Zwischen den Rassen: Roman

Part 14

Chapter 143,781 wordsPublic domain

Gwinner erklärte, er würde solche Sache in zwei Minuten erledigt haben. Für ihn als modernen Menschen sei der Zweikampf ein einfacher Unfug und tief unter seiner Würde; -- und er erklärte es in so herausfordernder Sprechweise, als hätte er jedes Wort sogleich mit der Waffe vertreten. Frau Gugigl stimmte begeistert zu. Tini stand ohne Regung; sie sagte langsam, und jede Silbe ward von einer rätselhaften Schwere erschüttert:

»Das hatte ich von Ihnen nicht anders erwartet.«

Lola wandte sich nach Arnold um.

»Wie denken Sie?«

»Über den Zweikampf? . . . Ich habe vorhin eingegriffen, um einen zu verhindern . . . Was mich betrifft: -- aus eigenem Drang würde ich mich vielleicht schlagen, nie um der Welt willen. Es muß jemand da sein, der nicht mehr leben darf: dann ja . . . Aber wer hat so starke Affekte? Vielleicht . . . Ich weiß nicht, komme ich für das Duell in Betracht? Alles kann eintreten: auch daß ich einen Orden erhalte oder ins Zuchthaus komme. Nur kann ich mir's nicht vorstellen . . .«

»Ist er nicht zu komisch?« fragte Frau Gugigl. Ihr Mann bemerkte:

»Ah! Freunderl! Sie san g'scheit.«

Und Lola schwieg, enttäuscht. Sie hatte sich gewünscht, auch ihn verachten zu dürfen. Nein: er behielt das Recht, ihr Blumen, als Mahnungen, ins Zimmer stellen . . .

* * * * *

Plötzlich stieß Mai einen Schrei aus. Sie hatte begriffen, was vorgegangen war! Nachträglich kam alles in ihr in Wallung. Lola brachte sie hinauf. Wie Lola dann am Fenster stand, sah sie, unvorbereitet, Pardi aus den Büschen treten. Er stand grade unter ihr, ganz nahe: sie unterschied die gesträubten schwarzen Härchen auf der energischen Blässe seines Gesichts und erschauerte, als werde sie von seinen Wimpern gekitzelt. Flüsternd und eindringlich, mit einer Art herrischen Flehens, verlangte er, daß sie hinunterkomme. Sie sah sich um: Mai hatte nichts gehört; und sie ging, leicht betäubt.

Pardi erwartete sie am selben Fleck. Sie vermieden die Vorderseite des Hauses und erreichten durch eine vorsichtig geöffnete Seitenpforte den lautlosen Wiesenboden.

»Ich danke Ihnen!« sagte Pardi, leise und stürmisch. »Wie sehr habe ich es in diesem Augenblick nötig, zu jemand zu sprechen, der mich versteht! Ist es zu glauben, daß man hier die Dienstboten mit >Sie< anredet und sogar den Kopf vor ihnen entblößt?«

Lola sah ihn rasch an, -- und dann konnte sie ihr Gelächter nicht mehr dämmen. Er war zornig erstaunt.

»Auch Sie? Lachen Sie doch nicht! Sie kennen diese Leute noch nicht. Alles Sozialisten und Schlechterzogene! Man braucht nur ihre Kleidung anzusehen. Die Schuhe und die Nase dieses Gugigl: beide krümmen sich nach oben. Verkommen sind alle, überzeugungslos und feige. Sind das noch Männer, die ihren Frauen diese Sitten gestatten und diesen Ton? Wer stopft hier die Socken? Mulier subiecta viro. Leugnen Sie es nicht! Ich weiß, welche Ideen Ihnen jener Hölzerne, Furchtsame, einzuimpfen trachtet. Aber sehen Sie nur seine Hände an, die immer weich werden und anschwellen . . .«

Lolas Lachen brach ab.

»Sie sind zu klug: Sie lassen sich nicht unglücklich machen. Glauben Sie mir: die Frauen hier sind sämtlich unglücklich. Man hat ihnen die Zügel abgenommen, und allein wissen Sie nicht wohin und wie sich wehren . . . Sie aber, was tun Sie hier? Sie sind doch stärker als alle diese.«

Er ließ ihr den Vortritt auf das Brett über einer sumpfigen Stelle. Aber am Ende des Brettes trat sie in Wasser und wandte sich um. Auch er blieb stehen.

