Zwischen den Rassen: Roman

Part 10

Chapter 103,787 wordsPublic domain

Als Mai endlich auf einem Bügeltisch ihre Nickelflaschen und das übrige für die Toilette hatte ausbreiten können, war es nach neun, und Lola ließ sie allein. Aus der Küche kam ungewohnt scharf Frau Gugigls Stimme. Dann zeigte sie selbst sich, ohne zu laufen, wie gestern, wo sie keinen langsamen Schritt getan hatte: ganz ohne Ausgelassenheit und Leichtigkeit, mit lockeren, etwas staubigen Haaren, in die Länge gezogenem Gesicht, spitzerer Nase und in einer alten Matrosenbluse, an der auch sie selbst kaum etwas Künstlerisches entdeckt hätte. Sie rief ein recht lautes »Grüß Gott!«, versuchte, indes sie Lola das Frühstück vorsetzte, hochgemut drauflos zu schwatzen, von den andern, die alle schon draußen seien, bis auf Arnold natürlich, -- und zog sich, im Augenblick, wo sie den sorglosen Ton schlechterdings nicht mehr halten konnte, mit einem Gelächter über sich und ihre Pflichten, in die Küche zurück.

Kurz darauf trat Arnold durch die innere Tür. Lola konnte noch bemerken, daß er die trübe, aber gefestete Miene getragen hatte, unter der er wohl mit sich allein war. Sobald er jemand gewahrte, ward sie erschüttert. Man sah, er sei nicht mehr frei. Er streckte die Hand aus und zog sie fluchtartig wieder zurück; sprach vom Wetter, von den schlechten Bauernbetten; unterstützte, als Lola sie erwähnte, Mais Beschwerde über den Mangel an Bequemlichkeit; tat es mit unvermittelter Heftigkeit und vertrat Forderungen an das Landleben, die er sichtlich nur als Gesprächsstoff zusammensuchte. Wie Lola ihm nicht half, ging er peinvoll umher, blieb vor Bildern stehen, überflog verstohlen den Tisch.

»Ich werde meiner Cousine sagen, daß Sie frühstücken möchten.«

»Bitte, lassen Sie's. Ich verspäte mich zu häufig. Nein bitte, das Brot und der Honig genügen mir. Ich bitte im Ernst; es würde mich in Verlegenheit setzen . . .«

Es schien ihr, er habe vor allem die größte Abneigung gegen ein Zusammentreffen mit Frau Gugigl.

»Nicht wahr?« sagte sie lachend, »am Morgen nimmt man es einander manchmal gradezu übel, wenn man sich begegnet.«

»Gott sei Dank: Sie kennen es! Ich habe Sie also nur noch allein zu lassen.«

»Aber nicht um meinetwillen.«

»Auch meinetwegen nicht,« -- dankbar und fast stürmisch.

»Nun, dann bleiben wir beide da . . . Wenn Sie rauchen wollen --«

»Nein. Übrigens -- nicht nur des Morgens fühle ich mich hier ungemütlich.«

»Dann rauche ich allein. Aber Sie sind schon eine Zeitlang hier?« -- und sie belächelte seinen Ausbruch von Vertrauen.

»Ich will Ihnen sagen: es ist wohl gleich, wo man sich aufhält, wenn man doch immer dieselbe Rolle spielt . . .«

Er lachte ihr kurz zu, als seien sie schon im Einverständnis.

»Sie haben's ja gestern gesehen . . . Wollte man sich zurückziehen, würde man die andern im Bewußtsein ihrer Gutmütigkeit und Herzlichkeit empören und hätte dann auch ihnen die Gemütlichkeit verdorben, die man selbst nicht kennt. Das verdienen sie nicht.«

»Die Sonne kommt heraus; wollen wir in den Garten gehen?«

»Gut . . . Gehen wir den Weg rechts?«

»Er ist im Schatten!«

»Aber links: sehen Sie, in der Eiche, auf dem Boden, den er hineingelegt hat, sitzt der alte Baron.«

»Ach! Ich sehe nur Rauch aus dem Laub steigen. Also, wenn Sie wollen, weichen wir aus -- in den Schatten . . . Was heißt das: Sie kennen keine Gemütlichkeit. Seit wann?«

»Seit zwanzig Jahren; seit ich mich beobachte. Verstehen Sie nicht? Man sieht sich ganz klar; wie einen das Leben auch anfasse, man kennt vorher den Platz, wo es schmerzen wird; wie andere Geister, andere Herzen uns prüfen mögen, man ist unterrichtet, das eine geht, das andere nicht. Die Figuren, die uns begegnen, erinnern uns an früher gekannte vom selben Typus, und man weiß, was sie in uns anregen werden. Man weiß, was man selbst vorbringen, womit man zurückhalten, welche Mienen man ringsum bewirken wird. Man empfindet sich nur noch als abgenutzte Gliederpuppe. Man erscheint sich als ein gealterter Weinreisender, der noch immer an allen Gasthoftischen dieselbe Anekdote zum besten gibt. Er kann's, trotz schlechtem Gewissen, nicht lassen.«

»Das ist schrecklich -- wenn man es bedenkt.«

»Was zum Glück fast niemand tut. Sie kennen sich nicht, vergessen, was ihnen gestern geschah, und sind sich täglich neu. Sie kommen, so oft ihr Stichwort fällt, vergnügt mit all dem bißchen heraus, was sie sind. Sie werden nicht von der unablässigen Empfindung aufgerieben, daß jedes Wort, das sie sagen können, ihnen vorgeschrieben ist. Sie halten sich für frei und veränderlich, kennen weder den Zwang noch die Verantwortlichkeit des Eigenen und nehmen es darum nicht genau, mit sich nicht und mit den andern nicht. Das viele Unbewußte in ihnen, das viele Dumpfe hüllt sie alle in den Dunst des Gemüts und der Gemütlichkeit, in dem wir Klareren es nicht aushalten. Wir stehen allein und mit grellen Umrissen.«

Lola antwortete nicht. Sie streiften an die Wände eines nassen Laubganges; der Weg roch nach faulendem Laub; -- und Lola bedachte, solch einen Weg, dessen Herbstgeruch nie aufgetrocknet werde, gehe ihr Leben. Jeder Sommer enthalte den Sterbeduft des letzten; bei jeder neuen Liebe werde sie des Verlaufs der vorigen gedenken. Sie wisse die nächste voraus, kenne die Brauen, den Mund, das Blut, vor dem sie schwach sei, die Rache, die sie üben, und die Leiden, aus denen sie sich retten werde. Nun gehe sie hier umher und warte . . .

»Aber könnte es nicht anders kommen? Wie viel hat eigentlich gefehlt, damit es das letzte Mal anders kam?«

»Halten Sie mich für leidenschaftlich?« fragte sie plötzlich.

Er sah sie an. Sie hatten die Laube hinter sich und standen, drei Erdstufen höher, auf einer bäurischen Altane, beide aus fliehenden Wolken von zuckendem Licht ergriffen. Eben noch hatte es sie berührt, und schon hob es in ungewisser Ferne eine Schar von Schnittern aus dem Grau des Bodens. Da und dort entsprangen bunte Hügel dem Land und versanken, glänzte eine Sense auf und erlosch, rauschte über einen Wald das Licht hin und ließ ihn in stummem Schatten. Aber wie aus Sonne, Wind und Weite entrückt, sahen sie einander an. Lola empfand in Hast, daß sie noch auf keines Mannes Worte so gespannt gewesen sei. Er aber, viel zu erfüllt von sich selbst, um zu begreifen, daß eine Frau ihn frage:

»Leidenschaft? Sie ist der Wille zu uns selbst. Sie treibt uns, ein Etwas, das unsere Sache ist, aus unserem Blute kommt, gegen die Welt zu behaupten: eine Idee, ein Schicksal oder eine Kunst . . .«

»Ach ja,« -- mit einem spöttischen Seufzer; »ich singe. Ganz im Ernst. Oder habe doch gesungen. Jahrelang bin ich einer alten Italienerin nachgereist, die einzig noch die gute Schule hatte. Jetzt habe ich sie verloren und bin ratlos.«

»So fühlen Sie italienisch?«

»Nein. Warum? Es handelte sich um die Stimmbildung. Aber ich sang auch deutsch . . . Ich kann nämlich, da ich beide Rassen in mir habe, die germanische und die lateinische, mit beiden fühlen -- wenigstens ungefähr . . . Nun ja, das Ungefähr muß genügen. Zwar -- Sie sagten vorhin, Sie kennten keine rechte Gemütlichkeit? Das geht wohl auch mir so. Wo ich mich hing --«

Sie verschluckte das »hingeben«.

»Wo ich mich gehen lassen möchte, muß ich Kritik üben. Das Temperament meiner mütterlichen Rasse schätze ich, wenn ich in Deutschland bin. Bei jenen aber sehne ich mich oft nach der deutschen Tiefe.«

»Das heißt, daß Sie ein wenig allein sind?«

Er nickte, schmerzlich und befriedigt: wie jemand nickt, wenn sein Kerker sich öffnet und ein Leidensgefährte eintritt.

»O! Wenn ich erst singe, wird man mich verstehen, im Norden und im Süden.«

»Ich kann Ihnen mitteilen, daß Kunst sehr einsam macht.«

»Das hoffe ich nicht. Ich möchte eine Menge Anhänger und Verehrer haben.«

»Die nicht ahnen werden, wem sie anhängen und was sie verehren . . . Waren Sie einmal dabei, wie auf einer Variétébühne eine Frau in der Tracht ihres weitentfernten Landes ihre heimischen Tänze tanzte, und mit fremdartigen Ausrufen sich selbst anfeuerte? Man klatscht, weil sie schön ist und ihre Röcke aufflattern läßt: weiter versteht man nichts von ihr. Ihr Auftreten und ihre Bewegungen geschehen nach Antrieben und Regeln, die siebenhundert Meilen weit wegliegen; geschehen unerbittlich und in völliger Einsamkeit . . . Ganz oben, werden Sie vielleicht erfahren, ergeht es dem Künstler wieder so, wie dort ganz unten. Ja, seine Heimat liegt noch viel weiter fort von den Hörern: in seinen Gesichten, seinen Klängen, in Ländern, denen nur innere Sonnen scheinen . . .«

»Sehen Sie doch! Was macht denn der alte Baron? Jetzt legt er eine Leiter von seinem Baum auf den nächsten und rutscht hinüber . . . Er steigt höher; sind denn überall Treppen zwischen den Ästen? und schiebt die Leiter einen weiter. Himmel! Fast wär' er gefallen: er hängt am Ast wie ein Affe . . . Die Tini lacht ihn aus. Was will sie denn, ganz heißgelaufen? Ah, an den Briefkasten. Nichts drin: auch gut. Schon ist sie fort, und Baron Utting steckt wieder tief im Laub . . .«

»Ich weiß nicht, ob ich bitten darf . . . Man darf darum nicht leichthin bitten . . . Möchten Sie nicht singen?«

»Mit Freuden! Hätten Sie mich nicht aufgefordert, würde ich's von selbst getan haben. Gehen wir? Wie jetzt der Garten voll Sonne ist!«

Sie streckte sich und tat ein paar tiefe Atemzüge aus der wilden, klingenden Luft, die über all dies Land und bis in ihre Brust stürmte, wie die Freiheit selbst. Sie würde der Freiheit froh werden, kraft ihres Gesanges; würde über allen Ärmlichkeiten schweben und singend selbst den Menschen die Lust der klingenden Weiten eingießen, wie ihr der Wind. Was vermochte alles andere? Was meinte dieser Traurige? Seine Enttäuschung war ihr ein Stachel mehr, -- wie bei denen, die sich einer Menge vorführen, der Erfolg des einen erhöht wird durch des andern Unglück. Die Frau, von der er gesprochen hatte, die in klirrender Tracht über eine Bühne tollte! Jawohl, solch einen Rhythmus fühlte jetzt Lola in sich. Kunst und Leben, beides im Triumph! Kunst und Feste!

Sie kam ins Laufen, rief laufend ins Haus:

»Mai!«

Mai wagte sich nicht in den Wind hinaus; sie hatte das Wettermännchen von der Wand gehoben und es kaputt gemacht, hatte immer noch einmal vom Honig geschleckt, am Fenster ein wenig geseufzt und von neuem mit der Schleppe ihres Morgenkleides den Staub aus den Ecken gefegt.

