Part 12
»Besonders Sie, der so große Hoffnungen auf die Menschheit setzt! Und dabei haben Sie den wichtigsten Teil Ihres Lebens dazu benutzt, sich in Ihrer Verschlossenheit von den Phantomen der Menschheit etwas vorspielen zu lassen: etwas Bösartiges, so viel ich verstehe . . . Sie sind eigentlich sehr naiv.«
»Das sagt auch die hiesige Gesellschaft. Sie aber sagen es anders . . . Sagen Sie übrigens ruhig kindisch. Ich muß Ihnen erzählen, wie sehr. Auf einem Wege, den ich täglich ging, ward ich eines Nachts angefallen und entkam durch einen Zufall. Die Aussicht auf eine zweite Begegnung mit meinen Mördern zwang mich, die Anschaffung einer Waffe zu erwägen. Es ist schwer zu sagen, mit welchem Widerwillen ich an dieses Handwerkzeug heranging. Ich hatte es so ganz andern Lebenskreisen zu entnehmen! Endlich trat ich dem Waffenschmied unter die Augen. Die Augen des Mannes waren finster, und ich höre noch sein >Ach so<, als ich nach umständlicher Prüfung des Revolvers die Frage gewagt hatte, wie man abschieße. Nun trug ich ihn über die Straße und kann versichern, daß ich hinkte: so sehr war ich darauf gefaßt, das Unding werde in meiner Tasche losgehen. Die Schießübungen zu Hause waren aufreibend. Nie hatte ich rasch genug die Sicherung heruntergedrückt und den Hahn gespannt. Die beiden Abenteurer zückten schon unter meiner Nase ihre Messer, wenn ich noch den Kolben aus den Taschenfalten zerrte. Ehe ich dann wirklich den Gang über die verhängnisvolle Wiese antrat, saß ich im Dunkeln und nahm mit einer Phantasie, die mich zehn Tode erleiden ließ, alle Einzelheiten der Begegnung vorweg. Sehr merkwürdig war's, welche Erleichterung ich spürte, als die Stunde zu handeln da war. Ich riß den Revolver aus der Schieblade und lief.«
Er lachte hell auf; dann:
»Jetzt lachen wir; aber Sie wissen noch nicht, welche beschämenden Neuigkeiten mich mein Revolver über unsere Seele lehrte. Ich erfuhr, daß ich ungerecht und hart sein könne; daß Mut und ritterliches Ehrgefühl vorwiegend in einem Stahlklotz stecken; und daß unschwer Gewaltmensch wird, wer das Mittel zur Gewalt in der Tasche fühlt. Nur mit Ekel an mir ging ich noch umher. Es war wirklich die einzige Zeit, wo ich mich lieber nicht mehr hätte leben gesehen. Wie ich eines Nachts mich dem einen meiner zerlumpten Angreifer gegenüberfand, hielt ich ihn an, schenkte ihm den Revolver und wartete. Er dankte aber und ging weiter . . . Nun, ich war befreit . . . Laufen wir diesen Hügel hinauf?«
Sie liefen; -- und von oben ließen sie sich, stärker atmend, von ihren Blicken über viele Wiesen und Felder tragen, durch tiefes Waldgrün zu blauem Wald, und jenseits des Luftblaus der ersten Alpen bis in Alpen, die am Abendrot zerflossen.
»Das Verwunderlichste war, daß ich in all meinem Überdruß kindisch blieb: mir in einem Theatersaal die Wirkung vorstellte, wenn plötzlich in meiner Tasche ein Knall geschähe, und am Teetisch die Damen darauf ansah, was sie für Gesichter machen würden, wenn ich ihnen die Tasse vom Munde wegschösse. Begreifen Sie das?«
»Sehr gut,« sagte Lola und lachte mit. »Wozu sind wir den Hügel heraufgelaufen, den wir gleich wieder hinunter müssen? Sehen Sie? Weil Sie eigentlich ein Junge sind.«
»Nehmen Sie einmal an, daß Herr Gwinner für jeden Witz, den er macht, eine Schrotladung bekäme!«
»Oder Frau Gugigl für jedes >künstlerisch<!«
»Wenn man sich nicht mehr anders zu helfen weiß --«
Da waren sie drunten vor einer kleinen Eiche; der frische Wind, den ihr Lauf erregte, brach plötzlich ab. Hinter der Eiche lag über den von letzter Sonne buntem Rasen ein Weg geschlängelt, blaugrün, -- und auf einmal verschlang ihn Walddunkel.
»Nur noch dies eine Gehölz, dann können wir das Haus sehen;« -- und zu ihren langsamen Schritten durch die Dämmerung mußte Lola denken: »Eben noch haben wir gelaufen und gelacht. Wie kam das? Wie kommt es, daß er mir seine Geheimnisse sagt, und daß ich sie hinnehme, als müßt' es sein? Eigentlich haben wir doch nichts miteinander zu tun. Oder wie stehen wir?«
Als das Gehölz zu Ende war, wollte sie etwas sagen, ließ es aber. »Was habe ich denn? Warum nicht gleich den nächsten Spaziergang verabreden? Er ist so zerstreut und hat immer mit sich selbst zu tun. Ein rechter Egoist eigentlich. An die wirklichen Dinge muß ich selbst denken.« Aber kurz vor der Ankunft hörte sie ihn in Eile und Verwirrung mit der Bitte herauskommen, an deren Gewährung ihr gelegen war, -- und sie biß sich auf die Lippen. »Bin ich vorschnell! Ich weiß doch, daß er bloß schüchtern ist!«
* * * * *
Es war nie ganz sicher. Am Abend inmitten aller sah's aus, als drängte er neben sie: Frau Gugigl und Tini bestätigten es ihr durch Blicke. Dafür zog er sich manche Stunde, die er mit ihr hätte allein sein können, zurück, um zu lesen. Er kam ihr oft genug in den Weg, klopfte jeden Tag mehrmals an ihre Tür. Sie hatte auf dies Klopfen gewartet und war, zeigte sich nun sein Gesicht, beschämt, weil es nicht glücklicher war. Einmal rief sie ihm im Garten nach, und wie er sich umwandte, war kein Zweifel, daß er sich bezwang, um erfreut zu scheinen. Aber als sie ihn einen Nachmittag unbeachtet gelassen hatte, da war er arg verstört, kleinlaut wie ein schlecht behandelter Junge, und kam nicht darüber zur Ruhe, daß sie etwas gegen ihn haben müsse.
Wie sie das alles schon kannte! Wie sie seine Nervosität mitfühlte, die matte Geste zwischen seine zusammengezogenen Brauen und dann, draußen in der Luft, sein allmähliches Durchdringen, bis er frei war und die Oberhand hatte! Voll Staunen bemerkte sie, daß sie ihn sich gar nicht wegdenken könne: auch aus ihrem früheren Leben nicht. Wie ein älterer Bruder war er, den die Schwester schon heulend und geprügelt gesehen hat: und doch bleibt er, mag sie's kaum wissen, der erste, und seine Liebesgeschichten machen ihr Eifersucht. Lola fragte sich oft: »Hat er wirklich nie etwas gehabt? Alles hat er mir gesagt, nur davon kein Wort.« Aber sie fand und sagte ihm:
»Ich wüßte eigentlich keine Frau, mit der ich mir Sie denken könnte.«
Er überlegte.
»Und ich keinen Mann für Sie,« entschied er. Nach einer Weile begann er wieder:
»Was würden Sie denn besonders beanspruchen?«
»Von einem Mann? Zuverlässigkeit.«
Und sofort erschrak sie, weil ihr einfiel, daß sie ihm schon mehrmals bestätigt habe, er sei zuverlässig.
