stunde vor dem Essen ist er immer in seinem Zimmer zu finden.«
Seit jenem Auftritt aß er nicht mehr zu Hause. Lola war rot von ihrer Lüge. Wie Arnold noch immer in der Haltung eines Fremden durch die Zimmer mitging, empörte sie sich. »Er sollte doch fühlen, daß ich's hier sehr schwer gehabt habe! Denkt er nicht daran? Wozu ist er gekommen?« Sie hatte Lust, die Tür zum Schlafzimmer aufzureißen: »Aus dem Fenster dort wäre ich, zwei Nächte sind's her, fast hinausgesprungen: um deinetwillen!« Er begann wieder von dem großen Bildwerk, draußen am Hause. Sie mußte ruhig antworten, mußte ihm vom dieser Jungfrau, diesem Engel sprechen, als ob sie ihr nicht furchtbar gewesen wären, als habe sie unter der Botschaft, die jene brachten und empfingen, wie unter einer Drohung und einem Hohn, nicht bitter geweint. Sie fragte schroff:
»Wollen Sie hin, sie aus der Nähe sehen?«
In der raschen Dämmerung ging sie ihm voran, hinab in den Saal, öffnete die Fenstertür und blieb wortlos stehen. Er trat hinaus, kehrte zurück, sprach Abbrechendes, schwieg ganz und wendete ihr, mit einem Ruck, die Augen zu. Sie sahen sich in die verschlossenen Gesichter. Lola dachte: »Es war Irrtum; wir haben uns zu viel vorzuwerfen. Zu spät. Das Leben ist nicht anders . . . Sagte ich ihm das nicht schon einmal? Damals?«
»Auch von den Porträts sind manche sehenswert. Ich werde Licht bringen lassen.«
»Aber diese Beleuchtung ist sehr interessant, sehr eindrucksvoll. Noch den Kopf dort werde ich ansehen und dann gehen.«
Wieder fiel, wie in ihrer ersten Abendstunde bei diesen Bildern, von drüben der weiße Schein auf die Wand, und wieder sahen jenes vergangenen Knaben braune gewölbte Augen herüber, die sein Fleisch betrauerten. Die Stirn, die sanfte Wange neigten sich dem Schatten zu, als wollten sie sich ganz von ihm überziehen lassen. Lola war ihm einst begegnet, dort draußen, zwischen den Hügeln im letzten schwachen Glanz, auf Steinen. Er hatte sich ihr geneigt, die arm, häßlich und fremd war; hatte sich zu ihr gelegt . . . Sie senkte die Stirn. Ungesehen im Dunkeln errötete sie. Da stand er vor seinem Bilde, vor dem Bild seiner Seele! Noch stand er und gleich wendete er sich. Sie hatte ihn erträumt. Sie hatte von ihm die äußerste Freude erträumt: ein Kind. Das war geschehen: so sehr gehörte er ihr. Und er würde gehen, nichts wissen, wortlos sollte alles vorüber sein. Die Angst vor dem ewigen Dunkel packte sie. Sie erzwang sich Atem. Fast stimmlos:
»Ich bin nicht glücklich. Sie hatten recht, mir abzuraten.«
Er machte einen Schritt, hielt an.
»Ich fürchtete es,« sagte er gepreßt.
»Konnte ich anders? Vielleicht, ja. Ich bekenne; ich mußte die bessere Liebe wählen. Nun bin ich unrein geworden und büße.«
Sie beugte sich tief über sich selbst. Die Tränen brachen brennend aus. Er ließ sie in den Sessel nieder und stammelte, vor ihren Knien, Bitten um Verzeihung.
