Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling Erster Theil
Chapter 27
Nach wenigen Minuten ist es in der Strafanstalt wiederum lebhaft und das Arbeiten nimmt seinen ungestörten Fortgang. Webstühle knarren, Weberschiffchen zischen, Rädlein der Spuler, Wollspinner und Seiler schnurren, die Sägen der Holzmacher krächzen und ächzen, die Aexte schlagen einen schwerfälligen, unregelmäßigen Takt dazu; dumpfes Rauschen der Wasserräder, dröhnendes Umherrollen großer Walzen in der Hanfreibe, schrille Feilenmusik und Ohrenbetäubendes Hämmern der Metallarbeiter, pickendes Klopfen der Schuster, dumpfdröhnendes Donnern der Küfer, welche Reifen um ihre weitbauchigen Fässer schlagen--dieser hundertstimmige Lärm mahnt wiederum an das Zeitalter der Industrie, dieses Haus an Industrieritter dazu und die außerhalb der hohen Mauern vorübertösende Eisenbahn läßt von Zeit zu Zeit das unheimliche Freudengejauchze des sieghaften Erdgeistes in diese traurigen Räume dringen.
Traurig? Gewiß, doch bei weitem nicht so traurig, als die meisten Menschen sich einbilden, davon mag der Zuckerhannes reden, der vor seinem Fügebocke steht, ein sehr gleichmüthiges und ruhiges Gesicht macht und von Zeit zu Zeit freundlich zum Duckmäuser hinüberlächelt.
Er weinte bitterlich, als er über die Schwelle dieses verhängnißvollen Hauses treten mußte, wollte vergehen vor Schaam, als Räuber und Spitzbuben ihn mit dem brüderlichen "Du" begrüßten, wünschte sich anfangs in den tiefsten Kerker hinab, als er die unzüchtigen Reden und schauderhaften Erzählungen einzelner Mitgefangenen anhören mußte--doch kein geschaffenes Wesen ist zäher und elastischer als der Mensch, _tägliche Gewohnheit_ stumpft ihn gegen Alles ab und wenn der Zuckerhannes jetzt ruhig über das Leben im Zuchthause und über seine Zukunft in der Freiheit nachdenkt, stimmt ihn der Gedanke an den letzten Tag der Gefangenschaft nicht allzu freudig. Freilich mahnt ihn jeder vorüberziehende Vogel daran, welch' unschätzbares Gut die Freiheit sei, freilich wünscht auch er manchmal einen guten Schoppen neben seinem Teller und eine Wurst in seine Erbsen, freilich drückt die erbarmungslose Regelmäßigkeit eines Lebens, wo Alles nach dem Minutenschlage sich richtet, der Mensch mehr oder minder zur Maschine wird und die Eintönigkeit zu laut durch die kleinen Ereignisse jedes Tages dringt, noch jetzt zuweilen mit Alpdruck auf seine Seele--aber hat er draußen frei und glücklich gelebt gleich den Vögeln des Waldes? War er jemals besonders genußsüchtig gewesen, seitdem ihn die dicke Sonnenwirthin im Schwarzwalde seine kindische Naschhaftigkeit so theuer hat büßen lassen? War er nicht an rauhe Kost, Schwere Arbeit, freudlose Tage und herbe Entbehrungen gewohnt, bevor er hieher kam? Was hat er Großes draußen zu erwarten, zumal er nicht weiß, was aus der Emmerenz geworden? Im Zuchthause wird er nicht verachtet, erndtet keine herben Vorwürfe, lebt ungeschoren, weil er sich in Andere fügt, braucht für Kost, Kleidung und Wohnung keine Sorge zu tragen, lauter Gründe, welche die natürliche Reue über die Folgen seiner That schwächen, während die übernatürliche niemals in ihm zum Durchbruche gelangte.
Draußen kennt er keine Seele, welche sich liebend um ihn kümmerte, denn die Emmerenz hat mehrere seiner Briefe mit keiner Silbe beantwortet, hier dagegen besitzt er einen Freund, der ihm Alles in Allem geworden, nämlich den Benedikt, welchen er "sein Duckmäuserle" zu nennen pflegt.
Dieser Duckmäuser gehört bisher noch zu den Halbgebildeten, welche nichts von einem Leben in Christo wissen, aber als seltene Ausnahme von der Regel ist er kein Fanatiker des Unglaubens, der jeden Andersdenkenden anfeindet und verfolgt, wenn dieser sich nicht bekehren lassen will.
Ein schweres Urtheil machte ihn ernst, ein edles Naturell ließ ihn im Zuchthause niemals zu den gemeinsten und niedrigsten Bewohnern herabsinken, er wußte stets eine gewisse Würde und Ansehen bei den bessern Gefangenen zu behaupten. Der Zuckerhannes kam an seinen Tisch und zeigte, daß ihm schaamlose Reden, in welchen ältere und verheirathete Gefangene zumeist voranleuchteten und das Affengesicht sammt dem Exfourier zehnfach überboten, anwiderten.
Dies bewog den Benedict, ihm freundlich sich zu nähern und als der Ankömmling bald von seiner leidenschaftlichen, doch rein gebliebenen Liebe zur Emmerenz erzählte, hatte er das Herz des Duckmäusers gewonnen. Die Zeit lehrte, daß sich Beide vielfach in einander getäuscht hatten, aber sie sind beide Freunde geblieben.
Während der Erholungsstunde hat der Duckmäuser die Ursache des Kummers erfahren, welcher den Freund niederdrückte; es gelang ihm, denselben vollkommen zu trösten und sein Versprechen, ihm bei der Entlassung seine Ersparnisse, von denen er als ein lebenslänglich Verurtheilter und gänzlich verlassener Mensch doch keinen bessern Gebrauch zu machen vermöge, mitzugeben, hat den überraschten Zuckerhannes bis zu Thränen gerührt.
Jetzt hobelt der Beglückte an seinen Faßdauben, wirft von Zeit zu Zeit sehnsüchtige Blicke nach dem Arbeitstische des Benedict und wünscht eine Gelegenheit herbei, einen Augenblick hinüber zu springen.
Er findet keine, denn der Werkmeister ist sehr übel gelaunt vom Mittagessen zurückgekommen, mit dem Aufseher in scharfen Wortwechsel gerathen und wird jede Gelegenheit benutzen, um den Ingrimm an Gefangenen auszulassen, von denen er nichts zu befürchten hat.
Der bessernde Einfluß, den manche Werkmeister und viele Aufseher auf Gefangene ausüben, ist äußerst gering anzuschlagen und je nachdem dieselben sind, verlöre der Gefangene wenig, wenn er sie auch den ganzen Tag niemals sähe!--
Der Zuckerhannes steht in Gefahr, Etwas über sein gewöhnliches Tagwerk zu Stande zu bringen, deßhalb wählt er Dauben mit Astlöchern, an denen sich der Hobel abstumpft und ist bald beim Schleifsteine, bald beim Wasserfasse, bald außerhalb der Werkstätte zu finden, ohne daß er von einem Vorgesetzten deßhalb gescholten oder bedroht werden kann.
Er hofft, der Duckmäuser werde ihm einmal folgen, möchte demselben gerne ein freundliches Wörtlein sagen, doch dieser ist ganz vertieft in das Laubwerk der Lehne eines prachtvollen Kanapeegestelles und denkt gar nicht daran, wie sehr er den empfindsamen Freund durch seine Vernachläßigung betrübt! Welch' sentimentale Seelen gibt es oft in unsern Sträflingssälen!
Sentimentalität ist wohl auch eine der Verirrungen des der positiven Religion entfremdeten Gemüthes und findet sich häufig genug bei den weichherzigen und geplagten Kindern des Volkes, welche außer dem Kalender, der Bibel oder einem Gebetbuche sammt einigen Volksschriften und Liedern niemals ein Buch lesen!--
Der Zuckerhannes könnte fast weinen und fühlt sich während der ersten Mittagsstunden recht unglücklich, denn der Duckmäuser ist sein eigentlicher Herrgott und hat das Antlitz von ihm abgewendet!
"Hof!--Hof!" ruft es durch das Haus.
Dieser Ruf gilt weder den Seilern, noch den Holzspaltern, auch nicht den Kameraden des betrübten Hannes, denn all' diesen mangelt es nicht an Bewegung und sie dürfen zwanglos ausruhen, was wir nur billig, zweckmäßig und löblich finden können, dagegen gilt der Ruf Allen, welche sitzende Gewerbsleute sind und diese bleiben zum Spazierengehen verpflichtet.
Zunächst speit der Saal der Spinner und Korbflechter und einer der Weber seine Gäste aus, dieselben drängen sich zur Thüre hinaus und eilen die Stiege hinab in den Hof.
Eine Minute später marschiren sie rasch und taktfest, schweigend und streng beobachtet, immer Einer hinter dem Andern längs den Mauern eines Hofes hin und her, der ein längliches Viereck bildet.
Auf den Flügeln des laufenden Vierecken stehen Aufseher, in der Mitte desselben der Obermeister, welcher bald diesen bald jenen aus dem Zuge herausbeschwört und in das Kleidermagazin beordert, damit der alte schmutzige und löcherige Mensch mindestens einen neuen Kittel bekomme und auswendig erträglich aussehe.
Der stumme Gänsemarsch einer Sträflingsschaar mag auf den fernstehenden Zuschauer wohl einen peinlichen Eindruck machen, aber er ist dem zwanglosen Ausruhen und beliebigen Umhergehen während der Erholungszeit weit vorzuziehen, weil er Menschen, welche bereits den ganzen Tag auf einem Flecke sitzen und jahraus jahrein sitzen müssen, zum Laufen zwingt, genauere Bekanntschaften der Bewohner verschiedener Säle verhindern hilft und jedem eine Gelegenheit, Andere zu verderben und verdorbener zu werden, abschneidet.
Abgesondert von den Uebrigen stehen Einige, bei denen die eine Seite der Montur schwarz, die andere grau ist und welchen die Kette weder große noch eilige Schritte zu machen gestattet. Einer hinkt einsam längs den Wänden hin und her, zwei Andere athmen schwer und stehen herum.
"Ab!" commandirt der Obermeister nach einer starken halben Stunde und während die Spaziergänger in ihre Säle zurückkehren, treten ihre Nachfolger in den Hof hinaus.
Seltener und matter tönt das Hämmern und Klopfen, nach einer Weile setzt der Ruf. "_Vier Uhr!_"--dem Fleiße der Seiler und Holzarbeiter ein plötzliches Ziel.
Eifersüchtig bewahren die Sträflinge jedes der kleinen Zugeständnisse, welches ihnen zu Theil geworden, der fleißigste Arbeiter wird eher den letzten Nagel, welchen er zur Hälfte ins Holz hineingehämmert, stecken lassen als noch einen Schlag thun, wenn der Ruf: Vier Uhr!--hörbar geworden.
Das Vesperbrod wird zur Hand genommen und mit Gänsewein hinabgewürgt, die einzige Würze des spartanischen Mahles besteht darin, daß sich Bekannte gelegentlich in kleinen Gruppen zusammenfinden dürfen.
"Komm, Hannes, ich habe etwas Besonderes!" lacht der Duckmäuser, der Zuckerhannes hat sich vorgenommen, ein wenig zu schmollen, aber diesem Lächeln vermag er nicht zu widerstehen und noch weniger dem Leckerbissen, an welchen er Antheil haben soll.
Er eilt zur Hobelbank hinüber; mit dem gewichtigen Ernste und der feierlichen Würde des vornehmsten Kochkünstlers irgend eines modernen Heliogabal zieht der Duckmäuser eine Schüssel unter der Hobelbank hervor, vor deren Inhalt Mancher zurückschaudern würde, der nicht eine Ader von einem Eßkünstler in sich hat.
Zusammengebettelte Kartoffelschnitze, einige Tropfen elenden Essigs und einige Tropfen ranzigen Brennöles daran--der Zuchthaussalat ist fertig und mit vergnügter Miene greift das Freundespaar mit einem Löffel zu, welcher aus dem Munde des Einen in den Mund des Andern wandert.
Mit welchem Appetit wird dieser Leckerbissen verzehrt, mit welchem Neide betrachten einige Gefangene die Esser, welche Freude spiegelt sich in den Mienen derjenigen, die zum Mithalten eingeladen werden und einen oder zwei Bissen der köstlichen Speise zu sich nehmen dürfen!--
Der Benedict ist in diesem Augenblicke wiederum der Held, der Wohlthäter des Saales, er empfängt den Lohn des Fleißes und der Geschicklichkeit, der Werkmeister drückt ein Auge zu, der Verwalter wird nichts von diesem Salate erfahren, den die Hausordnung keineswegs ausdrücklich verpönt, aber auch nicht ausdrücklich billiget, so daß er möglicherweise eine Zeile im Strafbuch nach sich ziehen könnte.
Die Schüssel wird leer, der Bläsi eingeladen, dieselbe vollends auszulecken, er bedankt sich dafür, weil er noch nicht lange genug hier ist, um die volle Wonne eines mehrfach zweifelhaften Kartoffelsalates zu empfinden, ein halbes Dutzend Anderer wünscht seine Stelle einzunehmen, das Affengesicht erhält jedoch den Vorzug.
Der Gastgeber sucht mit dem Zuckerhannes und Andern die frische Luft und steht auf den Treppen der Eingangsthüre.
Ein Gefangener, in welchem man durch das rothe Band unter dem Knie einen Rückfälligen erkennt, schleppt einen Korb voll Garn durch den Hof, bleibt plötzlich stehen, setzt die Last nieder, beginnt gewaltig zu schimpfen, zu drohen und einen unsichtbaren, stummen Feind herauszufordern. Dann horcht er eine Weile und wiederholt das Manöver, bis die Hofwache ihn vertreibt.
Verwundert hat der Zuckerhannes den Lärmmacher betrachtet, das Gelächter der Kameraden ist ihm unbegreiflich, er fragt:
"Was ist's denn mit diesem Menschen? ... Keine Seele hat Etwas mit ihm gehabt und er schimpft und tobt als ob er einen Todfeind auf dem Halse habe?"
"Der Kilian gibt Aufschluß, wenn er aus dem schwarzen Loch kommt, er kennt den Kerl genau!" meint der Exfourier, welcher sich der Gruppe näherte.
"Ich kanns auch thun, denn der Salomon, wie der geschupfte Mensch heißt, hat sein Nest neben mir und hat in den ersten Wochen den ganzen Saal manchmal allarmirt!" erzählt ein Veteran der Greiferkunde und fährt fort.
"Der Salomon wurde voriges Jahr entlassen, kehrte vor bald acht Monden ins Zuchthaus zurück mit einer neuen Capitulation von zwei Jährchen. Er behauptete jedoch in Einem fort, unschuldig zu sein und wollte deßhalb um keinen Preis arbeiten. Alle Güte und alle Strenge fruchtete nichts, wir selbst ermahnten ihn vergeblich, gescheidt zu sein und zu arbeiten, damit er sich nicht für jetzt und für ein andermal das Spiel verderbe."
"Wie Alles nicht half, wurde der Salomon endlich für so lange in Arrest gesprochen bis er sich dazu verstünde, den Kneip zur Hand zu nehmen. Tag und Nacht saß er allein in seinem Arreste, bekam weder einen Tisch noch ein Buch und durfte sich in der Kirche und in der Schule auch nicht blicken lassen. Als Arrestant sah er keinen Bissen Fleisch und damit es ihm nicht einfalle, die Zeit mit Schlafen todtzuschlagen, erhielt er Abends seinen Spreuersak [Spreuersack] und das Bettzeug, Morgens wurde Alles wieder herausgenommen."
"Sechs Monate hat ers in der Einsamkeit und Langweile ausgehalten und ist fest darauf geblieben, er sei unschuldig, gehöre nicht ins Zuchthaus und werde deßhalb auch nicht arbeiten. Es wäre leicht möglich, daß die Herren Richter eines schönen Morgens nach einem Donnerwetter und Platzregen sich übelgelaunet zusammen setzten und zwei Jahre des salomonischen Lebens als Gabelfrühstück verspeisten, aber ich für meine Person glaube nicht an Salomons Unschuld. Wurde er Einmal unschuldig verurtheilt, so hat er dafür Manches gefunden, was nicht verloren war und es kam nicht auf ihn heraus. Zwar hat er nicht so Vieles gestohlen und nicht so viele Untersuchungen durchgemacht, wie der rothe Philipp, denn dieser ist kaum 30 Jahre alt und hat 27 Untersuchungen und einige kleinere Strafen durchgemacht, bevor er zum erstenmal hierher kam, aber sauber ist der Salomon schon als Soldat nicht gewesen! ..."
"Kurz und gut, er blieb 6 Monate in Arrest, dann kam er heraus, mußte einigemal im Zwangstuhl singen und weil ihm angedroht war, daß er jeden andern Tag singen müsse, verstand er sich endlich zur Arbeit. Er arbeitet oder thut doch, als ob er guten Willen dazu habe, allein sein Arbeiten ist nicht mehr weit her, er hat in der Schusterei Leder verdorben und Dummheiten aller Art gemacht und macht jetzt so eine Art Hausschänzer! ..."
"Er ist in der Zelle ein Narr geworden, wer weiß, ob es mir nicht auch so geht, wenn sie bei uns Zellengefängnisse bauen!" murmelt der Duckmäuser nachdenklich.
"Müßte ich heute für Monate und Jahre einsam in einen Arrest, dann machte ich es wie der Thorsepp vor acht Tagen, ich sprünge dort in den Bach und wenn ich entdeckt und herausgezogen würde, wie es diesem ergangen, hinge ich mich am nächsten, besten Nagel auf!" meint der Exfourier.
"Ja im Menschenquälen ist jeder Esel ein Genie und in der Menschenliebe das Genie oft genug ein Esel, ich habe das schon in der Kaserne erlebt!" seufzt der Duckmäuser.
"Überall errichten sie jetzt Vereine gegen Thierquälerei und ich bin ganz dafür, weil ich oft gelesen, wie viehische Bauern, Knechte, Fuhrleute und Metzger die armen Thiere quälen aber weßhalb fällt es den Herrn niemals ein, auch einen _Verein gegen Menschenquälerei_ zu stiften?" fragt der Bläsi. Der Zuckerhans schaut dem Bläsi ernst ins Gesicht und dieser wird bis über die Ohren roth.
"Weil der arme Teufel weniger auf der Welt gilt als ein Stück Vieh! ... Das Geld macht Alles aus, wer keines hat und nimmt wo ist, wird doch eingesperrt! ... Wir leben in einer gang [ganz] verkehrten Welt!" seufzt Einer.
"Wenn ich könnte, packte ich die ganze Welt in eine Beißzange und hämmerte sie mit dem schwersten Küferhammer platt!" lacht der Exfourier.
"Apropos, was macht denn der Salomon, wenn er närrisch wird, he?" fragt der Zuckerhannes.
"Ei, hast ihn ja selbst gesehen und gehört!" erwiedert der Rückfällige.
"Wenn kein Mensch an Etwas denkt, fängt er an zu schimpfen und behauptet, es sei Einer draußen, der ihn in Einem fort schimpfe und ihn schlagen wolle. Ist's Tag, dann läuft er oft auf die Verwaltung oder zum Doctor und verklagt seinen Feind, von dem Niemand etwas sieht, hört und weiß!"
"Das ist spaßig! ... Grausig! ... Salomons Feind ist der Teufel! ... So ergeht es vielen Franzosen in der Zelle," spricht der Kilian! ...
"Die Beamten und der Doctor lachen den Salomon aus wie wir Alle, sagen, mit der Zeit würden die Einbildungen von selbst verschwinden und es scheint auch richtig so zu kommen, denn er ist schon jetzt viel ruhiger als noch vor 3 Wochen und--"
"Zur Arbeit, Leute!"
unterbricht der Werkmeister den Rückfälligen, die letzte Minute der Erholungszeit ist vorüber, die Sträflinge eilen zu ihrem Geschäfte zurück und die Meisten arbeiten eifriger als bisher den ganzen Tag, denn wer am Sonntag ein Stücklein Butter oder am Ende des Monats ein halbes Pfund Schnupftabak kaufen will, darf mit der Fertigung des vorgeschriebenen Tagwerkes nicht zurückbleiben.
"_Schule! ... Zweite Klasse! ... Schule!_"
Der Ruf zur Schule ergeht wöchentlich einigemal an Alle, welche das 36. Lebensjahr noch nicht zurückgelegt haben und ihm folgt selten ein Sträfling mit Widerwillen.
Das Amt eines Zuchthauslehrers ist ein schwieriges, aber dafür auch ein dankbares und segensreiches.
Alter und Bildungsstufen der Gefangenen vervielfachen die Mühe des Lehrers und erschweren die Eintheilung der Schüler, täglich oder doch wöchentlich gehen alte Schüler ab und treten neue ein, nur bei Schwerverurtheilten sieht der Lehrer die Früchte seines Wirkens und weiß, daß diese sich verdoppeln und vervielfachen würden, wenn die Schüler einige ihrer arbeitsfreien Stunden der Selbstbildung widmeten.
Ueber schlimmen Willen wird ein Zuchthauslehrer selten zu klagen haben, Sträflinge sind gewöhnlich aufmerksame und talentvolle Schüler, fertigen auch Schulaufgaben, so gut sie es vermögen, doch wer mag in dem unvermeidlichen, durch Strenge höchstens zu mildernden, doch nimmermehr zu beseitigenden Gesumme, Gebrumme und Hin- und Herrennen eines Saales, wo an Sonn- und Feiertagen 40 bis 80 Menschen dichtgedrängt bereits den ganzen Tag beisammen sitzen, kopfanstrengende Arbeiten vornehmen? Ein bischen Schreiben, Lesen, Zeichnen geht an und wird auch keineswegs vernachlässiget, dagegen hat es mit allem Rechnen so ziemlich und mit dem Auswendiglernen gänzlich ein Ende.
Religionsunterricht und Schule müssen die Schuld des Beisammenlebens der Verbrecher abbüßen helfen, mögen die Lehrer auch noch so eifrig und pflichtgetreu sein, die Gefängnißbeamten fleißige Schüler beloben und belohnen und mag die Regierung Alles thun, um die Feinde der Gesellschaft durch die Macht der Bildung und der Religion mindestens von Rückfällen in neuen Verbrechen abzuhalten.
Schon Mancher hat den verlornen Schulsack im Zuchthause wieder gefunden, Mancher ist hier mindestens so weit gekommen, um aus Klugheit ungesetzliche Handlungen künftig zu vermeiden, mancher arme Tropf hat ein Handwerk gelernt, in Folge größerer Bildung und menschenfreundlicher Behandlung den Haß gegen die Gesellschaft aufgegeben und als Entehrter zum erstenmal eine klare Vorstellung der Ehrenhaftigkeit erworben--doch im Ganzen sind und bleiben Strafanstalten Hochschulen des Lasters und Verbrechens, so lange die Bewohner derselben Tag und Nacht beisammen leben.
"An den Früchten sollt ihr sie erkennen!" rufen wir den kurzsichtigen oder auch eiteln Vertheidigern der gemeinsamen Haft zu; zum Unglück derselben ist die Welt darüber ziemlich im Klaren, daß die schlechten Früchte dieser Strafart die guten von jeher kaum sichtbar werden ließen und ein beachtenswerther Zwiespalt der Ansichten ergibt sich lediglich in der Frage, was Besseres an die Stelle der gemeinsamen Haft zu setzen sei.--
Der Zuckerhannes hat in der Schulstube seiner Heimath blutwenig gelernt, später sich lieber mit Thieren und Menschen als mit todten Büchern und unnütz scheinenden Dingen abgegeben, doch in der Finsterniß des Kerkers ist ihm ein besseres Licht aufgegangen, der Duckmäuser brachte ihn zur Einsicht, der Brief des Winkeladvokaten an den Fesenmichel sei keineswegs ein Diplomatenstreich gewesen, jetzt sitzt unser Held bereits in der zweiten Klasse der Zuchthausschule und der Antrag des Lehrers, ihn der dritten Klasse einzuverleiben ist ein neues freudiges Ereigniß des heutigen ereignißreichen Tages.
Es dämmert bereits, wie der Zuckerhannes mit seiner Schiefertafel aus der Schule in die Werkstätte zurückkehrt. In einem Winkel des Ganges trifft er den einäugigen Stoffel, der tiefsinnig an den Nägeln kaut.
"Was gibts, alter Strolch, was treibst?"
"Ho, ich blase Trübsal, s'ist ein böses Instrument und morgen werde ichs im schwarzen Loch blasen. Wenn nur das ganze Zuchthaus heute Nacht noch zusammenbrennen würde und ich damit! ..."
"Weßhalb? ... Bist ja hier daheim, was hat es gegeben?"
"Ich erfuhr schon gestern Abend, daß der Jost heute fortkommt, weißt ja, daß die alte Garde Manches eher erfährt als die andern. Der freudenvolle Jost gab mir das Versprechen, ein paar Päckle Schick und ein Kettchen Knackwürste von Außen herein über die Mauer zu werfen, hats auch richtig gethan, ich ließ es mir schmecken, fing einen kleinen Krämerhandel an, der Meister ist dahinter gekommen, ich habe Alles schön geläugnet, aber man fand Zeugen in meinen Strümpfen und jetzt gehts bei diesem kalten Wetter wieder einmal in unterirdische Regionen! ... S'ist ein Elend!"
"Oh, bist im Ganzen hier doch besser daran, als Tausende draußen. Wenn ich früher vom Zuchthause reden hörte, dachte ich immer an dunkle Löcher mit triefenden Wänden, an Wanzen, Flöhe, Spinnen, steinhartes Brod und stinkendes Wasser und hat unser Amtsgefängniß auf etwas Besseres hingedeutet? ... Hier habe ich die Hände über den Kopf zusammengeschlagen, als ich diese Reinlichkeit und Pracht sah und eine Art Spital fand, an welchem die verschlossenen Thüren das Fatalste sind! ... Ich für meine Person muß mich dankbar an Vieles erinnern, was ich hier genossen habe!"
"Oh Narr! lacht der Stoffel; du willst dich für die Schinderei auch noch bedanken? ... Glaubst du denn, die ""Großköpfe"" würden uns so gar ordentlich betten, wenn sie nicht ihren verfluchten Vortheil dabei hätten? ... Zudem ist alles armselig genug, gerade so, daß man zur Noth bestehen mag! ... Früher gabs Willkomm und Abschied, wie der alte Paul wohl weiß, doch hier arbeiteten fast alle in der Stadt und wenn ich all den Specksalat, die Würste und Brodstücke auf einen Haufen legen und alle Schoppen darüber gießen könnte, welche mir draußen auf der Schanz zugesteckt wurden, es gäbe einen Berg, in welchem sich dieses ganze Gebäude verbergen ließe! ... Jauchzend und singend zogen wir manchmal Abends durch die Stadt heim und klapperten mit unsern Holzschuhen den Takt dazu, s'war ein Stolz und eine Freude Graukittel zu sein, aber jetzt? ..."
"Müßte ich nicht an meinen grauen Stachelbart denken, ich liefe wahrhaftig davon! ... Man darf jetzt nur noch das bischen Butter und den Schnupftabak wegdecretiren, mit Hungerkost freigebiger werden, dann wird und muß das Häfelein überlaufen. Es hapert dann mit der Arbeit, die Krankenstube wird voll, wöchentlich einmal kommen die mit den Schlapphüten und tragen Einen von uns zu den Studenten. Wir profitiren bei all diesen Dingen nichts, aber die großen Herren profitieren auch nichts! ... Unsereins kostet immer viel Geld, bevor er unter dem Boden liegt und kommt er wieder aus dem Zuchthause, so wird er das nächstemal pfiffiger sein und keine Kleinigkeit stehlen, sondern tüchtig zugreifen, anzünden, einen Reichen todschlagen und Alles thun, was er vermag!"
"Warum?"