Part 26
»Noch einmal gerettet, noch einmal! Auf wie lange? Und ich glaubte mich geheilt! Ich kann mich also nicht auf mich verlassen? In allem lauert, unmerklich, die Verführung, in den Landschaften, in den Bildern, den Tönen: Alles ist geschaffen, mich schwach zu machen, mich zu erniedrigen; in allem ist der Mann, der mich erniedrigt. Die Luft selbst, diese Luft verdirbt mich. Ich habe nicht das Recht, sie zu atmen. Hätte ich vorhin mich fallen gelassen! Er, dem ich mich schulde, würde mir dann verzeihen können. Jetzt darf ich nicht zu ihm sprechen, ihm nie wieder das Gesicht zuwenden. Er weiß nun, daß ich lüge! Meine Lust nach dem andern ist Diebstahl an ihm, an ihm! Ihm bin ich verantwortlich für meine Seele, und bald wird sie nicht Kraft genug mehr haben, ihn zu lieben. Immer neue Zusammenbrüche des Fleisches werden sie abnützen. In meinem Laster wird meine Vernunft erlöschen, und ich werde mich nicht mehr hinaussehnen können, mich nicht einmal mehr sehnen können.«
Sie fuhr auf.
»Das soll nicht geschehen. Ein Gedanke noch an den andern, und es geht da hinab!«
Sie lief zum Fenster, sie maß die Höhe der schwarzen Quadern. Ihr schwindelte schon wieder. Das Haus deuchte sie ein düsterer Riese, der sie auf loser Hand trug, bereit, die Hand umzukehren.
»Ich werde es nicht können. Ich bin feige. Zu viel Begehren macht auch feige.«
Im Umherirren, vor einem alten Schmuckkasten:
»Der? Vielleicht der!«
Und sie zog den winzigen Revolver hervor: ein galantes Geschenk von einst, ein Scherz, weil damals ein Landstreicher sie frech angeblickt hatte.
»Ich habe Begierden erregt und geteilt, wo ich vorbeikam, überall. Ich mag mich nicht mehr leben fühlen.«
Sie sank aufs Bett zurück. Lange blieb sie erschlafft. Dann, hastig an der Waffe fingernd, zu ihr flüsternd:
»Also ich schwör' dir's! Da liegst du und bewachst mich. Und den ersten niedrigen Gedanken sollst du mir -- hörst du's? -- aus der Stirn schießen!«
Sie warf den Revolver auf den Bettisch. Die eine der Kerzen verlosch, die andere flackerte. Lola sah an der Wand ihre Geste grotesk vergrößert.
»Bin ich ehrlich? Mein Gott, darf ich mir glauben? Wann bin ich denn ich selbst: jetzt, oder vorhin in der Loge? Kann solch Entzücken lügen? Mag sein, ich werde gequält um nichts; das Glück der Sinne wäre dennoch das wahre; und jener Abwesende, mein böses Gewissen, ist nur dazu eingesetzt, mich zu quälen. Dies zu wissen! Wissen, wohin ich gehöre! Ich liebe doch Pardi. Noch an dem Kreuz liebe ich ihn, an das der andere mich schlägt! Sich gehen lassen können, nachgeben können: wie leicht wäre das Leben! . . . Klopft er?«
Sie lauschte . . . Nein: sie hatte sich's nur gewünscht! Sie schlug die Hände vors Gesicht. Pardis Lippen erschienen ihr, rot hervorstehend aus seiner Blässe. Plötzlich redete sie Arnold an:
»Jetzt verlangst du wohl, daß ich mich töte? Ich tu's nicht. Ich hasse dich!«
Laut:
»Ich hasse dich!«
Von dem Schall erschrak sie, begann zu zittern, und Tränen kamen.
»Verzeih mir! Sieh, wie ich elend bin! Es waren die höchsten Freuden, als ich dich hatte.«
Und sie sah sich, einsam und doch mit ihm, dem Freund, in der reinen Ruhe des vorigen Sommers. Sie spürte beim Lesen seinen Atem auf der Schläfe und hielt ihm, bevor sie es wendete, das Blatt hin, damit auch er es beende. Unvermittelt trat in dieselben Räume der andere. Ihr Atem vermischte sich mit dem des andern, ihre Glieder verschränkten sich mit seinen. Sie atmete schwer; sie warf das Bild der Lust von ihrer Brust hinab, sie streckte die bittende Hand aus nach dem der Liebe.
»O! wärest du da. Rette mich! Komm!«
Es tagte, und sie schluchzte noch:
»Komm!«
III
Am Nachmittag erinnerte sie sich, daß Claudia empfange. Sie haßte Claudia nicht: fast war sie ihr ein Trost, die Gefährtin, die derselbe Mann schwach gemacht hatte und quälte. Sie fühlte sich von Claudia beneidet und mit schlechtem Gewissen geliebt. Sobald sie sie sahen, durchforschten Claudias Augen sie eifersüchtig. Dann hatte sie, in Gegenwart Fremder, diesen Ton, der um Harmlosigkeit bat; und kaum waren sie allein, ward sie fast demütig. »Arme Claudia! Als ob du vor mir dich niedrig fühlen müßtest. Vor mir!«
Wie Claudias Salon ihr geöffnet ward, schnellte dahinten vom Teetisch etwas Schwarzes, Gelbes Zappelndes auf sie zu.
»Ah! Guidacci.«
Der kleine Priester trat zwischen sie und die anderen, tanzte vor Freundlichkeit, zwang seine großen kranken Hundeaugen, an den ihren festzuhalten, -- indes seine nervigen Hände nicht wußten, ob sie ihre Hand drücken oder durch die Luft fahren sollten, sein gelenkiger Mund alle die engen gelben Falten seines Gesichtchens auf und niederriß und sein Atem, mit dem Geruch von Kellerluft, ihr ins Gesicht fuhr. Plötzlich:
»Wen habe ich Ihnen mitgebracht, Contessa?«
Und er machte ihr Platz. In diesem Augenblick bekam der Teetisch einen kopflosen Stoß, eine Tasse fiel über Claudia, die aufschrie, -- und Lola, die sich bleich werden fühlte, sah in ein Gesicht, das bleich war und zuckte. Sie fand keinen Atem, ein inneres Stammeln geschah: »Arnold, Arnold --«; und ihr Herz, mochte sie selbst ohne Regung stehen, beschrieb die weite, zitternde Gebärde des Armen, der nach langem Darben und Nöten des Todes an einer Straßenwendung auf seinen Wohltäter stößt. Sie dachte: »Nun ist alles gut. Jetzt weiß ich, warum ich solche Nacht bestehen mußte. Ich habe ihn gerufen, er ist gekommen. O! jetzt wird sich's leben lassen.« Ganz hingegeben war sie der Güte des Schicksals; ihr Leben flößte ihr, wie einen neuen Atem, unverletzliches Vertrauen ein; -- und wie sie wach gerufen ward, war's die eine Minute gewesen, in der Claudia sich das Kleid getrocknet hatte. Claudia umarmte sie.
»Das ist wohl eine angenehme Überraschung, Lolina?« -- flüsternd, mit zaghafter Andeutung, daß sie verstehe. Die Augen des Priesters lächelten fiebrig; er preßte die Mundwinkel und fand den Platz nicht für Lolas Stuhl. Sie suchte, in plötzlicher Hast, ihr Tuch hervor und machte sich über Claudias Kleid her.
»Er hat eine Tasse umgeworfen? Ja, ich erinnere mich, er warf immer Tassen um . . .«
Alle lachten, erlöst und gutherzig. Unvermutet fing Lola, als entschädigte sie ihn für das Gelächter, auf deutsch an:
»Und wo waren Sie seitdem? Haben Sie kürzlich meine Verwandten gesehn? Ich hatte einen Brief von Tini: sie ist jetzt Schauspielerin . . . Meine kleine Cousine wollte Diakonissin werden und ist jetzt Schauspielerin,« wiederholte sie den beiden anderen; und deutsch weiter: »Was für Schicksale eigentlich! Wer alles hätte voraussehen können!«
Claudia bemerkte, tief erstaunt:
»Ich verstehe kein Wort.«
»Sie auch nicht, Herr Guidacci? Aber Sie kommen doch aus Deutschland?«
Ja, Guidacci kam aus Deutschland. Ihm gefiel das Bier. Überhaupt das eigentümliche Leben der Länder dort oben. »Ah! reisen, etwas unternehmen. Er hatte London bei Nacht durchforscht.«
»Er kennt keine Furcht!« rief Claudia. »So allein!«
»Ich habe immer meinen Freund in der Tasche;« und er griff hin.
