Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling Erster Theil
Chapter 19
"Was ist's, Jean, ich meine schier, das Beten wolle Dir kommen? frage ich, aber der Jean gibt keine Antwort und wie die Russen, lauter leibhaftige, in Stahl und Eisen gepanzerte Riesen sich nähern, betet der Jean laut aus allen Kräften und will mein Seel mitten im dritten Glied auf die Knie fallen, so daß der Sergeant ihm fluchend den Gewehrkolben in den Rücken stößt. Wir bekamen keine Zeit mehr uns zu amüsiren, die Russen wurden zurückgeworfen, weil unsere Cavallerie auch nicht faul blieb, aber wie wir ein bischen abgelößt wurden und ausruhten, unsere Verlornen musterten, richtig, da fehlt der schöne Jean. Ich habe ihn in meinem Leben nicht mehr gesehen, der Ort, wo mein Bataillon im Feuer gestanden, war von den Pferden so zugerichtet, daß die Gefallenen wie in den Boden hinein zerstampft dalagen!"--erzählt der alte Paul.
"Aber die große Zukunft mit ihrer Armee ist eben doch etwas Schönes und keine leere Erfindung der Gelehrten!" fällt der Stoffel ein.
"Allerdings, wenn das Fressen, Saufen, Spielen, Lieben und Schlafen das einzige und größte Glück des Menschen ist. Aber der Appetit verschwindet, der Katzenjammer kommt, man langweilt sich bei Würfeln und Weibern am Ende doch auch und den Schlaf nimmt Einem Niemand."--
"Außer Wanzen, Flöhen, Schnarchern, Sorgen!" unterbricht der Schlosserlehrling den Indianer.
"Was mich betrifft, so weiß ich nicht recht, was das Geschrei von Aristokraten, Liberalen, Radikalen, Ultramontanen und dergleichen bedeuten soll, ich verstehe es nicht mehr, denn die Welt ist anders geworden, als sie zu meiner Zeit war. Daß aber auch ein Kaiser, König, Herzog und Millionär schwere Sorgen haben und recht unglücklich sein kann, obgleich er die köstlichsten Speisen und Weine hat, mit Dukatenrollen spielt, wie ein Kind mit Bohnen und nur den Finger auszustrecken braucht, um ein Dutzend der schönsten Fräuleins daran hängen zu haben, das Alles weiß ich aus meiner Erfahrung."
"Denkt nur an den Napoleon, den ich so viele hundertmal gesehen und auch oft reden gehört habe, wie ist's _Dem_ ergangen? Am Ende schlimmer als mir, weil er nie an's Elend gewöhnt war! ... Von all' den Millionen Menschen, welche ihm zujubelten, blieb ihm am Ende kaum ein Dutzend treu und hat er denn schlechtere Sachen gemacht, als Andere, die ich vor ihm gar oft herumwedeln und betteln sah? ... Mein Gott, der Mensch ist nun einmal zum Elend da und der Spaniol wird so wenig daran ändern, als ich!" meint der Paul.
"Oh alte Krähe, Du begreifst eben die heutige Geisterbewegung nicht und hast eigentlich nie gewußt, weßhalb Du auf der Welt bist. Wohl weiß ich's, daß ich meine Perlen den Säuen hier vorwerfe, denn in Einen Augenblick seid Ihr wie umgekehrte Handschuhe, aber ich halte Reden, damit ich nicht aus der Uebung komme und morgen wird Eine über die "Bornirtheit des heutigen Volkes" gehalten!" ruft der Spaniol etwas stark verstimmt.
"Erzähle Du wieder eine Geschichte, Indianer, dann wollen wir das Schlafen versuchen!" bittet der Zuckerhannes, Andere stimmen bei und der Indianer erzählt die bekannte Geschichte des beurlaubten Soldaten, welcher dem leiblichen Vater ohne Wissen und Willen die diebische Hand abgehauen hat.
Ein Soldat geht nach dem Herbstmanöver in die Heimath. Nahe dem Ziele der Wanderung überfällt ihn ein heftiges Unwetter, er sucht Schutz dagegen in einer Mühle, deren Bewohner ihm sehr bekannt sind. Diese lassen den Soldaten nicht mehr fort, zumal es bereits Abend und eine pechschwarze Sturmnacht zu erwarten ist, er nimmt die Einladung zum Nachtessen gerne an und der verwittwete Müller, der sehr viel zu mahlen hatte und deßhalb bis gegen Morgen in der Mühle bleiben will, weist ihm ein Schlafgemach neben dem seinigen an. Der Soldat kann keinen Schlaf finden, ist zu müde und denkt an sein Elternhaus, wo er nicht viel Angenehmes und Gutes zu erwarten hat, weil die Eltern unzufrieden und die Schwestern liederlich dazu leben und häufig genug wenig zu beißen und zu nagen haben.
