Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling Erster Theil
Chapter 25
"Zur Arbeit!" schreit der Werkmeister.
"Hinauf!" flüstert der Bläsi, sucht die Thüre und der Zuckerhannes folgt ihm, das Gespräch wird fortgesetzt.
"Schaut, gestern Nacht fand das Affengesicht den Bettteppich in lauter kleine Stücke zerschnitten, wer hats gethan? ... Das kommt schwerlich heraus. Vorigen Sonntag hatte der Exfourier einen bogenlangen Brief an seine Braune just fertig, da kommt der lange Kaiserstühler und schüttet das ganze Dintenglas über den Brief. Der Exfourier that wie nicht gescheidt und kam in Arrest, der Kaiserstühler behauptete, er habe den Brief aus Versehen verdorben und könne nichts dafür und geschah ihm nichts, obwohl er es absichtlich gethan hat!" erzählt Einer.
"Ja und ich habe ein schönes Buch zum Lesen gehabt, der Elias vom Hotzenwald wollte nicht haben, daß ich lese, sondern mit ihm plaudere, der Kilian dagegen wünschte das Buch selbst zu lesen, Andere ebenfalls, ich aber behielt und las es. Wie ich beim Rapport gewesen und wieder in den Saal komme, sind mindestens fünf Blätter aus dem nagelneuen Buche herausgerissen und wer hats gethan? Ich weiß es nicht und schweige, damit nicht ich am Ende noch bestraft werde!" klagt der Bartel.
"Wißt Ihr, weßhalb das Murmelthier gestern Abend wie ein Bär brummte? Beim Schlafengehen versetzt Einer dem alten Kerl von hinten einen Stoß, daß er der Länge nach auf die Treppe patschte. Es ist nicht überall gleich hell, die Meister können nicht um alle Ecken schauen, ein kleines Gedränge kommt oft, das Murmelthier weiß nicht, wer ihn gestern Abend mindstens zum zehtnmal [zehntenmal] traktirte und nicht einmal den Grund, denn er hat ja die Augen niemals recht auf, schläft alle Augenblicke bei der Arbeit ein und begreift nicht, daß sein verdammtes Geschnarche Allen zur Last und Qual wird!" meint der Duckmäuser.
"Das Murmelthier ist ein Tropf! Der alte Esel hat ohne Bedenken über den Großherzog, den er doch gar nicht näher kennt und der ihm gewiß noch nichts zu Leide gethan, die gröbsten Schimpfreden ausgestoßen und thut es noch, wenn er nicht gerade schläft. Dagegen wedelt und schmeichelt er vor dem geringsten Aufseher wie ein Hund herum und ließe sich eher kreuzigen, bevor er ein Wort gegen den Verwalter spräche!" grollt der Bläsi.
"Wir wollen wieder hinab, man weiß nicht, ob ein Beamter kommt und wenn er Viele auf unserm Rathhause hört oder sieht, muß es der Werkmeister entgelten!"
"Gerade deßhalb bleib' ich und stelle mich recht breit unter die Thüre. Mich freuts in der Seele, wenn die Beamten sich schier zu Tode ärgern! ... Wenn die Werkmeister und Aufseher recht geschunden werden und sich selbst verrathen, fuchsen und plagen, wirds dem Nazi wohler ums Herz!" sagt der Mordbrenner und bleibt, während unsere Bekannten gehen.
Die Arbeit nimmt im Ganzen ihren ungestörten Fortgang, an fleißigen Arbeitern mangelt es so wenig als an geschickten und wer wollte im Grunde tadeln können, daß man sich zuweilen eine Minute erholt?
"Weißt was Neues, Hans?" zischt der einäugige Stoffel, der als Hausschänzer mit einem Andern eine Tragbahre voll Hobelspäne für die Küche sammelt, dem hobelnden Zuckerhannes zu.
"Na, na, ist eine Kuh fliegend geworden? Machst ja ein ganz verklärtes Gesicht!" sagt der Zuckerhannes neugirrig.
"Der Jost ist begnadiget und der Daniel vom Hotzenwald auch, Beide sind schon beim Obermeister, um ihre Kleider anzuziehen. Gelt, daß hättest Du nicht geglaubt?"
Dem Hans geht ein scharfer Stich durchs Herz, denn ihm ist die Begnadigung vor Kurzem abgeschlagen worden und das Glück der Beiden macht ihn traurig, doch sammelt er sich rasch:
"Dem Jost gönne ichs, er ist schon lange genug da und hat Weib und Kinder, aber der Daniel verdient so wenig Begnadigung, als das Murmelthier. Ich bin doch wahrhaftig unschuldiger als er, habe schier meine halbe Strafzeit gemacht und weßhalb läßt man mich verschmachten? Der Teufel hole die Herren, bin wohl ein Narr, mich da mit Hobeln zu quälen!" seufzt unser Held finster und mißmuthig und läßt den Hobel ruhen.
In fünf Minuten wissen Alle, der Jost und der Daniel seien frei, selbst die Aergsten gönnen es dem Jost, die Besten mißgönnen es dem Zweiten und Allen thut es wehe, nicht selbst begnadiget worden zu sein.
Wie schwer erträgt es der Mensch, daß ein Mitmensch glücklicher wird als er selbst!--In einem Augenblicke verminderten Lärmes dringt Weinen und Schluchzen in die Werkstätte herein.
"Was ist das für ein Geheule?" forscht der Werkmeister.
Der Aufseher geht und kehrt zurück, indem er das Affengesicht vor sich hertreibt und zur Arbeit jagt. Das Affengesicht ächzt und weint kläglich und schneidet eine Jammermiene dazu, daß selbst die traurigsten stillsten Gefangenen sich den Bauch vor Lachen halten müssen, der Aufseher sammt Werkmeister minutenlang kein Wort hervorbringt und nur mit der Hand vergeblich Ruhe gebietet. Was hat es denn gegeben?
Das Affengesicht klagt oft über Rückenwehe und Mattigkeit, hat sich heute zum Doktor gemeldet und ist von diesem wider Erwarten nicht ins Krankenzimmer gesprochen worden.
"Was liegt daran, ob ein Zuchthäusler abfährt? So wenig als wenn draußen ein Dutzend Proletarier, welche von vornherein des Verbrechens der Armuth bezüchtiget werden, zu Grunde geht. Gelt, das ganze Jahr geht der Doktor keine dreimal in den Sälen herum, um sich vom Gesundheitszustande von Unser Einem zu erkundigen? Gelt, die Seegrasspinner können feinen Staub schlucken sammt den Hechlern und Andern und kommen schlecht weg, wenn sie dem Doktor zumuthen, wöchentlich in den heißesten Monden für ein Bad zu sorgen? ... Gelt, der vorige Dreher war ein starker Mann, ist ein halbes Jahr brustkrank gewesen und an der Drehbank geblieben, bis er endlich ins Krankenzimmer kam und am 9. Tage starb? ... Gelt, wenn Einer schwindsüchtig wird, trägt der Doktor erst darauf an, daß er auf Genesung entlassen werde, wenn er am Abschnappen ist? Er schnappt alsdann doch in der Freiheit ab! ... Sauf Zuckerwasser und Thee, wenn Du dumm genug bist, Dich krank zu melden! ... Ich hätte dem Doktor die Guttere längst an den Schädel geworfen, aber Du bist ein feiges Thier und kannst nur heulen, Affengesicht!" sagt der Exfourier zu dem jammernden Kameraden.
"Oh, der alte Doktor war heute da ... Der ist ein Filz und thut, als ob _er_ die Kost und Medizinen für uns bezahlen müsse! ... Der junge hat mir Etwas verschrieben und versprochen, mich hinauf zu nehmen, wenns nicht besser würde, der alte Knicker hat die Medizin nicht repetirt, sondern Bärenzuckerwasser verordnet und mich herabgejagt! ... Auf der Treppe sah ich den Jost und den Daniel, habe sie kaum mehr gekannt in ihrer neuen Tracht und haben mich nicht angeschaut! ... Ich armer Teufel muß im Zuchthause sterben und was habe ich gethan? ... Ich möchte gerade da umfallen und hin sein, ganz hin!" wimmert das Affengesicht und heult von Neuem auf.
"Wenn Ihr Euer Maul nicht haltet, geht Ihr mit mir auf die Verwaltung!" droht der Aufseher.
"Wer? Ich? Warum?" trotzt der Exfourier und erbleicht vor Zorn.
"Nein, nicht Ihr, sondern der Heuler dort!" erklärt Jener.
Das Affengesicht macht sich eilig an seine Arbeit und wimmert schwere Flüche und Verwünschungen leise vor sich hin.
"Wir sind halt im Zuchthause!" murmelt der Duckmäuser wehmüthig.
"Man erfährt und erlebt das schändlichste Unrecht und soll dadurch vor dem Recht Achtung kriegen, komische Leute das!" denkt der Zuckerhannes.
Während der Werkmeister mit einem widerspenstigen Burschen schilt, ruft die Hofwache vom Gitterfenster ins Gewölbe herab:
"Zuckerhannes, zieht Euch an und kommt!"
"Aha, jetzt gibts Arrest, das Hasenmaul hat sich gerührt!" prophezeit der Bläsi.
"Die Sache wird nicht arg werden!" tröstet der Duckmäuser, der von der Hobelbank unter dem Vorwande, eine Säge zu holen, herüber gesprungen ist.
"Meinethalben, im schwarzen Loch kann ich schlafen und brauche nicht zu arbeiten!" murmelt der Gerufene und eilt fort.
Ein grauer, trostloser Winterhimmel schaut in den Gefängnißhof herab, ein naßkalter Wind streicht von den Bergen herüber und über die Gefängnißmauern herein tönt dumpfes Trommeln.
Trübes, unfreundliches Wetter lieben die Gefangenen, weil das heitere sie herber an ihre Entbehrungen und an die Genüsse der Freien erinnert. Unstreitig ist die Aussicht, einen schönen Frühlingstag in einem schwarzen Loche zubringen zu müssen, herber als die, welche unser Held gegenwärtig vor sich hat.
Gleichmüthig, gähnend folgt er dem Aufseher, der ihn richtig zum Vorstande führt.
Der Vorfall mit dem Hasenmaul ist nicht minder richtig rapportirt, aber er zieht diesmal wider Erwarten nur einen kleinen Verweis nach sich, dann erfährt der Zuckerhannes Etwas, was ihn im ersten Augenblicke entzückt, im zweiten zu Boden schlägt.
Drüben im Schwarzwalde ist die alte Bibiane, Brigittens, seiner Mutter Base vor einiger Zeit gestorben und hat ihm unerwartet mehrere hundert Gulden vermacht.
"Der Gang zum Fesenmichel war voreilig!" denkt der vor Freude zitternde Erbe. Aber die Kosten der Untersuchung sind bedeutend, das Zuchthaus beherbergt Vermögliche nur gegen Vergütung von jährlich 80 fl., der Zuckerhannes ist zu einer hübschen Reihe von Jahren verurtheilt, hat bisher nichts bezahlen können und jetzt werden ihm so viele Abzüge gemacht, daß ihm etwa so viel von der Erbschaft bleibt als er vorher besessen, nämlich Nichts!
"Die Base hats gut gemeint und dumm angefangen, für mich gibts kein Glück auf der Welt!" stammelt der Arme und weiß vor betäubendem Schrecken kaum, was er spricht.
Ohne zu wissen wie kehrt er in den Arbeitssaal und zu seiner Hobelbank zurück, die Kameraden wundern sich über sein zerstörtes Aussehen, der Duckmäuser sucht einen Vorwand an den Haaren herbeizuziehen, um seinen Platz verlassen zu können, doch findet er keine Zeit mehr dazu.
Vergeblich redet der Bläsi mit seinem Nebenmanne, dieser gibt keine Antwort, fährt gedankenlos mit dem Hobel hin und her und zuweilen fällt eine große Thräne auf den Fügebock.
"Wenn mich nur der Teufel nähme, gleich auf der Stelle und die ganze Welt dazu!" seufzt er endlich aus tiefstem Herzensgrunde und schleudert den Hobel ingrimmig zu Boden.
"Bst, bst!" warnt der Aufseher.
"Wir bekommen Visite!" murmelt der Bläsi, bückt sich und gibt dem Zuckerhannes den weggeworfenen Hobel wieder in die Hand.
Sobald die Nähe eines Beamten angekündigt wird oder ein solcher in den Arbeitssaal tritt, verdoppeln die Sträflinge im Nu ihren Arbeitseifer und räumen dem _Schweigsysteme_ die Oberherrschaft ein.
Die Zeit, während welcher gesprochen werden darf, ist bestimmt festgesetzt, auf eine strenge Durchführung des sogenannten Schweigsystems verzichtet die Hausordnung und bezeugt schon dadurch, daß sie von einsichtsvollen und erfahrenen Fachmännern entworfen wurde.
Während der Arbeit soll jedenfalls nichts Unnöthiges gesprochen werden, aber wenn man dieses verhindern wollte, müßte man zunächst den Betrieb aller Gewerbe aufstecken, welche Lärm verursachen und vielen Raum erheischen, ferner die Zahl der Aufseher mindestens verzehnfachen und auf wortkarge, herz- und gemüthlose Dienstmaschinen Rücksicht nehmen, endlich jedem Sträfling eine Larve aufsetzen, denselben an seinem Platze festbinden und ihm einen Knebel in den Mund stecken, zuletzt die Anzahl der Arreste verdoppeln, einen eigenen Schreiber für die Führung des Strafbuches besolden, einen kleinen Nero zum Vorstande machen und gewärtigen, daß wenig oder schlecht gearbeitet, Vieles verdorben und gelegenheitlich Leib und Leben des Personals der Beamten und Aufseher gefährdet und angegriffen wird.
Ohne derartige Maaßregeln würde das sogenannte Schweigsystem zu theurer Spielerei, wobei der Staat gar nichts und die Gefangenen noch weniger Ersprießliches erzielten.
Verstünde man sich aber zum Versuche strenger Durchführung, dann liefe das Ganze auf eine Menschenquälerei hinaus, welche alle Redensarten von Humanität geschweige von christlicher Liebe albern und hohl erscheinen ließe, sehr viel edle Kräfte und Geld kostete und Namhaftes beitrüge, um das ohnehin gegen Religion und Gesellschaft erbitterte Gemüth des Sträflings vollends zu versteinern, jeglicher Art von Belehrung und Bekehrung unzugänglich zu machen.
Wenn es auf uns ankäme, schrieben wir über das Portal von Singsing und jeder verwandten Anstalt: "Nichts ist so abgeschmackt und verderblich, daß es nicht von irgend einem Gelehrten ausgeheckt werden könnte; Wanderer, stehe still, betrachte dieses in Stein ausgehauene Exempel oder gehe hinein und überzeuge dich, wie sehr die Menschen sich vom Scheine betrügen lassen!" Das Schweigsystem ist das auf dem halben Wege stecken gebliebene System der einsamen Haft, eine Zwitterschöpfung, welche die Nachtheile des Beisammenlebens der Sträflinge nicht beseitiget, höchstens in ihrer Erscheinung ein bischen modificirt und die Vortheile der einsamen Haft nimmermehr zu erreichen vermag.
Es mag wohl aus der Erkenntniß hervorgegangen sein, daß den Uebelständen der gemeinsamen Haft künstliche Klasseneintheilungen nimmermehr abhelfen und daß Zellengefängnisse eine gefährliche Kur seien, wobei der Sträfling leiblich und geistig leicht zu Grunde gehe und nicht zum Freunde Gottes und der menschlichen Gesellschaft, sondern zum Verstockten, Wahnsinnigen und Selbstmörder werde.
Statt mit dem Aufheben des Zusammenlebens der Sträflinge alle Folgen desselben von selbst verschwinden zu machen und statt zu bedenken, daß die einsame Haft ein Problem sei, dessen Durchführung längere Probezeiten und reiche Erfahrungen voraussetze, lassen die Anhänger des Schweigsystems die Sträflinge beisammen, muthen diesen Menschen zu, freiwillig zu Maschinen oder Stockfischen zu werden, _sich selbst zu isoliren_ und weil dies nicht angeht, wird zu Hetzpeitschen gegriffen und im Namen des Rechts und der Humanität der Mensch unter das Vieh herabgewürdiget, ohne Viehisches zu begehen.
Der Vorstand der Schweiganstalt Sankt Jakob bei Sankt Gallen hat mit schweizerischer Biederkeit und edler Selbstverläugnung seine Erfahrungen innerhalb eines Zeitraumes von zehn Jahren der Welt dargelegt, die Unfruchtaarkeit [Unfruchtbarkeit] und Mängel des Schweigsystems auch tabellarisch enthüllt; ferner ist der Credit dieses Systems aus guten Gründen stark im Abnehmen, deßhalb mag der Leser auf eine ins Einzelne gehende Critik desselben hier gerne verzichten und leicht begreifen, strenge Aufrechthaltung des Schweigens während der Arbeit sei in den meisten Sälen des Zuchthauses, in welches wir ihn einführten, eine unmögliche Sache.
Der Beamte tritt in einen Webersaal; der ihm entgegenströmende starke Geruch, für dessen Bezeichnung die deutsche Sprache trotz ihrem unerschöpflichen Reichthume uns keinen genügenden Ausdruck darbietet, schlägt ihn nicht zurück und er steht in einem Walde voll astloser, blätterloser, kahler Bäume; Balken und Webstoffe bilden das undurchdringliche Unterholz und schon weil jeder Schritt eine alte Aussicht versperrt und eine neue bietet, muß der Beamte forschend durch die schmalen Gänge des Saales sich hindurchwinden.
Wie ächzen, knarren und lärmen die Webstühle, wie lustig zischen hin und zischen her die Schiffchen der emsigen Weber, wie anmuthig schnurren die Rädlein der Spuler und mitten in diesem Lärm nur Eine Menschenstimme hörbar, nämlich die des Werkmeisters.--
Angesichts der fleischgewordenen Hausordnung schrumpft jede Sträflingsseele für einige Minuten zu ausschließlicher Arbeitskraft zusammen, aber sollte dies länger dauern als der Besuch währt?
Der Werkmeister übersieht stets nur einen Theil des Saales, Weber und Spuler können nicht auf Einem Flecke sitzen bleiben, jeder gebrochene Faden und jeder Ruf nach frischen Spulen setzt sie in Bewegung, der Werkmeister ist auch ein Mensch und muß ein freundlicher, ordentlicher Mann sein, wenn gut und viel gearbeitet werden soll, denn dieses läßt sich durch keine Gewalt erzwingen.
Die Erfahrung lehrt, daß Strenge weit größere Unordnungen hervorruft, als Nachsicht und Güte, und Sträflinge sind im Allgemeinen fügsame, fleißige Leute, wenn man dieselben nur zu behandeln versteht.
Trotzige, gefährliche Bursche gibts in jedem Saale; diese werden am besten in Schach gehalten, wenn der Werkmeister die klügere Mehrzahl für sich gewinnt. Unter 20 bis 40 Sträflingen den ganzen Tag leben und den unerbittlichen Spielen wollen, hat seine vielfachen Bedenken und es ist bald befohlen, aber nicht bald ausgeführt.
Bei Metallarbeitern und in der Hanfreibe übertönt der Lärm jedes laute Gerede und auf der Seilerei würde ein Arbeiter, der mit seinem Radbuben durch Grimaßen sich verständigte, eine seltsame Figur spielen. Die Bahn ist lang, der Meister muß dem Geschäfte nachgehen und steht er vorn, dann plaudern oder flüstern die Radbuben, steht er hinten, dann plaudern die Seiler und ein verständiger Beamter darf wohl zufrieden sein, wenn nur keine unnützen, verderblichen Gespräche geduldet werden.
Und bei den Holzhackern!
Ein Paar, welches Eine schwere Säge handhabt, deren Krächzen im Bunde mit dem Schlag der Äxte ein leises Reden selbst für den nahestehenden Aufseher unhörbar macht, sollte schweigen vom Tagesanbruch bis zur sinkenden Nacht? Der leiblichen Anstrengung und der aufgezwungenen Hausordnung willen noch moralischen Zwang beifügen? Und wozu? Fleißiges Arbeiten beseitigt viel nutzloses Gerede von selbst und Nothwendiges muß geredet werden.
Lauter donnern die schweren Küferhämmer gegen die hohlen Fässer, vielstimmiger ächzen die Hobel, munterer schwirrt die Drehbank, eifriger zischt der Schleifstein, rascher eilen die Sträflinge mit ihren Aufträgen hin und her und wenn Einer einen nöthigen Gang verschieben kann, verschiebt er denselben gewiß, bis der Beamte den Rücken kehrt.
Jetzt steht dieser beim Zuckerhannes und sucht den niedergeschlagenen Burschen zu trösten, indem er versichert, Alles für baldige Begnadigung desselben thun zu wollen, so daß ihm im günstigen Falle immer noch Erklekliches von der Erbschaft übrig bliebe.
Der Angeredete seufzt tief auf und weint:
"Unser Herrgott wird alles zum Besten lenken, ich für meinen Theil glaube an kein Glück mehr!"
"Da glaubt Ihr zuviel, bleibt brav und fleißig, dann wird noch Alles gut werden!" tröstet der Beamte und wendet sich zu einem Andern.
Hannes berichtet dem Bläsi, was der Beamte heute so freundliches geredet, der nahestehende Räuber hört zu und sagt finster:
"Hans, traue den "Großköpfen" nicht, s'ist Einer so schlecht wie der Andere und der dort Einer der Schlimmsten, sonst hätte er sich nicht als Oberschinder anstellen lassen! ... In _seinen_ Beutel wird er dein Geld gesteckt haben, glaubs, ich kenne mich aus!"
"Kannst Recht haben, wer weiß? Unsereiner versteht eben nichts von all den lumpigen Gesetzen und wird doch bestraft, wenn er über das einfältigste hinausstolpert! ... S'ist himmelschreiend, wie man mit armen Leuten umgeht! ... Wäre nur der Spaniol da oder noch besser die ""große Zukunft!""
"B'st, er guckt!" flüstert Einer vom Ofen herüber.
Der Beamte steht beim Duckmäuser und lobt die Arbeiten desselben.
Will man talenvolle [talentvolle] Handwerker, wahre mechanische Genies finden, so muß man in Zuchthäusern nachsuchen, in welches wenige von Natur beschränkte Menschen kommen, desto häufiger solche, die bei besserer Erziehung und unter günstigeren Lebensverhältnissen ihrem Vaterlande zur Ehre und Zierde gereichen würden. Auch der Duckmäuser ist im Zuchthause zu einem Sesselmacher, Kunstschreiner, Dreher und Bildschnitzer geworden, der es in all diesen Dingen mit dem besten Meister einer Residenz aufzunehmen im Stande wäre. Das Arbeiten ist ihm Zerstreuung, Erholung, die wohlverdienten Lobsprüche der Beamten und Werkmeister, die Weihrauchwolken der Kameraden nimmt er scheinbar gleichgültig hin, aber sie gewähren ihm einen Schimmer von Glück, denn er ist ein gefallener Engel, die Natur hat ihn mit all ihren Gaben ausgestattet, widrige Schicksale trieben ihn in verkehrte Bahnen, der Hochmuth hat ihn gestürzt und ein stolzes, ehrgeiziges Herz schlägt noch immer und zuckt schmerzlich unter dem entehrenden Sträflingskittel.
Während der Beamte vom Duckmäuser weggeht, schreit der einäugige Stoffel ins Gewölbe herab:
"Katholiken! ... Katholiken! ... Unterricht!" und alle katholischen Sträflinge rüsten, entfernen sich und eilen der Kirche oder vielmehr dem schmucklosen Betsaale zu.
Die vordern Stühle sind bereits von den Frommen der Zuchthauswelt, nämlich von den rückfälligen Dieben in Beschlag genommen, die übrigen füllen sich rasch, manche Bekannte, welche sonst niemals zusammenkommen, finden sich hier zusammen und Gelegenheit, ein vertrautes Wörtlein zu reden.
So sitzt diesmal der Zuckerhannes neben dem Indianer, der wegen Tödtung schwer verurtheilt und dadurch schwermüthig geworden ist, denn in ihm steckt ein ursprünglich edler Kern, er fühlt, Einen mit den schlechtesten Subjekten zusammenwerfen, heiße so viel, als das bessere Ich desselben zum Selbstmorde verdammen. Weit entfernt, das ihm gewordene Urtheil gerecht zu finden, hat der Vollzug ihn zum heißen Feinde der Gesellschaft und zu einem heißen Anhänger der Ansichten des Spaniolen gemacht.
Er unterhält sich mit Hannes vom Spaniolen, behauptet, in der Noth sei alles erlaubt, Todschlag und Betrug, der Spaniol sei in schwerer Geldnoth gewesen, der Betrug, welchen er am Zuckerhannes beging, lediglich ein Akt der Selbsthülfe und Nothwehr und schließt:
"Er hat den Moses anzapfen wollen, aber dieser war ihm zu pfiffig; mit dem Murmelthier war gar nichts anzufangen, weil er Gedächtniß und Verstand längst verschlafen hat, Martin war vermöglich und freigebig, allein ein minderjähriger Schlosserlehrling, der eben nur Taschengeld bekam, wir Andern besaßen Alle nichts und so mußte er nothgedrungen _dich_ daran kriegen!"
"Ich verzeihe es ihm doch nicht. Ein sauerverdienter Kreuzer ist Jedem lieb und er hätte sich mit Wenigerem begnügen können. Freilich hat mir der Staat erst heute zwanzig mal mehr gestohlen und--"
"Ruhig!" brummt der Bierbaß eines Aufsehers.
Aus einem Bretterverschlage, welcher eine Sacristei vorstellen soll, tritt der Geistliche im Chorrocke heraus zum Altare, alles Gemurmel und Geflüster verstummt.
Er verkündiget zunächst, die österliche Zeit sei nahe, er wolle am nächsten Samstage mit dem Beichthören beginnen und habe vom Erzbischofe besondere Ermächtigung, auch die schwersten Sünden zu vergeben, ganz natürlich aber nur unter der Bedingung aufrichtiger Buße und Besserung des Sünders.
Die meisten Gefangenen hören solche Botschaft sehr gleichgültig an, manche Gesichter verfinstern sich, über mehr als eines fliegt ein Zug bittern Hohnes, im Hintergrunde des Saales setzen sich einige Mundwerke in leise Bewegung.
"Ich glaube gar, die Schwarzröcke halten uns Alle für schlechter als andere Leute!" murmelt der Bläsi und schaut ganz verwundert vor sich hin.
"Hast gut salbadern da vornen mit deinen rothen Bäcklein und dem feisten Wampen! ... Kannst auf Erden fressen und saufen, was Dir beliebt und hintennach kommt der ewiglange Himmel!" spottet der Exfourier.
"Wär' doch ein großer Narr, wenn ich dir Dinge sagen sollte, die ich vor Amt verschwieg!" zischt ein Falschmünzer.
"Der Bischof muß ein rechter Aristokrater sein! ... _Wir_ schwere Sünder? Ei, so hole dich doch Dieser und Jener!" brummt der Mordbrenner.
"Ich lasse das Beichten bleiben und Einige in unserm Saale mit mir, willst du mithalten?" fragt der Indianer den Zuckerhannes.
"Nein, ich beichte und communizire!" erwiedert dieser und flüstert dem Nachbar ins Ohr, warum, und--
"Seid doch ruhig dort hinten!" bittet der Geistliche.
"Ruhig, ich sag' es zum letztenmal!" donnert der Aufseher.
"Herrgott, wenn ich wieder eine Kirche betrete, sobald ich von diesen Leuteschindern weg bin, dann soll mich--!" murmelt ein kleiner Knirps und wirft den Kautabak unwillig aus der rechten in die linke Backentasche.