Part 20
»Nein, Sie können nicht allein reisen, ich komme mit Ihnen.«
Mai erwiderte:
»Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich es nicht wünsche.«
Er erklärte Mais Bedenken für lächerlich; Lola selbst gab zu, sie nicht einzusehen. Aber Mai zeigte sich, zum ersten Male, stark; sie trotzte dem drohenden Auftritt.
»Sie werden Lola immer für sich allein haben. Ich werde mich nach Amerika zurückziehen.«
Pardi lief plötzlich davon. Er erschien nicht am Bahnhof.
»Was hat er?« fragte Lola.
Mai weinte schon wieder.
»O, mir macht es nichts;« -- und Lola, zart gestimmt, tröstete. »Mich freut es, daß du erreicht hast, was du wolltest.«
Mai sah sie, durch ihre Tränen, mit rätselhaftem Entsetzen an.
* * * * *
Zu der Bossi sagte Lola:
»Jetzt brauchen Sie mir keine Rastaquouèrepreise mehr zu machen: ich werde zu den Damen der Stadt gehören.«
Die Schneiderin riet sofort richtig.
»Contessa Pardi! Da wäre es aber eine Beleidigung, wenn ich meine Preise herabsetzen wollte.«
Das Glück, in Stoffen zu wühlen, sich im Geiste mit ihnen zu schmücken, sie vor dem Spiegel um sich her zu legen, belebte Mai. Sie sprach nicht mehr klagend, sie gestand, Lust nach einem sehr guten Diner zu haben. Am nächsten Morgen ließ Lola sich Paolos ungewöhnlich hohen Check auszahlen. Allein spazierte sie durch die helle, feine Stadt, die ihr zulächelte, ihr all ihre Eleganz, all ihre unbesorgte Sonne anbot. »Die Tosca! Schon jetzt, anfang September: welch Glück! Also heute Abend die Tosca.« Ein Romantitel lockte sie an; und auf der Hotelterrasse, zwischen zwei Sitzungen bei der Bossi, las sie. Unter ihr wurden Blumen ausgerufen und warmer Duft stieg herauf. Der Fluß wiegte sich, hinter den im Dunst zerschmolzenen Brücken, golden und frei, zu glücklichen Hügeln hinaus. Glücklich war doch jener Sommer gewesen, dort zwischen den Hügeln! Straßen, einst fröhlich beschritten, fielen Lola ein; eine mündete plötzlich bei einem Landhause in Fontainebleau, mit einem jungen Menschen, von dem sie geliebt worden war. Der Arme! Wie leidenschaftlich hatte sie selbst eine Woche lang die Giannoli geliebt, nach jenem Abend in Brüssel, als sie die Euridike sang! Sie hatte sie besucht . . . Die Blumen, die sie ihr brachte, ähnelten einer, die am Rande eines Abgrunds in den Pyrenäen stand. Ein ganz schmaler Pfad führte hinab, und vor dem letzten Schritt war Lola entsetzt umgekehrt . . . Sie lächelte, ohne zu wissen, wo sie war, in die Sonne hinaus. Aufschreckend: »Aber ich bin wahnsinnig, daß ich heirate! Will ich denn alles, alles aufgeben? Was habe ich heute mit meiner Zeit getan? Ich bin gewohnt, sie zu verschwenden, und künftig soll ich unter Vormundschaft stehen. Es ist so selbstverständlich, daß es schlimm werden muß. Ja: und grade, wenn etwas gar zu selbstverständlich ist, kommt ein Zeitpunkt, wo man davon absieht . . . Pardi ist mir bekannt; aus dem, was ich mit ihm schon erlebt habe, kann ich alles Kommende ableiten. Über nichts werde ich mich zu beklagen haben, ich werde es gewollt haben . . .« Und in Hast: »noch kann ich mich retten!«
Aber sie zerriß den begonnenen Absagebrief. Denn wie sie ihm den Irrtum des Geschehenen klar zu machen suchte, fand sie vielmehr auf den unvermeidlichen Weg zurück, der hierher geführt hatte. Da Silva und die vor ihm, waren an diesem Wege die Leidensstationen. Bei dem ersten biß man noch die Zähne zusammen und kam durch. Pardi war grade dort, wo man hinfiel. »Sein Unglück: auch seins; denn natürlich brauchte er eine Frau, die ihm schmeichelt und ihn betrügt. Aber ich kann ihm nicht helfen. So wenig wie mir. Wirklich, ich gehe sehend in alles hinein. Ich habe mein Blut zu büßen.«
* * * * *
Mai ließ sie zu sich bitten. Es war die flaue Vorabendstunde; man ist vom Tage verbraucht und entbehrt noch die Anregungen des Abends. »Um diese Zeit sollten wir uns in Ruhe lassen. Aber Mai begreift nicht, warum sie sich schlecht fühlt, und muß mit allem heraus.«
Mai lag auf dem Diwan und hatte wieder geweint.