»Sie sind doch stärker!« wiederholte er und warf sich dabei selbst in die Brust; und durch seinen leichten, engen Leinenärmel hindurch sah sie, daß er die Muskeln anspannte. Feindselig, auf ihrer Hut, führte sie ihren Blick hinauf, bis in seine Augen; -- und in den sprachlosen Sekunden, die sie einander musterten, war es ihr auf einmal heftig erleuchtet, nicht mit den Hiesigen und nicht mit Arnold habe sie Zusammenhang . . . Sie erschrak über den Leichtsinn, mit dem sie zu dieser Begegnung ausgegangen war, und darüber, daß sie noch soeben gelacht hatte.

»Also kehren wir um!«

»Haben Sie Furcht?«

»Wovor denn? Die Wiese ist ungangbar. Vor Ihnen doch nicht? Sie sind ja noch einer von den Rittern.«

»Ein Jäger, sagen Sie! Der Mann ist Jäger.«

Da sie schwieg:

»Ihre Mama spricht davon, nach Italien zu gehen. Sie werden mir hoffentlich bald nachkommen. Denn Sie begreifen, daß ich nach dem Vorgefallenen nur noch der Form wegen zwei Tage mit der Abreise warte. Wir müssen uns aber wiedersehen!«

»Es wird mich freuen, wenn es sich so macht.«

»Nein! Wir selbst müssen es machen! Ich gehe nach Viareggio; aber ein Telegramm, und ich fahre Ihnen entgegen, wie weit Sie wollen!«

»Ich begreife gar nicht . . .«

»Sie begreifen vollkommen, daß Sie zu uns gehören. Warum? Warum? Erstens haben Sie eine gute Schneiderin.«

»Das allerdings.«

»Und dann viel Leidenschaft.«

»Das ist nicht wahr!«

»Das Temperament, womit Sie's leugnen! So viel bringt man hierzulande höchstens auf, wenn man getrunken hat.«

Er neigte den Kopf auf die Schulter.

»Sie sind anbetungswürdig.«

»Sagten Sie nicht, daß Sie Jäger seien? Wirtlich, manchmal sind Sie wie ein Jäger, der sein Wild gerührt bewundert, bevor er es totschießt.«

* * * * *

Sie waren bei der Pforte. Lola dachte daran, wie sie ihn los werde, bevor man sie sähe: da verabschiedete er sich; er gehe noch nach dem Walde.

Hinter einem Busch rief Tinis Stimme, und sie klang erstickt:

»Komm her, Lola, ich muß mit dir reden!«

»Was ist denn, Tini? Wie hast du dich komisch hingesetzt?«

Tini saß neben einer Bank, fast unter ihr; griff mit ihren langen Armen um das Sitzbrett herum und hielt den Mund in die Arme gepreßt.

»Lola, wie ist nun alles schrecklich!« jammerte sie und hob nur die Augen auf. »Warum mußten sie in Streit kommen! Jetzt hab' ich gesehen, daß Gwinner ein Feigling ist.«

Lola ließ sich rasch neben Tini auf die Knie, zog Tini in ihre Arme, hielt ihr den Mund mit ihren Lippen zu.

»Er ist kein Feigling, arme Tini! Wie kannst du nur glauben! Er will keine Gewalttat begehen, weil er sie ungerecht und unschön findet.«

»Du willst mich trösten.« Aufschluchzend: »Du bist gut. Aber das ist doch klar, daß Pardi ein stärkerer Mann ist. Und dann kann mir die moderne Weltanschauung auch nichts nützen, wenn einer sich nicht schlägt. Denke dir, man wird beleidigt, und er schlägt sich nicht für mich. Schrecklich! Schrecklich!«

Der Schmerz schüttelte Tinis Kopf, und das Weinen verzerrte ihr Gesicht zu einer Kindergrimasse.

»Du hast ihn wohl sehr lieb gehabt, Tini?«

Tini schrak auf, -- und plötzlich fiel sie in Zorn.