Ein Geräusch an der Thüre macht ihn aufmerken, er steht auf, überzeugt sich, daß ein Dieb herein will und erinnert sich, daß der Müller am Tage zuvor vieles Geld eingenommen und ihm das Bett neben dem eigenen Schlafgemach angewiesen habe.
Der Dieb befindet sich offenbar vor der unrechten Thüre, der ebenso kluge als muthige Soldat stellt sich mit seinem Säbel hinter dieselbe und wartet, bis das Loch, welches der Räuber in die Thüre macht, groß genug ist, um eine Hand hereinzustecken und das Schloß von innen ohne besonderes Geräusch zu öffnen. Das Loch wird größer und größer, endlich kommt die Hand ganz herein, der Soldat packt dieselbe, reißt sie sammt dem Unterarme herein, erhebt den Säbel und--die Hand zuckt blutend am Boden, der Räuber springt mit einem Schrei des Schmerzes und Entsetzens davon, der muthige Soldat ihm nach, macht Lärm, die Leute kommen herbei, Alles wird durchsucht, das Geld ist da, doch der Dieb ist glücklich entronnen.
Am Morgen in aller Frühe eilt der Soldat heim, die Mutter erschreckt gewaltig ob seiner Ankunft, eine furchtbare Ahnung wird zur Gewißheit-- der Vater liegt in einem blutigen Bette und der rechte Arm desselben hat voreiligen Abschied von dieser Welt genommen.
Der Soldat hat das Amt des Henkers am eigenen Vater verrichtet, denselben auch den Gerichten überliefert und schöne Belohnung angeboten erhalten, allein er nahm nichts und hat seit der schauerlichen Nacht nicht wieder fröhlich sein können.--
Diese Geschichte des Indianers, welcher Ort, Zeit und Personen nannte und gekannt haben wollte, macht einen tiefen Eindruck auf alle Mitgefangenen, die Einen sehen mit dem Zuckerhannes in ihr ein schreckliches Strafgericht Gottes, die Andern bleiben ungläubig, weil sie nicht dabei gewesen, der Spaniol sucht auf alle Weisen den wohlthätigen Eindruck der Erzählung zu verwischen und bringt den Indianer und den alten Paul richtig zum Schweigen durch die Frage:
"Angenommen, Gott sei gegen den Dieb gerecht gewesen, war derselbe Gott nicht sehr ungerecht gegen den Soldaten? Das unerbetene Rächeramt hat diesem das Leben verbittert und er war doch sicher schuldlos an der That des Vaters? Ein Gott, welcher derartige Komödien im Würtembergischen aufführt und nach Laune den Unschuldigen mit dem Schuldigen trifft, was ist dies für ein Gott? Wo der leidige Zufall sein Spiel treibt und die Menschen sich Etwas nicht zu erklären wissen, muß Gottes Wille, Gottes Finger und dergleichen erträumtes Zeug ihren Nothanker abgeben!"
Den meisten Gefangenen war der Spaniol ein unheimlicher Gast, den sie nicht liebten, aber er wußte sie Alle einzuschüchtern, zu gängeln und zu beherrschen und wenn sie der Sophistik des Verstandes, welcher bei demselben vorherrschte, ihr Herz und ihre Erfahrungen hätten nicht mehr oder minder entgegensetzen können, so würde er die Bessern unter ihnen noch mehr verschlechtert und mit dem Fanatismus des Unglaubens erfüllt, und in ihrem Fühlen und Denken irre gemacht haben.
Der Einäugige sucht das Gespräch von der Verwerflichkeit des Diebstahls abzulenken und weil ihn der Indianer mit seiner Geschichte unangenehm berührte, derselbe wegen lebensgefährlicher Verwundung in Untersuchungshaft sitzt, so rächt er sich an ihm durch ein kleines Zuchthausgeschichtchen, dessen Held vor noch gar nicht langer Zeit gestorben.
"Ja, ich glaub's, die Geschichte von dem Soldaten ist richtig und steckt in ihr ein Lob für mich!" beginnt der graue Dieb und erzählt:
"Im Zuchthause in F. hatte ich einen Schlafkameraden, der war ein kurioses Thier und während sonst die ärgsten Mörder ganz ruhig schlafen und trotz dem Dicken neben mir schnarchen, hat dieser in der Nacht die Augendeckel niemals lange geschlossen und wer ihm einen großen Gefallen erweisen wollte, mußte ihn wecken, wenn er träumte. Er träumte zwar auch mit offenen Augen wie die Hasen und war dann still, aber wenn er schlief und träumte, dann geberdete sich der Kerl oft wie ein Unsinniger. Warum?
"Er hat gedient als Knecht im Breisgau drunten bei einer grundreichen Wittwe, ist bei derselben gar wohl daran gewesen, denn er war ein starker, großer, schöner, ein bildschöner Mensch und ist oft mit Frucht oder Wein nach Basel hinaufgefahren. Einmal steht er auf der Brücke zwischen Großbasel und Kleinbasel, es soll ein sehr nebelhafter Tag gewesen und der Abend schon stark hereingebrochen sein. Neben ihm aber steht ein Kind, betrachtet ihn und lächelt ihm freundlich ins Gesicht."
"Ich bin niemals daraus gekommen, ob der Knecht plötzlich vom Teufel besessen wurde oder ob er besondere Ursachen dazu hatte, kurz und gut, das freundliche Kind hat ihn mit seinem Anschauen und Anlachen geärgert, er hat es ergriffen, auf den Arm gehoben und--in den tiefen Rhein hinein geworfen und zugeschaut, wie es sein Grab in den kalten, grünen Wellen fand!"--
"Bald darauf ist er um einer ganz andern Ursache willen für sieben Jahre ins Zuchtbaus gekommen, wo ich ihn kennen lernte und so wenig er sich aus dem Zuchthause und Dem, was ihn hineingebracht, machte, so arg quälte ihn der unbewiesen gebliebene Kindesmord und wäre er nicht im dritten Jahre der Gefangenschaft rasch weggestorben, so würde er am Ende den dummen Streich gemacht und den Gerichten die Geschichte von Basel angezeigt haben, wie sich dieselbe begeben."
"Tag und Nacht sah er das Kind und behauptete, es schaue bald aus dieser bald aus jener Ecke beständig nach ihm und lachte ihn an, daß es ihm durch Mark und Bein gehe. Ein Kind mochte er gar nicht sehen, ich glaube, er wäre von Herzen gern ein zweiter Herodes geworden. Auf der Schanz und beim Essen, in der Kirche und im Schlafsaale sah er bereits immer das lächelnde Kind und im Traume kam es ihm vor, als ob es die Aermchen nach ihm ausstrecke und mit dem Finger in den Rhein hinunter weise. Gestöhnt, geächzt, geflucht und gebrüllt hat er im Schlafe und oft sind während desselben mitten im harten Winter große Angsttropfen auf seiner Stirne sichtbar geworden, obwohl die Sträflinge in hundskalten Sälen liegen und der Teppich ihre leeren, kalten Bäuche fast eingefrieren läßt.
Als der Kerl in den Krankensaal kam und flugs wegstarb, that er mir recht leid, denn so aufbrausend und hitzig er nach Art der Todschläger und Rothhaarigen sein konnte und so sehr er auch in der ersten Zeit mit dem Gespensterkind langweilte, so hatte ich mich doch an ihn gewöhnt und er hat mir gar manchen Schick, manche Fleischportion und andere gute Bissen verschafft, denn seine Wittfrau hat ihn nicht verlassen und stets gehofft, ihn gesund und ganz wieder zu bekommen. Die Wittfrauen sind eben gute Schäflein!"
Auch die "Geschichte vom lachenden Kinde" fand großen Beifall und selbst der Spaniol meinte, er sei zwar gegen die Todesstrafe sehr eingenommen, doch diesen Knecht aus dem Breisgau würde er dazu verurtheilt haben, von vier Pferden lebendig zerrissen oder durch Herabtröpfeln von Wasser auf den geschorenen Schädel nach jahrelanger Marter getödtet zu werden. An diesem Subjecte habe sich die ganze Macht des bösen Bewußtseins offenbart.--
Bereits hat die "Lumpenglocke" die ehrsamen und nicht ehrsamen Bürger des Städtleins von den Wein-, Bier- und Branntweinbänken hinweggezaubert oder doch zum Stillschweigen gebracht, keine Fremdengesänge erschallen in die Kerker hinein, um diese mit Mißmuth, Trauer und Melancholie zu verproviantiren, die Gefangenen ringen mit dem Schlafgotte, würden sich gerne von demselben überwältigen lassen, wenn Kummer und Sorgen, Flöhe und Wanzen, harte Bretter und unruhige Kameraden kein Veto einlegten.
Lange hat in der uns bekannten Folterkammer der Spaniol sich noch mit dem Zuckerhannes leise unterhalten, das Schelten der übrigen zweibeinigen Bewohner brachte sie endlich zum Schweigen und dann vernahm man nichts mehr als den ersten Schlag der Stadtuhren, das Brausen des Windes, das Krächzen einiger Wetterfahnen in ihren rostigen Angeln, das ferne Rauschen der Gewässer, das Klappern einiger Mühlen, den Schrei eines Nachtvogels, den eintönigen Gang der Wachen oder den eiligen Schritt eines Nachtschwärmers, das Pfeifen und Nagen der Mäuse, ein ohrenzerreißendes Katzenduett, das Schnarchen des Murmelthieres, die schweren Athemzüge des Zuckerhannes, die tiefen des Einäugigen und den Lärm des Indianers, dessen Traum die Gestalten der Geschichten der blutigen Hand und des lachenden Kindes wirr durchzogen.
Die Morgenglocken läuteten dumpf und verstimmt die liebe Langweile eines trüben Regentages in den Kerker ein und die Magd des Kerkermeisters meinte beim Abholen des Wasserkruges, der Thermometer oder Barometer, wie das Ding auf Deutsch heiße, habe ihr schon gestern Abend prophezeit, daß sie heute von den Gefangenen wenig freundliche Gesichter bekommen würde.
Als es hell genug war, gingen der Indianer und der alte Paul wiederum an ihre Arbeit, der Schlosserlehrling malte eine abscheuliche Fratze an die Wand und behauptete, der Moses sei zum Sprechen ähnlich getroffen, der Sohn Israels bekam Händel mit mehrern, die ärgsten mit dem Murmelthiere, welches sich auf ein Gespräch über Judenemancipation einließ und behauptete, es wäre zehnmal gescheidter das Christenvolk von den Juden als diese vom Staate zu emancipiren.
Um dem Lärme ein Ende zu machen, springt der Einäugige vom Strohsacke auf, reibt mit den Fingern den Grundbaß zur "deutschen Marseillaise," welche der Indianer zu singen vorschlägt und sofort beginnt:
Freund, ich bin zufrieden geh' es wie es will, Unter diesem Dache leb' ich froh und still u.s.w.
Allmählig fallen Alle mit gedämpfter Stimme ein, das rothe Liesli im Nebenkäfig mit einem thurmhohen Diskant, die Gemüther beruhigen sich und nachdem das alte Lied oft genug wiederholt worden, meint der Schlosserlehrling:
"Hört Ihr läuten? Jetzt ist es neun Uhr, meine Mutter kniet im Kirchenstuhle und betet für mich! ... Ich wüßte nicht, was ich darum gäbe, wenn ich nur ein einzigesmal wieder das Inwendige einer Kirche sähe und einem Gottesdienste beiwohnen könnte!"
"Mir ist es gerade so, es ist nicht Recht, daß Untersuchungsgefangene nicht einmal einen Betsaal haben und allem Gottesdienste entfremdet werden!" meint der Paule.
"Ich ginge auch gerne in die Kirche, wenn mich Niemand sähe!" seufzt der Zuckerhannes.
"Oho, Ihr Betbrüder, warnet nur, bis Ihr Zuchthaussuppen bekommt, dann könnt Ihr den Pfaffen am Altare wieder genugsam betrachten!" versichert der Einäugige.
"Mit dem Zuchthaus wirds so geschwind nicht gehen!" meint der Zuckerhannes.
"Du kommst jedenfalls noch hinein, ich sehe es Dir an der Nase ab!" prophezeit Jener.
"Wenn ich draußen wäre, würde ich als aufgeklärter Mann an Sonntagen auch wieder in die Messe gehen, nämlich in den Adler oder Hirschen in die "Eilfuhrmesse," wo mit Tabakspfeifen und Cigarren geräuchert, mit Gläsern geklingelt und mit Messern der Segen gegeben wird!" spottet der Indianer.
"Ja, ja, das Kirchenrennen, das ist eine verfluchte Gewohnheit und steckt noch immer viel zu tief im Volke, besonders in den Weibsleuten. Diese halten das Handwerk der "Pfaffen" allein noch aufrecht!" ereifert sich der Spaniol.
