Part 18
»Hat er reizend für die Scheidung gesprochen, und auch Sie, Marchese! O! ich schwärme für die Scheidung. Meine Tochter übrigens auch: Nicht wahr, Lola?« -- und Mai lief trippelnd herbei, ganz unbefangen, wie immer, wenn Leute dabei waren. Deneris hielt sie zurück; er hatte ihr etwas zuzuflüstern. Mai schüttelte auf alles den Kopf. Schließlich sagte sie:
»Gut, daß Sie mit Pardi versöhnt sind; jetzt können Sie wieder mit uns reden. Sonst aber: lieber Marchese, Sie dürfen es nicht übelnehmen, eine glückliche Liebe würde Ihnen nicht stehen. Ihnen steht eine unglückliche. Als Sie täglich sechs Stunden gereist sind und sich bei einem Photographen haben erschießen wollen, da müssen Sie schön gewesen sein . . . Sollen wir jetzt nicht baden, Lola?« -- und Mai ließ Deneris zurück.
Lola dachte: »Sie ist so dumm, daß sie keine zwei Worte versteht, die etwas Allgemeines sagen. Gleich darauf aber, wenn es sich um ihren Körper handelt und um die Sinne eines Mannes, wird sie beinahe geistreich. Muß man als Frau so sein? Dann bin ich ein verfehlter Mann. Wenn ich hätte auftreten dürfen: wie ich denen dort die Wahrheit gesagt hätte! Was für eine Gesellschaft! Sie sind schlaff und unmenschlich zugleich; frivol und philisterhaft, alles beides. Pardi ist das alles auch: nur heftiger als die anderen. Ich kenne ihn: sich würde er alle Freiheiten nehmen und seine Frau würde er einsperren. Draußen würde er wie ein wildes Tier herumstreichen oder wie ein Narr, und in seinem Hause würde er alles abgezirkelt und niedlich wie in einem Vogelbauer wollen. Kann man so abscheulich ungerecht sein! Nein, ich möchte kein Mann sein. Oder ich wäre einer wie Arnold . . .«
Zornig riß sie sich die Bluse auf, -- da erschien um die Ecke des Karrens auf nacktem Hals der Modellkopf des Dichters Merluzzo. Seine Puppenaugen spähten hinein.
»Was wollen Sie, mein Gott!«
Mai, schon halb entkleidet, schrie und stürzte umher.
»Endlich treffe ich Sie allein. Erinnern Sie sich nicht, daß ich Ihnen eine Novelle vorlesen wollte?«
Es mußte sofort sein. Lola ließ ihn sich auf die Karrentreppe setzen und versprach, hinter dem Vorhang genau zuzuhören. Aber die weichliche Stimme reizte sie noch mehr. Zum Schluß sagte sie:
»Recht hübsch. Aber den Gedanken, daß an der Untreue der Frau auch der Gatte schuld haben kann, finde ich sehr kühn.«
»Nicht wahr?« -- ganz stolz. »Das sagten mir schon andere: die Idee sei neu und vielleicht zu kühn. Auch der Conte Pardi sagte es.«
»Das dachte ich mir,« -- Lola schlug den Vorhang zurück und ging in ihrem Mantel an Merluzzo vorbei. Im Wasser erklärte Mai:
»Ich mag diese Dichter nicht. Dieser ähnelt wieder dem vorigen, dem in Deutschland.«
Lola antwortete:
»Liebe Mai, solche Leute wie Deneris verstehst du sehr gut;« -- und dann schwamm sie unter Wasser davon.
Mai sprach sie nicht wieder an. Am Abend ward Lola von Pardi zur Rede gestellt. Sie sei so unartig, daß ihre Mutter geweint habe, und dabei verschwende sie das Geld ihrer Mutter. Wie sie dazu komme, die ganze Familie des Stubenmädchens zu unterhalten. Ob sie nicht sehe, daß der Mann ein Lump sei, der nicht arbeiten wolle und sie belüge. Sie wisse es, sagte Lola; da er aber einmal so sei und die Familie Not leide --
»Das ist unmoralisch!« behauptete Pardi.