»Ich bin nämlich sehr mißtrauisch,« erklärte sie und fragte eilig:
»Und Sie? Was brauchen Sie?«
»Meinetwegen,« dachte sie, ein wenig gekitzelt; »spielen wir mit dem Feuer!«
»Ich? Etwas Achtung natürlich vor dem, was ich bin. Aber noch so vieles andere. Das ist weitläufig und aussichtslos.«
Und während Lola schwankte, ob weiter zu fragen sei:
»In Deutschland traf ich am häufigsten die eben erst Emanzipierte. Ihr frisches Wissen und Können scheint mir noch gewaltsam; seine Äußerungen führt kein sicherer Geschmack. Fehlen ihr zu diesem nicht überhaupt und von Rasse wegen die Mittel? Die Deutschen bleiben, trotz allen heutigen Bemühungen um die Form, zur Überfütterung des Innenlebens verurteilt und auf Geringschätzung der Augenkultur angewiesen, die doch vornehm macht . . . Italienerinnen haben mich versucht. Alles Glück, das einem die Städte, die Landschaften, die Bilder versprechen, sieht man erfüllt in diesen weißen, schwarzhaarigen Geschöpfen mit den knabenhaften schlanken Bewegungen. Wie schön sie sind, solange sie stumm bleiben! Den, der gleich im ersten halben Jahr eine von ihnen heiratet, begreife ich. Nachher hat man in ihren weiten, undurchsichtigen Augen wohl doch die Leere ermessen und sich besonnen. Eine auf immer unmündige Existenz neben der meinen? Eine, die mein deutsches Erbe, alle jene moralischen Verfeinerungen, die ihre Rasse niemals erreichen kann, mit animalischer Sicherheit verachten würde?«
»Sie verlangen eine Schöne, die auch noch Geist hat. Sie sind entsetzlich schwierig.«
»Sie haben Recht, ich stelle die unverschämtesten Forderungen. Warum übrigens sollte ich sie zügeln, da ich von vornherein mit ihrer Unerfüllbarkeit rechne? Mehrmals näherte ich mich Frauen gemischten Blutes: sie waren mit einem verflachten Innenleben begabt und mit irgendwie verunglückten Körpern; oder sie hatten sich ganz zu der einen ihrer beiden Rassen geschlagen und verleugneten die andere. Wie nun, wenn das Gute von beiden in einem Wesen zusammenkäme? Ich setze den günstigsten Fall; und bei der Frau, die ich mir vorstelle, hat erstaunlicher Weise der Körper eine ebenso alte, starke Kultur wie der Geist; sie ist der Bildung offen und elegant, hat Geschmack und Tiefe. Das scheint gegen die Natur; scheint über sie hinaus: und doch stelle ich mir's vor . . .«
Nach einem Schweigen, während dessen Lola aufhorchte, schloß er gepreßt:
»Nicht seit langem.«
Und Lola dachte:
»Ist es zu glauben? Alles kommt sehr um die Ecke. Aber meinen tut er doch wohl mich?«
Sie hatte Lust, aufzulachen. So viele Gedanken, die sie zur Achtung nötigten: und das Ziel wirklich nur sie selbst? Sie empfand ein wenig Mitleid mit dem Armen, der sich nun bloßgestellt hatte. Sie sah auf ihn herab, wie er errötet, mit regungslosem Kopf vor sich hinging und vor ihr Furcht hatte . . . Aber da errötete sie selbst; das überschwengliche Bild, das er von ihr im Kopf hatte, beschämte sie und machte ihr bange, wie ein Betrug. Sie dachte: »Ich bin gar nicht schön und gar nicht gebildet. Ich habe auch gar nicht das Äußere von der einen Rasse und das Seelische von der andern. Meine Haare setzen durchaus nicht so untadelig an, wie bei den romanischen Frauen; er sieht bloß nicht, wie ich meine kahlen Schläfen verstecke.«
Er sagte in merkwürdig ungefälligem Ton, der zitterte:
»Ich denke sie mir in keinem der europäischen Vaterländer daheim; auch ich gehöre in keins. Sie kommt von weither, aus einem Lande, das sie vergessen hat, und in das sie nicht wieder zurückkehren wird.«
»Auch das noch,« dachte Lola.
»So ist sie mir ähnlicher. Denn auch mich haben, nicht meine Geburt, aber meine Schicksale zwischen die Rassen gestellt, und ich habe dort so viel erlitten, daß meine Gefährtin mir von keiner Not berichten könnte, um derenwillen sie nicht meine Gefährtin wäre. Ich habe sie mir verdient.«
Plötzlich war Lola erschüttert und stammelte mit feuchten Augen und ohne mehr daran zu denken, daß dies alles ihr selbst gelte:
»Ich hoffe, Sie werden noch einmal glücklich.«
Da erschrak sie und ging rascher dem Hause zu. Wie sie aber Tini herbeilaufen sah, lachte sie auf. Als ob er mit der Sprache herausgekommen wäre! Aber das nützte ihm jetzt nichts mehr. Sie wußte setzt Bescheid, war ihre Unruhe los und hatte die Sache in der Hand. Er hatte geworben.
