Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling Erster Theil
Chapter 28
"Ho, bist du noch immer so dumm, wie damals, als der Spaniol dich hinters Licht führte. Hat Einer recht ""Moos"", dann gehts ihm gut, wenn er damit durchkommt. Wird er aber erwischt, nun, dann macht man ihm den Garaus und die ganze Lumperei hat ein Ende oder er weiß doch wenigstens, weßhalb er ins Zuchthaus gekommen! ... Ich halt's ganz mit dem Spaniolen, der war ein gescheidter Mann: je ärger die Großen dreinfahren, desto ärger treibens die Kleinen und alles muß so kommen, wenn die ""große Zukunft"" nicht ausbleiben--"
"Fort, s'kommt Einer!"
Der Aufseher findet weder den Zuckerhannes noch den Einäugigen mehr, hinter ihm traben die Hausschänzer her, um die Lichter in den letzten Werkstätten anzuzünden, denn bereits schaut ein neuer sternenloser Winternachthimmel in den Hofraum der Strafanstalt herein.
Die heimelige Zeit der Dämmerung und die ruhige der Nacht bringt Gefangenen von selbst eine minder strenge Aufsicht und Vergessenheit ihres Zustandes, wirft ihren Schleier über manche Kleinigkeit, die sich nicht streng mit der strengen Hausordnung vereinbaren läßt und stimmt die abgematteten Werkmeister und müden Aufseher milde und versöhnlich gegen ihre Arbeiter und Pflegbefohlenen.
Wiederum läßt die Hausglocke ihre helle Stimme vernehmen.
"_Sechs Uhr!_"
Jeder legt die Arbeit nieder, die Aufseher ziehen ihre Dienstmützen vom Kopfe und machen ernstere Gesichter, die Gefangenen thun dasselbe, mancher faltet die Hände und zuweilen bewegt auch einer die Lippen.
Leben wir nicht in christlichen Landen und ist's nicht Betzeit?
Nach einigen Minuten wird fortgearbeitet, die Faulen sputen sich um ihr Tagwerk fertig zu bringen, die Fleißigen ermüden sichtbar, die Arbeit eines Jeden wird in Augenschein genommen, zuweilen belobt, noch öfter mit Stillschweigen übergangen, manchmal getadelt und immer aufgezeichnet.
Allgemach wird es ruhiger in der Werkstätte, Ungeduld spiegelt sich in mancher Miene, auch die armen Werkmeister und Meister bleiben zuweilen einen Augenblick ruhig und horchen scharf, ob das Glöcklein nicht den letzten und besten Ruf, den Heimruf zum Essen und Schlafen anstimme.
Endlich ertönt es;--"_Feierabend!_"--rasches Verstummen jedes Arbeitslärmes, Aufräumen aller Geräthschaften, Abmarsch.
Nach wenigen Minuten sitzt unsere bekannte Tischgesellschaft wieder beisammen, der Zuckerhannes betet wiederum laut vor, dann läßt sich Jeder die Wassersuppe und Mancher auch Reste des Mittagsmahles oder ein Stück Brod schmecken.
Kaum hat der Zuckerhannes vom Tische gebetet und kaum sind die Zinnschüsselchen verschwunden, so beginnt das Abführen in die Schlafsäle.
Die Wachen und Aufseher stehen draußen in den Gängen auf ihren Posten, der Reihe nach werden die Nummern der Schlafsäle ausgerufen und Einer nach dem Andern marschirt ab.
Wollte man während des Abführens in die Schlafsäle gar zu streng auf Stille und Ordnung in den Speisesälen sehen, so würden die Wachen vielleicht erst um zehn Uhr in ihre Wachtstube und die ohnehin arg angestrengten Aufseher noch später zu ihrem Nachtessen gelangen und solche Verzögerung brächte Niemanden Nutzen, während das minutenlange Gehenlassen der Gefangenen wenig schadet.
Wer unter Tags nicht zu einem Bekannten oder Landsmann kam, welcher an einem entfernten Tische sitzt, trifft denselben jetzt und wer nicht ein bischen heiter war, wird es für eine kleine Weile.
Der Mordbrenner benutzt das lebhafte Getümmel, um mit gedämpfter Stimme ein bischen zu jodeln, der Erfourier tanzt mit dem Affengesichte im Hintergrunde und versichert es sei Polka, ein Räuber schnalzt den Takt dazu mit Zunge und Fingern, das Hasenmaul theilt mit dem Zuckerhannes ein Päcklein Schick und der Duckmäuser hält Einigen eine Vorlesung über den hohen Werth einer menschenfreundlichen Behandlung im Zuchthaus.
Morgen Abend wird es wieder froh um diese Zeit zugehen, denn übermorgen ist ein arbeitsfreier Tag und die Ruhe- und Freudentage der freien Bevölkerung sind Folter- und Trauertage, jedenfalls Tage peinlicher Langweile für Gefangene.
Freilich nimmt an Festtagen der Gottesdienst und Gänsemarsch im Hofe Zeit weg, vielleicht müssen auch die Füße in der Waschküche gewaschen werden und manche melden sich zum Rapport beim Vorstande, doch immerhin bleibt manche Stunde übrig und während derselben wie angenagelt hinter einem Tische sitzen sollen, um St. Johannistag wie um Weihnachten um sechs Uhr Abends die Suppe essen und sich alsdann von der noch ziemlich hochstehenden Sonne im Bette bescheinen lassen, dazu die Freudentöne der Freien von Weitem vernehmen, dies Alles macht arbeitsfreie Tage zu den unbeliebtesten, welche die Mehrzahl der Sträflinge erlebt.
Was sollen dieselben machen?
Die schwüle Luft macht Aeltere schläfrig und mißmuthig, die Jüngern reden und schäckern, zehn Aufseher wären nicht im Stande, sie daran zu hindern, Manche laufen beständig ein und aus und es läßt sich nicht verbieten.
Unsere Bekannten gehören meist zu den geschicktern Gefangenen und diese wissen sich zur Nothdurft immer Unterhaltung zu verschaffen. Das Murmelthier wird sich in der Kunst immerwährenden Schlafes produciren, der Indianer spielt die Rolle eines Porträtmalers und wird Einigen ihre Dulcineen malen. Freilich hat er letztere niemals gesehen, allein wenn die Farbe und der Schnitt der Sonntagskleider getroffen, der Kopfputz nicht ganz verfehlt und das Roth der Wangen und Lippen recht einleuchtend hervorstechen wird, dann fühlt sich der Liebhaber schon beseliget, spendet Weihrauch und Lohn und seine Einbildungskraft ersetzt die fehlende Kunst. Auch das Affengesicht macht Geschäfte als Maler; zum Scheine malt er schuldlose Häuser, in unbewachten Augenblicken klekst er unzüchtige Bilder zusammen, diese finden reißenden Absatz und Mancher, der das schönste Heiligenbild als Geschenk gleichgültig betrachtete oder auch zurückwiese, spart sich das Fleisch vom Munde ab, um vom Affengesichte mit einem Schandgemälde beglückt zu werden.
Der Exfourier ist heute durch eine Schildwache von der vollendeten Treulosigkeit seiner Braunen überzeugt worden und wird am nächsten Sonntag einen herzbrechenden Brief an dieselbe schreiben. Der Mordbrenner wird dem Hasenmaul ein langes und unter Sträflingen sehr beliebtes Gesicht, nämlich Kotzebue's "Verzweiflung" gleichmüthig ins Schreibheft eintragen und wenn ihm das Hasenmaul nur noch ein kleines Stücklein Butter weiter verschafft, wird er die furchtbaren Worte:
Ha, wo bin ich und was soll ich hier Unter Tigern, unter Affen? Welchen Plan hat Gott mit mir Und wozu bin ich erschaffen?
mit zolldicken lateinischen Buchstaben schreiben.
Der Duckmäuser, dieser Allerweltskünstler, würde an arbeitsfreien Tagen Vieles verdienen, wenn er minder gutmüthig und freigebig wäre. Er wird am nächsten Sonntag die niedlichsten Dosen aus Maserholz glänzend poliren, welche er unter der Woche neben seinen vielen und schönen Arbeiten für sich "gepfuscht" hat, auf Glastafeln mit goldenen Lettern und kunstreichen Randverzierungen wiederum ein schönes Gedicht malen und gelegentlich dem Zuckerhannes beistehen, der sich mit der Fertigung der Schulaufgaben abquält und Auszüge aus Zschockes "Stunden der Andacht" und verwandten Schriften zu machen pflegt.
Auf solche Art wird der nächste Sonntag vorüberschleichen und die Angst auf seinen Nachfolger als Angebinde zurücklassen.
"Numero Fünf!"--ruft es durch die Gänge.
Die meisten Gefangenen haben den Speisesaal bereits verlassen, jetzt bricht der Zuckerhannes auf und nimmt Abschied vom Duckmäuser, denn dieser liegt Nachts in einem andern Saale und sein Wunsch, neben dem Freunde zu schlafen, ist bisher unerfüllt geblieben.
Einer der Letzten hinkt unser Held in den Schlafsaal Numero 5, ein Aufseher folgt ihm, der Beter von heute Morgen haspelt wiederum ein Vaterunser herab, dann wird die schwere Eichenthüre geschlossen, die gewichtigen Riegel klirren vor, der Schnurrbart eines Aufsehers hängt noch eine Minute zum Guckfensterlein herein, bis Jeder unter seinem Teppich liegt.
"Gute Nacht!"
Fortan hört man von drunten im Hofe nichts mehr außer den langsamen Schritten der Schildwachen, die der Aufseher sind nicht mehr hörbar, weil sie auf Socken einherwandeln oder doch sehr leise auftreten, dagegen tönt vom Guckfenster her manchmal ein ernstes und häufig auch ein grobes Wort, wenn nicht Alles hausordnungsmäßig zugeht.
Wer hart arbeitete, schläft gemeiniglich rasch ein, minder ermüdete oder kummervolle Nachbarn flüstern unter ihren Decken hervor oft noch lange miteinander, verwegene Bursche lachen oder reden auch laut und lassen Verweise und Drohungen zu einem Ohre hinein und zum andern hinaus, Leute, welche der nächste Tag oder die nächste Woche zu Entlassenen macht, fragen begreiflicherweise nicht immer zu viel nach der Hausordnung die lange genug als drohendes Damoclesschwerdt über ihrem Haupte hing. Zuweilen erhebt sich auch ein Streit um der Luft willen, denn Einzelne möchten aus guten Gründen ein Fenster halb oder ganz offen lassen, dagegen pflegen die abgesagten Feinde reiner Luft oft als Mehrheit zu opponiren. Endlich dringt der Stundenschlag der Stadtuhren, der Gesang fröhlicher Zecher oder eine ferne Musik wehmüthig zu den Ohren der Eingesperrten, im Schlafsaale vernimmt man nur noch die Traumredner oder die Schnarcher, welche ihr ohrenzerreißendes, rasendmachendes Tutti beginnen.
Sendet um Mitternacht der Mond sein bleiches Licht durch die trüben, arg vergitterten Scheiben des Saales, so wird er von Neuem zum Zeugen der Thatsache, daß die schlechtesten Leute und furchtbarsten Verbrecher sehr fest und ruhig schlafen und trotz dem harmlosesten Philister manchmal sehr gemüthlich schnarchen. Zwar fehlt es selten an offenen Augen, auch thränenschwere sind zu entdecken und mancher Seufzer aus tiefster Brust klagt in die Mitternacht hinaus, doch übernatürliche Reue mag höchst selten ein Auge wach erhalten und ein Herz zu Thränen und Seufzern bringen.
Neulinge gewöhnen sich nicht immer rasch an das harte Zuchthausleben, Familienväter gedenken gerne besserer Tage und die verrathene Liebe zu den Ihrigen, welche mit dem Schuldigen büßen und manchmal schwerer büßen als dieser selbst, stachelt sie aus ihren Träumen auf.
Ein Tag vergeht nach dem andern, Gestalten wechseln, aber das Spiel dauert fort und wann naht das Ende der Qual?--
#DIE LETZTEN JAHRE DES ZUCKERHANNES.#
Wiederum sind wir im Schwarzwalde und zwar in demselben Thale, in welchem wir vor einer Reihe von Jahren dem Begräbnisse eines verachteten, unbekannten und längst vergebenen Weibes beiwohnten.
Damals wars ein schwermüthiger Regentag, doch heute steht die Sonne hoch und glänzend im tiefblauen Himmelsgewölbe über den dunkelgrünen Tannenwäldern und leuchtet freundlich in das Thal mit seinen zerstreuten Strohhütten, stattlichen neuen Häusern, wogenden Saatfeldern, blumigen Matten und silbern schimmernden Bächlein.
Tausend Vögel singen ihrem Schöpfer das Alleluja der Thierwelt, tausend Schmetterlinge und Käfer flattern und schwirren um die blühenden Obstbäume und jagen sich munter aus einem Blumenkelche in den andern, laue Lüfte säuseln und ziehen durch das Thal und um dem Frieden und die Freude der Natur die höchste Weihe zu geben, dringen Orgelton und Glockenklang und fromme Gesänge an unser Ohr.
Ists heute nicht Pfingstsonntag und gibts einen schönern Tag im ganzen Jahre als diesen? Stehen die Hütten und Häuser nicht deßhalb so einsam und verwaist da, weil die Thalbewohner in der Kirche dem feierlichen Hochamte beiwohnen?
Beiwohnten! müssen wir sagen, denn in diesem Augenblicke läutets mit allen Glocken, die Kirchgänger drängen zum Tempel hinaus, auf allen Wegen und Stegen wimmelt es von halbstädtisch gekleideten Männern und Burschen und unter dem Weibsvolke entdeckt man nur noch wenige schwefelgelbe Strohhüte, dunkelfarbige Leibchen, vielfaltige kurze "Juppen," blaue Strümpfe, unförmliche Bauernschuhe, Gebetbücher mit Messingschlössern und altmodische Rosenkränze.
Offenbar hat der Geist der neuen Zeit auch in diesem Thale gewaltige Fortschritte gemacht und wenn man an den nagelneuen Häusern, neumodischen Trachten und an Vielem, was zu Brigittens Lebzeiten noch nicht dagewesen, wenig auszusetzen weiß, so thut Einem doch Manches wehe, weil es den Verdacht bestärkt, daß hinter all' dem Flitter, aufgeklärtem Gerede und lebhaftern Verkehr weit mehr Armuth, Herzlosigkeit und geistiger Tod stecke, als mit dem entschwundenen Geschlechte begraben wurde.
Greise, Weiber und Kinder begeben sich von der Kirche in ihre meist alleinstehenden, zerstreut liegenden Wohnungen, dagegen vermögen viele Männer und Bursche nicht an den Wirthshäusern vorbei zu kommen, ohne einzukehren und dem Hochamte des Pfarrers die "Eilfuhrmesse" des Bärenwirthes oder eines andern Wirthes folgen zu lassen.
Das Wirthshaus zum Bären an der Steig ist um ein Stockwerk höher, mit einer prächtigen Altane versehen und zum Range eines "Hotels" erhoben worden. Der ehemalige kleine Krautgarten daneben erinnert jetzt an einen englischen Park im Duodezformat, lustig plätschert ein Springbrunnen darin und von der bedeckten Kegelbahn herüber erschallt bereits Gelächter, Geschrei und das dumpfe Geräusch rollender Kugeln, das lustige fallender Kegel.
Die alte Nebenbuhlerin, die Sonne da drunten ist indessen auch eine vornehme Dame geworden und hinter den herabgelassenen grünen Jalousieladen des bedeutend verlängerten und schön angestrichenen Hauses geht es längst laut und lustig zu, denn die Zeitungen sind angekommen und da ihr gewöhnlicher Erklärer, der bebrillte und beschnurbartete Volksbildner nach der Kirche in den Pfarrhof hinübermußte, um eine Festtagsnase für sein gar zu munteres Orgeln während des Gottesdienstes einzustecken, so hat ein Handlungsreisender, dem das Motto seines himmelanstrebenden Berufes:
Ich mach' in Tuch und Seide, Politik und Religion! Und hab' von allen Vieren Die allerneuest' Facon!
im Gesichte geschrieben steht, das Amt des Volksbildners freiwillig verwaltet, die Politiker des Thales durch tiefe Einsichten und geheimnißvolle Kenntnisse in freudigen Aufruhr und durch die neuesten Witze in Entzücken versetzt.
Der dicke Wirth streckt sein Mastochsenantlitz zum Fenster hinaus und zupft mit der einen Hand an den Vatermördern des feingefältelten Hemdes, während die andere in den Taschen wühlt und Kronenthalermusik macht. Hinter ihm steht--die Elsbeth etwa? Gott bewahre, das Haus Elsbeth hat längst aufgehört, in der Sonne zu regieren, die neue Wirthin ist ein blutjunges Ding und trägt nicht nur an ihren dürren Fingern schwere Goldringe und einen Schawl, der beinahe den Boden fegt, sondern auch einen Pariserhut mit Lyonerblumen, Alles direct aus Freiburg verschrieben.
Außer dem Bärenhotel und dem Gasthof zur Sonne gibt es nunmehr auch einen "Anker" im Thale, der beide an Eleganz übertrifft und eine Bierbrauerei, welche an schönen Tagen die "Naturkneiper" der beiden nächsten Städte mit Allem versorgt, was ihnen Noth thut, endlich eine Weinwirthschaft, wo auch Kaffee und Liqueur zu haben und eine kleine Winkelschenke, welche wir als bescheidene Wanderer zunächst besuchen müssen.
Sitzt denn in dieser Winkelschenke nicht eine gute alte Bekannte, nämlich die Elsbeth? Hat sie sich nicht vor vier Jahren aus der prächtigen Sonne hieher zurückgezogen mit dem Reste ihrer Habe? Und sitzt nicht neben ihr ein guter Bursche, welcher bereits seit fünf Wochen mit ihr für die Sünden der Welt trinkt und sich mit dem baldigen Untergange derselben tröstet? Ist dieser Bursche nicht der Zuckerhannes, der den Schauplatz seiner Kinderjahre nicht nur begrüßen durfte, sondern heimsuchen mußte, nachdem er seine Strafe bis auf den Rest eines halben Jahres erstanden.
Ja, so ist's; der Hannesle, welcher als 15jähriger Bursche aus der Sonne Reißaus nahm, ist als 27jähriger wieder zurückgekehrt und dieselbe stolze Frau, die ihn um Gottes Barmherzigkeit willen aufnahm, als vermeintliches Werkzeug des göttlichen Zornes ihm einen Kropf wachsen ließ und ein Bein abschlug, sitzt nunmehr als die herablassende Wirthin einer Winkelschenke neben ihm und versichert ihn, er sei einer der ordentlichsten Menschen des Thales, weil er alte Unbilden vergesse und einer armen, bedrängten Wittib in dem Gomorrha und Sodoma des Schwarzwaldes einige Groschen zukommen lasse.
"Menschen werden mit den Zeiten anders!" hat schon vor bald 2000 Jahren ein heidnischer Dichter an den Ufern des kaspischen Meeres geklagt und genau dasselbe klagt unser Paar, obwohl es sich niemals sonderlich mit Büchern und am allerwenigsten mit Heiden befaßte.
Fünf volle Wochen bereits hat die Elsbeth ihren ehemaligen Pflegsohn davon erzählt, wie es ihr seit seiner Flucht ergangen und ist noch lange nicht am Ende, doch wir wollen uns kurz fassen, damit die Geschichte unseres Helden nicht allzulang gerathe.
Die fromme Sonnenwirthin führte ihre Wirthschaft in altgewohnter Weise fort, nachdem die Hoffnung, im Zuckerhannes einen arbeitsamen und wohlfeilen Knecht zu bekommen, verschwunden.
Im dritten Jahre darauf verlor sie ihren getreuesten Lobredner, nämlich das 265 pfündige Dekanat, welches an einem Schlagflusse plötzlich verschied und von allen Vieh- und Weinhändlern, Amtsleuten und Wirthen schmerzlich vermißt wurde.
Weil die fromme Elsbeth Niemanden mehr besaß, mit dem sie sich von den theologischen Tugenden, von der Erbsünde und andern gottseligen Dingen unterhalten konnte, verlegte sie sich auf das Weltliche und wählte sich unter den Weltkindern Eines heraus, um dasselbe den Klauen des Satanas zu entreißen und für den Himmel einzunehmen.
Dieses Weltkind hieß Wendel und war der stattliche Sohn eines Bäckers des Amtsstädtleins, welcher eine Stubenwirthschaft führte und die Sonne seit vielen Jahren mit Brod versah, nämlich mit seinem Weißbrod, Fastenbretzeln, Butterwecken, Schildbrod, Milchbrod, Ringen, gebackenen Männern mit Zibebenaugen und andern Herrlichkeiten, die der Hannesle schwer verfluchte, bevor er zum Zuckerhannes geworden und dies aus triftigen Gründen. Mußte er nicht jeden andern Morgen Sommers und Winters mit Tagesanbruch in das Städtchen hinab laufen, um den Brodkorb füllen zu lassen, und wiederum daheim sein, wenn es Zeit war, den Schulsack vom Nagel hinter der Wanduhr herabzulangen? War der Wendel nicht schon damals ein großer und muthwilliger Bursche, der seine Freude daran fand, den eingeschüchterten, linkischen Buben auf alle Weisen zu quälen? Und als der heranwachsende Hannes sich nicht mehr Alles gefallen ließ und herzhaft redete, spielte da der Wendel nicht den Stolzen und Vornehmen gegen ihn und pflegte jedesmal, wenn der Bäcker oder die Bäckerin nicht in der Stube standen, in die Küche hinauszurufen. "Vater oder Mutter, kommt, der "Zuckerhannes" will seinen Theil haben und notirt alles gut auf?"
Besagter Wendel zog dann einige Zeit auf die Wanderschaft, stand in Paris hinter einem Backofen und brachte ungemein viel Anstand und Bildung aus diesem Mittelpunkte der Civilisation nach Hause. Als ein wahres Chamäleon wußte er sich in Jedes zu fügen und zu schicken, mit dem er anbinden wollte und der Elsbeth, mit welcher er monatlich einmal abrechnete, so viel Erbauliches von den prächtigen Kirchen, frommen Häusern und gottseligen Personen der Weltstadt zu erzählen, daß sie ihm nicht genug zuhören konnte. Sie wußte recht gut, der Wendel mache den Eltern schweres Kreuz, habe von der Obrigkeit, Sittlichkeit, Weibern und andern Dingen nagelneue Ansichten, welche den bisherigen schnurstraks zuwiderliefen und sprach zu sich:
"Wär' es nicht Jammerschade, wenn ein Mensch, der auf Erden so schön und geputzt wie ein Offizier einherschreitet, ewig im Höllenschlamme versenkt würde? Ist er nicht jung und weiß ich nicht aus eigener Erfahrung, daß die Jugend erst mit den Jahren nach mancherlei Fällen und Unfällen zur Tugend gelangt? Darf Einer nicht täglich siebenmal fallen und bleibt dennoch ein Gerechter? Ist der Wendel nicht gleichsam ein geborner Wirth, der sich in Alles und gewiß also auch in Treue und Frommheit zu finden weiß? Besitzt derselbe nicht ein ordentliches Vermögen? Und, wenns schlecht geht, hat mich der Herr nicht aus fünf Trübsalen errettet und wird Er Seine Dienerin schon in der sechsten stecken lassen? Gibt es im Himmel nicht sieben Stufen der Seligen, habe ich nicht bereits Anspruch auf die fünfte und kann mich zur sechsten und siebenten emporschwingen? Kurz und gut, wenn ich will, wird der Wendel nicht Nein sagen und Gott kann nicht anders als Ja sagen und uns segnen, weil er mich genau kennt und weiß, daß ich zunächst den Leib haben muß, um meine Seele retten zu können. Lebte nur der Herr Dekan noch, _der_ brächte Alles ins Geleise; einen bessern Heirathsstifter hats im Walde nicht gegeben und der neue ist ein Holzbock im Vergleich zu ihm. In Gottes Namen, das Weib ist zum Jochtragen auf der Welt, ich nehme den Wendel, die Gottlosen mögen darob heulen und mit den Zähnen knirschen!"--
Der Wendel hatte auch Augen und Gedanken, ließ sich herab, das ehemalige Brodträgeramt des entlaufenen Zuckerhannes zu verwalten, feierte seine Sonntage allgemach in der Sonne und es dauerte nicht lange, so ereignete sich das Wunder, daß die Elsbeth eines Sonntages aus der Kirche wegblieb, wie dies Gebrauch bei Leuten ist, welche als Brautleute ausgerufen werden und nicht drei Wochen später stolzirte der Wendel als Sonnenwirth durch das Thal und die Zahl der Freunde, die aus dem Städtlein herüberkamen, um sein Glück in der Nähe zu betrachten, wuchs mit jedem Tage.
Vor der Hochzeit hatte es die ersten schweren Händel abgesetzt, weil es sich schwarz auf weiß herausstellte, daß Wendels Vater zwar kein ruinirter, aber doch keineswegs ein reicher, der Bräutigam vollends ein armer Mann sei, dessen Capitalbriefe nirgends mehr aufgetrieben wurden.
Freilich besaß er einen Onkel, der ein Triberger Packer und tief in Amerika drinnen ein steinreicher Mann geworden war, zur Zeit noch keine Kinder und dabei die Absicht haben sollte, die Verwandten in Europa sammt und sonders zu kleinen Rothschilden zu machen, doch Elsbeth war in Geldsachen erfahren und genau, donnerte und blitzte einige Tage lang und die Leute munkelten, der Pariser sei an die Unrechte gekommen.
Dennoch ward die Hochzeit abgehalten, kein Mensch erfuhr jemals aus Elsbethens Mund, weßhalb diese so nachgiebig gewesen, dafür redete der Wendel desto unverblümter und prophezeite, sein Weib habe überhaupt den Rechten an ihn gefunden, er wisse, was in der großen Welt Mode sei und wie man mit Weibern fertig werde.
Ein Verschwender, Schlemmer, Prozeßkrämer, Spieler, Faullenzer und Anderes mehr, wurde er rasch mit dem Vermögen der Sonnenwirthin fertig, doch mit ihr selbst ist er keineswegs fertig geworden, denn sie hatte die Freude, ihm nach zehn Jahren die Augen zuzudrücken und ließ als "tiefbetrübte, im Thale der Zähren allein stehende Wittib" dem "innig geliebten, sanft und selig dieser mangelhaften Welt entrückten Gatten, dem ehrenfesten, hochachtbaren Herren Wendel" einen Grabstein setzen der noch heute vom Kirchhofe herab ins Thal schaut.
Länger als jeder frühere Mann hat der Pariser mit der Elsbeth gehaust und diese unerhörte Thatsache erklärt sich lediglich daraus, daß er sich weder von ihr bekehren ließ noch darnach trachtete, sie für sich zu gewinnen, sondern mit musterhafter Gleichgültigkeit gegen sie seine Tage verlebte.
Ihren Predigten setzte er Spott und Hohn, ihrem Zorn lautes Gelächter und ihren Todsünden meist die entgegengesetzten Laster entgegen. Der schlaue Mann hatte nicht blos die Geldliebe der Sonnenwirthin vor der Hochzeit überflügelt, sondern auch durch die gefährliche Drohung, der Welt ohne alle Rücksicht auf seine und andere Personen mancherlei Geheimnisse einer für fromm geltenden Seele zu enthüllen, einen Ehevertrag zu Stande gebracht, welcher Gütergemeinschaft und für den Fall einer Trennung für ihn die günstigsten Bedingungen festsetzte.