Zwischen den Rassen: Roman

Part 19

Chapter 193,857 wordsPublic domain

Lola zuckte zusammen. Vergebens hielt sie sich vor: »Nur aus Feigheit spricht er so.« Sie fühlte sich tief niedergeschlagen und rätselhaft gefangen, wie mit Stricken aus Luft. Nutinis Ränke, Pardis Unzuverlässigkeit, Mais Schwäche und Lolas eigene Ängste würden immer so weiter gehen. Eine atemlose Ungeduld quälte sie auf einmal. Keinen Augenblick länger durfte dies alles dauern. Sie machte eine Bewegung, als risse sie sich los.

»Daß ihr Männer, kaum daß ihr unter euch seid, von uns Frauen so redet, das ist mir nichts Neues. Sie erinnern sich, was ich einmal, auf meinem Balkon, von euch zu hören bekam.«

Nutini legte die Hand aufs Herz.

»Ich war nicht dabei: vergessen Sie das nicht.«

»Auch Sie hätten dabei sein können. Was würde das ändern. Nur von Pardi glaube ich nichts.«

»Damals haben Sie seine Stimme wohl erkannt; und was seine Worte von gestern betrifft --«

»Nichts glaube ich, und dürfte es auch nicht; denn --«

Laut:

»Ich liebe ihn!«

Aufatmend, mit Stolz:

»Ja: ich liebe ihn. So ist es. Was wollen Sie dabei tun.«

Sie grüßte und ging. Das tat wohl: etwas Unwiderrufliches war geschehen. Zurück ging's nun nicht mehr. Nutini würde dies herumschwatzen. Pardi erfuhr es . . . Er konnte sie auslachen -- oder sie heiraten. »Wenn nicht, erschieße ich mich.« Das Mitwissen aller konnte auch einen Druck auf ihn bewirken, konnte ihn nötigen, sie zu heiraten. »Wie ich berechne! Ich werde wirklich zur Abenteurerin.« Gleichviel: wer alles wagte, hatte Rechte auf alles. »Werde ich mich nicht erschießen?«

* * * * *

Pardi holte sie ein; er war ganz in Flammen.

»Wissen Sie, daß ich den Nutini zur Rede stellen werde? Ihre Duos mit ihm gefallen mir nicht mehr.«

»Wenn sie aber mir gefallen?«

»Das genügt nicht --« und sie zankten schon wieder, vorgeneigt, mit leidenden Gesichtern, aufeinander ein. Lola verfiel in die Furcht, er möchte schon wissen, was sie erst eben gesagt hatte; der Lauscher, der hier hinter jedem Baume stand, hatte wohl schon gesprochen! Und jetzt, da sie ihm in die Augen sah, begriff sie nicht mehr, daß sie's hatte sagen können. »Ich habe mich aufgegeben, ich habe ihn zu meinem Herrn gemacht!« In Verzweiflung:

»Was geht Sie's an: ich liebe Nutini!«

Pardi war plötzlich still. Lola sah verstört beiseite. Er erholte sich.

»Das ist natürlich wieder eine Lüge.«

»Wie kommen Sie dazu --«

»Sonst würde es ihm schlecht ergehen. Aber Sie werden ihn nicht wiedersehen. Sie werden ihn wegschicken, wenn er Sie anredet!«

»Sie sind verrückt. Sie vielmehr: Sie werde ich besser einige Tage nicht sehen. Heute Abend fahren wir nach dem Hause, wo Botta die Balleteuse geliebt hat. Ich bitte Sie, hierzubleiben.«

»Heute Abend überreiche ich dem Kommandanten der >Savoia< im Namen des Komitees die Fahne. Sie werden mit mir auf das Schiff kommen.«

»Ich werde im Hause der Balleteuse dinieren.«

»Sie werden mit mir auf das Schiff kommen!«

»Gute Unterhaltung!«

»Ich befehle Ihnen . . .«

»Bitte?«

»Sie werden nicht mit Nutini gehen! Sie werden ihn nicht lieben!«

»Ich liebe, wen ich will.«

»Hüten Sie sich!«

»Morgen reise ich, und er folgt mir.«

»Schweigen Sie! Ich befehle es!«

»Sie befehlen mir? Gehen Sie!«

Die lange Halskette, die von ihren vorgestreckten Schultern herabschaukelte, knirschte unter Lolas Fingern: sie hatten eine Perle zerrieben. Die andern rannen auf den Teppich, ein dünner, bunter Regen. Pardi sah zuerst ihn, dann Lolas dicke Falte, die bewußtlose Wut ihrer Augen, die ganz leise und ohne die seinen loszulassen, hin und herrückten. Und da gewahrte Lola, wie er rückwärts ging. Kein Wort mehr sagte er, tastete hinter sich nach dem Türgriff und verschwand. Lola erstaunte; aber im Begriff, sich aufzurichten, erkannte sie im Spiegel den ganzen irren Schwung des Hasses, den ihr Körper ausdrückte. Sie setzte sich, strich sich über die Stirn. »Er hat wohl geglaubt, ich würde ihm in die Augen springen?« Die Wonne der Freiheit begann plötzlich in ihr zu strömen. »Ich bin ihn los! Er ist vor mir davongelaufen! Ich kann tun, was ich will!«

Sie stellte sich mit einer Zigarette auf den Balkon. Dann:

»Mai! Mai! Heute abend wird an den See gefahren, den Kanal hinauf. Wir wollen uns furchtbar amüsieren!«

Und als Mai die Fahne und Pardi einwendete:

»Er ist vor mir davongelaufen! Wir sind ihn los! Mai! wir wollen tanzen!«

Ohne Mai Fragen zu erlauben, drehte sie sie herum. Als Mai endlich, atemlos, zu Wort kam:

»Ich muß aber hier bleiben.«

Dabei verharrte sie, weinerlich und feindlich.

»Mai! du kannst mir nicht in die Augen sehen. Das ist nicht recht. Das ist nicht recht.«

Und Lola ging aufgebracht durch das Zimmer. Mai klagte:

»Was soll ich denn tun?«

»Wählen!« antwortete Lola, den Türgriff in der Hand.

»Also . . . fahren wir an . . . diesen dummen See?«

»Und inzwischen packt Germaine! Und wir werden Pardi nie wiedersehen!«

»Das glaubst du selbst nicht,« sagte Mai.

* * * * *

Sie behandelte den Ausflug mit Verachtung, lehnte es ab, sich dafür anzuziehen und fragte schon wie man ins Boot stieg, ob es lange dauere. Lola erklärte sich zu allem aufgelegt. Sie warf den Kindern, die am Ufer des Kanals mitliefen, Süßigkeiten zu. Nutini hatte eine Gitarre, Cavà setzte sich, seiner Uniform ungeachtet, eine künstliche Nase auf. Die kreischenden Kleinen blieben allmählich zurück. Mai nahm die Hände von den Ohren und sagte »Gott sei Dank«. Die große Stille der leeren Wiesen, der grenzenlos umblauten Kornfelder ward fühlbar. Mochte Botta ihn verhöhnen: Deneris seufzte ergriffen. Als Lola zu singen begann, nahm Cavà seine Nase wieder ab. Ihr Lied galt der rosigen Wasserbahn, die man, ohne je zu landen, ohne je mit Menschen Gemeinschaft zu wollen, einsam entlang gleite. Nur fremd und gleich wieder entrückt, konnte man die Menschen lieben, konnte von ihrer Liebe träumen, wie die blauen Pfade dem Walde entgegenträumen.

Sie sang dies am Boden ausgestreckt, den Kopf im Arm, der sich auf die Bank stützte. Mai fragte, widerspenstig:

»Riechst du denn nicht die Füße des Ruderers? Was für eine ekle Hitze! Während wir in unserm kühlen Salon liegen könnten!«

Aber Lola verlangte ein kleines Mädchen ins Boot zu nehmen, das im dünnen Schatten der seltenen Pappeln ein Lamm vor sich hertrieb. Sofort flüchtete Mai vor dem Lamm an das Ende des Bootes. Die Herren bewunderten es. Unter Lolas Augen überboten sie sich mit Zärtlichkeiten an die Kleine. Deneris küßte sie, Cavà schenkte ihr seine Nase, Botta gab ihr, im fetten Tenor, väterliche Ratschläge, Nutini schnitt ihr Fratzen. Dann sahen alle sie mit wehmütigen Köpfen an, wie Lola sie in den Armen hielt.

»Ich dachte, Ihr würdet viel lustiger sein,« bemerkte Mai boshaft.