»Ich bin schuldig, daß wir uns versäumten. Ich mußte stärker sein. Wie Sie gelitten haben! Ich schmecke Ihre Tränen. Alles Eitle ist hinter mir. Ich war eitel: aber nun habe ich in mir nur Ihre Tränen. Was ich selbst litt, ist nichts mehr. Wie ich Ihre Tränen stillen kann, ist alles. Vertrauen Sie mir denn noch? Verachten mich nicht?«
»Verachten, Sie? Glauben Sie mir also meine Reue nicht? Wie soll ich sie Ihnen beweisen? Soll ich Ihnen die Hände küssen?«
Er entriß sie ihr und schlug sie vor sein Gesicht. Er neigte den Kopf, und sie neigte ihn; ihre Stirnen berührten sich zitternd; sie weinten.
. . . »Daß ich dich wiederhabe!« sagte sie, die Hände mit Leidenschaft um seine Schläfen. »Nur wissen will ich, daß du an mich denkst. In deiner Hut sein. Sage mir, ob du mich nie vergessen hast. O! du konntest es nicht. Du warst bei mir, ich fühlte es!«
»Ja. Denn ich bin gar nicht gereist, es waren Lügen. Die weite Welt, die Sie mir vorgezogen hatten, schien mir hassenswert. Sie waren meine letzte Enttäuschung, und meine tiefste. Das einzige Geschöpf, das meine Sprache verstanden hatte, verschmähte es, mir in ihr zu antworten. Ich war allein wie nie vorher. Die Einsamkeit war auszuschlürfen, wie ein eisiger Bergsee. So wollte ich's. Ich wollte nicht reisen, mich nicht zerstreuen. Ich hatte doch nur Wert, meinte ich, wenn ich bei mir blieb, den Schmerz und die Sehnsucht, die ich von Ihnen hatte, gesammelt ließ. Die feenhafte Pracht des einsamen Leidens, die Eisgrotten und Schneefelder, durch die Sie mich schickten, waren zu erproben, zu genießen. Sie sehen, daß ich eitel war. Mich ekelt's, gedenke ich dieser Selbstsucht. Ich war nur darauf aus, von Ihnen, vor der ich demütig gewesen war, den Nutzen großer Gefühle zu ziehen, und nun Sie zu demütigen vor meiner Seele. Ich dachte, mich an Ihnen zu rächen. Meine Kunstgebilde waren allzuoft Rache . . . Aber ich konnte nicht; was mich rettet, mich Ihrer Verzeihung würdig macht, ist nur dies: daß ich nicht konnte, weil ich Sie liebte. Denn ich liebe dich!«
Sie erriet diese Worte; er sprach sie mit versagender Stimme, bewegte den Kehlkopf, als sei er ausgetrocknet; und in seinen Augen stand Angst.
»Mit Ihnen zum erstenmal ward ich nicht fertig, ich habe aus Ihnen meine Sache, mein Werk nicht machen können. Sie erfüllten mich zu sehr und machten meine Hand zittern. Mein Blick ward verdunkelt von Ihrem Schatten. Sie waren in mir, faßten mein Herz an, und der Arm, der bilden sollte, sank mir. Ich konnte nur zu Ihnen sprechen, in meine Tiefe hinabsprechen, mit Ihnen kämpfen, Ihnen erliegen, Sie um Gnade bitten und endlich, gebrochen, mich Ihnen hingeben und Sie lieben. Dich nur lieben.«
»Und ich! Gerade so, gerade so habe ich dich in mir gefunden und habe zu dir gesprochen. Gefürchtet habe ich dich, einmal gehaßt. Und doch, ohne dich, der mir verzieh, mit seinem Hauch mich umgab, auf seinen Gedanken mich trug, wäre ich verdorben und untergegangen. Lieber! weißt du nicht, daß ich viele Monate allein mit dir gelebt habe? Du mußt es wissen.«
»Vielleicht war's die Zeit, da ich dir so viele Briefe schrieb. Schrieb ich sie? Oder erträumte sie nur mit wachen Augen?«
»Wie ich deine! So empfingst du sie doch! Hast mich nie verlassen! Wie ich dir danken muß! Was wäre ich jetzt ohne dich? Nie werde ich dir alles sagen können. Ich bin deiner nicht würdig.«
Sie neigte das Gesicht in die Hände. Hastig, mit Beben richtete er sie auf.
