Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling Erster Theil
Chapter 21
Je wohler dem Zuckerhannes nach dem langen Marterleben bei der frommen Sonnenwirthin die milde, freundliche Behandlung im Mooshofe bisher gethan und je mehr er sich der Hoffnung hingab, daß auch für ihn endlich bessere Tage angebrochen seien, desto herber empfand er jetzt das Herbe und Kränkende, welches in dem sichtbar veränderten Benehmen der Hausbewohner gegen ihn sich kund gab. Er hatte Fehler begangen, aber die Fehler eines unerzogenen und mißhandelten Buben, hatte auch hart genug dafür büßen müssen, um das Ende der Strafen erwarten zu dürfen und weil dieses nunmehr ausblieb, rannte er sich in dem Gedanken fest, er sei recht eigentlich nur für Ungemach und Unglück geboren und für ihn gebe es weder einen himmlischen Vater noch einen irdischen Freund, dem er sich anvertrauen könne.
Dieser von trüben Lebenserfahrungen vieler Armen und Notleidenden aufgedrungene Gedanke trägt ungemein viel zur Gleichgültigkeit, zum Zweifel und oft genug zum Hasse gegen Gott und göttliche Gebote bei, wie ein vertrauter Umgang mit Verbrechern und Leuten aus allen, besonders aber aus den niedersten und gedrückteren Ständen des Volkes Jeden belehren mag.
Die entsetzliche Summe des offenliegenden und bekannten Wehe, welches auf den Menschen lastet, wurzelt im geheimen Wehe, was Keiner dem Andern leicht anvertraut und häufig genug nicht anvertrauen kann, weil Viele es schmerzlich empfinden, doch Wenige nur klar und deutlich erkennen.
Der Bläsi, der beim Moosbauern Alles galt und dem man außer einer stolzen, heftigen Gemüthsart nicht Vieles vorwarf, hetzte insgemein die andern Knechte und Mägde auf, daß dieselben den Zuckerhannes mit und ohne Anlaß mit unverhehlter Geringschätzung und Verachtung betrachteten und mit offenem Mißtrauen behandelten, um zu bewirken, daß derselbe den Mooshof bald wieder freiwillig meide.
Solches kränkte den Zuckerhannes gewaltig und weil die Neckereien und Quälereien gar nicht aufhörten, er aber jeden Anlaß vermeiden wollte, der seine Vertreibung fordern und herbeiführen konnte, mied er alle Gesellschaft soviel er vermochte und weil die Knechte und Mägde nicht versäumten, auch andern Leuten vom Leben und Treiben des kropfigen, hinkenden Schwarzwälders zu erzählen, der hinter irgend einem Zaune aufgelesen, schon früh ein Spitzbube geworden und wohl nicht umsonst so weit von der Heimath weggegangen sei, so suchte dieser auch außerhalb des Mooshofes keine Kameraden und war ihm ein Gang in die Stadt oder in die Kirche die schwerste aller Arbeiten.
Er hielt seine wiehernden und gehörnten Pflegebefohlenen für weit besser und gerechter als die Menschen und gab es Einen im ganzen Hegan, der ernstlich beklagte, daß Pferde, Rinder und Hunde nicht zu reden vermögen, so war ers. Er zweifelte nicht daran, Thierseelen seien auch unsterblich und nach dem Absterben des Himmels voll goldener Futterkasten und tausendfarbiger Matten würdiger, als die Meisten ihrer Herren. Seitdem ihm ein Spaßvogel von Thierarzt versicherte, in jedem Thiere hause eine unglückliche, verbannte Menschenseele und die Thierwelt sei eigentlich ein wandelndes Fegfeuer, faßte der Zuckerhannes immer mehr Liebe zum unvernünftigen Vieh, redete mit seinen Stallbewohnern nicht blos, was dieselben zu verstehen pflegen und von andern Knechten auch hören können, sondern ganz ernsthafte Dinge, die man sonst nur mit Seinesgleichen redet.
Plagte ihn die Langeweile an ewiglangen, stillen Sonntagnachmittagen und er erzählte dem Vieh von den Thälern und Tannenwäldern des Schwarzwaldes, von der Elsbeth und Katzenlene, dem Gestellmacher und Herrn Vikar oder war ihm etwas Widriges begegnet und er erzählte von seinem Wehe und Leid, dann glotzte zuweilen ihn die Falbe mit ihren großen, schwermüthigen Augen aufmerksam an, bewegte die Lippen hin und wieder und brüllte dumpf und kläglich oder zornig oder der Bleß richtete die hellen, verständigen Augen mit einem unbeschreiblichen Ausdruck auf ihn, schüttelte zuweilen die Mähne, spitzte die Ohren, schnaubte, wieherte und scharrte ungeduldig mit den Vorderfüßen, der Zuckerhannes aber hielt dies für klare Beweise vollkommenen Verständnisses und herzlichen Mitgefühls und gab die Hoffnung niemals auf, die Falbe oder der Bleß, seine Lieblinge oder ein anderes Stück würde einmal unverhofft den Kopf nach ihm wenden, den Mund aufthun und eine ordentlich gesetzte Rede im besten Deutsch etwa beginnen:
"Schau, Hans, wir dürfen mit Menschen sonst nicht reden, obwohl wir es vermögen und warum? Weil so wenig Gerechte auf der Erde wandeln und unter den Millionen Menschen auch nicht Einer ist, von welchem der Fluch der Sünde genommen wäre. Unsere Vorfahren waren auch besser als wir, sie haben im Paradiese mit Adam manche Stunde verplaudert, aber mit der Erbsünde sind Menschenseelen in uns gekommen, der Fluch hat sich auf uns vererbt und eine unserer größten Qualen besteht darin, daß wir nur mit Gerechten oder höchst selten mit einem kleinen Sünder reden können und doch mit Allen reden möchten, namentlich mit Thierquälern, deren Seele gemeiniglich in einen Postgaul fährt. Du hast zwar noch kleine Mängel an dir, aber bisher ein schweres Leben geführt, Gott der Herr hat sich deiner Verlassenheit erbarmt und uns für besondere Gelegenheiten gegen dich die Zunge gelöst!"--
Die Hoffnung auf derartige Ansprache ging niemals in Erfüllung, Hoffen und Harren macht manchen zum Narren und könnte nicht fehlen, daß der Zuckerhannes seine absonderlichen Gedanken wie im Stalle so auch manchmal bei Leuten laut werden ließ.
Die Knechte und Mägde lachten, der Moosbauer lachte anfangs mit, aber seitdem er wußte, der Schwarzwälder gehe an Sonn- und Feiertagen zwar mit andern Leuten bis zur Kirche, dann aber, besonders bei schönem Wetter nicht immer in dieselbe hinein, sondern schlendere in Feld und Wald herum oder kehre in seinen Stall oder auf den Heuschober verstohlenerweise zurück, da schüttelte er bedenklich den Kopf, beobachtete den Zuckerhannes heimlich, wurde mindestens an der Religion desselben irre und machte ihn durch die Androhung augenblicklicher Entlassung wiederum zu einem fleißigen Anwohner des Gottesdienstes.
Das Gelächter der Knechte und Kichern der Mägde hörte nicht auf, hinter dem Gelächter und Kichern steckte bei Diesem und bei Jenem auch etwas Bosheit, Neid und Rachsucht und der Schwarzwälder lieh Anlaß dazu.
Er hielt das Vieh des Mooshofes in einem so trefflichen Zustande, wie es noch niemals der Fall gewesen, war beim Arbeiten der Erste und Letzte und je mehr ihm der Bauer und die Bäuerin dafür Dank wußten, desto weniger wußten ihm dafür die Dienstboten.
