Part 23
Dazwischen warf sie es sich vor, daß sie ihn allzu klar, ungetrübt durch ihr Herz, beurteile. »Er ahnt nicht, daß er ein Paar feindlicher Augen auf sich hat. Auch verdient er's nicht: vor unserer Heirat war er derselbe, und ich wußte es. Ich wußte, er sei brutal, ein Lump und der Gerechtigkeit unfähig. Verklärt, beinahe durchgeistigt ward das alles durch eine Art Heldentum: durch eine großartige Eitelkeit und die Bereitschaft, für jedes Nichts mit ganzer Persönlichkeit einzustehen. Sein Heldentum war eins mit seinem Temperament: und das habe ich durchgemacht, er hat es an mir abgenutzt, es ist mir verächtlich geworden. Mit dem, was übrig bleibt, heißt es nun leben . . .
Nicht er hat die Schuld. Manche andere hätte er zufriedengestellt: manches der unbewußten Wesen, denen er gleicht. Die Verantwortung ist bei mir, die voraussah. Welches meiner heutigen Leiden überrascht mich denn? Nur der fleischliche Irrsinn konnte mich vergeßlich machen; aber damals entschloß ich mich sehend zu meinem Verderben . . . Andere dürfen klagen, daß es keinen Ausweg, keine Scheidung gibt: ich nicht; ich verdiene sie nicht. Ich darf ihn auch nicht hassen: nur er mich. Er ist, und ich wußte es, der hochmütige, dumme Rassemensch, ohne Verständnis für irgend etwas, das nicht sein kleines, überlebtes Herrenrecht ist. Ich hafte nirgends (wie konnte ich mich vermessen, hier zu haften!), habe einen Fuß in jeder Welt, in jedem Volk, habe Fühler für alles, bin allem verwandt. Daß ich ihn verstehe und er mich nicht, das macht mich rechtlos . . .«
Sie hielt sich zur Geduld an, nahm seinen Zorn hin und die Geschenke, mit denen er sie, gutmütig, entschädigte.
»Du bringst mir Glück,« sagte er. »Ich habe bemerkt: wenn ich von dir komme, gewinne ich.«
Und er forderte eine Umarmung. Er war warmherziger: seine Liebe, anders als ihre, vertrug sich mit Verachtung; vertrug sich damit, daß er, den Geruch anderer Frauen noch in der Haut, sich zu ihr legte. Er schlief; sie mußte wachen und diesem fremden Geruch gramvoll nachgrübeln. Endlich: »Was will ich? Habe ich nicht gewußt, er werde sich nicht zusammenhalten können für mich? Er sei ein Abenteurer, der nach allen Seiten lebe, ein unzuverlässiger Spieler, für den nichts in Spiel oder Leben endgültig sei, und ein immer von seinen Launen gequälter Mann aller Frauen?« Als sie ihn zum erstenmal betrunken sah, sprang eine Erinnerung in ihr auf: der Leierkastenmann, der einst mit seiner feurigen Blässe den Geschichtslehrer Herrn Dietrich in ihren Backfischträumen abgelöst hatte, dem sie all ihr Taschengeld zugeworfen hatte, und der betrunken gewesen und verhaftet worden war. »Alles wiederholt sich oder erfüllt sich. Es ist bestimmt; ich muß es aushalten.« Er war gerade so unwissend wie der Leierkastenmann; manchmal rührte er sie. Er begriff nicht, warum sie für ihn erloschen sei, kämpfte knirschend, damit sie sich wieder entzünde, konnte eigens aus seinem Toilettezimmer treten, um ihr seine Muskeln und seinen Torso vorzuführen. Von einer Reise schickte er ihr sein Bildnis, nackt, mit gespreizten Beinen und die Hände auf den Hüften. Dazwischen forderte er einen Sohn von ihr. »Wo bleibt Giovannino?« Und im Frühling: »Wehe, wenn das Jahr vergeht, ohne daß Giovannino kommt!« Aber jedesmal vergaß er's wieder für lange.
Sie dachte mit Befremden und mit Widerwillen an die Möglichkeit. Ein Kind, von diesem fremden Manne? Sie konnte sich nicht vorstellen, daß durch dieses ihr gleichgültige Haus ein Kind von ihr laufen solle, ihr wahres Kind. »Es würde nicht meins sein, es würde mich nicht kennen, mich nicht lieben. Die Rasse des Mannes ist so viel stärker, sie würde mich überwältigen, noch in dem Geschöpf, das ich hervorbrächte. Es wäre seins, es würde zu diesen Fremden hier gehören. Ich will es nicht: ich will nicht die Fremden bis in meinen Leib . . .«
Kaum ertrug sie noch diese Menschen: ihre lauten, schleierlosen Gebärden und Stimmen, all das gierige Leben in den gewölbten Augen. Durch einen Salon sandte sie einen trostlosen Blick über das heimliche Aneinanderstreifen der Hände, der Wünsche, über die spöttelnde Wollust der Lippen, die sich anlächelten, über das in allen wache Geschlecht, -- und plötzlich entwich aus diesen Toiletten, diesen schlanken Fräcken ein Qualm tierischer Gerüche und erstickte sie. Und an diesem Getriebe sollte sie noch in Viareggio beteiligt gewesen sein, es durch Leidenschaft vergoldet gesehen haben? Jetzt sah sie's ohne Glorie und nüchtern. Sie mußte sehen; ihre Beobachtungen sprangen sie an, wie böse Hunde. Dem kleinen Sandrini drückte alles die Hand, und alles wußte, daß er falsch spielte. Aber seine Frau war die Tochter des Präfekten. Lola dachte: »Wenn Pardi nicht seinen Degen hätte --« Der Trappola zeigte eine Zigarettendose umher, und seine Schwester bewegte den Fächer vom Baron Bergmann, dem auch die Dose gehört hatte. Gastgeschenke. Für mehr als eine Familie waren Gastgeschenke der sicherste Teil ihres Einkommens; die Unehre der Frauen ergänzte das Glück im Spiel. Jeder gewährte allen Nachsicht. Kein Mensch fühlte hier die Nötigung, vor sich selbst ohne Flecken zu sein. Die äußere Geltung, das Übereinkommen war alles. Sie machten, bei ihrer animalischen Tüchtigkeit, den Eindruck moralisch unendlich Ermatteter. Die Spitzbüberei war bei diesen Enkeln großer Bankiers blutarm und kleinlich. In ihrem Geist schienen die Federn verbraucht; er wiegte sich, hart und platt, wie die Chaise einer zu alten Staatskutsche, auf den verjährten Ideen aus ihrer großen Zeit. Man glaubte ihnen nicht, daß sie anderswo noch dachten, als in Gesellschaft, um »Figur zu machen«, des Pompes wegen. Auch geistig waren sie arme Dandys, die zu Hause nicht aßen. Nichts erneuerte sich hier; kein Vermögen, kein Ideenvorrat. Und im Wegsehen von allem Zeitgemäßen eignete ihnen dieselbe klägliche Einmütigkeit, wie im Vertuschen ihrer Schmutzereien. Eins nur war unverzeihlich: anders zu sein. Ricchetti, dem Abgeordneten, der aus gutem Hause war, sagte man Verbrechen nach. Mußten sie nicht in Lola die Kritik spüren? »Wenn Pardi stürbe, würde man aufbringen, daß ich ihn vergiftet habe.«
Plötzlich ward die Bernabei von ihrem Gatten erwischt: mit dem Leutnant Cavà. Die Männer schossen sich ergebnislos, Cavà ward nach Sizilien versetzt. Von der Bernabei, deren elf Liebhaber jeder herzählen konnte, zog sich von heute auf morgen alles zurück, ihre Eltern mit den übrigen, samt ihrer Schwester, die genau aussah wie sie und statt elf nur neun Liebhaber gehabt hatte. Ihr Mann setzte ihr ein Monatsgeld aus, unter der Bedingung, daß sie auf dem Lande lebe. Lola ging zu ihr: so sehr empörte sie die allgemeine Heuchelei. Diese Frau war die letzte Geliebte Pardis vor seiner Heirat gewesen; sie und Lola hatten eine feindliche Anziehung füreinander gehabt: -- nun schämte Lola sich, sie am Boden zu sehen. Sie konnte nicht ganz schlecht sein, wenn Cavà, der anständigste von allen, sie geliebt hatte. Cavà kam, um Abschied zu nehmen. Lola fragte ihn geradeaus:
»Sie müssen die Gräfin sehr geliebt haben.«
Er schlug die Augen nieder.
»Und wenn auch nicht,« sagte er dann. »Jetzt muß ich ihretwegen in die Verbannung, mehr kann sie nicht verlangen.«
Schmollend und mit knabenhaftem Erröten:
»Leid tut sie mir . . .«
»Mir auch, -- und ich möchte es ihr sagen.«
»Um Gottes willen! Wie können Sie mit der Frau noch verkehren!«
. . . Und der war der Anständigste! Lola ging sogleich zu ihr, hinter die Ringallee, in die halbbebaute Vorstadtstraße, am Rande eines Scherbenfeldes. Alles stand weit offen; niemand zeigte sich; und mit Mühe gelangte Lola durch das wackelnde Gerümpel über den Flur. Ein armer Salon, die Wände volkstümlich bemalt, wie in einer Kneipe; und nichts darin als ein Damenschreibtisch, eingelegt, bedeckt mit Gegenständen aus Silber, und auf einem Samtkissen darunter ein Mops: der Mops des Hauses Bernabei. Lola mußte husten von dem scharfen Mauergeruch.
»Contessa!« sagte darauf eine einladende Stimme. Die arme Verwandte der Hausfrau watschelte herein, mit demselben schiefen Kopf, mit dem sie die Honneurs des Palazzo Bernabei gemacht hatte.
»Setzen Sie sich doch, Contessa . . . Ach Gott, kein Stuhl!« -- und bestürzt ließ sie ihre frisch gestärkte Frisierjacke los, die sich auftat. Ein wulstiges Gewoge, in ergraute Leinwand gewickelt, ward sichtbar. Sie eilte nach Sitzen. Lola trug selbst einen Strohstuhl herbei.
»Wir wissen es sehr zu schätzen,« sagte die Alte, »daß Sie sich für unser neues home interessieren. Auch meine kleine Nichte weiß es zu schätzen. Da kommt sie.«
Die Bernabei blieb in ihrer eleganten Matinee vor der Tür stehen.
»Stefano! Diomira!« rief sie rückwärts ins Dunkel. »Hier versperren Sachen den Weg.«
Da niemand antwortete, trat sie mit Achselzucken ein.
»Sie wissen wohl, Contessa, die Dienstboten . . .«
Lola stimmte rasch und verlegen bei. Es eilte ihr, über dieses, wahrscheinlich gar nicht vorhandene Gesinde hinwegzukommen. Aber die Bernabei fuhr fort und ordnete, wie sie sich auf den Strohstuhl setzte, sorgfältig ihre Falten:
»Was sagen Sie zu der Wohnung? Mein Gott, die Auswahl war in diesem Augenblick natürlich nicht groß.«
»Sehr hübsch,« brachte Lola hervor.
»Ich hoffe, ich werde hier meinen Kreis empfangen können.«
Lola verstummte. Die Lider der Bernabei klappten, auch heute rot geschminkt, auf und zu über den kleinlich besorgten Augen.
»Wer hat Ihnen das Kleid gemacht?« fragte sie.
Und Lola sah entsetzt von ihr zu der Verwandten. War diese Frau durch ihr Unglück verstört? Nein: sie hatte dieselben Augen; jedes blaßblonde Haar lag an seinem Platze. Diese ärmliche Korrektheit, während Empörung sie hätte zerreißen müssen! »Du mußt doch fühlen . . .« wollte Lola sagen. »Heuchle nicht mit mir! Was liegt daran. Du denkst weder an mein Kleid noch an deinen Kreis.« Sie entschloß sich:
»Ich komme, Ihnen zu sagen, wie ungerecht ich Sie behandelt finde.«
Die Bernabei sah sie zwinkernd an. Weinerlich:
»Sagen Sie das nur! Eine Unschuldige so zu verfolgen!«
»Wenn das nicht abscheulich ist!« ergänzte die Verwandte. Lola, betroffen:
»Sie hätten sich nichts vorzuwerfen?«
»Aber gar nichts. Ich werde verleumdet.«
Die Verwandte half nach:
»Schändlich verleumdet. Das Kind ist rein wie ein Engel.«
Der künstlich in die Länge gezogene Ton der Bernabei, das falsche Gegreine der Alten widerten Lola an.
»Immerhin erzählt man manche Einzelheiten. Auch sollen Sie alles eingestanden haben.«
»Was man mir abgepreßt hat. Konnte ich mir denn noch helfen?«
»Eine wehrlose Frau!« klagte die Verwandte.
»Ich möchte Ihnen glauben. Ob Cavà lügt? Wozu aber? Ich sage Ihnen offen: er war bei mir, um Abschied zu nehmen.«
Die Bernabei fuhr auf.
»Ah! er geht umher und schwatzt.«
Und sie brach in unschönes Weinen aus. Der Mops unter dem Schreibtisch stand auf und knurrte. Die Verwandte tröstete:
»Arme Kleine, sieh mich an, du hast noch Freunde.«
Die Bernabei hob das Gesicht aus den Händen.
»Wie gut, daß wir sein Kissen mitgenommen haben!«
Sie sah sich im leeren Zimmer um.
»Wenn nur er sein Kissen hat!«
Der Mops schien sich dasselbe zu sagen. Er drehte sich mehrmals auf seinem Samtpolster um und ließ sich darauf zurückfallen. Die Verwandte schüttelte den Kopf.
»Wir werden hart bestraft, unser Unglück will es. Und doch hätte es gut ablaufen können.«
»Ob es gekonnt hätte!« -- und die Bernabei belebte sich. »Ich bin ein Opfer der Männer, ihrer Dummheit und ihres Eigennutzes. Wegen einer Zigarre, verstehen Sie: wegen einer Zigarre verfeindet mein Mann sich mit Attilio und beschließt, uns zu überraschen! Als er dann mit der Polizei herbeirückt, will der Himmel, daß meine Jungfer ihn rechtzeitig erblickt und uns warnt. Ich verlor nicht die Besinnung, ich habe mir nichts vorzuwerfen! Gleich wußte ich, was zu tun sei, und wäre man mir gefolgt, wäre alles gut gegangen. Ich befahl der Diomira, ins Kabinett zu treten. >Der Leutnant<, sagte ich, >wird mit dir gehen. Du schließt ab, und verlangt man, daß du öffnest, zeigst du dich mit emporgehobenen Röcken im Türspalt. Man wird deine Zurückgezogenheit achten . . .< Es war die Rettung, und es war so einfach. Werden Sie glauben, daß dieser Cavà sich weigerte? Er fürchtete, sie möchten ihn dennoch entdecken, und lieber als an solchem Orte, wollte er in meinem Schlafzimmer gefunden werden! Die Lächerlichkeit scheute er, und doch handelte sich's um die Ehre einer Frau!«
Die Verwandte verdrehte die Augen.
»Was für Männer heutzutage! Ihr wäret so sicher durchgekommen . . .«
Sie verbreitete sich über die Lage der Örtlichkeit, an die die Rettung gebunden gewesen war. Lola hielt nicht mehr aus.
»Und wenn schon. Wären Sie auch durchgekommen: Sie wären doch nicht weniger schuldig, als Sie sind! Und heute, da man Sie überrascht hat, sind Sie doch nicht verwerflicher, als gestern, da man noch tat, als wüßte man nichts.«
»Das ist ein Unterschied,« sagte die Bernabei, mit gedrücktem Lächeln.
»Ihr Gatte wußte darum!« rief Lola. »Ist es nicht empörend, daß er Sie opferte, nur weil er sich mit Ihrem Liebhaber gezankt hatte?«
Die beiden Frauen wehrten mit kundigen Mienen ab. Aber Lola war im Zuge.
»Empört Sie's denn nicht, daß jetzt plötzlich alle jene Frauen Sie verleugnen, die Ihre Schuld längst kannten, und deren eigene Vergehen jedem bekannt sind?«
Die beiden warfen sich einen Blick zu.
»Wen meinen Sie?« fragte zögernd die Verwandte.