Und Lola gestand sich, daß sie Komödie spiele; daß der schöne Abend ihr verloren sei; daß nicht auf der rosigsten Bahn das Glück mitfahre, wenn sie abgewendet sei von ihm. Leere und Verlassenheit ängsteten Lola. Das Kind fing an zu weinen: es war an seinem Hause vorüber und glaubte, es solle entführt werden. Es ward ausgesetzt; -- und nun glitt das Boot in den lang vorgeschobenen Schatten des Waldes. Der dunkle Wasserweg blinkte tief drinnen auf. Das nasse alte Grün duftete wild und einsam; die Ruderschläge hörten sich an wie ein Wagnis.

»Ihr habt alle fahlgrüne Gesichter,« sagte Botta.

»Die Fahrt zur Unterwelt!« sagte Cavà.

Mai klagte, sie werde sich erkälten. Da wichen die Laubmauern zurück; und unbewegt, dreieckig, und voll abgründiger Schatten, öffnete sich der See. Das Haus drüben im letzten Licht sah, über sein Spiegelbild hinweg, weiß und sehnsüchtig her, wie eine Gefangene, deren Kleid im Wasser schleppte.

»Ich kann nicht glauben, daß sie fort ist,« sagte Botta, durchdrungen, indes er die Tür aufschloß.

»Olimpia!« rief Cavà, unter ein Sofa und schlug sich dabei lockend aufs Knie.

»Zeige uns die Küche!« verlangte Deneris. »Die gnädige Frau will die Güte haben, uns eine süße Speise zu bereiten.«

Er sah, die Hand am Herzen, in Mais schmollendes Gesicht.

Dann kehrte Botta mit Lola vor eine noch verschlossene Tür zurück. Er sperrte auf.

»Das Schlafzimmer!« -- und er seufzte, aus fetter Brust. Lola lächelte trübselig. Sie gingen hindurch, traten auf den Balkon und lehnten sich über das Wasser. Botta seufzte nochmals: »Wie oft habe ich hier mit ihr gebadet!« -- und er spuckte hinab. Aus jener Bucht kam mit Nutinis Geklimper Cavàs frische Stimme gesprungen.

»Da nun Succi bewiesen hat, daß man ohne Essen leben kann, liebe Nina, will ich dich heiraten: dann können wir zusammen fasten.«

»Was ist der Mensch,« sagte Botta. »Ein wenig Gesang, einen Sommerabend am Wasser, -- und ein Herz, das sich alt glaubte, wird wieder ungestüm. Fräulein Lola, haben Sie Mitleid mit einem, der leidet: holen Sie Deneris aus der Küche, ich muß mit Ihrer Mama sprechen. Alles hängt davon ab!«

»Ich glaube,« sagte Lola, »Deneris spricht schon mit ihr: er tut es, so oft er kann.«

»Ein hochherziges Geschöpf wie Sie kann nicht den gemeinen Eitelkeiten des Weibes verfallen: ich weiß, Sie sind nicht eifersüchtig auf Ihre Mama. Auch werden Sie es angenehm finden, wenn ein ehrenhafter Mann Ihre Mama heiratet. Die Sorge um sie, die von Ihnen beiden das Kind ist, nimmt er Ihnen ab . . .«

Lola dachte: »Er hat recht: ich würde sie nicht mehr vor all den Männern behüten müssen.« Aber darunter, insgeheim: »Sie würde mir nicht mehr ihn wegnehmen!«

»Sind Sie meine Bundesgenossin?« fragte Botta vertraulich. »O, natürlich erwarten Sie auch Ihren Nutzen davon.«

Da sie errötete:

»Das ist billig . . . Seien wir offen. Mag das dumme Volk hier glauben, was es will: ich habe mich nach Ihnen erkundigt und weiß, daß Ihr Herr Bruder sehr aussichtsreiche Geschäfte in Händen hat. Sie werden einmal reich sein. Aber Ihnen persönlich nützt dies nichts, bevor Sie heiraten, und (ich kenne die Sitten Ihres Landes) nur wenig, bis zum Tode Ihrer Mama. Machen wir einen Pakt: Sie begünstigen meine Werbung um Ihre Mama; und im Fall, daß ich sie bekomme, verpflichte ich mich Ihnen zur Abzahlung eines noch zu bestimmenden Kapitals . . .«

Lola dachte, ohne sich zu regen: »O mein Gott, und eben wünsche ich mir, Mai möchte ihn nehmen!« Sie wandte ihm das Gesicht zu.

»Aber ich habe meine Mutter nicht zu verkaufen.«

Botta sagte im selben väterlich vertraulichen Ton, wie das übrige:

»Sie sind noch sehr jung.«

»Dann warten wir also, bis ich älter bin.«

Sie richtete sich auf. Drinnen war's nun ganz finster. Cavà und Nutini riefen nach Licht. Wie man die Speisekörbe auf den Tisch leerte, trat Mai ein, lächelnd, als brächte sie ein Versöhnungsgeschenk, -- und Deneris trug hinter ihr das süße Gericht. Es ward bestaunt; jeder verlangte gleich eine Probe.

»Du tust ja, als wäre es dein!« sagte Botta zu Deneris.

»Wer weiß,« machte er, bedeutsam, und starrte glücklich auf Mai, die an ihm vorbeilächelte.

»Wie du heute gesund aussiehst!« bemerkte Cavà.

»Und ich?« fragte Nutini an Lolas Ohr. »Werden Sie den gesund machen, dem ihretwegen die Wangen einfallen?«

Bei Tisch, neben ihr:

»Ich kann Ihnen versichern, daß Sie heute ungewöhnlich schön sind. Der andere schadet Ihnen. Sie haben förmlich etwas Beruhigtes. Eine Frau mit Ihren Nerven braucht einen bequemen Gatten. Ich würde einer sein: Sie dürfen es glauben. Ich liebe Sie so sehr, so sehr, daß ich sogar bereit wäre, wegzusehen, wenn einmal eine Laune Sie ankäme . . .«

»Das ist mehr, als ich erwartete,« sagte Lola.

»Nein,« dachte sie, »Pardi würde nicht wegsehen. Weder Bottas Vorschlag wäre ihm eingefallen, noch das, was ich nun gehört habe . . .«

Cavà sah mit knabenhaftem Spott herüber, indes er seinen Uniformrock aufknöpfte und ihm eine Photographie entnahm. Er stellte sie vor Lola hin: Pardi!

Alle lachten: da ging die Haustür. »Nun?« Jemand tastete die Treppe herauf. Noch rührte sich keiner; man sah einander in die Augen. Cavà lachte laut auf:

»Er wird uns doch nicht alle umbringen!«

Und auf einmal sprangen alle Männer an die Tür. Lola erschauerte vor Grauen und Stolz. »Welche Furcht haben sie alle vor ihm!« Sie leuchteten in den Gang; und auf die Schwelle trat in dürftiger Eleganz ein blasser Kellner aus dem Hotel und hielt einen Brief hin. »Wer? Wer? . . . Nutini!« Die andern zogen sich ein wenig von ihm zurück, wie von einem, den's getroffen hatte. Er hatte gelesen und sah erbleicht umher.

»Er fordert mich. Pah!«

»Gratuliere,« sagte Cavà.

»Endlich!« -- und Nutini schielte hastig nach den Damen. In die Brust geworfen, fuchtelnd: »Ich habe ihn erwartet! O! ich triumphiere. Zu spät wird er erkennen, daß er diesmal an den Rechten kam.«

Er schrie den Kellner an:

»Sage dem, der dich schickt, daß er's bereuen wird! Daß dies sein letztes Duell sein wird!«

»Beachte die Formen!« sagte Botta. »Du sprichst mit Pardis Sekundanten.«

»Er sieht verhungert aus, der Sekundant. Er soll essen!«

Nutini drückte ihm, gewaltsam lachend, die Schüssel mit Mais süßer Speise in die Hand und schob ihn zur Tür hinaus. Mai griff nicht ein; sie hielt eine angstvoll geballte Faust an den Mund und wimmerte. Lola saß reglos da, mit erweiterten Augen und ineinander gepreßten Fingern. Nutini nahm den Brief vom Boden auf, schien ihn nochmals lesen zu wollen. Plötzlich zerriß er ihn in zackige Fetzen und stampfte darauf. Dann fiel er gegen den Türpfosten, griff sich, rasch atmend, ans Herz und zerdrückte, unter krampfigen Grimassen, Tränen zwischen den Lidern. Stockend murmelte er:

»Was will er übrigens von mir . . .«

Sogleich, wie gehetzt, fuhr er wieder auf, schielte wild nach den Damen, gab sich verzweifelt Haltung.