»Ich habe mich zu beugen, ich, und allen Stolz gutzumachen. Denn ich war stolz auf meine Einsamkeit, die doch nur Schwäche war. Nicht aus Stärke stehen wir allein, ohne über ein anderes Wesen unsere Hand auszustrecken. Jetzt bin ich gebrochen und dennoch erstarkt. Sehnsucht tat es. Ich bin dein. Mache aus mir, was du willst!«
Unter seinem zitternden Geflüster zog sie sich weiter in den Sessel zurück, machte sich steif und drückte die Lider zu, als erleide sie Gewalt. Sein Kopf sank auf ihre Knie.
. . . Aufschreckend trennten sie sich. Er tat ein paar Schritte, blieb stehen und sah umher.
»Seltsam!«
»Ist nicht das Damals seltsamer?« fragte Lola. »Damals, als wir uns trafen? Wie seltsam ist alles, was war! Die alten Bilder dort, bedenken Sie, waren Menschen, lebten und hatten eine Welt, die von uns nichts wußte. Und so wenig wußten wir, wußten die, die damals wir waren, von uns, von dem, was wir nun doch sind. Ist es zu glauben, wie blind, wie fremd uns selbst wir waren? O! die unwissende, die grauenhaft kindische Vergangenheit.«
Aufatmend:
»Sagen Sie mir noch einmal, daß ich Sie nie verlieren werde!«
Er kam und nahm ihre Hand. Lange hielten sie ganz still.
»Jetzt müssen Sie gehen,« sagte Lola, ohne sich zu bewegen.
Als er fort war, schloß sie die Augen. Ihre Hand fühlte noch immer seine. Sie lächelte furchtsam: »ist das möglich? war es wirklich?« und wünschte sich, nie mehr die Lider zu heben.
* * * * *
»Haben Sie gewußt, wie es mit mir stehe?« fragte Lola tags darauf. »Wußten Sie, daß ich Sie erwartete? O, ich wagte wohl nicht zu hoffen; -- aber daß ich Sie doch erwartete?«
Er wehrte ab.
»So stark fühlte ich mich nicht. Ich nahm nicht an, daß mir über Sie noch Macht zustände. Ich glaubte mich von Ihnen verurteilt und unterwarf mich. Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich niemandem zumute, mich sehr lange zu ertragen? Schon längst ertrage ich selbst mich bloß noch, weil ich muß. Und ich verstehe nur schwer, wie andere sich nicht satt, in Jahrzehnten nicht satt bekommen, wie sie sich herumführen, sich immer wieder den Leuten anbieten, ihre seelischen Gebärden immer wieder abspielen mögen vor Menschen, denen sie schon bekannt, von denen sie einmal durchschaut und erledigt sind. Was hatten Sie noch in mir zu entdecken?«
»Daß Sie mein sind,« sagte Lola.
Er atmete auf.
»Ja. Daß ich nicht mehr mir gehöre: nicht mehr diesem nie abgelösten Tyrannen, den man endlich nicht ohne Empörung sehen kann. In Qual und Kampf hat man ihm gedient, mit dieser Kunst, die Verherrlichung ist des Ichs; -- und nun, welche Erlösung wird man des Herren Herr. Er dankt ab; frei wählt man einen anderen. Man liebt.«
Von Scham verwirrt, sah sie zu Boden.
»Ich verdiene es nicht.«
»Aber Hoffnung?« -- und er lächelte erstaunt. »Hatten Sie mich nicht schwach gesehen? Und -- andere so viel stärker?«
Sie sah, mit ihrem hastig bittenden Blick, daß er errötet war. »Wie ich ihn liebe für diese Scham!«
»Ich glaubte, Sie hätten nun bei anderen die Heimat gefunden, die Sie suchten. Ohne die sinnlose Dringlichkeit Guidaccis hätte ich Sie schwerlich wieder gesehen.«
Sie erschrak.