»Wen sollte ich meinen? O! mich ersticken hier Ungerechtigkeit und Heuchelei.«
Und da sie sich von den kalten Augen der Bernabei beobachtet sah, als redete sie irre:
»Sie fühlen wirklich nicht Menschenwürde genug, um sich zu empören?«
Unvermittelt fiel jene wieder in Heulen. Der Mops knurrte wieder, aber ohne sich vom Kissen zu bemühen. Die Bernabei wimmerte:
»Bedenken Sie, wie wenig fehlte, und alles wäre gut gegangen!«
»Allerdings«, sagte Lola, beschämt, weil sie hier saß. Die Bernabei ordnete ihre beringten Finger im Schoß, lehnte sich zurück und vernichtete in ihrer Miene jeden Ausdruck. »Richtig: man muß vor allem sein Gesicht schonen,« dachte Lola. »Solange es hübsch bleibt, ist nichts verloren. Man hat keinen Erfolg gehabt und ist dafür mit Recht bestraft worden. Aber was kann man am Ende mehr wünschen, als eine gute Schneiderin und ein Zimmer voll von Anbetern. Schließlich darf es auch dies Zimmer sein. War man im Grunde nicht immer schon, was man jetzt ist? Die Veränderung ist fast nur äußerlich . . . Da sitzt sie, zurechtgemacht, als wartete sie auf Männer. Die andere hat schon jetzt etwas von einer Kupplerin.« Plötzlich fiel ihr ein, daß die Bernabei dorthinten Kinder zurückgelassen habe. Sie fühlte Tränen kommen und stand hastig auf.
»Sie gehen also nicht aufs Land, Contessa?«
»Es wäre nicht der Mühe wert. Mein Mann ist im Begriff, sich zu ruinieren; er würde mir die Pension nicht lange auszahlen. Lieber vermiete ich gleich Zimmer.«
Die Verwandte sagte:
»Sie, Contessa, die Sie viele Fremde kennen, bitte, empfehlen Sie uns!«
* * * * *
Schon tags darauf kamen aus ihrem Gespräch mit der Bernabei entstellte Bruchstücke zu Lola zurück. Sie hatte der Verurteilten recht gegeben. Sie hatte Namen von solchen genannt, die auch nicht besser seien, und erklärt, daß sie die Geopferte rächen wolle. Am Nachmittag, im Salon Valdomini, begegnete sie entsetzten Blicken. Sie ward umschmeichelt: auch von Männern; und nicht nur von den Liebhabern, auch von den Gatten derer, die Enthüllung zu fürchten hatten. Ganz übel vor Verachtung, schloß sie sich ein. »Ich werde mich nicht hineinfinden,« sah sie. »In der Fremde ist alles Feind, und ich bin in jedem Lande fremd.« Sie hatte Tränenkrisen. Sie fühlte sich erstickt, riß das Fenster auf; die dumpfe, schmutzige Regenluft schlich ihr entgegen, und sie meinte, Ungerechtigkeit und Heuchelei griffen ihr an den Hals. »Und ich hatte, den gestrigen Schritt zu tun, kein Recht. Ich bin Pardis Frau, er muß aufkommen für das, was ich mir erlaube. Habe ich nicht, als ich ihn heiratete, seine Welt zu meiner gemacht? Wie will ich, ein losgelöstes Geschöpf, durch keine Gemeinschaft gerechtfertigt, diese Welt hier richten! Sei sie, wie immer, sie ruht doch in sich und ist zufrieden. Die Miene der Bernabei! Ich hätte ihr von den Gebräuchen ferner, wilder Inseln sprechen können . . . Ich will allein bleiben, allein.«
Pardi begriff nicht, warum sie ihn nicht sehen wolle:
»Ich bitte dich, Lieber, laß mir das Schlafzimmer allein! Mir ist nicht wohl. Siehst du nicht, wie ich häßlich geworden bin?«
Er fuhr auf.
»Schon wieder Launen?«
»Ich versichere dir: ich bin krankhaft gereizt; ich habe Übelkeiten. Ich würde dich stören.«
Und er, plötzlich sehr sanft:
»Ist es so weit? Giovannino?«
Sie griff sich ans Herz.
»Nein! Das nicht!« stammelte sie, entsetzt und flehend.
