Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling Erster Theil

Chapter 3

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Geborner Katholik genoß ich als Kind eine strengkatholische Erziehung, doch schon im Knabenalter verlor sich der naive Glaube des Kindes zunächst in einem äußerlichen Gebahren, dann in Mangel an Verständniß der katholischen Religion, welcher in den Jünglingsjahren zur Gleichgültigkeit gegen alle positive Religion, endlich zur Verachtung derselben und zum Hasse gegen die eigene Kirche sich steigerte. Schicksale und Staatsschulen verbanden sich mit dem in mir liegenden und unruhig werdenden Keime des Bösen, um mir zuerst den lebendigen, dann den unlebendigen Glauben an Christum den Gottessohn zu rauben und endlich an die Stelle dieser allein beseligenden Wahrheit einen wechselnden Mischmasch der beweglichen Weisheit unserer Zeit zu setzen.

Ich beklagte den ungeheuern Verlust nicht, weil ich ihn nicht kannte und die Größe aller Folgen desselben so wenig als viele andere Jugendgenossen zu bemessen vermochte. Ich glaube während meiner ganzen Studienzeit kaum Einmal recht vorbereitet zur Beichte und würdig zum Tische des Herrn gegangen zu sein.

Nicht als ob die Vorbereitungsschulen zur Universität mich durch das Lesen klassischer Schriftsteller mit Vorliebe, _bewußter_ Vorliebe für das Heidenthum erfüllt hätten. Nein, ich fand nur drei vortreffliche Lehrer, welche mich und Andere durch elende Wortklauberei und sehr geistlose Conjunctivenjagd mit ihren alten Schriftstellern nicht tödtlich langweilten. Erst auf der Hochschule lehrte mich der ausgezeichnete Bruder des nicht minder ausgezeichneten und weit berühmteren Philosophen Feuerbach in die Weltanschauung und in das innere Leben der Alten hineinblicken. Ein mangelhafter Religionsunterricht brachte mich so weit, daß ich als 18jähriger Mensch die Artikel des Glaubensbekenntnisses nicht mehr wußte, die Mehrzahl anderer Lehrer trug dazu bei, mich in religiösen Dingen zu einer %tabula rasa% zu machen, welche ich instinktmäßig durch Lectüre vieler Klassiker des modernen Europa, deren wahrhaft inneres Verständniß mir auch noch nicht zuzumuthen war, von selbst auszufüllen strebte.

Kurz vor dem Bezuge der Hochschule lud mir Gott verschiedene Arten von Elend auf den Hals, gab mir den ersten und letzten eifrigen und leider zu spät kommenden Religionslehrer, den ich auf den Vorbereitungsschulen fand; ich war trotz meines Unglaubens ganz ernstlich gesonnen, ein Diener der Kirche zu werden. Der stets auch im Mangel an gründlichen Kenntnissen wurzelnde Geisteshochmuth gab mir und Andern damals den Gedanken ein, dereinst Reformatoren der Kirche unterstützen zu wollen, doch die Restauration in Freiburg, welche man "theologisches Convict" zu nennen beliebte, gefiel mir nicht, manche Gäste gefielen mir noch weit weniger, die tiefe Gelehrsamkeit eines Hug entmuthigte, die prinzipielle Entschiedenheit eines Staudenmaier, der meine Herzkäfer, die deutschen Klassiker und besonders das junge Deutschland in ihren tiefsten Abgründen enthüllte, empörte mich und die Philosophie eröffnete mir eine kaum geahnte Welt voll Licht, Klarheit und Seligkeit--des Scheines.

Ich entschied mich für gar kein bestimmtes Fach und studirte, als ob ich Rothschilds leiblicher Sohn wäre, während ich wochenlang keinen Knopf in der Tasche trug, hörte philosophische, juristische, philologische und theologische Vorlesungen und las die Schriften berühmter Theologen lediglich, um als tiefsinniger, strebsamer Kopf zugelten und den Mitstudirenden recht imponiren zu können.

Das rechte Verständniß theologischer Schriften setzt lebendigen Glauben voraus, dieser mangelte mir täglich mehr, deßhalb legte mir meine Eitelkeit Riesenarbeiten auf, aber ich übernahm dieselben, denn Geisteshochmuth wurde täglich mehr der Kern meines Wesens und Thuns, die Achtung meiner Lehrer und die Bewunderung meiner Mitschüler wurde Nektar und Ambrosia meines geistigen Lebens.

Armseliger, unglücklicher Mensch, der ich war!--

Hatte ich das Beichten schon auf den Vorschulen als leidiges, unnützes Geschäft betrachtet, so ließ ich die Glocken am Sonntage als Hochschüler gemüthlich brummen und ging höchstens in die Kirche, wenn eine hübsche Messe anzuhören oder gar ein Prediger sammt Predigt zu critisiren war. Im Collegium über Kirchengeschichte und in der Kneipe nahm ich für jeden Ketzer immer eifriger Parthei, wenn die Ketzerei nur auch ein Fünklein Geist in sich schloß und begriff täglich weniger, wie manche brave, gebildete, kenntnißreiche und theilweise sehr begüterte Bursche meiner Gesellschaft Theologen bleiben konnten, ohne vor Langweile zu sterben.

Unter solchen Umständen mußte Ronge mein Apostel werden.

Mit einem vor freudigbangen Erwartungen zitternden Herzen wohnte ich bei Konstanz dem "Concilium am Säubach" bei, sah den großen Reformator, hörte ihn, fand denselben sehr unbedeutend; sein College Dowiat kam mir als "anmaßender Schwung", mancher Deutschkatholik, der seit Jahren nicht einmal mehr die Augustinerkirche betreten hatte und jetzt gar andächtig mit gefalteten Händen zum Tische des Herrn Ronge ging, als ein Reinecke Fuchs vor--Heuchelei habe ich von jeher tödtlich gehaßt, meine Opposition gegen den Deutschkatholizismus war entschieden.

Ich blieb Katholik dem Namen nach, wurde geistig immer mehr zum Heiden und würde auch sittlich völlig verkommen sein, wenn ich ein minder ernstes Temperament, mehr Geld und vor allem weniger Ehrgeiz gehabt hätte.

Aller positiven Religion baar und ledig, in der letzten Zeit von Spinoza begeistert, kam ich nach Heidelberg. Der katholischen Kirche und deren Lebensäußerungen stand ich gegenüber wie ein junger, unerfahrener Reisender den Ruinen des Riesentempels von Karnak mit seinen unheimlichen Säulen und der wunderlich besternten lasurblauen Decke, der ein befremdendes Geräusch vernimmt, den Einsturz einer alten Säule, das Hervorbrechen eines dummwüthigen Raubthieres oder das Heranwinden einer giftigen jesuitischen Viper befürchtet.

In Heidelberg studirte ich unter Beihülfe der Hochschullehrer Schlosser, Häußer, Kortüm, Gervinus und Hagen namentlich Geschichte und diesen großentheils hochberühmten und mit Recht gefeierten Männern verdanke ich hinsichtlich meiner wissenschaftlichen Bildung sehr Vieles; der ausgezeichnete Philolog und unübertreffliche Menschenfreund Hofrath Bähr trug durch sein edles Benehmen gegen mich dazu noch bei, daß mein wankender Glaube an die Menschheit nicht vollends zertrümmerte.

Ich wußte Manches, vielleicht Vieles und die innere Leere sagte mir doch, daß ich nichts wüßte, nichts wäre als ein überflüssiges Atom in der Schöpfung, nichts besäße als ein gequältes Herz, dessen Sehnen ich damals noch nicht recht verstand. Es war eine trübe Zeit, ich arbeitete Tag und Nacht oft genug in der Absicht, mich durch Arbeiten aufzureiben.

Ich war geborner Katholik und kannte Christum nicht.

Ich suchte Prinzipien, leitende Fäden der Geschichte der Menschheit und der Einzelnen und solches Streben trug wohl Vieles zu einer eigenthümlichen Auffassung der geschichtlichen Vorträge gelehrter und geistvoller Protestanten bei.

Jetzt erst erschloß sich mir die großartige Weltanschauung der mittelalterlichen Kirche und ich lernte die staunenswürdigen Leistungen derselben für die barbarischen Völker Europas kennen, welche sich aus dem argen Wirrwarr der Völkerwanderung allmählig und langsam zu reinern, bessern, mildern Zuständen und nationaler Gliederung emporarbeiteten; die ewige Fehde zwischen Kaiser und Papst ward mir verständlich als der Doppelweg, auf welchem die Menschheit ihrer Bestimmung entgegenreiset und an dessen Ende feindliche Brüder mit versöhnter Liebe sich in die Arme sinken, während ihr gemeinsamer Vater den ewigen neuen Bund segnet; die Fehde zwischen Kaiser und Papst erschien mir als Kampf der Zeit mit der Ewigkeit, des Staates mit der Kirche und lös'te [löste] sich allmählig immer mehr in den Kampf zwischen Subjectivität und Autorität auf, in welchem wir noch befangen sind.

Der fast übermenschlich hohe Character einzelner Päpste erregte meine Bewunderung, die trostlosesten Zeiten der Kirche machten mich stutzig, weil nur ein Gott, ein persönlicher Gott, der für mich zum "großen Unbekannten" geworden, diese Kirche bei der gränzenlosen Verkommenheit der Menschen zu retten vermochte. Die feine, weitschauende und weltbewegende Politik des äußerlich so unscheinbaren und oft so schwer bedrängten römischen Hofes überzeugte mich, dieser Hof sei vor allen andern Höfen des Erdballs zu allen Zeiten an Genies und Characteren der reichste gewesen. Gleichzeitig mit Luther gewann der Jesuitenorden gerade wegen seiner tief begründeten und unversöhnlichen Feindschaft gegen das Prinzip der Subjectivität, wenn nicht meine Liebe, doch meine unwillkührliche Achtung und die Schilderung des bürgerlichen und politischen Lebens während des Mittelalters, des allmähligen Werdens und Wachsens der altrömischen und englischen Verfassungen war schon durch die redende Macht der Thatsachen sehr geeignet, mich gegen die bestehenden Zustände arg einzunehmen, wenn auch die Jahre 1846 und 1847 ohne alle politische Bewegung im Leben geblieben sein würden.

Letzteres war bekanntlich nicht der Fall; die Bewegung der Zeit gährte gewaltig, selbst in der Studentenwelt, welche alle Phasen der kommenden Revolutionsjahre thatsächlich anticipirte, während ich selbst bald ganz unabhängig von den Hörsälen, von der Oberrheinischen Zeitung und der Rundschau zu Struves Volksführer, von diesem zur Mannheimer Abendzeitung und rasch zu Heinzens diabolischen witzigen Pamphleten innerlich fortgaloppirte.

Das Staatsexamen kühlte meinen Radicalismus ab und die sogenannte "Beruhigungsmütze" des Candidaten hatte für mich einen tiefen Sinn, welchen ich damals nicht verstehen wollte.

Weil Noth beten lehrt, so habe auch ich im seltsamsten Widerspruche zu meinen pantheistischen Ansichten als Hochschüler manchmal recht inbrünstig gebetet. Mein Beten konnte bei Gott nicht den mindesten Werth besitzen, ich betete um lauter zeitliche Güter und wenn ich diese hatte, ließ ich es hübsch bleiben, doch die oftmalige Erhörung wirkte bei, daß mein Gemüth nicht gänzlich erstarrte oder verwilderte.

Häufig hörte ich, die positive Religion übe gar keinen Einfluß auf das Leben des Menschen aus und ich glaubte es, weil es bei mir gänzlich der Fall war. Auf dem erträumten Gipfel der bisherigen Zeitentwicklung stehend, betrachtete ich positive Religionen wie untergegangene Völker lediglich mit wissenschaftlichem Interesse und gar oft mit Mitleid.

Ich hielt mich für den sittlichsten Menschen von der Welt, merkte gar nicht, daß lediglich der Geisteshochmuth die Quelle meiner Sittlichkeit sei und schrieb meinen Verdiensten zu, was ein ernstes finsteres Temperament, Mangel an Zeit, Geld, Gelegenheit, Mangel an Neigung zu rohsinnlichen Genüssen, das Streben nach Fortdauer der Liebe und Achtung edler Menschen gegen mich bewirkten.

Ein großer Katholik hat einmal gesagt, die Tugenden der Heiden seien nur verborgene Laster gewesen--ich war ein Heide und muß diesen Ausspruch für meine Person bestätigen. Bildung für sich ist nimmermehr die Mutter wahrer Sittlichkeit, sondern nur der verfeinerten Sinnlichkeit und berechnenden Selbstsucht. Werdet in arge Versuchung geführt oder in schweres Unglück gestürzt und sehet dann zu, ob Ihr in Eurer Bildung Halt, Muth, Trost, Glück findet!--

Woher mein Unglaube?--Vorerst kehre ich die Frage um: woher hätte mein Glaube kommen sollen? Mein Religionsunterricht war höchst mangelhaft, gab mir kaum eine Ahnung der christlichen Weltanschauung, das Mitmachen aller kirchlichen Uebungen galt mir und den meisten meiner Mitschüler fast nur als nutzlose, leidige Disciplinarsache.

Man redet heutzutage viel von der Vermehrung der Religionsstunden an den Gelehrtenschulen. Solche Forderungen sind bei den gewaltigen Fortschritten der Wissenschaft und den gesteigerten Ansprüchen an Studirende bald gemacht, aber schwer durchzuführen. Ich für meine Person würde es bei den althergebrachten zwei Stunden wöchentlich bewenden lassen, wenn von tüchtigen und vor Allem von treugläubigen Lehrern Religionsunterricht ertheilt wird.

Aller Buchstabenglaube und alles Wissen in religiösen Dingen nützt blutwenig, wenn der Schüler nicht in seinen Lehrern Männer voll lebendigen Glaubens, _handelnde Christen_ vor sich sieht.

Die durch und durch protestantisirte und rationalistische Wissenschaft hat mich mit meinen Altersgenossen großgezogen, ihr verdanken wir aber doch weit mehr Gutes als unsern Religionslehrern.

Der Allerletzte, welcher Etwas gegen den Gedanken einer katholischen Wissenschaft an katholischen Lehranstalten einzuwenden wüßte, habe ich schon als Student jene oberflächlichen, einfältigen Einwände, welche man dem ebenso kenntnißreichen als geistvollen und dabei charakterfesten Hofrath Buß: es gebe keine katholische Mathematik, keine katholische Medizin und sogar keine katholische Nationalökonomie u.s.f. entgegenschleudert, oft bemitleidet und verlacht. Sie wurzeln in der evidenten Thatsache, daß es nach meinem Wissen damals kaum eine katholische Wissenschaft gab, doch Beweise, daß es gar keine geben könne, lassen sich nicht beibringen und man hatte seit Dezenien Gottlob angefangen, namentlich im Gebiete der Geschichtschreibung und spekulativen Theologie das Gegentheil thatsächlich zu zeigen.

Ueberhaupt scheint es, daß der christliche Geist aus hundertjähriger Entäußerung immer mehr aufwache und sich aufraffe und wie die Engländer im Guten und Bösen die Vorkämpfer der Franzosen und Deutschen seit langem geworden und nach meiner unmaßgeblichen Ansicht die eigentlichen Träger der Kultur sind, so sind es in neuester Zeit besonders Engländer, welche bereits auch die Naturwissenschaften wiederum in den Dienst des religiösen Glaubens ziehen; die Franzosen folgen und die Deutschen bleiben nicht zurück.

Ich anerkenne das protestantische Prinzip der Subjectivität als ein durchaus berechtigtes, insofern die Völker und Einzelnen, welche nun einmal den naiven Christenglauben verloren haben, durch alle möglichen Stadien des Irrthums, der halben Wahrheit und der Lüge wandern und im Verlaufe der Entwicklung immer mehr und zwar _lediglich aus freier, innerer Ueberzeugung_ zum katholischen Glauben als dem ewig wahren zurückkehren müssen. Die Geschichte vom verlornen Sohne ist für mich die Anticipation der ganzen Geschichte des Protestantismus. Von diesem Standpunkte aus muß ich auch die protestantische Wissenschaft als die Odyssee des Menschengeistes nach dem Ithaka des Glaubens achten, ehren und lieben und kann selbst in der Richtung eines Strauß, Feuerbach, der Neutübinger Schule u.s.f. das für die Menschheit und die Weltkirche Jesu Christi Heilsame daran nicht verkennen. Luther hat A gesagt; wie weit seine zahlreichen Nachfolger bisher gekommen, läßt sich im Allgemeinen nicht bestimmen, aber das ganze Alphabet werden sie durchmachen müssen und am Ende erfüllen, was Lacordaire predigt: "Macht, was Ihr wollt, die Welt wird dennoch katholisch!"

Daß die katholische Wissenschaft erst wieder einigen Aufschwung nahm als sie protestantisirt wurde und erst in neuerer Zeit wiederum zur Selbstständigkeit sich emporschwingt, ist historische Thatsache.

Ganz naturgemäß fehlte den Katholiken das unruhige, forttreibende Prinzip und erst der übermächtig werdende Gegensatz der protestantischen Wissenschaft hat sie wiederum geweckt zu neuem Leben und Streben. Daß das Ringen nach Selbstständigkeit namentlich in der modernen spekulativen Theologie und katholischen Geschichtschreibung sich offenbarte, _zuerst_ offenbarte, darin liegt wohl eine tiefe Bedeutung.

Die Philosophie gibt, die einzelnen Systeme mögen noch so barok und noch so wunderlich klingen, dem Selbstbewußtsein der wechselnden Zeit seinen eigenthümlichen Ausdruck, die protestantische Geschichtschreibung geht meist hierin Hand in Hand und betrachtet die Thatsachen der Geschichte im Lichte der herrschenden Zeitanschauung, die katholische Theologie und Geschichtschreibung muß im Namen der Ewigkeit dagegen protestiren, diese Protestation begründet werden und wenn dieselbe von einem Möhler und Männern wie Staudenmaier, v. Hirscher, Hurter, Döllinger, Hefele, Gfrörer und Andern begründet wird, bleibt immerhin starke Hoffnung, daß die katholische Wissenschaft mindestens das Gleichgewicht mit der vorangeeilten protestantischen noch in diesem Jahrhundert erringe und die Jugenderziehung durchsäuere. Mit dem Katholisiren der Wissenschaft sollte jedoch das Katholisiren des Lebens stets mehr Hand in Hand gehen.

Während meiner Studienjahren kam mir außer den Werken Johannes v. Müllers, aus denen mindestens ich viel Gespreitztes, Affectirtes, und noch mehr heuchlerische Perfidie herausfühlte und den Schriften Leos, dessen Ingrimm gegen Rationalismus und Revolution mich anwiderte und empörte, weil ich selbst bereits ein Rationalist und Revolutionär geworden, kaum ein Geschichtswerk zu Gesicht, welches der positiven Religion nicht gleichgültig oder auch feindselig gegenüberstand.

Eine Weltgeschichte, welche Jesum Christum wirklich als lebendigen Mittelpunkt der Menschheitsentwicklung nicht blos gelten ließ, sondern wissenschaftlich darstellte und die Lehren des Christenthums mit den leitenden Gesetzen der Geschichte in Harmonie zu bringen versuchte, kurz ein von christlicher Philosophie der Geschichte durchsäuertes größeres Geschichtswerk, existirt meines Wissens gar nicht.

Wie soll nun der lebendige Glaube an den Gottessohn als den archimedischen Punkt der Weltgeschichte in einem ernstlich nach Bildung ringenden Jünglinge fortzuleben vermögen oder gar erwachen und stark werden, wenn die Geschichtschreibung Christum als lebendige Einheit der Menschheitsentwicklung kühl übergeht oder den Erlöser nicht als solchen begründet?

Christus muß dann nothwendig zum Range eines Zoroaster, Mohamed herabgedrückt als eine ehemals zeitgemäße und nicht minder zeitgemäß vorübergehende Erscheinung, das Christenthum lediglich als Produkt der Faktoren einer bestimmten Zeit und die katholische Kirche als Partei erscheinen.

Aus solchem tiefgehenden Widerspruche zwischen den Lehren der katholischen Kirche und der Geschichtschreibung fließen dann gerechte Zweifel an der ewigen Wahrheit der Christusreligion, und dem Unglauben ist Thür und Thor geöffnet, ohne daß man denselben noch besonders prediget.

Weil im Menschen eine nimmerruhende Sehnsucht nach Wahrheit und Gewißheit lebt und das Herz etwas Positives haben muß, woran es sich mit aller Macht klammert, wirft sich der Jüngling vertrauend in die Arme der Philosophie, huldigt damit den Grundtendenzen der Zeit und weil die Bücherweisheit ihn nicht oder doch selten ganz befriediget, stürzt er sich in den Strudel des gemeinen oder in den Wirrwarr des politischen Lebens und vergißt darin die Ewigkeit und häufig genug sein besseres Selbst.

Das Moderne soll eine Vermittlung des Antiken und Christlichen sein; mir sind frühzeitig Zweifel erwacht, ob es überhaupt eine mehr als äußerliche Vermittlung, eine innere Versöhnung so schroffer Gegensätze geben könne und habe in Staat, Kunst, Wissenschaft und Leben blutwenig von solcher inneren Versöhnung gesehen, die ich doch als höchste Aufgabe unserer Zeit und kommender Geschlechter anpreisen hörte.

So wenig ich je eine Vermittlung zwischen Christus und Belial will, glaube ich an die Möglichkeit einer innern Vermittlung des protestantischen Prinzips mit dem katholischen, muß diese jedoch einer weiter hinausgehenden Fortentwicklung des Menschengeschlechtes überlassen und finde sie gegenwärtig in ein Stadium eingetreten, wo sie einer entschiedenen Feindschaft und grimmigem Kampfe aufs Haar ähnlich sieht. Die protestantische Wissenschaft ist bis zur Stunde tonangebend in der ganzen civilisirten Welt, der Katholik darf und muß von ihr sagen, daß ihr Hauptzug ins alte, nackte Heidenthum zurückweise.

Mit der Rückkehr heidnischer Anschauungen steht die Rückkehr heidnischen Lebens in enger Wechselwirkung und das arge Geschrei und Geschreibsel über die "schlechte Juden- und Heidenpresse" ist auch ein Nothschrei gegen das Leben, in welchem es jüdisch und heidnisch zugeht.

Die heidnische Wissenschaft und Literatur ist allerdings keine christliche, und als unchristliche und verderbliche zu bekämpfen, allein sie ist ziemlich unschuldig an ihrem Unglauben und mag der Verfolgungen spotten, welche gegenwärtig ziemlich erfolglos und vielleicht bald vorübergehend gegen sie eingeleitet werden.

Mein hochgeachteter Lehrer Gervinus hat in seinem Prozesse dem Hofgerichte in Mannheim gesagt, daß Er selbst ganz unschuldig an den Thatsachen der Geschichte sei--dies ist gewiß richtig und nicht minder richtig aber, daß ein Verdammungsurtheil gegen irgend eine geschichtliche Weltanschauung stets ein Verdammungsurtheil gegen das geschichtliche Leben unseres Geschlechts in sich schließt.

Die Macht der bisher eines ziemlich ungeschmälerten Sieges sich erfreuenden protestantischen Wissenschaft liegt darin, daß sie ihre Anschauungen vorherrschend aus der Wirklichkeit schöpft und wenn man unsere Philosophen, Historiker, Dichter heidnisch nennt, so sollte man vor Allem etwas mehr bedenken, daß sie Söhne unserer Zeit, unsere Zeit aber noch sehr vorherrschend Zeiten des praktischen Heidenthumes seien.

Worte bewegen, Thatsachen reißen hin; die thatsächliche unläugbare Uebermacht des Heidenthumes im öffentlichen und bürgerlichen Leben ist die Wiege der heidnischen Wissenschaft und die durch keine Censur, keine Polizei und Gewaltmaßregeln zu hemmende ursprünglichste Quelle des Unglaubens der Gelehrten und Ungelehrten geworden und geblieben.

Bei mangelhafter religiöser Erziehung muß das Lesen der Klassiker, Philosophen und Historiker, von denen die Wenigsten mit dem ruhigen Blicke der Ewigkeit in das zeitliche Leben hineingeschaut und alle ihren Stoff vorherrschend doch aus der Wirklichkeit geschöpft haben und müssen dann vor Allem eigene Lebenserfahrungen Unglauben erzeugen und vollenden. Ich hörte das Christenthum predigen und preisen und fand, diese gepriesene Religion habe höchstens im Mittelalter einigen Einfluß auf das staatliche und bürgerliche Leben ausgeübt; aus dem Mittelalter heraus sah ich einen Heidenstaat sich gebären, während die Kirche nach Außen und Innen zusammenschrumpfte und verdarb und aufhörte Trägerin der Menschheitsentwicklung zu sein. Ich schaute im modernen Staatswesen umher, fand blutwenig Christliches in diesen sogenannten christlichen Staaten, verglich protestantische Länder mit katholischen, das Treiben und Leben der Protestanten mit dem der Katholiken und mein Urtheil fiel nicht im mindesten zu Gunsten des Bestehenden, der Kirche und der Katholiken, überhaupt nicht zu Gunsten der positiven Religion aus.

"Sollen nur die Armen, Geringen und Schwachen Christen sein, die Reichen, Mächtigen und Starken darob lachen und thun was ihnen beliebt? Sollen Jene auf Gott und Beten sich stützen und die Erde um des Himmels willen verachten, während diese auf Geld und Waffenrecht, heillose Ränke und selbstfabrizirte Gesetze vertrauen und jedenfalls vorläufig die Erde in Besitz haben, folglich nur halb betrogen sind, wenn es keinen Gott und keinen Himmel geben sollte? Muß ich eine Kirche, meine eigene Kirche, nicht verachten und verabscheuen, wenn sie im Namen eines allliebenden und gerechten Gottes solch ungöttlichem Treiben nur veraltete Redensarten und sinnlos gewordene Ceremonien entgegensetzt? Was soll mir eine Religion, deren Wirkung in der Luft hängt, die von ihren Bekennern höchstens durch Worte, selten durch Thaten bekannt wird?"

So rief ich oft in wildem Unmuthe und Hunderte riefen mit mir. Wir sahen den Wald vor lauter Bäumen nicht, schöpften deßhalb aus dem vergangenen und gegenwärtigen Leben Zweifel, Irrthum, Unglauben, einen tiefen Haß gegen Staat und Kirche und eine Sehnsucht nach bessern Zuständen, welcher die Revolution Bahn brechen sollte. Während der Revolution bekümmerte mich die positive Religion und katholische Kirche blutwenig.