Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling Erster Theil

Chapter 23

Chapter 233,503 wordsPublic domain

"Wäre ich ein Spitzbube, Räuber, Mordbrenner und Mörder geworden, wer trüge wohl viele oder die meiste Schuld daran? Nennt Dir das weite Gewissen keinen Namen? Hätte ich das schlechte Leben Deiner Jugend auch bereits angefangen und mein Elend durch neue Waisen vervielfacht, wer hätte die erste Verantwortung dafür? Würde ich mit allen meinen Nachkommen dereinst ewig verdammt werden, wer hätte der Hölle diese Rekruten angeworben?"

"Ich brauche Dir den Namen einstweilen nicht mit einem Dreschflegel hinter die Ohren zu schreiben; wenn Du auf Dich selbst hinweisest und sagst: das ist der Schuft!--dann hast Du den Rechten errathen!--Gelt, der _junge_ Fesenmichel hat beim Bärenwirth im Walde drunten keine derartigen Gedanken bekommen? Ich vermuthe, der _alte_ Fesenbauer bekomme vom vielen Denken noch immer keine Kopfwehe, deßhalb hat der Ismael diese Schrift machen lassen und mit Freuden unterzeichnet."

"Beiliegende Zeugnisse und Schriften enthalten die Beweise, daß ich Brigittens Sohn und der Deinige sei vor Gott und daß ich ferner groß geworden, ohne eine besondere Schlechtigkeit zu begehen."

"Von meinen Unglücksnächten und Trauerjahren will ich Dir so wenig erzählen als von den zahllosen Flüchen, welche ich Waise auf Dich herabfluchte. Ich bin so gut Dein Kind, wie Deine ehelichen es sind, vor Gott dem Allmächtigen habe ich von Dir Alles zu fordern, was ein ehelicher Sohn vom Vater zu fordern hat und wenn Gerechtigkeit auf Erden zu finden wäre, würden die Gesetze einen Menschen Deiner Art ins Zuchthaus zu den Leibesmördern und Seelenmördern senden oder jedenfalls weniger, auch gar keinen Unterschied zwischen den Rechten ehelicher und unehelicher Kinder machen!"--

"Aber Brigittens Verzeihung soll gelten, ich will Alles vergeben und vergessen, was ich 21 Jahre um Deinetwillen litt und Dein getreuer Sohn werden oder Dir angeloben, eidlich angeloben, den Eid schriftlich aufsetzen und gerichtlich bestätigen lassen, daß ich niemals wieder einen Anspruch irgend einer Art an Dich machen werde, Alles, wie Du es willst--wenn und insofern Du Dich jetzt dazu verstehst, mir nur einen kleinen Antheil von Dem zu geben, was jedes Deiner ehelichen Kinder wohl schon gekostet, geschweige noch zu erwarten hat."

"Vier- bis fünfhundert Gulden nämlich reichen aus, aus einem der verlassensten Bursche des Landes zeitlebens einen glücklichen Mann zu machen, der Dich und die Deinigen niemals belästiget und täglich für Euer Wohlergehen betet."

"Um Christi Barmherzigkeit willen flehe ich Dich an, zum ersten- und letztenmal menschlich gegen mich zu sein, zu Füßen will ich Dir fallen um Dein Felsenherz zu erweichen und nicht Dich und wohl auch mich zeitlich und ewig unselig zu machen."

"Mit leeren Versprechungen lasse ich mich nicht abspeisen; Dein Geiz darf nichts hoffen, ein guter Freund hat mir gesagt, was ich zu thun habe, wenn Du Flausen machtest und Gott sei mein Zeuge, daß ich nimmer weiche, nimmer ablasse, Dich auf alle möglichen Arten zu quälen und zu verfolgen, wenn Du mir nicht einige hundert Gulden, weiche Du wohl stets bereit oder doch sehr nahe bei der Hand hast, mir einhändigest, damit ich bald wieder fortkomme."

"In Betreff der Amtsleute bemerke ich Dir, daß ich Zuchthaus, Galgen und Rad weniger scheue, als ein Leben ohne Geld, welches ich bisher ertrug, nunmehr aus Gründen, die ich Dir mündlich mittheilen kann, nicht länger ertragen mag."