»Nicht die Spur! Nur mit Reden hat er mir imponiert, gerade wie -- na, ich kann's wohl sagen: gerade wie der Arnold dir!«

Lola ließ Tini los; schnell, ehe sie die Kränkung, die sie fühlte, bedacht hatte:

»Der taugt doch wohl mehr, Tini.«

»Wieso?«

Beide senkten die Hände bis zur Erde, und, Tini sitzend, Lola auf den Knien, sahen sie einander ganz nahe in die Augen.

»Hat er vor Pardi nicht Reißaus genommen? Meinst du, ich merke nicht, was du durchmachst? . . . Und ich mit Gwinner! Du weißt noch gar nicht: ich wollte Diakonissin werden, so fromm war ich. Immer hab' ich mich geschämt, es dir zu sagen. Er aber hat mir Nietzsche zu lesen gegeben und mir soviel Sprüche gemacht, bis ich glücklich ein modernes Weib war. Da hab' ich nicht mehr gewußt, bin ich in ihn verliebt? Ich fragte dich doch, an was man's kennt! Und wollte, daß er mich entführen sollte. Er sagte natürlich, es sei nicht modern. Das sagt er immer; damit redet er sich aus allem heraus: gerade wie dein Arnold. So sind sie jetzt. Ich aber bin anders!«

Und Lola sah wieder in die haltlos kreuzenden Augen eines wilden jungen Vogels. Sie wich ein wenig zurück.

»Da kam der Pardi,« sagte Tini und nickte heftig. »Das ist einer, der täte es. Aber meinst du, daß ich ihn mag? Er macht mir einen so gemeinen Eindruck, Lola! Ich kann dich nicht genug vor ihm warnen!«

»Du bist noch sehr jung, Tini.«

»Aber schon furchtbar verdorben!«

Mit einem großen Ruck:

»Ich muß knien, ich!«

»Du, verdorben?« -- und Lola streckte wieder die Arme aus. »Durch was denn? Nichts ist geschehen, arme Tini. Mit dir nicht und mit mir nicht . . .«

Ganz neues, durchdringendes Mitleid fiel Lola an, mit Tini, mit sich: als seien sie beide verschmäht worden; und sie fühlte sich demselben haltlosen Kinderweinen nahe, das vorhin Tini erschüttert hatte. Gern hätte sie Tini wieder an ihrer Brust gehabt; aber Tini machte sich steif, und sie war stärker.

»Was soll denn geschehen?« fragte sie mit ganz leerem Jungfrauengesicht. »Wir haben doch unsere Gedanken, nicht? Und die sind nun anders und kommen nicht mehr so wieder wie einst . . . Ich wollte, ich könnte noch Diakonissin werden!«

Und bekennerhaft zurückgeworfen, mit leidenschaftlichem Atem:

»Es ist nicht wahr, daß ich Pardi nicht möchte. Ich hab' dich gehaßt, und deine Mama auch, und die anderen auch: weil ihr mir ihn wegnehmt!«

»Ich nehme ihn dir nicht weg, Tini.«

»Doch! Gerade du! Paß auf, du wirst ihm folgen, wenn er fortgeht!«

Wie Lola sie mit Grauen ansah, warf Tini sich über sie.

»Und ich --« krampfhaft, erstickt: »-- werde dir dazu helfen. Du sollst sehen! Denn dich will ich nicht hassen, Lola. Du bist die einzige, die ich wirklich liebe, Lola: du bist mein Ideal . . . Mit den Männern ist es nichts . . .«

Durch Tränen befreit, begann sie ein Liebkosen.

»Warum liebst du mich nicht?«

»Ich habe dich so lieb wie meine liebste Schwester.«

»Wirklich? Ich dich aber viel mehr! Schwester: was heißt das? . . . Und warum hast du mir nie ein Wort des Dankes für meine Blumen gesagt?«

»Deine Blumen?«

»Die ich dir fast jeden Tag hingestellt habe.«

»Du hast --. Das warst du?«

»Wer sonst? . . . Ach! Arnold? Du dachtest? . . . O! Mach nicht solch Gesicht! Das ist entsetzlich! Ich wollte, ich hätte nichts gesagt. Vielleicht hat auch er welche hingestellt . . . Bist du mir nun böse?«

Lola faßte sich.