»Laß nur!« -- und Cavà reichte ihm ein Glas Champagner. »Das würde jedem passieren. Im ersten Augenblick macht solche Forderung uns stolz, im zweiten besinnen wir uns. Der Pardi ist ja wirklich ein furchtbarer Gegner. Wer aber seinen Schrecken sehen läßt --«

Cavà, wandte sich den Damen zu.

»-- schlägt sich nachher oft am besten.«

Botta bemerkte:

»Aber schön siehst du nicht aus.«

»Schweige!« schrie Nutini. »Oder ich fordere auch dich und schone dich ebensowenig!«

»Armer Kerl, _seine_ Forderung geht ja vor; und nachher, wo bist du dann?«

»Sst!« machte Cavà; -- und zu Mai und Lola:

»Die Damen begreifen, daß es in diesem Augenblick unter uns Männern einiges zu besprechen gibt. Da Sie leider Zeuginnen der peinlichen Sache geworden sind, darf ich Ihnen sagen, daß sie wohl schon bei Tagesanbruch geordnet werden wird, und daß wir ein wenig Eile haben . . .«

Deneris bot Mai den Arm, Botta Lola. Sie machten ihnen im Schlafzimmer Licht und ließen sie allein. Lola ging in einen Winkel, Mai in einen andern. Ein erregtes Schweigen; -- plötzlich, unterdrückt:

»Lola!«

»Mai!«

Und Mai lief Lola entgegen, drängte sich in ihre Arme, die sie empfingen.

»Das darf doch nicht geschehen,« sagte Lola mehrmals, indes Mai nur wimmerte. Da entquoll ihr alles auf einmal.

»Mit welchem gefährlichen Menschen haben wir uns eingelassen! O, Lola! Das hättest du nicht tun sollen . . .«

Ohne auf Lolas Widerspruch zu hören:

»Wir sind viel zu weit mit ihm gegangen; jetzt schießt er, damit er uns allein hat, um uns her die Leute tot. Warum hast du dich ihm auch widersetzt! Bist nicht dageblieben, wegen dieser Fahne, wie er's wollte! Einem solchen Mann darf man sich nicht widersetzen. Ich habe mehr Erfahrung als du, aber du glaubst mir nicht. Wird er dich heiraten? Welche Ängste! Was soll ich tun?«

»Beruhige dich, Mai, ich werde verhindern, daß er ihn tötet!«

»Was soll ich tun! Dein Vater erscheint mir, -- aber auch Pardi! Nur durch den finstern Korridor brauche ich zu gehen, und mir ist's, als hätte ich ihn hinter mir. Ich bin zwischen ihnen beiden, die mich ängstigen! Aber ein Ende muß gemacht werden. Wir entkommen nicht anders: er muß dich heiraten. Dein Vater verzeihe mir, aber ich werde alles tun, damit er dich heiratet: ich werde mich opfern.«

Lola hörte das nur von fern, ohne einzudringen.

»Mai! Mai! Gib doch acht: ich muß verhindern, daß er diesen Menschen tötet. Ich könnte das nicht aushalten: es wäre durch meinen Leichtsinn geschehen. Denn ich habe ihm gesagt, daß ich Nutini liebe. Verstehst du: weil ich kokett und widerspenstig und kleinlich bin und gelogen habe, stirbt ein Mensch. Das ist furchtbar, das ist das äußerste. Davor muß ich mich retten! Zu allem bin ich bereit. Soll ich mich ihm hingeben?«

»Nein! Was denkst du denn!«

Eine Pause. Mai löste sich aus Lolas Armen und nahm sie selbst in die ihren.

»Du bist unpraktisch,« sagte sie mütterlich; und schmerzlich stolz: »Ich bin viel praktischer.«

»Wie denn, Mai?«

Lola suchte, durch ihre Tränen hindurch, vergebens in Mais Gesicht. In diesem Augenblick kam Mai ihr befremdend groß vor. Sie selbst fühlte sich wie ein kleines Mädchen.

Wie sie den Kopf gegen Mais Schulter senkte, traten die Herren ein, sie abzuholen: alle zusammen, mit Nutini an der Spitze, der Haltung zeigte. Er beteiligte sich mit Maß und freiem Kopf an der Unterhaltung, die nichts Kriegerisches hatte. Lola mußte immer nach ihm hinsehen, gequält von nichtiger Neugier und unablässig versucht, von seiner schlimmen Angelegenheit anzufangen, wie eine Verbrecherin, die nicht schweigen kann.

»Haben Sie nicht das Bedürfnis, sich zu betäuben?« fragte sie endlich, durchschauert. Nein; Nutini war nüchtern und besonnen; er beabsichtigte noch einige Stunden zu schlafen. Man stieg ins Boot. Vor dem Gesicht des Schiffers, das plötzlich aus dem Dunkel trat, schrak Lola zurück. Nutini war's, der sie festhielt, als ihr Fuß schon das Wasser berührte. Sie haßte dies kurzatmige Klappen der Ruderschläge; es klang nach Flucht; -- und doch wartete, wohin immer sie ins Dunkel die Augen richtete, kurz und geisterhaft aufflammend, Pardis bleiches, drohendes Gesicht. Was die anderen ihr sagten, machte ihr Ungeduld. Mai hatte ganz recht, daß sie Deneris Geflüster abschnitt und ihn bat, er möge vergessen, was sie vorhin verabredet hätten. Alles sei verändert; sie könne ihn nicht mehr heiraten. »Natürlich,« dachte Lola. »Ist nicht alles in Auflösung?«

Sofort schickte sie nach Pardi. »Wäre ich nur die erste, mit der er spräche!« Vom Balkon sah sie ihren Boten von Hotel zu Hotel irren und ohne Eile in die schlafende Stadt biegen. Lola ging bis in den Winkel bei der Tür, übersah das helle, heitere Zimmer, suchte den Stuhl aus, auf dem er sitzen würde, und nahm sich zusammen: »Was werde ich ihm sagen?« »Damit er den Nutini nicht tötet, mich ihm hingeben? Wie bin ich zu der Überschwenglichkeit nur gekommen? Das dunkle, moderige Haus muß Schuld haben, an dem unheimlichen See. Ich habe Phantasie, wie ein Mann. Nutini, den es doch am nächsten angeht, ist viel nüchterner geblieben. Wie die Menschen hier, trotz ihrem Feuer, eigentlich mäßig und vernünftig sind! Im rechten Augenblick bekommen sie immer ihre Nerven in die Gewalt. Ich bin sicher, Gugigl hätte sich betrunken. Er fing damals schon damit an . . . Woran denke ich denn? Gleich wird er da sein. Was will ich? Ohne Umschweife: ich will, daß er mich heiratet. Und hat er meinetwillen jemand umgebracht, dann werden vielleicht alle und sein Gewissen ihn drängen, zu tun, was ich will? Ich müßte also Nutinis Tod wünschen. Das bring' ich nicht fertig. Dann muß ich ihm sagen: Es war eine Lüge, ich liebe nicht Nutini. Und da er mir nicht glauben wird, muß ich hinzusetzen: Ich liebe niemand und gleich morgen reise ich ab . . . Auch das kann ich nicht. Aber es ist furchtbar, dort, wo man liebt, keinen Augenblick mit Rechtlichkeit und Sanftmut rechnen zu dürfen, immer nur mit unbedingtem Drang . . .« Wieder sah sie auf den Platz, den er einnehmen würde, und dachte sich dort statt seiner eine verhaltene, befangene Geste, eine nachdenkliche, verläßliche Freundesmiene: Arnold. Sie seufzte und schüttelte den Kopf. »Das ist abgetan. Der Zwang und das Leiden der Sinne sind gegeben und erprobt. Ich kämpfe nicht mehr. Besser ist's, ich beruhige ihn und stimme ihn menschlich . . .«

Da schrak sie auf; es klopfte heftig. Erregt trat sie ihm entgegen; der Vorsatz der Milde war ihr schon entfallen; und sie sagte drohend:

»Wenn Sie sich mit Nutini schlagen, ist zwischen uns alles aus.«

»Ah! wie Sie ihn lieben. Aber lange genug haben Sie mich genarrt: ich werde ihn töten.«

»Hören Sie die Wahrheit! Ich liebe ihn nicht. Erst wenn Sie ihn getroffen haben, werde ich ihn lieben. Hüten Sie sich, ihn nicht ganz zu töten! Sie werden sehen, wie ich ihn lieben werde!«

»O, ich treffe!« -- und sein Gesicht war zerfahren von Haß. Sie rief, hingerissen, voll Not:

»Was wollen Sie! Sie lieben mich doch nicht!«

»Doch.«

»Dann heiraten Sie mich! Begreifen Sie nicht, daß Sie es mir längst schulden? Was hält Sie ab? Ich bin aus angesehener Familie, die künftig reich sein wird. Glauben Sie, sich meiner schämen zu müssen? Nein nein: gerade aus Eitelkeit lieben Sie mich! und irgend eine zieht Sie von mir ab, die Sie anders lieben.«

»Sie irren sich . . .«

»Sprechen Sie doch!«

Wie dies hassenswert und trostlos aussah: das Schwanken, die Unehrlichkeit und Unzuverlässigkeit dieses von seinen Launen gequälten Mannes aller Frauen! Und das mußte man begehren: gerade das!

