Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling Erster Theil
Chapter 4
Ich meinte es aufrichtig mit der Gewissensfreiheit, glaubte, die "moderne" Kirche werde als verwesender Leichnam schon von selbst mit ihrem Herrn, dem Staate, zusammenfallen und redete für die Priester, weil sie auch "Bürger" waren und sich ruhig verhielten.
Es kamen ernste Augenblicke genug, welche mir Gedanken an Gott und Ewigkeit erweckten und ich erlebte Dinge, welche gleich leuchtenden Blitzen die wilde Nacht meines Innern erleuchteten.
Zumeist in Heidelberg hatten mich Protestanten die katholische Kirche als welthistorische Erscheinung achten gelehrt, während der Revolution wurde ich durch Thatsachen an die Existenz eines persönlichen Gottes gemahnt und erhielt neben zahlreichen Beweisen von der gewaltigen Macht des Unglaubens auch solche von der Macht des Glaubens.
Das friedlichere Landleben gab mir Sehnsucht nach Ruhe und Frieden und weil ich die Wahrheit des Christenthums bereits für eine mögliche hielt, mußten meine Zöglinge Religionsunterricht und Kirche fleißig besuchen, ich sprach bei ihnen so wenig gegen, als für die positive Religion und manchmal machten mich die naiven Fragen der Kinder nachdenklich.
Zeitgemäße Philosophie, zeitgemäße Geschichtschreibung, daraus folgende zeitgemäße Anschauung des Lebens hatten meinem Unglauben Form und Ausdruck gegeben, die Seele desselben war mein souveräner Hochmuth, allein während der Revolution redeten Thatsachen mit unläugbarer, zweifelloser Macht gegen meinen Unglauben und erschütterten die Zuversichtlichkeit desselben. Das Lesen republikanischer Zeitungen mag die innerlich beginnende Reaction aufgehalten haben.
An Weihnachten 1848 besuchte ich den mitternächtlichen Gottesdienst in der Klosterkirche zu Rheinau und nahm einige meiner Zöglinge mit mir. Voll und tief zitterten die Glockenklänge durch die eiskalte, sternenhelle Mitternacht, ich hörte die Kinder voll naiven Glaubens vom Heile dieser Nacht plaudern, dachte wehmüthig an die Zeit meiner eigenen Kindheit und verzweifelnd an einige Verse aus Göthes Faust. Verstimmt legte ich den etwas langen Weg zurück, sandte die Kinder zur Kirche, ich selbst ging in ein Wirthshaus. Doch der Wein war schlecht, die Gäste leerten die Stube, ich folgte denselben. Dieser Gottesdienst hat einen wunderbaren Eindruck auf mich gemacht, ich hätte laut aufschreien mögen und zum erstenmale nach langen Jahren riß mich ein Gottesdienst zum Gebete hin, ohne daß ich zeitliche Dinge erflehte. Lediglich die Neugierde hatte mich in diese Klosterkirche geführt, den unvergeßlichen Eindruck, welchen ich mit mir hinausnehmen würde, hatte ich nicht geahnt.
Wie entfremdet ich dem katholischen Cultus gewesen, mag die Thatsache lehren, daß ich nach Beendigung des Hochamtes und beim Beginne der einzelnen Messen trotz dem Fortgehen vieler, besonders entfernt wohnender Kirchengänger stehen blieb und mich von meinen harrenden Begleitern aufsuchen ließ, denn ich Armer erwartete die Rückkehr des Prälaten mit seinem Gefolge aus der Sacristei, dann den Gesang der Botschaft: Christus ist erstanden--und neuen vermehrten Jubel der Kirchenmusik.
Innere Vorgänge mögen auf mein politisches Verhalten bis zum Maiaufstande und während desselben vielen Einfluß ausgeübt haben, sicher bleibt, daß die theilweise schrecklichen Auftritte, welche ich mit ansah, besonders das Elend des Rückzuges einen unauslöschlichen Eindruck auf mich machte.
Gott verblendete mich, daß ich in kurzsichtigem, thörichtem Glauben, gar nicht oder nur wenig bestraft zu werden, am Ende des Aufstandes in Deutschland blieb.
In der Kriegsgefangenschaft kam ich mit Neff zusammen, der am 8. August 1849 standrechtlich erschossen wurde. Er war mein Jugendfreund und ursprünglich ein edler Mensch, bei welchem der Kopf leicht mit dem Herzen davon lief und dessen Vaterlandsliebe Struve und die Revolution zum wahnsinnigen Fanatismus gesteigert haben. Die Rolle, in welche er hineingeredet und hineingetrieben wurde, paßte nicht für ihn, das Todesurtheil erschütterte ihn, weil er eine alte Mutter und eine Braut hatte, doch sammelte er sich wieder und starb in gutem Glauben, etwas für die Menschheit Ersprießliches gethan zu haben.
Sein Tod mahnte mich fortwährend an das Jenseits, meine Umgebung an den Jammer und das Elend dieser Erde, der rasche Umschwung der Dinge außerhalb der Kerkermauern an die Charakterlosigkeit der Menschen und an das Nichts der Volksgunst, um welche ich selbst so eifrig gebuhlt.
An Gefangenschaft und Zertrümmerung des selbstgebildeten Lebensplanes lag mir wenig, die Aussicht auf das Zuchthaus machte mich aber beben.
Gott bestrafte den Hochmuth der Revolution im Großen, an mir im Kleinen. Acht Jahre Festung würden mich bei weitem nicht so erschüttert haben, wie acht Jahre Zuchthaus, die Richter trafen damit meinen Stolz noch weit mehr als meine Schuld.
Das Fundament meiner gewöhnten Sittlichkeit bildeten jene Begriffe von Ehre, welche in der Achtung vor der Menschheit und im Selbstgefühle des Gebildeten wurzeln, die Achtung der Zeitgenossen und noch mehr der kommenden Geschlechter als das Höchste des Lebens erscheinen lassen.
War diese Sittlichkeit bereits während der Revolution in Partheileidenschaft schiffbrüchig geworden, so bot sie beim Eintritte in das Zuchthaus vollends keinen Halt mehr. Am lebhaftesten fühlte ich dies in der ersten Nacht, die ich als Sträfling im einsamen Vorarreste zubrachte; ich glaube die Geburtswehen eines neuen Menschen in mir durchgemacht zu haben und habe ich in meinem Leben jemals im Gefühle meiner Ohnmacht um Gottes Schutz und Erleuchtung von Oben inbrünstig gefleht, so geschah es damals.
Die Zuchthausstrafe war die Pferdekur, welche der erbarmende Gott bei mir anwenden mußte, wenn ich nicht zeitlich und ewig verloren gehen sollte.
Voll Einbildung auf meine ganz absonderliche Gescheidheit und Scharfsinnigkeit hatte ich mich auf eine höchst tölpelhafte Weise den Gerichten selbst in die Hände geliefert und den Richtern nicht nur die nöthigen Waffen der Wahrheit, sondern noch ganz unnöthige meines souveränen Hochmuthes gegeben; voll von Träumen eines weitausschauenden Ehrgeizes, von hohen Ehren und in ferne Zeiten hinüberwallenden Weihrauchwolken, aß ich jetzt mit Räubern an Einem Tische und Nachts flüsterten mir Mörder die schauerlichen Geheimnisse ihres Lebens und gar oft ihrer Verworfenheit in die Ohren; voll armseligen Dünkels auf ein bischen Bücherkram mußte ich nunmehr mit den rohesten, unwissendsten Söhnen des Volkes mich abgeben und bald diesem bald jenem als eine Art Knecht unterthan sein; sehr freigebig mit Versprechungen gegen blutarme Angehörige, die alle Hoffnungen auf mich gesetzt, glaubte ich mindestens die Vorwürfe dieser in meinen Kerker hereintönen zu hören und so gleichgültig mir die Achtung oder Verachtung politischer Partheimänner wurde, so sehr kränkte mich doch das ungünstige Licht, in welches ich während der Revolution und jetzt gar als Graukittel bei manchem redlichen und einflußreichen "Aristokraten" gekommen, der mich einst geliebt, geachtet, in dieser oder jener Weise unterstützt und mir oft genug auch den Kamm wachsen gemacht hatte. Von den übrigen Leiden der Gefangenschaft mag sich der Leser dieser Zuchthausgeschichten leicht eine Vorstellung später bilden und weil ich einerseits nicht so unsinnig war, an Erlösung in Folge des Ausbruches einer neuen Revolution, anderseits unsinnig genug, an ein achtjähriges Zuchthausleben ernstlich zu denken, sah ich statt einer erträumten Apotheose schließlich einen nackten Leichnam auf dem fürchterlichen Brette der Anatomie, mein Skelett in irgend einer Nische eines anatomischen Museums neben den Hölzerlipsen und Schinderhansen und im günstigsten Falle mein vergeßnes Grab in einem Kirchhofwinkel.
Viel zu stolz, um zu klagen oder zu murren, schickte ich mich äußerlich ganz vortrefflich in meine Lage, doch während der Mund lachte und spottete, blutete das Herz und zog sich bald in hoffnungsloser Trauer, bald in wildem Ingrimme zusammen.
Viele Wassertropfen hölen den härtesten Stein, viele Zuchthausnächte allmählig das stärkste Mannesherz aus, besonders wenn die Stärke desselben in Hochmuth beruht.
Durch die redende Macht der Thatsachen des Alltagslebens war ich zum Unglauben vorbereitet, durch das Studium der zeitgemäßen Philosophie und Geschichtschreibung der Unglaube meine Ueberzeugung geworden; auf ähnliche Weise wurde ich in die Arme des Glaubens zurückgeführt.
Pantheismus und dessen reiferer Bruder Atheismus lassen Gott und die Idee der Zweckmäßigkeit fallen, in ihrer scheinbar oft reichen und wirklich sehr dürftigen Weltanschauung ist das Sein Alles, die letzten Gründe des Seins gelten bei ersterm wenig, bei letzterm gar nichts; der erstere verläugnet Alles, was nicht in sein Spinnengewebe taugt und findet für die auffallendsten, wunderbarsten Ereignisse der Geschichte und Thatsachen des alltäglichen Lebens höchstens natürliche Gründe, letzterer nimmt alles, wie es ist, verzichtet auf die Erklärung des letzten Warum und müßte folgerichtig aller Philosophie und allem Denken überhaupt den Todesschein schreiben. Mich hat das Studium ganz verschiedenartig denkender und deßhalb auch verschiedenartig darstellender Geschichtsschreiber immer verhindert, einer philosophischen Schule ausschließlich und lange zu huldigen und niemals konnte ich es über mich bringen, die leitenden Gesetze, welche Astronomie, Geschichte und Naturwissenschaften insbesondere täglich evidenter zu Tage fördern, als an sich selbstständige oder als Ausflüsse einer blinden, willenlosen Kraft zu betrachten.
Ich nannte mich in keinem philosophischen Systeme fest, Spinoza und vor Allem die Schelling'sche Naturphilosophie sagten mir am meisten zu, doch der Ausspruch Hamlets: es gibt viele Dinge zwischen Himmel und Erde, wovon sich die Philosophen nichts träumen lassen!--hielt mich in beständiger Unruhe und gegen den Fatalismus, in welchen ich mich hineinzulügen strebte, protestirte beständig das bewegliche Herz.
Die Geschichte ist eine großartige Apologie der Idee der Zweckmäßigkeit, das Unzweckmäßige, Böse wird mit all seinen Folgen wunderbar in den Dienst des Zweckmäßigen, Guten hineingezogen, bei aller Disharmonie und Gesetzlosigkeit im Einzelnen herrscht Harmonie und Gesetzmäßigkeit im Ganzen.
Weil jeder Mensch doch eine Welt im Kleinen ist, sollte dessen Geschichte nicht auch eine Weltgeschichte im Kleinen sein? Sollte die Idee der Zweckmäßigkeit nicht auch als rother Faden jedes individuelle Leben durchziehen, gleichviel ob der Mensch mehr zum Guten oder zum Bösen sich hinneige? Sollte keine höhere Macht durch das Leben und die Schicksale der Einzelnen wandeln und von ihm unabhängig dessen Thaten und Unthaten mit den Zwecken des Ganzen vereinbaren, denselben zu seinem eigenen Beglücker oder Henker werden lassen?--
Solche Fragen sind nichts weniger als neu, schon oft genug bejahend beantwortet worden, doch ich glaubte nicht an die Bejahung und wollte nicht daran glauben, weil ich Morgenluft der positiven Religionen, des Judenthums und des Katholizismus herauswitterte und ich längst gewohnt war, Juden und Katholiken auch nur als Schauspieler des welthistorischen Dramas zu betrachten, welche nach gut gespielter Rolle von der Bühne abziehen und Andern Platz machen. Jetzt bin ich überzeugt, jede möglichst umfassende und objektiv gehaltene Geschichte eines Einzelnen, selbst des unbedeutenden Menschen würde zu einer indirekten oder direkten Verteidigung der katholischen Weltanschauung und christlichen Moral. Wenn unter den Menschen mehr Vertrauen als berechnende Vorsicht, mehr Wahrheitsliebe als Selbstliebe herrschten, so daß Viele ihr ganzes Sein und Leben, ihre Schatten- und Lichtseiten, ihr Böses und Gutes den Mitmenschen blos legten, dann schwände das heillose Vorurtheil, als ob die positive Religion an sich keinen Einfluß auf das Leben ausübe; man würde klar erkennen, wie ein _persönlicher_ Gott strafend und lohnend durch jedes einzelne Menschenleben wandelt und daß der Ausspruch unseres Erlösers, wornach [wonach] ohne das Wissen Gottes kein Haar von unserm Haupte fällt, keine hingeworfene Redensart, sondern volle Wahrheit ist.--
Ohne die Revolution wäre ich vielleicht nie zur Religion gekommen. Mein Bücherhochmuth mußte zunächst durch Thatsachen gedemüthiget werden, die ich mit eigenen Ohren hörte und mit eigenen Augen sah und deren Ursachen ich auf eine übernatürliche Macht, auf einen persönlichen Willen zurückführen oder notgedrungen das Denken aufgeben mußte.
Fremde Schicksale, die ich genau kennen lernte und besondere Lebenslagen brachten mich zum Nachdenken über mein eigenes leichtsinniges und gottverlassenes Leben und wenn ich in meinem Stolze mich nicht als den solidesten, vortrefflichsten Burschen von der Welt, meine Fehltritte als verzeihliche Schwachheiten, meine heidnischen Gutthaten als nie oder selten erhörte Beweise großer, aufopfernder Tugend fortwährend betrachtet hätte, würde mir Gott vielleicht den grauen Kittel doch erspart haben.
Im Zuchthause hatte das Beisammensein mit schamlosen, schlechten Leuten und mit Unglücklichen der bessern Sorte für mich den Nutzen, daß ich die Schicksale Einzelner genau kennen lernte und hundert und aber hundert Geschichten vernahm, welche mich überzeugten, der Mangel an positivem Christenthum sei die erste Quelle des Unglücks aller Menschen.
Vom Nützlichkeitsprinzip der Zeit noch immer durchdrungen, vermochte ich nicht mehr zu verkennen, das Christenthum sei auch die wahre Nützlichkeitsreligion, der Ungläubige verkenne zunächst auch seine _wahren zeitlichen_ Vortheile.
Den Katholizismus als vollendetste Form des Christenthums längst betrachtend fand ich in Befolgung der Lehren desselben auch das Geheimniß des _zeitlichen_ Glückes, die einfachste und großartigste _Lösung der sozialen Aufgaben_.
Erzählungen gemeiner und politischer Verbrecher, an welche ich mich gleichmäßig anschloß, besondere Vorfälle, das Lesen guter Bücher, namentlich von Hirschers Erörterungen über die religiösen Fragen der Gegenwart, Unterredungen mit Geistlichen machten mich nachdenklich, die menschenfreundliche Behandlung von Seiten der Beamten und Aufseher entwaffnete meinen politischen Fanatismus, meine dennoch verzweifelnd bleibende Lage ließ das Bedürfniß eines höhern sittlichen Haltes nimmer einschlummern.
Gott schien mich an den Haaren zu Sich reißen zu wollen, im Zuchthause mußte ich gezwungen den gottesdienstlichen Uebungen fleißig anwohnen, Gott nahm mir einige wenige Freunde, welche mich besucht und getröstet hatten, indem ihr Beruf sie in die Ferne rief, endlich entriß Er mich den sehr bedeutenden Zerstreuungen, welche in der Sträflingsgesellschaft eine tiefe Verinnerlichung des Gemüthes arg erschweren und führte mich in eine Zelle nach Bruchsal.
Schon in Freiburg habe ich viel gebetet, sogar meine Sünden dem Zuchthauspfarrer aufrichtig gebeichtet, aber ich glaubte, Christus werde, wenn ein so seltener Gast wie ich Ihn mit einem Besuche beehre, mir wohl auch die kleine Gefälligkeit erweisen, und die Herren in Carlsruhe für meine Freilassung stimmen. Ich versprach Christo dagegen, meine Zöglinge, welche noch immer auf ihren alten Hauslehrer harrten, sich jedoch bei meinem längern Ausbleiben nach einem neuen nothgedrungen umsehen mußten, recht christlich und gottesfürchtig zu erziehen. Christus aber blieb gesonnen, zunächst mich selbst zu erziehen, bevor ich wieder der Erzieher Anderer würde, die Herren in Carlsruhe fanden sich vorläufig "in keiner Weise veranlaßt", auf meine Begnadigung anzutragen und dies bewirkte einen namhaften Rückfall in den alten Unglauben und politischen Fanatismus.
"Entweder liegt dem Erlöser wenig an den Seelen meiner verlassenen Zöglinge oder Er vermag nichts in Carlsruhe, weil Er einen bereits gebesserten und vortrefflichen Menschen meiner Art in der Zelle eines Zuchthauses stecken läßt", dachte ich, dachte geringer von Christus und mehr als gering von den Herren in Carlsruhe.
"Was liegt an mir, ob ich zeitlich und ewig zu Grunde gehe? Das lumpige Leben dauert nur Einen Augenblick, dann ists vorbei und hat mich Gott ungerecht auf Erden zappeln lassen, so mag er dann meinethalben auch Seinen Himmel für sich behalten. Gibt es eine Hölle, dann ist sie schwerlich heißer als ein pennsylvanisches Gefängniß und finde vornehme Kameradschaft genug darin. Zunächst will ich den geistlichen und weltlichen Beamten sammt den Aufsehern durch keine Klage Freude bereiten, will meine Lage nicht unklug verschlimmern und ihnen zeigen, was für ein grundsatzfester Mann in einem Freischärler und in einer Sträflingsjacke zu stecken vermag!" So dachte ich in schlimmen Stunden und redete mich beim Anblick der an der Wand hängenden Hausordnung und des Himmels, der durch das Kerkergitter gleichgültig hereinschaute, in stoischen Gleichmuth hinein.
Doch in der Einsamkeit gedeiht der Stoicismus bei einem achtjährigen und sich schuldlos dünkenden Gefangenen nicht gut.
Die Einsamkeit hielt eindringliche, furchtbare Reden an mich, der alte Mensch fing mit dem neuen in mir immer ärgere Händel an, ich verbrachte meine freie Zeit mit Lesen und Zeichnen, dachte unter Tags und in der Nacht an mich, suchte die Räthsel meines Schicksales zu lösen und wurde täglich mehr überzeugt, welcher Bursche ich eigentlich bisher gewesen und wie wenig es mein eigenes Verdienst sei, niemals eine an sich entehrende und des Zuchthauses würdige That begangen zu haben.
Noch weit mehr als früher entwaffnete ein taktvolles, menschenfreundliches Benehmen der Beamten und Aufseher, welche doch in meinen Augen Söldlinge der vernichtungswürdigen badischen Regierung waren, meinen politischen Fanatismus, in meinem Hausgeistlichen lernte ich einen sehr gebildeten Mann kennen, der vor meinem Bücherkram keineswegs verstummte und in ihm gleichzeitig einen Christen, wie ich bisher noch keinen kennen gelernt hatte.
Von der positiven Religion und der katholischen Kirche dachte ich bereits hoch, am Glauben an Vieles mangelte es mir nicht mehr, meine alte Wenigkeit wurde durch Gespräche, Bücher und Lebenslage aus den letzten Bollwerken des souveränen Hochmuthes herausgetrieben. Immer lebhafter erwachte in mir das Bedürfniß eines positiven Verhältnisses zu Gott und je mehr ich die Haltlosigkeit meines Wissens, Lebens und Strebens einsah, desto sehnsüchtiger wurde ich nach Wahrheit, erleuchtender, beseligender Wahrheit. Endlich hinkte ich, der souveräne Bürger und preiswürdige Märtyrer des Volkes, an einem Krückenstocke, von leiblichen Schmerzen gefoltert, elendiglich und von den Menschen verlassen im Zuchthause herum; der Schmerz machte mich oft wüthend und nach einiger Zeit begriff ich, der kleinste Heilige der katholischen Kirche sei doch ein tausendmal charakterfesterer und glücklicherer Mensch als ich gewesen.
Wiederum las ich Hirschers Erörterungen, Staudenmaiers Dogmatik, Stolzens Ewigkeitskalender und Legenden, englische und amerikanische Controversschriften und vieles Andere, schaute bereits mit ganz andern Augen als früher in diese Bücher hinein und wünschte, daß sie lauter Wahrheit, absolute Wahrheit enthalten möchten.
Ich sah ein, daß ohne den Glauben an den lebendig gewordenen Gottessohn alles Gerede von Christenthum eben ein Gerede, daß Christus der Mittelpunkt und Wendepunkt der natürlichen und übernatürlichen Welt, des Diesseits und Jenseits sei, die katholische Kirche aber der in der Zeitlichkeit zurückgebliebene Christus.
"Wer die göttliche Dreieinigkeit zugibt, mag Satz für Satz und Schluß für Schluß die göttliche Wahrheit des Christenthums darthun. Wer einmal fest an Christum glaubt, muß nothwendig auf den Katholizismus verfallen, wenn er ein bischen gesunde Logik im Leibe hat. Das ist alles richtig, und glücklich wer in Christo den Urquell erleuchtender Wahrheit und beseligenden Lebens gefunden; aber Ein Gott in drei Personen und ein Gottessohn, der auf Golgatha für die Sünden selbstgeschaffener Geschöpfe büßt, gleichsam als ob eine Weltordnung auszusühnen gewesen, welcher Christus, ein Gott, selbst unterthan, folglich wieder kein Gott, sondern ein Unterthan gewesen, das ist meinen Einsichten zu stark, ich kann es nicht recht glauben und wenn ich deßhalb verdammt werden sollte, so sähe ich darin lediglich eine neue Ungerechtigkeit Gottes. Der Glaube ist eine Gnade; Andere mögen diese Gnade erhalten haben, ich weiß nichts von solcher Begnadigung, folglich bin ich für meine Zweifel auch nicht verantwortlich!"
In dieser Weise redete ich einmal im Anfange des Jahres 1851 mit dem geistvollen, würdigen Zuchthauspfarrer und dachte: "Gelt, Theologe, der Freischärler schlägt dich doch noch aus dem Felde; du verstehst mehr als ein Dutzend anderer Pfarrer im Lande und bist zudem bei allem Christenthum ein vorherrschender Verstandesmensch, ein Mathematiker, aber mich soll kein katholischer Pfarrer durch Ueberzeugung von meinem Mangel an gründlichem Wissen und ernstem Denken bekehren!"
Der Geistliche war ein ordentlicher Gedankenerrather, lächelte in seiner besondern Weise und fragte ruhig:
"Haben Sie denn jemals an Christum den Gottessohn glauben _wollen?_"
"Gewiß, denn ich will Wahrheit, womöglich absolute Wahrheit und wenn Christus diese absolute, fleischgewordene Wahrheit ist, will ich gern die Gnade des Glaubens an Ihn ergreifen. Mein Wille ist gut, aber Gott achtet nicht darauf!"
"Haben Sie denn diesen guten Willen schon _bethätiget_?"
"Ei, habe ich nicht einen Heißhunger nach theologischen Schriften? Vergleiche ich nicht während der Arbeit die Aussagen der Katholiken mit denen der Protestanten, die Aussagen dieser mit denen der Philosophen und anderer Ketzer?"
"Dies ist Etwas, aber nicht genug. Alles Bücherwissen gibt Ihnen höchstens Vorbereitung auf den Christenglauben, nicht diesen selbst, denn er ist eine Gnade!--Sie haben noch einen andern Weg zu betreten, der zur Wahrheit führt und von welchem die wenigsten sogenannten Wahrheitsfreunde Etwas wissen _wollen_, wenn sie auch die Unzulänglichkeit des menschlichen und eignen Wissens einsehen und zugeben!"
"Sie meinen das Gebet, Herr Pfarrer, nicht wahr? Viele Menschen haben behauptet und behaupten noch, durch Gebet zur Wahrheit gelangt zu sein. Wer die Wahrheit ernstlich will, durch alles Denken und Studiren nicht zu ihr gelangt, der _muß_ den Weg des Gebetes betreten, wenn er auch nicht einmal an Gott glauben sollte. Ich _habe_ gebetet, jedoch nicht um die Gnade des Glaubens, sondern um volle Wahrheit und Gewißheit in göttlichen Dingen."
"Und zweifeln noch an dem Gottessohn?"
"Allerdings!"
"Gut, fahren Sie nur mit Studiren und mit Beten fort, beten Sie mit aller Inbrunst, deren Sie fähig sind, nicht um die Gnade des Glaubens an den Gottessohn, sondern in Demuth um Wahrheit, befriedigende und dadurch auch beseligende Wahrheit allein. Wer um Gnade bittet, bekommt sie; glaubenslose Menschen _wollen_ nicht darum bitten, _wollen_ den vornehmen Weg zur Wahrheit nicht betreten, wenn sie denselben auch längst vom Hörensagen kennen. Im bösen Willen allein liegt das Verdammungsurtheil der zahllosen Namenchristen!"
Mir war es ernstlich um Wahrheit zu thun, deshalb flehte ich auch ernstlich um sie und die Wahrheit ist mir in Jesu Christo kund geworden. Eine neue Erde, eine neue Geschichte der Menschheit, ein neuer Himmel eröffnete sich mir in einer kleinen Zelle des neuen Männerzuchthauses zu Bruchsal.
Ich habe aufgehört, Christum lediglich als einen großen Mann, die Kirche Christi als vorübergehende Erscheinung im geschichtlichen Entwicklungsprozesse zu betrachten, eine Ansicht, aus welcher zahllose, beklagenswerthe und sehr folgenschwere Irrthümer fließen.
Der positivkatholische Standpunkt ist der meinige geworden und ich habe offen und ehrlich dargethan, auf welche Weise ich zu ihm gelangte.
Damit ist meine Vorgeschichte zu diesen Zuchthausgeschichten einstweilen geschlossen und ich gehe zu letztern selbst über.