»Ich weiß,« sagte Lola, »Sie sind tapfer. In Prato,« erzählte sie Arnold, »vor zwei Jahren bei den Wahlen --«
Und, ein wenig leiser, auf deutsch:
»Sie wissen, in Prato sind viele Arbeiter. Herrn Guidaccis Besitzung liegt in der Nähe. Er hat sich einmal mit dem Revolver gegen den ganzen Haufen behauptet . . . Man spricht noch jetzt davon,« setzte sie hinzu und kehrte, mit einer keuschen Wendung, zur Sprache der anderen zurück. Der Blick des kleinen Priesters hatte, gespannt wie ein Hund bei der Fütterung, seinen Ruhm, Wort für Wort, von ihren Lippen geschnappt. Kaum schien sie fertig, zeigte er eine bescheidene Miene.
»Das ist nicht der Rede wert. Jeder gute Bürger kann jeden Tag in die Lage kommen. Da, noch gestern: bei San Lorenzo sehe ich einen Kutscher nach einem Kinde schlagen. Ich habe das Pferd zum Stehen gebracht, und der Mann wird bestraft werden.«
»Ein Pferd zum Stehen gebracht?« rief Claudia. »Er hat sich darangehängt, er ist geschleift worden, hat die Zähne zusammengebissen, und mit dem Schaum des Tieres ganz bedeckt, hat er gesiegt!«
Und mit ihren kleinen weichen Händen malte sie alles in die Luft.
»Was für ein Held Sie sind, Guidacci! Werden Sie Ihre Tat nicht in Ihre Zeitung bringen?«
Nein: in der Zeitung berichtete Guidacci nur über kirchliche Dinge; und es störte ihn nicht, wenn in einem anderen Teil des Blattes die Priester angegriffen wurden, übrigens hatte er, als jener rohe Kutscher daherkam, grade die Kirche San Lorenzo im Geist mit ihrer künftigen Fassade geschmückt. Er hatte die Sache in Händen, der Plan der Fassade war bei ihm zu Hause, man konnte ihn ansehen.
»Auch werde ich Ihnen sehr schöne alte Stoffe zeigen, die ich aufgetrieben habe.«
Er bestätigte Lolas Bemerkung: ja, in Tätigkeit war er immer; -- und er hatte die geplagten Finger um den Sitz: nur bereit zum Aufspringen! So viele fremde Freunde, denen er Florenz zu zeigen hatte!
»Mein lieber Freund Arnold zwar kennt es besser als ich selbst. Wie froh bin ich, daß er mich nach Italien begleitet hat. Er selbst schien, als ich ihn in Berlin wiedersah, traurig. Er werde Florenz nicht mehr betreten, sagte er; wer weiß, warum. Dann stellte sich heraus, daß ich wie er Ihre Freunde waren, Contessa . . . Ich hoffe, wir werden einmal alle zusammen bei Digerini die Musik anhören? Lieber würde ich Ihnen ein Theater vorschlagen, aber das Kleid, das ich trage, verbietet es mir. Auswärts bin ich frei; nur hier, wo man mich kennt --. Ah! von allem am schwersten entbehre ich das Theater.«
»Und die Frauen?« fragte Claudia begierig.
Der Priester hatte plötzlich ein tief stilles Gesicht. Aber die Finger, am Stuhl, wanden sich angstvoll.
»Den ganzen Tag ist er mit Frauen; die schönsten Fremden kennt er. Ich glaube ihm nicht, daß er das alles für nichts tut. Es wird wohl manches dahinter stecken. Ein Genie wie er, ist so tief. Nicht umsonst heißt er der galante Priester.«
Er hob nachsichtig die Hand. Dann, fest:
»Man muß verzichtet haben: und man ist fertig; alles ist gut.«
Claudia seufzte.
Lola sah ihn an.