»Es macht gar nichts. Ich dachte wahrhaftig, er sei verliebt in mich; -- und wenn man dann merkt, er ist es nicht, ist man blamiert, weißt du.«

Tini hielt Lolas Gesicht zwischen den Handflächen fest und ging mit den Augen darauf los.

»Und du liebst ihn nicht?«

»Nein!«

»Das ist recht: du hast nicht gezuckt . . . Hab' ich dir nicht längst gesagt, daß er mir widerwärtig ist? Und auch unheimlich? Das ist nichts für dich, meine Lola. Ich habe jetzt meine Erfahrungen, und wenn du einen Mann willst, nimm schon lieber den Pardi!«

»Ich will mir's überlegen.«

Lola stand auf. Tini fiel vornüber auf die Hände.

»Au au! Hilf mir auf, Lola! Hast du dir nicht auch die Steine in die Knie gedrückt?«

Mit wehmütigem Rückblick auf die Stelle, wo sie gelegen hatten, und aufseufzend:

»Wenigstens hab' ich Hunger gekriegt.«

* * * * *

Auf der Schwelle, wie sie schon wieder die gewohnten Menschen um denselben Tisch sitzen sah, merkte Lola, daß sie am liebsten umgekehrt wäre. Alle Anstrengungen, unbefangen zu scheinen, ermöglichten ihr kaum, höflich zu bleiben; und es ward ihr zur Qual, beim Sprechen den Leuten ins Gesicht zu sehen. Zum Glück war die Verstimmung allgemein. Jeder nahm sich sichtlich zusammen, um nicht auszubrechen gegen jeden. Mai sagte plötzlich etwas Unliebsames zu Arnold. Pardi legte sich geschmeidig ins Mittel: er war der einzige, der sich nichts anmerken ließ; und Lola war ihm dankbar dafür, daß er sich in der Gewalt hatte. Wenn er sie anredete, atmete sie auf.

Er unterhielt die Gesellschaft von Monte Carlo, erklärte ihnen sein System, glitt allmählich von den anderen ab und trachtete nur noch Lola zu überzeugen. Überrascht, da sie zurückblieb:

»Sie haben nie gespielt?«

»Ich traue mir kein Glück zu.«

»Das müssen Sie: sonst verlieren Sie.«

»Drum habe ich nie auch nur das einfachste Kartenspiel gelernt.«

»Ich zeige Ihnen eins. Wollen Sie? Sie werden gewinnen!«

Sie richteten sich im Winkel ein. Aber die Regeln des Whist machten Lola hoffnungslose Langeweile; sie mußte dazwischen nach Gwinner hinhören, der wieder einmal Schriftzüge und Handflächen deutete. Tini hielt ihm ihre hin und machte sich dabei, weit von ihm weggebeugt, ganz steif.

»Bei mir muß sich manches gründlich verändert haben,« sagte sie fast ausdruckslos, vielleicht mit leiser Trauer und entferntem Hohn.

Er stotterte, fand nichts zu sagen; und von der Hand aufzusehen, wagte er auch nicht.

»Doch, ich weiß eins,« entdeckte Lola plötzlich. »Ein sehr altes, ganz einfaches: als Kind lernte ich es von meiner Großmutter, drüben auf der Großen Insel. Lassen Sie mich's wiedersuchen!«

Sie warf die Karten durcheinander, teilte sie neu aus, probierte, dachte nach . . . Ihr war, als zöge sie ein Stück Kindheit wieder an sich, abhanden gekommenes Glück und verlernte Zuversicht. Ein etwas mißgelauntes altes Gesicht unter einer Faltenhaube erschien ihr. Erregt lachte sie vor sich hin. »Damals gewann ich immer! Alle Orangen gewann ich Großmama ab. O, in diesem Spiel werde ich auch heute noch gewinnen!«

»So, also so: passen Sie auf! . . . Sie haben begriffen? Einen Pfennig die Partie.«

Pardi lachte, erklärte das Spiel für sehr schwierig und verlor. Er verlor mehrmals.

»Ich bin unglücklich, solange das Glück keinen Gegenstand hat. Haben Sie etwas dagegen, daß wir diesem Pfennig den Wert einer Million beilegen?«

Lola erschrak.

»Aber -- das ist etwas ganz anderes. Und ich habe nicht so viel Geld.«

Pardi wollte sich ausschütten.