* * * * *
Und nun ordnete sie sich im Gespräch ihm nicht mehr regelmäßig unter.
Sie widersprach ihm sogar vor den andern, stimmte Gwinner bei. Später unter vier Augen zeigte sie sich weich und nachgiebig, und der gütige Spott ihres Blickes und ihrer Stimme gab ihm zu verstehen, er wisse wohl selbst, daß alles sich verändert habe; aber was sie tue, bedeute Gunst.
Das Bedürfnis war ihr gekommen, ihn anzuzweifeln und anzugreifen. Sie führte ihre Spazierwege möglichst dicht an Bauernhöfen vorbei.
»Da sind nun die hündischen Gendarmen, die Sie so hassen. Ja, der hat noch ein robustes Gewissen.«
Er mußte sie und sich, fortwährend mit Steinen werfend, aus der Nähe des schnappenden Bellers retten.
»Jetzt könnten wir Ihren Revolver brauchen, wenn Sie nicht selbst vor ihm Furcht gehabt hätten.«
Und auf sein niedergeschlagenes Lachen, plötzlich ganz ergriffen:
»Bitte, verzeihen Sie mir!«
Einmal ging er unentschlossen an einer alten Frau vorbei, die gebettelt hatte.
»Sind Sie geizig?«
Er antwortete:
»Ich schäme mich der Überlegenheit in der Gebärde des Almosengebens; schäme mich des kleinen Schauers von Selbstzufriedenheit und trügerischem Gütegefühl, der den Geber überrinnt.«
»Immer finden Sie schöne Worte. Vielleicht sind Sie doch geizig?«
»Wenn Sie mich nicht verstehen können --«
Ein unfreundliches Schweigen brach herein. Erst bei der Ankunft flüsterte Lola hastig:
»Ich habe Sie sehr gut verstanden und glaube Ihnen auch. Aber ich bin manchmal nervös.«
Er fiel ihr ins Wort, stürmisch vor Reue:
»Ich hätte geben sollen! Naiv oder mit Scham: ich hätte geben sollen!«
»Aber ich habe Sie verstanden« wiederholte Lola.
Denn was er äußerte, fand sie, wenn ihr's auch bestimmt noch keiner gesagt hatte, alles ganz vertraut. Es waren Selbstverständlichkeiten, an die sie bisher nicht gedacht hatte. Er selbst -- immer näher fühlte sie's, daß sie ihn schon gekannt habe: seine gewohnte Geste nach den Brauen hin, seinen Träumergang, den Fall seiner Stimme. Ein Weg, den sie durchschritten, konnte sie stutzig machen: »Wann war ich hier?« Und einmal, wie die Sonne auf eine lange Hecke fiel, erinnerte sie sich plötzlich auf das Dringlichste einer Landschaft, die sie irgendwann einmal im Traum gesehen haben mußte: darin war alles dämmerig und nur eine Reihe von Büschen grell beschienen gewesen, und es war genau diese gewesen.
Was zwischen ihnen vorgehe, quälte sie nicht mehr. Sie lächelte, als er sagte:
»Wenn irgend Aussicht gewesen wäre: in Sie hätte ich mich sehr verlieben können.«
Sie wußte, er verstecke sich. Aber das alles hatte Zeit . . . Und inzwischen genossen sie ein pflichtenloses Gefühl der Zusammengehörigkeit inmitten Fremder. Ihre Geister rührten bei einander an alles; sie suchten in jeder Erde nach Edelsteinen und waren froh, wenn sie auf einen Kiesel stießen, an dessen Gleichen sie sich beide schon einmal verwundet hatten.
IV
Da, eines Abends, hatte Lola gleich beim Betreten des Eßzimmers die Empfindung, am Tisch sitze einer mehr; -- und noch bevor sie ihn herausgefunden hatte, schnellte jemand empor, und machte eine ausdrucksvollere Verbeugung, als sie seit Wochen zu sehen bekommen hatte. Sie erschrak.
