Part 25
»Das war also mehr als Kinderei? Sie hat mich so sehr geliebt, daß sie lieber sterben, als mir mein Glück wegnehmen wollte? Als ich abreiste, lag sie krank im Bett: ich war selbst so verstört, daß es mich bloß flüchtig ergriff, daß ich darüber hinweggehen konnte. Und die Tage vorher: so fieberhaft und zerrissen war sie! Ihre Blicke, die darum rangen, mich nicht zu hassen! Wie sie sich gequält hat! Das konnte ich vergessen? Das konnte mir verschwimmen und seine Kraft verlieren?«
Lola richtete sich im Bett auf, als träte ein Unerwarteter ins Zimmer.
»Dann bin ich also blind und undankbar! Sie hat recht: ich verlange alles; ich wundere mich, daß ich nicht von Liebe umringt bin; und ich gebe nichts. Habe ich Erneste gegeben? Habe ich Pai gegeben? Mein Gott, also lieblos? Wirklich lieblos?«
Sie ließ sich sinken, drückte das Gesicht weg.
»Und ich habe doch so viel Liebe erträumt, für so viele! Als Kind war ich bereit, für Mai, für Erneste zu sterben. Ich ersehnte der Menschheit einen bessern Stern. Nur mir? Wer sagt das? Nicht auch jenem die Heimat suchenden Auswanderer, dessen Schicksal meinem glich, und allen, allen? Ich litt, noch voriges Jahr, mit jenen Bauern, denen mein Mann ihr Geld nahm. Auch Tini habe ich lieb gehabt, lieber als sie meint . . . Wen aber habe ich's je fühlen lassen? Wem ist wohler geworden durch mich? Ich bin eine Unfruchtbare! Mein Gefühl war nie mehr als selbstsüchtige Spielerei. Die wirklichen Menschen berührte ich damit nicht. Konnte ich denn zu ihnen? Ich war allein und einzig und litt, meinte ich, so viel mehr als alle! Sie waren in meiner Schuld; sie hatten mich so einsam gemacht, hatten mir die Heimat genommen.«
Sie stand auf, riß den Vorhang von der Gartentür und spähte leidenschaftlich in die Ferne.
»Pai tat das! Er war der Erste, der mir die Liebe verbitterte. Ich glaube an keinen Menschen mehr, seit er mich, sein kleines Mädchen, in einem fremden Garten heimlich verließ. Er hat mir Mißtrauen und Menschenhaß fürs Leben mitgegeben. Durch seine Schuld habe ich alle Liebe, die mir je entgegenkam, verkannt und versäumt: seine eigene und Ernestes . . . Erneste!«
Das alte kleine Gesicht kehrte wieder, voll schüchterner Mütterlichkeit. Es machte sich künstlich streng, weil es in ein ablehnendes Kindergesicht sah.
»Immer habe ich mich zurückgehalten, habe die Arme steif gehalten, damit sie sich ihr nicht von selbst um den Hals legten. Warum? O! der Tag im Gebirge . . .«
Sie fühlte sich wieder, als Herangewachsene, jenen Sommer vor der Trennung, bei ihrer alten Gefährtin. Draußen im Bergwald hatte unter Stürmen Allliebe sie geschüttelt; und vor dem menschlichen Herzen dort hinterm Tisch, verstopfte sie die Ohren und las. Dennoch fielen wieder, durch Ernestes Scham getrennt, die zart werbenden Worte. Lola atmete rascher. O, zugreifen! »Ich bin nicht taub, nicht fühllos!«
Zu spät. Erneste war tot. So war Pai tot gewesen, bevor Lola ihn hatte lieben können. Die Arme trostlos erhoben, warf sie sich auf die Schwelle. Der Wind schlich ihr über den Rücken, er fingerte geisterhaft schwach in den Falten ihres Hemdes, wie Hände von ehemals.
»Und auch er, auch er ist versäumt! Arnold!«
Sie schrak auf; Blut stieg ihr ins Gesicht; und als habe mit dem Klang seines verbannten Namens der Mann selbst an die Scheibe geklopft, bedeckte Lola sich.
