Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling Erster Theil

Chapter 6

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Ferner sind laut meinem Sträflingsleben und zahllosen, einstimmigen Veröffentlichungen der Fachmänner gerade unter den Rückfälligen die stillsten, fleißigen und fügsamsten Seelen und woher kommt es wohl, daß diese Gebesserten immer häufiger in die Strafanstalten zurückkehren und die Amtsleute sammt Gefängnißbeamten durch persönliches Erscheinen von der Nichtigkeit des herrschenden Begriffes von Besserung überzeugen?

Diese Rückfälligen haben keinen sittlichen Halt in sich und keinen sozialen in der Gesellschaft, bilden den Abfall der Volksentwicklung und sind die Parias unserer gesellschaftlichen Zustände.

Der alte Paul, welcher im Amtsgefängnisse seine, ein jetzt 73jähriges Leben umfassende Zuchthausgeschichte, an der ich gar nichts geändert habe, getreu erzählt, ist das Muster eines Rückfälligen und nach meinem Ermessen ein für Rechtsgelehrte und Geistliche besonders belehrendes Muster.

Die Besserung, von welcher in dieser Schrift geredet wird, besteht in der sittlichreligiösen Wiedergeburt des Menschen und diese wurzelt lediglich in der positiven Religion.

Etwas Sittliches kann möglicherweise positives und damit strafwürdiges Unrecht sein, etwas Unsittliches jedoch kann nimmermehr zu Recht werden; ferner bestand die Besserung bei mir zwar in sittlichreligiöser Wiedergeburt, worin sie auch beim gemeinen Verbrecher bestehen soll, allein es können bessere Leute als ich wegen politischer Vergehen ins Zuchthaus gekommen sein, endlich besteht die Besserung des politischen Verbrechers zunächst im ehrlichen Aufgeben seiner regierungsfeindlichen Pläne--damit habe ich den Hauptgrund angegeben, weßhalb ich in dieser Schrift nicht mehr viel von politischen, sondern fast lediglich von gemeinen Verbrechern spreche.

In der gemeinsamen Haft sind Thränen und Seufzer der Reue zwar nichts Seltenes und gute Vorsätze gibt es mehr als Erdäpfel, allein die Reue ist bereits immer und fast nothwendig nur eine natürliche Reue über die zeitlichen Folgen der That und die guten Vorsätze enden gemeiniglich in dem Vorsatze, das elfte Gebot, nämlich das Erwischtwerden nicht mehr zu übertreten.

Eigentliche Besserung gedeiht in Sträflingsgesellschaft so wenig, als ein von den ersten Symptomen der Pest Befallener durch Pestkranke gesund wird.

Warum?

Die Zuchthausgeschichten sagen es und hier zunächst die Gründe kurz zusammengenommen, welche gegen gemeinsame Haft überhaupt und gegen Besserung durch dieselbe reden.

Die empörenden Prahlereien und schamlosen Herzensergüsse hartgesottener Sünder, der Unterricht, den die Altmeister der Greiferkunde und aller Laster in der Sprache und den Kniffen der Gaunerwelt Andern mit satanischer Freude ertheilen, die unvermeidliche Anknüpfung von Bekanntschaften, welche dem bessern Entlassenen häufig arge Verlegenheiten, Versuche und Gefahren bereiten, die Möglichkeit der Verabredung und Durchführung von Flucht aus der Anstalt und zu Verbrechen, welche innerhalb und außerhalb der Anstalt ausgeführt werden sollen, der Verkauf von Gelegenheiten zu Unthaten--all diese längst anerkannten Schattenseiten der Sträflingsgesellschaft betrachte ich trotz ihrer Wichtigkeit doch nur als Nebendinge.

Den unverbesserlichen Grundfehler aller gemeinsamen Haft, für welchen außer der einsamen kein Kräutlein gewachsen ist, insofern man von Besserung reden will, finde ich darin, daß der stets durch Gesellschaft zerstreute Sträfling schwer oder gar nicht zum ernsten Nachdenken und unpartheiischen Insichblicken gelangt, in Folge des steten Zusammenlebens blutwenig Zeit und Gelegenheit findet, dem nicht gerade karg zugemessenen, doch schwer zu vertheilenden Unterricht in Kirche und Schule nachzuhelfen durch Selbstbildung. Dagegen findet er lauter Leidende um sich, überzeugt sich selbst und Andere gerne von seiner allzuharten Strafe oder beispiellosen Unschuld, läßt sich auch von Anderer Unschuld gerne überreden, wird durch beständigen Anblick von Verbrechern und engeres Anschließen an Einzelne derselben gar bald gegen alle Verbrechen abgestumpft, redet sich und Andere in eine rettungslose Selbsttäuschung über den eigenen Werth, in wilden Haß gegen Gesetze und Menschen, gegen Staat und Kirche und Gott hinein.

Dagegen helfen keine Klasseneintheilungen, deren Eintheilungsgrund doch nirgends annehmbar aufzufinden ist, weil die sittliche Wiedergeburt ein innerer Akt ist und mit dem äußeren Verhalten gar oft in scheinbaren Widerspruch gerathen kann. Auch die farbenreichen Affenjacken mit tellergroßen Knöpfen voll Inschriften, welche die liebe Eitelkeit kindischer Sträflinge ködern könnten, darf Herr Appert als unnütze, äußerliche Spielerei herzhaft aufgeben und was das Schweigsystem betrifft, so beseitiget dieses keineswegs die Schattenseiten der gemeinsamen Haft, läßt einige derselben höchstens in neuer Art fortleben und verzichtet auf jede Frucht des Zellenlebens.

Das Schweigsystem ist eine Halbheit und theilt das Schicksal aller Halbheiten; verdirbt es mit allen Partheien und bleibt unfruchtbar für die Gesellschaft. Besserung als Wiedergeburt des Menschen vermittelst des religiösen Glaubens gedeiht lediglich in der Zelle, wie ich an mir selbst erfahren habe, wie die Geschichte des "Duckmäusers" insbesondere zeigen soll und wie ich von mehr als Einem Gefangenen genügend beweisen kann.

Freilich erfolgt auch in der Zelle Besserung nicht immer und nur unter gewissen Bedingungen, von denen später die Rede sein und hier nur eine einzige erwähnt werden soll.

Es ist kaum glaublich, welche Ansichten manche Rechtsgelehrte und Gefängnißbeamte von der Besserung durch einsame Haft hegen. Alles Ernstes huldigen sie dem Wahn, alte, gründlich verdorbene Menschen, welche leider statt jugendlicher Verbrecher nach Bruchsal spedirt werden, könnten innerhalb weniger Monate nicht nur Anfänge zur Besserung machen und darin fortschreiten, sondern vollkommen gebessert und so Alles, was 20 bis 50 und mehr Jahre verdorben, im Sturmschritte einiger Monate verbessert werden.

In neuerer Zeit haben die Engländer die Zeit der längsten Dauer der Einzelhaft auf 18 Monate festgesetzt, nach deren Verlauf sie ihre Gurgelabschneider und Londoner Spitzbubengenies in ferne Colonien senden, um dieselben auf gute Weise sich vom Halse zu schaffen.

Kaum war dieses beschlossen, priesen deutsche Gelehrte solche Maaßregeln auch für deutsche Zellengefangene an und weil die Deutschen als Träger der Cultur und anderer schöner Sächelchen keine Verbrecherkolonien besitzen, wollten Jene die Leute bereden, ein Mensch, der über 18 Monate in einer Zelle sitze, leide nothwendig an der leiblichen und geistigen Gesundheit Schaden und könne nach 18 Monaten des Glückes jeder Spitzbubengesellschaft wieder theilhaftig gemacht werden wegen der während dieses Zeitraums neu oder zum erstenmal errungenen Vortrefflichkeit.

Weil ferner in manchen Anstalten Englands die Zellengefangenen wahrhaft verhätschelt und eher für ihre Verbrechen belohnt als bestraft werden, priesen Ritter einer durch und durch falschen, weil gegen die wahren Interessen der Gesellschaft und der Gefangenen gleichmäßig gerichteten Humanität auch für Deutschland dergleichen Verhätschelungen an und schlugen Maaßregeln vor, durch welche das Grundprinzip der einsamen Haft, nämlich die _absolute Trennung der Verbrecher unter sich_, mehr oder minder vollkommen beseitiget worden wäre.

In Baden ist die Strafdauer natürlich je nach dem Vergehen sehr verschieden, kurze Strafzeiten herrschen vor, damit aber auch Nichtbesserung der meisten ältern Sträflinge und dies um so mehr, weil die Gerichte in neuester Zeit mit Hungerkost und Dunkelarrest gar zu freigebig sind und durch diese Strafverschärfungen ein dem Isolirsystem als dem der Besserung zwar nicht widersprechendes, doch demselben sachgemäß untergeordnetes Prinzip, nämlich das der Abschreckung auch in Bruchsal vorherrschend machen und dadurch erst mit dem Grundgedanken dieser Anstalt in Widerspruch gerathen.

Vollkommen mit Herrn Professor Stolz einverstanden, erkläre ich: Jeder Geistliche und jeder Mensch, welcher die Sünde für ein größeres Uebel hält denn Wahnsinn und Leibestod und daran glaubt, daß im Himmel Ein Bekehrter mehr Freude verursache denn 10 Gerechte, muß folgerichtig ein Anhänger der einsamen Haft der Verbrecher werden, zumal die Erfahrung an manchen Orten und besonders auch zu Bruchsal trotz der ungünstigsten Verhältnisse bewiesen hat, bei richtiger Behandlung der Zellenbewohner seien die Fälle von Geistesstörung und Tod kaum häufiger, als in einsamer Haft und Bekehrungen gemeiner Verbrecher nichts weniger als eine Seltenheit, ohne daß die Bekehrten einem krankhaften Muckerthum oder einseitigem Fanatismus sich ergeben.

Ist ein unter dem Abschaum der Gesellschaft lebender gebesserter Sträfling ein weißer Rabe, was eigentlich ein Kindesverstand ohne die Erfahrungen von Jahrhunderten einsehen sollte, so steht es mit dem Strafzwecke der _Abschreckung_ in gemeinsamer Haft eben auch nicht glänzend. Bekanntlich trägt Jeder seine Bürde leichter, wenn er Andere dieselbe Bürde tragen sieht, ebenso bekanntlich sucht und findet man Zerstreuung in der Gesellschaft und nicht minder bekanntlich kommen täglich mehr Gäste in die Strafanstalten und bringen erheiternde oder tröstliche Neuigkeiten. Von all diesen Erleichterungen der Strafe weiß der Zellenbewohner wenig, folglich hat die einsame Haft auch hinsichtlich der Abschreckung Vorzüge vor der gemeinsamen. In neuerer Zeit hat man gemerkt, wie wenig die gemeinsame Haft bei guter Kost und ordentlicher Pflege abschrecke und wenn dieselbe durch Hungerkost verschärft wird, so finden wir hierin nur etwas Löbliches. Man hat Hungerkost und den bei längerer Dauer und regelmäßiger Wiederholung nicht sehr empfehlenswerthen Dunkelarrest aber auch für Zellenbewohner und zwar nicht blos für Rückfällige reichlich verordnet und dieses Verfahren finden wir ein bischen grundsatzwidrig, stark ungerecht und äußerst nutzlos. Es hat überhaupt mit der Abschreckungstheorie eigene Bewandtniß, weil der Mensch beim Begehen eines Verbrechens wohl selten an Erwischtwerden und kommende Strafe ernstlich denkt oder glaubt, sich häufig vom Augenblicke der Leidenschaft beherrschen läßt und was laut der Geschichte die grausamsten Strafen nur wenig vermochten, nämlich Andere abzuschrecken, wird kein Zuchthaus der Welt jemals ersprießlich zu Stande bringen.

Mit den Leiden des Verbrechers hängt als dritter Strafzweck die _Sühne_ auf das Engste zusammen und hier ist das Verhältniß der einsamen und gemeinsamen Haft so, daß letztere geradezu das Gegentheil dessen bewirkt, was sein sollte. Je verkommener und schlechter nämlich ein Mensch ist, desto leichter findet er sich in die Sträflingsgesellschaft, gewöhnt sich leicht an das Zuchthaus, weil er sich daselbst in seinem eigentlichen Elemente befindet und die Zeit stumpft ihn gegen das Elend der Gefangenschaft beim Andenken an das meist wohlverdiente und oft furchtbare Elend außerhalb der Gefängnißmauern manchmal völlig ab, so daß er dem Tage der Freilassung nicht freudig, sondern traurig entgegensieht. Gerade die Bessern und Besserungsfähigen leiden in gemeinsamer Haft am meisten, weil sich ihr innerstes Gefühl, der Rest des bessern Menschen in ihnen gegen die Gleichstellung und das Zusammenleben mit den verworfensten Burschen empört. Wie in der Welt überhaupt, so haben auch im Zuchthause gar oft die Heuchler und Schlimmen die Oberhand über die Geraden und Bessern und um die schmerzliche Empörung ihres Innern zu betäuben, dadurch ihre Leiden zu mildern und ruhig und erträglich leben zu können, suchen sie den Heuchlern und Schlechten gleich zu werden.

Ich habe hineingeblickt in die Herzen alter Sträflinge, wie nur ein Sträfling dem andern hineinzublicken vermag und wenn diese Herzen noch nicht ganz verknöchert und versteinert waren, so habe ich als letzten Rest des bessern Menschen eine bittere, furchtbare Anklage gegen die menschliche Gesellschaft darinnen gelesen.

Jeder Mensch ist ein Gesellschaftsmensch, die Gesellschaft trägt mehr oder minder Mitschuld an seinen Lastern und Verbrechen und wenn die Gesellschaft die Sühne des Verbrechers diesem allein aufbürdet, ihre Mitschuld keineswegs anerkennt und nur sich selbst, keineswegs aber ihn zu retten, sondern moralisch zu vernichten strebt, so nenne ich Entlassener vom Standpunkte der Rechtsidee aus ein derartiges Verfahren ebenso selbstsüchtig als ungerecht.

Rücksichtlich der Sühne haben die Zellengefängnisse einen Vorzug, der alle Männer des Rechtes zu Freunden derselben machen sollte. Man könnte mit großen Buchstaben über die Eingangsthüre einer derartigen Anstalt schreiben:

_Je schlechter der Kerl, desto schlechter geht es ihm hier!_

und würde damit eine nachweisbare Wahrheit getroffen haben.

Manche Beamte alter Anstalten prahlen mit merkwürdigem Vertrauen, welches ihre Gefangenen gegen sie bewiesen. Nun ist es zwar richtig, daß ein menschlicher Beamter, der Sträflinge taktvoll zu behandeln weiß, was eben keine leichte Sache und nicht Jedem gegeben ist, sich die Liebe und Achtung derselben und wohl auch das Vertrauen Einzelner in hohem Grade erwirbt. Doch das Vertrauen Einzelner ist noch lange nicht das Vertrauen der Gefangenen überhaupt; ferner ist zwischen Vertrauen und Vertrauen ein gewaltiger Unterschied und ich für meine Person sehe nicht ein, welche Gründe zusammenlebende Sträflinge im Allgemeinen haben könnten, einen hoch über ihnen, Allen gleichmäßig gegenüberstehenden Beamten, der es unmöglich Allen recht machen kann und deßhalb seine Gegner, Verläumder und Ehrabschneider unter den Sträflingen stets finden wird, wenn er auch ein Halbgott wäre, zu ihrem wahren Vertrauten zu machen und damit demselben alle Falten ihres Herzens und alle Geheimnisse eines oft schauerlich verkommenen Lebens zu offenbaren. Der Mittheilung bedarf der Mensch freilich, aber der Sträfling wird gerade wie andere Leute sich zunächst seinen Gesinnungsgenossen mittheilen, wenn er solche in der Nähe findet, wird sich an Solche wenden, welche mit ihm auf gleicher Bildungsstufe stehen und in der gleichen Lage leben und bei einiger Klugheit, woran es dem einfältigsten Sträfling selten mangelt, den Beamten sich in möglichst gutem Lichte zeigen und dadurch seine Lage verbessern. _Den_ Sträfling möchte ich wohl einmal sehen, der zu den Beamten läuft und seine Sünden und Laster _nicht_ zu entschuldigen, zu verschönern und zu rechtfertigen sucht, sondern denselben von seinen Verirrungen erzählt, Beweise der Verruchtheit bringt und unentdeckte Schandthaten enthüllt!

Er würde jedenfalls unter seinen Kameraden als der größte aller Dummköpfe gelten und hätte es bei ihnen für immer verschüttet. Statt an wahres Vertrauen glaube ich tausendmal eher an Heucheln und heimliches Anzeigen, an Lug und Trug und wenn je ein Sträfling statt seinen Gesinnungsgenossen einen Vorgesetzten zu seinem wahren Vertrauten zu machen gedächte, so würde er zunächst sich an den Zuchthauspfarrer wenden, um etwa den Trost und die Hülfe der Religion bei diesem zu holen.

Sträflinge dieser Art gibt es; ich selbst habe unter durchschnittlich 300 Einen gefunden, aber nur Einen, welcher von der Predigt am Sonntag manchmal bis zu Thränen gerührt wurde und jedesmal dem Pfarrer entgegenzitterte, wenn ihn der Verwalter vorher wegen seines unordentlichen Benehmens in Arrest gesprochen hatte. Dieser Bursche war ein ebenso jähzorniger als leidenschaftlicher Todtschläger, dabei eine höchst sentimentale Natur und weil er eine hübsche Magd liebte, welche er zuweilen aus bescheidener Entfernung betrachten, doch nur durch Blicke und Geberden romantische Gefühle mit ihr austauschen konnte, so wird es leicht begreiflich, daß er nach Befreiung dürstete und schmachtete und sehr wahrscheinlich, daß unser Herrgott weit weniger als die hübsche Magd der Gegenstand seiner rührenden Sehnsucht und herzbrechenden Verehrung war.

Ein gutes Zeugniß vom Hausgeistlichen gilt als gewaltiger Hebel bei Begnadigungen, der Bursche bedurfte eines solchen weit mehr als andere und um die Gunst des Pfarrers zu gewinnen, redete er gottselige Dinge von schuldlosen Gefangenen, welche Gott mit Gebet bestürmen müßten, niemals von der holdseligen Magd ausgenommen Tag und Nacht unter den Sträflingen, mit welchen er sich zu vertragen vermochte.

Weil ein Zusammenleben der Sträflinge Heuchelei, Verstellung, Verabredungen jeglicher Art und heimliche Angebereien möglich macht, wird den Beamten die Kenntniß der einzelnen Individuen, damit aber auch die _individuelle Behandlung_ der Einzelnen sehr erschwert, die doch mit der Erreichung aller Strafzwecke in engen Zusammenhang treten soll.

Die Beamten sind mit andern Arbeiten überladen, und zufrieden, wenn nur der Gewerbsbetrieb der Anstalt blüht und die Hausordnung, welche wenig mit religiössittlicher Wiedergeburt zu thun haben kann, aufrecht erhalten wird. Wir wollten damit auch zufrieden sein, wenn nur die Vertheidiger der alten Zuchthäuser der Welt nichts von Besserung der Gefangenen vormalten und gegen das Isolirsystem loszögen, als ob dieses das %Non plus ultra% aller Unzweckmäßigkeiten und aller Gräuel in sich schlösse.

Der Zellenbewohner ist ein Mensch, folglich ein für Gesellschaft geborenes und der Mittheilung bedürftiges Geschöpf, ist manchmal ein großer Sünder und schwerer Verbrecher und gerade diese Art von Leuten drängt ein geheimnisvoller Trieb zu Selbstgeständnissen; die drückende Alplast der Einsamkeit lastet schlaflose Stunden der Nacht und viele Stunden des Tages ungestört auf ihm, er fängt an mit sich selbst zu reden, seine ganze Lage ist darauf berechnet, ihn zum Nachdenken, Insichblicken, zur Verinnerlichung zu bringen und weil außer geistlichen und weltlichen Beamten, Werkmeistern, Aufsehern und einzelnen Besuchern der Anstalt Niemand zu ihm kommt, weil schon seine Lage ihn in eine erhöhte und oft leidenschaftliche, äußerst reizbare Gemüthsstimmung versetzt, welche an sich einer langdauernden Heuchelei widerspricht, endlich weil nirgends ein Gefangener so unabläßig und scharf beobachtet zu werden vermag wie der Zellenbewohner--aus all diesen Gründen ist er sehr offenherzig, oft bis zur Unverschämtheit und Maßlosigkeit treuherzig und naiv und wenn er sich nicht jedem Besucher geradezu gibt wie er ist, sei es vorherrschend im Bösen oder im Guten, so werden doch alle Beobachter zusammen in Folge einer äußerst durchdachten Controlle und musterhaften Zusammenwirkens sehr bald über den individuellen Charakter, den Unwerth und Werth jedes einzelnen Gefangenen vollkommen einig.

Kenntniß des individuellen Charakters macht jedoch eine diesem gegebenen Charakter entsprechende Behandlung möglich und durch diese hat die Einwirkung im Interesse aller Strafzwecke eine mächtige Handhabe.

Was in gemeinsamer Haft ein Akt der Nothwendigkeit ist, nämlich möglichst gleiche Behandlung aller Gefangenen, aus welcher sich übrigens gewaltige Ungleichheiten von selbst ergeben, wäre im Zellengefängniß ein Akt des Unverstandes, welcher die Erreichung der Strafzwecke beim Einzelnen sehr beeinträchtigte.

Ohne die Hausordnung im Mindesten bei Seite zu setzen, liegt es in der Macht der Beamten eines Zellengefängnisses, bei Behandlung der Zellenbewohner an sich sehr geringfügige, für diesen jedoch sehr große Unterschiede eintreten zu lassen. Weil Jeder nach seiner Art und Weise behandelt werden kann und soll, mag der Strafzweck der Sühne auch von Außen her seine Erfüllung finden. Aber schon die Lage des Zellenbewohners bewirkt die bestmögliche Erreichung dieses Strafzweckes.

Nichts ist so beredt als die Einsamkeit und nichts so furchtbar, als die Lage eines Zellenbewohners, der ganz ins Aeußerliche versenkt, ein elender Knecht seiner Triebe und Leidenschaften, ein hohles Rohr, welches von jedem Aufathmen der maßlosen Begierde gebeugt wird, viele Stunden des Tages und der Nacht einsam zubringen, seine Zerstreuung in lauter Dingen suchen muß, welche darauf hinzielen, die schlummernden Keime und Reste des bessern Menschen in ihm zu wecken. Er steht allein mit seinem Ich, mit seinen wüsten Erinnerungen, mit dem vollen Bewußtsein seines Unglücks und wenn erst die Selbstvorwürfe lebhafter werden, wenn die natürliche Reue in Folge tieferer Einsicht in sich selbst und neuerrungener Erkenntniß zur übernatürlichen sich steigert, wenn er dasteht mit zerrissenem, blutendem Herzen und von der Größe seiner Schuld überzeugt in sich keinen Halt, keinen Trost, keine Ruhe und keinen Frieden zu finden vermag, dann ist er der Verzweiflung, dem Wahnsinne nahe und es darf nur ein taktloser Geistlicher kommen, um die _Schrecken der Religion_ in die Zelle zu bringen oder die Gefühlsseiten der Religion vorherrschend schildern, dann mag der altgewordene Sünder durch Verzweiflung an Gottes Gnade und eigener Kraft dem religiösen Wahnsinne verfallen.

Der erfahrenste, taktvollste, ruhigste Geistliche vermag nicht immer derartige Stürme zu beschwören, schon mancher Bewohner amerikanischer und europäischer Zellengefängnisse ist an der Ungeschicklichkeit des Geistlichen oder auch an der Offenbarung Johannis zu Grunde gegangen und hat durch ein seelengestörtes Leben seine zeitliche Schuld gesühnt.

Je verkommener der Mensch, desto größer die Qual in der Zelle!--Dies ist an sich ganz in der Ordnung und ein Vorzug der einsamen Haft vor jeder andern Haftart, von dessen Vorhandensein ich mich auf vielfache Weise gewissenhaft zu überzeugen trachtete und überzeugte.

Für die Richtigkeit dieser Thatsache spricht auch die alte Erfahrung, daß zumeist die _schlechtesten_ Subjekte Seelenstörungen und Selbstmordsgedanken in der Zelle vor allen Andern ausgesetzt sind, wie dies in der ganzen Welt der Fall ist.

Der Vorwurf, einsame Haft erzeuge leicht Seelenstörungen und Selbstmord hat mindestens historische Thatsachen genug für sich, doch weniger einsame Haft _an sich_ als eine mangelhafte, verkehrte _Behandlung der Gefangenen_ machte einzelne Zellengefängnisse zu einer Art Versammlungsort der Kandidaten des Narrenhauses und Selbstmordes. Die Gestalt [Anstalt] zu Bruchsal steht hierin glänzender als alle oder doch die meisten andern da und wenn auch hier Seelenstörungen und Selbstmorde vorkommen, so muß man bedenken, dies sei in Anstalten mit gemeinsamer Haft wohl auch der Fall und überhaupt in Gefängnissen, in welchen gemeiniglich der Auswurf der Gesellschaft zusammenströmt, etwas Natürliches. Ich kenne zwei Fälle von sogenannten Halucinationen und, wenn das Springen ins Wasser ein Selbstmordsversuch genannt werden darf, auch einen solchen Fall aus meinem Zusammenleben mit Sträflingen binnen kurzer Zeit und der alte Paul, der noch lebt und das bewunderungswürdigste Gedächtniß in hohen Jahren bethätigt, weiß in seiner langen Zuchthausgeschichte auch hierin Belehrendes zu erzählen. Endlich darf man nicht vergessen, daß in Bruchsal noch viele politische Gefangene sitzen, welche, wie namentlich die armen Soldaten, keineswegs das Bewußtsein innerer Verworfenheit, sondern eher das lebendige Gefühl, für Andere die Suppe ausessen und allzu schwer büßen zu müssen im Bunde mit einer einst mächtigen und jetzt zerstörten Hoffnung dem Wahnsinn in die Arme treibt!--

In Bruchsal ist der Beweis, daß nicht einmal vier- und fünfjährige, geschweige eine über 18 Monate hinausgehende Einzelhaft den Gefangenen durchschnittlich leiblich oder geistig krank mache, thatsächlich geliefert; mit Gott und Welt versöhnt leben Manche recht glücklich in ihren engen Behausungen und liefern Viele den Beweis, die Behauptung, ein Zellenbewohner sei nicht im Stande seine Besserung zu bethätigen, laufe eben auch nur wie so Manches in den Schriften der Gegner der einsamen Haft auf arge Oberflächlichkeit und leidige Unkenntniß hinaus.

Wenn das Ertragen der schweren Leiden der einsamen Haft um Jesu Christi willen und ein ruhiges, fast freudiges Ertragen und Dulden kein Beweis religiössittlicher Wiedergeburt, der Besserung sein sollte, dann gibt es meines Erachtens keinen Einfluß der Religion auf das Leben der Menschen und keine ächte Sittlichkeit.