Weil er weit mehr arbeitete, als dies bei sonst fleißigen Knechten der Fall zu sein pflegt, so mußten sich seine Mitknechte auch weit mehr anstrengen, damit er ihnen nicht immer als Muster vorgestellt und vorgeworfen würde und dies war ihnen nicht lieb. Sie behaupteten, der Schwarzwälder schinde und plage sich ab aus purem Zorn und Haß gegen sie, thaten Alles, demselben die Arbeit zu erschweren und zu entleiden, richteten jedoch wenig aus und während sonst wohl sogar der Bläsi mit der Zeit seinen Uebermuth und Groll gegen den Zuckerhannes hätte fahren lassen, trug letzterer selbst das Meiste dazu bei, die Gemüther der Mitdienenden gegen sich zu erbittern und unversöhnlich zu machen.
Dem Moosbauer war sein Nutzen das Liebste und Höchste, deßhalb liebte er auch den Schwarzwälder, erhob ihn vom Roßbuben bald zum Range eines Stallbeherrschers und hätte eher dem Bläsi als diesem den Dienst aufgekündiget. Dem Stallbeherrscher wuchs der Kamm, er konnte in Manchem Befehlerles spielen und wie Zorn und Haß gegen Andere wirklich der Sporn seiner Unermüdlichkeit waren, so that er noch mehr, um sich für Unbilden zu rächen und das Mißtrauen in seine Ehrlichkeit gründlich zu beseitigen.
Es gibt wohl selten ein Haus, in welchem eine Anzahl verschiedener Leute wohnt, ohne daß Ungeschicklichkeit, Trägheit, Nachlässigkeit und Untreue mindestens eine untergeordnete Rolle spielen. Der Mooshof galt als Einer der besten Höfe weitum und dies mit vollem Recht, aber verdorben und veruntreut wurde doch jahraus jahrein gar Manches, ohne daß die Eigenthümer Etwas dagegen zu sagen im Stande waren, sei es, daß die Schuld unbeweisbar oder unbekannt war. Nun spielte der Zuckerhannes neben der Rolle eines Musterknechtes auch die eines unbestechbaren Polizeikommissärs mit immer größerer Lust, um sich recht in der Gunst des Moosbauern zu befestigen und an dem Mitdienenden zu rächen. Kein Knecht und keine Magd verdarb eine Kleinigkeit oder trug etwas aus dem Hofe, ohne daß die Hofleute es wußten und wenn es auf unsern Helden angekommen wäre, so würde es wöchentlich einigemal schwere Händel abgesetzt haben. Er log und verläumdete nicht, doch steckte er seiner Herrschaft gar Vieles, was weder dieser noch ihm Nutzen brachte und besser mit Stillschweigen übergangen worden wäre.
Die Mitdienenden haßten den "Hungerleider, Wohldiener und Kalfakterer" von ganzem Herzen, doch weil der Haß nichts helfen wollte, theilten sie sich etwa ein halbes Jahr nach der Ankunft des Zuckerhannes in zwei Partheien, nämlich in eine solche, bei welcher der Haß von der Furcht überwogen wurde und die gerne friedlich im Neste sitzen bleiben wollte und in die alte mißtrauische und feindselige, deren Haupt der geschickte und ehrliche, deßhalb auch furchtlose Bläsi blieb, der kein Soldat hätte sein müssen, um offenen Krieg nicht einem feigen Frieden vorzuziehen.
Diese Partheiung fand kurz vor der Kirchweihe statt, das Haupt der friedsamen Parthei, die Meistermagd lud den Zuckerhannes ein, jetzt auch einmal zu thun wie andere Menschen und mit ihr, der Margreth und dem Jockel und einigen Andern ins Wirthshaus und zum Tanze zu gehen, denn wenn er mit seinem krummen Fuße auch nicht tanzen könne, so könne er doch Gesundheiten trinken und lustig sein mit ihnen.
Der Moosbauer und die Moosbäurin selbst redeten dem Stallbeherrscher zu, der Einladung zu folgen, aber dieser schüttelte das Haupt, daß die Zipfelkappe sammt dem Kropfe wackelte und meinte gar patzig:
"Bin ich Euch vorher nicht gut genug gewesen, so seid Ihr mirs jetzt nicht. Geht, tanzt und sauft und schimpft über mich, soviel Ihr wollt, mir ist der Bleß lieber als Ihr Alle sammt und sonders, ich will nichts mit Euch zu thun haben und fürchte Euch auch nicht. Ich bin nicht so närrisch, mein Geld den Wirthen zu geben!"
Solch unchristliches Gebähren hat der Zuckerhannes schwer gebüßt.
Er bereute es zwar bald, that freundlich mit den Friedfertigen und gewann einige Hausbewohner für sich, doch der Bläsi behielt die Oberhand und endlich gelang es, den Zuckerhannes in eine schlimme Falle zu locken.
An einem Sonntag Mittag schleicht ein guter Freund des einäugigen Stoffel zu diesem in den Stall und bietet ihm eine prächtige Ulmerpfeife mit silbernem Beschlag und silbernem Kettlein, wie es Fuhrleute und Knechte in Schwaben lieben, um einem Spottpreis zum Kaufe an.
Der Zuckerhannes hat vom Einäugigen, welchen er später im Amtsgefängnisse traf, schon manches und zwar nicht viel Gutes gehört, auch hat der Antragsteller einen Kopf, der an Füchse und Wölfe mahnt, aber in diesem Kopfe stecken zwei gesunde, pfiffig zwinkernde Augen, folglich gehört er unmöglich dem Stoffel an und der Inhaber weiß gar ehrlich und freundlich zu thun, nennt seinen ehrlichen Namen und ist in nächster Nähe daheim.
Unser Held besitzt Geld, eine große Freude an glänzenden Sachen, sieht nicht ein, warum er die Pfeife nicht kaufen und einen guten Kauf vorbeigehen lassen sollte, deßhalb werden Beide handelseinig und scheiden in Friede und Freude.
Es dauert nicht allzu lange, so schleicht der Pfeifenhändler zwischen Licht und Dunkel wiederum in den Stall, findet richtig den Zuckerhannes, packt prächtigen Zeug zu Hosen und Röcken aus und läßt einen schönen Theil zurück, denn die heimlich herbeigerufene Meistermagd hat geschworen, die Elle solches Tuchen sei unter Brüdern 3 fl. 30 Kreuzer werth, der menschenfreundliche Kaufmann aber hat dieselbe zu zwölf Batzen abgelassen lediglich unter der Bedingung, den Mooshofleuten einstweilen Nichts zu sagen, weil sie gar stolz seien und derartigen Staat bei einem ihrer Knechte sehr ungern sähen.
Der Falben und dem Bleß hat der erfreute Zuckerhannes die Pfeife und das Tuch einzig und allein gewiesen, diese haben kein rechtes Zeichen von sich gegeben und als er einige Wochen darauf dem Leitgaul eine silberne Repetiruhr in das rechte Ohr hielt und lieblich schlagen ließ, hat das Thier ob diesen Silberklängen keine Freude gezeigt, sondern durch sein erschrockenes, unruhiges Thun den Zuckerhannes schwer erzürnt, so daß er ihm Eins versetzt und brummte: "Bist eben doch ein dummes Vieh."
Einige Tage darauf ist auch Einer in den Stall gekommen, doch nicht im Zwielicht, sondern am frühen Morgen und nicht der billige Krämer, sondern ein Gensdarm und dieser war so unbillig, den Zuckerhannes ohne langen Abschied vom Mooshofe weg in das Gefängniß der Amtsstadt zu liefern, mit den Sachen desselben eine kleine Auswahl anzustellen und Verschiedenes mitzunehmen, was ihm gefiel, darunter Alles, was der erschrockene Arrestant vom Krämer im Stalle binnen längerer Zeit erhandelt und nicht wieder verkauft hatte.
Mehrere Monde saß der Zuckerhannes im Thurme, lernte manche Gemächer und noch weit mehr Bewohner desselben kennen und erfuhr gar Vieles, aber Eines nicht, was er vom einäugigen Stoffel, mit welchem er in den letzten Tagen der Gefangenschaft zusammen lebte, hätte erfahren können.
Daß nämlich der seltsame Krämer, von welchem er einige Herrlichkeiten spottwohlfeil erhandelte, seines Zeichens ein Spitzbube gewesen, ward dem Zuckerhannes schon im ersten Verhöre klar, aber daß dieser Krämer ein alter Freund des Stoffel sei, mit letzterm zusammen "gearbeitet" habe und vom Oberknechte des Moosbauern, nämlich vom Bläsi an ihn gewiesen sei, dies erfuhr er weder in der Amtsstube noch im Kerker, sondern ging ihm das Licht darüber erst weit später im Zuchthause auf, wo er mit dem Bläsi zusammentraf.
Für jetzt ward er nach langem Harren wiederum frei, der Verlust, welchen er während mehrerer Kerkermonate an leiblicher Kraft, Zeit und Geld erlitten, so wenig von Rechtswegen in Betracht gezogen, als die Keime des geistigen und sittlichen Verderbnisses, die in Gesellschaft verkehrter und schlechter Leidensgefährten mächtige Wurzeln geschlagen oder der Verlust an Ehre, den er in den Augen der Mitmenschen wiederum erlitten.
Es war ein weiteres Unglück, daß er mit dem Spaniolen zusammentraf, sich von diesem gewinnen und beschwatzen ließ, ihm fast alles übrige Geld als Darlehn zu hohen Zinsen vorzustrecken und das Versprechen in den Kauf zu nehmen, der Spaniol wolle eine Glücksnummer des alten Lotterielumpen, des Paul, auf eigene Unkosten für Freund Zuckerhannes besetzen.
Der Moosbauer würde den fleißigen Stallbeherrscher nach der Befreiung wohl wieder behalten haben trotz dem Widerwillen und den Stachelreden der meisten Knechte und Mägde, aber der Zuckerhannes vergaß nicht, daß er im Kerker niemals einen Besuch empfangen, der Mooshof und die Gegend waren ihm entleidet, er begnügte sich mit einem vortrefflichen Dienstzeugnisse, nahm zärtlichen Abschied von seinen wiehernden und hörnertragenden Freunden und ging fort.
Einige Zeit hinkte er an den wunderlieblichen Ufern des Bodenseees herum, die paar Thaler, welche er beim Abschied sorgfältig in den vielversprechenden Schuldschein des Spaniolen eingewickelt hatte, wurden in Münze verwandelt und schmolzen bei aller Genügsamkeit rasch zu wenigen Groschen zusammen, so daß der Wanderer dem Ende der Wanderung sehnsüchtig genug entgegenschaute.
Sein gutes Zeugniß verschaffte ihm einen Dienst als Knecht im besten Wirthshause desselben Dorfes, in welchem die kranke Ursula von der Emmerenz verpflegt wurde. Das Wirthshaus führte den Schild zum Adler und lag gar nicht weit vom Häuslein der Ursula entfernt, der Zuckerhannes kam täglich oft daran vorbei, sah die Emmerenz stets freundlich über den Gartenzaun herübergrüßen, fand Gelegenheit, derselben als Nachbar manchen kleinen Gefallen zu erweisen, trug als dienstfertiger Mensch manchen Kübel voll Wasser vom "Gumpbrunnen" des Adlerwirths in ihr Häuslein hinüber und wurde so auch mit der lahmen Alten bekannt.
Am Bodensee erging es dem Zuckerhannes weit besser als drunten im Hegau oder gar im Schwarzwalde. Im Dorfe wußte man weiter Nichts von ihm, als was er selbst erzählte, der Adlerwirth kümmerte sich lediglich um die Arbeit seiner Dienstboten und weil der neue Knecht tapfer arbeitete, Alles frisch angriff und sich nichts Besonderes zu Schulden kommen ließ, war und blieb er mit demselben zufrieden.
"Ich weiß Hanns, daß Du ein Bankert und von Hause entlaufen bist; auch sollen deine Finger länger als die anderer Leute sein, doch Du bist ein rechter Knecht, ich habe Dich bisher aufs Korn genommen, ohne daß Du es wußtest und immer als eine ehrliche, treue Haut befunden. Was kümmert mich dein Vater, deine Heimath, deine alte Geschichte oder gar deine Religion? Nichts, rein Nichts! ... Ja, wir da Oben am See sind nicht so unaufgeklärt und aristokratisch, um nach dem glauben zu fragen, damit kann es Jeder halten, wie er mag, wir schauen nur auf das Thun. Bisher hast Du recht gethan, der Lohn bei mir ist gut, Trinkgelder gibt es auch, Du bleibst im Adler, schau, diese zwei Gulden schenke ich Dir, damit Du dir auch einmal einen guten Tag machst!"
Also redete der Adlerwirth nach dem ersten halben Jahr der Einstellung des Zuckerhannes und im dritten und vierten Jahre dachte und sprach er auf dieselbe Weise. Unser Hans verlebte hier sein goldenes Zeitalter und bessere Tage hat er niemals wieder bekommen.
Weil er von Niemanden besonders mißachtet oder verfolgt wurde, haßte und verfolgte er auch Niemanden und kam mit den meisten Hausgenossen gut aus, weil er früher Gelegenheit genug gehabt hatte, sich in der Geduld zu üben und seine aufbrausende Gemüthsart zu beherrschen, sich auf keine besondere Kameradschaften und Partheiungen einließ, sondern seinem Geschäfte nachging und sich wenig um die Angelegenheiten Anderer kümmerte.
Ein großer Trinker war er nicht, Karten und Würfelbecher übten auf ihn keine Anziehungskraft aus, von Gesellschaften, wo Gelegenheiten zum Geldausgeben zu regnen pflegen, hielt er sich ferne, denn er war sparsam und die Meisten nannten ihn einen Knicker und Sonderling, er aber behauptete, ein armer Teufel seiner Art sei wohl ein Narr, wenn er sauerverdienten Jahreslohn in wenigen Freudentagen aufgehen lasse und nicht an die Zukunft denke.
Der Spaniol ließ sich nimmer hören, der Adlerwirth lachte laut auf, als ihm der Zuckerhannes den schönen Schuldschein desselben vorwies und machte es ihm klar, der Schein sei lediglich ein Wechsel auf seine Unerfahrenheit in Geldsachen und Gesetzen und auf seine Dummheit und Gewinnsucht gewesen und wer in eine Lotterie setze, werfe das Geld zum Fenster hinaus, wenn er auch Einmal unter hunderten gewinne. Ein Schreiben an das Amt stellte heraus, der Spaniol sei längst frei und auf und davon, der alte Paul aber sitze im Zuchthaus.
Der Verlust seiner Sparpfenninge kränkte den Hans gewaltig, hatte aber auch sein Gutes, denn er machte ihn vorsichtig und mißtrauisch in Geldsachen und während er im Amtsgefängniß beinahe dazu gekommen war, Spitzbuben für ehrliche Leute und die Ehrlichen für die durchtriebendsten und größten Spitzbuben zu halten, brachte ihn der an ihm selbst verübte Betrug doch wieder zu etwas besserer Einsicht.
Dagegen hatte er im Käfig ganz andere Ansichten über das Weibervolk bekommen und diese verloren sich nicht wieder, zumal er täglich größer, stärker und älter wurde.
In einem Wirthshause sprechen vielerlei Leute ein, die Mägde sind häufig nicht von bester Butter, der Adlerwirth drückte beide Augen zu, wenn nur tapfer gearbeitet wurde und die Wirthin hatte keine Ader von der Elsbeth an sich.
Die Arbeit des Zuckerhannes war nicht immer gleich schwer oder dringend, an manchem Wochentag kam er kaum zum Schlafen, im Spätjahr und Frühling kaum zum Athemholen, allein manche Stunde hatte er in der Woche doch frei und wußte manchmal nicht, womit er sich lange Winterabende vertreiben sollte.
Wer weiß, was unter solchen Umständen, wo Gelegenheit und Lust zu unnützen und verderblichen Dingen nahe traten, geschehen sein würde, wenn unser Held nicht mit einem Kropfe und krummen Fuße behaftet, dabei ein schüchterner und erschrockener Mensch gewesen wäre, so oft er mit Weibsleuten zusammen kam und endlich nicht die Emmerenz insgeheim als Schatz verehrt hätte? Jedenfalls war es nicht religiöse Ergriffenheit, sondern die Liebe zur Emmerenz was ihn von schlimmen Streichen abhielt, denn er besuchte die Kirche gar nicht und später nur deßhalb fleißig, weil die Emmerenz niemals in ihrem Stuhle fehlte und sammt der Ursula ihm die Religion und das Kirchengehen gewaltig ans Herz legte.
Die Stallbewohner wurden ebenso pünktlich gefüttert und wohl gepflegt als einst die des Moosbauern, doch eine Falbe oder einen Bleß fand der Thierfreund nicht wieder; der Umstand, daß manche Gäste weit schönere Rosse in die Ställe zogen als die des Adlerwirths waren und vor Allem das erträgliche und leidliche Verhältniß, in welchem unser Held zu den zweibeinigen Hausbewohnern zu stehen kam, mochten der Zärtlichkeit desselben für die vierbeinigen gewaltigen Eintrag thun und je vertrauter er mit der Emmerenz wurde, desto weniger dachte er mehr daran, von seinen Leiden und Freuden dem lieben Vieh Etwas aufzutischen.
Angeborne Dienstfertigkeit führte ihn in das benachbarte Häuslein, Sparsamkeit und Mitleid mit der verlassenen, alten Ursula hielten ihn darin fest und das Spotten und Sticheln der Knechte und Mägde des Adlerwirths half lediglich dazu, daß er in arbeitsfreien Stunden fast immer drüben zu finden war und eine wundersame Veränderung in seinem Innern vorging.
Die Absichten, welche er mit seiner Freundlichkeit gegen die Emmerenz hatte, mochten anfangs keineswegs die löblichsten sein, allein er war schüchtern und merkte bald, er sei ganz an die Unrechte gekommen, denn so wenig dieselbe mit zarten Redensarten und sein verdeckten Anspielungen um sich warf oder auch nur Einen Funken einer englischen Miß an sich trug, die bekanntlich um des Anstandes willen so roth als möglich werden muß, wenn auch nur das sündhafte Wort "Hosen" in ihrer ätherischen Nähe laut wird, so wußte sie doch recht gut, was wahrhafte Züchtigkeit und Ehre gebieten und wer ihr zu nahe trat, mochte leicht ein schmerzendes Andenken an ihre wetterharten Fäuste heimtragen. Kurz und gut, der Emmerenz konnte man in diesem Punkte nichts Unrechtes nachsagen, der Zuckerhannes wußte täglich weniger an ihr auszusetzen, sie kam ihm nach jeder Begegnung schöner und besser vor und das Liedlein:
Kein Feuer, keine Kohle mag brennen so heiß, Denn heimliche Liebe, von der Niemand weiß!
wurde an ihm mindestens zur Hälfte wahr.
Zur Hälfte, denn die derbe, vielleicht plumpe Emmerenz war und blieb eben doch ein Weib und brauchte ihr Niemand zu sagen, woran sie mit dem blöden Liebhaber sei, sondern wußte es besser, als er selbst, und Andere haben auch Augen.
Sie war aber ein verständiges und gewissenhaftes Weib, mochte mit einem armen Tropf kein herzloses Spiel anfangen, dessen Ende nicht recht abgesehen werden konnte, begegnete jenem wie nur die beste Schwester dem Bruder begegnet und wenn er besondere Hoffnungen schöpfte, dann kehrte sie jedesmal flink den Stiel um, that, als ob sie ihn nicht verstünde oder nahm Alles für Scherz auf.
Sie brachte mit ihrem neckischen, lustigen, altklugen und kaltverständigen Gebahren den armen Zuckerhannes schier aus dem Häusle und je mehr er die Hoffnung verlor, desto größer wurde seine Sehnsucht und Liebe und fand doch in anderthalb Jahren keine rechte Gelegenheit, ordentlich von diesen Dingen zu reden und Gehör zu finden.