»Ich habe nachgedacht,« sagte sie wichtig, »und gefunden, daß du nicht für ihn paßt. Meine Mutterpflicht will, Lola, daß ich dir von dieser Heirat abrate.«
»Danke für deine gute Absicht, Mai, aber es ist zu spät.«
»Soll ich ihm schreiben?« -- ganz rasch; und da Lola stutzte, mit leidender Stimme:
»Ich sehe nämlich voraus, daß ihr beide unglücklich werdet.«
»Das ist wohl niemals ausgeschlossen, Mai.«
»Bei euch aber ist es beinahe sicher . . . und --«
Mais Stimme hörte sich plötzlich gereizt an.
»Die Schuld wirst du haben mit deinen modernen Ansichten.«
»Oder er mit seinen veralteten. Aber vielleicht geht es auch gut.«
»Er ist so wie ein Mann sein muß . . . Aber du brauchst einen, der sich zu deinem Kameraden hergibt. Denn, nicht wahr, du möchtest seine Kameradin sein? Sage, wie wäre es denn mit jenem Deutschen: du weißt schon, welchen ich meine. Ich bin sehr betrübt, daß ich nicht früher daran gedacht habe.«
»Du kannst sicher sein,« -- und Lola lächelte, »daß ich auch das bedacht habe. Pardi ist trotz allem der, den ich brauche.«
»Du willst also deinen Entschluß nicht ändern?« -- mit flehendem Augenaufschlag und gerungenen Händen. »Ich rede zu deinem Besten. Du verstehst nicht viel. Du hast nicht viel Talent, eine Frau zu sein. Ich rede zu deinem Besten . . .«
Aber Mais Ton ward immer rachsüchtiger.
»Du glaubst wohl, in der Ehe erweise man sich Gefälligkeiten. Du weißt also nicht, daß sie ein genaues Geschäft ist, bei dem der Mann sein Vergnügen von uns möglichst billig zu bekommen sucht. Dein Vater hat mich um das Meinige betrogen. Ich hätte von ihm viel, viel mehr Diamanten und Pariser Hüte verlangen sollen. Reisen hätte er mich machen lassen sollen. Ich war unerfahren und er nutzte mich aus. Jetzt hasse ich ihn: daß du's weißt, ich hasse ihn! Es reut mich, daß ich ihn damals nicht betrogen habe. Er würde verdienen, daß ich ihn noch jetzt betrüge, -- mag er mir auch erscheinen.«
Und aus verzerrtem Gesicht, grotesk wie ein böses Kind, stieß Mai mit ihren ganz schwarzen Blicken nach Lola.
»Schade,« sagte Lola und zog sich zurück. »Ich konnte das wohl vermuten; aber daß du es aussprichst, macht mir's noch schwerer, eine Frau zu sein.«
Plötzlich schluchzte Mai krampfhaft in ihre beiden Hände.
»Geh' nicht fort! Du ahnst nicht, was ich leide!«
»Was denn, Mai?« -- aufzuckend von Mißtrauen. »Was hast du?«
Mai nahm die Hände vom Gesicht, das tief errötet war.
»Du wirst hoffentlich nie erfahren, wie sehr ich leiden muß, weil ich deine Mutter bin.«
Lola prüfte sie, ungläubig. Mais schmerzvolles Nicken fand sie theatralisch und hob leise die Schultern. Mai, die die Liebhaber mit den Badeorten wechselte!
»Der Verzicht sollte dich wirklich so viel kosten?«
»Es gibt etwas, das mich mehr kostet,« sagte Mai, noch rätselhafter.
Und nach einer Pause, sehr bedeutsam und mit Stolz:
»Was ich getan habe, geschah alles für dich, und was du künftig bist, wirst du alles durch mich sein!«
Lola sah zu so viel Feierlichkeit keinen Grund. Sie brach ab.
»Wir müssen zur Bossi.«
»Gut,« sagte Mai und schmollte schon wieder; »aber ich begreife nicht, was dies schöne teure Brautkleid soll. Niemand wird es sehen, außer den jungen Leuten, die euch als Zeugen dienen. Warum mit der Hochzeit nicht warten, bis die Gesellschaft wieder in der Stadt ist. Wozu diese Heimlichkeit und Eile.«
»Ich weiß nicht . . .«
Lola sah verwirrt umher.
»Vielleicht habe ich genug gewartet?«
* * * * *
Sie ward getrieben von der Hast des schlechten Gewissens. Wie sie endlich mit Pardi allein im Schnellzug saß, fürchtete sie, von Bekannten ertappt zu werden, und zugleich forderte sie den Zufall heraus. »So,« dachte sie, »muß einem anständigen jungen Menschen zumut sein, dem es einmal passiert, daß er mit einer Dirne auf Reisen geht.« Sie hätte Champagner verlangen, den Mann dort küssen mögen, und wagte vor Befangenheit kaum den Kopf zu wenden. Pardi rauchte und lächelte ihr siegesgewiß zu.
Als sie sich von ihm in den Wagen heben ließ, dessen kleines Pferd nicht stehen wollte, schlugen ihr die Zähne aufeinander. Unter dem Mantel des Mannes, in seinem Arm: so jagte sie in die dunkle Campagna hinein. Manchmal flirrte fieberhaft in nächtlichen Gärten ein Haus, von Sternenlicht weiß. Manchmal fiel einen, wie ein Räuber, ein schwüler Duft an und blieb, wie von einem Hufschlag getroffen, am Wege liegen. Jetzt hingen nur noch wenige schwere Gestirne tief herab auf das verödete Land, -- dessen ganze wilde und schlaffe Schwüle Lola durchdrang, wie die Lippen des Mannes sich auf ihrem Hals zerdrückten.
Pardi und der Kutscher stiegen ab; ein Büffel lag auf die Straße gewälzt. Dann hallte über ihnen der Bogen eines Aquäduktes und dröhnten unter ihren Rädern die römischen Lavaquadern. Bei einem Brunnen, der seinen geschweiften Giebel, sein Muschelbecken und seine trinkenden Putten, wie ein heroischer Dandy, gegen die Einöde behauptete, rasteten sie. Pardi befahl, das nasse Pferd zu bewegen. Als hinter dem Wagen die Dunkelheit zusammenfiel, fing Lolas Herz zu klopfen an. Sie wartete. Ihre und des Mannes Hände trafen sich und erschraken. Da riß er sie an sich.
Lola atmete ungeregelt und lachte, als sie wieder einstiegen.
»Können wir nicht bis ans Meer fahren, Liebling? Jetzt möchte ich das Meer sehen.«
»Ans Meer? Wir sind gleich zu Hause.«
»Zu Hause? Wo?«
Wie durch ein dunkles Abenteuer taste man dahin, liebte einander, ohne einer des anderen Augen erkennen zu können, und hatte in aller Überreiztheit das Gefühl, man schlafe.
Was kam nun? Langsam stieg es in dicke Mauern hinein. Ein Städtchen hängte darüber seine langen, wilden alten Häuser, schickte sie, schlaftrunken und voll Wirrsal, den Berg hinan. Auf einem gewalttätig gewinkelten Platz hielt ihr Wagen; düster wuchtete der Dom herab; -- und sie stiegen, der Arm des Mannes um Lola, zwischen lagernden Ziegen über die Treppengassen. Aus einem verschlossenen Hause ein Lachen machte, daß sie auseinanderfuhren und, noch fester beisammen, auf der niederen Mauer die Gesichter ins Weinlaub drückten. In schattig erstickten Kissen sahen sie es sich hinabbiegen und zergehen in der heißen und schweren Tiefe, deren Atem mit verhaltenen Stößen an ihre Lippen prallte.