"Ueberlege wohl, Fesenbauer, bevor Du handelst und handle diesmal menschlich und christlich an Deinem

_Ismael Zuckerhannes_."

Dieser Brief wurde vom Leser in hundert Fetzen zerrissen, ohne das Conzept des Winkeladvokaten wäre die solide gebildete Welt um ein Muster unanständiger Grobheit ärmer geblieben.

Der Michel hat in dieser Nacht nicht geschlafen und unwillkührlich viel an die Brigitte und ihren Bären gedacht.

Am nächsten Morgen geschah, was der Spaniol einst prophezeit hatte, der heranrückende Zuckerhannes wurde nämlich vom Fesenhofe durch den Kettenhund, das Schimpfen, Schelten und Drohen der zweibeinigen Bewohner schmählich vertrieben und vergaß die rührende Rede, welche er sich während der Nacht ausgedacht, bevor er noch ein Wort davon über die Lippen brachte.

Am dritten Abend später blieb der Fesenmichel ungewöhnlich lange von seinem Hofe weg.

Die Bäuerin und Marianne schalten und lärmten, der lange Jörg, der älteste eheliche Sohn des Hauses, fluchte wie ein Türke, später jedoch griff man zu Laternen und band den Kettenhund ab, die Knechte suchten mit dem Jörg den Hofbauern.

Sie fanden denselben dem Anscheine nach erschlagen in einem Graben und der ganze Verdacht der That fiel auf den Landstreicher, welcher den bitterbösen Brief gebracht und vom Hofe verdienterweise weggehetzt worden war.

Die Bäuerin wälzte sich vor Trauer und zerraufte die Haare sammt zwei Kämmen, Marianne schrie, daß die Leute im Dorfe drüben es hörten, der lange Jörg stelzte in stummem Schmerze hin und wieder, auf und ab und begann ein neues Hausregiment zu führen, als nagelneuer Gebieter zahllose Mängel an allen Maßregeln des Vorgängers zu finden und seine Aufmerksamkeit zunächst auf die kleinsten Kleinigkeiten zu richten--aber Alles änderte der Physikus, welcher am vierten Tage der entsetzten Bäuerin, der wehmüthigen Marianne und dem zornigen Jörg die frohe Nachricht verkündigte, er habe im ersten Augenblick recht gesehen, das Gehirn des Fesenmichel sei unverletzt und die Herzwunde könne zwar langwierige Folgen haben, doch habe der Stich um einer gewissen Rippe willen nicht so tief einzudringen vermögen, um den Michel allzufrüh mit dem Himmel in Bekanntschaft zu setzen.--

Die Gensdarmen liefen sich schier die Beine, jedenfalls dicke Stiefelsohlen ab, um den Zuckerhannes zu fangen, aber sie erwischten ihn nicht und waren froh, daß er sich freiwillig den Gerichten überlieferte.

Er spazirte wiederum in ein Amtsgefängniß und der Prozeß begann ernsthaft zu werden, als der Fesenbauer auf den Beinen und so weit hergestellt war, um vor Amt erscheinen zu können.

Kein Unglück ohne Glück!--Der Zuckerhannes hatte keine Zeit gehabt dem zu Boden geschlagenen Hofbauern das Mindeste zu nehmen und deßhalb wurde er nicht als Räuber behandelt. Ferner schwor der Fesenmichel, die Brigitte sei ein "liederliches Thier" gewesen und der Zuckerhannes sei eher jedes Andern Sohn als der seinige. Dieser Schwur war eine große Wohlthat und der Thäter so gescheidt, die That für die Folge eines kleinen Mißverständnisses zu erklären.

Einige Monate später trug Brigittens unehrlicher Sohn auch unehrliche Kleider.