* * * * *
Sie verlangte den Wagen, trieb zur Eile, stieg zitternd über die Treppengassen auf den Platz hinab. Nur diesen Gedanken nicht! »Ich bin seiner zu unwürdig, ich beflecke ihn, wenn ich mich nach ihm sehne. Und mir selbst nehme ich das letzte Recht, mich zu achten.« Auf den Karren und »Fahr zu!« Sich betäuben mit Wind und Schnelligkeit. Aber an der Straße, hinter einer Pforte und den Hut in der Hand, stand Arnold, wie er bei ihrer letzten Begegnung hinter der Pforte gestanden hatte, die sie öffnen wollte. Sie schloß die Augen. Umsonst; sein schmerzliches, unsicheres Lächeln war hinter ihr: dies Lächeln, das zurücktrat und sie aufgab . . . Und den Weg zwischen Zypressen von einem kühlen alten Landhause her, kam er, und sie stieg aus und ging ihm entgegen: denn dort wohnten sie beide, die sich gehörten.
Wie beißend in seiner Süßigkeit war dies Gesicht! Es hätte sein können! Unter Liebe, wie im Grunde ewigen Sommerlaubes, versteckt und geborgen; Tau und Gezwitscher in Augen und Ohren; und in der Melodie des frischen, lebendigen Morgens vereint, wie ein Paar sorgloser Klänge. Lola sehnte sich nach dem schönen Morgen, durch den sie fuhr. Ihr war, als erlebte sie ihn nicht und hätte ihn doch erleben können.
»Da ich eine Heimat suchte: wie begehrenswert war die, die unsere beiden Seelen uns erbauen konnten! Ich habe eine ganz äußerliche vorgezogen, weil sie üppiger schien, und habe mich in Schande und Lüge finden müssen. Wie er mich klein gesehen hat! Kein Mensch sah mich so, und ihn muß ich lieben! Er hatte recht, daß er stolz war und mir nicht nachreiste. Wozu? Wenn eine einen Pardi vorzieht, überläßt man sie ihrem albernen Schicksal. Aber mag es albern sein, dennoch schmerzt es, Lieber! Könnte ich dir manches erklären! Wüßtest du, was ich leide, und daß ich doch für mein Schicksal nicht klein genug bin! Ach! meine Sühne ist, daß du's nicht weißt, und daß ich schweige . . .«
Mit verzweifelnden Augen sah sie durchs Land nach Hilfe aus. Der Meilenstein, der sich näherte, machte ihr Lust, sich ihm entgegen zu werfen. Unter dem Druck der äußersten Not stieg es in ihr auf: »Ich will dir alles sagen, was ich bin und wodurch ich es wurde. Alles, was ich gelitten habe, warum ich dich gehen ließ, wie ich gekämpft und verloren habe, beschmutzt, krank und ganz verlassen ward. Du sollst es nicht hören, aber ich will es dir sagen. Es wird sein, als schriebe ich's auf die Mauer zwischen unseren beiden Gärten, und du wirst sie nie übersteigen. Es wird sein, als sagte ich meine Beichte dem Meer, das uns trennt, und das sie überschreit. Sei ruhig, du vernimmst keinen Hauch meines Geflüsters. Ist es nicht verzeihlich, da ich sonst stürbe?«
Zu Hause, unter Tränen, schrieb sie ihre Kinderjahre auf. Sie führte sie ihm zu, wie einen Zug kleiner dahingeschiedener Mädchen, die er noch einmal segnen und bedauern sollte. Als sie, aufatmend, in den Nachtwind trat, schien der Tag, der vorüber war, ihr voll und tröstlich.
Sie wollte weiterschreiben, ließ Wochen ohne einen Satz und glaubte doch, träumend, die dunkeln und die lichten Tage an ihm vorübergeschickt zu haben: noch die schlimmsten mit unverhülltem Haupt. Er kannte sie ganz. Sie hatte, um sich ihm ganz zu entdecken, namenlose Scham bestanden. Sie hatte durch Tränen nach seinem Verständnis gebangt. Sie hatte sich, wieder wie einst, von seiner Seele durchdringen lassen und hatte zu seinen Füßen sich in Schlaf geschluchzt. Nun sah sie mit Staunen den Garten welken. Der Sommer war zu Ende? Und sie war nie müßig, nie einsam gewesen! Immer war er gegenwärtig gewesen, zuerst als Geist, der ihr zweiflerisch und bitter über die Schulter sah; und endlich wie ein Hausgenosse, dessen Atem sie manchmal beim Lesen auf ihrer Schläfe spürte, und dem sie die durchlaufene Seite hinhielt, damit auch er sie beende. In ihre Augen trat noch, so oft ihr Inneres ihn ansah, Demut. Ihre Schuld war um nichts kleiner. Aber sie konnte fortan mit ihm in Frieden leben. Er wollte nicht, daß sie sich um ihn ängstigen, zu seiner Versöhnung sich quälen sollte. Sie durfte Ruhe genießen. Sie fühlte sich weit gesunder, zuversichtlicher, besser gewappnet gegen die kommenden Alltage. Ihre Spaziergänge wurden lang; der Herbstregen, der schwül einsetzte, erschlaffte sie nicht. »Vertrage ich endlich das Klima eines Landes ganz?« Pardi verlangte sie zurück. »Warum nicht? Auch mit jenen Menschen wird sich leben lassen. Ich muß sehr krank gewesen sein, um dem, was ich bei ihnen erfuhr, so völlig zu erliegen. Bleibe nicht, wo ich auch sein mag, ich selbst mir? Und nun bin ich gesichert, da ich den zurückhabe, den ich liebe. Unter all den Fremden werde ich mich oft nach einem Vertrauten umwenden, den sie nicht sehen, und mich mit ihm verständigen.«
* * * * *
Jeder fragte Lola:
»Contessa, was haben Sie für eine Kur gebraucht? Sie sind schöner geworden, wissen Sie. Am Ende des Winters sahen Sie nicht gut aus, jetzt aber sind Sie wieder vollkommen schön.«
Sie ging aus, so viel man wollte, gab sorglos ihre Kraft und Anmut hin. Die Triumphe im Casino Borghese kehrten wieder; sie fühlte um sich her den Wettlauf der Männer, angespannter als damals, und ihre unbedingte Sicherheit, einer werde bei ihr ans Ziel kommen. Allen schien der kritische Zeitpunkt da; in aller Augen war sie reif für den Liebhaber, auch in Pardis. Überall im Ballsaal begegnete sie seinem drohenden Blick. Sie verhielt sich gelassen weltlich, ein wenig kokett sogar, in der Empfindung, sie müsse diese armen Leute dafür entschädigen, daß sie im Herzen so weit, weit von ihnen weg sei; und auch in der Scham dessen, den eine geheime, innige Religion erquickt, und der den Spöttern ringsum ihre leichten Freuden nicht verleiden möchte. Das lauteste Fest fiel, verließ sie es, ganz plötzlich hinter ihr zusammen, wie eine bunte Drahtpuppe, und Lola in ihrer Wagenecke lächelte still und schwärmerisch. Pardi sagte, als ein Laternenschein sie getroffen hatte:
»Du hast zu oft mit Valdomini getanzt.«
»So? Ich habe nicht darauf geachtet.«
»Aber andere achten darauf . . . übrigens verstehe ich den guten Valdomini nicht. Er ist hinter dir her in einer für sein Alter gradezu lächerlichen Art. Weißt du, daß er ein sans-ventre-Korsett trägt? Tatsächlich; sein Bauch würde sonst hängen.«
»Ich habe ihn mir noch nicht so genau angesehen.«
»Er ist mein Freund, und ich werde niemals leugnen, daß er früher große Erfolge bei Frauen gehabt hat. Trotzdem scheint es, daß er neulich bei der Baldelli abgefallen ist.«
»Wer kann das wissen,« meinte Lola leichthin; und Pardi, gespannt bei der Sache:
»Wenn sie umhergeht und es erzählt! Schade um ihn: der Takt, rechtzeitig aufzuhören, hat ihm gefehlt. Jetzt wird keine ihn mehr wollen, da schon die Frau eines kleinen Advokaten ihn abgelehnt hat.«
»Sie ist sehr hübsch,« sagte Lola, um etwas zu sagen; aber sie spürte, wie jede ihrer Antworten ihn heftiger reizte.
Im Theater in Lolas Loge fing am Abend darauf Deneris an:
»Valdomini ist in der Klubloge. Ich weiß nicht, mir gefällt sein Frack nicht. Dabei soll er früher von allen den elegantesten gehabt haben.«
»Das war vor unserer Geburt,« sagte Nutini.
Lola erwiderte Valdominis Gruß. Er trat, die schlanken Schultern weit zurückgeschoben, die Hände in den Hosentaschen, nachlässig an die Brüstung und überflog die Bühne. Botta bemerkte, fett und phlegmatisch:
»Der Tenor ist gemacht: Valdomini hat ihm zwei Minuten lang in den Mund gesehen.«
Alle lachten, bis gezischt ward. Im Hintergrund flüsterte einer durchdringend:
»Tatsächlich hat er die Calzolai gemacht, aber nicht die kleine Lisa, sondern Tisa, ihre Mutter. Er verwechselt das; er hält sich für einen Zeitgenossen der Lisa.«
»Sein Irrtum bleibt nicht ohne Folgen,« erklärte Botta. »Die Baldelli --«
Und er erzählte von der Baldelli.
»Sie wird rechtzeitig gefühlt haben, daß er ein Korsett sans-ventre trägt,« meinte Nutini. Lola lächelte ihm in die Augen. Sie dachte an die Zeit, als er bei ihr gegen Pardi arbeitete. Jetzt, angesichts einer neuen Gefahr, verbündete er sich ihm. Sie schüttelte leise den Kopf, und indes sie das Gesicht nach der Bühne wandte, kehrte sie innerlich zu ihrem Eigensten heim. Von Klatschen und Geschrei aufgeschreckt, mußte sie sich besinnen; die Begehrlichkeiten, die Intriguen um sie her sahen sich wie Spuk an, geschahen kaum auf festem Boden.
Valdomini kam und unterhielt sie während der Pause. Er teilte in der Loge Händedrücke aus, die mit Hingabe erwidert wurden. Als er fort war, ahmte Botta ihm nach.
»Ich brauche wohl Sie und mich nicht anzustrengen und aufzuregen, Contessa. Sie wissen, wer ich bin und daß ich bereit bin.«
»Und,« fuhr Nutini fort, »meinen Bart behalte ich, wenn jetzt auch alle rasiert sind. Ich behalte ihn aus Pietät für die Vielen, die ihn geliebt haben. Manche sind schon im Jenseits und lieben nur noch Gott, der ihren armen Seelen gnädig sei.«
Er bekreuzte sich, ließ in seinem ausgemergelten Gesicht den Mund stumm betend auf und nieder steigen und schielte dabei auf seine Nasenspitze. In das Gassenjungengelächter trat Pardi; seine Augen stießen, mit bösem Mißtrauen, nach jedem. Beim ersten Wort gegen Valdomini:
»Vergessen Sie nicht, daß er mein Freund ist!«
* * * * *
Er befreundete sich ihm sogar noch enger; er ließ ihn kaum mehr von seiner Seite; er begleitete ihn in die Häuser, wo er Lola treffen konnte. Und die übrige Zeit blieb er bei ihr. Er hatte wieder angefangen, ihr Blumen und Geschenke mitzubringen, ging selbst, ihr ein Band, eine Feder zu besorgen, -- und aus den Büchern, die er früher in die Ecke geschleudert hatte, wollte er ihr jetzt vorlesen. Er unterbrach sich, um ihr seine alten Triumphe zu erzählen. Früher hatte er davon geschwiegen. Sie war am Morgen noch nicht fertig angekleidet, und er klopfte schon, fragte, wie sie geschlafen habe, und wiederholte seine ironischen und zarten Werbungen. Endlich:
»Wir sollten wirklich wieder im selben Zimmer schlafen.«
»Wie geschmacklos, mein Herr! So alte Gatten wie wir!«
»Ich versichere dir: wenn ich am Morgen vor deine Tür gehe, ist mir zu Mut, als hätte ich bei dir erst noch alles zu erreichen; als wäre ich dir kaum bekannt.«
Und Lola, über die Schulter weg, vor Selbstsicherheit kokett:
»Dann betragen Sie sich auch so, bitte . . . Und was hat man Ihnen soeben für ein Billet gebracht? Ich rieche es bis hierher. Sie denken es nicht einmal zu lesen?«
Er errötete, erbrach trotzig das Siegel. Lola sah, es war Claudias. Sie ging dreist an ihm vorbei und hinaus. Sie fürchtete ihn nicht. Ihr war Geistesgegenwart gekommen, Ruhe und die Fähigkeit, die Lage zu überblicken und mit der Schwäche des Gegners zu rechnen. In frischer Luft fühlte sie sich und alle Organe frei zum Kampf. Früher, schien ihr, war sie traumbeschwert, unsicher von Begehren, von Grübeln, durch die Welt hier gegangen. Jetzt hatte sie die Gewißheit, sie zu beherrschen, mit keinem Schleier ihrer Seele, die immer um einen Entfernten schwebte, mehr in sie verstrickt zu sein. »Ich gehöre nicht hinein, aber sie genießen, rasch und ohne Verpflichtung, wie eine Vorüberreisende, warum nicht?«
Und sie nahm, stürmisch und mit Dankbarkeit, diesen Winter in sich auf, der sie der erste ganz reine deuchte, dies Land, das sich ihr verjüngt hatte. Oben auf dem Piazzale war sie aus dem Wagen gestiegen. Durchblaute Wolken zogen über ihr, und unten, durch die Stadt, unter sonnigen Brücken hervor, der Fluß, in goldblauen Strängen. Der goldene Wind warf seine Arme um den großen bronzenen David, um die von Licht bebenden Hügel ringsum, -- und er stürzte sich in die Stadt, in ihre wilden kleinen Gassen, auf ihre grellen Quais und ihre Plätze mit großen, von Zinnen, Giebeln, Statuen ausgezackten Schatten. Glück leuchtend, boten in schwarzen Laubmassen, auf den Hügeln, Villen sich dar . . . Und nun der Wind abbrach, der Himmel sich bezog und sich dämpfte, lockte jenes erloschene Haus, im Steingrau sanfter Bäume, noch dringlicher. Die Glocken klangen gehaltener, ernster; und fern, jenseits der Gartenwellen der letzten Hügel, dunkelte im grauen Horizont das starke Blau der Berge, wie Augen, die Sehnsucht verdüstert.
»Und ich habe kein Recht, mich zu sehnen. Jenes Haus, oder vielleicht das dort, gehört mir selbst; Pardi spekuliert mit dem Öl des Hügels. Er spricht zu hitzig davon, ich bin besorgt um ihn . . .«
Plötzlich wandte sie sich weg und winkte dem Kutscher.
Dieser Winter schmückte sich mit einer Kette zeitloser Tage; sie waren da wie eine Spiegelung märchenhafter Küsten. Eine blaue Flut von Jugend wallte einem in Augen und Mund. Mit entzücktem Staunen horchte man auf irgend etwas Köstliches, das unverhofft zurückkehrte, leise wieder anschlug. Nun mitten im Januar der Himmel ganz weich zwischen den glitzernden Eichenkronen floß, die Statuen auf den Palästen zerschmolzen im Blau, und dies Blau sich in Säulenhöfe und Hallen wie seidene Fahnen schlang: da hob eine Melodie, die geschlafen hatte, in einem die Lider auf. Lola hatte in der Luft, die sie ein wenig erstickte, vor sich die Augen Pardis. Sie waren der höchste Aufstieg dieser Melodie gewesen. Sie mußte man gefühlt haben, um dies alles zu fühlen.
Wie bei einstigen Gefährten, denen sie unverhofft nochmals begegnete, blieb sie wieder vor den Statuen stehen. Sie waren überall; die Stadt war erfüllt und beherrscht von Statuen, die sich in Hallen und auf Plätzen versammelten, wie ein Haufe schönen, sinnlichen Volkes; die von Brunnen, aus Nischen ihre lauten Gebärden ins Marktgewühl mischten; deren starken, frechen Mündern man die schleierlosen Stimmen der ganzen Menschenmenge entquellen hörte; und von deren göttlicher Nacktheit all dies Leben nackt schien.
»Die Kunstwerke! Es ist wahr, sie alle sind Fleisch, sind die Verherrlichung des Fleisches. Aber nur in der Kunst ist es Herr und ist edel. Die Künstler -- wir --« dachte sie ohne ihren Willen, »erhöhen es über alle menschlichen Maße, über alle menschliche Kraft; und finden doch Kraft und Maß in uns selbst! Dann --«
Mit einen Blick auf das dunkle Gewimmel, das zusammenschrumpfte.
»-- kriechen wieder Menschen, klein wie je, darunter hin, und wir selbst haben die Augenblicke unserer Größe vergessen und begreifen sie nicht mehr.«
In sich versunken die volle Straße forttreibend:
»Wie liebte ich doch Pardi! Welche schwärmerische Lust! Manchmal erlebte ich's, daß die Sinne mich auf ausgebreiteten Flügeln in den reinsten Äther trugen. Und dann gruben sie mich in Morast. Ich habe ihre Anbetung und die Kraft zu ihrer Verherrlichung in mir. Aber ich bin auch geboren, sie zu verachten. Ein ganz anderes Blut steigt mir auf einmal ins Hirn. Ich fühle anders, sehe anders, und mir schaudert vor dem, was ich gewesen bin.«
Aufschreckend und sich zusammenziehend, wie verloren unter Feinden:
»Nicht noch einmal möchte ich solch Schaudern erleben.«
* * * * *
Am Ende des Winters dann ein rätselhaft trüber Abend, voll des Gefühles von verlornem Leben. Sie sehnte sich fort, hinauf, hinaus aus einem Schacht. »Ich kann nicht länger --« sie wußte nicht, was. Ward nicht noch immer die Tosca gegeben? Niemand ging mehr hin; gleichviel. Und als die kleine Logentür hinter ihr dumpf zuklappte und harfend, mit verbleichenden Sternen und erster Morgenröte ein Garten von Tönen, ja plötzlich ein klingendes Paradies sie aufnahm, da stand sie, bebte, verschluckte Tränen, fühlte die Brust sich spannen und das Flügelrauschen der Erlösung über ihren zugedrückten Lidern. Das Glück! Diese Töne waren das Glück. Zwei Stimmen, zwei liebende Stimmen erhoben sich über Knechtschaft, Folter, Richtstätte, als zwei liebesbleiche, feurig gewappnete Engel. Alle Schranken fielen. Mächtig glänzend öffneten sich Himmel, die ganz Liebe waren. Lola fühlte, und hatte kein Bewußtsein davon, Pardi sei eingetreten. Sie lächelte, ohne ihn anzusehen, ein Lächeln, das ihm bestimmt war. O! sie fand endlich zurück an die Schwelle jener Freuden mit ihm. Nichts machte ihr mehr Schaudern, denn alles war Liebe gewesen. Noch die Verirrungen: kannten nicht auch die beiden liebesbleichen Engel jener Himmel sie? Das Fleisch konnte heilig sein. Diese Musik heiligte es. »Ich liebe dich! Ich liebe dich!«
Da, ein Rachen, der ein einziges Mal zuschnappte, schlang Stille alles hinab. Man hatte verloren, wo man war, man hatte den Atem verloren, mußte sich herauskämpfen . . . »Was habe ich getan? Mein Gott, er hat mich verstanden!« Er sprach, und seine Stimme machte ihr kalt und heiß. »Allein, mit ihm allein im leeren Haus. Ganz ihm überantwortet. Wenn er jetzt zugreift, ist es der Tod. Er weiß, daß er's darf: wie soll ich noch leben!«
Dabei wand sie sich unter den weichen Griffen seiner Stimme, die den Nachhall jener Musik beschwor, ihn aus der Stille zurückbannte.
»Ich bin so glücklich, mich einmal ganz allein mit dir zu finden. Du bist schöner als je, ich liebe dich mehr als je. Hast du gehört, wie viel Liebe in dieser Musik? Für uns, du Engel, für uns! Komm, ich will dir Dinge sagen --«
Sie sprang auf; ihr Stuhl fiel um.
»Ich habe Beängstigungen, laß mich fort, ich werde wieder krank, schon wieder. O, wohin?«
Er folgte ihr bis in ihr Zimmer; er entwand ihr den Türgriff.
»Wozu, wozu. Sei endlich ehrlich! Du liebst mich. Und ich liebe dich.«
Sie riß sich los, sie flüchtete hinter das Bett.
»Was willst du? Ich kenne dich nicht! Sind wir nicht fertig?«
»Es scheint nicht. Und du entsinnst dich wohl noch meiner.«
»Du hast andere Frauen, nicht wahr? Laß mich gehen, ich bitte dich. Ich will fort. Alles war Irrtum, ich könnte dir's erklären. Ich verliere den Kopf. Mein Gott, ich will fort.«
Da er auf den Bettpfosten gestützt blieb, mit einem langsamen Lächeln, das seine Macht auskostete, bevor er zugriff:
»Den ganzen Winter habe ich dich von mir abgehalten, dadurch, daß ich dich habe merken lassen, ich kenne deinen Betrug. Ein Rest Scham machte, daß du mich verschontest. Behalte ihn! Laß dir nichts einfallen gegen mich! Ich bin verzweifelt!«
»Du bist verliebt: ich habe es gesehen. Ich brauche nicht auf mein Recht zu pochen; du liebst mich, das genügt. Was täte es noch, wenn ich andere gehabt hätte? Du würdest verzeihen. Übrigens ist es nicht wahr; ich liebe nur dich!«
Seine Augen flammten auf, sein Lächeln war fort; er stieß sich vom Bettpfosten ab, er setzte schon an, loszubrechen gegen sie. Da stockte er: sie stand auf der Fensterbank. Von unten kam das Klirren und Splittern der zerbrochenen Scheibe. Lola schrie:
»Nicht dich liebe ich! Ich liebe einen anderen; -- und rührst du mich an, spring' ich hinab!«
Nochmals, gehaucht:
»Ich liebe einen anderen.«
Er hielt sich knirschend zurück. Er schüttelte die Fäuste.
»Das ist nicht wahr! Ich werde dich holen, ich nehme dich!«
Aber er kam nicht. Lola hatte den Kopf im Nacken. Langsam:
»Ich bin nicht deine Gefangene. Ich kann sterben.«
Sie sah auf ihn nieder, der sich ohnmächtig abarbeitete.
»Und ihm, den ich liebe, verdanke ich meine Rettung. Du hast mich gemein und elend gemacht, weißt du das nicht? Ich war deine schmutzige Magd: er aber hat mich gereinigt und zu seiner Gefährtin erhoben. Das darfst du wissen: ich bin rein!«
Er keuchte:
»Wer ist es? Ich werde ihn töten!«
»Du wirst ihn nie sehen. Auch ich sehe ihn nie.«
Er starrte sie an. Plötzlich sich abspannend, verachtungsvoll:
»Du bist wahnsinnig, das ist alles. Ich habe die Pflicht, dich da herunter zu holen.«
Und er machte einen besonnenen Schritt. Aber sie hing am Fensterkreuz, schon halb draußen. Ihr Blick war irr und wild.
»Zurück, oder ich lasse mich fallen! An dem Tage, wo du mich anrührst, sterbe ich!«
Er hob Schultern und Arme, deutete sich auf die Stirn -- und ging rückwärts, leise auftretend, hinaus.
* * * * *
Die Tür hatte sich geschlossen; Lola fühlte sich auf einmal schwach werden. Entsetzt sah sie unter sich, ins leere Dunkel. Die Knie zitterten; ihr schwindelte. Sie ließ sich, die Augen geschlossen, am Fensterkreuz hinab, tastete nach dem Boden. Zurückblickend:
»Wie bin ich dort hinaufgekommen?«
Sie schleppte sich zur Tür, verriegelte sie. Und sie fand noch die Kraft, sich aufs Bett zu werfen.