»Wenn ich fragen wollte, wem ich helfe, käme ich nie zum Helfen. Glauben Sie, daß der betrunkene Bauer in Deutschland, den Sie ins Dorf trugen und so reich beschenkten, würdiger war?«
»Er war ein sehr guter Mann, ich habe mit den Leuten gesprochen.«
»Ich auch. Und er hatte die Messerstiche, weil er gestohlen hatte. Aber Ihr Geld verdiente er darum, meine ich, nicht weniger.«
Da Pardi nur fuchtelte:
»Sehen Sie, Sie waren in Afrika, haben so vieles hinter sich: ich aber, die ich nichts erlebt habe, bin enttäuschter als Sie. Sie brauchten mich wirklich nicht so oft zu belehren.«
* * * * *
Das war ein Triumph! Auch daß er Merluzzos Albernheiten kühn gefunden hatte, war einer; und daß die süßlichen Bilder im Saal ihn entzückten. Für alles, was süßlich und veraltet war, für jeden Kitsch war er zu haben. Er mußte als Held in älteren Romanen vorkommen. Seine Abenteuer, sein Ehrbegriff, seine Ideen, seine Lebensanschauung und sein Urteil über Menschen rührten von solchem Helden her. Für ihn gab es natürlich nur Gute und Böse, Ehrenmänner und Schufte, und wer das Fechten verstand, erhielt sich stets auf der Seite der Ehrenmänner. Eine Welt, so einfach in ihrer Wildheit, daß es nicht zu glauben war. Eine Naivität, die manchmal rührte, manchmal empörte: nur Achtung konnte sie nicht eingeben.
Ihre Beobachtungen rieben sie auf, sie erschrak bei jeder neuen Waffe, die sie gegen ihn in die Hand bekam, denn mit allen traf sie sich selbst. Sie schlief nicht mehr, verbarg mit Mühe ihre ständige Gereiztheit, und von früh bis spät war sie in der Angst, einen Zug an ihm zu bemerken, der ihn entstellte, der ihn vervollständigte. Nutini war ihr Schrecken; bei jeder Begegnung lüftete er, feixend oder unter Freundschaftsbeteuerungen, wieder ein Stück von Pardis Vergangenheit. Pardi hatte die Chiarini, als sie von ihm in anderen Umständen war, mit dem Wagen umgeworfen, wobei sie umkam . . . Nutini verhehlte nie, Lola auf den Mut hinzuweisen, womit er sie über den gefürchteten Duellanten aufkläre. Sie hielt trotzdem das meiste für Verleumdung; aber ein ruheloses Mißtrauen und eine verzweifelte Lust an seinem Gezischel trieben sie zu Nutini. Sie standen zusammen abseits, wiesen nach dem Horizont, lachten laut, und dabei sagte Nutini:
»Sie wissen wohl nicht, warum die Bernabei Sie so viel durchs Lorgnon ansieht?«
»Die mit dem zusammengedrückten Gesicht und den roten Lidern? Nein.«
»Weil sie Pardis Geliebte ist . . . Ja, man spricht seit zwei Tagen davon, aber ich habe mich erst überzeugen wollen . . .«
Lola hörte gierig die Einzelheiten von Nutinis Entdeckung an.
»Sie begreifen nun, die Bernabei ist auf Sie eifersüchtig.«
»Aber neulich, als Pardi seine Rede gegen die Scheidung hielt, schien sie sich mir ganz freundlich nähern zu wollen.«
»Das glaub ich!« -- und Nutini lachte auf, mit großen Falten neben dem Munde; »Sie wissen wohl, was Eifersucht ist: man muß die Gegnerin kennen lernen!«
»Nein, ich weiß das nicht. Und ich bin nicht die Gegnerin der Frau Bernabei.«
»Im Ernst? . . . Ich will aufrichtig sein. Die Gräfin hat mich beauftragt, zu machen, daß Sie beide sich kennen lernen.«
»Mich verlangt nicht nach der Bekanntschaft.«
»O! Sie sind nicht eifersüchtig. Sie sind ein bewundernswertes Geschöpf, in das auch ein ernster Mann sich verlieben könnte. Unglaublich, wie viel Seele in den Augen dieses Mädchens ist . . .«
Lola dachte: »Für alles andere habe ich Blick, nur nicht für Liebessachen . . . Jetzt begrüßen sie sich: ja, es ist wahr. Daß ich das nicht früher gesehen habe! Und doch war sie mir unsympathisch vom ersten Augenblick, und ich habe mich ihretwegen mit ihm gestritten! Also hat er eine Geliebte: hier gleich neben mir, die er doch behandelt, als ob ich ihm gehörte . . .«
Gegen die Liebe in ihr vermochte das alles nichts; nur die Last dieser Liebe konnte es vermehren. Ihr Wachstum war nicht mehr aufzuhalten. Kein Tag, der ihr nicht Nahrung gab. Noch mit der Verachtung des Geliebten nährte sie sich!
Und ihr Dasein glich jetzt ganz jenem Spaziergang, die letzte Nacht in Deutschland, als sie in die Luft schlug, aus blinder Angst vor seiner Berührung. Immer war sie in Angst, sich zu verraten: mochten ihre Worte noch so gehalten sein, sich mit Blicken zu verraten, wie die Bernabei, mit einer Betonung, die ihr, sie merkte es, ausglitt, mit einer Bewegung, die entschlüpfte. Stand ihr nicht der Traum der vergangenen Nacht noch in den Augen, als sie sich, einen steilen Weg hinab, fest auf ihn gestützt und sich abgespannt und genesen gefühlt hatte? Konnte er nicht in sie hineinsehen? Drang nicht ihre Leidenschaft ihr durch die Haut? Sie drang doch bei allen durch, so lang die Terrasse war, so viele Menschen hier gehäuft saßen, so viele Gesichter sich aufeinander zuneigten, so viele Hände nacheinander tasteten. Lola sah jetzt dies alles und fühlte es, ohne hinzusehen. Ein neuer Sinn war ihr gekommen für den Strom, der um diese Tische und durch diese Menschen lief und von dem der Blick jedes Mannes und jeder Frau, die sich ansahen, dieses ironisch gedämpfte Einverständnis empfing. Sie fragte nicht mehr, warum hier zwischen Frauen und Männern kein Gespräch über irgend eine draußen liegende Sache aufkam. Sie selbst konnte nur noch darauflos schwatzen, schlaff lachen und, nun Nutini ihr den Hof machte, sinnlos herausfordernd an seinen Augen haften. Dazwischen empörte sie sich gegen ihren Zustand, begriff nicht, wie er hereingebrochen sei, schrieb ihn dem Scirocco zu, der einem den Atem nahm, einen gedankenlos, matt und nach Schauern gierig machte. Man zog die Mahlzeiten hin, trank, rauchte, -- und wenn man die heiße, schlaffe Hand über das Geländer hängte, traf Regen sie, der nicht kühlte. Die Gerüche dieser eleganten Menge standen still in der Luft. Das Meer sandte bleierne Reflexe. Die Blicke erschienen fiebrig, die Gesichter fahl, gedunsen und von aufstachelnder Zerrüttung.
Lola fand jetzt viele beneidenswert schön. Manche dieser Frauen schminkten sich Masken wie Kokotten. Man mußte das herausbekommen. Man mußte ihren lauten Chic erlernen. Sie probierte des Nachts. Mai, sah sie, hatte täglich breitere Kohleränder. Wenn sie zusammen die Terrasse betraten und von der Bernabei und den anderen gemessen wurden, spürte Lola von weitem den Erfolg. Mais dunkle, weiche Schönheit und Lolas herbere blonde Eleganz hoben einander. Sie sprachen unter sich kaum ein Wort, sie hielten beim Ankleiden die Tür zwischen sich geschlossen, gaben sich keinen Rat mehr: -- am Fuß der Treppe aber blieb Mai stehen, um Lola an ihre Seite zu nehmen; und am Strande legten sie einander die Hand in den Arm und lachten sich zu.
»Wir sind eigentlich wie ein Paar Abenteurerinnen,« dachte Lola. »Wer uns nicht kennt --.« Mit der Wucht des Schreckens vertiefte sie sich dahinein. »Wir sind immer, ohne irgendwo hinzugehören, durch Europa gezogen, haben nur an Plätzen gelebt, wo sich Abenteuer finden lassen, -- und haben wir keine gefunden? Womit habe ich, wenn ich die Branzilla abziehe, meine Zeit verbracht? Auch hatten wir nur unregelmäßig Geld . . .« Und da hatte sie ihr Dasein umgesehen, verstand sich, sehr befremdet, auf einmal ganz anders. »Ich bin es! Ich bin eine Abenteurerin! . . . Die anderen, die es sind, wissen es vielleicht auch nicht. Man merkt das wohl selbst erst, wenn die Leute es schon längst sehen . . .«
Sie wehrte sich: »Ich habe doch so viel gelesen; durch meinen Kopf, der jetzt wohl leer ist, sind doch Gedanken gegangen, wie gewiß niemals durch diese Köpfe hier. Wenn ich jetzt in diese Gesellschaft gehöre, -- noch vor kurzem war ich doch mit ganz anderen Menschen fast verwandt. Wie war mir zumut, als ich mit Arnold war? Alles war anders. Frauen, wie diese, die ich jetzt nachahme, hätten mich gedemütigt durch ihre bloße Gegenwart.« Dann: »Aber vorher war ich mit Da Silva. Auch das habe ich in mir. Und das bricht jedesmal mehr durch. Jetzt bin ich hier und bin so.«
Einen halben Tag lag sie gelähmt von ihren Entdeckungen; und als sie aufstand, hatte ihre Rolle einen tragischen Sinn bekommen. Wie Mai, die nichts ahnte, es kläglich gut hatte! Für sie war, sobald Paolo einmal wieder ein paar tausend Francs schickte, alles in Ordnung. Man mußte sanfter mit ihr sein . . . Beim Anblick der Bernabei schnellte in ihr ein Stolz auf, der sie erschütterte. »Diese Frau,« dachte sie, »wird sich mir vorstellen! Sie wird in das Palais der Contessa Pardi kommen und sich ihr vorstellen!« Sie ließ kein Erstaunen über den Einfall in sich aufkommen. »Ah! Diese Leute halten mich für eine Abenteurerin. Der Geliebte solcher Weltdame hat nebenher noch eine etwas verdächtige Bekanntschaft, die er in die Gesellschaft nicht einführen kann. Denn er hält mich von ihnen getrennt, er behandelt mich wie eine Kokotte. Aber sie sollen sehen! Er soll sehen!«
Sie verachtete diese Menschen! Und dabei gab die Aufgabe, sich unter ihnen Platz zu machen, ihr Begeisterung. Nun wußte sie sich wieder unangreifbar, suchte keinen Schutz mehr vor Pardi, nahm ihn sogar mit auf ihre einsamen Spazierwege.
»Nicht in den langweiligen Wald, bitte: nach den Bergen zu.«
»Es wird sehr heiß sein -- und weit.«
»Sie sehen ganz nahe aus, und droben geht gewiß Wind.«
»Wie Sie meinen . . . Übrigens wiederhole ich Ihnen, daß Sie verschwenden. Ihre Mama weiß nicht mehr, wie sie die Kleider bezahlen soll, die jetzt wieder für Sie da sind.«
»Möchten Sie, daß ich hinter der Bernabei zurückstehe?«
»Warum vergleichen Sie sich der Bernabei?«
Lola hörte, wie er stammelte. Sie fühlte sich, da sie den Namen seiner Geliebten nannte, im Genuß einer Überlegenheit; fühlte, daß ihr kühles Lächeln ihm unheimlich sei, wie gewissen Wilden eine Jungfrau.
»Ich kenne Sie schon,« sagte sie. »Sie gehören zu den Männern, die ihrer Freundin etwas Festes im Monat geben und von ihr verlangen, daß sie darüber abrechnet. Man kann, denke ich mir, ganz gut eine Menge Geld verspielen und dann in Kleinigkeiten geizig sein. Nicht?«
»Was Sie sagen, schickt sich nicht für Sie!«
»Nehmen wir an, es wäre eine Frau, eine ältere Frau, die es Ihnen sagte.«
»Sie sind viel zu klug für eine Frau! Übrigens: wozu reden wir. Lange genug haben wir getan, als ob nichts wäre zwischen uns, als ob wir nicht wüßten, daß ich Sie besitzen werde, und daß Sie darauf warten. Ihre Klugheit ändert daran nichts. Was Sie reden, sind bloß Worte; und im stillen wissen wir mehr. Ist es nicht so?«
Seine Stimme fühlte sich an, wie eine Hand, die im Würgen noch schmeichelt.
»Was Sie sagen, schickt sich nicht für Sie,« erklärte Lola.
»Sie bringen mich zum äußersten!«
Halb ihr zugewendet, hielt er seine beiden, bebenden Fäuste vor sie hin. Sie ging weiter, ohne hinzusehen.
»Was hindert mich: was? Wenn Sie die Contessa Dingsda wären oder auch das Stubenmädchen --«
Er zischte nur noch; aber sie verstand ganz gut: man behandelte sie nicht wie eins jener Weibchen. Eine Scheu benachrichtigte selbst diesen, daß das nicht ging. Sehr hochgemut, mit Auflachen:
»Ich nehme an, daß dies alles einen Heiratsantrag bedeutet.«
»Nein!« -- ganz brutal. Lola duckte den Nacken, sie konnte nicht anders. Sie versuchte zu trotzen:
»Einen Gegner der Ehescheidung könnte ich auch nicht brauchen.«
Aber sie dachte in Panik: »Soll ich sagen: wenn es keinen Antrag bedeutete, war's Unverschämtheit? . . . Darf ich das noch? Ich hatte mich ihm gleichgestellt! Plötzlich schlägt der Mann dann zu: so ist es immer. Dies Nein werde ich nie vergessen.« Sie setzte sich hin.
»Gehen Sie, bitte, allein weiter. Ich will hier bleiben.«
»Auf der Mauer, in der Sonne? Ich warte natürlich, bis Sie sich ausgeruht haben.«
Lola sah nach den Bergen und dachte: »In was für einer Lage! Mai wäre nie in solcher: sie, die ich so oft dumm finde.« Sie lachte gewaltsam:
»Wissen Sie wohl, daß Sie ziemlich grob waren? Aber ich verzeihe Ihnen. Für die dummen Frauen hat man die Galanterie; aber was tut man mit den Klugen. Da ist man ratlos.«
Dann:
»Die Berge kommen aber gar nicht näher. Kehren wir also um.«
»Sehen Sie, daß Sie nachzugeben verstehen?« sagte Pardi.
* * * * *
Er trällernd im Tenor, Lola mit Kopfschmerzen: so kamen sie zurück. In ihrem Zimmer schloß sie sich ein, fand aber keine Ruhe.
»Wenn er mich nicht heiratet, -- ich muß mich erschießen! Dies geht nicht einfach vorüber, das weiß ich. O! wie ich ihn hasse.«
Im Umherirren gab sie ein leises Wimmern von sich. Plötzlich, stehen bleibend:
»Oder -- ist das Haß? . . . Was tut er jetzt? Ist er bei der Bernabei?«
Sie horchte an Mais Tür, öffnete leise: Mai war nicht da.
»Und was tut Mai?«
Fieberhaft trieb es sie nach allen Seiten. Keinen Augenblick konnte sie länger allein bleiben. Da kam Mai, und hatte wieder dies verdächtig Unsichere.
»Woher kommst du?« fragte Lola hastig. Mai stutzte, und ihr Blick, der um Teilnahme gebeten hatte, verschloß sich. Lola mußte sich erst sanft machen; dann erfuhr sie, Mai habe wieder einmal Pai erblickt, vorhin, während ihrer Nachmittagsruhe, -- aber noch seien ihre Augen offen gewesen; Pai sei von links gekommen und habe ein schrecklich ernstes Gesicht gehabt.
Mais sklavische Angst entrüstete Lola auch diesmal. Sie wollte sagen: »Wenn du mit vollem Magen schläfst --« Aber sie sagte:
»Pai ist offenbar nicht zufrieden mit dir. Wundert dich das?«
Mai sah vor sich hin. Ihre Brust ging immer heftiger. Da fiel sie Lola, ohne ihr in die Augen zu sehen, um den Hals.
»Willst du Pardi? Ich lasse ihn dir. Ich begnüge mich mit Botta.«
Lola vermochte nichts gegen die eigene Gereiztheit. Sie erwehrte sich Mais.
»Du weinst mir das ganze Gesicht naß, und ich hatte mich eben gepudert . . . Wie willst du mir Pardi lassen? Gehört er dir?«
Und Mai, enttäuscht, aus der Stimmung gerissen und auf einmal voll Feindschaft:
»Also dann wirst du's sehen!«
»Was werde ich sehen, Mai?«
Sie maßen sich; -- und wie Lola dies haltlos und kindlich böse Gesicht dringend betrachtete, brach ein Schauer von Mitleid über sie herein. »Das ist doch Mai,« dachte sie. Da umfaßte sie Mai, drückte sie auf den Stuhl nieder, legte, vor sie hingekniet, Stirn und Augen in ihren Schoß. Dunkelheit: die tat wohl. Was sich noch eben so wild angefühlt hatte, war nun abgeschafft. »Es ist doch gar nicht nötig,« dachte Lola.
»Ich brauche ihn gar nicht,« sagte sie und hielt die Augen geschlossen; »ich liebe ihn gar nicht.«
Mai legte ihr die kleinen weichen Hände um das Gesicht.
»Das kennen wir,« flüsterte sie nur. Und wie Lola die Lider öffnete:
»Sagte ich's nicht?«
»Was sieht sie in meinen Augen?« dachte Lola und ging zum Spiegel.
»Ich habe wohl etwas Fieber, Mai. Meinst du, daß ich heute abend zu Hause bleiben soll?«
»Ich meine, daß wir jetzt keine Zeit mehr verlieren, sondern dich verheiraten müssen,« antwortete Mai wichtig. »Ich muß für dich handeln, sonst kommen wir zu nichts. Du bist so klug, aber ich sagte dir's schon oft, eine Negerin weiß die Männer geschickter zu nehmen als du. Auch betest du zu keinem Heiligen. An welchen Gott glaubst du eigentlich?«
»Wie willst du handeln, Mai? Daß du ihm kein Wort sagst, du würdest mich sehr böse machen.«
»Ich habe das Recht, ihm zu verbieten, daß er meine Tochter noch länger kompromittiert. Man bleibt nicht mit einem jungen Mädchen drei Stunden vom Hause fort. Laß mich nur machen, ich bin erfahrener.«
Lola wendete sich hin und her.
»Warum muß ich denn heiraten?«
»Damit du einmal zur Ruhe kommst. Weißt du das nicht? Und die Geldsachen aufhören. Seit Paolo all unser Geld in dieses Ansiedelungsunternehmen gesteckt hat, kriegen wir immer weniger.«
Mai war ganz Gesetztheit, ganz Vernunft.
»Aber wenn das Geschäft gelingt, sind wir reich.«
»Du selbst hast noch gestern gezweifelt. Besser, wir versorgen dich gleich.«
»Mir widerstrebt es, Mai. Ich werde Pardi nur heiraten, wenn unser Geschäft gelungen ist. Jetzt mußt du dich wohl anziehen,« setzte sie rasch hinzu.
»Nein,« sagte Mai ebenso rasch, und als habe sie darauf gewartet. »Ich werde mich gar nicht anziehen. Ich bin gut genug, wie ich bin. Aber ich werde dir helfen.«
»Was fällt dir jetzt ein? Irgend etwas mußt du doch anhaben.«
»Dann ziehe ich das grüne Kleid an.«
»Das die Schneiderin ganz verdorben hat? Und Grün steht dir nie!«
Mai wiederholte mit einer Festigkeit, unter der es zitterte:
»Ich ziehe das grüne Kleid an.«
»Du bist schrecklich!« -- und Lola sah sich verzweifelt nach allen Seiten um. Daß Mai sich häßlich machen wollte, war ein peinlicheres Opfer, als wenn sie ihr Pardi freiließ.
»Zu dem grünen mußt du wenigstens Rot auflegen, hörst du?«
»Ich werde mich überhaupt nicht schminken: nur Eau végétale.«
Und Mai ging, von sich selbst erschüttert, hinaus.
* * * * *
An diesem Abend schickte Mai alle Tänzer fort, machte Bekanntschaften unter den Müttern einiger kleinen Provinzlerinnen und führte sorgenvolle Gespräche über die Kinder. Dafür ließ sie sich das nächste Mal zu ihrer silberbestickten weißen Empirerobe überreden; und jedesmal, wenn sie in Pardis Arm an den Wänden hinglitt, trieb es Lola ihr nach. Sie gab dem eigenen Begleiter keine Antwort, hing nur an Mais und Pardis Mienen, die zu süß, zu vertieft waren, quälte sich um die Worte, die er in Mais Corsage sprach, litt unter dem weichen Seidenfluß um Mais Gestalt, unter den blaßbunten Palmen darauf aus altem Kaschmir, unter Mais Flimmern und üppigen Gleiten und der nie gestörten Weiße ihres Gesichts in den breiten schwarzen Haarwellen. Sie selbst erhitzte sich, ihren Fächer bewegte sie nicht so melodisch, und nie würde sie es verstehen, solche Hingebung zu spielen! »Diese Männer hier wollen nichts, als daß man ihren Augen schmeichelt, und allen ihren Sinnen. Das ist alles, was sie kennen.« Sie ließ sich ins Freie führen, ans Buffet, von einem Raum zum andern; in aller Hitze klapperten ihr plötzlich die Zähne; und sie begann wahllos zu schwatzen. »Wie ich mich schäme!« dachte sie dazwischen.
»Was haben Sie mit Mai gesprochen?« fragte sie Pardi und lachte.
»Wir haben uns gestritten. Ihre Mama will nicht, daß ich mit Ihnen spazieren gehe. Sie wissen, daß ich darauf nicht verzichte: eher auf alles andere,« sagte er mit dieser sengenden Süße. Sie lachte schwächer, schloß eine Sekunde die Augen; -- und in der Sekunde war alles gut.
Beim Hinaufgehen verhielt Mai sich kleinlaut. Am Morgen sah sie verweint aus, hatte eine Stimme voll Mitleid mit sich selbst, war einfach angezogen und wollte, nur mit Botta, an den unbelebten Strand unter der Pineta. »Bis zum nächsten Mal,« dachte Lola. Denn sie wußte jetzt: Mai opferte sich stückweise. Immer noch blieb ein Rest Selbstsucht zu bezwingen. Aber ihre unerklärten Abwesenheiten mit Pardi wurden seltener, und nach ihnen war's, als flüchtete sie sich, verstört, zu Lola, als wollte sie nie mehr von ihrer Seite, mit Blicken und Bewegungen, wie um Schutz und um Verzeihung . . . Lola erinnerte sich seines furchtbaren »Was hindert mich --« Vielleicht daß ihn bei Mai nichts hinderte? Nicht die Scheu, die sie selbst umgab? Nein! Bei Mai nichts. Und Bilder brachen herein . . .
Kein Mittel gab es, ruhig zu atmen, als wenn man aus jeder Stunde wußte, was sie getan hatten, sie und er. Lola verbündete sich enger mit Nutini.
»Wir betragen uns zu sehr als Amerikanerinnen, nicht? Mai ist wieder mit jemand allein fort, ich glaube mit Pardi. Gestern auch, glaube ich.«
»Nein, gestern mit Botta. Sie haben droben an der Düne gelegen. Aber jemand lag auf der andern Seite und hat sie belauscht. Botta hat zuerst von seiner Balleteuse geseufzt, dann hat er Ihrer Mama einen Antrag gemacht, und nachdem er abgelehnt war, hat er sie um Geld gebeten. Es scheint, er steckt, von der Balleteuse her, noch immer in Schulden.«
»Wie man hier, bei allem Gefühl, praktisch ist. Das gefällt mir. Also Geld sucht man bei uns? Aber hält man uns denn nicht für Abenteurerinnen? Sagen Sie's nur!«
»Mein Gott, manche geben vor, es zu glauben. Wer Ihnen schadet, ist Pardi. Hat er nicht geprahlt, er werde Sie beide zu seinen Geliebten machen? Ihre Mama und Sie?«
Lola sah ihm in die Augen: sie waren lügnerisch. »Und doch könnte Pardi das sagen!« mußte sie denken.
»Wo und wann hat er das geäußert?«
»Vor aller Welt, noch gestern. Sie und Ihre Mama brauchen nur den Rücken zu wenden.«
Lola bebte vor Zorn.
»Das lassen Sie ihn sagen? Und Sie behaupten manchmal, Sie lieben mich.«
»Ich liebe Sie,« wiederholte Nutini, durchdrungen. Gleich darauf nahm sein Gesicht einen anderen Faltenwurf an.
»Was den Herrn Pardi betrifft, verachte ich ihn zu tief, um seine Prahlereien wichtig zu nehmen. Niemand nimmt sie wichtig. Übrigens macht er mich nicht eifersüchtig, denn ich habe die Überzeugung, daß er es viel mehr auf Ihre Mama absieht.«