#EIN TAG IM ZUCHTHAUSE.#

Die Sterne glänzen und flimmern noch hell am Winternachthimmel, der Mond schaut noch in die Straßen der Stadt hinab, man könnte dieselben für ausgestorben halten, wenn nicht zuweilen die eiligen Schritte eines bleichen Nachtschwärmers oder die abgemessenen einer Schildwache auf dem Pflaster hohl und dumpf wiedertönten oder eine Wäscherin längs den hohen stattlichen Häusern einem Marktweibe begegnete und beide sich guten Morgen wünschten--da zittern hell und schrill die Klänge eines Glöckleins durch die Morgenluft und wer sich nicht in holden Träumen wiegt, des Glöckleins Stimme hört und kennt, der weiß, daß ein neuer Tag mindestens für die modernen Staatssklaven, die Bewohner des Zuchthauses, angebrochen sei.

Das Zuchthaus liegt am Ende der Stadt, ist ein altes, weitläufiges mit einer hohen Mauer umgebenes Gebäude mit mehrern Nebengebäuden und Höfen und unseres Wissens sehr sinnvoll und zeitgemäß aus einem ehemaligen Kloster zu einer Kaserne und endlich zum Rang einer Strafanstalt erhoben worden, deren Bewohnerzahl noch vor 10 Jahren nicht 150 überstieg, in neuerer Zeit aber fast nicht mehr unter 330 im Durchschnitt herabsinken will.

Hochgestellte Staatsbeamte, weltliche und geistliche Herren, rührige Werkmeister und vielgeplagte Aufseher sind oft viele Jahre und manchmal ihr ganzes Leben hindurch dazu verurtheilt, mit dem den Gesetzen verfallenen Abschaum des Volkes zu verkehren, demselben ihre Zeit und ihre Kräfte zu opfern, ohne großen Lohn und sonderliche Anerkennung dafür einzuerndten und so magst auch Du als Freund des Volkes Dich dazu bequemen, der Stimme jenes Glöckleins zu gehorchen, als unsichtbarer und gerade deßhalb als richtig sehender Gast in eine Strafanstalt einzutreten, deren Bewohner in Sälen Tag und Nacht beisammen hausen und welche den Ruf einer Musteranstalt der gemeinschaftlichen Haft vollkommen verdient.

Dem ersten Anscheine nach geht es in einem derartigen Hause gar einförmig, still und dennoch rührig zu; es ist eine wahre Freude, das Leben und Treiben der reinlich gekleideten, gut aussehenden, bescheidenen, gehorsamen und fleißigen Sträflinge einmal mitanzusehen und könntest beinahe Lust bekommen, mit dem nächsten besten Graukittel human oder christlich zu fraternisiren--aber ein Mensch wird eben doch niemals zur vollkommenen Maschine, der Wurm, welcher am bessern Selbst des Sträflings nagt, wird von der zweckmäßigsten Hausordnung nicht getödtet und das Wehe, welches ihm oft so tief im Herzen sitzt, durch die einsichtsvollste, menschenfreundlichste Behandlung nur gemildert und niemals gehoben.

Das Glöcklein hat die Gefangenen nicht geweckt, für das Erwachen derselben sorgten schon vorher die Aufseher durch Anpochen an die Thüren der Schlafsäle. In ihre Wollteppiche eingewickelt lagen die Sträflinge auf ihren Strohsäcken, Mancher schaute bereits gleichgültig oder sehnsüchtig dem neuen Tage des alten Elendes entgegen, Andere störte das Rufen und Pochen in süßen Träumen und verwandelte lächelnde Gesichter in niedergeschlagene Alltagsköpfe, Alle erheben sich, greifen nach ihren Zwilchkleidern, Strümpfen und Schuhen und in einer halben Minute ist die Toilette schon so weit gediehen, daß nachträglich zum Kamme und zum Handtuche gegriffen werden kann.

Dort im Hintergrunde steht ein gemeinsamer Waschtisch, ein altes Fäßlein oben darauf, dahin trabt Einer nach dem Andern, das Lachen, Fluchen und Selbstquälen beginnt gemeiniglich schon bei dieser Gelegenheit, denn Jeder will zuerst Wasser haben und schön werden und der Gänsewein läuft doch nur aus einem Hahnen, den Becher kann nur Einer nach dem Andern bekommen und der Flinke ärgert sich über den Langsamen.

Die Gescheidesten machen einstweilen ihr Bett und geben demselben die vorschriftmäßige Glättung, ehe sie sich waschen und kämmen; die Unreinlichsten begnügen sich mit einigen Tropfen Wasser, welche auf das Handtuch als Ovation der Hausordnung tröpfeln, lassen die ohnehin kurzgeschnittenen Haare ungekämmt, die Verzärtelten thun dasselbe, denn der Winter hat seine Eisblumen über die Fenster des Saales gewoben, so daß man weder Drathgitter und Eisenstäbe vor denselben noch den Sternenhimmel sieht und das Wasser ist kalt. Ehe die Langsamsten und diejenigen, denen der Aufenthalt in dem dumpfen Saale Kopfweh verursachte oder der von schweren Träumen beherrschte Schlaf keine Erquickung gewährte, vollkommen fertig geworden, klirren Schlüssel und Ketten, die mächtigen Riegel der eisenbeschlagenen Thüre des Saales Nro. 5 werden zurückgezogen, die Thüre springt auf, ein schnurrbärtiger Aufseher tritt in den Saal und wird von mehr als einem freundlichen "guten Morgen, Meister!" empfangen.

Ein Fremder würde vielleicht vor der verderbten Luft, welche ihm aus dem Schlafsaale entgegenströmt, weichen und etwas von jenem unbeschreiblichen, durchdringenden Geruche wittern, welcher der Kerkerluft eigen ist, doch die Geruchsnerven eines Aufsehers sind längst gegen derartige Kleinigkeiten durch Gewohnheit abgestumpft, der Aufseher nimmt lediglich zu seinem Vergnügen eine riesenmäßige Prise und wirft die Augen prüfend rings umher.

Alles befindet sich in guter Ordnung, jeder Gefangene steht bei seiner Bettlade, das Summen und Brummen wird durch den ersten Kommandoruf des Tages in lautlose Stille verwandelt.

"Gebet!"

Die Reihe des Betens ist heute an Nro. 117, einem Mordbrenner aus der Baar, dessen dicker Kopf und ungemein starker Nacken an einen tüchtigen Schweizerstier oder an eine englische Bulldogge mahnen. Der Gute haspelt Etwas herab, was möglicherweise einem Vaterunser ähnlich lautet, mindestens versteht man die Worte "Vater unser" und "Absterbens Amen," die Kameraden falten die Hände und schauen in die Nacht hinein.

"Ab!"

Jeder greift nach seiner Mütze, Einer nach dem Andern trabt der Thüre zu, Einer hinter dem Andern in den Gang hinaus und an den Aufsehern vorüber, welche mit Soldaten an einigen Posten aufgestellt sind und Jeden mustern.

Der Aufseher, welcher der Saalthüre zunächst steht, zählt die Herausgehenden, ein Zweiter macht für Jeden derselben einen Strich auf eine Schiefertafel, die Zahl wird voll, Keiner der unfreiwilligen Gäste fehlt, einige derselben sind uns bekannt.

Das Affengesicht ist unter den Ersten, welche aus dem Saale Nro. 5 schleichen, hat die Zwilchkappe sehr herausfordernd auf das linke Ohr gesetzt, aber die verloschenen, mit blauen Ringen unterlaufenen Augen, die gebückte Haltung, der schlotternde Gang und vor Allem die süßfreundliche Frazze, womit er die ernstblickenden Aufseher begrüßt, beweisen, daß Kraft und Muth nicht in der Seele dieses Subjektes flammen.

Ein Faustschlag des hinter ihm gehenden Mordbrenners reichte wohl hin, das durch längere Gefangenschaft und andere Dinge erschöpfte Affengesicht zu zermalmen. Jetzt kommt Einer, von welchem ein witziger Sträfling behauptet, derselbe müsse ein Gärtner sein, weil er das Saamensäcklein beständig am Halse hängen habe--es ist der Zuckerhannes, der lang und faul aus dem Saale hinkt und nicht vergißt, jeden Aufseher gutmüthig anzulächeln. Die Wangen sind offenbar stark verbleicht und etwas unschlittfarben geworden, doch im Ganzen sieht unser Held gar nicht übel und unglücklich aus und die reinliche Sträflingstracht kleidet ihn recht gut.

Dem Zuckerhannes folgt ein eisgrauer Mann mit großen, schwermüthigen Augen und kummervollem, gefurchtem Antlitze. Er grüßt Niemanden und man bliebe zweifelhaft, ob die langen, schmalen Lippen durch Krampf oder Gebet beständig in Bewegung erhalten würden, wenn man nicht wüßte, daß Beides zugleich der Fall sei.

Ja, der alte Melchior betet vom frühen Morgen bis in die späte Nacht, ein Nonplusultra der Frömmigkeit, welches Spott und Hohn der Religionslosen verachtet, denn er hat als Mörder seines Sohnes noch zwölf Jahre hier zu "brennen," ist ein alter Mann, der die Heimath liebt und nur Einen Wunsch hegt, nämlich sein Dörflein wieder zu sehen. Er betet um Befreiung aus dieser Jammerhöhle und je länger diese ausbleibt, desto inbrünstiger und ausschließlicher fleht er um dieselbe.

Hinter dem Melchior trabt ein Bube einher, welchen wir ein Kind nennen würden, wenn nur noch etwas Kindliches in diesem pfiffigen Spitzbubengesichtchen sich entdecken ließe. Blutjung an Jahren übertrifft er den alten Melchior an Erfahrung in Sachen der Greiferkunde und jedenfalls an Verschmitztheit und Schlechtigkeit. Weil er außergewöhnliche Anlagen zu Lastern und Verbrechen bethätigte, sandte ihn die einsichtsvolle Gesellschaft auch ungewöhnlich früh auf diese Hochschule der Verbrecher und es scheint, daß er die von gründlicher Erfahrung strotzenden Vorträge grauer Schelme mit Nutzen hört.

Mit dem festen Schritte eines Soldaten folgt ein hochgewachsener, noch jugendlich aussehender Bursche, dessen edle Gesichtszüge wenig von der Resignation eines alten Sträflings, wohl aber von stiller Schwermuth und hoffnungsloser Verzweiflung sprechen. Das Feuer der dunkeln Augen ist noch nicht verloschen, der Mund, der so mancher Dorfschönen und Stadtmamsell freundlich zugelächelt, hat das Lächeln noch nicht verlernt, doch aus den Augen sprüht ein innerer Brand und durch das Lächeln zuckt ein tiefer Gram.

Dieser schöne, interessante Mensch ist ein lebenslänglich Verurtheilter, nämlich der Duckmäuser, der erste und letzte Busenfreund des Zuckerhannes.

Wir werden uns viel mit ihm beschäftigen, der Umstand, daß er kein Gebilde dichterischer Einbildungskraft ist, sondern bis heute lebt, vermehrt vielleicht das Interesse des Lesers--doch für jetzt lassen wir den armen Duckmäuser abmaschiren und befassen uns lediglich mit der Sträflingsrolle desselben.

Der brave Obermeister, welcher die Namen derjenigen aufzeichnet, die heute Nacht im Saale Nro. 5 erkrankt sein wollten und einen sichtbar Erkrankten bei sich zurückbehält, grüßt den Duckmäuser freundlich und dieser eilt hinaus in den Hof, nimmt in der Geschwindigkeit einen Schluck frischen Wassers vom Brunnen mit, blickt zum Monde empor, gedenkt seufzend der lieben Schläfer im Heimathdörflein, welches er niemals wiedersehen soll und verschwindet dann in der Thüre eines Nebengebäudes.

Stumm, in ihre dunkeln Mäntel gehüllt, stehen Schildwachen und Aufseher in den Höfen umher, außer den Schritten der Sträflinge vernimmt man keinen Laut, endlich verhallen auch diese, nur der Bach, der seine raschen, kalten Wellen durch die Strafanstalt jagt, murmelt mit dem Morgenwinde.

Doch hell ist's geworden hinter den großen und kleinen vergitterten Fenstern der Arbeitssäle, rasch wird der Lärm der Arbeiter hörbar, dort das emsige Klopfen der Schuster, hier das taktfeste Aechzen der Webestühle, nicht weit davon das gemüthliche Schnurren der Rädchen der Spuler, Spinner und Wollspinner; tief aus dem Bauche der Erde herauf zischen alle Arten von Hobeln, kreischen Sägen, donnern schwere Küferhämmer und das wilde Rauschen des losgelassenen Wasserrades, das dumpfe Rollen gewichtiger Walzen in der Hanfreibe mahnt an die industrielle Neuzeit, wie die frühere Stille an das Klosterwesen des Mittelalters.

Steigen wir hinab in das Gewölbe der Holzarbeiter, so finden wir dasselbe hell erleuchtet und voll rühriger Arbeiter, denn schon die empfindliche Kälte des Morgens setzt trotz dem knurrenden Veto des leeren Magens Füße und Hände in Bewegung.

Gemessenen Schrittes geht ein unbewaffneter Aufseher ruhig auf und ab, während der Werkmeister von dieser Hobelbank hinter jene Reihe doppelt aufgethürmter Salzfässer eilt, an jenem Schleifsteine nur verweilt, um dem fleißigen Drechsler oder dem geschickten Holzschnitzer oder Leistenmacher ein schärferes Instrument zu bringen oder am Schreibtische in der hintersten Ecke die Arbeitslisten des Tages zu ordnen.

Vor dem Ofen steht der Zuckerhannes mit einer Schaufel, schaut behaglich in die Flammen, deren röthliches Licht seine Gestalt umflackert und füttert von Zeit zu Zeit den Wärmespender mit Abfall und Hobelspänen.

Befinden sich Aufseher oder Werkmeister nicht gerade in der Nähe, dann schaut das Bulldoggengesicht des Mordbrenners vielsagend von der Fügbank zum Heitzer herüber oder eine listige Galgenphysiognomie blinzelt für einen Augenblick hinter dem Ofen hervor oder ein furchtsamer Neuling zischt ein kurzes Wort, der Zuckerhannes aber wirft die Augen spähend umher, bückt sich dann rasch, zieht einen dunkeln Gegenstand zwischen den Hobelspänen hervor und im nächsten Augenblicke fliegt ein Stück Erlenholz, Nußbaumholz, ein Sesselfuß, ein Eichenklotz oder etwas Anderes in die lodernde Gluth und die Schaufel sichert der Flamme ihren Raub durch nachgestoßene Hobelspäne. "Spart Holz an den Sträflingen, Ihr Kaiben!" murmelt der Zuckerhannes und lacht schadenfroh, die Nachbarn lachen, der Schurrbart [Schnurrbart] des zurückkehrenden Vorgesetzten zaubert lauter unschuldige Mienen um sich her, doch inwendig lacht das Herz fort und das Verschwinden des Argus gibt das Signal zur Wiederholung des Manövers.

Der Werkmeister mag noch so getreu, der Aufseher noch so scharfblickend und erfahren sein, dennoch wird an Rohstoffen und Arbeiten in Sträflingssälen jährlich Vieles absichtlich verdorben und wer mit Strenge dreinfährt und dadurch die Arbeiter erbittert, wird bald arg erfahren, daß keine Macht der Erde den Menschen zur willenlosen Maschine und den Sträfling zum getreuen Haushalter mit fremdem Eigenthum macht.

Es gibt manche, vielleicht viele Gefangene, welche das ihnen anvertraute Gut sehr sorgfältig und eifersüchtig hüten, dafür ist ihnen das des Nachbars vollkommen gleichgültig und Viele haben ihre Freude daran, Rohstoffe zu verderben und zu verschleudern.

"Es gehört dem Staat!" brummt der Exfourier, ein langer Mensch, dessen Fuchskopf von einer ungeheuern Adlernase beschattet wird und spedirt im Vorübergehen ein hölzernes Arbeitsgeräthe in den Ofen, der sich freudig aufflackernd für diesen Morgenbissen bedankt.

"Es gehört dem Staat!" wiederholt der Zuckerhannes und fügt bei "der Teufel soll den Staat holen!"--Der Staat ist ihm ein ungreifbares Etwas, ein reicher, vornehmer, mächtiger Feind, der ihn beherrscht und quält und dafür auf jede Weise beschädigt werden muß.

Manche Sträflinge gehen hin und her, wandeln ein und aus und mehr als Einer kehrt freudiger zurück, als er fortgegangen. Die holde Dämmerung ist der Mantel, unter welchem der Hausordnung die besten und sichersten Schnippchen geschlagen werden, der Abtritt die Börse und das Rathhaus der Zuchthauswelt. Hast Du Schick? fragt ein Straßenräuber den Ofenheitzer. Dieser zieht ein Päcklein dieser Sträflingsambrosia hervor, der Räuber schneidet eine Viertelelle ab, klirrt freudig mit seinen Ketten und ist in diesem Augenblicke ein Glücklicher.

Wie wenig gehört dazu, ein Kind oder einen Gefangenen glücklicher oder unglücklicher zu machen!--

"An Eure Arbeit!" donnert der Aufseher den Beiden zu; der Zuckerhannes springt an seine Fügbank, der Straßenräuber aber schreitet trotzig nach der Thüre.

"Wohin?"

"Hinaus!"

"Schon wieder?--Verfluchtes Geläufe!"

"Schon wieder!" schnauzt der Kettenträger und murmelt vor sich hin einen schweren Fluch über alle Leuteschinder.

Er trifft einige Andere; der Exfourier erzählt eben, wie bis zur Stunde ein ehemaliger Aufseher in der Stadt herumstolpere, welcher eine Perüke und darunter einen silbernen Hirnschädel trage, weil ihm der beinerne von einem Sträfling eingeschlagen worden sei. Die Zuhörer bewundern die That dieses Sträflings und der entzückte Kettenmann schwört, nach der Entlassung dem Hungerleider da drunten mindestens die Augen ausdrücken oder die Beine abschlagen zu wollen.

"Weßhalb bist Du da?" fragt der Exfourier einen jungen Burschen, welcher erst vor zehn Tagen gekommen und gestern zur Arbeit gesandt wurde.--"Von wegen meiner Religion!"--"Wirst doch nichts auf die Spitzbuben von Pfaffen halten!"--"Gott bewahre, ich habe meine eigene Religion und deßhalb bin ich hier, denn mein Glaube wird verfolgt!"--"Ja, was glaubst Du denn?"--"Ich habe geglaubt, das Gut Anderer sei das meinige, es ist mein erster und letzter Artikel!"--Alle lachen, Einige gehen, Andere kommen, unter letztern der Zuckerhannes mit dem Benedict, wie der Duckmäuser heißt.

"Ah bonjour, Benedict, mein, ich habe schön von meiner Braunen geträumt!" sagt der Exfourier und lacht höhnisch.

"Kann mir denken, was ein Schwein deiner Art träumt!" meint der Benedict trocken.

"Hört einmal diesen Narren, er vergönnt Einem die Träume!" meint Einer.

"Der Duckmäuser hat einen haushohen "Krattel," meint immer, er sei Etwas Besseres als Andere, das hat ihm das Genick gebrochen! ... Wozu ist denn der Mensch auf der Welt, wenn er nicht einmal ein bischen ein Schwein sein darf? ... Kannst Dich noch so tugendhaft anstellen, deßhalb siehst Du die Marzell, die Susann, das Rosele und wie deine "Menscher" alle geheißen haben, doch in den nächsten 10 Jahren nicht wieder!" spottet der Exfourier.

"Ein düsterer Zug fährt über das Gesicht des Benedict, während er erwidert:

"Hast Recht! ... es war vielleicht eine Dummheit, daß ich nicht die Grunzer meines Rheindörfleins nachahmte! ... Vielleicht wärs mit mir jetzt doch schon zu Ende!"

"Oh, Du kannst noch frei werden!" tröstet der Zuckerhannes.

"Ja, wenn die Kuh einen Batzen gibt!" scherzt der Benedict.

"Wir wollen gehen, das Tagwerk muß heute auch fertig sein!" sagt Einer und die Meisten gehen, während Andere kommen.