Er sagte überzeugt:
»Schämst du dich nicht? Dieser Ton ist empörend von seiten einer Mutter, oder von einer, die es sein sollte!«
Er faßte hinter sich, durchs offene Fenster, nach der Grafenkrone, die an der Hauswand schwebte. Er klopfte den runden Arm des Majolikaengels, der sie hielt. Mit Nachdruck:
»Nur über dem Haupte einer Mutter tragt ihr sie! Andernfalls --«
Im Fortgehen, über die Schulter hinweg, stieß er den Refrain aus:
»-- geh nur zu dem Tor wieder hinaus, durch das du gekommen bist!«
Sie lehnte sich ans Fenster und sah starr hinunter auf den blanken, frommen Kopf der Madonna, die die Verkündigung vernahm. Eine wehmütige Eifersucht beschlich Lola . . . Sie schüttelte sich, sie trat vom Fenster weg. Aber ein Drang ängstete sie heimlich, nach der Frau, die die Botschaft empfing. Zu Fuß verließ sie das Haus, nur um gegenüber sich ungesehen in einen Flur zu stürzen und hinzuspähen. Da knieten sie, links und rechts des Torgiebels, in ihren spiegelnden Gewändern und beide mit zusammengestellten Handflächen, die Jungfrau und der Engel: er stürmisch hingeworfen, sie geordnet und still, als habe sie ihn erwartet. Die Lilien und die Rosen waren ihrer Mutterschaft zu Ehren schon entsprossen, die bunten Vögel sangen ihr schon, und schon hoben die Kinderengel über ihr Haupt die Krone. Bis unter die Fenster des zweiten Stockwerkes war das weite alte Haus bedeckt mit der Schaustellung der Mutterschaft, mit ihrer Verklärung. Ihr, der Mutter, gehörte es. In ihr vereinigten sich alle die Frauen, die je in diesem Hause ein Kind erwartet hatten. Und noch immer erfüllten und bewachten sie es, waren sie seine Herrinnen. Nicht die Einsame, Unfruchtbare war's, die sich sträubte, zu empfangen und allein bleiben mußte. Als sei sie daraus vertrieben, mied Lola das Haus. Im Dämmern erst schlich sie sich hinein, tastete durch die dunkeln, dumpfen Säle des ersten Stockwerkes und öffnete die Tür nach dem schmalen Balkon. Da stand sie nun zwischen den beiden, die größer waren als sie, deren Züge und Gebärden so viel kerniger waren, und die ihrer nicht achteten. Lola mußte die gesenkten Lider der Jungfrau mit dem Finger bestreichen, mußte in das kleine tiefe Ohr spähen, durch das die Botschaft ging . . . Ganz still war's in der alten Straße. Die Rosen und Lilien sprossen umher, um sie drei; die Flügel des Engels zitterten noch vom Fluge. Da setzte seine Stimme ein: seine glockenhafte, unerbittliche Stimme, und verkündete. Wild erschreckt warf Lola die Tür zu.
Sie lehnte an dunkler Wand, und ihr Herz schlug laut. Die eiserne Laterne zu Füßen der Jungfrau knarrte. Ihr ward Licht gemacht, indes Lola im Dunkeln Furcht litt. Dann fiel von drüben ein weißer Schein in den Saal. Lola seufzte auf und wandte sich. Da waren sie! Da blickten sie von den Wänden, die Frauen, die in diesem Hause ein Kind erwartet hatten! Feindliche Neugier zog Lola zu ihnen. Welche ruhigen Tieraugen, immer dieselben: in gepuderten Locken oder zwischen glatten Haarbändern, immer dieselben. Aus so vielen Häusern der Stadt diese Frauen in dies Haus gezogen waren, sie glichen einander im Blut. Umringt von ihren Blutsverwandten, hatten sie ihr Kind geboren und aufgezogen, hatten es in ein anderes Haus verheiratet, und der Strom unverfälschten Blutes war gelassen ein- und ausgeströmt. Von den Männern trug keiner die Schönheit Pardis. Aber ihre härteren Gesichter waren nur das strenger bewahrte Gefängnis derselben Leidenschaften; und wenn Lola ihnen lange in die Augen sah, traten in alle die Begierden, die sie kannte. Sie atmete bedrängt. Diese alle wollten sie überwältigen; sie forderten von ihr das Kind: das Kind, das sie dem Hause schuldete! . . .
Da sah einer sie an: ein Jüngling, fast ein Knabe, mit weichen, traurigen Haaren über dem hohen weitoffenen Tuchkragen, den gepufften Ärmeln des Fracks. Auch aus dieses Knaben weißem Gesicht stand, wie bei den andern, der Mund feuchtrot hervor und fleischig; aber dies Fleisch schien zu seufzen über sich selbst. Die braunen, gewölbten Augen betrauerten es, untröstlich. Und die Stirn, die sanfte Wange neigten sich dem Schatten zu, als wollten sie sich ganz von ihm überziehen lassen. Lola sah ihn in Schatten dahin gehen, den Kopf noch halb zurückgewendet, und doch schon fremd dem Hause, über dessen Schwelle er hinwegtrat, und der Straße, ihren Fenstergittern, Fackelringen und Steinbildern, und den Brücken mit dem Geräusch der Buden, und dem Domplatz und den schön geschminkten Frauen darauf, deren Augen ihm winkten und die er nicht ansah. Letztes Abendgold beglänzte schwach die Hügel; und zwischen ihnen, auf Steinen, an einem Pfad den niemand schritt, fand er eine arme Frau, eine arme, häßliche und fremde Frau, die keine Gemeinschaft hatte und ihres Weges müde war. Er legte sich zu ihr auf die Steine; er folgte ihrem Weg mit ihr; und er bekam ein schönes Kind von ihr: ein schönes, heiteres Kind von der traurigen und häßlichen Frau. Lola gab ihm, ohne darum zu wissen, einen Namen: dem Kinde und seinem Vater, -- indes sie, den Kopf gesenkt, aus dem Saal, die Treppe hinauf und in ihr Zimmer ging.
* * * * *
Seit sie sich nicht mehr blicken ließ, suchten täglich Freundinnen bei ihr einzudringen. »Sie fürchten mich. Claudia ist die einzige, der an mir liegt. Nur sie will ich sehen.«
Claudia kam zögernd herein.
»Hast du etwas gegen mich?«
Und als Lola lächelnd den Kopf schüttelte, schnellte Claudia ihr, aufjubelnd, an die Brust, drängte, rieb und schmiegte sich, ein warmes, liebebedürftiges Tier. Ihr Gesicht hatte vor Traurigkeit in lauter kleinen matten Polstern herabgehangen, und auf einmal war es ganz fest und klar vor Glück.
»Wie schön, daß du mir nicht böse bist! Ich habe dich so lieb!«
»Und ich bin froh, daß ich dich habe, Claudia. Ich fühle mich oft sehr allein und traurig.«
»Und dann liest du und machst dich damit noch trauriger. Man soll nicht lesen: noch dazu dies.«
Mit tiefem Mißtrauen in jedem ihrer Kinderfinger, faßte Claudia das Buch an.
»Das ist deutsch? Du verschließt also deine Tür und liest deutsch. Das heißt, du willst mit uns allen nichts mehr zu tun haben. Du bist mit uns fertig, du findest uns falsch und äußerlich.«
Von unten, schlau und ruhig:
»Ist es nicht so?«
Lola zog die Wange der Freundin an ihre.
»Ah, du willst nicht, daß man dir in die Augen sieht! Aber ich weiß alles. Das Unglück der Bernabei hat dich empört, denn du bist eine ehrliche Deutsche. Du stehst nicht, wie sie sagt, auf ihrer Seite: hat sie doch ihren Mann betrogen, und das ist schlimm. Aber wir dürfen keinen Stein aufheben, meinst du. Wir sollen selbst erst ehrlich sein, meinst du, sollen uns von unserm Manne trennen, bevor wir einen Liebhaber nehmen. Ist es nicht so?«
»Was du alles weißt!« -- und Lola liebkoste das eifrige Gesichtchen. Unter ihrer Hand bewegte es sich, wechselte, und was Claudia so feierlich enthüllt hatte, sah nun aus wie ein Witz.
»Wie du mich verstanden hast! Und wie du es gut sagst, mit deinem rollenden und singenden neapolitanischen Munde!«