Part 11
Aber auch die Gespräche hörten sie, die vor ihnen anschwollen. Der Fabrikant wendete sein weißes, dickes, plattnasiges Gesicht dem Monde zu; es war harmlos und sein Schnurrbart bemühte sich zu drohen; und der Fabrikant verlangte den Krieg mit England. Gugigl hatte nichts dagegen, bezweifelte aber die Kriegslust der Massen. Darauf forderte der Fabrikant die Unterdrückung der Sozialdemokratie, also vor allem die Abschaffung des allgemeinen Wahlrechtes und die Einführung des Klassenwahlsystems. Auch sei aus den Schulen das Lateinische und das Griechische zu entfernen, denn mit dem Humanismus werde man die falsche Humanität los sein und endlich zur zweifachen Justiz den Mut haben: einer für Weiße, einer für Schwarze, einer für die Herren, einer für die Umstürzler.
»Das ist aber abscheulich,« sagte Lola.
»Warum!« meinte Tini, aufgeweckt. »Ich finde es fein. Hast du nicht gehört, daß wir jenseits von Gut und Böse sind? Ich schwärme für Herrenmoral!«
Und sie eilte, voll Bildungstrieb, nach vorn.
»Was Liebe kann,« bemerkte Arnold und sah Gwinners Rücken an.
»Sagen Sie: was Eitelkeit kann. Sie liebt ihn kaum, sie wartet noch auf alles Mögliche; aber er schmeichelt ihrem Kopf; und es scheint, hier lassen sich alle am liebsten auf diese Weise schmeicheln . . . übrigens hatte der Fabrikant einen Ton, als ob auch er sich auf seine Unmenschlichkeiten etwas besonderes einbildete.«
»Er hält sie für klug. Er kennt nicht Rousseaus Rat: >Menschen, seid menschlich! Welche Weisheit gibt's für euch außerhalb der Menschlichkeit.< Ein törichter Stolz auf eine von Träumereien unberührte Härte verführt die meisten von uns; eine dem wahren Zustande unserer Körper und unserer Geister ganz unangemessene Vorliebe für die nackte Macht. Die Frage ist, ob wir nicht in unserm richtigen Element wären, wenn wir ein wenig Güte übten und erwarteten: ob wir uns nicht wohler dabei fühlen und mehr damit erreichen würden.«
»Das Trumpfen auf Illusionslosigkeit ist natürlich geschmacklos; aber Güte erwarten? Mir scheint --«
Sie dachte an ihre Erfahrungen mit Menschen, mit Männern, an die Lehren ihrer zwei letzten Jahre, und sie lächelte bitter. Arnold entgegnete:
»Heute gilt eine hoffnungslose Auffassung der menschlichen Zukunft. Dennoch ist es klar, daß mit der Abnahme der rohen Kraft auch die Grausamkeit an Gebiet verloren hat. Was hindert mich zu glauben, daß der Geist, der die Folterkammern sprengte: daß der Geist auch die Waffenmagazine sprengen wird.«
»Es wäre wohl noch wenig getan . . .«
»Ich weiß, ich weiß. Aber vermögen Sie einzusehen, warum man auf der Gewalt besteht und die Macht um keinen Preis abdanken möchte, nicht einmal um den Frieden der Seele? Auch ich gehöre zu den Besitzenden: aber wenn ich in eine wahre menschliche Gemeinschaft den Weg finden könnte vermöge einiger Stunden körperlicher Arbeit, die überdies ein mir nützliches Gegengewicht zu denen am Schreibtisch wären --«
Er belebte sich; seine Stimme ward erst jetzt freier und stärker.
»Ich wäre mit Freuden ein Bürger des neuen Staates! Welcher Genuß des Gewissens: nicht länger den Anteil derer mitzuessen, die vergeblich arbeiten! Und welcher Zuwachs an Würde im Menschengeschlecht, wenn es sich vor keinen schwindelhaften Größen mehr bücken wird, vor dem Zufall des Eigentums so wenig wie vor dem der Geburt! Viel verspreche ich mir von dem Sturz der Könige. Wären sie auch schon machtlos: ihr Dasein bleibt das am höchsten ragende Denkmal menschlicher Würdelosigkeit. Wie können Kulturmenschen, wie kann der Geist eine Macht ertragen, die nicht vom Geiste ist! . . . Da die gleiche Verteilung der Leiden und Freuden des Körpers und des Geistes, da die Nivellierung der Menschheit unser aller heimliche Forderung ist, die wir nur mit Trug zum Schweigen bringen, von der wir nur mit Scham absehen: warum schrecken wir vor dem Wege zurück, der hinführt? Es wird keinen einsam leidenden Genius mehr geben, und keine darbende Masse. Der Paria der Höhe wird verschwunden sein mit denen der Tiefe. Welche Erleichterung, welche neue Unschuld!«
Lola hörte mit Spannung und dunkler Sehnsucht seine erregten Worte zu Entzücken ansteigen, und sah Schmerz herausblicken. Sie empfand, daß auf fester Erde sein Traum keine Stätte habe. »Ist er denn so selten enttäuscht worden?« dachte sie, und sie fühlte sich alt.
»Sie sind vertrauensvoller als ich,« sagte sie und betrachtete ihn von der Seite. Er sah ihr in die Augen.
»Vorhin waren Sie die Gläubigere . . . Erinnern Sie sich, daß es schon einmal genügt hat, an die irdische Vervollkommnung des Menschengeschlechtes zu glauben: und es machte einen stürmischen Schritt auf sie zu. Die glücklichen Menschen des achtzehnten Jahrhunderts glaubten. Das Jahr 1789 war ihr Lohn. Dies Jahr war da. Dies arkadische Verbrüderungsfest ist gefeiert worden. Sein Gedächtnis ist unser Trost. Seit diesem Ausbruch des Besseren im Menschen ist alles möglich . . .«
Er schien stolz, daß nun auch er einen Glauben bekennen durfte. Ihr war's, als lauschte sie einer Werbung, der sie sich immer schwächer entgegenstemmte. Und ohne der Verwirklichung seines Glaubens nachzudenken, empfand sie bei seinen von innerer Kraft federnden Worten, daß es sich leichter und höher durch das Mondgespinst dieser Nacht gehe.
Da bemerkten sie, daß das Haus vor ihnen lag, und daß sie allein waren.
»Die andern müssen nach dem Dorfe abgebogen sein, vielleicht um den Fabrikanten zur Bahn zu bringen.«
»Und was tun wir? Folgen wir ihnen?«
Aber sie blieben am Wege stehen, schauten in alle Richtungen, nannten einander die Ortschaften auf fernen Hügeln, horchten auf den Pfiff einer Lokomotive.
»Gehen wir ins Haus?«
Aber Lola bückte sich nach einer Blume; und nun pflückte er vom Feldrain eine Hand voll der Blumen, deren Rot und deren Blau blaß vom Mond war. Sie meinte, er werde sie ihr bringen; aber er ließ sie, als dachte er schon nicht mehr an sie, herabhängen. Stimmen kamen weither, -- und plötzlich setzten sie sich in Bewegung. Hinter dem schwarzen Laubgang, wie am Ende eines Schachtes, schien das still beglänzte Haus sein eigenes, verlassenes Leben zu führen. Die Tür zur Stube stand offen, auf der Diele drinnen lagen weiße Vierecke. An den hölzernen Pfeilern der Veranda unterschied man jede der kleinen Weinbeeren.
»Wie schön!« sagte Lola, indes sie in die Helle traten. »Man möchte in diesem Licht einen neuen Tag anfangen.«
»Werden wir im Laufe des morgigen wieder einer solchen Stunde begegnen?«
Überrascht sah sie sich nach dem Gesicht um, aus dem diese fassungslos klingende Frage kam, und fand Tränen darin. Ihr Blick verwirrte sich von Mitleid, und sie sagte rasch:
»Gegen Abend mache ich meinen Spaziergang.«
»Ich bin menschlicher Gemeinschaft etwas entwöhnt . . .«
Wie er noch stammelte, schloß sie:
»Gehen wir also hinein?«
Bevor sie in ihr Zimmer trat, reichte sie ihm die Hand. Dann ging sie gradeswegs auf das Fenster zu, schaute nach der Landschaft dahinten aus, durch die sie erst eben mit Arnold geschritten war, und schüttelte den Kopf, als sei sie erstaunt, sie unverändert zu finden, in der gleichen bläulichen Verzauberung. Da fiel ihr die Nacht ein, in der sie über dem Hafen von Barcelona auf einer einsamen und dunkeln Terrasse gelehnt hatte, neben Da Silva. Der Mond, den sie mit einer seltsamen Inbrunst erwartet hatten, war nicht aufgegangen. Hier lag er; jeder von ihren und Arnolds Schritten hatte durch seinen Schein geführt. Sie fühlte sich umgeben und erfüllt von Bedeutungen; unruhvoll schlang sie die Finger ineinander, wendete sich ab und seufzte auf. Da war nun das kleine Zimmer, in das sie eingezogen war, wie in ein gleichgültiges und unzulängliches Quartier. Jetzt hatte jedes Möbel Wichtigkeit: sie sah den Stuhl an, den Schrank . . . Dann glitten ihre Blicke an den unsicheren Umrissen der Berge hin, an denen der Kirche dorthinten . . . Nun hatte sie alles in ihrem Kopf, durfte ihn ans Fensterkreuz lehnen und die Augen schließen. Aber unter den Lidern drängten Tränen hervor; -- und wie Lola, trunken von einer unbekannten, lieben Müdigkeit, auf den Wangen ihr Rinnen spürte, meinte sie eine Weile, es seien dieselben, die sie vorhin in Arnolds Gesicht erblickt hatte.
* * * * *
Als sie vom Frühstück in ihr Zimmer zurückkehrte, standen Kornblumen und Mohn auf dem Tisch.
»Es sind dieselben, die er mir gestern nicht geben mochte.«
Sie ging rasch darauf zu -- und sah sie dann mit unschlüssig ablehnendem Lächeln an . . . Sie waren nicht mehr vom Monde blaß und absonderlich; sie hatten gewöhnliche, gesunde Tagesfarben. Lola blickte hinaus. Garten und Land trugen in der mäßigen Alltagssonne hoffnungslos nüchterne Mienen. Lola hob die Schultern.
Tini kam und warf auf die Blumen einen Blick, der Lola verwirrte. Tini erinnerte sie daran, daß sie ihr Zimmer hatte besichtigen wollen. An den Wänden war Manches zu sehen. »Ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen« stak, auf Stramei gestickt, in einem Rahmen, und daneben hing, als wenig bekleidete Salome, eine Schauspielerin, für die Tini schwärmte. Sie zeigte Lola ein Album mit Lesefrüchten und bemerkte bei jeder:
»Darüber möchte ich gerade deine Meinung hören.«
»Ich fand das vorige richtiger,« sagte Lola; und Tini, sofort:
»Dann mag ich es auch lieber.«
Nachdem sie hinausgehorcht hatte:
»Rauchst du vielleicht eine Zigarette? Aber du mußt es nicht meiner Schwester sagen.«
»Die Marie raucht doch selbst.«
»Aber von mir findet sie's unpassend. Weißt du, im Grunde, im Grunde findet sie eigentlich alles unpassend.«
Beide lachten.
»Blase den Rauch aus dem Fenster, bitte.«
»Ja, so machten wir's auch.«
»Im Ernst ist doch nichts dabei. Herr Gwinner sagt sogar, daß es mir steht.«
»Herr Gwinner ist wohl immer auf deiner Seite?«
»Nein, gar nicht immer. Aber das macht mir nichts . . .«
Ein paar Sekunden hatte Tini die haltlos kreuzenden Augen eines wilden jungen Vogels. Dann, bevor Lola sich hatte wundern können:
»Ach, Lola, ich wollte, ich hätte eine Freundin. Die, die ich habe, hat keinen Zweck mehr. Ich kann dir sagen --«
Tini mußte hinunterschlucken.
»Du bist einfach mein Ideal.«
»Ja warum denn, Tini?«
»Erstens bist du modern und doch chik: das hab' ich noch nie zusammengesehen. Dann bist du so gescheit, daß du über alles deine Meinung hast. Du brauchst nicht zu denken, daß ich es nicht sehe, wenn du dich mit dem Arnold über uns alle lustig machst.«
»Aber Tini! Du bist ja schrecklich.«
»Das nicht; aber ich bin nicht von gestern . . . Den Arnold, sage ich dir offen, kann ich nicht ausstehen. Er ist mir gradezu widerwärtig -- und auch unheimlich. Aber du wirst die Menschen wohl besser kennen. Du hast's gut: kannst hingehen, wohin du magst, kannst alles vergleichen und dir die Menschen aussuchen . . . Ich möchte dich wohl etwas fragen, aber du darfst es nicht übel nehmen.«
»Sag's nur!«
Tini paffte und sah an Lola vorbei.
»An was erkennt man's eigentlich, wenn man sich verliebt hat?«
»Das ist aber wirklich eine Frage!«
»Siehst du, nun nimmst du's übel!«
»Durchaus nicht. Aber darüber . . . denkt man wohl überhaupt nicht nach . . . Ich sollte meinen: wenn man das Gefühl hat, daß man jemand nicht mehr entbehren kann.«
»Aber in Wirklichkeit kann man doch jeden entbehren!«
»Mag sein. Oder vielleicht doch nicht?«
»Ich habe keinen nötig, keiner braucht sich was einzubilden . . . Warum sollte man überhaupt jemanden nicht entbehren können?«
»Was weiß ich. Wenn man einen höher achtet als die andern . . . Wenn er einem Dinge sagt, die man selbst schon gefühlt hat . . . Wenn uns in seiner Nähe ruhiger wird . . .«
»Pah!« machte Tini.
»Marie? Was ist?« rief sie aus dem Fenster. Und zu Lola:
»Wir sollen vor dem Essen noch ausgehen. Ach tu mit den Gefallen, geh schon hinunter. Ich bürst' mir nach dem Rauchen doch lieber erst die Zähne.«
Drunten fand Lola Frau Gugigl nicht mehr. Aber im Vorübergehen bemerkte sie durch einen Spalt in der Tür zur großen Stube, wie Arnold seinen Hut an den Nagel hängte und sich unschlüssig umsah. Ehe sie's wollte, war sie zurückgekehrt und stehen geblieben. »Was er wohl für ein Gesicht macht,« dachte sie, »wenn er sich allein glaubt . . . Jetzt wird er etwas tun, wobei er nicht an mich denkt, etwas, das nicht für mich bestimmt ist.«
Er saß auf der Bank, den Arm am Fenster und sah hinaus. Allmählich wendete sein Kopf sich, die breiten Schläfen vorgeneigt, ins Zimmer, sank tiefer in die Hand, die ihn hielt. Die andere hing von der Bank. Der Körper erschlaffte zusehends. Der Blick schwamm am Boden.
»So ist er,« dachte Lola, »wenn er alle vergessen hat. Wenn er mich vergessen hat. Ganz zeigt er sich uns andern nie.« Denn dies schien, mit Ergebung in sich selbst, nur noch eine Seele. Sie war stark hinter ihren Siegeln. Lola konnte nicht an sie hinan; -- und sie fühlte sich, hier draußen, in beklemmender Einsamkeit. Ehrgeiz und Eifersucht zitterten herauf. »Was will ich?« Und, ganz unvorhergesehen: »will ich ihn heiraten?«
Da polterte Tini über die Treppe; Frau Gugigl rief aus dem Garten; und Lola ging, sehr erstaunt.
* * * * *
Bei Tisch mußte sie ihn sich ansehen und denken: »Da ißt er nun harmlos seine Suppe. Wenn er wüßte, was ich vorhin für einen Einfall gehabt habe! Er würde sich bedanken, Mann einer Virtuosin zu werden, mit ihr herumzufahren und Impresario zu spielen. Lassen wir ihn nur in Frieden, diesen Menschen der Einsamkeit!« Und sie lächelte spöttisch vor sich hin. Frau Gugigl hatte etwas bemerkt und raunte:
»Hat er sich wieder eine Verrücktheit geleistet?«
»Wer denn? Aber nein!«
Und Lola bereute. »Ich habe ihn ausspioniert!«
Sie versprach ihm innerlich große Aufrichtigkeit und Güte. Als er eine Stunde später bei ihr anklopfte, war sie zum Ausgehen fertig.
»Sie sind sehr zuverlässig,« sagte sie.
Er war befangen. Wie sie das Haus hinter sich hatten, fing er an:
»Sie haben mir mein gestriges Benehmen hoffentlich verziehen. Ich darf versichern, daß ich es bedauere und nicht mehr ganz begreife. Die Stimmung der Nacht war schuld, meine Nerven, und das so ungewöhnliche Zusammensein, das sie als Vorwand für eine Entladung nahmen.«
»Ich bitte Sie: wem wäre es anders ergangen. Man müßte schon Nerven haben wie der Fabrikant. Sie mögen mir's glauben oder nicht, aber ich selbst habe noch eine Stunde lang am Fenster gestanden und den Mond angeschwärmt . . . Übrigens, darf ich Ihnen einen Rat geben? Sie sollten nie um Entschuldigung bitten. Sie sind zu bescheiden. Sie müssen die Leute fühlen lassen, daß Sie Ihren Wert kennen, und daß, wer ihn bezweifelt, sich eine Blöße gibt. Je mehr man aus sich macht, desto mehr ist man.«
»Zweifellos . . . Wenn nun aber das Urteil derer, denen ich erst imponieren müßte, mich gleichgültig läßt.«
»Dann -- allerdings.«
Und sie wußte nicht, ob sie bewundern oder zweifeln sollte. Er hatte wohl mehr Mut, indem er die Meinungen verachtete, als wenn er sie zu erobern getrachtet hätte. Vielleicht aber machte er aus der Not eine Tugend? Bei ihm wußte man nie, was Stärke, was Schwäche war; und wenn er schwach schien, hatte sie schon erfahren, war er manchmal grade stark . . .
»Sie sagten gestern, ich glaube, Sie seien menschlicher Gemeinschaft entwöhnt; und das können Sie nicht leugnen, daß Sie schüchtern sind.«
»Ich bin schüchtern, war es immer. Heute aber bin ich auf eine merkwürdige Weise schüchtern. Nehmen Sie an, eine der ersten Persönlichkeiten eines Landes reise in der Fremde, während bei ihr zu Hause alles drunter und drüber geht. Nun ist plötzlich sein Geld wertlos, der Titel, den er sich gibt, lächerlich; mit Sprache und Geistesart dieser Menschen weiß er nichts anzufangen; in sein Gebiet ist der Weg abgeschnitten; und er ist hier nichts und dort nichts. In dieser Lage, beiläufig, sehen Sie mich.«
»Der Heimweg abgeschnitten,« hörte Lola und fühlte sich mitgetroffen. Ihr war's, als ahnte sie alles voraus, was er sagen konnte; als hebe der Geist des Ortes, den sie betraten, eine Schwermut aus ihren Seelen, die bei ihr und bei ihm mit den gleichen Erinnerungen genährt sei.
Sie waren, lässig von der Wärme, den verwischten Wiesenweg zu Ende gegangen; und nun verfing sich und erstickte der Tag in diesem violetten Moor. Wald umkränzte es, lichtete sich, zog, Stamm für Stamm, von dannen . . . In dem Gewebe von Zweigen, abgehalten, besänftigt, schimmerte silberiger Himmel, und fern, ganz draußen, blauten Berge. Man stand, senkte die Hände und ließ sich betäuben vom Zirpen. Lola sah sich um, wo es gut zu ruhen sei.
»Erzählen Sie weiter?«
»Sobald ich frei war, schon mit zwanzig Jahren, zog ich mich in die Einsamkeit des Reiselebens zurück. Ich hatte genug von meiner Jugend, von ihrem Elend, ihrer Scham; hatte mich genug verstecken müssen, der falschen Gemeinschaft übergenug ertragen. War ich nicht über Versen gelegen, deren Entdeckung mich zum Selbstmord gezwungen hätte? Hatte ich nicht, auf Gängen über den Stadtwall, Visionen meiner künftigen Größe erlitten, die mir solche Wahnsinnsschwindel durch den Kopf jagten, daß meine Knie schwankten? Hatte ich nicht, um mehrerer Frauen willen, starr, wie mit heißem Sand gefüllt, die Nächte und die Tage vorübergeschickt, tränenlos vor Ohnmacht, und mein Leben nur zurückgerungen, um es aufs neue der Fieberlust der Liebe aussetzen zu dürfen? . . . Das beste, wenn ich meiner Kindheit und ihrer alten Stadt gedenke, war zwischen grauen leeren Häusern ein Garten: Neben meinem Buch standen Maiglöckchen, über ihm schaukelten Fliederdolden; und wenn ich die Stirn zurücklegte und die Lider schloß, brannte auf ihnen die Sonne. O wie tief, tief ging's da in Sonne und Duft! Und das Gemurmel der Quelle vorm Tor: ich blieb bei ihr zurück, wenn man über Land zog, und nasses Laub hing mir in die Schläfen: wie wunderbar öffnete sich mir das Gemurmel! Wie eine Muschel, in deren perlhelle Windungen ich hineinfand!«
»Ganz dasselbe!« sagte Lola, und ein Schauer überlief sie. In der Verbannung erwachsen und inmitten vieles Elends manchmal eine Stunde der einsamen, geheimnisvollen Süßigkeit: Das war sie selbst, und ihr graute vor solcher Beschwörung ihres Eigensten. Dort auf dem Moor, in dem dünnen Sonnenhusch tänzelten dort nicht einige kleine Mädchen -- sie und wieder sie --? und verneigten sich vor ihr, gelenkt von den Fäden in der Hand des Fremden neben ihr, den sie nicht ansah? . . . Sie hörte:
»Ich fand nach Italien; -- und da war mir's, als hätte ich nach Haus gefunden. Welch ein Jubel! Ich erkannte mich selbst in den Bildern, die alle auf Größe und Lust aus sind, in den Landschaften der Helden, worin keine Träne lange hängen bleibt, in dem ewig jünglinghaften Volk. Hier war eine heftigere Welt wie aus meinem Herzen ans Licht getreten. Die ersten vier Wochen in Rom ging ich umher im ununterbrochenen Zustand dessen, den der erste Liebesblick trifft: in seinem ungläubigen Entzücken. Ich ging planlos; die Erwartung einer Straßenbiegung machte mir Herzklopfen; ein Monument war ein Abenteuer. Durch die Campagna, unabsehbar, trugen mich grade Straßen und durchsonnter Wind; und mir war zumut wie in einer Verzauberung, worin ich angemessene Kräfte hatte. Ich ward freigebig mit mir, froh der schwersten Hitze, trank ohne Vorsicht und liebte mit Leidenschaft. Dies alles in Untergangsmut und, wie vom Frühdämmern, manchmal von dem fahlen Erstaunen betroffen, daß es dauere.«
»Es dauerte bis zu einem nervösen Zusammenbruch; -- und in dem Dunkel, in das ich mich nun zurückziehen mußte, sah ich plötzlich aus meinem Kopf ein grelles Licht fallen und darin umhertaumeln, was mir je begegnet, je mit mir geschehen war: aber in viel größeren Gesten, schneidenderen, weit bedeutsameren, von unverschämterem Schmutz, wilderer Groteske oder schmelzenderer Zärtlichkeit. Nicht rasch genug konnte ich alles in Sätze bringen. Ich war plötzlich vom Talent ergriffen. Es war ein Rausch, allein vergleichbar dem, als ich Rom entdeckte.«
»Ein Visionär, dem seine Höhle in Flammen steht, dem jedes Schneckenhaus zum Feenpalast aufschießt, hinter jedem Felsblock Satan hervorschnellt und lechzende schwarze Blicke aus allen Morgennebeln brechen: Das war ich sieben Jahre lang. Ich haftete nirgends, fing nur im unbemerkten Vorbeikommen Leben auf; und jedes der Zufallsquartiere, wo ich mich vor einen Haufen Papier setzte, war umtobt von einer Welt, die ich zu bändigen hatte. Ich lebte, erhielt mich nur, um zu schreiben; alle Sinne darbten; und über jedes Bild, das halbfertig auf einer Seite stand, erwartete ich, daß sich der schwarze Vorhang senke.«
Lola horchte, was ihr eigenes Leben zu ihr spreche: ihr Wanderleben mit seinen Lockungen, seinem Taumel und, mitten darin, dem entrückten, gefeiten Flecken, den das vertrackte Genie der Branzilla mit Zauber geschlagen hatte. Aber Lola war fortgerissen worden; etwas wie ein schwarzer Vorhang hatte sich gesenkt; und man wußte nicht mehr, was kam.
»Ich verstehe,« sagte sie, -- indes er schloß:
»Und eines Tages war's aus. Mein Trieb, zu gestalten, ward lahm; das Chaos, dem ich hätte Formen entreißen sollen, hob sich dampfend, und tote Wände umstanden mich. Ich ging hinaus . . . Wohin? Wo ist ein Elixier, stark genug zur Belebung eines so sehr Ernüchterten? Nicht mehr in dem Italien, das ich einst feierte. Ich gehe noch hin, weil ich Erinnerungen und Gewohnheiten habe; aber mir ist, als hätte ich im geheimen immer ein wenig Verachtung bewahrt für die schwungvolle Sinnlichkeit dort unten. Sehe ich jetzt Bilder der Venetianer wieder, befremden sie mich: in einigen Monaten haben sie mehr gealtert, als während der vierhundert Jahre seit ihrer Erschaffung. In ihnen ist niemand mit sich allein; kein Leiden geschieht darin ohne Zuschauer: was gehen sie einen an, der bei Festtafeln und geschmückten Freunden kein Genügen fände? Das kunstlose Träumen meiner Kindheit verlockt mich wieder. Die Sehnsucht nach innerer Gemeinschaft entfaltet sich wieder in mir. Ich suche Menschen auf, ohne Arg, nicht um sie zu belauschen, sondern weil ich mit ihnen leben möchte. Aber ich errege Verdacht. Man fühlt: hier ist ein abnormes Leben verbracht worden. Ich gebe der Neugier nach, berichte das einzige Interessante, das ich erlebt habe: mich selbst; -- und nun ist der Waldmensch ausgefragt und ohne Reiz. Beginnt er noch von seiner Marotte, fährt man ihm über den Mund. Er ist durch langes Alleinsein allzu gutmütig gemacht, hat auf nichts eine rasche Antwort; und wenn alles vorüber ist, erbittert ihn seine Vernachlässigung und das Andenken seiner starken Vergangenheit. Er ist wahrhaftig die große Persönlichkeit, bei der zu Hause alles drunter und drüber ging, und die übel behandelt und voll ungültiger Ansprüche, in der Fremde fortlebt.«
Lola lächelte, weil er es tat; aber sie fühlte sich lahm und schmerzhaft, als habe er sie stundenlang schlimme, zerrissene Wege geführt. Das Gewebe der Zweige überzog jetzt einen schwach rosigen Himmel, und hier drinnen um das Moor dunkelte es dumpf. Lola erschauerte und stand auf.
Draußen war's weit, bewegt und goldig; und Lola sah ihren Begleiter aufatmend an, als seien sie zusammen entronnen. Ein wenig Stolz, ein leises Glück sogar spürte sie, weil sie ihn herausgeholt hatte und ihm all dies helle Land anbot.
»Ist das nicht eine Farbe, die man trinken möchte?« fragte er und zeigte nach dem Rotgelb von Ähren, worin durchsonnte Mohnfähnchen flatterten.
»Obenauf wenigstens,« sagte Lola, »ist die Welt schön.«
»Aber die blühende Scholle ist das Erzeugnis der lichtlosen Tiefe. Wo Schönheit ist, ist Tiefe.«
Sie begriff es. Sie legte den Kopf in den Nacken, sah Schwalben die von Gold flimmernde Luft durchstreichen und empfand, es sei eine Lust zu denken an solchem Tage. Er wies in die Weite, auf Schnitter, die hintereinander, Sensen und Rechen über den Schultern, in langsamen Bogen zwischen den Äckern hinzogen.
»Sie scheinen sich kaum zu bewegen, so groß ist die Erde um sie her: und doch, wo immer ein Mensch sichtbar wird, können wir schwer noch von ihm absehen. Er stört uns aus unserer Naturversunkenheit; wir merken: ihm entkommen wir nicht, und ihn vor allem brauchen wir.«