Part 16
Im Palazzo del Tè, unter dem Schwall der Fleischlichkeiten, die nach Jahrhunderten noch aus Decken und Wänden überquollen, beneidete und verachtete Lola Mais unbefangene Freude. Sie selbst konnte Pardi nicht in die Augen sehen und gab zornige Antworten. Er neckte sie anfangs mit ihrer Übellaunigkeit, dann zeigte er sich um ihr Befinden besorgt, und auch Mai äußerte Besorgnis. »Sie weiß ganz gut --« dachte Lola und verlor vollends die Herrschaft über ihre Nerven. Als man sich in der Stadt eine Kapelle zeigen ließ, stand sie teilnahmslos neben dem Sakristan, der den Stock mit der Kerze über die Wände hinführte. Pardi drehte ihr, auf Mai geneigt, den Rücken. »Ich werde ihnen nicht im Wege sein,« sagte Lola sich; »aber zu ihrer Bedeckung gebe ich mich auch nicht her!« Und wie der Sakristan den Schrein aufschloß, machte sie sich leise davon, schmerzlich berauscht von ihrer Rache. Sie erwartete, Mai werde an ihr Bett kommen, und war entschlossen, sich schlafend zu stellen. Aber Mai blieb aus.
Am Morgen beschäftigte Pardi sich nur mit Lola. Ihr schien's, daß Mai sich zurückhalte; und sie argwöhnte, dies sei Verabredung, er habe Mai im voraus um Entschuldigung gebeten. Sie sah ihn plötzlich fest an.
»Sie brauchen nicht so viel Rücksicht auf mich zu nehmen, wissen Sie.«
Wie er etwas einwandte, hob sie die Schultern.
»Nachgrade habe ich doch schon Erfahrung darin, daß meine Mutter besser gefällt als ich; und ich kann Ihnen versichern, daß mich das nicht beleidigt.«
»Sie sind kokett.«
»Gar nicht. Ich brauche niemand. Jeden gönne ich meiner Mutter.«
Er sagte zuredend:
»Sie werden doch begreifen, daß ich Ihrer Mama den Hof machen muß.«
Lola fand nichts mehr. Wie lag es nun? O, grundfalsch! Sie erschrak tief, wie schlimm sie sich schon verrannt habe. Am zweiten Tage! »Was soll daraus werden. Wenn ich mich nicht zusammennehmen kann, bin ich verloren.« Von der Minute an war sie ruhig. Und aus der Genugtuung, daß sie nichts mehr durchblicken ließ, ward allmählich wirkliche Überlegenheit.
Sie brachen nach Viareggio auf. Pardi hielt sie noch einen Abend in Florenz zurück, obwohl Mai gern ihre Sachen ausgepackt und Lola lieber am Meer als in der heißen Stadt geschlafen hätte. Aber er erklärte, es würde nicht gut aussehen, wenn er mit fremden Damen so spät noch ankäme. Auch das Hotel zum Übernachten wählte er ohne Rücksicht auf ihre Wünsche. Zuvorkommend und bestimmt brachte er sie in eins, wo sie bessere Bedienung und ein gediegeneres Publikum finden würden. Bevor er sich verabschiedete, um in sein eignes Haus schlafen zu gehen, empfahl er sie dem Hotelier. Er, der Conte Pardi, sei verantwortlich für die Damen.
»Hast du nicht auch den Eindruck?« sagte Lola nachher zu Mai. »Wenn wir jetzt abreisen wollten, würde man ihn holen und uns vorher gar nicht fortlassen.«
»Eigentlich ist es ganz hübsch hier,« antwortete Mai; und Lola dachte, klarer als Mai: »Einmal nicht allein über sich bestimmen; nicht mehr gar so frei sein und überall hingehen dürfen, ohne daß etwas darauf ankommt: beinahe tut es wohl . . .«
Dennoch geriet sie noch vor der Weiterfahrt mit Pardi aneinander. Sie mußte aus einem Coupé wieder aussteigen; ein Paar hatte darin gesessen, dessen gesetzliche Zusammengehörigkeit Pardi leugnete.
»Aber Sie werden jetzt schrecklich!«
»Ich bin für Sie verantwortlich! Sie kompromittieren mich!«
Lola war fassungslos. Mai äußerte schüchtern:
»Auch ich habe dir so etwas schon manchmal verweisen wollen, Lola.«
Plötzlich fuhr Lola auf, als habe sie nun verstanden.
»Wie kann ich denn Sie --«
Aber sie nahm sich zusammen und sah lächelnd und mit Kopfschütteln zum Fenster hinaus.
Bei der Ankunft wollte sie zu Fuß gehen, mußte aber, denn ein Auftritt drohte, in den Omnibus steigen. Die Hotelzimmer, die Pardi seinen Damen zugedacht hatte, waren am Abend vergeben. Lola sah ihn bei der Gelegenheit zum erstenmal in Wut; sie dachte: »Gut, daß ich ihn kennen lerne.« Der Wirt war trostlos, die Kellner traten mit den Zehen auf. Mai und Lola saßen, von neugierigen Badegästen umringt, im Salon, wie feindliche Fürstinnen, denen ihr Marschall die Unterwerfung der Völker erzwang, und die ihm mit ebensoviel Angst wie Stolz dabei zusahen.
Er erreichte, daß die Fremden die Zimmer räumten. Dafür wurden Mai und Lola beim Lunch mißbilligend gemustert. Pardi sah den Männern nacheinander in die Augen, die auf einmal unbeteiligt dreinblickten. Er erklärte, man habe die Leute nicht nötig, und bestellte die Gedecke künftig an eigenem Tischchen.
Dann führte er seine Damen in ihre Zimmer, mit einer anmutigen Größe, als vertrete er eroberte Provinzen. Die weißen Vorhänge flatterten von Stößen blauer Luft. Die großen eisernen Betten sahen kühl aus unter ihren Musselinzelten. In dem kleinen Salon standen die Theaterstühle in zwei Reihen an den Wänden. Überall Spiegel: und wenn sie schräge hingen, rollten Wellen darin und sprang Schaum.
»Mit Verlaub« -- in vier Stimmen; und vier Herren ließen sich vorstellen, hatten schlechterdings nicht länger warten können, machten Pardi Vorwürfe, daß er ihnen die Damen drei Tage vorenthalten habe, und fingen gleich an:
»Du weißt nicht, daß die kleine Miß Edith . . .«
Mai und Lola wurden auf das Laufende gebracht. Die ganze Gesellschaft zog an ihnen vorbei, jedem war eine Bosheit angeheftet. Ihnen wurden alle geopfert; sie brauchten nur fragend einen Namen nachzusprechen, und sogleich beleuchteten ihn Geschichten. Die einzigen Unanfechtbaren blieben sie selbst; und eine Ergebenheit ohne Grenzen, die rückhaltloseste Zutraulichkeit und eine spontane Verehrung drangen in knabenhaft ehrlichen Lauten und Gesten von vier Seiten auf sie ein. Nutini zog gleich seine leeren Taschen ans Licht: alles verspielt. Der Leutnant Cavà handhabte seinen Säbel mit so glücklichem Gesicht, als habe er ihn soeben geschenkt bekommen; und seine Ballhandschuhe, errötend mußte er's gestehen, trug er schon aus Vorfreude auf heute abend. Deneris sprach mit etwas schwächerer Stimme als die andern; aber Botta wippte beim Reden mit den Absätzen und schlug sich auf die fette, straff bekleidete Brust. Allen saßen die Anzüge nach der Mode vom nächsten Jahr und ohne eine Falte, wie auf guten Bühnen.
Sobald Nutini zu Lola ein unbemerktes Wort sprechen konnte:
»Er hat Sie nicht früher herbringen wollen, wie? Und er hat recht gehabt: denn die Damen Arletti sind erst heute früh fort.«
»Was machen uns die Damen Arletti?«
»O -- Ihnen, nichts. Aber ihm!«
Und Nutinis Miene stellte so viele Enthüllungen in Aussicht, daß Lola etwas wie Schrecken kam.
»Sind Sie nicht sein Freund?« fragte sie.
»Versteht sich . . . Und weil ich sein Freund bin, freut mich's, daß die Arletti fort sind. Ich glaube, es waren Abenteurerinnen. Er läßt sich zu leicht ein. Sein Temperament ist sein Unglück. Ah, bitte, so viel Geld als er nötig hätte, kann ihm auch der beste Freund nicht geben. Darum habe ich vorhin meine Taschen sehen lassen.«
Lola lachte mit; aber indes sie Nutinis Augen funkeln sah in seinem eingefallenen Gesicht, nahm sie sich, unter einer Wallung von Freundschaft, vor, Pardi über diesen Feind aufzuklären. Pardi spähte schon herüber. Noch bevor er da war, zeigte Nutini vom Balkon nach Badenden. Cavà rief über Lolas Schultern, unaufhaltsam:
»Ist sie schön, die Mistreß Nicholson!«
»Bravo!« machte Pardi. »Sicher ist sie die längste der gelben Stangen.«
Nutini klopfte Cavà auf die Schulter.
»Mich hat er einmal mit meiner sechzigjährigen Sprachlehrerin gehen sehen, und dann fragte er mich: Du, sag, wer war die wunderschöne Amerikanerin?«
Lola wandte sich lächelnd nach dem Leutnant um. Er lachte wehrlos. Seine Augen in ihren sorgfältigen Wimpernhecken blickten aus seinem rosigen Gesicht, wie aus einem Öldruck. Lola erinnerte sich, daß er vorhin nur den harmlosen Klatsch mitgemacht habe.
»Sie haben alle in Italien diese Vorliebe für die Amerikanerinnen, und über Ihre eigenen Damen wissen Sie nur Unvorteilhaftes. Wie kommt das?«
»Ja, sie sind nicht so schön,« erklärte Cavà. »Sie sind nicht blond.« Botta wußte mehr.
»Wenn wir uns mit einem unserer jungen Mädchen sehen lassen, heißt es sofort; wir sind verlobt.«
»Mit jungen Mädchen ist hier nicht zu verkehren,« bestätigte Nutini; und Botta setzte hinzu:
»Auch haben andere mehr Herz.«
»Schon wieder deine Olimpia? Dieser Gigi hat nämlich hier im Walde an einem Teich einen halben Sommer mit einer Balletteuse verbracht.«
»Ach ja,« seufzte Botta und schlug sich auf die Brust, daß sein fetter Tenor ins Zittern kam. Nutini störte ihn: schließlich sei sie ihm doch davongelaufen; und Botta fuhr verwundet gegen ihn los.
Deneris seufzte laut. Er lehnte rückwärts auf den Balkon und schmachtete von unten Mai an. Seit seinem Eintritt hatte er sich keinen Augenblick von Mai getrennt. Es gäbe wertvollere Frauen, versicherte er in gezogenem Ton, als die Balletteuse Olimpia.
»Wenn die Mühe, die man sich ihretwegen gibt, ihren Wert bestimmt --« meinte Pardi. Nutini klopfte nun Deneris.
»Ja, du hast das Talent, unglücklich zu lieben.«
»Könnten Sie das?« sagte Cavà kindlich zu Lola. Sie mußte lächeln.
»Ich habe in der Liebe keine Erfahrung.«
Sogleich begann Botta, um Lola die Liebe zu erläutern, wieder von seiner Olimpia. Und auf Lolas ungläubiges Lächeln:
»Denken Sie nur an die Lieblingspuppe, die Sie gewiß gehabt haben, und wenn Sie sich die Arme Ihres kleinen Lieblings um den Hals legten. Auch wir jungen Leute spielen gern mit Puppen, aber ach! nicht selten werden sie uns gefährlich.«
»Wirklich?« machte Lola, dankbar. Botta sprach mit dicker Zunge, schmatzend, und rollte in seinem massigen Gesicht selbstzufriedene Kuhaugen. Aber Deneris wartete nur, daß er fertig sei. Er hatte sich aufgerichtet, das Monokel eingesetzt und trachtete mit Gesten, die beiden Damen um sich zu versammeln. Auf seinem kleinen blassen Kopf lagen die kanariengelben Härchen seiden wie Kinderhaare. Seine blauen Augen starrten ängstlich.
»Wissen Sie wohl, daß ich um die, die ich liebte, zu sehen: jawohl, nur um sie zu sehen, täglich sechs Stunden mit der Bahn gefahren bin? So ist es: dreiundeinenhalben Monat täglich nach Pisa und unter ihrem Fenster vorbei. Selten ließ sie sich sehen; aber im Salon eines Photographen stand ihr lebensgroßes Porträt, -- vor dem ich mich eines Tages fast erschossen hätte. Wäre nicht gerade der Photograph gekommen --«
»Er spricht wahr,« sagte Cavà, mit Achtung. »Der Photograph hat es überall erzählt.«
»Dein Tod, mein Lieber,« sagte Nutini und klopfte Deneris, »wäre zu öffentlich gewesen. Viel zartfühlender handelte doch die Contessa Gavazzo, als sie um meinetwillen Gift nahm. Eigens reiste sie nach der Schweiz.«
»Sie war eine Morphinistin, mein Lieber,« wandte Botta ein.
»Mein Lieber --« und Nutini nickte dringlich, »ich weiß wie jene Frau mich liebte.«
»Ich aber weiß,« entgegnete Botta, von sich erfüllt, »wie es war, als ich die Olimpia liebte; und ich werde es Ihnen erklären, mein Fräulein.«
Pardi unterbrach ihn:
»Ich könnte Liebe nicht erklären: ich vergesse jedesmal wieder, wie es war. Ist sie aber da, weiß ich's, und handle!«
Als er der Wirkung ein wenig Zeit gelassen hatte:
»Wir holen die Damen ab, nachdem sie sich angezogen haben.«
Von der Schwelle mußte er noch mahnen:
»Marchese, komm!«
Denn Deneris konnte sich von Mai nicht trennen. Sie strahlte.
»Ist das nicht ein reizender Mensch? Sage, Lola! Es scheint, daß er mich liebt?«
Und Lola, voll Freude:
»Gewiß, Mai! Das muß jeder sehen!«
Die Dazwischenkunft all dieser Männer hatte ihre Spannung unterbrochen. Zum erstenmal konnten sie einander wieder unbefangen und mit Wohlwollen ins Gesicht sehen.
»Ich freue mich eigentlich auf das Ausgehen. Es ist doch schön, daß wir hergekommen sind!« sagte Lola. Und Mai:
»Heute abend werden wir also tanzen! Was soll ich nur anziehen?«
Lola ging mit in Mais Zimmer. Wie sie zurückkehrte, stieß sie im Korridor auf Nutini. Sie blieb unschlüssig auf der Schwelle des Salons.
»Dieser Botta macht mich lachen,« sagte Nutini. »Wissen Sie wohl, daß er von seiner Olimpia ganz einfach ausgehalten worden ist?«
»Nicht möglich --« und Lola brach ab. Sie hatte sagen wollen, Botta mache ihr gerade den Eindruck des vollkommenen Liebhabers. Nutini zuckte die Achseln.
»Aber nicht dies führt mich her. Sondern ich möchte Sie bitten, mir doch gleich jetzt Ihre Noten zu geben. Im Augenblick habe ich Zeit, die Begleitung zu üben. Denn das Geschwätz der andern zieht mich nicht an.«
»Wohin sind die andern gegangen?«
»Ich weiß es nicht einmal.«
»Aber die Noten sind unten im Koffer, und er steht in meinem Zimmer.«
»Mein Fräulein! Ein guter Freund spricht mit Ihnen, -- wenn er's auch erst seit kurzem ist. Wären Sie eins unserer Püppchen, ich würde mich Ihnen zum Auspacken Ihres Koffers nicht anbieten. Aber Sie sind eine Amerikanerin . . .«
Lola erinnerte sich, daß nicht sie, sondern Germaine die Sachen hineingelegt habe: sie lagen sicher sehr ordentlich. Sie öffnete Nutini ihr Zimmer.
Er schob zuerst die Jalousietür weg, half ihr dann geschickt und diskret und trat mit den Noten ans Licht, auf den Balkon. Er schien sich in die Musik zu vertiefen und stieß nur seltene Worte der Bewunderung aus. Lola mußte auf die Stimmen hören, die aus der Nähe kamen. Zuerst war's die kindliche des Leutnants Cavà; Lola wollte es nicht glauben, daß sie diese Dinge sagte; dann, bevor Lola sich gefaßt hatte, die schmatzende Bottas und Deneris' näselnde. Eins seiner Worte ward von Gelächter zugedeckt. Dann beglückwünschten sie Pardi. Er antwortete:
»Mich reizte es, sie einem Deutschen wegzunehmen.«
Bei seinem verächtlichen Auflachen errötete Lola und erblaßte wieder. Sie hielt sich am Pfosten, begriff nicht, daß sie noch dastand, und starrte angstvoll auf Nutini, der über die Noten geneigt blieb und manchmal entzückt den Hals bewegte. Lola dachte in einem Atem und im Wechsel ihres Errötens und Erblassens: »Wenn er hört!« und »Er hat mich herausgeholt, damit ich hören sollte!«
»Was ist Ihnen?« fragte plötzlich Nutini und warf alles hin. Sie brachte nichts hervor; und deutlich kamen Bottas Worte herauf:
»Wenn ich wählen sollte: Teufel. Vielleicht beide -- auf einmal.«
»Prahlhans!« rief Pardi scharf. »Handeln ist alles!«
»Wovon redet man? Mein Gott! Doch nicht --«
Nutini schlug sich vor die Stirn.
»Ich Unseliger! Konnte ich aber ahnen, daß diese Leute drunten bei offenem Fenster solche Abscheulichkeiten von sich geben würden? Halte ich selbst mich doch meist von ihnen zurück. Aber dieser Art Menschen ist nie zu trauen . . .«
Und drinnen, flüsternd:
»Dem Pardi noch weniger als den anderen. Wenn ich Ihnen erzählen wollte, wie er's mit den Damen Arletti getrieben hat . . .«
»Lassen Sie's!« stieß Lola aus. Sie warf die Balkontür zu.
»Sie haben gehört, wie er über Sie und Ihre Frau Mutter spricht. Denn so ungeheuerlich es mir vorkommt, er meinte offenbar Sie! Ich kann nur wiederholen, wie schmerzlich ich bedauere --«
»Ich vermute,« sagte Lola kalt, »daß so über alle gesprochen wird.«
»In der Tat, es gibt Männer: die Mehrzahl sogar, kann man sagen, ändert, kaum daß sie die Damen verlassen hat, durchaus den Ton. Die Damen, die all die Achtung und Rücksicht um sich sehen, ahnen nicht --«
»Es ist auch nicht nötig.«
Unvermittelt kam ihr Wut auf sich selbst, daß sie diesen Menschen nicht hinauswies. Vorgebeugt, ihre dicke Falte zwischen den Brauen, sagte sie in unheimlich hellem Frageton:
»Wollen Sie mich jetzt nicht allein lassen? Ich habe etwas Kopfschmerzen.«
»Tatsächlich sind Sie sehr blaß,« stammelte Nutini, und sein eingefallenes Gesicht erblaßte selbst noch mehr. Er verbeugte sich. Lola sah, immer in derselben Haltung, seinen weichlich geschweiften Rücken sich dem Ausgang zuwiegen. Als sein Händchen in dem nach vorne weibisch erweiterten Ärmel die Tür geöffnet und geschlossen hatte, fiel Lola auf einen Stuhl, gelähmt von Ekel. So war nun hier die Welt! Weil sie gerade aus einer anderen kam, hatte sie sich eine Stunde lang täuschen lassen können. Sonnig, elegant und herzlich hatte es sich ausgenommen: alles gerade entgegengesetzt den schlecht gekleideten, geistig hochmütigen Menschen dort hinten in ihrem Nebel. Aber wäre jener Arnold fähig gewesen, mit allen Leuten und zum offenen Fenster hinaus über ihren Körper zu verhandeln? Die Frage demütigte sie so, daß sie das Gesicht in die gerungenen Hände drückte . . . Auch Gugigl hätte das nicht fertig gebracht, und nicht einmal Gwinner! So aber war man hier. So war der Mann, den sie vielleicht lieben wollte. Ach! es hatte keinen Sinn, sich ihm befreundet zu fühlen, ihn vor diesem Nutini zu warnen. Der Intrigant und der Brutale waren einander wert.
* * * * *
Mai wußte schon durch Germaine, Lola sei schlechter Laune. Zögernd kam sie herein.
»Bist du fertig? Mein Gott, hast du mit den Sachen herumgeworfen! Die letzten Haare wirst du dir noch abbrennen!«
»Mach mich nicht ganz verrückt, ich bitte dich, Mai!«
»Dort liegen diese dummen Bücher! Du hast gewiß wieder gelesen, und dann kommen die Kopfschmerzen.«
»Ja, ich habe gelesen.«
»Sie liest, Pardi! Kommen Sie doch herein und schelten sie! Sie ist ein wahres Kind.«
»Sie sind schlecht angezogen,« sagte Pardi sofort. »Sie müssen sich noch einmal umziehen.«
Lola fuhr auf.
»Was fällt Ihnen ein!«
»Wenigstens müssen Sie das Halsband anders stecken, es liegt in Falten. Auf den Schultern haben Sie übrigens zu viel Puder.«
»Das ist nicht Ihre Sache. Erwarten Sie mich im Salon! Hätten Sie sich früher vielleicht erlaubt, mein Zimmer zu betreten?«
»Hier ist es etwas anderes. Ich bin für Sie verantwortlich.«
»Ach ja, ich kompromittiere Sie! Warum aber sagen Sie Mai niemals etwas?«
»Ihre Mama ist tadellos angezogen.«
Mai konnte ihren frohlockenden Blick nicht mehr zurückholen. Lola hatte ihn aufgefangen und wandte sich stumm weg.
Beim Aufbruch hatte sie noch etwas gefunden, was ihn treffen sollte.
»Jetzt sagen Sie mir, was Sie auf der Reise ausgelegt haben!«
»Das hat Zeit, gehen wir!«
»Ich will Ihnen nichts schuldig sein.«
»Gehen wir! Die Herren warten.«
»Ich soll gehen, ich? Weil die Herren warten?«
»Aber Lola!« sagte Mai, ganz erschrocken über so viel heftigen Widerstand. Pardi nickte ihr zu.
»Ihre Tochter ist tatsächlich noch ein Kind.«
Aber er rechnete zusammen. Lola gab ihm das Geld, mit vielem Geklapper der Münzen. Pardi schloß kaltblütig:
»Ehrlich sind Sie.«
Lola war sprachlos. »Hat er das nicht erwartet?« dachte sie. »Er tut, als wäre ich eine Kokotte . . . Das stimmt mit dem Gespräch beim offenen Fenster. Wenigstens ist er konsequent.«
Und mochte sie's noch zu leugnen versuchen, seine Art, sie zu nehmen, ohne Rücksicht auf ihre Stimmungen, ohne Verzärtelung: seine Art besiegte sie und erleichterte sie. Auf der Treppe bemerkte sie, daß sie sich hätte weigern sollen, mitzukommen, und ärgerte sich, weil sie keine Lust hatte, umzukehren.
Den ganzen Abend unterhielt sie sich, und nicht schlechter am nächsten. Die Tage vergingen mit Baden und Nichtstun. Das Bad dauerte Stunden. Man lebte in diesem durchsonnten, blauen und weichen Wasser. Mai lachte vor Glück, wenn sie ihre Hand hineintauchte, und sagte, es sei, wie wenn sie durch den Stoff eines Ballkleides gleite. Man schwamm, so weit man mochte; und ermüdete man, waren immer Herren mit einem Boot da. Man kletterte hinein; -- und indes man recht unbeteiligt und träumerisch die Augen schloß, gewahrte man durch ihren Spalt doch die hungrigen und diskreten Blicke des halbnackten Ruderers. Sie prickelten einem auf der Haut. Pardi verbot ihnen diese Rast im Boot; Lola hatte, in aller Beisein, einen Auftritt mit ihm. Er hielt ihr Mai als Beispiel vor.
»Ihre Mama ist noch eine der wirklich weiblichen Frauen, die gehorchen können. In Ihnen ist etwas Feindliches.«
»Glücklicherweise,« sagte Lola höhnisch.
Denn dies Feindliche reizte ihn! Lola sah immer deutlicher: »Mai gefällt ihm. Zu mir zieht ihn seine Herrschsucht.«
»Eines Tages,« verhieß er, »werden wir uns auseinandersetzen müssen: ich sage es Ihnen voraus.«
»Ich glaube, wir haben uns gar nichts zu sagen.«
»Zu sagen vielleicht nicht viel.«
Er lachte, und sie drehte ihm den Rücken. In dieser Minute hätte sie keine heftige Antwort gewußt. Sie war erschlafft und einem weichen Weinen nahe. Manchmal spürte sie so, inmitten seiner Unverschämtheiten, eine begehrliche Wärme von ihm her, etwas wie einen jähen Stoß Südwind, daß einem der Atem stockt; oder wie den heißen Brodem aus einem Tigerrachen, die Sekunde, bevor er zuschnappt.
Tags darauf schwamm sie wie gewöhnlich hinaus.
Mai hatte ihr zugerufen, sie dürfe nicht weiter. Wie sie ins Boot wollte, war keins zu sehen. »Diese Feiglinge!« Lola kehrte um. In immer kürzeren Pausen mußte sie sich auf dem Rücken ausruhen. Solange sie noch einen Überschuß an Kraft fühlte, dachte sie mit befriedigter Rachsucht daran, daß sie nun vielleicht umkommen werde. In dem Augenblick, als es ihr ängstlich ward, tauchte neben ihr Pardis Kopf auf. Wie lange war er denn unter Wasser geschwommen?
»Rühren Sie mich nicht an!«
Auf der Stelle hatte sie ihre Kraft zurück und schoß in großen Zügen dem Strande zu. Mai winkte mit dem Sonnenschirm.
»Kind, mein Kind! Hat er dich gerettet?«
Und sie fiel Lola um den Hals. Lola mußte erst zu Luft kommen. Sobald sie's hervorbringen konnte:
»Wie käme ich dazu, mich von diesem Herrn retten zu lassen?«
Aber sie fühlte sich dennoch von Pardi überrumpelt und in ihrer Niederlage glücklicher als Mai. Auch Mai mußte es fühlen. Sie sah von Lola zu Pardi, der stumm blieb und ruhig atmete. Darauf betrachtete sie besorgt ihr eigenes Kleid und dann die beiden in ihren triefenden, um die Körperformen geklatschten Kostümen. Plötzlich wandte sie sich ab.
»Ich bin nicht schuld, wenn sie sich schlecht benimmt. Man hat mit nicht erlaubt, sie zu erziehen.«
»Wir werden es nachholen,« sagte Pardi, -- indes Lola schon von dannen war.
* * * * *