Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling Erster Theil
Chapter 5
Einer, der die Welt verbessern helfen möchte und zugleich Einer, der rücksichtslos gegen sich und Andere redet, handelt und schreibt, wo die Interessen der ewigen Wahrheit wirklich oder doch nach meiner inneren Überzeugung im Spiele zu sein scheinen, bin ich geblieben. Die ewige Wahrheit aber ist die der katholischen Kirche und wenn man in ihrem Sinne zunächst sich selbst zu verbessern und auf die Besserung der Einzelnen durch Beispiel, Wort und Schrift einzuwirken sucht, befindet man sich auf dem nächsten und besten Wege, das Ganze zu verbessern.
Das Christenthum gelangt im Einzelnen wie im Ganzen nur allmählig zur Wirklichkeit, ist ein mühevolles Streben und langsames Werden und der gute Wille unser vornehmstes Verdienst.
Wenn ich über Wandel und Lehre meines ewigen Herrn und Meisters nachdenke oder die einzig ächten Helden der Weltgeschichte, die Helden des sittlichen Willens, nämlich die Heiligen betrachte und mich mit dem geringsten derselben vergleiche, ja wenn ich einzelner Männer gedenke, deren Gesinnungen und Wandel mich in dieser trüben, drangvollen, gewitterschwülen Zeit aufrichten und ermuthigen, dann empfinde ich sehr lebhaft, welch langen Weg ich noch zurückzulegen habe, um in Allem ein erträglicher Katholik heißen zu dürfen. Auch sind meine Worte und Ansichten nichts weniger als unfehlbar und meine Schriften mögen mehr Mängel haben denn ein alter Judengaul, mindestens habe ich an meinen Erstlingsversuchen selbst weit mehr als Andere auszusetzen gefunden. Aber an redlichem Willen als Christenmensch durch meine Lebensminute zu wandeln, die Weltkirche Jesu Christi bei jeder Gelegenheit und auf jede mir zustehende Weise vertheidigen und verherrlichen zu helfen, durch Schriften, Wort und That das Werden des Christenthums in meinen Mitmenschen zu fördern, damit für die moralische Hebung des Volkes im allgemeinsten Sinne zu wirken, daran fehlt es mir nicht und Gott wird durch den Erfolg der Schriften auch unter anderm zeigen, ob ich meinen eigentlichen Beruf nicht verkannt und mir ein zu hohes Ziel vorgesteckt habe.
Wie in neuerer Zeit gegen heidnische Weltweisheit und Geschichtschreibung durch das Aufblühen der spekulativen Theologie und christlichen Geschichtschreibung im Namen der Ewigkeit protestiert wurde, also hat sich auch gegen die heidnische Unterhaltungsliteratur der christliche Geist erhoben, zuerst vorherrschend verneinend, dann aber versuchend, durch Schöpfung einer christlichen Unterhaltungsliteratur derselben entgegenzuarbeiten.
Wie Gleichgültigkeit gegen positive Religion, Unglaube und Unsittlichkeit vorzugsweise durch unterhaltende Schriften in das Herz des Volkes und insbesondere des jungen, lesesüchtigen Volkes wahrhaft hineingeschmuggelt werden, indem Irrthum und Lüge das Mäntelchen der Wahrheit, falsche Sittlichkeit und entschiedene Unsittlichkeit das der Tugend umhängen, so läßt sich meines Erachtens auch die Weltanschauung des Christenthums in die Herzen der Menschen gleichsam hineinschmuggeln. Freilich hat die unchristliche Unterhaltungsliteratur den großen Vortheil für sich, daß sie der Sinnlichkeit, dem Geisteshochmuth und den Leidenschaften der Menschen schmeichelt, während die christliche gerade gegen die Selbstsucht einen entschiedenen Vernichtungskrieg führen muß.
Ferner huldiget die unchristliche Unterhaltungsliteratur den Anschauungen und Tendenzen der Zeit, während die christliche bisher vorherrschend in der ihr eigenthümlichen ideellen Welt, deren Verständniß zur Rarität geworden und ein bereits christliches Gemüth voraussetzt, sich bewegte oder gegen das Wahre und Ewige in den Anschauungen und Tendenzen der Gegenwart sich oft mit einseitiger Polemik kehrte und dadurch die Kinder der Zeit von vornherein abstieß und langweilte. Endlich läßt sich nicht verkennen, daß die genialsten Schriftsteller, Romanenschreiber und Theaterdichter insbesondere vorzugsweise Protestanten und Juden sind, ausgerüstet mit der ganzen Bildung der Zeit und mit allen Waffen des Geistes, welche sie für den Geist der Verneinung schwingen und im Hochgefühle ihrer noch wenig beeinträchtigten Herrschaft im Gebiete der Literatur besonders gegen den positiven Glauben und gegen die katholische Kirche kehren.
Ich bin sehr weit davon entfernt, die großen Verdienste unserer protestantischen und jüdischen Schriftsteller um Wissenschaft und Kunst zu verkennen, oder Zeitrichtungen und Persönlichkeiten deßhalb verdammen zu wollen, weil dieselben nicht katholisch sind; auch verkenne ich nicht, daß es einem entschiedenen Protestanten oder glaubenslosen Juden beinahe unmöglich sei, die katholische Weltanschauung sammt Allem, was daraus fließt, mit andern als mißtrauischen oder feindseligen Augen zu betrachten, doch jene Ungerechtigkeit und Leidenschaftlichkeit, mit welcher nur allzuhäufig Alles abgethan wird, was katholisch heißt und heißen will, halte ich eben für keinen lobenswerthen Characterzug der modernen Kritik und der gegenwärtigen Zeit überhaupt.
Die Fähigkeit sich über Partheistandpunkte zu erheben, das Wahre in entgegengesetzten Richtungen anzuerkennen und auch im Feinde den gleichberechtigten Menschen gelten zu lassen, scheint dem jetztlebenden Geschlechte täglich mehr abhanden zu kommen, je ärgeres Geschrei von sogenannter reinmenschlicher Bildung und Freiheit Aller erhoben wird. Wohl deßhalb, weil Wissenschaft und Kunst sich immer entschiedener auf das Wirkliche und Praktische geworfen, wird auch hierin Alles zur Parthei und jede Aeußerung katholischen Lebens nicht nur vom Standpunkte der Parthei aus beurtheilt, sondern in Folge eines gewissen Instinktes von den meisten Söhnen der Verneinung mit Partheileidenschaft und Partheiwuth behandelt.
Die katholische Kirche kennt keine Partheiwuth, es liegt hierin eine Aeußerung ihrer unbesiegbaren Stärke. Der Katholik sollte mit dem ruhigen Blicke der Ewigkeit in das Gewühl und in den Wirrwarr des zeitlichen Lebens hineinschauen, allein Katholiken sind auch Menschen, haben auch ihre Schwachheiten und Fehler und je inniger Einer von der Wahrheit seines Glaubens überzeugt ist, desto leichter steht er in Gefahr, dem Gegner gegenüber ungerecht und leidenschaftlich zu werden und diesem dadurch Waffen gegen sich in die Hände zu liefern.
Man darf nur in manche katholische Tagesblätter hinein sehen, um die Ueberzeugung zu gewinnen, der gerechte Ingrimm gegen die Revolution sei zum ungerechten Ingrimm gegen das democratische Prinzip, welches innerhalb der Kirche Anerkennung und Berechtigung doch auch gefunden und der gerechte Zorn gegen die Partheisucht der sogenannten Juden- und Heidenpresse zur ungerechten Verkennung der Berechtigung des protestantischen Prinzips der Subjectivität und der großartigen Verdienste der protestantischen Wissenschaft und Kunst fortgeschritten.
Wer ein Buch im katholischen Geiste schreibt, darf ziemlich sicher sein, von der herrschenden protestantischen Kritik entweder vornehm ignorirt oder mit Waffen todgeschlagen zu werden, welche nicht von der angeblich so heißen Liebe für Wahrheit und vom angeblich freien Geiste der Wissenschaft geschliffen sind. Dagegen werden Protestanten, welche sich in Staat, Wissenschaft und Kunst die höchsten Verdienste erworben, um mißliebiger Ansichten willen von Katholiken oft in einer Weise behandelt, in welcher kein Fünklein menschlicher Billigkeit und christlicher Liebe zu entdecken übrig bleibt.
Zuletzt haben Protestanten und Katholiken, welche sich damit abgeben, der unsittlichen Unterhaltungsliteratur eine christliche entgegenzusetzen, noch mit dem verdorbenen Geschmacke und der Verkehrtheit der Lesewelt zu kämpfen. Um sich von dem verdorbenen Geschmacke zu überzeugen, darf man nur in die nächste beste Leihbibliothek gehen. Welche Bücher am meisten gelesen werden, habe ich hundertfältig mit eigenen Augen gesehen und eigenen Ohren gehört.
Sauber und wohlerhalten stehen die Werke classischer Schriftsteller aller Völker, die deutschen nicht ausgenommen, in den Schränken und selten bekümmert sich ein Leser um dieselben. Ich könnte einen Leihbibliothekar in einer schon bedeutenden Stadt nennen, welcher Göthe's Werke sechs Jahre im Laden hatte und dann verkaufte, weil während der ganzen Zeit auch nicht Ein Leser Eines derselben abgeholt hatte. Englische und amerikanische Schriftsteller werden zwar ziemlich gelesen, ebenso unsere guten Romanenschreiber und noch mehr unsere Tendenzbären, allein reißend gehen die neuern und neuesten Franzosen, noch reißender die einfältigsten, geistlosesten Ritter-, Räuber-, Gespensterromane und herzbrechende Helden der verschollen geglaubten sentimentalen Zeit und am reißendsten bei _allen_ Klassen des Volkes--schmutzige Geschichten ab.
Man darf nur Bücher, deren Decke von Schmutz glänzt und deren Blätter von der Unschuldsfarbe bereits keine Spur mehr zeigen, heraussuchen und dann fast sicher sein, aus diesem Liebling des Publikums einen Menschen herausreden zu hören, der mit Paul de Kok, Casanova und Andern dieses Gelichters frappante Ähnlichkeit hat.
Die traurigen Folgen derartigen Geschmackes werden in diesen Zuchthausgeschichten zum Theil am "Duckmäuser" offenbar und zwar weder historisch unwahr noch übertrieben, denn der gute Duckmäuser ist nichts weniger als ein erdichteter Charakter und dessen Geschichte nichts weniger als eine erdichtete Geschichte, was nicht nur schwarz auf weiß sondern mündlich von ihm selbst wie vom alten "Paule" und den meisten in diesen Geschichten vorkommenden Persönlichkeiten, ich möchte sagen bereits von Allen, die noch leben oder nicht nach Amerika auswanderten, bewiesen werden könnte.
Aus der Wirklichkeit ist der ganze Inhalt dieser Schrift geschöpft und der Idealisirung absichtlich nur der allernothwendigste Spielraum gelassen. Die platte, gemeinste Wirklichkeit eines Zuchthauses zu schildern ist zwar unmöglich und glücklicherweise auch unnöthig, allein wer nicht blos unterhalten, sondern noch mehr belehren möchte und bei der Belehrung eine bestimmte Absicht verfolgt, darf und kann nicht so Vieles vertuschen und verschönern, als er von Herzen gern wünschte, weil die Objektivität darunter zu große Noth litte.
Einen ästhetischen Maßstab an vorliegende Schrift legen, hieße den Zweck derselben gänzlich verkennen, denn dieser ist ein durch und durch praktischer.
Er ist auch zugleich ein zwiefacher.
Erstens nämlich soll diese Schrift ein Scherflein dazu beitragen, die Einsicht in die Schäden und Wunden unseres süddeutschen Volkslebens und unserer gesellschaftlichen Zustände zu vermehren und dahin zu weisen, woher gründliche Heilung einzig und allein zu kommen vermag.
Ich habe meine eigene Zuchthausgeschichte im Interesse der positiven Religion so offen und ehrlich erzählt, daß ich nicht fürchte, dereinst am Gerichtstage Gottes darob zu Schanden zu werden und gerade weil meine Selbstliebe sich dagegen sträubte, daß ich der Welt mein Innerstes bloß lege, habe ich mich eher zu schlecht als zu gut gemacht.
Durch die Geschichte gemeiner Verbrecher werden die Wege zum Zuchthaus und dadurch aber auch der einzig richtige Weg zum zeitlichen und ewigen Glücke offenbar, die finstern Mächte des Erdenlebens enthüllt, die verklärten Gestalten des Himmels verherrlichet.
Langsam und allmählig wächst der Mensch im Guten, rascher und reicher im Bösen. Mag die That eines Verbrechens den Mitmenschen noch so auffallend und vereinzelt erscheinen, dieselbe ist doch nur die Frucht eines längere Zeit fortschleichenden und wachsenden innern Verderbnisses und beweist eindringlich, wie klein der Schritt vom Lasterhaften zum Verbrecher sei und damit der Unterschied zwischen zahllosen Freien und den meisten Gefangenen.
Ich brauche dem Leser wohl nicht im Einzelnen nachzuweisen, welchen Einfluß die positive Religion auf das Leben ausübe. Wer die Geschichte irgend eines untergegangenen Volkes der Erde vom Anfange bis zu den Endpunkten recht begreifen will, muß sich vor Allem in die religiöse Anschauung desselben vertiefen, denn in dieser wurzelt die Gestaltung der Lebenszustände. Christi Welt- und Menschheitsreligion hätte ohne Einfluß auf das Leben die Welt schwerlich umgestaltet, übt fortwährend mächtigen Einfluß auf Politik und Völkerleben und sogar auf die Nationalökonomie, wie der ungläubigste Nationalökonom bei den wohlhabenden und betriebsamen Quäkern finden könnte.
Der Leser weiß auch mindestens im Allgemeinen, daß Mangel an religiöser Erziehung und noch mehr an Belebung, steigende Genußsucht im Kampfe mit steigender Armuth und Verdienstlosigkeit die Quellen der meisten Verbrechen sind und ich erlaube mir nur Eine Bemerkung.
Viele Sträflinge haben Väter, deren Namen in keinem Taufbuche zu finden und fast bei allen gemeinen und wohl auch bei vielen politischen Verbrechern habe ich eine merkwürdige Lockerung der Familienbande und Zerrüttung der Familienverhältnisse in verschiedener Weise wahrgenommen.
Auflösung und Zerstörung des Familienlebens--dieses Idol hirnloser Utopier--führt Einzelne dem Zuchthause und Völker dem raschen Untergange entgegen und wo Hurerei und Ehebruch als verzeihliche Schwachheiten betrachtet werden, was bei uns häufig der Fall zu sein pflegt, läßt sich von der Zukunft nicht allzuviel Tröstliches erwarten und Büreaukraten und Polizeimänner sind hierin auch wunderliche Volksdoktoren.
Noch weit wunderlicher sind aber hierin viele Erzieher und Mütter und gleichen dem Vogel Strauß, der den Kopf in den Sand steckt, um den Feind nicht zu sehen, der ihn oder seine Jungen zerfleischen will.
Ich finde einen Mangel sehr vieler katholischer Unterhaltungsschriften darin, daß sich die Gestalten derselben weit eher im Himmel und in der Hölle, als auf der Erde und in der lebendigen Wirklichkeit herumbewegen. Man mag sich in einer erdichteten Idealwelt sehr gut gefallen und süße Thränen der Rührung und Freude weinen, aber ich habe in meiner Jugend auch erfahren, daß viele Bücher den unerfahrenen Leser zu sehr in die Idealwelt hineingewöhnen, dadurch die Bekanntschaft mit der wirklichen bedeutend erschweren und es Jedem überlassen, oft mit großen Gefahren und Unkosten mit derselben näher bekannt zu werden. Lauter schneeweiße Tugendhelden und rabenschwarze Lastermenschen, überglückliche Christen und unglückselige Unchristen, lauter verklärte fromme Priester und ganz abscheuliche Gegner derselben--dies Alles ist etwas Unwirkliches, Einseitiges und hat schlimme Folgen, weil der junge Leser den Maßstab der gewonnenen Ideale an die Gestalten des wirklichen Lebens legt, nichts davon weiß, daß die meisten Menschen für den Himmel zu schlecht und für die Hölle zu gut und niemals fertige sondern immerfort werdende und sich entwickelnde Geschöpfe seien und sehr leicht mit der Wirklichkeit, Gott, Welt und sich selbst zerfällt, weil er _zuviel_ von den Menschen verlangt.
Ich für meine Person halte blutwenig vom Nutzen derartiger Unterhaltungs- und Controversschriften, meine, der Schriftsteller sollte Stoff und Charaktere aus der Alltagswelt schöpfen und besonders in Jugendschriften Alles eher zu wenig als zuviel in übernatürliche Höhe schrauben und darnach streben, den Leser nicht der Wirklichkeit zu entfremden, in der er doch einmal leben muß, sondern mit derselben zu befreunden, keck auf alle Schatten- und Lichtseiten eingehen, damit man sich in derselben leichter zurecht finde und alle trüben und hellen und dämmerungsreichen Erscheinungen des Lebens im Lichte der Idee zeigen, damit man nicht eitel Unwahrheit darin sehe und sich gegen dasselbe kehre.
Man braucht die Gestalten des Himmels und gute Menschen nicht in eine erträumte Idealwelt hineinzubannen, denn beide sind auf der Erde aufzufinden; die Gestalten des Himmels wirken hienieden unsichtbar Sichtbares genug, an guten Menschen ist auch heutzutage noch kein Mangel und den Mittelschlag zwischen Guten und Bösen sollte man um so weniger vergessen, weil derselbe im Leben die ungeheure Mehrzahl bildet.
Eines der größten, folgenschwersten und leider allgemeinsten Laster ist die Unkeuschheit und das Schlimmste dabei, daß weder auf der Kanzel noch in Büchern, welche auf christlichen Geist Anspruch machen, von dieser Hydra des Menschengeschlechtes die Rede sein soll. Einem zu weit getriebenen Anstande und einer falschen Schaam wird die ächte Delikatesse und wahre Schaam vieler tausend jungen Seelen geopfert.
Schon Rousseau hat diese verderbenbringende Schönthuerei als Anlaß vieles Bösen und großen Unglückes mit Recht verdammt. Papa lächelt und schweigt, Mama lacht und schilt bei gewissen naiven Fragen des Kindes, auf welche geistliche und weltliche Lehrer keine oder doch keine genügende Antwort ertheilen. Allein das Kind vergißt die Frage nicht mehr, weil der erwachende Trieb es an dieselbe mahnt, es gibt größere und minder gut geartete und wohlerzogene Kinder, gibt furchtbar gewissenlose Dienstboten, gibt Gelegenheiten zu Sünden und nur zu oft springt der junge Mensch der reizenden Sünde lächelnd in die Arme, weil er sie nicht und noch weniger deren Nachwehen genügend kennen gelernt hat.
Genügend? Wo gibt es einen Schutz gegen sittenlose Unterhaltungsschriften und medizinische Bücher? Ich weiß, daß wir in großen Wörterbüchern stundenlang nach gewissen Ausdrücken suchten und gewisse Stellen heidnischer Dichter auswendig wußten, ohne daß der Lehrer darnach je fragte.
Man kann zu sehr hinter dem Berge halten und dadurch wahrhaft gewissenlos an den eigenen Kindern handeln, zumal keine Sünde dem Menschen näher liegt, keine mehr reizt und scheinbar befriediget, keine so rasch und leicht dem leiblichen und geistigen Verderben entgegenführt und betrübtere Folgen für das spätere Leben nach sich zieht, als gerade diejenige, von welcher Eltern, Lehrer und christliche Bücher am allerunliebsten reden, am liebsten schweigen.
Unsere Jugend liest im Ganzen zehnmal mehr als sie zu verdauen vermag und meistens unterhaltende Bücher. Christliche Unterhaltungsschriften schonen das heillose Vorurtheil der Menschen, doch die Zahl unchristlicher Romane, welche das Laster der Unkeuschheit lieber ausmalen und verherrlichen, als andeuten und die traurigen, schrecklichen Folgen desselben schildern, heißt Legion und nicht christliche, sondern unchristliche und sittenlose Bücher sind das Lieblingsfutter der jungen Lesewelt. Es ist mißlich und schwierig, hier etwas Gutes zu leisten.
Natürlicherweise kommt in Zuchthäusern hinsichtlich des sechsten Gebotes Vieles vor, was man in einer nicht sowohl für Gefängnißkundige als für das größere Publikum bestimmten Schrift nur ungemein gemildert auftischen oder durchaus weglassen muß und eine der größten Schwierigkeiten hinsichtlich dieser Zuchthausgeschichten lag für mich darin, einerseits der objectiven Wahrheit und anderseits dem sittlichen Gefühle nicht allzunahe zu treten.
Schon die äußere Rücksicht auf meinen hochverehrten Gönner, den Herrn Professor Stolz mußte mich vorsichtig machen, damit ich durch die im Interesse einer großen Sache nothwendige Profanirung des Kultus und der geschlechtlichen Verhältnisse keinen Anlaß zu gegründeten Beschwerden gebe.
Der zweite Zweck dieser Schrift berührt das _Gefängnißwesen_.
In diesem Fache können Männer aller religiösen und politischen Farben ein ruhiges und vernünftiges Wort reden und eine beim Volke ebenso unbeachtete, als wichtige Frage der Zeit entscheiden helfen.
Weil ich nicht die Ehre habe, Rechtsgelehrter oder Gefängnißbeamter zu sein, erscheine ich als vollkommen Unpartheiischer und weil ich die Unehre hatte, volle 33 Monate ein Gefangener zu sein, wird es wohl als keine Anmaßung erscheinen, wenn ich Gelehrten von Fach ein klein bischen ins Handwerk pfusche.
Ich habe lange genug unter Sträflingen gelebt, um die unverbesserlichen Grundfehler des Zusammenlebens derselben ausfindig zu machen und fast lange genug in der Zelle, um die Lichtseiten und Schattenseiten des pennsylvanischen Systems an sich und in seiner bisherigen Durchführung kennen zu lernen. Ich versäumte auch nicht, die Jahrbücher von Julius und Varrentrapp und die Schriften berühmter Anhänger der verschiedenen Gefängnißsysteme sammt denen ihrer Gegner zu lesen, habe sogar Ritter Apperts zahlreiche Geisteserzeugnisse, bei denen der Erfolg das Merkwürdigste bleibt, verschlungen und dadurch mindestens die Ueberzeugung gewonnen, daß auch im Gefängnißwesen eine 33jährige Erfahrung die Augen selbst einem Franzosen nicht mehr öffnet, wenn derselbe alltägliche Vorurtheile gegen ein System einmal eingesogen und öffentlich als berechtigte anerkannt hat oder gar, mit einem selbstfabrizirten Systemchen schwanger gehend, in schweren, langjährigen und immer fruchtlosen Geburtsnöthen in der weiten Welt herumkutschirt.
Weil die Gefängnißfrage eine der wichtigsten Fragen der Staatsverwaltung und Rechtspflege ist, so habe ich mich keineswegs mit meinen persönlichen Erfahrungen und dem Lesen zahlreicher Schriften über Gefängnißwesen begnügt, sondern namentlich auch bedacht, daß mich die aufrichtige und bleibende Hochachtung und Liebe, welche ich den geistlichen und weltlichen Beamten des Bruchsaler Zellengefängnisses zollen muß, leicht mit einseitiger Vorliebe für das Isolirsystem erfüllen und unmerklichen Einfluß auf meine Ueberzeugung ausüben könnte.
Noch selbst Gefangener habe ich mit Manchem geredet, welcher das Zellenleben früher durchgemacht hatte und nach meiner Begnadigung redlich gestrebt, Urtheile der Zellenbewohner zu vernehmen und Entlassene zu beobachten und zwar beides bei Leuten, welche gemeine Verbrechen begangen, theilweise die einsame sammt der gemeinsamen Haft gekostet hatten und sehr verschiedenen Ständen, Bildungsstufen und religiösen Bekenntnissen angehörten.
Was ich bereits in der Zelle war, bin ich bis zur Stunde geblieben, nämlich ein Anhänger der allerdings harten und je nach Umständen gefährlichen, doch bei sachgemäßer Durchführung für die Gesellschaft höchst segensreichen einsamen Haft.
Die gemeinsame Haft erfüllt ihre Aufgabe hinsichtlich der Strafzwecke der Sühne, Abschreckung und besonders der Besserung nur halb oder gar nicht. Warum?
Richten wir das Augenmerk zunächst auf den Strafzweck der _Besserung_, so muß ich mich vor Allem gegen jenen sehr zeitgemäßen, aber auch sehr oberflächlichen Begriff von Besserung verwahren, der bis zur Stunde gang und gäbe ist und bei Rechtsgelehrten in Folge der bisherigen Entwicklung ihrer Wissenschaft bis nächsten Frühling wohl noch nicht aufgegeben sein wird.
Laut diesem Begriffe besteht die Besserung des Sträflings darin, daß derselbe in der Strafanstalt recht fleißig arbeitet und die Hausordnung befolgt, nach der Entlassung aber nicht mehr zurückkehrt.
Nun ist fleißiges Arbeiten und gesetzmäßiges Verhalten während und nach der Gefangenschaft _möglicherweise_ ein Zeichen von Besserung, eben so gut aber auch keines, denn Arbeitsamkeit kann Folge der Gewohnheit, Noth, des Ehrgeizes, der Geldliebe und vieler anderer Dinge sein, welche mit der Besserung nichts gemein haben und die Zahl jener Menschen, welche beim Austritt aus der Strafanstalt sich vornehmen, keineswegs gesetzlich zu leben, dem Amtmann wiederum in die Haare zu gerathen und möglichst bald zu den augenarmen Zuchthaussuppen zurückzukehren, ist wohl äußerst gering.
Alles dies könnte den Rechtsgelehrten gleichgültig sein, wenn man im Staatsleben nur nicht innerhalb der gesetzlichen Schranken ein grundschlechter Kerl sein und der menschlichen Gesellschaft durch Ausübung von mancherlei Lastern hundertmal mehr in Einem Jahre zu schaden vermöchte, als etwa ein alter Zuchthausbruder durch seine kleinen Diebstähle während seiner ganzen Spitzbubenlaufbahn geschadet hat.
Diese unläugbare Thatsache läßt den Begriff, welchen die Rechtsgelehrten mit den meisten Gefängnißbeamten von der Besserung haben, in seiner völligen Armuth und Bedeutungslosigkeit erscheinen, insofern von einem _Nutzen_ für die menschliche Gesellschaft die Rede sein soll.