Und ganz oben -- der Mann trug sie über die letzten Häuser hinaus -- der vergitterte Palast, von Greisen bewacht, in seiner Verwilderung und seinen Wunden. Und jenseits der bröckelnden Schwelle das Echo aus weitem Dunkel, und dahinten am Fuß der Treppe ein Licht, so dünn, daß nur des Alten, der es hielt, magere Halssehne aus dem massigen Schatten sprang. Und über ihren Mosaikböden die leeren Säle, in deren Wänden einmal ein bleiches Gesicht sich entblößte, als heulte es auf; aus deren Decken einmal ein dunkles Gefunkel fiel, wie ein vergangener Dolchstoß. Und, am Ende, das Gemach, eingeengt von mächtigen, ineinander verfleischten Leibern, deren es voll schien, die durch die weiten Fenster und zur Tür hinausquollen und die Wildnis des schwarzen Gartens durchtobten . . . Schwindlig von Gesichten, fühlte Lola ihre Kleider gelöst, sich umgewendet, gezogen, hingerafft.
»Laß, daß ich mein Haar öffne!«
»Meine Göttin!«
»Wer sieht uns zu, hinter der Bettsäule, am Spalt des Teppichs?«
»Warum erschrickst du? Ich bin da. Fühlst du mich?«
Aber nach Stunden, jenseits der Traumgrenze, funkelten wieder die gelben Augen der Faune, die mit ihren gespaltenen Hufen über die Schwelle der Gartentür stapften und das Bett umstellten.
* * * * *
Sie stand auf, bevor er wach war, wagte nicht das Zimmer zu verlassen, sich nicht zu zeigen, und saß, mit der Schulter nach dem Bett, unbehaglich auf dem zerrissenen Gobelin eines Prunksessels. Ohne darauf zu achten, hatte sie ihre Toilettesachen wieder in die Tasche gelegt und hielt die Hand darauf. Sie sann verstört. Hinter ihr gähnte es und warf sich's herum.
»Komm!« lallte er.
Sie sprang auf und flüchtete in den Garten. In kurzem, sah sie, verlief er auf den kahlen Berg. »Ich möchte fort,« dachte sie. Da erinnerte sie sich jener Nacht in Deutschland, als sie, wie spielend, auf und davongegangen war und er sie eingeholt hatte. Sie ging das Haus entlang und betrat durch eine zweite Tür eine Galerie, worin der Alte von gestern den Tisch deckte. Er legte langsam hin, was er hielt, und verneigte sich; und während sein Kopf auf der Brust lag, errötete Lola. Sie nahm einen Korbstuhl, verließ ihn wieder, wechselte mehrmals den Platz. Ihr Kleid, merkte sie plötzlich, bekam einen roten Saum vom Fußboden! Sie wollte sich auf eine der seidenen Bänke setzen, sich an eine der goldenen Konsolen lehnen: und Staub flog auf. Unter dem Sofa drüben sah sie ihn geballt, wie Watte.
»Das Schloß ist wohl sehr alt?« fragte sie den Diener.
Sofort setzte er ein mit einer Aufzählung von Daten, Namen, Gegenständen, als führte er Fremde umher.
»Auch ein römisches Mosaik? Das will ich sehen.«
Sie erreichte nicht die Tür: eine Frau in schwarzem Kleid trat ein, groß und dunkelhaarig, noch schön trotz gelber, müder Haut, und starrte Lola finster an, -- bevor sie, als besänne sie sich, sehr freundlich ihre Dienste anbot. Lola antwortete, aus Verwirrung, mit entgegenkommendem Lächeln. Durcheinander fragte sie die Frau, wie sich's hier lebe, was denn ihr Mann jage, wie alt ihre Kinder seien . . . Da sah sie über dem Kamin, auf der Lockenperrücke des bronzenen Reiters, eine ganz in Staub gewickelte Haarnadel. In ihr zuckte es auf. »Natürlich! Sie gehört zu seinen Geliebten. Eine andere hätte das gleich gesehen.«
»Nein, ich brauche gar nichts, Sie können gehen.«
Auch der Alte ging: rückwärts, und sah dabei fragend auf Lola. Sie reinigte mit der Serviette einen der Korbsessel, bevor sie sich hineinwagte. Sie hob ein Knie auf das andere, beugte sich darüber, faltete dick die Brauen: »Da sitze ich nun; das habe ich davon.« Wo war die leidenschaftliche Poesie der Nacht? Schmutzig, nüchtern und gemein war's jetzt. Der Garten lag voller Abfälle, die schwerlich von Faunen herrührten.