»Conte Cesare Augusto Pardi aus Florenz, mein Vetter,« sagte die Baroneß Thekla. »Er hat uns überrascht.«
Lola faßte sich und lächelte ein wenig spöttisch. Sie dachte: »Die Art ist also inzwischen noch nicht ausgestorben?« Dann wandte sie sich an Arnold. Aber es störte sie, daß niemand sprach als der Italiener und Mai. Glücklich zwitschernd flog Mais Stimme um den Tisch; endlich hatte sie wieder jemand, mit dem sie sich geläufig verständigen konnte. Alle sahen ihnen suchend auf die Münder: es ging viel zu rasch; und Lola mußte mitten aus ihren Worten an Arnold, die stockten, hinüberhorchen. Diese anbetende Stimme, die einen einwickelte! »Merkwürdig, daß ich das vergessen hatte!« Ohne hinzusehen, wußte sie sein schmelzendes Lächeln. Brauen in einer graden Linie, Wimpern, die schwarz herausstachen aus dem lebenglühenden Marmorgesicht, und rot und dick darin aufbrechend die Lippen: Alles hatte sie vor sich, nun sie die Stimme hörte. War's etwa nicht so? . . . Und kaum daß ihr Kopf eine Viertelwendung machte, griff der Italiener zu.
»Gnädiges Fräulein, Ihre Mama und ich entdecken eine Menge gemeinsamer Bekannten . . .«
Lola erinnerte sich einiger, aber ohne Begeisterung; und mit Geringschätzung sah sie sich dazu das süße Spiel seiner Augen an. »Mach nur deine Mätzchen!« Gugigl warf ironische Blicke dazwischen; plötzlich schnitt er ein Gesicht und fragte, ob die Rede von Zuckerwerk sei. Die Damen kicherten. Pardi hatte nicht verstanden. Er blieb süß; und doch ging in seinem Lächeln jäh ein Hinterhalt auf, eine Drohung. Gugigl bekam eine treuherzige Miene. Darauf verbeugte Pardi sich ein wenig, als habe er Genugtuung erhalten, -- und wendete sich wieder Lola zu.
Sie sprachen weiter, indes alles schwieg, Tini den Mund offen behielt und Gwinner demütig herübergrinste. Pardi zog seine Cousine, Frau Gugigl und den Baron Utting herbei, aber alle blieben unterwegs liegen; und sein Gespräch mit Mai und Lola lief von selbst weiter. Es ärgerte Lola; ohne Umstände kehrte sie zu Arnold zurück. Er schrak von seinem Teller auf, und sie sah ihn in großer Unsicherheit. Er stotterte; sie zwang sich zur Geduld und gab ihren Worten einen Ton, als rede sie einem Kinde Mut ein. Dabei fing sie einen Blick auf, den er mit dem Italiener wechselte. Von drüben, aus Pardis gewölbten Augen, die alles sahen, kam ein abschätzender, schon spöttischer, und hüben wich er wehrlos aus. Lola sprach lauter: als wollte sie die Blicke überschreien. Plötzlich dachte sie: »Es ist auch wirklich kein Staat mit ihm zu machen;« und brach ab. Sofort setzte Pardi wieder ein.