»Was denken Sie! Wenn das Spiel aus ist, wird der Pfennig wieder zum Pfennig und verpflichtet zu nichts.«

»Also gut.«

Sie schämte sich ihrer Furcht. Lachend verlor sie die erste Partie, lachend die zweite.

»Drei Millionen!« sagte Pardi nach der dritten und sah sie, beim Geben, von unten an. Sie stutzte. Seine Stimme klang ihr weicher und gefährlicher als sonst. Unter dem Überfall eines kindischen Entsetzens glaubte sie seinen Mund teuflisch verzogen zu sehen.

Sie verlor weiter. Betäubt ließ sie's geschehen und sah zu, wie seine allzu geschickten, weißen und starken Hände mit Karten hantierten, das Kettchen am Gelenk erklirren ließen, auf ein Papier ungeheure Zahlen setzten, die sie verloren hatte . . .

»Sind wir nicht Kinder?«

»Ja -- aber ich habe genug, ich bin müde.«

»Also sieben Millionen: merken Sie sich's. Vielleicht, daß ich später meine Forderung einziehe.«

Sie versuchte, noch im Weggehen, zu lachen. Aber in ihrem Zimmer schloß sie die Läden, kämmte sich langsam und mochte noch lange das Licht nicht löschen.

»Wenn es nicht das alte Kinderspiel gewesen wäre, in dem ich immer gewonnen hatte!«

Aber erklärte dies wirklich ihr Grauen vor dem Scherz, der ihr eine Schuld an Pardi auferlegte: eine untilgbare, lebenslängliche?

* * * * *

Aus unruhigen Morgenträumen fuhr sie auf, unzufrieden, weil es schon so spät war. Vor Tag, erinnerte sie sich, war sie schon einmal aufgestanden, hatte das Fenster geöffnet und sich versprochen, in der stillsten Frühe in den Tau hinauszuwandern. Welche Erfrischung ihr das bringen sollte! Nun lasteten Sonne und Leben schon wieder schwer. Um nicht mit Pardi zusammenzutreffen, verzichtete sie auf das Frühstück, ging gleich ins Freie und war froh, den Gugigls mit Tini und Gwinner zu begegnen, sich in den Haufen bergen zu können. Auch Arnold war dabei, und wie die andern unter sich beschäftigt waren, begann er schon:

»Sie sind dieser Tage in Unruhe . . .«

Und das klang, als ob er Aufklärung, Ordnung für alles wisse; und Lola hielt sich schon vor, mit welchem Recht sie ihn verachten wolle, ihn abgetan glaube. Die Blumen? Wann hatte er vorgegeben, ihr zu huldigen?

Da kam aber Frau Gugigl dazwischen. Etwas Wichtiges war im Gange. Gugigl keuchte unter einem Sack: darin waren leere Farbentuben, deren Blei er einschmelzen wollte. Den Kessel trug Gwinner. Er stellte ihn auf den Grashügel. Tini und Frau Gugigl liefen nach Reisig. Gugigl leerte, unter Kommandorufen an die Helfer, den Sack in den Kessel, beaufsichtigte, entschlossenen Blickes, den Vorgang des Schmelzens, rührte in dem Brei, entfaltete, indes ihm die Frauen achtungsvoll zusahen, eine ernste und gespannte Tätigkeit.

»Einen Klump gibt's, einen großartigen!« verhieß er, heimlich fiebernd.

Gwinner fragte ihn wohlwollend und nicht besonders sachlich, wie einen talentvollen Knaben:

»Und wozu brauchen Sie eigentlich den Klumpen?«

Gugigl wandte sich rasch und kühn nach ihm um.

»No -- damit i halt an Klump hab'!«

Der Kübel Wasser, den er verlangt hatte, ward von zwei Mägden herbeigeschleppt. Gugigl setzte ihn auf den Rand des Kessels. Alle reckten im Kreise die Hälse.

»Jetzt abkühlen!« -- und er stülpte den Kübel um.