Pardi stieß die Tür auf.
»Guten Tag, Cesare Augusto,« sagte Lola, mit einem Lächeln aus gesenkten Augen, angewidert und entzückt in einem.
»In Hut und Schleier, als ob sie mir durchgehen wollte! In ihrem großen blauen Schleier, unter dem ihre goldenen Haare schimmern wie ein versenkter Feenschatz.«
Sie blieb regungslos, bis sie seine Hände spürte: da stieß sie, entsetzt, um sich.
»Was gibt's? . . . Ach so, auch vorhin bist du mir davongelaufen. Habe ich etwas nicht recht gemacht? Aber mir scheint --«
Er tätschelte, und Lola bebte.
»-- daß diese Kleine mit mir ganz wohl zufrieden war.«
»Ich habe lange gewartet. Der Hunger macht mich nervös.«
»O! essen wir! Ich meinerseits bin hier auf dem Lande oft den ganzen Vormittag draußen, nur mit einer Tasse Kaffee im Magen. Stört dich's, daß ich rauche?«
»Nein . . . Und dann finde ich's hier langweilig.«
»Schon? Wohin möchtest du? Was sollen wir vor Oktober in Florenz?«
»Bleiben wir also! Ich muß das Schloß kennen lernen. Wo hast du als Knabe dein Zimmer gehabt? Denn du warst doch schon als Knabe hier?«
»Nein. Ein Großonkel, der als Kardinal in Rom lebte, hat es gekauft. Ich habe es erst mit zwanzig Jahren betreten, nachdem ich es geerbt hatte.«
»Und das bleiche Bild von gestern Abend?«
»Alles fremde Leute. Wir sind jünger; wir sind keine Feudalen. Unser einziger Kardinal war nur ein Snob. Wir sind Florentiner Bürger und durch Fellhandel reich geworden. Glücklicherweise sind es bald hundert Jahre, seit wir das letzte Fell verkauft haben.«
»Aber seither seid ihr Grundbesitzer. Eine Meile im Umkreis, sagtest du gestern, gehört dir?«
»Und meinen Gläubigern!«
»Wie kommt das? Dein Vater --«
»-- war ein Geizhals.«
»Also du allein. Und auch in Toskana warst du reich. Sage, was hast du mit alledem getan?«
Da er nur lachte:
»Du hast gespielt?«
»Auch.«
Sie drängte ihre Brust gegen seinen Arm. Mit Kinderstimme:
»Und sonst?«
Sie duldete seine Liebkosungen, sah dabei angestrengt zur Seite. Plötzlich schroff:
»Laß!«
Mit wiedererlangter Verführung:
»Und sonst? Wer hat dein Geld bekommen?«
Er umfaßte sie, mit Armen und Knien, ruhig und fest, küßte sie, wo es ihm beliebte, und lachte in ihre zornigen Augen, die ihren Mund und sein süßes Lächeln verleugneten.
»Wie dies Kind neugierig ist!«
»Ich bin kein Kind; ich möchte deine Freundin sein.«
»Glücklicherweise eine Freundin, die kein Glied rühren kann.«
»Ich muß wissen, wie du gelebt hast. Bin ich denn eine Fremde? Bin ich eine Untergebene?«
Sie sah gespannt hin: sein Lachen ward zusehends zu einem stummen Feixen der Verachtung, -- das sie begriff. »Ich habe dich gehabt,« sagte es. »Worauf pochst du noch? Was kannst du noch?«
Sie war dunkelrot, und ihr lockendes Lächeln zitterte, aus Verstörtheit, noch immer um die entblößten Zähne. Er küßte sie darauf und ließ sie los. Sie floh in den Kaminwinkel.
»Sie beleidigen mich! Sie verhöhnen mich!«
Sie stand vorgebeugt zum Kampf, das Gesicht verzerrt von Wut. Er verschränkte die Arme.
»Sie haben eine Vergangenheit. Sie haben mit Frauen gelebt. Ich weiß es.«
»Wenn Sie's wissen. Aber ich versichere Ihnen, daß Sie sich irren;« -- sehr höflich. Und mit nicht nachweisbarer Ironie:
»Sie sind die erste Frau, die ich liebe.«
»Und wenn ich selbst Ihnen manches verheimlicht hätte?«
Er wehrte gelassen ab.