Am Morgen darauf saßen um neun Uhr die Damen noch beim Frühstück. Pardi unterhielt sie von Afrika. Denn er hatte Adua mitgemacht, sich wie ein Löwe geschlagen, sagte er; war später, als Gefangener des Negus, der einzige gewesen, sagte er, der sich nie gebeugt, der Gewalt hartnäckig widerstanden hatte und ihr immer nur auf Zureden der mitgefangenen Offiziere gewichen war . . . Die Baroneß Thekla, Frau Gugigl, Tini und Mai warfen einander Blicke zu, die erstaunt glänzten: wie die von Kindern, die nach der Bescherung erwacht sind. Jedes hält die eigenen Geschenke für die schönsten, und alle sind glücklich. Pardi hatte schon jede von ihnen zu überzeugen gewußt, daß besonders ihr sein Feuer gelte. Sie waren in Verzückung vor dem Schmelz seines Wesens und dachten nicht daran, es ihm anzurechnen, daß ihm alle hiesigen Begriffe fehlten. Er bewunderte seine Cousine in ihrer Bäuerinnentracht, wie einen verkleideten Backfisch. Tini brachte er, nur mit Augen und Händen dahin, daß sie über ihren Satz, der Mann habe nichts voraus, selbst von Herzen lachte. Er nannte Frau Gugigls Malerei eine reizende Unterhaltung, und anstatt wild aufzulachen, schnurrte sie. Dann führte er Mai die Leute vor, die sie beide kannten: ein paar Gesten, ein Fingerstrich über sein Gesicht, daß sich darunter verwandelte, -- und nicht Mai nur, auch die andern sahen die Figur. Lola beobachtete ihn mißtrauisch. Plötzlich mußte sie mitlachen, und da gab er ihr durch ganz leichtes Neigen der Stirn und kaum merkliches Achselzucken zu verstehen, daß er ihre Überlegenheit kenne und sie um Nachsicht bitte. Sofort hörte sie auf zu lachen. »Buffone!« dachte sie; aber sie konnte nicht verhindern, daß es ihr schmeichelte.
Im selben Augenblick erschien Arnold in der Tür. Lola zuckte innerlich zurück. Aber sie bemerkte, daß er, in Verwirrung, noch keinen Überblick erlangt habe. »Immer die Menschen, nicht?« -- und sie sah weg. Wie er dann keinen Anschluß an die Unterhaltung fand, stand sie auf, setzte sich neben ihn, redete zu ihm ganz beiseite, als sollten alle wissen, wie vertraut sie standen. Sie bat, er möge sie gleich nachher hinausbegleiten. Dann ging sie auf ihr Zimmer und dachte: »Nein! Ich kann ihn höchstens wie einen Bruder gern haben.«
Unterwegs begann er von dem Italiener.
»Wie sich manchmal auf den ersten Blick eine Gegnerschaft erklärt! Da haben Sie meinen geborenen Widersacher, den reinen Tatmenschen. Er hat noch keinen Satz gedacht, dem nicht ein Schlag gefolgt wäre.«
»Woher wissen Sie das?« fragte Lola, die Brauen gefaltet; und doch war sie überzeugt, es sei so. Die Einschüchterung, erwiderte er, die solche Naturen bei ihm bewirkten, sei ihm der sicherste Beweis. Und er belächelte sich selbst. Lola ward gereizt durch seine Offenheit, die sie billig und würdelos fand. Sie erklärte, daß sie sich's schon denken könne. Er mußte genau gehört haben, wie höflich und ablehnend es klang; nur aus Mangel an Geistesgegenwart blieb er bei dem Gegenstand, sprach er noch weiter so, als wisse er sie auf seiner Seite. Da sei nun der Mann mit den sicheren fraglosen Instinkten, der Mann alten Stils . . . und der äußerste Vertreter der Rasse.
»Keine Beziehungen sind möglich zwischen seinesgleichen und unser einem: das fühlt man gleich, nicht wahr?«
Lola war voll Ungeduld, ihn aufzuhalten. Er kam wieder auf die Rassenliebe, an die Frage, welche Frau er zu lieben habe, was ihr selbst für ein Mann bestimmt sei. »Was geht ihn das an!« Sie mußte zugestehen, daß manches frühere Gespräch ihm Rechte gebe. »Eigentlich ist nichts geschehen seitdem. Was habe ich denn? . . . Ach, er ist taktlos!« So redlich sie dagegen ankämpfte, die schwerste Übellaunigkeit senkte sich auf sie. Lola ging vor sich hin, den Blick am Boden, und wünschte sich mit krankhafter Dringlichkeit, dies nicht mehr zu hören, diesen los zu sein. Wenn sie sprechen wollte, schienen die Kiefern aus Blei. Endlich brachte sie hervor:
»Sie reden über alles sehr klug.«
Da stotterte er und brach ab. Sie gelangten nach Haus, zum erstenmal ohne den nächsten Spaziergang verabredet zu haben. Ein Stück hinter ihnen kehrten Mai und Pardi zurück. Lola blieb stehen; Arnold zögerte, dann verabschiedete er sich.
Mai strahlte und plapperte.