»Was sage ich, irgend eine: alle vielmehr! Sie sind eine männliche Dirne! Gehen Sie!«

Pardi zischte:

»Danken Sie Gott, daß Sie kein Mann sind!«

»Danken _Sie_ Gott dafür!«

Er rang sich nieder.

»Ich würde mich vergessen; lieber verlasse ich Sie. Ihre Mama hat mich gerufen.«

Lola, über die Schulter:

»Mai heiratet Deneris.«

»Das ist nicht wahr! Ich werde es verhindern!«

»Gut, auch das noch.«

»Und dann sehen Sie mich wieder!«

Die Tür krachte. Lola ging, die Hände vor der Brust, rasch hin und her. »Was geschieht nun! Mai wollte ihn mir lassen. Aber im äußersten Augenblick vergißt man die andern. Mai ist schwach. Wenn er sie statt meiner will, sie heiratet ihn!« Sie warf sich in Kissen, drückte das Gesicht weg. »Es ist klar, war immer klar: sie liebt er, nicht mich!« Tiefer in die Kissen, weit fort. »Was tun sie nun!« Nein: auf! Das Haar ordnen! Sich bereit halten, stolz zu lächeln, wenn er eintrat und die erwarteten Worte sprach.

Da flog, ohne Klopfen, die Tür auf. Er stand da, stürmisches Glück auf seinem schönen Gesicht. Wie er Lola ansah, kam ihm eine Falte; mit wiedergekehrter Gereiztheit in der Stimme fragte er:

»Wollen Sie mich also heiraten?«

Sie antwortete, zornig nach vorn geworfen:

»Ja!«

Dritter Teil

I

So leise Lola, ohne Licht zu machen, ihr Schlafzimmer betrat, Mai hörte sie doch, kam zögernd herein, -- und plötzlich, schluchzend im Dunkeln, hängte sie sich an Lola, die den Atem anhielt und mit schlechtem Gewissen auf dies Schluchzen hörte.

»Werde glücklich!« brachte Mai hervor.

»Darum handelt es sich nicht,« murmelte Lola. »Aber du weißt, man muß vernünftig sein.«

Und sie übte sich in Vernunft und Nachgiebigkeit. Sie durfte jetzt nicht mehr das Damenbad verlassen. Pardis Augenrunzeln begegnete sie, wenn sie, ohne ihn zu erwarten, zu Tisch gegangen war. Er fand es unverschämt, fragte sie nur, wo er mit Mai den halben Tag verbracht habe. Denn sie verschwanden aufs Meer, in das Land . . . Dafür machte er aus Lolas Eintritt jedesmal etwas wie das Erscheinen einer Fürstin. Ein Fest, mit Regatta, Ball und Feuerwerk, das er plante, sollte ihm dazu dienen, seine Verlobte mit Größe in die Gesellschaft einzuführen. Lola erklärte aber, wegen ihrer Ausstattung nach Florenz zu müssen. Am Morgen ihrer Abreise, noch bevor der Strand sich belebte, sah sie die Bernabei und sah, daß sie auswich. Lola machte einen Bogen und grüßte: mädchenhaft, mit Unterordnung. Sie schämte sich, zu triumphieren. In diesem Augenblick trat Pardi auf und stellte vor. Seine Geste war blühend, voll des Genusses der Lage. Lola zog die Brauen zusammen. Sie reichte der Bernabei die Hand, mit einer raschen Regung, die sagte: »Er rühmt Ihnen seine Braut und prahlt vor mir mit seiner Geliebten: muß uns diese brutale Manneseitelkeit nicht zu Verbündeten machen?« Und sie erstaunte einfach, als die Hand der andern nicht kam und in dem zusammengedrückten Gesicht die blassen Augen vor Haß dunkler wurden.

In der letzten Minute sagte Pardi: