Part 24
Dies hübsche, gelehrige Äffchen, von dem nachgesprochen, Lolas Gedanken weniger untröstlich klangen: wie eine etwas triste Posse nur! Dessen nächste Miene sich immer über die vorige lustig machte, bis keine mehr galt! »Wer sich auch so rasch abtun könnte! Man müßte sich ein wenig geringer achten, und man hätte es so viel leichter« . . . Aber Claudias Mundwinkel hingen schon wieder. Die Augen, unter schwer fallenden Lidern, starrten aus den Winkeln.
»Eine Sünderin: ja. Aber bedenke auch, wie furchtbar das Frauenleben ist! Welche Schrecken uns drohen jeden Tag! Hast du gehört, was der Beamte in Via del Mezzo mit seiner Frau getan hat? Nun siehst du! Er kommt, mit einem Fiasco unter dem Arm, die Treppe herauf.«
Claudia ahmte seinen Schritt nach. Sie ließ sich breit am Tisch nieder.
»Er will weitertrinken; die Frau rät ihm ab, sie wirft ihm sein Laster vor. Er antwortet nicht; er schweigt und trinkt. Als er fertig ist --«
Claudia wischte sich mit der Handfläche den Mund.
»-- steht er auf, holt einen Strick und --«
Claudia stand, von Grausen erkältet, sehr steif, die Arme am Leib. Ihre Augen sahen den Mörder kommen.
»-- schnürt ihr den Hals zu, wie einem Spatz. Dann hängt er sie auch noch an die Decke.«
Und Claudia machte sich, dumpf stöhnend, noch starrer, verdrehte die Augen und streckte die Zunge aus. Plötzlich fiel sie auf einen Stuhl. Nach vorn geworfen, heftig flüsternd:
»Und das ist ganz der Typus meines Mannes! Auch mein Mann ist ein Neurastheniker, auch er trinkt, schreit mich an . . . und eines Tages wird er schweigen und --«
Claudia führte mit der geballten Hand rasche Kreise um ihren Hals. Dann zog sich ihr Gesicht zusammen, und laute Tränen kamen. Lola ließ sich, erschreckt, vor ihr auf die Knie.
»Aber Claudia, jene Frau hatte einen Liebhaber.«
Claudia klammerte sich an.
»Ich habe solche Angst!«
»Wovor, Liebling? Du bist nicht wie jene.«
»Doch!« -- mit großen, nassen Sünderinnenaugen. Und schwer nickend:
»Ich habe einen Geliebten. O, frage mich nicht, wen! Aber glaube nur, wenn du's noch nicht weißt: unsere Männer sind von einer Art, daß wir einen Trost brauchen.«
»Ich weiß es schon.«
»Wie du nun aussiehst. An wen denkst du jetzt? Verrate mir dein Geheimnis, Lolina?«
Lola schrak auf und machte sich los.
»An niemand denke ich, sei versichert. Aber auch wenn ich meinen Mann nicht mehr lieben würde, ich nähme doch nie einen Geliebten. O, ich verurteile euch nicht; ihr seid anders. Nur ich habe nicht das Recht dazu.«
Claudia richtete ihre kleine elegante Gestalt auf. Tragisch:
»Wir bezahlen dafür. Möblierte Zimmer oder . . . so.«
Sie ließ nochmals die ganze Zunge hängen. Und leichtsinnig zärtlich:
»Aber Spaß macht's doch. Sage, Lolina, warum könntest nicht auch du --? Hast du nicht gemerkt, daß Valdomini in dich verliebt ist? Übrigens sind viele es, nur daß du sie entmutigst. Aber wie ich lachen wollte, wenn Pardi --«
Sie stellte zwei Finger über ihrer Stirn auf.
»Er, der so viele verführt hat! Alle könntest du rächen. Meinst du nicht, daß er dich betrügt?«
»Ich wußte es, bevor ich ihn nahm;« -- und Lola schlug die Augen nieder. »Ich habe ihn genommen, wie er ist.«
»Seid ihr ehrlich! Weißt du, daß das schließlich zum Lachen ist?«
Und sie krümmte sich. Gleich nachher, demütig abbittend, voll Bewunderung:
»Nicht wahr, wenn du einen liebtest, würdest du dich ganz und gar trennen von deinem Mann? Ihn nie mehr zu dir lassen?«
Gramvoll und ohne Mut sagte Lola:
»Ich wollte, ich könnte immer, immer allein bleiben.«
Claudia sprang auf.
»So sehr zuwider ist er dir?«
Sogleich löschte sie ihre Miene wieder aus, machte sich ganz sanft und farblos.
»Dann tu's doch, arme Kleine! Wie glücklich wärest du!«
Aber Lola war aufmerksam geworden.
»Warum? Du möchtest es?«
Ein Schritt ward laut: Pardi. Angstvoll wendete Claudia sich umher.
»O Gott! ich muß fort.«
»Warum? Bleibe!«
Claudia zuckte, in fliegendem Schrecken, an der Hand, die sie festhielt. Sie drückte die Zähne in die Lippe, sah nicht vom Boden auf und drehte Pardi, wohin er sich immer stellte, den Rücken. Lolas Blick ging von ihr zu ihm. Plötzlich ließ sie Claudia los.
»Adieu,« sagte Claudia, ohne den Mund zu öffnen. Sie lief hinaus.
»Was hat sie?« -- und Pardi war erblaßt. Lola, am Fenster, kämpfte ihren Atem zur Ruhe. Mit einer langsamen Wendung:
»Ich weiß es nicht.«
Er wanderte umher und stellte Fragen, nach denen er suchte.
»Du antwortest sehr kurz. Bin an deiner schlechten Laune ich schuld?«
»Nein.«
»Du hast mir nichts vorzuwerfen?«
»Nein.«
»Um so besser. Ich sehe, daß du Ruhe brauchst.«
* * * * *
»Das war eine Freundin! Dies kleine schlaue Tier, das sich mit seinen Gazellenaugen in mich eingeschlichen hat, mein Empfinden und meine Stimme nachgeäfft hat! Sie wußte, was sie wollte: vom ersten Tage an! Wir disputierten; ich dachte, Pardi zu gewinnen; ich glaubte, zwei Körper könnten nicht, wie unsere, durch Liebe verschwistert sein, ohne daß auch die Seelen sich umarmten. Sie unterstützte mich, schelmisch, schmiegsam. Im selben Atem -- wie abstoßend häßlich! -- nahm sie mir den Mann! Daß solch Geschöpf sich leben sehen mag!«
Lola ertrug sich selbst nicht, weil sie dies erlebt hatte. Sie irrte umher, vergrub sich in Winkel.
»Werde ich nie mißtrauisch genug werden? Werde ich nie Weib werden und weiblichen Schlichen zu begegnen lernen? Warum muß mich jeder Mensch, nach dem ich die Hand ausstrecke, in noch tiefere Einsamkeit stoßen? Mein Gott, gib mir Verachtung!«
Sie weinte. Dann sah sie:
»Das alles ist falsch. Sie hat mich betrogen, aber sie liebte mich. Habe ich nicht ihre Reue und ihr schlechtes Gewissen vor Augen gehabt? Sie war wie ein verderbtes Kind, dem plötzlich vor ihm selbst bange wird, und das lieber gut wäre. O, das wäre leicht und einfach: dumm sein und sie hassen! Aber ich fühle, wenn ich mich besinne, von ihr und ihrer Welt gerade selbst genug, daß ich ihr Recht lassen muß. Sie wird schuldig und sie büßt. Unter Gefahren genießen, sich durch einen Tag bringen und durch noch einen, täuschen, siegen, geschlagen werden: es wäre doch eine starke, schöne Welt. Man dürfte keine andere kennen. Auch ich trage sie in mir -- neben der anderen, die ich auch in mir trage. Und immer, wenn die eine mich haben sollte, fühle ich das Gewicht der anderen, die mich fortzieht . . .«
Da sprang sie auf, stürzte sich auf die Klingel.
»Ich bitte den Herrn Grafen, sofort zu mir zu kommen.«
»Der Herr Graf ist nicht zu Hause.«
Lola sah sich im Spiegel entstellt von Zorn. »Recht so! Ich werde einen Skandal machen, an den Florenz denken soll! Er ist bei ihr, ich habe ihn sicher gemacht. Sie überraschen, mich rächen, sie beide ganz klein sehen und dann fort: leicht und frei, wieder frei sein!«
. . . Sie merkte, daß sie sich, anstatt die Tür zu öffnen, dagegengelehnt und geträumt hatte.
»Für wen will ich frei sein? Welchen Namen habe ich schon wieder gedacht? Auch Claudia sah, daß ich einen Namen dachte . . . O, ich bin schlechter als sie beide, als sie alle! Heuchlerischer bin ich! Sie bilden sich keine Reinheit ein. Sie sind nicht selbstgerecht. Ich liebte Arnold, als ich, um meiner Sinne willen, Pardi heiratete. Das ist die Wahrheit, die schlimme Wahrheit!«
Sie sah leer vor sich hin . . . Von der Dämmerung beschlichen, schrak sie auf.
»Ich wußte, was ich tat, und daß er noch andere begehren und nehmen würde. Er und sie: es ist so selbstverständlich; wie konnte ich mißverstehen, wie durfte ich mich auflehnen. Bei mir ist kein Recht, keins; und ich schäme mich, ihnen im Wege zu sein.«
* * * * *
Kaum ward es Mai, und schon erklärte sie, nach San Gregorio zu wollen. An den Ort, wo ihre Sinne geschwelgt hatten, trieb es sie jetzt, um Buße zu tun. Pardis Blick flammte auf.
»Weißt du noch, der Garten, nachts, wenn wir in den Büschen lagen, und es wetterleuchtete? Du möchtest wieder anfangen; und ich sage nicht nein. Aber . . .«
»Du irrst dich. Ich will allein hin.«
»Ohne mich? Was soll nun das wieder? . . . Ach ja, ich weiß, du bist krank. Du bist immer krank, ohne daß der Teufel begreift, woran. Von Giovannino kommt er nicht, dein Zustand: so viel ist sicher, wie? Und nun mußt du aufs Land . . . Aber wenn ich dir befehlen würde, bis Mitte Juni hierzubleiben? Du hast dich, nach unserem Gesetz, dort aufzuhalten, wo es deinem Mann beliebt.«
Sie ließ ihn ohne Antwort. »Ihm ist's bequem, daß ich gehe,« dachte sie. Er schloß:
»Nehmen wir an, daß du unser Klima nicht verträgst. Aber ich kann dir sagen, daß man es zuweilen bereut, wenn man eine Fremde geheiratet hat.«
Und Lola:
»Ich hätte daran denken sollen. Ich bitte dich um Verzeihung.«
Ein Aber ließ er dennoch bestehen. Lola erstaunte über seine geringe Eile, sie loszuwerden. Schließlich schlug er ihr einen anderen Landsitz vor. Als sie auf San Gregorio bestand, brach er in Wut aus. Dann verbrachte er den vollen Nachmittag in seinem Arbeitszimmer, schrieb und telephonierte. Tags darauf eröffnete er ihr, sie könne reisen. Er bot ihr an, sie bis Rom zu begleiten; aber sie dankte ihm.
Draußen blühten Mandel und Pfirsich. Die rosigen Blütenschleier glitten auseinander auf Lolas Wege, wehten ihr nach, hochzeitlich. Droben im Städtchen leuchteten, wie sie sich zeigte, alle Gesichter auf: Lolas Glück von damals glänzte noch einmal auf sie ab. »Das Glück, von dem ich selbst nichts mehr weiß!« Das Herz zog sich ihr zusammen, wie sie, ganz klein, dem Riesenleib des Palastes entgegenging. Auf kahler Höhe breitete er seine morschen Fledermausflügel nach ihr aus. Die Dächer alle flohen wirr den Berg hinab, als striche ein Angstwind über sie hin. Lola duckte die Schultern; kalt lag es darauf; und begab sich, zwischen der gellend betenden Zwergin und den Alten, die um Barmherzigkeit murmelten, in das Greifenportal, wie in einen Rachen.
Die Zimmer waren verdunkelt und noch kalt. Lola mußte sich anstrengen, um den Befehl zu geben, man solle die warme Luft hereinlassen. Gern hätte sie die Lider gesenkt vor den Dienern, diesen Zeugen dessen, was sie hier einst gewesen war. Des Kastellans kalte Greisenaugen forschten unerträglich. Und das gelbe, mürbe Fleisch der schwarzen Maria erinnerte sich noch immer, mit melancholischem Stolz und Gleichgültigkeit gegen alles, was kommen mochte, jener Wonnen, die sie mit Lola geteilt hatte; kraft deren sie zu Lolas Vertrauter, fast zu ihrer Schwester geworden war; von denen sie ihr, indes ihre schweren Augen erwachten, mit solchen Worten geflüstert hatte, daß plötzlich der Schauer selbst wieder auflebte.
Mit langsamen Schritten, deren jeder eine Welt von Angst durchmaß, gelangte sie an der Frau vorbei, -- hörte sie nicht, sogleich, im Nacken eins jener Worte? -- vor die Schwelle des Schlafzimmers und hinüber. Ein kopfloser Griff: die Tür fiel zu. Darangelehnt, die Hände vors Gesicht gedrückt: »Zu viel Demütigung, zu viel!« Mit geschlossenen Augen fand sie zwischen den Möbeln und am Bett vorbei -- »O, ich kenne dies Zimmer, und es kennt mich!« -- und dennoch strauchelte sie, glitt, und meinte, wie ekle Tiere, die Bilder von damals, die sie mit ganzer Seele niederstieß, unter ihren Füßen zu spüren.
Nach allem hatte sie irgendwie den Garten erreicht, ein Versteck und Finsternis. Ermattet und gleichgültig sah sie vor sich hin. Es wetterleuchtete -- wie damals. Ins Dunkel, neu gesammelt und mit Beben: »Muß ich mich noch länger quälen? Arnold?«
Jetzt enthielt die dunkle Luft diesen Namen, war erlöst und leichter zu atmen.
»Bist du genug gerächt? Siehst du, ich bin hergekommen, weil ich mich deiner Verachtung ganz ausliefern wollte; weil ich deine Verachtung nötig hatte, wie ein Bad.«
Sie schrak zusammen. »Mein Gott! wenn er käme: wohin mit mir!«
Sie griff sich ans Herz, lauschte -- und fühlte das bange Lächeln wieder zergehen. Mit Seufzen:
»Wozu alles? Er hört nicht und hat längst verwunden. Man muß krank sein, um sich aus seiner eigenen Natur eine Marter zu machen. Ich habe nichts getan, was gegen meine Natur wäre.«
»Doch. Ich bin nicht Maria, die breit in ihrem Fleische lebt; der seine Freuden rein sind. Sie gehört nur ihm: die Glückliche . . . Ach nein, ich will nicht lästern, mich nicht selbst verleugnen.«
Sie atmete tief ein; ihr schwindelte; und sie fühlte sich aufgehoben.
»O Arnold! weißt du nicht mehr? Wir liebten uns, als wären wir schon auf einen jener späteren Sterne entrückt gewesen, wo das Höhere in uns sich einen eigenen Körper schaffen soll.«
Staunend bewegte sie den Kopf.
»Ich bin, denke ich deiner, ganz erfüllt vom Licht jener Mondnacht, durch die wir gingen.«
Sie hielt das Gesicht, die geschlossenen Lider einem milchigen Glanze hin.
Und sie besann sich wieder auf das Dunkel.
* * * * *
Nach kurzem Schlaf trat sie aus dem Hause, in einen frischen, perlfeinen Morgen. Zum flimmernden Himmel duftete der weiche Kranz der Berge; klar schossen die Türme hinein; und Glockenklänge wandelten den reinen Raum entlang und sprangen durch ihn hin. Aus der Pforte von Blumen, am Rande der Treppengasse, quoll Blau. Unter betendem Gemurmel entstiegen grelle Standarten der Tiefe und schlangen ihre Flammen in den blauen Tanz des Lichtes. Kleine weiße Mädchen mit wippenden Flügelchen trippelten durch die Blumenpforte; die Sandalen der Mönche schlürften unter ihr hin; der Baldachin des Bischofs neigte sich vor ihr; und Volk in seinem Herdenstaub drängte nach und stieß seine grobfrommen Stimmen durcheinander. Am Ende der Terrasse, im Tor der Klosterkirche, warteten die Nonnen, mit lichtergestirntem Dunkel hinter ihren blassen Gestalten. Die Orgel schnob und grollte. Plötzlich ward sie von Stille geschlagen; -- und das Meer ihres Tobens hinterließ nichts, als das Rinnsel eines Kindersingens.
Wie alles, was diese Luft bespülte, rein, wie die Menschen makellos waren! Diese glockentonsatte Luft, worin Seelen badeten, hatte Lola -- schrecklich fiel es ihr aufs Herz -- einst mit frechen Liebesschreien zerrissen! Sie drückte sich in die hohle Wand des Portals, empfing Staub auf Schultern und Haar, spähte von fern, als eine Unwürdige, nach dem Segen jener Gebärden und Worte und sah, darbenden Gesichtes, den Füßen der Fortziehenden zu, die an ihr Kleid stießen. Dann klappte das Tor; und wie Lola den Kopf hob, bannte sie die dunkle, fensterlose Mauer des Klosters. Kühl war sie und starr; vor unergründlicher, starrer Kühle wachte sie. Wen sie aufgenommen hätte! Wer hinter ihr vergangen wäre! Einst hatte Lola mit Haß zu ihr hinaufgeschmachtet; hätte sie stürmen wollen; hätte aus ihrem schamlosen Blut jenen eingeschlossenen Frauen solche Dinge ins Ohr sagen wollen, daß sie für den Rest ihrer Tage ihren kläglichen Frieden verlieren sollten. Jetzt wünschte sie sich selbst, so streng und unversucht unter jenen Gewölben zu enden, den Hauch des Geistes kühl auf dem Scheitel. Die Gedanken gebunden, in Gesänge und Gebete gemessen, das Träumen selbst der Nacht durch eine gebieterische Glocke zerschreckt, Stacheln in der Haut und leeres Herz: das lockte. Das Nichts lockte. Noch leben, noch am Leben sein -- und dennoch den aus der Seele verstoßen haben, dessen man sich unwürdig gemacht hatte! Den letzten Atem nach einer Richtung seufzen, wo er nicht weilte! War's Buße genug? Dann sollte es vollbracht werden.
Der Mittag drückte. Sie hielt sich kaum aufrecht und hatte doch den Kopf voll brennenden Dranges. Das Gehirn brachte die Gedanken hervor, wie aus Wunden. Die Glieder wurden, die Terrasse hin und her, durch Sonne geschleppt und durften nicht ruhen. Manchmal wandte der Blick sich, lechzend, nach dem glitzernden Streifen am Horizont, in der Lücke zwischen zwei Bergzügen. Das Meer! Es war der Ausgang und war unerreichbar. »Ich bin gestrandet. Bin ich bestimmt, hier zu enden? Ich mag nicht in das Haus dort, und kenne doch kein anderes, in das ich gehörte. Vielleicht werde ich nie mehr menschliche Gesichter sehen? Wie sollte ich dazu kommen, sie aufzusuchen!« Plötzlich schwindelte ihr's, und heftige Angst durchflog sie. »Es ist aus,« dachte sie und lehnte sich an den Pfeiler beim Haustor. Die Schwäche des Herzens dauerte noch. Lola rief nach Hilfe; aber der kraftlose Ton verging ungehört. Überwältigend weit umwogte blaue Luft ihr geängstigtes Gesicht; Quadern blendeten hart; und wie sie über sich blickte, sah ihr, vom Torgiebel herab, das entfleischte, gierige Gesicht eines Fabelvogels aus schwarzen Höhlen in die Augen. Sie ließ sich gleiten und hing, die Lider geschlossen, am Hals des Greifen, der das Tor hütete. »Also hier. Hier sterben. Warum nicht? Wohin hätte dies noch führen sollen. Nur steinerne Geschöpfe umher, und ein Himmel, der von mir nichts weiß. Genug.«
Und als sie sich ergeben hatte, kehrte ihr Kraft zurück. Sie konnte aufstehen und den Torflügel fortschieben. Ungesehen kam sie in ihr Zimmer. Lange Tage ging sie nicht aus, vermied den Anblick der Hausgenossen, sann im Halbdunkel, matt und verstrickt, den Wegen nach, die hierhergeführt hatten und den Schicksalen, die irgend einmal an ihres gerührt hatten. Mai war nun drüben, hatte Europa, die »Fremden« und auch Lola gewiß vergessen und schrieb niemals. Für Mai gab es nur körperliche Beziehungen; der Geist war nie, wo nicht auch der Körper weilte. Mai lebte im Stoff und im Augenblick; ihre Persönlichkeit zerflatterte mit den Dingen; sie war glücklich. In Lolas Leben hatte sie, nach der zweiten Trennung, gar keine Lücke gelassen; Lola dachte, da sie sich Mais erinnerte, nacheinander an ein Reiseabenteuer, an die Miene eines Mannes, an ein Kleid. Eine Masse Auftritte kehrten ihr wieder, hastige Vergnügungen, Müdigkeiten, Drang der Sinne, Zuflucht zum Gesang, das Gesicht der Branzilla, gelb und irr, mit den schwarzen Augenhöhlen des steinernen Vogels draußen überm Tor . . . Lola strich die Vision von den Lidern Sie sann beschwerlich weiter. Da war Paolo, ihr Bruder: ein Name nur, kein Gesicht, nichts, was sich vor die Seele hinstellte und befreundet lächelte. Sie verstand seine Sprache nicht, er verdiente ihr Geld, und sie hatte ihm nichts dafür zu sagen. Von anderen Verwandten, dort drüben, anderen Wesen, mit denen sie Blut gemein hatte, waren ihr sogar die Namen unbekannt. Vielleicht nannten sie zufällig einmal den ihren? . . . Auch näher bei ihr lebten Menschen, denen sie sich zurechnen durfte; die Pai lieb gehabt hatten, und um seinetwillen auch Lola! Eins nach dem andern, rief sie die Gesichter herbei: die Brüder ihres Vaters, dann jene Vettern in München. Zögernd folgten sie; und verschwanden rasch, wie unlustige Besucher, die festzuhalten man sich schämt. Lola sah bitter ins Leere. Keine Gemeinschaft. Nichts übrig, von allem Erlebten nichts, worauf sich bauen ließe. Sand rings umher: heimtückisch herabrieselnder Sand; und in der Wüste ihres Lebens nichts Menschliches. Einer war darin begraben: der, an den sie nicht denken wollte.
Kein Gesicht? . . . Da kam ein ungerufenes, schüchtern und herzlich: ein kleines gefälteltes, bittend lächelndes Altjungferngesicht. Erneste, ach ja: die war immer da. Die, der Lola die längste Zeit ihres Lebens hatte ins Gesicht sehen müssen, war ein gutes, unbeträchtliches Geschöpf aus ganz anderer Empfindungswelt, eine Bezahlte, bei der nur äußerer Zwang Lola festgehalten hatte. Sogar jetzt noch, da Erneste tot war, trug Lola es ihr nach, daß sie so viel mit ihr allein geblieben war, sich unter den immer ängstlichen, beschränkten Blicken dieser Verkümmerten hatte entwickeln müssen. »Wie viel freier und glücklicher könnte ich jetzt sein, wenn ich hätte Schauspielerin werden dürfen! O! man hat sich sehr an mir versündigt.« Die kleine Tini war's geworden, ihr war das Schicksal günstiger. Marie Gugigls kleine Schwester, die schon fast Diakonissin gewesen war, jetzt spielte sie irgendwo in der Welt Komödie. Neugier kam Lola an, nach Kunde aus solch einem Leben, aus dem, das auch ihres hätte sein können. »Und wir fühlten uns doch zueinander hingezogen. Wir verstanden uns doch.« Das schrieb sie Tini; und daß sie sie um ihre Laufbahn fast beneide. Es kämen Zeiten, wo man wünschte, man wäre wieder auf sich selbst gestellt. Übrigens sei sie mit ihren Verhältnissen ganz zufrieden, setzte sie, aus Scham, hinzu. Plötzlich fiel ihr die sonderbare Dankesschuld ein, die sie an Tini band. Tinis verstellter Brief, der es Lola ermöglicht hatte, Pardi entgegenzureisen. »Mein Gott, wie vieles liegt dazwischen! Und Tini opferte mir ihre große Backfischleidenschaft! Mit schweren Seufzern des Verzichtes hat das Kind mir nachgeblickt, wie ich dem Glück in die Arme eilte. Und nach drei Tagen ist sie damit fertig gewesen, mit dem großen Ereignis, woran ich den Rest meines Daseins zehren werde. Zu denken, daß ich beneidet worden bin!« Sie schrieb: »Und ich beneide andere nicht mehr, als sie mich beneiden. Scheint nicht jedem das wünschenswerter, was er verfehlen mußte, um zu erlangen, was ihm beschieden war?«
Der Brief ging in die Welt. Lola sann, in ihren menschenlosen Zimmern, hinter ihm her. Nun kam er an, ward Tini in die Probe getragen. Tini las ihn in der Erwartung ihres Stichwortes, steckte ihn weg und hatte ihn, bevor sie hinaus mußte, schon vergessen . . . Nein: ihre Antwort kam, am ersten Morgen, da sie kommen konnte. Tini schrieb:
»Liebe Lola. Beneide mich lieber nicht. Damit ist nicht gesagt, daß ich nicht zufrieden bin. Aber was für mich paßt, könnte Dir doch sehr wenig erfreulich vorkommen. Man darf in meiner Lage nämlich nicht so große Ansprüche an das Glück machen, wie Du, glaube ich, tust. Dir würde es, wie ich Dich kenne, nirgends genügen. Von Leuten, die in Florenz waren, hörte ich, daß Deine Ehe nicht für besonders glücklich gilt. Ich darf Dir dies, obwohl Du versuchst, Dir nichts merken zu lassen, wohl verraten: denn, wie mir scheint, unterschätzt Du doch sehr den Preis, den es mich damals gekostet hat, Dir dies Glück zu lassen. Ich hätte nämlich selbst darum kämpfen mögen und fühlte mich ganz gut dazu imstande. Denn ich bin nicht das unbeträchtliche kleine Mädchen, von dem Du Dir damals ein bißchen Gefühl schenken ließest, und an das Du sogar noch jetzt Deinen Brief richtest. Das bin ich nicht. Ich habe schwer genug gelitten Deinetwegen. Heute kann ich Dir sogar sagen, daß ich in dem See, worin Gugigl einmal bei Mondschein so schön badete, an einem nebeligen Oktobermorgen beinahe ertrunken wäre. Wozu das alles, wenn ich nicht Dich noch viel heftiger geliebt hätte, viel hingebender als ihn? Du hast darauf nicht acht gegeben, oder nur, um ein wenig mit mir zu spielen. Wir hätten uns verstanden, meinst Du? Nein, ich Dich damals auch noch nicht. Inzwischen habe ich freilich über Dich nachgedacht und mir gesagt, daß Du ein anständiger, aber liebloser Charakter bist . . . So, Lola, das konnte ich Dir nicht ersparen. Im übrigen wünsche ich Dir, daß Du Dich einlebst. Das dauert wohl manchmal lange. Auch ich habe Zeit gebraucht, bis ich ganz entschlossen meine Kunst allem, aber allem voranstellte. Wenn ich heute noch einen Mann liebe, nehme ich ihn doch durchaus leicht. Und sobald er meiner Kunst gefährlich wird, mache ich mich unerbittlich von ihm los. Die moderne Frau hat glücklicherweise ihr Schicksal selbst in Händen, und Klagen wären überflüssig. Möge es Dir wohlergehen. Mit Gruß.
Tini.«
Empört warf Lola den Brief hin. War ihre Annäherung nichts Besseres wert als dies? Dann erinnerte sie sich: »Ach ja, so waren sie dort hinten! Etwas hart vor Tapferkeit und Selbständigkeit, etwas anspruchsvoll. Noch ein wenig neu in der Freiheit und darum nicht ganz sicher im Geschmack: so waren die Frauen dort alle und natürlich auch Marie Gugigls kleine Schwester. Die hiesigen haben sich mir von solchen Seiten gezeigt, daß ich die Nachteile jenes anderen Typus beinahe schon vergessen hatte . . . Aber sie wäre fast gestorben?«
Lola nahm den Brief wieder auf.