Im nächsten Augenblick taumelte Lola, die Augen zugedrückt, mit Tini zusammen. Es hatte furchtbar geknallt, und noch immer flogen Bleistücke umher. Mit Grauen kam man näher. Gugigl stand sprachlos da und zupfte sich das Metall aus den Kleidern. Sein erstes Wort war:

»O damisch!«

Und das Gwinners:

»Hat zufällig einer der Herrschaften noch seine beiden Augen?«

Dann brach große Heiterkeit an; -- und Lola war glücklich über alles: daß es Menschen gab, die solchen Unsinn betrieben; daß man lachen konnte, und daß man in Gefahr war; daß etwas geschah und nicht in ihrem Innern geschah . . .

* * * * *

Gegen Abend wollte sie, um auszugehen, wie immer, durch die Stube. Noch rechtzeitig sah sie durch den Spalt und schrak zurück: da stand er. Wartete er? Langweilte er sich einfach? Er nahm eine Zeitung, warf sie wieder hin, ging zum Fenster und zurück, mit den Augen auf der Tür, hinter der Lola ihn belauschte. Einen Moment fürchtete sie, er bemerke sie: so wach war sein Blick. Er wendete sich, streckte elegant die Büste, tat keine Bewegung, der nicht eine Gesellschaft hätte zusehen dürfen. Lola dachte an Arnold, damals, wie sie ihn mit sich selbst belauscht hatte. Pardi -- sie erkannte es mit einer Art Grauen -- war nicht allein: war offenbar nie allein; war immer in Gegenwart seiner Menschen, seiner -- Opfer, mußte sie denken; war immer sprungbereit. Keinen Augenblick vergaß er einen, und immer mußte man vor ihm auf der Hut sein . . . Vorsichtig ging sie von außen um die Stube herum.

Von einem hohen Acker vor der Sonne, auf dem Heu gebunden ward, rief ihr jemand nach, und wie sie noch umsonst hinaufblinzelte, lief die Baroneß Thekla ihr entgegen. Droben kreischten die Dirnen; eine schrie hinter der Laufenden her:

»So eine reine Jungfrau als wie du!«

»Ich schwatze mit ihnen über ihre Liebesgeschichten und stelle mich naiv,« sagte die Baroneß Thekla zu Lola. »Dabei haben sie keine Ahnung, was ich durchgemacht habe.« Und sie begann von einem Leutnant . . . Vielleicht hatten die Ereignisse, hatte die wühlerische Stimmung des Hauses sie in Fluß gebracht. Vielleicht trieb es sie, Lola vorzuführen, daß es ihr mit Pardi nicht Ernst sei und sein Verschwinden an ihr nichts ändern werde. Ausführlich klagte sie. Der Leutnant war zart und fein; auf einem Hofball hatten sie sich kennen gelernt. Er konnte Schnadahüpfln singen. Aber er hatte kein Geld, und um sie zu trennen, war er in die Provinz versetzt worden. Die Baroneß Thekla mochte keinen andern, sie haßte die Gesellschaft und wäre lieber eine Bauernmagd gewesen.

Lola hörte dem zu und verachtete es. Sie verachtete die Trägerin dieser landläufigen, billigen Schmerzen, und aus der Ferne beneidete sie sie auch. Lieben, nicht glücklich werden dürfen und sich trösten, wie es geht: damit war man in der Ordnung und hatte es leicht. Aber zu einem Manne hingezogen sein und ihn dabei höhnisch durchschauen! Aber seinem Gegner sich so nahe fühlen als ihm! Aber nie wissen, ob man für die Liebe gemacht ist, die doch bereit wäre, in einem aufzustehen! Sich selbst nicht trauen dürfen! Geteilt sein! Nirgends ganz zu Hause, seines Eigensten nicht habhaft, fragwürdig und der Antwort auf immer unmächtig!

* * * * *

So ward es Abend. »Glücklich der letzte Abend: und morgen ist er fort, und ich werde aufatmen.« Lola war lauter als sonst, weil sie Befangenheit verbarg. Im Lauf des Pfänderspiels zog sie den Stuhl weg, auf den Gwinner sich eben setzte, hob Gwinner mit erschrecktem Gelächter vom Boden auf und lachte, indes er vor verwundeter Eitelkeit knirschte, haltlos weiter.

Dann sollte sie draußen ihre Aufgabe erwarten. Sie stand auf der Veranda, vor dem Dunkel, das sternenlos und schwül war; -- und wie drinnen die Beratung ein wenig lange währte, näherte sich ihr die Versuchung, da hinaus zu wandern, plötzlich alles abzuschütteln. Sie dachte daran nur wie an eine bezaubernde Unmöglichkeit, eine Entführung durch den Widderwagen, den, schlimmer Werbungen müde, Prinzessin Eselshaut besteigt. Nur im Spiel ging sie die Stufen hinunter, tastete einige Schritte durch den Garten . . . Sie lauschte rückwärts: Stille; -- und lächelnd über ihre unsinnige Tat und immer noch als sei's nur Probe und ohne Belang, stieß sie die Pforte auf, machte ein Stück der Straße, die sie nicht sah . . . Nochmals blieb sie stehen; ihr war's, sie werde gerufen; -- und da lief sie geradeaus, stürzte sich in das Dunkel, das so unwiderstehlich lockte mit seiner großen Freiheit und Unempfindlichkeit.

»Sollen sie denken, was sie mögen! Für heute bin ich alles los!«

Aber das Dunkel regte sich. Wie es zirpte und duftete! Welche lauen, schwarzen Wellen einen umspülten! »Warum habe ich nicht alle vorigen Nächte solchen Spaziergang gemacht? Nie ist man wacher und nimmt freier auf als wenn man allein ist. Ich will keine Menschen . . .« Sie hielt eine Weile an, um einen einzelnen Glockenschlag zu genießen. Langsam, berauschend erfüllte er ihr den Kopf. »Wenn ich die ganze Nacht wandern würde, wo mich wohl die Sonne träfe? Seltsam, nichts erkenne ich wieder. Bin ich auf einen unbekannten Weg geraten?« Eine riesige Mannesgestalt stand vor ihr auf. Mit dem nächsten Blick und noch zitternd unterschied sie einen Heuhaufen. Häufiger blieb sie stehen und lauschte auf etwas Unbekanntes. Wenn nun Schritte kamen? Jemand konnte ihr nacheilen. Nur natürlich war's, wenn man sie suchte. »Wer wird es sein?« Und plötzlich: »Wer jetzt zu mir stößt, der ist es!«

Vor einem Walde zögerte sie lange. Dort innen ward ihr armer Weg vollends erstickt. Jene regungslose Finsternis mußte einem den Atem nehmen! Man fand nicht mehr heraus! Aber der Wald war unerbittlich: er zog Lola an sich, legte Arme um sie . . . Da, rasche Schritte: rasche und starke Schritte, quer übers Feld. Und einer kam auf sie zu, das Dunkel durchbrechend.

»Fräulein Lola?«

Pardi, selbstverständlich. »Der andere wird sich doch nicht aufraffen. Ich konnte voraus wissen, wer von ihnen zu mir stoßen würde. Das bedeutet natürlich nichts. Was für eine dumme Wette das war!«

Er war da.

»Fräulein Lola --«

Er gab ihr, hier zuerst, ihren Namen. Sie griff sofort ein.

»Sie haben es so eilig? Was gibt's denn?«

»Alle suchen Sie! Die anderen sind nach den übrigen Richtungen.«

»Suchen mich? Ich begreife nicht, was man will. Wie oft bin ich des Abends auf einige Minuten allein hinausgegangen.«

»Einige Minuten! Eine Stunde sind Sie fort, und niemand weiß, was Ihnen zugestoßen ist.«

»So hat mir's heute mehr Spaß gemacht als sonst. Und zustoßen? Was denn? Die Gegend ist sehr friedlich. Überdies kenne ich jedes Haus am Wege. Warten Sie: wenn wir durch den Wald sind, kommt links ein Holzhaufen und dann ein Weg und ein Kruzifix.«

Entschlossen betrat sie den Wald.

»Auf diesem Baumstumpf habe ich oft genug gesessen. Die Form dort hinter den Zweigen ist eine Holzfällerhütte. In dieser Zeit übernachtet meist jemand darin . . .« Alles sehr sicher und umsichtig. Sie ging, die Arme auf den Rücken verschränkt, dahin, indes Pardi stolperte, sich nicht zurecht fand, auf nichts vorbereitet war. Und so oft er ihr mit einem Wort näher zu kommen drohte:

»Achten Sie auf den Weg!«