»Ja, ich werde dich begleiten; und Sie, mein Herr, werden sehen, was für eine Künstlerin sie ist!«

Sie kletterten über die Stiege; in dem niedrigen Saal fanden sie, von Büchergestellen umgeben, den alten braunen Stutzflügel; Lola lachte nur über sein Geklapper, das Mai entsetzte; und sie sang. Sie sang, als flöge sie einen Berg hinauf, so daß die Lungen frisch, die Füße munter und unbestaubt bleiben. Beim letzten Aufschrei ging sie ganz in einem Schauer unter und stand noch, von Glück verwirrt, da, indes Mai entzückt darauf losschwatzte. Alle diese Dissonanzen, und dies plötzliche Fallen: o, das sei äußerst modern und komme aus Paris. Was der Herr nun sage! Was er nun sage! Mai begriff nicht, warum er nicht jubele . . . Er war verlegen aus Furcht vor nichtssagenden Übertreibungen.

»Sehr gut -- so viel ich verstehe. Und Ihr Alt: ich darf sagen, ich hörte nie dergleichen.«

Lola wandte sich erregt um.

»Ich wußte, daß ich heute etwas können würde! Wenn ich gut singen werde, weiß ich's schon früh beim Erwachen, ehe ich einen Ton von mir gegeben habe.«

Und mit Ungeduld:

»Jetzt, Mai, das von Gluck!«

Arnold wechselte den Platz, um diese tiefen, starken und weichen Klänge ihren Lippen entrollen zu sehen: er hätte es sonst nicht geglaubt. Das Rot dieser Lippen verschärfte sich in dem erblaßten Gesicht und beim fiebrigen Licht der Augen. Das Gesicht schien ein Lächeln der Pein zu tragen unter der Gewalt der herausquellenden, mühsam gedämmten, mit Kunst entsandten Töne. Eine Hand fingerte angstvoll auf der Brust. Diese weiße kleine Gestalt, die im Rahmen des Fensters verschwamm, sich unter dem Geflimmer einer blonden Haarwolke in das Mittagslicht auflöste, sie dünkte ihm zu schwach für die Gewalten, denen sie sich zum Gefäß gab.

Da brach Lola ab.

»Nicht den Lauf! Mein Gott, was willst du immer mit dem Lauf? Fühlst du denn gar nicht, daß solche Kleinigkeiten in dieser Musik nicht Platz haben?«

»Ich will es nicht wieder tun,« bat Mai. »Sei gut, fang von vorn an. Es war so schön. Nicht wahr, mein Herr, es war schön?«

Arnold wagte nicht zu sprechen. Er sah die Sängerin in Verzweiflung einige Schritte tun, sich mühsam fassen . . . Sie trat nochmals neben das Instrument, begann nochmals; wandte sich aber, wie Hilfe suchend, hin und her; -- und plötzlich warf sie die Noten durcheinander.

»Aus! Die Stimme zittert wieder. Da haben wir's.«

»Aber Kind! Nicht die Spur!«

»Du hörst es ganz gut! Von Anfang an hat sie gezittert: ich wollte es bloß nicht merken.«

»Es ging so gut!« jammerte Mai; und zu Arnold, zornig, weil er ihr nicht half:

»Ging es etwa nicht gut?«

»So viel ich hören konnte --«

»Es war schon fast Tremolieren! Die Branzilla hatte mich doch genug gehunzt, bis die Stimme wieder fest war. Und vorn im Munde muß sie liegen. Jetzt ist sie wieder in den Hals gerutscht, wie bei allen andern.«

»Sie ist nervös, mein Herr!« und Mai rang die Hände. »Das kommt immer ganz plötzlich; aber darum hat ihr doch der berühmte Lamare die größte Zukunft prophezeit.«

Sie schloß Lola in die Arme und flüsterte:

»Dieser steife Mensch geht dir auf die Nerven. Es ist unerträglich, einen Stock zum Zuhörer zu haben.«

Lola machte sich heftig los; sie ging zum Fenster. Arnold trat hinter sie; er schluckte hinunter und sagte:

»Ihre Stimme war so weich, daß ich's kaum begriff.«

»Warum sagen Sie nicht, daß sie hart war?« -- und sie schüttelte die Schultern. »Nun sind es zwei Monate, daß ich keine Stunden mehr nehme: und schon ist alles dahin.«

Er erwiderte nichts. Sie starrte hinaus; sie sah den alten Baron aus dem letzten Baum der Allee eine Leiter hinabsteigen, sich von einer der Sprossen auf sein Pferd schwingen und auf das Haus zureiten.

»Was macht er nur?« fragte sie gereizt. Arnold murmelte:

»Er hat die Sucht, niemals den Erdboden zu berühren.«

Die hölzerne Brücke zu des Alten Schlafzimmer erdröhnte unter den Hufen. Lola fühlte sich unheimlich, wie ausgestoßen in eine harte Ausnahmewelt. Sie meinte, der Tag habe sich verdüstert. Tini stürzte schon wieder, rot, mit lockeren Gliedmaßen, zur Pforte herein und an den Briefkasten. Noch immer nichts: aber das tat nichts; schon war sie von dannen. »O, all die unüberlegten Hoffnungen!« dachte Lola. »Man kennt sie selbst nicht. Leuchtet man ihnen aber ins Gesicht, sind sie tot.« Hatte sie mit ihrem Gesang nicht Herzen werben wollen: ohne zu verstehen, was sie wollte? In Herzen Liebe entdecken und in einem Stück Erde eine Heimat: mit ihrer Stimme, wie mit einer Wünschelrute? . . . Nun war die Rute zerbrochen. Und wäre sie's nicht gewesen, sie hätte doch niemals Zauber gewirkt.

»Man ist grauenhaft allein,« sagte sie vor sich hin.

Nach einer Weile setzte er hinzu:

»Und möchte doch mit keinem derer tauschen, die beisammen sind.«

Lola stutzte; -- und erstaunt bemerkte sie, daß sie nicht Tini hätte sein wollen. Sie suchte unter bekannten Menschen und fand, wie einen feierlichen Trost, daß sie um keines anderen Schicksals willen das ihre hätte abdanken wollen. Eine Erkenntnis kam ihr.

»Sie hatten recht, daß Leidenschaft und Schicksal zusammenhängen, -- oder was Sie da sagten: es war richtig.«

* * * * *

Er verließ sie; sie sah ihn ins Feld hinausgehen. Sie blätterte in Büchern. Mai überlegte laut, und sank dabei von einem Sessel in den andern, wie viel amüsanter es jetzt bei der Grimani gewesen wäre.

Vor dem Mittagessen fand Lola in ihrem Zimmer einen Strauß Feldblumen. Sie vermutete, sie seien von Arnold; aber er ließ sich nichts merken. »Das sieht ihm ähnlich,« dachte sie. Dann zog er sich zurück, um zu lesen. Alle andern blieben bei Tisch, bis es Zeit war, einen Freund Gugigls von der Bahn zu holen, einen Fabrikanten, breit und gewöhnlich und für niemand von Wichtigkeit.

Tini hielt sich zu Lola. Sie zeigte ihr, den Arm um Lolas Schultern, ihre Ansichtskarten, stellte Fragen und begeisterte sich. Jedes dieser kleinen viereckigen Papierstücke trachtete Tini mit Hilfe derer, die alles schon kannte, zu einem Stück Welt umzuwandeln, die dargestellte Straße zu verlängern, die Menschen vor den Häusern in Bewegung zu setzen.

»Du mußt doch welche kennen von denen, die mit drauf sind!«

»Weißt du, daß man auf Reisen eigentlich wenige gut kennen lernt und die meisten wieder vergißt? Du hast sicher mehr Freunde als ich.«

»Nein, bloß eine Freundin.«

»Aber du siehst oft nach, ob Briefe da sind.«

»Ich?« -- und Tini ward rot. »Nun ja, du darfst es gern wissen. Ich hoffe immer --. Es gibt doch Millionen Menschen. Wer weiß, wie mancher einen mal gesehen hat und denkt noch an einen. Es kann ja irgend etwas geschehen; so viele Dinge kommen vor; und zum letzten Neujahr habe ich eine Schachtel Konfekt bekommen und habe nie herausgekriegt, von wem. Ist dir das auch einmal passiert?«

»Nein.«

»Glaubst du nicht, daß man ein Glück haben kann, an das man gar nicht gedacht hat?«

Da Lola zögerte, antwortete Gwinner:

»Wer ein Los hat, sieht gewöhnlich in jeder Ziehungsliste nach.«

Überrascht sah Lola auf; aber sie stellte fest, es sei wieder nur ein Witz gewesen. Tini lachte dankbar; dann, ernst, mit Hingebung:

»Aber von dir, Lola, glaube ich sicher, daß du noch mal ein großes Glück haben wirst, und du weißt es gar nicht.«

* * * * *

Alle begleiteten den Baron Utting, als er am Abend aus dem Zimmer ritt. Arnold und Lola sahen erstaunt den Laubgang hinunter, an dessen Ende sie heute morgen im Winde gestanden hatten, auf weichem Boden, der faul duftete. Jetzt zogen sich über düstere Erzwände Rinnsale von Mondlicht und flossen auf dem Grunde zu weißen Lachen zusammen.

»Das ist ja riesig künstlerisch!« rief Frau Gugigl. »Wißt ihr was? Wir machen einen Mondscheinspaziergang. Holt eure Mäntel, gelt? . . . Benno!«

Sie flüsterte ihrem Manne etwas zu, stürzte, die Augen aufgerissen von ihrem Geheimnis, hin und her:

»Kinder, es gibt eine Überraschung!«

Wie die Pforte aufs Feld hinaus aufging, standen alle still: so fremd und einschüchternd fanden sie das Land, das auf makellose Welten erhoben, in geschmolzenen Sternen gebadet schien. Von den Schattenhängen, glaubte man, waren die Geisterströme herabgerollt, um gegenüber den Hügel hell emporzuschlagen, himmelan zu sprühen, sich auf entferntere Erdfalten niederzulassen, die letzten Berge in sich aufzulösen, und unter bläulichen Schleiern voll namenloser Lockungen die Nacht der Unendlichkeit entgegenzuführen.

. . . Gwinner äußerte:

»Jetzt noch ein paar betrunkene Bauern.«

Man lachte erlöst und schritt aus: durch das schlafende Dorf, hinunter in die Talmulde. Der Weiher glänzte auf; Tini lief jubelnd hin, und angelangt, blieb sie stumm über ihn geneigt, bis die andern nachgekommen waren. Die Baroneß Thekla rundete die Hände vor dem Mund und stieß Juchzer hindurch. Lola wünschte sich einen Nachen, und Frau Gugigl verhieß, es komme noch viel schöner. Da bewegte drüben aus dem Busch hervor sich etwas Weißes: eine Gestalt in flimmerndem Mantel, den spitzen Bart kühn in der Luft und die Arme gekreuzt:

»Prost, Gugigl!« rief Gwinner. Aber seine Frau nahm es ernst.

»Er macht sich doch hoch künstlerisch! . . . Geh mehr ans andere Ufer, daß du in den Schatten der Spiegelung kommst! . . . Kann man jetzt nicht Furcht kriegen?«

Gugigl warf das Tuch ans Land. Mai schrie leise auf, aber dann kicherte sie, denn Gugigls Schenkel waren nach außen gekrümmt. Seine Frau bemerkte, was die Wirkung hintanhielt; sie kommandierte ihn ins tiefere Wasser. Er prustete ihr zu laut, er arbeitete sich zu sehr ab.

»Denk doch an deine Linie!« rief sie.

»Wird er jetzt nicht sagen: die Linie ist krumm?« flüsterte Lola; und Gwinner sagte es. Er forderte auch den beleibten Fabrikanten auf, seinem Freunde beizuspringen: ins Wasser zu gehen, damit es steige.

»Das wird es pflichtschuldigst tun! Wie die Papiere, wenn ich mich hineinlege!« -- und der Fabrikant lachte dröhnend.

Die Baroneß Thekla saß und sah nach der Kirchturmspitze überm Hügel.

»Jetzt wenn die Bauern uns sehen täten, na wär's g'fehlt,« sagte sie zu Lola.

»Warum?«

»Weil's uns derschlag'n möcht'n! Ausg'schamt muß ma sein, daß ma am Mannsbild im Bad zuschaut.«

»Ohnedies gilt Baden hier als Schande,« setzte Arnold hinzu; und Gwinner wußte von einem alten Bauern, der dem Arzt entrüstet geantwortet habe: nie sei auf seine Haut ein Tropfen Wasser gekommen.

Die Baroneß Thekla verteidigte ihre Landsleute.

»Ihr wißt wohl gar nicht, daß der Sepp beim Wurzererbauern eine ganze Masse französische Romane gelesen hat? Er kennt alles, mir wär' er zum Mann zu gebüldet.«

Tini, Gwinner und Frau Gugigl beschlossen, sich gleich morgen den Sepp anzusehen. Als Mai verständigt war, bekundete sie Neugier.

»Kommst du nicht auch, Lola?«

Lola öffnete den Mund, um zuzusagen; aber Arnold erklärte, er würde sich schämen, vor einen Menschen, der vielleicht kämpfe, vielleicht ein schweres Ausnahmeleben führe, hinzutreten wie vor eine Sehenswürdigkeit; -- und Lola sagte, verwirrt:

»Gehe, bitte, ohne mich, Mai!«

Gugigl kam heraus. Seine Frau prüfte ihn hinter ihrem erhobenen Daumen.

»Er hat doch einen großartigen Akt! Riesig künstlerisch!«

Gugigl schlug Falten mit seinem Badetuch, wie eine Schleiertänzerin, und reckte die Arme aus, wie ein Mondanbeter.

Als er fertig war, ging's weiter: an Gehöften vorbei, deren Dächer schimmerten, und Wäldern entgegen, die mitten im grellen Feld schwarz dalagen wie ein zusammengerolltes Tier, das atmete. Immer aufs neue versuchten einen blaue Pfade und machte die Leichtigkeit des Schattens, daß man durch ihn hin wie durch einen Traum ging. Tini lief zurück, wo Lola und Arnold noch verweilten, hängte sich an Lolas Arm und flüsterte ihr etwas Schwärmerisches zu. Dann sah sie, die Lippen ein wenig offen, in den großen Mond und ließ die Schritte schleppen.

Arnold sprach weiter. Wie der sich fühlen möge, für den in diesen Mondschleiern ein Geist zwischen Himmel und Erde hin und hergehe, der dies Licht als göttliche Liebe hingebreitet sehe: kurz, dem diese Nacht voller Täuschungen in Wahrheit beseelt sei. Warum, fragte Lola, solle sie täuschen.

»Können wir uns von ihr nicht überreden lassen, an die Seele zu glauben? Sogleich wäre alles besser.«

Besser? Was? Wenn man endlich tot sei, nicht gründlich tot zu sein? Neue, fragwürdige Abenteuer gewärtigen zu müssen? »Der wäre mit seinem Ich verdammt zufrieden, der ihm Unsterblichkeit wünschte« . . . Im Sprechen aber bemerkte er, daß er aus der Erinnerung spreche und, was er vorbringe, zu dieser Stunde nicht mehr ganz begreife. Er hörte auf, bevor er zu Ende war.

Lola dachte ihres einstigen Glaubens an die unendliche Höherentwickelung des Einzelwesens, sein Besserwerden von Stern zu Stern, -- und zum erstenmal seit jenem erschütterten Lebensalter gab das Andenken an diesen Gedanken ihr mehr als mitleidige Sehnsucht: fragte sie wieder nach seiner Möglichkeit.

»Wenn wenigstens ein beseeltes All mich aufnähme! Nicht ich würde noch von mir wissen; aber vielleicht das All?«

Er hatte eine Entgegnung bereit; aber wie er den Mund öffnete, merkte er, daß sie ihn ekele: so verbraucht war sie in hundert Gesprächen, so plump blieb sie zurück hinter dem, was hier erlebt ward, von ihm und der Frau neben ihm. Er fürchtete sich, an ihren Geist zu rühren; er murmelte:

»Wir sind beschränkt; wir sehen nicht voraus, was uns bei der nächsten Wegbiegung erwartet; und doch . . .«

Sie schwiegen. Dann sagten sie sich, es sei seltsam, diese Nacht klinge, während man plaudere, von Harmonien; und nun, da man anhalte und lausche, sammele sich alles zu dem einzigen Ton einer sehr sanften Flöte.