»O! Nicht nötig. Ich habe mich überzeugt, daß ich keinen Vorgänger gehabt habe.«
»Sie sind gemein!«
»So liebe ich dich!« -- und er kam rasch auf sie zu. Vergebens wand sie sich unter seinem Griff; er schleifte sie aus dem Winkel hervor, stieß sie aufs Sofa. Sie fiel auf die Brust und klammerte sich an die Lehnen.
»Sei artig!« -- und er machte, ohne ihr weh zu tun, einen ihrer Arme los.
»Ich will Ihre Vergangenheit wissen,« wiederholte sie, störrisch und ratlos. Er ließ sie.
»Nun, Sie sind schlechter Laune. Also kümmere ich mich jetzt um meine Geschäfte. Auf Wiedersehen.«
Als draußen seine Schritte verhallt waren, richtete Lola sich auf, stützte die Hände auf den Sitz und sah mit Ekel an sich hinunter. »Wie der Mensch mich zugerichtet hat! Warum führe ich auch eine Lage herbei, in der ich ihm Widerstand leisten muß. Häßlich war ich dabei. Die Frauen macht echter Widerstand häßlich. Nur der geheuchelte steht ihnen. Und ich kann nicht heucheln. Ist es lästig, ein halber Mann zu sein! Wenn man ihm doch nicht mehr damit imponiert. Ich war in gerade solcher Wut, wie neulich in Viareggio, als er rückwärts aus der Tür ging. Das fällt ihm jetzt nicht mehr ein, denn er hat sich genau überzeugt, daß ich eine gewöhnliche Frau bin, daß alles in Ordnung ist. Wie sagte er? Nicht nötig; ich habe mich überzeugt --. O, sehr gemein; aber wußte ich's nicht? Den eifersüchtig machen zu wollen mit Gefühlen, aus denen nichts geworden ist! Schläft er denn mit meiner Seele?«
Lässig stand sie auf, strich an ihrem Rock hinunter, ordnete das Haar.
»Er ist stark: er braucht mich gar nicht. Ein anderer wäre mein Freund gewesen. Aber --« und sie spähte in sich hinein, nach dem verschwimmenden Bilde eines Gesichtes, »hätte ich ihn dafür nicht verachtet? . . . O, wir sind erbärmlich, wir Weiber; wir kennen nur Verachten oder Verachtetwerden. Dies hab' ich nun. Für's erste hänge ich an ihm. Ist das erst vorüber, bleibt nur noch der Haß; und dann werd' ich ihn wohl betrügen? So sind wir Weiber doch?«
Sie verließ die Galerie, schlenderte, die Röcke mit beiden Händen aufgerafft, durch mehrere Säle. Am Ende des letzten sah sie in einen Arkadenhof. In einer sonnigen Ecke, an die zierliche Doppelsäule gelehnt und mit hängenden Rosen auf ihrer Nachtjacke, saß eine Alte und spann.
»Guten Tag, wie geht es?« sagte Lola und blieb müßig stehen.
»Ihr seid hübsch, unser Herr hat recht gehabt,« sagte die Alte und fuhr mit ihren wilden schwarzen Augen um Lolas Formen. Lola errötete. Sie bemerkte, daß das trockene weiße Gezottel der Alten so aussah, als hätte sie's gesponnen.
»Das ist eine Handspindel? Wie macht man's?«
»Laßt doch! Ihr seid ungeschickt. Zu anderem werdet Ihr geschickter sein: unser Herr wird schon wissen, wozu.«
Die Alte begann mit tiefer Stimme zu summen, wiegte sich und bewegte spinnend, wie im Reigen, die Arme. Ein wenig ängstlich, als müßte sie nun gleich den Zauber der Hexe wirken fühlen, sah Lola ihr zu. Die Alte brach ab; plötzlich sog sie ihre beiden Lippen ganz ins Innere des zahnlosen Mundes. Dann:
»Ihr seid wahrhaftig die hübscheste seit der allerersten, die er herbrachte.«
»Wann war das?«
»Als er das erstemal kam. Viele Jahre sind's.