»Wir waren beim Wirtshaus und auf dem Friedhof. Zuerst haben die Bauern einen begraben. Wir waren dabei, es war sehr hübsch. Dann haben sie sich zum Trinken gesetzt und werden bis in die Nacht sitzen bleiben. Ich möchte wissen, wann diese Fremden arbeiten. Der Conte Pardi hat mit einem gewettet. Der Bauer will bis heute abend vierundzwanzig Liter trinken . . .«
Pardi ließ Mai in die Veranda treten, zu der Gesellschaft.
»Ihre Mama liebt das Gehen nicht; Sie aber haben, sehe ich, bestaubte Schuhe.«
»Ich gehe gern nach dem Walde hinüber.«
»Der Wald! Seine Kühle! Das ist ein Ideal. Wissen Sie, daß Sie selbst Gedanken in mir erregen, die mit Waldesfrische verwandt sind?«
»Wie Sie mich kennen!«
Einen Augenblick stutzte er und verfinsterte sich; aber der Argwohn, man könnte ihn auslachen, ward gleich wieder von selbstgewisser Süßigkeit aus seiner Miene gelöscht.
»O! Sie müssen mir erlauben, Sie zu begleiten. Ich möchte dabei sein, wie Sie die Rehe streicheln. Ich kann mir nicht denken, daß Ihre kleinen Füße die Blumen niedertreten.«
Gegen Abend gingen sie und plauderten unausgesetzt, nur nicht von den Dingen, die Pardi in Aussicht gestellt hatte: Wald, Blumen und Rehen. Er trug eine Menge Klatsch vor, aus Viareggio, dem Bade, woher er kam und in das er zurückkehren wollte. Dann kamen verachtungsvolle Klagen über Frauen; zornige Ausfälle und unbedenkliche Entkleidungen; und dazwischen immer:
»Sie sind anders. O, Sie können diese Abscheulichkeiten nicht einmal verstehen!«
Dagegen verstand Lola, daß er, der durch die Verleumdung aller übrigen ihre Gesinnung zu gewinnen hoffte, auch sie jeder anderen geopfert hätte.
Sie hörte zu und sprach unter fortwährendem Vorbehalt, mit innerem Hohn, als zu einem unzuverlässigen Partner, einem Feind; -- aber sie kam in Fluß, lachte erregt, bemerkte plötzlich selbst, daß ihr Plappern gerade so gedankenlos lebendig klang, wie heute mittag das von Mai. Es befremdete sie kurz, dann fand sie sich ab. »Immer alles abwägen, für alles ganz eintreten, wie mit Arnold, das ist auch nicht das Wahre, so bin ich auch nicht.« Sie war nun so, daß Pardis Wesen sie hinriß. Seine Art, das feste Handgelenk zu schütteln, daß die Goldkette daran klirrte, im Gehen mit geschmeidigem Raubtiergriff einen Zweig herunterzureißen, vermöge des gerundeten Armes, des zur Seite geneigten Kopfes ein Gefühl sichtbar zu machen gleich einer Gestalt; seine Art, angesichts der Menschen, bei denen sein Geist grade weilte, von ausgesuchter Höflichkeit jäh in ungehemmte Feindseligkeit umzuschlagen, die äußerste Spannkraft seiner Gefühle und seiner Mienen, die weiche Wildheit in ihm, das Süßliche und das Gefährliche: seine Art nahm Lola dahin, als triebe sie in blumenüberhäuftem Kahn auf einem Goldstrom, einem gedämpft reißenden, neben dem Paläste aufflammen und über dem ein starker Himmel flimmert. Keine Minute faßte sie, inmitten Gelächter und Lautenklang, Vertrauen. Der Kahn war wohl leck, die Paläste aus Pappe, und was den Fluß bunt sprenkelte, nur Schlamm: -- aber inzwischen floß sie dahin.
Zu Hause fand sie Mai in übelster Laune.
»Man muß sagen, du nimmst wenig Rücksicht auf deine Mutter! Drei Wochen schon langweile ich mich, dir zu gefallen, bei diesen schlecht Angezogenen. Endlich zeigt sich ein Herr aus unserer Welt, und da führst du ihn den ganzen Tag draußen im Schmutz herum. Aber du bist ein Charakter, der anderen wenig gönnt!«