»Sie sagen das, als ob es vom Willen abhinge.«
Der Priester antwortete mit Schultern, Händen und einem geduckten stummen Lachen, daß er nichts dafür könne, wenn die anderen sich nicht beherrschten. Er begreife sie; sich nehme er aus. Er verurteile sie nicht; einer wie er, habe zu leiden.
Lola verstand ihn. Heute war sie durch eigenes Leiden geschärft genug, in ihn einzudringen. Einfachen Wesen konnte er wie ein gequältes Genie aussehen. Aber er war nur einer, der sein Blut hatte unterdrücken, seine Rasse hatte verkehren müssen. Alle diese, deren Geschlecht allzu wach war, verlangten von ihm, daß er seins abtöte. Sie brauchten ihn zu ihrer Ergänzung und Rechtfertigung. Er sollte statt ihrer fasten und rein sein. Er war's; -- und da er vom Geschlecht nicht weniger erfüllt gewesen war als sie alle, war, was er erwarb, ein sehr leeres Glück. Er floh vor dem Alleinsein, vor dem Stumm- und Müßigsein. Er reiste zwecklos, brach Abenteuer vom Zaun, betäubte sich ohne Geschmack an den Mitteln: nur um sich leben zu fühlen, sich noch leben zu fühlen, nachdem das eine, größte geopfert war.
»Was ist's denn auch,« sagte er, »was ich opfere. Einmal habe ich einen Hund aufgezogen: es machte mir wahre Leidenschaft; aber ich wurde darum nicht zum Hundezüchter. Alle diese Tiere gleichen sich.«
Claudia lachte betroffen.
»Sie vergleichen uns Frauen den Hunden?«
Die Augen des Priesters funkelten, weil er sich rächte. Lola sagte schlicht:
»Sie vergessen, daß die Seelen sich nicht gleichen.«
Und er, überlegen:
»Die Seele sehnt sich fort und wird erst im Himmel ihre Flügel entfalten. Hier sind alle gleich. Der Leib ist ein Tyrann, der nicht nachgibt, der keine Konstitution gewährt und keinen Pakt eingeht. Jeder Mann will von Ihnen dasselbe.«
Lolas Blick verließ ruhig den Priester, ging zu Arnold und fragte ihn. Er wollte sprechen; aber Claudia murmelte stürmisch:
»Es ist zu wahr, es ist zu wahr.«
»Und darum,« fuhr der Priester fort, »hat die Kirche recht, daß sie keine Scheidung zuläßt. Mögen die Seelen sich scheiden; wer will sie hindern? Aber den Körpern darf nicht ihr Wille geschehen, sie müssen sich beugen. Damit das Fleisch demütig sei, darf es keine Scheidung geben.«
Claudia sagte und nickte schwer:
»Wir würden sie nicht verdienen, Reverendo.«
Erschüttert goß sie Tee ein. Wie sie Lola die Tasse gab, flüsterte sie ihr, mit erweiterten Augen, ins Gesicht:
»Er wird mich umbringen; er hat mir gesagt, daß er's tun wird. Aber er ist mein Mann.«
Guidacci fragte:
»Wollte nicht ihr Gatte, Contessa, sich zum Abgeordneten wählen lassen, vor zwei Jahren, als man meinte, uns drohe eine Ehescheidungsvorlage? Jetzt kommt sie sicher; und er sollte sich seiner edlen Absicht erinnern.«
Bei der Erwähnung Pardis sah Lola weg und errötete. Arnolds Blick machte ihr Scham; sie fühlte sich ihm bloßgestellt.
Arnold räusperte sich, er begann mit bedeckter Stimme:
»In Italien ist die Ehescheidung wohl wirklich nicht wünschenswert. Die Leidenschaft würde hier, trotz der Möglichkeit, sich zu scheiden, Verbrechen zeitigen; vielleicht mehr als vorher. Diese Frauen wären der unverhofften Freiheit möglicherweise nicht gewachsen . . .«
»Sie haben recht!« sagte Claudia stürmisch. »Schlecht würde es uns ergehen.«
Der Priester nickte wissend. Lola sagte, ernst lächelnd, zu Arnold:
»Auch Sie?«
Er verwirrte sich.
»Sie, Contessa, vertreten in diesen Fragen natürlich das Land Ihrer Erziehung und den Fortschritt Ihres Geschlechtes. Bedenken Sie nur, bitte, daß dem Fortschritt sein Weg von der Rasse gewiesen wird. Ein Teil der italienischen Frauen wird vielleicht, lange vor den deutschen, das politische Wahlrecht erlangt haben; und im Hause werden noch immer alle Odalisken sein.«
Claudia verwahrte sich. Nicht alles müsse die Frau erdulden. Führe der Mann eine Geliebte unter ihr Dach ein, dürfe sie's verlassen.
»Das ist doch viel, Lolina,« setzte sie hinzu, »daß wir das dürfen?«
»Zu viel,« erklärte spöttisch der Priester. Er konnte nicht länger stillhalten. Er schürzte sein enges Kleid, ließ sich vor dem Kamin nieder und blies hinein.
»Gleichviel,« meinte Arnold, »in dieser geselligen, vor allem öffentlich empfindenden Rasse bleibt die öffentliche Freiheit immer wichtiger als die private. Wir Deutschen reden uns, wenn wir an politischen Rechten ärmer sind, als irgend ein anderes Volk Europas, gern auf unsere innere Freiheit hinaus. Was tut's uns, daß wir in der rohen Welt der Erscheinungen Herren haben, da wir ja innerlich über alles hinaus sind und jeder für sich, im Kämmerlein, ein kleiner König, wohl gar ein großer, sind. Diese hier aber sind selten im Kämmerlein. Sie steigen auf die Plätze hinab, reden durcheinander, denken nur gemeinsam und durch Ansteckung und kennen, als rechte Jünglinge, die noch mit Vernunft und Auge leben, keinen Unterschied zwischen Gefühltem und Sichtbarem.«
Claudia sah, fassungslos, auf Lola.
»Wie diese Deutschen klug sind!«
Guidacci kehrte mit tränenden Augen vom Kamin zurück und wiegte, Kennerschaft heuchelnd, den Kopf.
»Denn sie sind Jünglinge,« wiederholte Arnold mit Liebe; »ewige Jünglinge.«
Lola lehnte sich zurück, sah irgendwohin, wo kein Blick den ihren kreuzen konnte, und lauschte seiner Stimme, die sich befreite.
»Geblüht haben sie ein für alle Male zur Zeit der Renaissance, als es galt, jung zu sein, für Freiheit, Schönheit und Liebe zu schwärmen. Darüber kamen sie nie hinaus. Nie konnten sie sich moralisch spalten und vertiefen. Von unserer neuen Kultur geht nur die Technik sie an, nicht das Sittliche. Skepsis erlernt sich nicht unter dem Hochdruck des Geschlechts. Sie macht Leidenschaft hart; und macht sie hochherzig und romantisch. Voll jugendlicher Widersprüche sind sie, die uns rühren. Sie, denen auf ein Leben so wenig ankommt, haben die Todesstrafe abgeschafft.«
»Spricht dieser Herr gegen uns?« fragte Claudia.
»Im Gegenteil,« sagte Lola, er gibt Euch so viel Gutes, daß ich's nicht verantworten könnte.
Guidacci erklärte:
»Diese Deutschen sind alle Philosophen und wissen stets zu beweisen, daß sie die ersten sind. Hat mir nicht in Berlin einer klargelegt, daß von jeher nur die Völker Erfolg gehabt haben, die tüchtig tranken?«
Und Arnold:
»Sie irren, mein Lieber: nicht uns wollte ich herausstreichen. Das Wünschenswerte ist, jung zu sein, und Ihr seid es. Ich habe Euch zu danken, denn der Aufenthalt unter Euch erleichtert und erfrischt mich. Und ich bin überzeugt, Euch steht die Aufgabe bevor, unsern übermüdeten Erdteil zu erleichtern und zu erfrischen. Er wird genug bekommen von Innerlichkeit und von Tiefe. Im Begriffe, am Geist zugrunde zu gehen, wird die Menschheit des Nordens sich erneuern müssen durch die des Südens: durch ihre gesündere Animalität, die sie vor den Verführungen und Lastern des Geistes bewahrt hat. Es ist nicht wahr, daß Ihr nur eine Blüte gehabt haben sollt. Ihr werdet nochmals blühen, sobald die Zeit Euch nochmals braucht. Und die Menschheit wird glücklicher sein, wenn ihr repräsentativer Typus wieder der Jüngling ist!«
Claudia gähnte. Sie entschuldigte sich.
»Es ist so heiß, daß man müde wird. Was haben Sie denn für einen Holzstoß errichtet, Reverendo? Bei dieser Frühlingsluft! Gleich zerstören Sie ihn!«
Guidacci schürzte schon wieder sein Kleid.
»Ich wollte nur zwei Scheite anzünden,« erklärte Claudia, »zum Anblick für meine Besucher. Nun scheinen wir heute allein zu bleiben.«
Aber da meldeten jugendliche Stimmen sich, und mit Botta an der Spitze, brachen vier junge Leute herein. Claudia erwachte und begann, mit der Kuchenschüssel von einem zum andern, zu zwitschern und kleine weiche Mienen zu rollen.
»Und Sie, Cipriani, wann malen Sie mich?«
Und aufs Fenster gestützt, nahm sie eine Pose ein. Im schief gelegten Köpfchen gab zum Gefunkel der Augen, die ihres eigenen Schmachtens spotteten, der große mürbe Mund kindischen neapolitanischen Singsang von sich, den Cipriani nachahmte. Seine fleischige Nase rückte dabei hin und her. Zwei leichte, ungeduldige Vögel hüpften und girrten, eine halbe Minute lang, auf demselben Zweig.
»Cipriani ist noch bei der Lippi,« sagte Botta; »er malt gern reiche Konditorsfrauen; das Bild wird dann süß und verschafft ihm Aufträge.«
»Ich bin nicht Landrini,« sagte Cipriani; und er machte den süßen, zitterigen Mund des alten Malers und seine gezierte Jünglingsmanier.
»Sie kennen ihn doch, Contessa? . . . Was er am besten malt? Sich selbst: aber in Natur . . . O, er war in London, hat alle Engländerinnen porträtiert und viel Geld mitgebracht.«
Botta schob ein, Landrini sei geizig. Er spare die Droschken und wische sich, bevor er ein Haus betrete, mit einem Lappen die Schuhe ab. »Neulich, bei Valdomini, kam ich mit zwei andern darüber zu, und, mein Wort, er war so gefällig, auch uns die Schuhe abzuwischen. Ich ermahnte ihn, er solle nur nicht drinnen statt seines Taschentuches den Lappen hervorziehen.«
»Und kennen Sie Musso?«
Lola erfuhr, Musso sei ein Eisenbahnbeamter mit Leidenschaft für Geselligkeit. Jeden Unbekannten fragte er nach der Adresse und gab noch am Abend seine Karte ab. Alle verschwanden, wenn er kam.
»Aber auch vor Ihnen, Herr Cipriani,« sagte Lola, »läuft man davon. Die Prinzipessa Dora hat mir erklärt, wo Sie seien, werde sie keine Gedichte mehr lesen.«
»Und seitdem werde ich zu jeder Gesellschaft geladen.«
»Merluzzo, lesen Sie uns Ihre neueste Novelle vor!« verlangte Claudia, hinterhältig. »Sie haben sie nicht da? Daß Sie auch nie Ihre Sachen bei sich haben!«
Cipriani raunte:
»Aber gleich wird seine Mama kommen und die Novelle zufällig bei sich haben.«
Guidacci fing von seinem Freunde an, dem Leutnant Cavà. Er schreibe trostlose Briefe aus Sizilien. Allmählich müsse er ganz verwildert sein, meinte Cipriani.
»Gewiß geht er mit einem langen Hirtenstab vor seinen Soldaten her.«
Lola spottete lustig mit. »Sie sind eigentlich sympathisch,« dachte sie. »Sobald man sich nicht dazu zu rechnen braucht . . .« Diese flüchtige kleine Menschheit umflatterte sie wie ein leichter, raschelnder Schleier. Dahinter war sie mit Arnold allein. »Seltsam,« dachte sie, »wir sitzen unter lauter Freunden, im Lärm, sehen einander nicht an, und uns ist so heimlich zu Sinn . . . Aber was ich jetzt fühle, kann doch nur sein Blick sein?« Rasch sah sie hin. Nein: er suchte unruhig und verlegen am Boden; er sann darauf, wie er fortkäme. Erschrocken schlug sie die Augen nieder. »Ich werde ihm vieles zu erklären haben!«
Guidacci nahm Abschied; Arnold schloß sich ihm hastig an. Claudia wollte Arnold nicht weglassen vor Herzlichkeit. Dann kam sie zu Lola; und als sie Lola umarmte, sagten ihr Auge, ihr ganzer Körper, wie demütig froh sie sei, daß sie Lolas Nachsicht vergelten dürfe. Sie drückte noch, ganz rasch und heimlich, Lolas Hand sich aufs Herz und auf den Mund. Wie Mund und Herz verschwiegen sein sollten!
Arnold stand vor Lola. Sie schluckte hinunter und brachte es nicht fertig, ihn zu sich zu bitten, in das Haus des andern . . . Unschlüssig ging sie mit Guidacci zur Tür.
»Ich werde Sie besuchen, wissen Sie, und mir den Plan der Fassade ansehen, und Ihre alten Stoffe. Wann paßt es Ihnen?«
»Zu jeder Stunde, Contessa, bei Tage und bei Nacht. Sie wissen, ich schlafe nicht.«
»Ach, Sie können nicht schlafen?« -- und weil sie dadurch Arnold noch hielt: damit er nicht ohne ein Zeichen, ein Wort der Hoffnung verschwinde, ließ sie sich ausführlich Guidaccis nervöse Erscheinungen berichten. Plötzlich:
»Ich habe nachgedacht. Um halb fünf bin ich morgen bei Ihnen.«
Schnell, mit einem vollen, ganzen offenen Blick, reichte sie Arnold die Hand.
»Nun weiß er, daß ich ihn liebe!«
* * * * *
Sie erstaunte, zu Hause und allein, wie sehr sie ihn liebte. Sie hatte das nicht gewußt. Ihre Liebe war wie ein Gebet gewesen zu einem Gott, an dessen Dasein man nicht fest glaubt. Die Wirklichkeit ihrer Liebe überwältigte sie. Arnold war gekommen! Ihr Rufen in der Nacht, ihr »Komm!« -- ein Wort nur in die Luft, ein qualgeborenes Wort in dunkle Luft: und er war gekommen; das Wunder war geschehen. Viel größer war's, als auf den ersten Blick! Welten mußten verlassen und gefunden werden, damit sie beide sich treffen konnten. Er kam aus solcher Weite, daß er wohl durch luftlosen Raum kam. »Wie ganz verloren war ich schon!« Und dennoch: da er nun da war, war's also bestimmt? War zuletzt ganz selbstverständlich? -- »und indes ich so vieles litt, in denselben Stunden, ward in ihm der Gedanke an mich immer größer, immer größer --, bis er kommen mußte? . . . Alles war gut? Die Qualen waren gut? Es ist zum Weinen und zum Lachen! Nein: zum Staunen . . . Und jetzt weiß er, daß ich ihn liebe. Und ich sitze hier in Sicherheit und Ruhe.«
* * * * *
An Guidaccis Tür war die kleine Pierina. Ihr Bruder müsse gleich kommen. Aber sie zögerte, sein Arbeitszimmer für Lola zu öffnen.
»Ein Herr ist drin.«
»Es tut nichts,« sagte Lola; und:
»Ah! Sie!«
Sie reichten sich die Hände und blieben einander gegenüber, ohne ein Wort. Lola fühlte, daß Pierinas schwermütig spöttischer Blick schon begriffen habe. Sie wandte sich zu ihr, um nach ihren neuesten Zeichnungen zu fragen, und sah in ein rasch verschlossenes Gesicht. Die schwarzen Brauen unter dem harten schwarzen Haarkamm zogen sich zusammen, finster und einsam; der schwere Mund stand fühllos etwas offen; in der grobkörnigen Haut sah eine kleine weiße Narbe aus wie die Verletzung eines Steines. Das Mädchen neigte fragend das Ohr hin. Endlich, beglückt, sich aufschließend: ihre Zeichnungen -- o ja! Und sie ging, sie zu holen.