Mein Sohn hatte noch den Hof von ihm in Pacht, drunten in Spello, bis er am Fieber starb, auch er, der Arme.«
»Ja. Aber jene Erste: wie hieß sie?«
»Ich weiß nicht mehr. Er brachte seither so viele mit.«
»Immer war er mit Frauen hier?«
»Auch mit Freunden. Sie tranken und jagten. Einmal im Winter haben sie droben auf der Akropolis einen Wolf erlegt.«
»War auch damals eine Frau hier?«
»Da sieh! Ihr scheint eifersüchtig!«
Das tiefe Gelächter der Alten klapperte in allen Winkeln nach.
»Ihr liebt ihn wohl sehr, Kleine? Er ist ein Mann, wie? ein tüchtiger. Ah! Das sieht man: Ihr liebt ihn. Da würdet Ihr ihn also nicht betrügen, wie jene Erste tat: -- verdammt sei ihr Name, der mir nicht einfällt. Denn Ihr müßt wissen, daß ein junger Herr mit ihm hier war, der auch mir gefallen hätte. Als aber er, der unsere, dahinterkam, daß sie jedesmal, wenn er betrunken war, zu jenem ging, da meinten wir draußen, es gebe Mord. Doch einigten sie sich und ließen alles am Mädchen aus. Nackt jagten sie es hier heraus -- zu viel Wein hatten alle -- und mit erhobenen Peitschen um den Hof herum, viele Male, bis die Knie ihr zitterten und ihr Geschrei rauh klang. Ich war's, die dort aus der Kirchentür lugte und sie ihr aus Mitleid öffnete, daß sie hineinschlüpfen konnte. Da kommt! Da seht!«
Die Alte glitt von der Mauer, packte Lolas Hand und strebte, vorgebeugt, eilig schlürfend, über den Hof.
»Helft mir doch, die Tür zu öffnen! Ich habe nicht mehr genug Kraft. Ach, ach!«
Und Lola:
»O!«
Von der Schwelle des Hofes voll abgefallener Kalkbrocken sah sie unvermittelt in eine Welt spiegelnden Marmors. Die Stufen zum Hochaltar hielten den Abglanz seiner gelben Wand in ihrer schwarzen Marmorkaskade. Blau, voll goldener Augen, schwangen marmorne Vorhänge ihre Falten um die Pfeiler der Kapellen, um die Balkone.
»Dort auf den Stufen warf sie sich nieder: ja, seht, genau hier; und grub das Gesicht in dieses Silbertuch, das vom Altar hängt. Wie Tolle stürzten jene hinterdrein. Ich konnte die Tür nicht rasch genug schließen, aber ich rief mit erhobenen Armen: Tötet sie nicht! Tötet nicht die schöne Gida! . . . Denn ja, jetzt ist's mir einfallen, Brigida hieß sie, wir nannten sie Gida, und er und seine Freunde sagten Gigi . . . Da liegt sie nun, seht doch! ganz nackt, mandel- und rosenfarben, hell und rund gekrümmt auf dem schwarzen Stein, und sie wollen über sie herfallen! Mit unserm Herrn ist der schlimmste der, um dessentwillen ihr's so schlecht geht. Gibt es Dank unter den Menschen? Und wäre nicht einer gewesen, der sie am Arm festhielt -- Er sagte: Wie ist das schön! und dann standen sie und betrachteten. Und unser Herr neigte sich ganz zärtlich -- Aber was habt Ihr, daß Ihr erbleicht? Fürchtet nichts, solche Dinge können nicht mehr vorkommen; er ist jetzt älter und frömmer; er betrinkt sich nicht mehr wie die Jungen; auch sagt man, daß er weniger Geld hat. Reichere Herren gibt's in der Gegend. Beim Heraufkommen werdet Ihr die Villa des Herrn Catelli gesehen haben, die unterste, mit den Erdstufen und dem roten Hause. Er ist ein freigebiger Herr. Schon mehreren unserer Mädchen habe ich, indem ich sie zu ihm führte, eine gute Einnahme verschafft; und wenn Ihr wollt --«
»Nein.« sagte Lola, »ich will nicht.«
»Natürlich. Ich vergaß: Ihr liebt zu sehr unsern Herrn.«
»Und ich bin seine Frau.«
Da die Alte ratlos zu ihr aufblinzelte:
»Ich bin die Contessa Pardi, und ich verzeihe Ihnen, daß sie mich nicht kannten.«
Sie wollte gehen, aber die Alte hing ihr an den Röcken; sie weinte: