Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling Erster Theil
Chapter 20
Ein großer Dichter des Alterthums nennt das Geld die schnödeste aller Erfindungen, der größte deutsche Dichter, nämlich Göthe, behauptet, ein gesunder Mensch ohne Geld sei halbkrank und wie sehr beide Dichter Recht haben, lehrt die alltägliche Erfahrung zur Genüge.
Unser Held weinte bei seiner Freilassung Freudenthränen. Wäre es ihm vergönnt gewesen, einen Blick in seine Zukunft zu werfen, so würde er Thränen des Schmerzes, der Trauer und Angst vergossen haben.
Schon auf dem Wege zum Hofe seines alten Meisters wurde seine Freude durch die Wahrnehmung vermindert, daß Niemand dieselbe theile. Er hätte allen Leuten, welche ihm begegneten um den Hals fallen und denselben sagen mögen, er sei zwar ein armer Tropf und elender Krüppel, jetzt aber doch wiederum ein freier und deßhalb glücklicher Mensch. Die Leute gingen gleichgültig an ihm vorüber, in den Blicken manches Bekannten las er die alte Verachtung, Mehrere redeten ihn zwar an, doch ihre Fragen und Reden schienen nur darauf berechnet, ihn zu verwunden und zu kränken. Sie bezweifelten seine Schuldlosigkeit und verwunderten sich, "weßhalb er diesmal dem Zuchthause entronnen sei!" Aergerlich und verstimmt verließ er das Wirthshaus, in welchem er einen Schoppen getrunken, eilte hinter der Stadtmauer des Städtleins zwischen den Gärten dem Feldwege zu, der ihn zum Hofe des Moosbauern führte, dachte auf dem Wege über Vieles nach, was er von seinen Mitgefangenen gehört hatte, ballte zuweilen die Fäuste und lachte dann wieder vor sich hin.
Ein lautes Wiehern schreckt ihn aus dem Gedankensturme auf; er wendet den Kopf und erblickt auf einem nahen, abgemähten Kleeacker den Lieblingsgaul, seinen Bleß, welcher ihm mit glänzenden Augen und gespitzten Ohren zuwiehert und eine Bewegung macht, als ob er dem Kommenden entgegengehen wolle. Den Bleß sehen, zu demselben hineilen, ihn liebkosend anreden, küssen und streicheln ist beim Zuckerhannes das Werk eines Augenblickes.
Während er dem Gaul auf der flachen Hand ein Stück Gefängnißbrod hinstreckt, kommt der Oberknecht, der Bläsi, mit der Sense den Acker herauf, zieht sein Gesicht in spöttische Falten und fragt hämisch:
"Hoho, bist wieder da? Das hat kein Mensch geglaubt, denn Jeder meint, Du habest die Uhr gestohlen! ... Ich meine es auch, aber Du bist ein pfiffiger Bursche, hast's dick hinter den Ohren, so dumm und tappig Du aussiehst! ... Bist recht vornehm geworden im Loche, he? ...["]
Der Zuckerhannes verbeißt Zorn und Schmerz, versetzt dem Bleß einen Schlag, daß dieser erschrocken auffährt, wendet sich um und geht, ohne dem Bläsi eine Silbe erwiedert zu haben.
"Zuckerhannesle, s'pressirt nicht so, ich muß Dir ja Etwas sagen!" ruft der Knecht ihm nach.
Er hört nicht darauf.
"Der Moosbauer braucht Dich nicht mehr, er hat am Georgentag einen Andern eingestellt! ... Gehe nur und schaue, ob Du nicht den Bündel schnüren mußt!" schreit der Schadenfrohe und geht wieder ans Mähen, während er von Bankerten, Spitzbuben und ehrlichen Meisterknechten brummt, welche mit diesem unter Einem Dache leben müßten.
Im Mooshofe findet der Hans die Ehehalten nicht daheim, die Mägde sind freundlicher als der rohe Bläsi und freuen sich seiner Rückkehr.
Er geht in die Bodenkammer hinauf, öffnet seine Kiste, nimmt einen zehnfach von Leinwand umwundenen Geldbeutel heraus, zählt das Geld und nach wenigen Minuten befindet er sich auf dem Rückwege zum Amtsstädtlein und zum Gefängniß.
Hier übergibt er die meisten Sparpfenninge dem höchlich verwunderten Amtsdiener und bittet denselben, sie dem Spaniolen einzuhändigen.
"_Diesem_ soll ich das Geld geben?" fragt der Gefangenwärter und schüttelt den Kopf.
"Ja, seid so gut und thut es je eher, je lieber, ich bin dem Spaniolen das Geld schuldig! ... Behüte Gott!" sagt der Zuckerhannes und eilt zum halbgeöffneten Thore hinaus.
"S'ist mir noch alleweil schwindlig! ... Ich meine, ich ginge auf den Welken des Seees statt auf festem Grund und Boden! ... Das macht das mondenlange Sitzen und die Augen schmerzen mich auch!" murmelt er und biegt in das Gäßchen ein, das hinter die Stadtmauer führt.
#DER ZUCKERHANNES WANDERT FORT UND VERLIERT SICH SELBST#
Voll und klar schwebt die Mondesscheibe am Sommernachthimmel und zieht eine glänzende Silberbrücke über den Untersee. Schwül und heiß war der Tag, Alles freut sich der Kühle, welche der Abend brachte und während die Jungen des Dorfes scherzend und lachend in Rädchen stehen oder Arm in Arm singend durch die Gassen ziehen, sitzen die ältern Leute mit müden Gliedern und ruhigem Herzen meist noch auf den Bänkchen vor ihren Häusern im traulichen Gespräche.
Vor einem der letzten und einsam stehenden Häuschen, dessen weiße Wand freundlich aus dem Laube eines alten Weinstockes herausschaut, der seine Ranken bis auf das niedere Dach entsendet, sitzt mutterseelen allein ein Weibsbild und stützt die gebrannten Arme auf die Lehnen eines sogenannten Großvaterstuhles, der offenbar dem gewohnten Platze hinter dem Ofen in der Stube entrissen wurde und ins Freie wandern mußte, um einer etwas bequemen Person einen bequemen Sitz zu bereiten.
Die Inhaberin schaut gedankenvoll in den See, dessen Grundwellen einförmig ans sandige Ufer schlagen; weder die Lieder der Dorfbewohner, noch das freudige Quaken der grünen Hüpfer in den vom letzten Regen dagelassenen Pfützen oder das hundertstimmige Zirpen der Grillen stören ihr Nachdenken und nur wenn Schritte sich nähern, fährt sie empor und späht dem Kommenden entgegen.
"Er ist's nicht!--der kann mir gestohlen werden, wenn er heute ausbleibt!" murmelt die Getäuschte zuweilen ärgerlich und sinkt in die vorige nachläßige Lage zurück.
Das Weib hat wenig Zartes, Feines, Aetherisches an sich, wie es Theetisch- Dichter lieben, die Gestalt ist derb und vierschrötig und das keineswegs häßliche, aber sonnenverbrannte und bereits ältliche Gesicht mahnt durch einen gewissen, unbeschreiblichen Zug von Herbheit und Schwermuth an eine alte Jungfer.
Wir haben in der That eine solche vor uns, nämlich die Emmerenz, deren Leben bis zum dreißigsten Jahre sehr einförmig sich gestaltete und erst seit einem halben Jahre reicher geworden ist.
Die Tochter eines blutarmen Fischers, der seine zahlreichen Kinder frühzeitig fortschickte, um das Brod bei fremden Leuten zu verdienen, lebte die Emmerenz vom neunten Jahre bis zum Zwanzigsten in verschiedenen Bauernhäusern der Umgegend und wenn sie von feinen Maniren und Bildung auch wenig erfuhr, so erfreute sie sich doch des Rufes einer arbeitsamen, ehrlichen und unbescholtenen Magd. Diesem nicht unverdienten Rufe hatte sie es zunächst zu verdanken, daß die alte Ursula sie zu sich nahm.
Diese war eine kinderlose, mit ihren Blutsverwandten aus ziemlich nebelhaften Gründen in arger Feindschaft lebende Wittwe, litt viel an Gliederschmerzen, mußte mehrere Jahre das Haus und endlich das Bett beständig hüten.
Die Leute redeten von der wunderlichen, menschenfeindlichen und zanksüchtigen Ursula nicht allzuviel Gutes und Manche konnten es fast nicht fassen, wie die Emmerenz bei solchem "Erzripp" jahrelang auszuhalten und derselben mehr Dienste als die beste Tochter zu leisten vermöge, während sonst Jede im ersten Vierteljahr genug bekommen hatte.
Diese aber hielt bei der Alten aus, verpflegte sie zehn geschlagene Jahre, erbte vor einem halben Jahre das Häuslein sammt Zubehör der Ursula, sitzt jetzt auf eigenem Grund und Boden in einem bequemen Lehnstuhle und paßt nicht nur auf Einen, sondern auf Zwei, von denen Einer ihr baldmöglichst seinen Namen geben soll.
Vom Heirathen war sie niemals Feindin gewesen, doch in den Jahren der Armuth wollte sie nicht leichtsinnig ins Elend hereinheirathen, so lange die Ursula lebte, machte ihr diese mehr als ein halbes Dutzend Männer zu schaffen und entleidete ihr auf vielerlei Weisen jede Bekanntschaft.
Jetzt ist sie todt, seit Ostern schmunzelt und schwänzelt der rothe Fritz um die Emmerenz herum, am letzten Sonntag hat er ihr einen förmlichen Heirathsantrag gemacht, will längstens nach der Erndte als Hausherr ins Häuslein einziehen und gefällt das Ganze der Emmerenz gar nicht übel.
Hat der Fritz nicht einige prächtige Aecker und Geld auf Zinsen ausstehen? Ist er nicht ein stattlicher, großer Bursche und trägt noch den rothen Schnurrbart von der "Atollerie" her? Haben seine Verwandten gar nichts im Dorfe zu bedeuten, da doch des Vaters leiblicher Bruder im Gemeinderathe sitzt und der Mutter Schwestertochter den verwittweten Accisor geheirathet hat? Versteht er das Bauerngewerbe nicht aus dem Fundament, arbeitet er nicht wie ein Roß und könnte leicht eine bekommen, welche gerade wie die Emmerenz über alte Geschichten und bekannte Fehler des Hochzeiters hinwegsähe?
Im besten Rufe stand der Fritz nicht, soll beim Umgange mit der schönern Hälfte des menschlichen Geschlechts niemals wählerisch oder gewissenhaft gewesen sein, doch in neuerer Zeit läßt sich nichts auf ihn bringen und daß er ein Knicker und zornmüthiger Bursche ist, gefällt der Sparsamen und machte nicht bange der gleichmüthigen Erbtochter Ursulas.
Sie würde ihr Jawort sofort gegeben haben, wenn nur ein Anderer nicht eine Art von Vorrecht auf sie gehabt hätte, welchen sie noch vorigen Frühling fast ordentlich liebte, auch jetzt noch nicht haßt und den ihr die Alte sterbend zwar nicht als Hochzeiter, aber doch als Hausgenossen gewaltig empfahl.
Dieser Andere tritt in diesem Augenblicke um die Ecke, ein langgerathener Bursche, dessen nicht übles Gesicht durch eine überflüssige Halszierde widerlich entstellt wird und der mit dem einen Fuße etwas hinkt.
Wir erkennen in ihm, der große Schweißtropfen mit der breiten, abgearbeiteten Hand vom Gesichte wischt und sich langsam der etwas einfältig und verlegen aussehenden Emmerenz nähert, den Zuckerhannes.
"Was kommst so lange nicht? Wirst recht vornehm, Hans!"
"Hoh,--keucht der Angeredete--der Adlerwirth pressirt mit dem Heuheimthun, so eben hab' ich den letzten Wagen voll für heute in die Scheune geführt! ... Hast mir sagen lassen, daß ich Wichtiges vernehmen soll, bin deßhalb aus allen Kräften hergeeilt und jetzt für einen Augenblick da!"
"Allerdings habe ich Wichtiges mit dir abzumachen, s'ist gut, daß du da bist, denn einmal müssen wir Beide ins Reine kommen! ... Du hast im letzten Winter der Ursula das Leben gerettet, als während meiner Abwesenheit Feuer in der Stube auskam und sie bereits schon erstickt war, hast ihr und auch mir lange Alles gethan, was du uns an den Augen absahest!"--
"Oh, ich wäre für dich--für Euch durch das höllische Feuer gegangen! ... Es sind Kleinigkeiten, was ich that und hab's gerne gethan!"
"Die Ursula hat mirs tausendmal auf die Seele gebunden, dich nie zu verlassen und Alles mit dir zu theilen, weil du ein so gar armer und verlassener Bursche bist. Ich möchte Wort halten!"--
Ein Zug voll Ueberraschung und Freude überzieht das Gesicht des Zuckerhannes, er hält beinahe den Athem zurück, um kein Wort der Emmerenz zu verlieren.
"Ich habe dich immer gerne gehabt, Hans, hast es wohl bemerkt und ich weiß, daß du auch mich nicht verachtest!"
"Verachten? Was fällt dir denn ein! ... Hab' ich Jemanden auf der Welt außer Dir? ... Ach, wenn Du wüßtest, wie--"
"Ja, ich weiß es wohl und Vieles, wovon du kein Sterbenswörtlein gesagt!" [gesagt!] ... Wenn du nur nicht so jung und hier Bürger wärest, wer weiß, was dann geschähe! ... Ich kann nicht mehr lange ledig bleiben!"
Der Zuckerhannes schrickt sichtbar zusammen und starrt die Emmerenz mit großen Augen bewegungslos an.
"Ja, so ist's, Hans! Ich besitze jetzt eine Hütte, zwei Prachtkühe, einen Krautgarten, die Wiese dort und mehrere der besten Aecker des Banns. Allein kann ich nicht mehr bleiben, fremde Leute veruntreuen mir Alles, du bist grundehrlich, deßhalb frage ich dich, willst du bis Michaeli den Adler verlassen und mein--Knecht werden?"
"Dein Knecht?" fährt der Zuckerhannes auf, doch als ob er sich verrathen, senkt er die Augen und fragt: "Wie verstehst du das?"
"Nun, ich gebe dir soviel oder noch mehr Lohn als der Adlerwirth, theilst Alles mit mir und Alles wird gut werden!"
"Ich schlage ein, es bleibt dabei, die Hand her, Emmerenz!" ruft der Zuckerhannes mit einer freudigen Eile, als ob ein Glück, von welchem er schon lange heimlich geträumt, der Erfüllung plötzlich nahe stände.
Doch die Emmerenz zog die schwielenharte Hand zurück, richtete die blauen Augen forschend in das Gesicht des Entzückten und sprach zögernd:
"Halt, es ist noch eine Bedingung dabei, Hans! ... Kannst es mir nicht verübeln! ... Mit dir allein darf ich nicht hausen, die Leute würden mit Fingern nach uns weisen und Wunder glauben, was geschähe! ... Hätte ich das gewollt, so würde ich es gleich nach Ursulas Tode oder noch bei deren Lebzeiten gethan haben! ... Es muß außer dir noch Jemand ins Haus!"
"Dagegen habe ich nichts, kann mich mit jedem Nebenknechte vertragen! ... Ich habe starke Knochen, will schaffen wie ein Gaul und treu sein wie ein Hund!" betheuerte der noch immer freudig aufgeregte Zuckerhannes.
"Nebenknecht? ... Zwei Knechte sind für mich zu viel, wenn du's nicht wärest, nähme ich gar keinen! ... Du hörst ja, daß ich nicht mehr lange _ledig_ bleibe! Der ganze Ortsvorstand und selbst der Herr Pfarrer plagt mich, daß ich an meine Habe denken und heirathen soll! ... Es thuts nicht anders mehr!"
Siedendheiß und eiskalt nach einander überläuft es den Burschen, er zittert vor banger Erwartung und schnappt nach Luft, die Emmerenz hat all ihre einstudirten Reden vergessen, weiß nicht, was sie weiter sagen soll, knüpft den Schurzbändel auf und zu und bindet ungemein lang an den Schuhriemen, plötzlich fährt ihr ein glücklicher Gedanke durch den Kopf, womit sie den Knoten zerhauen kann, sie erhebt sich und fragt ganz ruhig:
"Hannes, hast du Geld?"
"Geld? ... Ich habe Geld, obwohl ich am letzten Jahrmarkt ein paar Tuchhosen, ein Schnupftuch, ein paar Schuhe--"
"Wieviel hast du Alles in Allem?"
"Oh, ich bin sparsam, gehe in kein Wirthshaus, spiele nicht, treibe keinen Staat und habe seit Georgi sogar das Rauchen aufgesteckt! ... Soviel ich weiß, habe ich Alles in Allem baar 17 Gulden und 9 Batzen!"
Emmerenz lacht laut auf, ihr Lachen ist ebenso erzwungen als kränkend für den Liebhaber, denn er weiß, daß sie seine Leidenschaft kennt und früher erwiederte, obwohl Beide das Wort "Liebe" selten über die Zunge brachten und nie im Ernste.
"Was lachst du? ... Die reiche Emmerenz hat gut über einen armen Knecht lachen! ... Was kann ich für meine Armuth?
"Oh, die _reiche_ Emmerenz theilt gerne Alles mit dem Hans, wie es Ursula noch gewollt, aber an Geld ist die _reiche_ Emmerenz eben auch arm und ohne Geld... ja ohne Geld ist--Vieles nicht zu machen!"
"Oh, rede nur deutsch und deutlich, ich merke jetzt, wohinaus es geht!" sagt der Zuckerhanns etwas bitter und spitzig.
"Du merkst es? dann brauche ich dir nichts mehr zu sagen. Einen Mann muß ich haben. Einen mit 17 Gulden und 9 Batzen kann ich nicht brauchen, das Ortsbürgerrecht kostet ja mehr!"
"Oh, Emmerenz, liebe Emmerenz, hast du denn je daran gedacht, mich zu nehmen? Wolltest du mich nicht foppen?"
"Ich hab' mir allerdings mancherlei Gedanken gemacht und bedauert, weil du so blutjung und ich schon so alt bin!"
"Oh, dann ist Alles gut, man wird täglich älter und mit dem Geld wüßte ich mir zu helfen!" lächelte der Erfreute, jeden Groll vergessend und auf einem Beine hüpfend.
Jetzt war die Ueberraschung an der Emmerenz.
"Woher willst du denn Geld nehmen? Etwa aus deiner Lotterie?"
"Schweige doch mit der Lotterie, weißt ja, daß ich nicht gerne davon höre! ... Die Galle läuft mir über, so oft ich daran denke, wie mich der Spitzbube, der Spaniol, übertölpelt hat! ... Weiß Gott, wo dieser Schuft in der Welt herumfährt, aber dem Zuchthause wird er nicht entrinnen! ... Keinen Heller hat er je dem Paul gegeben, um ein halbes Loos im Frankfurter Glücksspiel für mich zu kaufen oder am Ende haben sich Beide in in [in] meine sauern Ersparnisse getheilt! ... Jeder Heller möge ihnen auf der Seele brennen! ... Aber ein gescheidter, grundgelehrter Mann war der Spaniol doch, _den_ hättest du einmal hören sollen und Er ist's, der mir auch einen Plan auseinandergesetzt hat, wie ich zu Geld kommen kann! ... Hab' oft daran gedacht, gethan hab' ich nichts dazu, aber jetzt will ichs thun, Geld muß her, Geld wie Heu, wenn du, Emmerenz, liebe, gute Emmerenz es haben willst! ... Sprich und ich gehe noch heute Nacht fort, um mein Geld zu holen!"
"_Dein_ Geld? Ein Plan des Spaniolen? ... Da muß was Sauberes dahinter stecken ... wirst doch hoffentlich nicht den Schlechten machen wollen? ... Du weißt, ich kenne dein Leben in der Heimath und im Hegau drunten, habe lange an dir gezweifelt und dich auf manche Probe gestellt!" ... Bist aus einem unehrlichen Buben ein ehrlicher Bursche geworden, das ist brav! ... Bleibe, wie du bist, ehrliche Hand kommt durchs ganze Land!" ruft die Emmerenz, welche ihre Fassung wieder ganz gewonnen, sehr ernst." [ernst.]
"Schau, Emmerenz, so wahr ein Gott im Himmel ist, so wahr gehört das Geld mein, welches ich jetzt holen will, wenn du es sagst!"
"Ei, weshalb hast du früher nichts davon gesagt? Weßhalb holtest du es nicht früher? ... Es wäre vielleicht gut gewesen! ... Hast du geerbt? ... Wieviel ist es denn?"
"Ich sagte nichts, weil ich von andern Dingen reden müßte, von denen ich gerne schweige, holte es nicht, weil das Holen eine kleine Plage ist und ich bisher immer das Nothwendige hatte. Aber jetzt muß Geld her, jetzt muß auch heraus, was mir seit Ostern Tag und Nacht keine Ruhe mehr gelassen und mich schier in Verzweiflung gesetzt hat! ... Ich bin in den letzten Wochen selten vor deinen Augen, aber gar oft noch spät in der Nacht in deiner Nähe gewesen, weil ich wußte, daß Einer da aus und eingehe, der mir nicht gefiel!" platzt der Zuckerhannes heraus.
"Du meinst den rothen Fritz, he?"
"Ja, _den_ mein ich, _der_ ist mir wie Gift und Popperment und hätte ich in meinem Leben einen Menschen umbringen können, so ists dieser rothe Halunke, der mich beim Vorbeigehen immer wie ein Basilisk anschaut und spöttisch das Maul verzieht!"
"Er hat doch nichts Besonderes wider dich!"
"Aber ich desto mehr wider ihn!"
"Weßhalb denn?"
"O du weißt es, Emmerenz! ... Du weißt es, aber ich wills dir auch noch sagen. Siehe, seit dem Tode meiner Mutter selig bin ich behandelt worden und herumgelaufen wie ein herrenloser Hund! ... Keiner hat mir ein gutes Wort gegeben, Alles hat mich verachtet und verfolgt, als ob ich ein Schandmal auf der Stirne und das Schlechteste verübt hätte, was es geben kann! ... Jahrelang habe ich lieber im Stalle oder auf der Weide beim Vieh als bei den Menschen gelebt und mir fast angewöhnen müssen, in jedem Menschen einen Feind zu sehen! ... Der Moosbauer war gut, allein er hat bewiesen, daß er es gegen mich nur aus Eigennutz war, im Gefängniß habe ich Freunde gefunden, aber sie haben mich nachträglich verrathen und verkauft! ... Im Adler drüben lebe ich ruhig, aber das Zutrauen zu den Menschen ist bei mir weg! ... Keinen Vater, keine Mutter, keine Geschwister, Anverwandte, Freunde, im Grunde gar keine Heimath und keinen Halt in Freuden und Leiden zu finden, das ist hart, Emmerenz! ... Wie ich dich kennen lernte, wurde es anders, ich hatte für unglücklich mich gehalten und fühlte mich bald als der Glücklichste auf dem ganzen Erdboden! ... Nicht die Ursula, diese alte, wunderliche, kranke Frau, sondern du warst es, was mich in dieses Haus zog! ... Ich kann nicht sagen, was ich empfinde, es ist unsäglich! ... Jedesmal kam ich her, um dir zu sagen, für dich sei mir die Hölle nicht zu heiß und bei dir der Himmel da oben gleichgültig, weil ich ihn da unten und da drinnen habe! ... In neuerer Zeit ist's anders geworden, neben dem Himmel ist die Hölle mit allen ihren Qualen in mir wach geworden! ... Mehr als einmal hätte ich den See springen mögen vor Jammer und Herzeleid! ... An Allem ist der rothe Fritz schuld ... er ist der leibhaftige Gottseibeiuns, der mich noch zu ... zu ich weiß nicht was treiben könnte!"
Schweigend hat die Emmerenz diese lange, abgebrochene Rede des Zuckerhannes angehört, schweigend und nachdenklich blickt sie zu Boden, bebend vor leidenschaftlicher Aufregung steht der Hans vor ihr, endlich richtet sie das Haupt empor und sagt mit ruhigem Ernste:
"Schau, es freut mich, Hans, weil du mich so gar lieb hast, Gott weiß, daß ich dich auch nicht hasse und gerne zum Manne hätte, denn du bist rechtschaffen, ehrlich, fleißig und geschickt im Bauerngewerbe. Aber in meinen Jahren darf man halt nicht das Herz reden lassen, sondern muß dem Verstand das erste Wort gönnen! ... An dir weiß ich nichts auszusetzen, als daß du für mich wohl zu jung bist und kein Geld hast! ... Der rothe Fritz paßt weit eher zu meinen Jahren und er hat Geld und Freunde, ist aus dem hiesigen Orte gebürtig und zu jeder Stunde bereit und im Stande, mich zu nehmen!"
Todtenbleich schaut der Zuckerhannes die Emmerenz an, die Lippen beben, die Hände zittern, das Herz pocht hörbar, doch kein Wort bringt er hervor.
"Wie gesagt, ich nähme dich im Grunde lieber als ihn, du darfst es glauben, wollte am Ende auch noch von deiner Jugend absehen, aber Geld, Hans, Geld, woher nehmen und nicht stehlen?"
"Geld und immer und überall Geld, verfluchtes Geld!" ruft der Zuckerhannes in wilder Aufregung und fährt fort: "Müßte ich mich dem Teufel verschreiben, daß er uns Geld herbeischaffte, ich thäte es, ja ich thäte es um deinetwillen! ... S'ist, Gottlob, nicht nöthig, ich habe dir schon gesagt, daß es mir um einige hundert Gulden nicht bange ist! ... Der Spaniol mag auswendig und inwendig nicht viel nutz sein, doch sein Plan ist gut! ... Ich habe mehr als Eine halbe Nacht im Loche mit ihm davon geredet und er hat mir Alles so oft auseinander gesetzt, daß ich noch jedes Wort weiß! ... Emmerenz, liebe Emmerenz, wenn du einen Andern nimmst, springe ich in den See oder schneide mir die Gurgel ab! ... Ich kann nicht leben und mag nicht leben ohne dich! ... Versprich mir in die Hand hinein, keinen Andern zu nehmen, am wenigsten den rothen Fritz, dann will ich Geld genug herschaffen und gerne allein bleiben, wie ich bin, wenn ich nur in deiner Nähe bleiben darf! ... Versprich es!"
"Nein, Hans, ich kann und darf es nicht versprechen!"
"Nun, dann lebe wohl, mich siehst du nicht wieder!" [wieder!] ... Nur noch einmal die Hand für diese Welt!" ruft der Arme mit dem Ausdrucke der tiefsten Verzweiflung.
"Sei kein Narr, Hans, thue nicht so, man könnte sich ja schier fürchten und vom Adler her schauen Zwei schon lange, was wir mit einander verhandeln! ... Es wird kühl und ist Zeit, daher höre, was ich jetzt beschlossen habe: Ich will den Fritz nichts Bestimmtes sagen vor einem Vierteljahre und zuwarten, ob du wirklich zu Geld kommst. Mehr kann ich nicht thun, dabei bleibt es! ... Hier hast du die Hand darauf! ... Schlafe wohl!" Mit diesen Worten erhebt sich die Emmerenz, trägt den Polsterstuhl ins Häuslein, wünscht noch einmal gute Nacht und schließt alsdann die Thüre. Gleich einem Träumenden blickt ihr der Zuckerhannes nach, dann hinkte er eilig und mit sich selber redend dem Adler zu.
Am nächsten Morgen ist ein Knecht weniger im Adler, denn der Zuckerhannes fehlt und der Meisterknecht weiß nichts zu sagen, als daß derselbe spät heimgekommen sei, die Sonntagskleider angezogen und gesagt habe, er müsse auf der Stelle eine Wanderung antreten, wenn es ihn auch seinen Dienst kostete, werde so bald als möglich wieder zurückkehren und wolle gerne einen Taglöhner bezahlen, welcher indessen die Arbeit für ihn verrichte.
Wohin er ging und weßhalb, vertraute er keiner Seele an und weil der Meisterknecht den seltsamen Gast bereits kannte, der nicht gerne und lieber mit sich selber als mit Andern redete, drängte man denselben auch nicht mit vielen Fragen und ließ ihn gehen.
Bevor wir den nächtlichen Wanderer einholen, müssen wir Manches nachholen.
Wir wissen bereits, daß die Schriften desselben, welche aus der Heimath gekommen, einen schlimmen Eindruck auf die Bewohner des Mooshofes machten.