Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling Erster Theil

Chapter 29

Chapter 293,735 wordsPublic domain

Es läßt sich leicht denken, wie die Elsbeth sich geberdete, nachdem sie vor dem Ende des ersten Jahres die letzte Hoffnung aufgegeben, den Wendel für sich zu erziehen. Bei etwas weniger Leichtsinn und etwas mehr Ehrgefühl würde er ein Höllenleben geführt haben, allein er fragte nach Allem nichts, was nicht die Befriedigung seiner Leidenschaften betraf und brachte es zu Stande, daß sein Weib, welches er niemals mißhandelte, keinen erheblichen Vorwand oder Beweise zu finden vermochte, die eine Trennung gerechtfertiget hätten.

So kam es auch, daß die Elsbeth keinen sonderlichen Antheil an seinem frühen Tode hatte. Er war nicht ihr Sklave, sondern lebte in der Knechtschaft der eigenen Sünden und Laster, welche sich ihre zweideutigen Freuden mit Wucherzinsen heimzahlen lassen und richtete sich selbst in der Blüthe seiner Jahre zu Grunde.

Dem Leichenbegängnisse folgte eine Zwangsversteigerung, die Sonnenwirthin mußte aus dem ererbten Hause ihrer Väter abziehen und trug außer den stark ins Graue gerathenen Haaren nur wenig Geld mit sich fort, mit welchem sie die kleine Wirtschaft pachtete und einrichtete, wo wir den Zuckerhannes bei ihr gefunden.

Wendels glorreicher Grabstein erklärt sich namentlich durch den Umstand, daß die Elsbeth auf die Ankunft des Vetters aus Amerika hoffte, der jährlich geschrieben, er werde kommen und mehr Eagles und Dollars bringen, als Kirschensteine im Thale gefunden werden könnten. Geschrieben hat dieser Crösus, doch gesandt hat er niemals auch nur einen Penny und ist bis heute ausgeblieben, so daß er den prächtigen Grabstein des Neffen niemals mit eigenen Augen betrachten konnte. Die Elsbeth aber hofft und hofft in Einem fort und weil das Hoffen nicht satt macht, eine Wirthin aber um so toleranter werden muß, je weniger sie besitzt und je kleiner und armseliger die Wirtschaft ist, hat sie allgemach ihr Häuslein zu einer Zufluchtsstätte aller Elenden und Verfolgten gemacht, insofern dieselben noch Einen Kreuzer auszugeben hatten und ist bereits so weit gekommen, offen zu predigen, wir alle glauben an Einen und denselben Gott und ein braver Evangelischer sei ihr tausendmal lieber denn ein zahlungsunfähiger Katholischer. Nicht der Glaube, sondern das Rechtthun sei die Hauptsache, man komme zwar auf der Welt schlecht damit fort, aber man lege sich dadurch viele Pfunde im Himmel an und das irdische Leben sei ja nur ein Augenblick.

Bei der ehemaligen Pflegmutter haust der Zuckerhannes, dieselbe versichert ihn eben, in der Kirche auch für ihn gebetet zu haben und er meint etwas grob, das sei ihm ganz Eins, denn ob er bete oder fluche oder Andere es für ihn thäten, darob kümmere sich weder Gott noch Teufel. Dieses sei ihm im Zuchthause und besonders seit den letzten 5 Wochen klar geworden.

Eine derartige unwirsche Rede an einem so wunderlieblichen Pfingstmorgen tönt nicht gut, zeugt für arg verstimmte Herzenssaiten und bedarf einer Erklärung.

Am letzten Tage, den unser Held im Schlafsaale der Strafanstalt aufdämmern sah, ward er auf die Kanzlei gerufen und erhielt seine Freiheit.

Die Sehnsucht nach der Freiheit war lebhafter als je in ihm geworden, die Erfüllung kam früher, als er gehofft und ein Stich ging ihm durchs Herz, denn die Trennung vom Duckmäuser erschien ihm plötzlich schwerer als das Zuchthausleben und er sah sich vom einzigen Freunde, den er auf der Welt kannte, im Nu durch eine fast unübersteigliche Kluft getrennt.

Ohne den Benedikt noch einmal gesehen und Abschied von demselben genommen zu haben, mußte er nagelneue, ungewohnte Kleider anziehen, welche ihm großentheils von der Regierung geschenkt wurden und das Gutmachgeld betrug ein ganz ordentliches Sümmchen, obwohl er täglich nur 2 Kreuzer erhobelt und Manches für Schnupftaback und Butter ausgegeben, auch ein Gebetbuch und Schreibbücher gekauft und einiges Porto bezahlt hatte.

Gleich einem Träumenden nahm er Abschied von den geistlichen und weltlichen Beamten, sah die Thüre, welche manches liebe Jahr ihm verschlossen geblieben, durch einen ganz leichten Druck auf die Schnalle aufspringen und folgte dem Aufseher, der ihn zur Polizei führte.

Lange hatte er geglaubt, er werde nach der Befreiung kein Jota mehr nach der Welt und den Leuten fragen, doch schon auf der ersten Canzlei, welche er ohne grauen Kittel betrat, fühlte er, daß dieser Glaube auf einer Täuschung beruhe. Manche Anwesenden betrachteten ihn scheel, ein dickköpfiger Jüngling, den das blinde Glück aus einem verdorbenen Lyzeistlein erst vor Kurzem zu einer handwerksburschenquälenden Schreibmaschine umgemodelt, lachte ihm verächtlich und höhnisch in's Gesicht, daß er purpurroth wurde von der Stirne bis zum Halse hinab und die Augen ganz verwirrt zu Boden schlug.

Der Zuckerhannes erhielt seinen Laufpaß und las mit Entsetzen, er müße geradewegs dahin, wo er wenig Gutes zu erwarten und viel Schlimmes zu befürchten, nämlich in die Heimath. Dies war ein Donnerschlag für ihn, er nahm sich das Herz heraus, den Beamten zu bitten, ihm doch einen Laufpaß nach dem Bodensee oder sonst wohin zu schreiben.

Das kleine, spindeldürre Männlein machte Augen, als ob der verwegene Bittsteller auf den Umsturz aller Staaten und Dintenfässer sinne und näselte giftig, er möge sich zum Teufel scheeren, das sei Gesetz im Lande, Geschriebenes sei hier stets unfehlbar und unabänderlich und wenn er Einen Zoll von der Route abweiche, so werde es nicht gut gehen!

"Aber ich bekomme keine Arbeit, ist das Gutmachgeld weg, was anfangen, lieber Herr? Ich muß doch leben!"

"Euer Leben ist nach meiner Einsicht durchaus unnöthig, macht, was Ihr wollt, Marsch!" Der unbesonnene Zuckerhannes sagte noch Etwas und hätte es wahrscheinlich arg bereuen müssen, wenn nicht ein ordentlicher Beamter eingetreten wäre, bei dessen Eintritt Jener gar süß lächelte und einem Diener winkte.

Ein Polizeidiener führte unsern Helden zum Thore hinaus, dann nahm dieser den Weg in den Schwarzwald unter die Füße und dachte unterwegs ungemein viel an die "große Zukunft" des Spaniolen und an die Reden des Exfouriers.

Abends spät gelangte er in der Heimath an. Vom Kirchhofe herüber wehte eine kalte Frühlingsluft, er erkannte keinen Menschen, der ihm begegnete, wollte in kein Wirthshaus, sondern bei den Hausleuten der Katzenlene übernachten. Er fand das alte Haus und auch die alten Bewohner, wie sich nach einigen Minuten herausstellte, aber die Katzenlene fand er nicht mehr, weil diese den Glauben Mancher an ihre irdische Unsterblichkeit durch einen sanften, obwohl raschen Tod schon vor mehreren Jahren widerlegt hatte. Die Leute boten ihm von selbst ein Nachtlager an, nachdem sie jedoch herausgebracht, woher ihr Gast geraden Weges komme, da gab es so seltsame Gesichter und zweideutige Reden, daß der Zuckerhannes auf seinem Stroh, welches man ihm statt des versprochenen Bettes auf den ungedielten Boden der Wohnstube geworfen, bittere Thränen weinte und bei Tagesanbruch mit seinem Bündelein abzog.

Er hatte gehofft, es sei Gras über seine Jugendgeschichte gewachsen und der Name "Zuckerhannes" den Landsleuten nicht mehr geläufig, wurde jedoch früh genug vom Gegentheil überzeugt. Der Vogt, bei welchem er sich melden mußte und gar nicht übel aufgenommen wurde, stellte ihn seinen Buben als ihren alten Schulkameraden den "Zuckerhannesle, welchen die Brigitte selig ledig gehabt" vor und dieser hinkte keine 6 Stunden im Thale herum, so hörte er oft genug hinter sich sagen: "Der Zuckerhannes ist wieder gekommen, dort der große hinkende Mann. Er hat Einen umgebracht und ist grausam lange im Zuchthause gehockt!"

Der Gestellmacher war längst gestorben, die Leute, bei denen er später einige Zeit zugebracht, lebten auch nicht mehr, die alte Welt moderte meist auf dem Kirchhofe, die junge war groß geworden und nahm jetzt deren Stelle ein, der Nachwuchs, der noch in der Wiege schrie, als der Zuckerhannes aus der Sonne entlief, wuchs bereits der Conscription entgegen, gar manches Haus hatte andere Bewohner, die alten hölzernen Hütten mit ihren Dächern von Stroh und Schindeln waren vielfach durch neue steinerne mit großen Fensterscheiben und bunten Ziegeldächern ersetzt, der alten Tracht hatte eine neue und stets wechselnde Platz gemacht.

Kurz, Vieles war anders geworden und selbst die Natur vielfach verändert, mancher Wald ausgeholzt und manche öde Trift in Ackerland verwandelt. Manches gefiel dem Hannes, namentlich die Nachsicht und Gleichgültigkeit, welche jüngere Leute gegen entlassene Zuchthäusler vielfach übten und er freute sich heimlich, weil Brigitte fast ein Dutzend Nachfolgerinnen zählte, die mit vaterlosen Kindern auf den Armen an sonnenhellen Tagen ganz ungescheut umherliefen und selten daran dachten, auf Unterstützung der Gemeinde zu verzichten.

Freilich gab es noch Viele, welche dergleichen Weiber verachteten und verlästerten und nicht gerne mit einem zu thun hatten, der Zuchthaussuppen gegessen, doch viele Andere, besonders unter den Jüngern und Aufgeklärten, waren duldsam und lachten, wo ihre Väter zornig die Fäuste geballt hätten.

Es geschah mehr als einmal, daß im Wirthshause manche Gäste verstummten, die Nase rümpften und wohl vom Tische wegrückten, an welchem sich der Zuckerhannes gesetzt, manchmal auch ein peinliches Gespräch vom Zuchthause anspannen, was ihm sehr wehe that, dagegen fehlte es ihm nicht an Kameraden und sogar an Freunden. Worüber er sich am meisten wunderte, war die Einladung, welche er von der alten Sonnenwirthin erhielt, deren Schwelle er niemals zu übertreten hoffte.

Am ersten Tage schon vernahm er auch, daß sie noch immer eine sehr fleißige Kirchengängerin sei und namentlich durch den Wendel Grund genug bekommen habe, der argen Welt spinnenfeind zu werden, dagegen aber für die Sünden der Welt unmenschlich trinke und beide Augen freudig zudrücke, wenn ein kleiner Profit vor ihr zu stehen schien.

Die Elsbeth lud ihn ein, weil er nicht von selbst kam, überhäufte ihn mit rührenden und zärtlichen Vorwürfen, redete wie die Güte und Liebe selbst, wollte nichts davon hören, daß sie ihm zu einem Kropfe und hinkenden Bein verholfen und ruhte nicht, bis er zu ihr zog gegen ein sehr gering scheinendes Kostgeld, das er für einige Wochen voraus bezahlte.

Elsbeth wußte was sie that. Der Hannes brachte Gutmachgeld und von Bibianens Hinterlassenschaft ward ihm durch die Sorge des braven Zuchthausverwalters noch ein Sümmchen gerettet, welches der Vogt als Pfleger in Händen hatte und womit sich in diesem Thale Etwas anfangen ließ.

Der Vogt und die Elsbeth aber verstanden sich miteinander und hatten ihr Plänchen fertig. Zwei Wochen wollte der Zuckerhannes von seinen langjährigen Strapazen ausruhen und gemächlich thun, dann im Thale oder noch lieber in der Ferne schauen, was zu machen sei. Zunächst mußte ihm die Elsbeth an den Adlerwirth in Hegau schreiben, damit er erfahre, was denn aus der Emmerenz geworden sei.

Der Benedict, ein gewaltiger Verehrer der bessern und schönern Hälfte des menschlichen Geschlechtes, redete am längsten und liebsten von seinen ehemaligen Freundinnen, sorgte auch dafür, daß der Zuckerhannes die Emmerenz nicht vergaß und war es, der ihm beim längeren Schweigen derselben anrieth, Alles wo möglich im Ungewissen zu lassen, nachdem sie selbst nicht geantwortet.

"Ist sie für Dich verloren, dann erfährst Du es noch immer früh genug und sie hat Dich nie recht gerne gehabt; findest Du sie noch ledig, dann weiß man nicht was kommen kann, Du hast bis dahin dir doch das Glück mit ihr recht ausmalen und mit mir hoffnungsvoll davon plaudern können. Sei gescheidt Hannes und denke: Unverhofft kommt oft!" pflegte der pfiffige Benedict zu sagen, und der Freund, der sich in Allem gerne von ihm gängeln ließ, befolgte auch diesen wohlmeinenden Rath.

Nach der Freilassung besaß der Zuckerhannes wiederum Keinen, der sich seiner aufrichtig annahm und ihn liebte, die Hoffnung, sein "Duckmäuserle" jemals auf Erden wieder zu sehen, war gering und er erfuhr, das Leben eines Menschen, der ganz allein auf der Welt dastehe und in Allem für sich sorgen müsse, sei in vielen Dingen leidenreicher und mühevoller als das eines Zuchthäuslers.

Zudem stand er bereits tief in dem Alter, in welchem sich das Herz des Mannes nach einer festen Existenz und bleibenden Stätte, nach einem Weib und Kindern sehnt, an denen er den Freund machen kann und bis zum Tode nicht von ihnen verlassen wird. Die Meisten, welche mit ihm auf der Schulbank gesessen, hatten längst ein eigenes Heimwesen und waren verheirathet, Viele schienen recht glücklich zu leben und Manche hausten wirklich gut, nur er stand noch immer allein und unbeachtet in der Welt da, an seinen Freuden und Leiden nahm Niemand jenen herzlichen Antheil, welchen er wünschte und dies that ihm wehe.

War er doch auch ein Mensch und weßhalb sollte er noch immer als Ausnahme unter den Leuten ruhelos und ziellos gleich Ahasverus herumstolpern?

Es läßt sich denken, wie gewaltig dem Zuckerhannes das Herz klopfte, als er Elsbethens wohlgesetzten und siebenfach versiegelten Brief an den Adlerwirth im Hegau ins nächste Posthaus trug und wie die Vermuthungen über die Antwort den einzigen Stoff seiner vertraulichen Gespräche mit der Pflegemutter blieben. Diese sprach dem Zagenden Trost und Muth ein und weil er fortwährend ein bischen zweifelte und den Kopf schüttelte, bewies sie ihm aus Karten und Kaffeesatz, ein großes Glück stünde ihm bevor, Alles laufe auf eine Heirath hinaus und so sicher sie für ihre Person sei, daß der Kutscher Sepp einmal an ihrem Häuslein halte und den steinreichen Vetter aus Amerika ablade, so zuversichtlich dürfe er hoffen, daß es ihm bald prächtig ergehe. Die Kreuzkönigin wolle nicht wanken und weichen, bei jedem Spiel liege sie obenauf und das sei eine bedeutsame Person.

Etwa 14 Tage nach der Absendung des Schreibens kam ein großer Pack mit Kleidern, worin trotz der langen Zeit die Schaben wenig Unheil angerichtet. In der Seitentasche des fast noch nagelneuen Manchesterkittels steckten zwei Briefe statt eines und weil der vor banger Erwartung zitternde Zuckerhannes nicht wußte, welchen er zuerst erbrechen sollte, so griff die Elsbeth nach demjenigen, der mit einigem Geld belastet war, setzte den Nasenklemmer auf und las ihn zuerst allein in der Küche, dann aber laut dem nebenstehenden Empfänger. Der Brief kam vom Adlerwirth, doch nicht vom Alten, der das Zeitliche auch bereits gesegnet sammt seinem Weibe, sondern vom Jungen, welcher seitdem die Wirtschaft führte und den Zuckerhannes als einen treuen, geschickten und fleißigen Stallknecht kennen gelernt hatte.

Er schrieb, der Zuckerhannes werde wohl nicht gerne drunten im Walde und noch ohne Arbeit sein, deßhalb möge er, falls er wolle, nur herzhaft hinauf an den Untersee wandern und vorläufig im Adler sich als Knecht einstellen lassen. Arbeit gäbe es genug und obwohl die Trinkgelder der Fuhrleute jährlich sparsamer ausfielen, so mache dieses wenig, weil der Sternenwirth an der Straße "ausgelumpt" habe und die alten Gäste desselben jetzt alle im Adler einsprächen. Er sende ihm die Kleider, die "rothe Fritzin" habe dieselben die vielen Jahre hindurch in ihrem eigenen Kasten und Getüchtrog aufbewahrt, Kienholz dazu gelegt, fleißig an die Bohnenstangen ihres Gartens gehängt, ausgeklopft und ausgebürstet, wenn ihr Rother just nicht daheim gewesen.

In der Erwartung, der Schwarzwälder werde kommen und weil er kommen könne, obwohl das Ziel erst am Jörgentag ausgelaufen, sende er zwei große Thaler, welche Dinggeld sein sollten, wenn er komme und als Präsent wenn er nicht komme. Neues wisse er weiter nichts zu schreiben, der Klee sei droben sehr gerathen, die Weinstöcke hätten fast ausgeblüht und die Felchen könne man vor ihrer Unzahl schier mit Händen fangen, was Alles ein ungemein fruchtbares Jahr bedeute. Ein Fuhrmann aus der Baar habe ihm erst voriges Jahr erzählt, der Fesenmichel habe sich zur Ruhe gesetzt und führe ein betrübtes Leben, obwohl sein schlimmes Weib gestorben; die älteste Tochter, Marianne, habe bereits zweimal taufen lassen und sei bisher noch niemals copulirt worden, der jüngste Sohn, der lange Jörg, hause auf dem Hofe und sei dem Aushausen nahe, so daß es ihm ergehen werde, wie dem ältern Bruder, der als Knecht bei ihm diene.

Der Fesenmichel selbst lache ob dem Unglück seiner Kinder, habe noch eine große Erbschaft zu erwarten, welche ihn wiederum zum reichen Manne umwandle und schwöre täglich hundertmal, eher vor seinem Tode Alles dem Narrenhause zu vermachen, als dem Jörg oder einem Geschwister desselben einen Heller zukommen zu lassen. Vielleicht gehe der Fesenmichel doch in sich und werde das Unrecht gutmachen, welches er dem Zuckerhannes angethan.

So schrieb der junge Adlerwirth und so las die Elsbeth, aber der Zuhörer bekam genug an dem Ausdruck "rothe Fritzin" und hörte von allem Andern nichts mehr. Eine Zeitlang stand er ganz versteinert da und schnappte nach Luft, dann schlug er mit der Faust auf den Küchentisch, daß dieser in die Höhe sprang und wackelte, endlich fing er an zu fluchen, fluchte immer lauter, hinkte wüthend zur Thüre hinaus und hätte ihn in diesem Augenblicke Keiner schief anschauen oder gar foppen dürfen, der gerade Glieder liebte.

Im Zuchthause sitzen manche Bursche dieser Art, der Zuckerhannes war keiner der Letzten derselben und ist solches Gebahren weder vernünftig noch christlich, so entspricht es doch der Bildungsstufe der Stiere, Elephanten, Nashörner, der Bergbewohner von Java, in welche der "Amok" fahrt und der vielgepriesenen Berserker.

Die Elsbeth schaute dem davonhinkenden Zuckerhannes verwundert nach, sah denselben über die Wiesen dem Walde zueilen und wäre ihm um ein Haar nachgesprungen, weil sie sich im ersten Augenblicke vor dem Gedanken fürchtete, er könnte sich selber ein Leid anthun. Doch rasch besann sie sich eines Bessern und nach einigen Stunden kehrte der Flüchtling wieder ganz ruhig und still zurück.

Man sah an seinen Augen, daß er erbärmlich geweint haben mußte, Thränen schwemmten den ersten wilden Schmerz fort und ließen die scheinbare Gleichgültigkeit einer stillen Verzweiflung zurück. Er wußte nie, wie leidenschaftlich er die Emmerenz geliebt und erfuhr es erst, nachdem er sie verloren.

Abends las er den zweiten Brief, derselbe rührte von der Emmerenz selbst her und nachdem er sich durch viele Hahnenfüße und Schreibfehler durchgearbeitet hatte, brachte er Folgendes heraus:

"Lieber Hans! Daß ich den rothen Fritz ein Jahr nach Deinem Unfall heirathete, wirst Du wohl wissen und daß ich jetzt recht ordentlich und glücklich mit ihm lebe, dafür danke ich Gott alle Tage. Rothhaarige Leute sind entweder recht gut oder recht schlimm und ich habe Vieles durchmachen müssen und oft bereut, nicht ledig geblieben zu sein, bis ich meinen Mann recht im Geschirre hatte. Jetzt ist das Aergste längst überstanden und ich wünsche nur, daß auch Du es recht gut bekommen mögest, es wäre endlich Zeit und würde damit manches Vaterunser erhört, welches ich für Dich betete, während Du eigentlich um meinetwillen, ohne daß ich Etwas dafür konnte, am bösen Orte schmachtetest. Die Kleider habe ich dem jungen Adlerwirth hinübergetragen, er ist ein braver Mann, in Vielem besser als sein Vater und wenn Du gescheidt bist, kommst Du aus Deiner Heimath zu uns herauf."

"Bevor ich den Fritz heirathete, habe ich mir ausbedungen, für Dich einen Antheil von dem zurückzubehalten, was die alte gute Ursula (Gott hab' sie selig und erlöse die arme Seele!) im Grunde nicht nur mir, sondern uns Beiden zurück ließ."

"Deßhalb komme und sei ohne Sorgen; so Gott will, stirbst Du nicht als ein alter Knecht und wenn's auch so käme, dürftest Du in deinen alten Tagen doch keine Noth leiden. Bei mir könntest Du freilich jetzt noch nicht wohnen, der Fritz ist in Manchem gar wunderlich aber später kann Alles anders werden und einstweilen hast Du ja ein Obdach im Adler."

"Wie sehr es mich freut, weil Gott Dich endlich vom langen Elend erlöste, sollst Du sehen, wenn Du kommst und bis dahin grüßt Dich Deine alte Freundin

_Emmerenz_."

"Was gedenkst Du anzustellen?" fragt die Elsbeth.

"Schier hätt' ich Lust hinaufzugehen, der falschen, treulosen Emmerenz und ihrem rothen Sidian das Leben recht bitter zu machen. Aber im Grunde ist es nicht der Mühe werth, ich habe die Alte nie recht mögen!"

"Brav und christlich heiß ich das gesprochen, man muß seinen Feinden eher Gutes als Böses anthun, aber das, was die Urschel vermacht hat, würde ich ihnen doch nicht schenken!"

"Aber ich! Ich mag nichts haben, jeder Bissen würde mir zu Gift und wenn ich denken müßte, von der Gnade und Barmherzigkeit eines schlechten Weibes zu zehren, würde ich mich vorher aufhängen."

"Nun, mit diesen Dingen ist's noch Zeit. Einstweilen bleibst Du bei mir, bei Deiner Pflegmutter. Ich will gut machen, was ich aus gutem Herzen an Dir fehlte.--Apropos, der Bettelvogt hat ausgeschellt, die Grund- und Häusersteuer müsse schon wieder bezahlt werden. Bei mir macht es just 4 Gulden 31 Kreuzer. S'ist ein Elend mit dem Zahlen, jedes Jahr wirds ärger und nicht die mindeste Rücksicht auf Wittwen genommen. Ich bin nur froh, daß ich außer Dir keine Kinder habe! ... Brauchst Du die zwei großen Thaler, welche der Adlerwirth geschickt hat?"

"Zum Kukuk damit, will sie gar nicht mehr sehen! ... s'thut mir freilich leid, wenn die Herren sie bekommen, möchte sie fast eher auf die Straße werfen, aber das Zahlen hat auch sein Gutes! ... Wenn der Bauer Heu frißt und dem Handwerker die Haut abgezogen wird, dann kommt es anders! sagt der Spaniol."

"Bravo, Ihr seid ein gescheidter Mensch und, soweit ich vernommen, auch droben am Bodensee gewesen?" sagt ein Fremder und trinkt mit pfiffigem Lächeln sein Braunbier.

"Seht, fuhr der Fremde fort, während er den Mund abwischte, seht, ich bin ein Konstanzer und weiß, wie's mit dem Zahlen steht. Wir gehen zu Grund vor lauter Zahlen und Beeinträchtigen, werden als aufrüherische Köpfe verschrieen und fragt aber kein Herr, wo uns eigentlich der Schuh drücke, so wenig man uns seiner Zeit fragte, ob wir badisch werden wollten oder nicht! ... An das Erzhaus Oesterreich hat die Stadt Konstanz in den letzten Zeiten jährlich 7000 Gulden bezahlt und seit der Regierung des Kaisers Joseph 7 oder 10 Mann jährlich ins Feld stellen müssen und blühten damals Handel und Gewerbe, und saßen in der Stadt viele vorderösterreichische Regierungsherren, welche viel Geld ausgaben. Jetzt aber muß die Stadt jährlich 70,000 allein an den Staat zahlen, Soldaten stellen, soviel Andere wollen. Jährlich wird Alles höher hinaufgetrieben, während der Verdienst jährlich mehr abnimmt und könnte Einer weinen, wenn er weiß, was die alte Stadt noch vor 25 Jahren war und heutzutage ist! ... Wäre Vorderösterreich ewig Vorderösterreich geblieben, dann versänken wir nicht jährlich tiefer ins Elend und das Steuerbüchlein machte uns schwerlich zu Radicalen!"

"Das kommt Alles vom Luther her; dieser brachte Empörung gegen Kaiser und Reich ins Land und wo gute Katholiken lutherisch regiert werden, müssen sie wohl dem Teufel in den Rachen fahren!" seufzt die Elsbeth und blickt andächtig nach dem Kruzifix in der Ecke.

"Da seid ihr ganz auf dem Holzweg, Frau Wirthin. Der Luther war der Schwan, von welchem der Huß prophezeite, als ihn das Conzil verbrennen ließ. Wir Konstanzer haben auch eine alte Prophezeiung aus jener Zeit und ist gar merkwürdig bisher in Erfüllung gegangen. Die Stadt Konstanz (soll nämlich der Huß selbst prophezeit haben), die Stadt Konstanz, sage ich, wird so lange abnehmen und zerfallen, bis mir an derselben Stelle, wo ich verbrannt werde, von ihr ein Denkmal gestiftet wird! ... S'ist so gekommen, man hat auch ein Denkmal errichten wollen, aber nicht dürfen, Gott sei's geklagt. Was bin ich schuldig?"

Der Fremde wollte aufbrechen, doch jetzt machte sich der Zuckerhannes hinter ihn und fand, derselbe kenne die ganze Seegegend, den jungen Adlerwirth, den rothen Fritz und auch die Emmerenz, sogar den Mooshof.