»Sie konnten glauben, ich sei hier zu Hause? Sehen Sie mich doch an: sitze ich nicht wie in der Halle eines Hotels? Sitze ich nicht auf meinem Koffer? Sie wußten doch, daß --«
Auch sie hielt jenen Namen zurück.
»-- diese anderen mir innerlich nichts zu geben hatten.«
Den Kopf gesenkt:
»Nichts als Schande.«
Und aufgerichtet, blaß vor Zorn über sich, vor Drang, zu offenbaren, sich preiszugeben:
»Sich bei Menschen, die nur das Betastbare, nur Körper kennen, zur Sklavin, zu einer Sache zu machen --!«
Sie sahen sich in die Augen; Arnold zuerst schlug sie nieder.
»Und in Nachteil zu kommen gegen alle,« sagte Lola bitter, »weil alle weniger Gewissen haben. Mein Mann betrügt mich, aber kann ich's ihm erwidern? Ich wußte voraus, was ich tat, mein Trieb zu ihm war nicht blind wie seiner zu mir. Was diese hier nicht bindet, mich bindet es. Und ich habe den Sinnen ein für alle Male das Ihre gewährt; ich verachte sie. Mir ist oftmals, als verachtete ich das Glück selbst; als wünschte ich mir auch von Ihnen nur Leiden.«
Er sagte mit wankender Stimme:
»Sie sind krank; könnte ich Sie heilen!«
Sie schwiegen. Ein Glockenton sprang munter herbei; barsch holte ein anderer ihn ein; und singend und drohend stürmten viele durcheinander. In den englischen Gruß hinein sprach Lola, leise und klar:
»Wir wissen beide, nicht wahr, daß wir uns nie gehören werden.«
Das Getümmel der Klänge lichtete sich; der letzte ging dröhnend unter. Beide bleich, saßen Lola und Arnold, aus ihren Sesseln ein wenig vorgeneigt, in einer schneidenden Stille sich gegenüber.
Da, Lola zuckte leicht auf, stand im Türvorhang Pardi und sah ihnen zu. Er trat heraus, den Blick noch immer vom Spähen fest. Bei seinem Lächeln, sah Lola, hatte er die Zähne hart geschlossen; -- und dann sagte er, als bedächte er's nicht, und dennoch höhnisch:
»Ein alter Bekannter! Sie haben den Weg zu uns gefunden, mein Herr?«
»Und wie geht es meinem Freunde Gugigl? Ich bedaure noch immer, daß aus unserm Duell nichts geworden ist.«
Er lachte.
»Nächst ihm erinnere ich mich am liebsten eines schönen Mädchens im Dorf. Wie leicht man diese deutschen Weiber bekommt!«
Er klopfte Arnold aufs Knie.
»Sie müßten sehr ungeschickt sein, mein Lieber, wenn Sie jemals mit einer lange vergeblich beisammen säßen.«
Arnold stand auf; er verbeugte sich vor Lola, die starr dasaß.
»Sie gehen?« fragte Pardi. »Ich begleite Sie. Ich erzähle Ihnen eine ganz frische Skandalgeschichte. Der Leichnam des Liebhabers ist noch warm: Sie sind grade rechtzeitig zu uns gekommen . . .«
* * * * *
Bei Arnolds nächstem Besuch trat Pardi laut und rasch dazwischen.
»Hier sprach man von Napoleon? Ah! Napoleon, welch großer Mann!« Und die Hand am Kragen, der ihm zu eng ward: »Wäre diese Zeit nicht so klein!«
Arnold sagte prüfend:
»Ich bewundere den Kaiser nicht. Viel eher den General Bonaparte, da er, ein strenger Befreier, durch entzückt erwachende Länder stürmte. Damals krönte ihn ein Ideal. Später, als verfetteter Schauspieler der eigenen Größe, hatte er nur mehr sich selbst. Das ist wenig, sei das Ich noch so groß. Man muß den Helden hinter sich haben und verstehen, daß er wichtig erst durch Liebe wird.«
Arnold saß sinnend. Pardi überflog ihn mißtrauisch; dann legte er sich, die Hände in den Taschen, im Stuhl hintüber und summte zur Decke. Lola fand Arnold beleidigt durch des anderen Haltung, durch seine Gedanken; sie fühlte sich schambeschwert, weil beide vor ihr beisammen waren. Sie wagte Arnold nicht anzusehen; der andere war die greifbare Mahnung ihres Unwertes. Und alles, was in Arnold entstand, war Liebe! Seine Worte hatten nicht sich und sie gemeint: und doch war jedes gefärbt von seinem Gefühl. Pardi spürte es heraus; er ahnte sich dunkel gefährdet, fand nichts, worauf er die Hand hätte fallen lassen dürfen, und rächte sich durch kindische Unart. Er fing von Leuten an, die Arnold nicht kannte, griff zu Angelegenheiten des Hauses und verlangte eine Rechnung zu sehen. Wie Arnold ging, tat Pardi erstaunt, als habe er ihn längst fort geglaubt.
Mehrmals überwachte er ihr Zusammensein und zerstörte es. Lola vermutete, er habe Spione im Hause; sonst hätte er nicht so pünktlich da sein können. Sie sah ihn gähnen bei diesen Dingen, zu denen er keine Beziehungen hatte, sein Auge argwöhnisch aufschrecken, -- und dann mischte er sich plump ein. Er wurde fast plump in seiner falschen Rolle. Lola rief ihn sich zurück, wie er gewesen war, als er ihr glänzend schien, fand ihn nicht wieder und bemitleidete ihn: wie man ein Tier bemitleidet, weil es nicht weiß, wahllos, ohne Widerstand gegen sich selbst ist, unter seinem Blute leidet und keine Seele hat. Aber helfen konnte sie ihm nicht, konnte ihn nicht lehren, daß er für das, was sein war, ihren Körper, nichts zu fürchten hatte. Sie wandte ihm ein kaltes Gesicht zu: er mußte dulden, denn sie war ihm treu. Und sie ließ ihn unterbrechen, das Gespräch an sich reißen, ohne daß ihr Ungeduld kam. Es war genug, daß dort, gleich vor ihren Knien, Arnold saß. Er wußte von ihr! Ohne nur mit dem Blick sich zu berühren, waren sie tief ineinander versenkt, -- indes der andere sich abarbeitete, sie getrennt zu halten.
Eines Tages war er früher da als Arnold und verlangte, daß sie sich für ein Konzert fertig mache.
»Ich gehe nicht, ich erwarte Arnold.«
»Als ob das ein Grund wäre! Vielmehr ist's einer, auszugehen. Seine Besuche fangen an, aufzufallen. Du tust, als könntest du dir das gar nicht denken.«
»Bist du nicht der Mann, eine falsche Meinung zu beseitigen? So tapfer, und einer Meinung gegenüber feige? Denn du weißt, was ist, und daß ich ihn nur unter deinen Augen sehe.«
»Weiß ich's?«
Sie trat heftig vor.
»Wage nicht, diese Sache zu verdächtigen! Er ist zu gut, als daß ich ihn --«
Sie maß den Mann. Sie hatte sagen wollen: »-- als daß ich ihn dir zum Nachfolger geben möchte.«
»Du kannst das nicht verstehen,« sagte sie kühl; »aber sei ruhig: du darfst es sein.«
»Ich werde euch zeigen, wie ich ruhig bin!«
Er keuchte; seine niedergestoßene Faust zitterte. Auf einmal spaltete und krümmte sich sein Mund, vor Wut leidend, wie das Maul einer pfauchenden Katze; den Augen entwich die Besinnung; alles zu lange Verhaltene brach aus den plötzlich zerrissenen Zügen.
»Ich werde so ruhig sein, daß ich euch beiden den Hals umdrehe!«
Er nahm vom Tisch eine Tonfigur, schloß die Faust, -- und zu Boden rann Staub.
»Ah! Du hast geglaubt, das gehe mit mir? Sie hat es geglaubt! Ich bin dir nicht recht, du magst nicht mit mir schlafen: deine Sache, ich tröste mich. Aber wehe, nimmst du einen Liebhaber! Er ist einer; sage nicht, daß er's nicht werden soll! O, ich weiß, du bist eine verlogene Fremde. Eine Frau meiner Rasse würde wohl mir, aber nicht sich selbst vorlügen, daß dieser nicht ihr Liebhaber werden soll. Wenigstens wäre sie eine grade Dirne, und du bist eine krumme. Ich, ein Ehrenmann, verachte dich! Was nicht hindert, daß ich meinen guten Ruf verteidige und mit Euch beiden, treffe ich Euch das nächste Mal beisammen, ein Ende mache!«
Er war hinaus. Lola zitterte und wußte sich bleich. Er tötete sie und ihn! Sein Gesicht war furchtbar gewesen. Wie sollten sie ihm entgehen. Welche Worte konnten ihn beschwichtigen. Sie fühlte sich feige. Sterben? Jetzt, da Arnold gekommen war, sterben? Ihn nur wieder gefunden haben, um ihn und das Leben zu verlieren? »Ich kann nicht! Ich kann nicht ein Leben lassen, in dem er ist! Hin zu ihm! Fliehen!«
»Vergesse ich? Ich bin gebunden. Es wäre vergeblich, zu fliehen; ich würde nicht ertragen, feige gewesen zu sein und verraten zu haben. Und ich habe kein Recht, keins. Er, der uns töten will, hat Rechte: ich nicht. Es ist nicht genug, daß ich treu bin; ich darf ihm nicht den Verdacht auferlegen, ich sei schuldig. Nicht einmal fälschlich darf ich ihn entehren. Ich muß leben, wie die unreine Beschränktheit um mich her es will; denn ich habe mich ihr verkauft für Lüste; und ich darf Arnold nicht wiedersehen.«
Sie rang.
»Aber ich leide tödlich. Arnold wird mir nicht glauben, wird mich für falsch und wankelmütig halten und mich verachten. Ich selbst soll mich ihm verleumden? Das ist mehr, als jener von mir fordern darf. Ich nehme ihm einen Ruf, den er nicht verdient; er aber nimmt mir das Leben, wenn er mir Arnold nimmt!«
Aber sie wußte, unerbittlich:
»Ich darf ihn nicht wiedersehen.«
* * * * *
Sie schrieb es ihm; -- und unfähig, den Tag zu sehen, in den er nicht treten sollte, schluchzte sie in ihrem verdunkelten Zimmer. Angst, lebendig begraben zu sein, erstickte sie.
»Und ich hielt es für ein Glück, als er kam! Hierher führte das Glück! Wäre er nicht gekommen ich wäre gesunken, hätte vergessen und litte nicht mehr. Wäre er nicht gekommen!«
Claudia war da und ließ sich nicht abweisen. Sie sah hinter alle Türen; dann leise, und wichtig:
»Ich habe einen Brief.«
Lola stieg steif im Bett auf.
»Du scherzest? Tue es nicht!«
»Lolina! Kleine! Sieh her!«
Die Hand, die Lola hinstreckte, griff daneben; beim Lesen mußte sie die Zähne zusammenbeißen, damit sie nicht klapperten. Plötzlich ließ sie sich, aufseufzend, zurückfallen.
»Du lächelst wie ein kleines Mädchen,« sagte Claudia. »Er liebt dich wohl sehr?«
»O, sehr.«
Die Augen geschlossen: