Zwischen den Rassen: Roman

Part 17

Chapter 173,699 wordsPublic domain

Und es ward Mittag, und man flüchtete auf die Hotelveranda, an den Frühstückstisch. Sah man hinaus, ward das Auge verbrannt von Sand und See; von dem frechen Wirrwarr der roten, grünen, gelben Karren vor dem wütenden Meerblau; von den weißen Flammen der Zelte, der Anzüge. Die Gäste traten aufatmend in den Schatten, oder sie schlichen an seiner Grenze vorbei, die Häuserreihe hin, in deren grausame Helle die Balkone scharf, dünn und schwarz hineinschnitten. Ermattete, schöne Frauen, die sich rückwärts bogen, willenlos und doch in einer Linie, als hätten sie Ballett tanzen gelernt, riefen mit sehr häßlicher Stimme einen Namen, streckten, ohne umzublicken, einen Arm nach hinten, -- und eins dieser Kinder hängte sich daran, die nie ganz Kinder waren, die schon kokett waren, keine Ungeschicklichkeit begingen, und deren schmelzend blasse Gesichter manchmal, wie von Strapazen, die erst noch auszuhalten waren, unter den Augen bräunlich dunkelten. Matronen flankierten, mit erfahrenem Lächeln, Töchter, deren weißes Gesicht wie ein schmales Stück aus dem der Mutter aussah. Näherten sie sich, lagen beide, das der Mutter und das der Tochter, unter einem Teig von Schminke. Die alternden Männer bekamen Säcke unter die gewölbten Augen; den sehr alten entleerte sich das Gesicht von Blut; -- aber sie blieben schlank, behielten den aufrechten, raschen Gang des Jünglings und trugen, wie er, ihre silbernen und goldenen Stockgriffe, über den Arm gehängt, spazieren. Die aristokratische Gruppe auffallender, lauter Damen und verlebter Herren in großgewürfelten Anzügen streifte an eine Bande von Lastträgern und Schiffern; und beide sprachen mit schleierlosen Stimmen und Gebärden von Liebe und von Geld. Alle waren aus einem Blut; und wie sie gleichmäßig schritten und sich kleideten, war sicher, meinte Lola, auch die Art, zu denken und zu lieben, bei allen dieselbe. Lola gedachte der Menschen im Norden, die sie verlassen hatte, wie an Sonderlinge, von denen jeder seinen kleinen verrückten Kreis lief. Der alte Baron Utting übertrieb nur ein wenig die Sucht der übrigen. Hier ließ sich keiner aus der Masse reißen: er wäre verloren und sinnlos gewesen. Die Amerikanerinnen allein kreuzten dazwischen in gelben Winkeln, zu scharf von Umriß, um von der Sonne gedämpft zu werden. Die anderen alle schwammen ohne Mühe und jeder für sich fast unbemerkt, in dieser Atmosphäre, die sie getönt hatte und ineinander mischte.

Die Sonne tränkte gleichmäßig alles, berauschte, erschlaffte und verzauberte alles und einen selbst. Hohe, dünne Gerten mit Blumen, die nicht daran gewachsen waren, umstanden einen als Hecken, man lehnte sich in grell lackierte Sessel, hörte springenden oder schmachtenden Noten zu, fühlte sich, in seiner gewagteren Strandkleidung, freier und dreister als sonst, trank mehr, lachte mehr, ließ losere Worte zu, glaubte halb, man träume, und empfand bei allem, was geschah und was man tat, daß nichts darauf ankomme. Mit Cavà hatte Lola Freundschaft geschlossen. Seine rohen Worte von neulich deuchten ihr kaum noch wirklich, wenn sie seine Knabenaugen ansah. »Man vergißt hier so rasch. Übrigens würde man mit niemand leben können, wollte man daran denken, was die Leute sagen und tun, wenn man nicht dabei ist.«

An Mais und Lolas Tisch war ein Hin und Her von Herren: Nutini, Botta und Deneris führten Freunde ein. Der Dichter Merluzzo war dabei, mit den Puppenaugen in seinem Modellkopf, auf seinem langen, nackten Halse. Er huldigte Lola mit seiner Altweiberstimme und versprach ihr, vorzulesen, wenn sie singe. Sie sang, ohne ihn um das Seine zu bitten: sang leichtfertig darauf los und freute sich des Beifalls, ob er verdient oder unverdient war. Sie lachte.

»Klatschen Sie! Sie klatschen doch auch, wenn der kleine Beppo aus Neapel uns in seinem weiten Frack und seinem Riesenzylinder Späße vormacht. Fragt man das Kind, ob es auch in Rom auftreten werde, schneidet es eine betretene Fratze und sagt: >O nein, so stolz sind wir nicht.< Auch ich bin nicht so stolz . . .«

In aller Ausgelassenheit fühlte sie sich eifersüchtig bewacht von Pardi. Mai, harmloser, vergaß; einmal hörte sie Deneris zu lange an. In seiner schwermütigen Schwärmerei war er eben dahin gelangt, daß er nach Afrika wollte, um sich von der Schlaffliege den rätselhaften Tod geben zu lassen. Da erklärte ihm Pardi, daß diese Dame unter seinem Schutze stehe! -- und verblüfft, des Widerstandes unfähig wich unter seinem Ansturm Deneris vom Tisch. Nur noch heimlich wagte er sich, dem Verbot zum Trotz, an Mai. Sie ergab sich dann zum voraus in das Geschick, die Seufzer des einen mit der barschen Rüge des anderen zu büßen. Lola versuchte umsonst, sie aufzuhetzen.

»Du kennst das nicht: so sind sie. Auch dein Vater war so.«

Pardi faltete die Brauen, und Mai senkte die Stirn.

Den und jenen schloß er von der Vorstellung aus: sie hatten sich mit einer zweifelhaften Person gezeigt!

»Und sie sind wohl nicht langweilig genug?« fragte Lola, kampfbegierig. Dann:

»Warum machen Sie uns mit keiner Dame bekannt? Fürchten Sie, daß uns Geschichten über Sie zu Ohren kommen? Wie sind die beiden puppenhaften Blonden mit den rotgeschminkten Lidern?«

Cavà antwortete statt Pardis:

»Die Contessa Bernabei und ihre Schwester.«

»Eher die hätte ich für zweifelhaft gehalten.«

»Bedenken Sie, was Sie sagen!« heischte Pardi.

»Ach! Sie sind sehr befreundet mit ihnen?«

Lola lag nichts an Frauen. Dennoch warf sie es Pardi immer wieder vor, daß er gleich bei der Ankunft durch seine rücksichtslose Eroberung der Zimmer alle Damen des Hotels zu ihren Feindinnen gemacht habe. Einmal, im Wasser, hoffte sie eine für sich gewonnen zu haben, eine noch Unbekannte. Als nachher Pardi ihnen entgegenkam, ward die neue Freundin verlegen, Pardi verhielt sich unleidlich abweisend und Lola brach, als die Fremde sich ängstlich entschuldigt hatte, in ernste Wut aus. Er wartete mit steinernem Gesicht, bis sie ihn sprechen ließ.

»Sie ist eine Chanteuse.«

Erst als Lola sich durch diese Enthüllung nicht geschlagen zeigte: was das schade, im Wasser habe die Dame keine schlüpfrigen Lieder gesungen, -- da verfiel auch er in Sturm. Lola habe haarsträubende Begriffe; er werde sich von ihr trennen oder sie einschließen müssen. Er verstieg sich zu der Frage:

»Warum sind Sie hergekommen, wenn Sie eine Wilde bleiben wollen?«

»Ich werde abreisen, um Sie nicht länger zu kompromittieren,« entschied sie mit Leidenschaft. Statt dessen hielt sie sich bei Tische heftig über Pardis Lächerlichkeit auf; denn er habe ein hübsches Mädchen nur darum vom Blumenkorso ausgeschlossen, weil sie eine Schneiderstochter sei. Woher sie's wisse, fragte er; und kaum, daß sie einen Namen genannt hatte, stand er auf. Man sah dort hinten ihn und den andern gegeneinander fuchteln. Pardi verlangte, daß ein Gericht sich bilde und sofort über seine Handlungsweise entscheide. Als er recht bekommen hatte, forderte er seinen Kritiker. Mit Mühe besänftigte man ihn; -- und wie er dann, entladen, heiter, bezaubernd, unter lauter bewundernden Blicken an den Tisch zurückkehrte, begann Lolas Herz nachträglich zu klopfen. Was sie nun fast angerichtet hätte! Sie kannte ihn doch: er verlor mitunter die Besinnung. Einen Engländer hatte er aus dem Spielzimmer weisen wollen, weil ihm sein Tabak nicht gut roch. Der Engländer aber hatte Humor gehabt, und jetzt spielte Pardi mit ihm und rauchte aus seinem Beutel. Lola bemerkte erstaunt, daß er, der sich mit hundert Dummheiten aufhielt, sich an die Leitung von hundert Festen verzettelte, hundert Ehrenhändel erregte, bei alledem nicht kleinlich wirkte. Denn er trat für jede Nichtigkeit mit ganzer Persönlichkeit ein: immer bereit zur Verantwortung, immer im Begriff, sich zu verfinstern, sich mit dem Zweifler zu messen. Lola dachte an seine Erzählungen aus Afrika. Im Großen, das ihm bekannt war, blieb er derselbe, wie hier im Flüchtigsten. Er war das Kind, das das Meer vor sich hat, und doch darauf besteht, aus einem Sandloch, worin das Wasser versickert, ein zweites Meer zu machen.

Sie ging umher und sann ihm nach. So war er. Er war etwas Ganzes, -- und dies Ganze war vielleicht nicht weit von einem Helden. Die Frau, die ihn geliebt hätte, wäre beinahe gerechtfertigt gewesen. Und eigentlich war's von einer weniger starken Natur unnütze, peinliche Streitsucht, sich ihm zu widersetzen . . . Da schrak sie auf. Lieben? Diesen Abenteurer, der nur nach außen und nach allen Seiten lebte? Der sich nie hätte zusammenhalten können für eine? Diesen unzuverlässigen Spieler, für den kein Gewinn, nichts in Spiel oder Leben endgültig war? Diesen immer von seinen Launen gequälten Mann aller Frauen?

»Mai will er gerade so sehr wie mich! Mehr vielleicht!«

Das war das Schlimmste. Darüber hätte man die Augen schließen mögen und gar nicht mehr aufstehen. Aber Lola wollte alles wegwerfen. »Sollen sie tun, was sie wollen!« Und sie kam nicht zu Tisch; war gleich nach dem Bade in den Pinienwald gelaufen und durchstrich ihn weiter und weiter. Er nahm kein Ende. Man konnte sich verirren: wie das kitzelte! Sie drehte sich mit geschlossenen Augen mehrmals um und wußte nun die Richtung nicht mehr. Das weiße Schloß lag tief, tief in den Bäumen: so gedämpft blaß, als hätte nie Sonne es beschienen. Daß nun der Wald sich wie mit Schleiern füllte! War das Dämmerung? Schon? Man konnte hier sitzen und sich in den fremden, gelben Geruch all dieses Gestrüpps hineindenken, bis man weit fort war und die Zeit vergaß. Zwar hatte man den ganzen Tag nichts gegessen, -- und dort, auf der Lichtung, packten Holzfäller ihr Gerät zusammen und legten Brote auf den Baumstamm . . . Nein, noch weiter: jetzt gerade, nun man schon sehr, sehr müde war und die Nacht kam . . . Da sah mit Eulenaugen das Meer zwischen die Stämme; die Richtung war wiedergefunden, die Stelle erkannt. »Eine halbe Stunde höchstens nach Haus! War ich dumm!«

Sie kam zurück und fühlte sich ganz fremd und verachtend. Sie brauchte von dem hellen, lauten Tisch nur wegzublicken, -- und ins Dunkel, jenseits der Terrasse, waren friedevolle Bäume gezeichnet und Waldwege, die stumm verrannen. Ganz erfüllt war sie noch von ihrem schönen Tag in Einsamkeit, und das zwischen Menschen galt ihr gleich.

Erst Tags darauf fühlte sie, daß ihre Abwesenheit Mai und Pardi einander irgendwie näher gebracht habe. Mai hatte ihr nur laue, etwas künstliche Besorgnis gezeigt, Pardi ihr keinen Auftritt gemacht. Als die andern von einer gestrigen Ruderpartie anfingen, schwiegen sie. Waren sie allein geblieben? Mai sah an Lola, die sie prüfte, vorbei. Lola tat keine Frage. Sie sprach mit vom Rudern. Pardi fiel ein:

»Sie wären gern dabei gewesen? Dann gehen Sie also heute mit! Ihre Mama verträgt die See nicht, ich leiste ihr Gesellschaft.«

Lola sah von ihm zu Mai. Sie suchte nach einer spöttischen Ablehnung. Plötzlich aber stieß sie hervor:

»Gut denn!«

Sie hatte sich geschämt! Als sie ins Boot stieg, bereute sie's. Mai gab den Herren lauter Empfehlungen mit, zu Lolas Wohl. »Wie sie heuchelt!« Lola dachte weiter: »Warum erlaube ich ihr, daß sie ihn mir wegnimmt! Gebe ich mich denn auf? Ich habe doch mein Recht aufs Glück!« Sie beschloß: »Ich werde mich nicht mehr fortdrängen lassen! Ich kann ihn gerade so gut haben wie Mai. Er hat mir sogar gesagt, daß er Mai nur meinetwegen den Hof macht.« Sie verlangte nach einer Bucht weit dort hinten; und wie eingewendet ward, ihr Vormund werde böse sein:

»Meinen Vormund nennen Sie ihn? Es fehlte noch, daß er's wäre! Finden Sie ihn nicht, im Ernst, ziemlich anmaßend?«

»Wenn man einen unverschämten Menschen sucht,« sagte Cavà frisch, »da hat man ihn.«

»Er geht so weit, daß er mir manchmal unsympathisch wird,« sagte Botta.

»Das ist recht!« -- und Lolas üble Laune hob sich -- »schimpfen wir ein bißchen auf ihn! Was wissen Sie von ihm, Marchese?«

Deneris antwortete:

»Als junger Mann hat er sich einmal selbstmorden wollen.«

»Das -- wollten Sie doch selbst schon.«

Deneris, tief erstaunt:

»Das ist doch etwas anderes. Übrigens hatte er keine unglückliche Liebe. Höchstens Schulden.«

»Die sind ihm treu geblieben,« begann Nutini. »Trotz seinem großen Familienbesitz kann man den Zeitpunkt seines Ruins schon berechnen. Leute wie er, enden immer schlimm.«

»Tatsächlich hat er zusammengewachsene Brauen,« bemerkte Cavà. Botta bedauerte das Haus Pardi.

»So altadelig!«

Deneris widersprach:

»Alt wohl, aber nicht lange adelig. Diese florentiner Bürgerhäuser sind spät geadelt.«

Nutini wollte auf die Geldsachen zurückkommen, aber Lola verlangte:

»Lassen wir ihn gehen!«

Sie ertrug es auf einmal nicht mehr, hier draußen, abgesondert von ihm, gemeinsame Sache zu machen mit seinen Feinden, von denen keiner sich an ihn wagte. Auf einmal fühlte sie sich voll Angst: beklommen und gereizt durch all das feindliche, leere Blau um sie her, durch die Gesichter, die sie ansahen. Er liebte Mai: man mußte schnell ans Land, -- liebte Mai. Und Mai ihn.

* * * * *

Sie begann Mai neu zu beobachten, mit Blicken, die sie selbst schmerzten, und unter denen Mai sich verwandelte. Ihre liebenswürdigen kleinen Torheiten bekamen etwas Untergeordnetes, ihre Kindlichkeit ward albern. Bei jeder von Mais Äußerungen sah Lola in den Schoß, schämte sich und empfand Genugtuung in einem. »Wie kann man so dumm sein!« Diese verbrauchten Listen! Daß eine Mutter die Tochter, die sie fürchtete, als Kind behandelte: es war so alt, so alt. Nur ein wenig Geschmack, und man ließ es. Aber Mai wäre, in ihrer Eifersucht, nicht einmal davor zurückgeschreckt, Lola schlecht anzuziehen! Mais Ratschläge empfing Lola nur noch mit Mißtrauen. Einmal machte sie die Probe: frisierte sich absichtlich sehr unvorteilhaft und fragte Mai, wie es ihr stehe. Mai war entzückt: Lola wußte nun Bescheid. Zum Schein ging sie ein Stück mit; -- aber unten auf der Treppe blieb Mai stehen, ihr Gesicht war verwirrt und errötet, und sie sagte:

»Laß dich noch einmal ansehen: nein, ich glaube, es geht doch nicht.«

Mais Kampf rührte Lola nicht. Es verdroß sie, daß sie nun weniger harte Gedanken hegen mußte. Sie wollte jetzt wirklich, wie sie war, unter die Leute. Aber Mai flehte und jammerte, bis sie Lola wieder oben im Zimmer hatte und sie eigenhändig, mit eifrigen, reuigen Händen, von neuem frisieren konnte. »Ist es Verstellung? Was hat sie vor?« dachte Lola und haßte sich selbst dafür. Aber sie konnte nicht dagegen, daß Mais Hände auf ihrem Kopf ihr widerstrebten. Sie konnte nicht hindern, daß Mais Art mit den Männern sie erbitterte, ihr schließlich übel machte. Dieses Schnurren und Schmachten, diese singende, lispelnde Sprechweise, diese seitwärts geneigten Köpfe, unenthaltsamen Blicke, und dies ironische Lächeln einer gedämpften Wollust, womit ein Mann und eine Frau sich verständigten! Und der Mann war irgendeiner, -- nicht bloß Pardi: früher auch Deneris, neuerdings auch Botta; und die Frau, das lockende Weibchen, war Lolas Mutter, ihre eigene Mutter! Die Kokotten nebenan mochten dasselbe treiben, und die Aristokratinnen; Lola mochte umringt sein von unreiner Weiblichkeit; -- erst in Mai aber bekam sie etwas Groteskes und etwas, das Grauen machte. Eine Mutter hatte nicht das Recht, noch Weib zu sein!

Je länger sie sich hineindachte, um so überwältigender deuchte ihr das Unrecht, das sie von Mai erfuhr. »Als ich sie damals für gefallen hielt, war's weniger schlimm. Es war wirr wie ein Weltuntergang; es peinigte nicht, denn alles war auf einmal aus; -- und es war eigentlich nur, weil ich Romane gelesen hatte. Ich wußte nichts, ich stand draußen. Jetzt sehe ich von innen, wie alles geschieht. Ich liebe einen der Männer, mit dem sie kokettiert: denn so würde sie es nennen, und doch ist es entsetzlicher, als wenn sie ihn mir einfach wegnähme. Dann würde ich mich vielleicht töten! So aber äfft sie, mit allen und ihm, die Liebe nach, die ich fühle, zeigt mir, namenlos verzerrt, was eine Frau ist, macht mir Grauen, daß ich eine bin. Ich liebe einen, mit dem meine Mutter solche Blicke wechselt! Bin ich nicht beschimpft und ganz beschmutzt durch das, was ich in mir trage? Ich will nicht Frau sein! Ich will nicht lieben!«

Sie machte sich jungfräulich steif, hörte von den Reden weg, die auf allen Wegen zur Liebe glitten, und verlangte, daß man in ihrem Dabeisein von ernsten Dingen spreche.

»Ich begreife nicht, daß man hier in einer Gesellschaft von Männern und Frauen sich immer nur miteinander, nie mit unpersönlichen Fragen beschäftigen kann.«

»Ja, Sie sind eine Amerikanerin,« sagte Cavà . . . Lola sah von allen Seiten Komplimente für die Amerikanerinnen kommen, fiel nervös ein und erklärte die Stellung der Frau in Italien für unwürdig und vollkommen veraltet.

»Glücklicherweise wollen Ihre Minister endlich die Ehescheidung einführen.«

Botta bat:

»Nur das nicht. Wenn die Scheidung, was Gott verhüte, Gesetz wird, sind wir verloren.«

»Sie machen wirklich ein ganz betretenes Gesicht. Solche Angst haben Sie vor den Frauen?«

»Im Gegenteil,« versicherte Botta. »Ich habe Angst für sie. Denn sie zuerst werden unter dem Gesetz leiden: haben sie doch wenig Urteil, die Armen. Sie werden, kaum daß etwas sie ärgert, aus der Ehe laufen. Dann meiden alle sie, und sie verkommen.«

»Schon jetzt,« begann Deneris, »sitzt die Caputi allein in den Konditoreien, und sie ist nur getrennt. Was werden erst die Geschiedenen tun!«

Nutini bemerkte:

»Ein Sodom und Gomorra wird entstehen. Wir jungen Leute werden uns nicht darüber zu beklagen haben.«

Deneris aber klagte:

»Uns wird die poetischste Sache verloren gehen, nämlich unsere unbedingte Ehrfurcht vor der Frau, die in der Ehe unantastbar und die Erste ist.«

»Ich hätte meine Mutter nicht achten können, wenn mein Vater sie hätte entlassen dürfen!« rief Botta.

»Gut, Advokat!« machte Nutini.

»Die Frau, die geschieden werden kann, wird man vielleicht nicht einmal mehr zuerst grüßen,« fürchtete Deneris. Cavà rief entschlossen:

»Ich werde sie grüßen!«

»Genug,« folgerte Botta, »wir haben die Pflicht, die Frauen vor sich selbst zu schützen.«

Lola hätte gern erwidert: »Und wie schützt ihr sie jetzt? Indem ihr möglichst viele von ihnen zum Ehebruch verführt?« Aber Pardi kam über den Sand herbei.

»Und Sie? Sie sind natürlich für die Scheidung?« fragte Lola ihn. Er antwortete:

»Ich bin der unversöhnliche Gegner jeder Regierung, die sie uns aufzwingen will!«

Cavà bedeutete Lola mit einem Blick, daß sie auf ihn sich verlassen könne.

»Warum soll unser Land das letzte von allen sein?« rief er hell. »Die Amerikanerinnen sind meistens geschieden, und sie sind reizend . . .«

Botta unterbrach.

»Der Fortschritt! Das ist euer Wort. Wenn es nun aber bewiesen ist, daß die Scheidung geschichtlich und etnographisch eine tiefstehende Einrichtung ist und sich in direkter Verbindung mit allen Entartungserscheinungen der menschlichen Psyche befindet, als da sind Verbrechen, Selbstmord, Wahnsinn und -- noch mit einer, die ich vor Damen nicht nennen kann?«

»Gut, Advokat,« sagte Nutini. Cavà behauptete frisch:

»Die Ehe ist das Grab der Liebe!«

Seine drei Widersacher fielen zugleich über ihn her. Pardi verschränkte die Arme und wartete. Als er sprechen konnte:

»Die Ehe ist das Grab der Liebe, wenn man von Liebe einen falschen Begriff hat, wenn man für Liebe hält, was nichts weiter ist als tierische Fleischlichkeit, nichts als die Berührung zweier Epidermen. Die echte Liebe aber, die in der Seele wohnt und gereinigt, vergeistigt und von den Launen der Sinne unabhängig ist, kann nur eine einzige Person angehen und nirgends vorkommen als in der unlösbaren Ehe! Nur sie ist der ganz reine Herd dieser Liebe!«

Lola betrachtete ihn: da stand er, der Idealist, und glaubte an sich! Unter denen, die ihm so leidenschaftlich zustimmten, hätten vielleicht noch einige Ehefrauen sein sollen, deren reiner Herd dank ihm etwas weniger rein war, und ein paar Gatten, die er halbtot gestochen hatte.

»O!« machte sie. »Was Sie da sagen, ist die Logik eines Dichters. Wenn nun die Wirklichkeit nicht immer so logisch wäre? Dann würde man, Ihrer Poesie zuliebe, unglücklich!«

Er merkte gar nicht ihren Spott. Mit Strenge entgegnete er:

»Auf diese oder jene, vielleicht vorschnell geschlossene Ehe kann nicht Rücksicht genommen werden, wo es sich um die Ehe als Grundstein des gesamten gesellschaftlichen Gebäudes handelt.«

»Sehr richtig!« bemerkte Botta. »In der Ehe befiehlt der Staat.«

»Besteht der Staat nicht aus Menschen?« fragte Lola. Pardi erklärte:

»Sie haben sich zu opfern. Nicht ihr Glück ist das Wesentliche. Das Wohl der Kinder geht ihm vor, der Bestand der Gesellschaft. Wer mit seinem freien Willen gewisse Pflichten eingegangen ist, hat, was nachkommt, nur sich zuzuschreiben und kein Recht, sich zu beklagen. Ich würde mich nicht beklagen,« schloß er, durchdrungen.

»Und er ist ein Mensch,« dachte Lola, »der noch keine Handlung mit ruhigem Blut und Voraussicht der Folgen begangen hat!« Sie äußerte:

»Wie Sie von Pflicht zu sprechen wissen! Sie sind förmlich ehrwürdig!«

»Tatsache ist,« sagte Botta, »daß Sie einen ausgezeichneten Verteidiger der guten Sache geben würden; -- und Gott weiß, daß sie Verteidiger braucht . . .«

Er wartete, ob man nicht ihn selbst auffordern werde. Dann beschied er sich:

»Stellen Sie doch Ihre Kandidatur auf!«

Deneris und Cavà stimmten ein. Lola bestätigte:

»Sie müssen ins Parlament und die Ehe retten.«

Er sah ihr spähend in die Augen. »Sein Tigergesicht,« dachte sie.

»Von diesem Augenblick bin ich entschlossen, -- und Sie werden sehen, wer recht behält!«

»Also wetten wir: für und gegen die unlösbare Ehe?« schlug Lola vor.

»Nein! Dafür ist es zu ernst. Aber Sie können schreiben, Nutini, daß ich kandidiere. Bereiten wir doch gleich das Nötige vor . . .«

Schon ward er umringt, im voraus beglückwünscht und begann einem Kreise Neugieriger sein Programm zu entwickeln. Die Hotelgäste kamen die Terrasse herunter, und von weither sah man laufen. Die aristokratische Gesellschaft mit ihren gewürfelten Anzügen und riesigen Schleiern drängte sich, warf skeptische Bravos in die Rede, fächelte, plapperte; und während der Kopf nach der andern Seite lächelte, betasteten unten sich irgendwelche Hände.

Pardi ließ keinen einzigen Scheidungsgrund zu, nicht Zuchthausstrafe, nicht Wahnsinn.

»Wenn erst Bresche gelegt ist, gibt's kein Halten, und man endet dabei, daß der Wunsch des einen Gatten genügt! Eher bin ich dafür, daß das Band noch fester geknüpft wird, daß wir, meine Herren, die Verantwortung für unsere Frauen übernehmen und sogar ihre Verbrechen büßen!«

»Welch wilder Romantiker!« dachte Lola, auf ihrem Sesselchen im Schatten des Badekarrens.

»Dafür muß unsere Herrschaft nicht lockerer, sondern noch fester werden. Meine Herren, es haben sich Richter gefunden, die entgegen dem Gesetz eine Frau der Verpflichtung enthoben haben, ihren Mann zu begleiten, wohin immer er befiehlt . . .«

Eine der beiden puppenhaften Blonden mit den rot geschminkten Lidern, die Contessa Bernabei, wandte sich Lola zu, machte einen Schritt aus der Masse, daß ihr Schatten darauf fiel, und hob, mit angeregter Miene, nochmals den Fuß. Als Lola gleichgültig sitzen blieb, trat sie ärgerlich zurück, sprach nach links und nach rechts, als rührte sie in einem Sandhaufen, -- und auf einmal waren drei, vier Lorgnons auf Lola gerichtet.

Aber eine Stimme, Deneris' Stimme, zog die Aufmerksamkeit ins Innere des Kreises zurück.

»Die Furcht vor der Scheidung würde keine Frau vom Ehebruch abhalten und keinen Liebhaber. Denn in der Leidenschaft fürchten wir nichts.«

»Meine Meinung!« rief Pardi; und die beiden streckten einander die Hände hin.

»Mag der Gatte aufpassen!« höhnte Cavà, knabenhaft hell; und der Chor erklärte sich fürs Aufpassen.

Die Versammlung bröckelte ab; auch Mai löste sich heraus, mit Deneris hinter sich.