"Der Spaniol hat doch einen wahren Höllenhaß gegen Alles was Religion heißt. Ich bin calvinisch, lutherisch, evangelisch, kurz, ich weiß es selbst nicht recht und er ein geborner Katholik, dazu ein Schulmeister, ein Studirter, aber so weit wie er möchte ich es nicht treiben. _Der_ wird den Zuchthäuslern gefallen!" brummt der alte Soldat in den Bart.
"Oho, alte Krähe, hab' Dich wohl verstanden!" sagt der Spaniol und fährt fort:
"Ich habe den "Pfaffen" tief in die Karten geguckt, zuerst Ekel vor ihnen und allgemach vor ihrem Geschwätz bekommen und weiß weßhalb, ein alter Lehrer muß es wissen, wenn er auch keine Grütze im Kopf hat! ... Denkt nur auch ein bischen nach und ich frage: Wenn der Gottesdienst eine so nothwendige Sache ist, weßhalb braucht man keinen an diesem Orte? ... Wenn es den "Pfaffen" wirklicher Ernst mit ihrem Glauben wäre, weshalb leben sie nicht darnach und thun offen oder heimlich wie andere Leute auch? ... Sagt Christus nicht, man müsse Gefangene besuchen und erlösen und rechnet die Kirche das Besuchen der Gefangenen nicht zu den Werken der Barmherzigkeit? Einige von Euch sitzen jetzt sieben volle Monate, die Untersuchung ist geschlossen, sie erwarten das Urtheil und wann habt Ihr je auch nur Einen Schwarzrock hier gesehen? ... Nicht Einer kommt, wenn er nicht bezahlt wird, ein Untersuchungsgefangener kann krank werden, sterben und verderben, es kräht selten ein geistlicher Hahn darnach, Ihr dürft nur den alten Kerkermeister fragen!"
"Bravo! ... der Spaniol hat Recht! ... Die Schwarzröcke können uns vom Leibe bleiben! ... Christus hat Vieles gesagt, woran seine Nachfolger niemals oder selten denken!"--schreien die Gefangenen.
"Die protestantischen Geistlichen sind hierin besser!" versichert der alte Paul.
"Ist der Rabbiner nicht schon dreimal bei mir gewesen? ... Verläßt er je einen gefangenen Israeliten? ... Wo ist Liebe und Treue, bei Euch übermüthigen Christen oder bei uns verachteten Juden?" triumphirt der Moses.
"Wahr ist's, überall halten die Juden zusammen wie Pech!" bemerkt der Spaniol.
"Heute ist Schabbes, wollen wir nicht Eins jaunern wie in einer Judenschule?["] fragt der Schlosserlehrling, geht mit gutem Beispiel voran, Einige folgen nach, Andere lachen und freuen sich über das böse Gesicht des armen Moses, der wenig auf seine Religion, dagegen desto mehr auf sein Volk hält und dieses verspottet sieht.
Auch diese rohe, elende Unterhaltung ist bald wieder verbraucht, das Affengesicht lärmt noch fort, Andere gähnen und der Indianer meint:
"Wenn wir nur auch mehr Bücher bekämen, man könnte in der Nähe des Fensters doch ein paar Stunden täglich lesen!"
"Ein Stümpchen Licht wäre besser, wir könnten dann mit Domino, Neunerstein, Würfeln und Karten die Zeit todtschlagen!" wünscht das Affengesicht.
"Man kann Alles bekommen, wenn Amtmann und Kerkermeister es erlauben und bringen, aber der Himmel ist hoch und der Rechte in Karlsruhe drunten; mit uns macht man, was man will!" klagt der Paul.
"Habe ich einmal recht Geld, dann will ich mich der verlassenen Gefangenen annehmen. Draußen denkt man eben nicht gerne an sie, ich habe es ebenfalls so gehabt, allein jetzt weiß ich, was es heißt, ein Gefangener zu sein!" sagt der Zuckerhannes.
"Ich glaube gar, unser Roßhannes da will verrückt werden. Woher soll denn Geld kommen, wenn Du es nicht stiehlst? Reiche Spitzbuben habe ich noch keine getroffen, mindestens nicht im Zuchthause!" versichert der Einäugige.
"Ich bin kein Narr und auch kein Spitzbube, mag keines von Beiden werden, aber Geld muß her, Geld regiert die Welt und ich weiß, daß ich noch Geld wie Heu bekomme!" lächelt der Zuckerhannes bedeutungsvoll.
"Ja, wenn Du deinen Kropf bis zum Bauche herab wachsen läßt, Dich dann in einen Kasten stellst und dem Publikum um Geld zeigst, dann kannst Du noch reich werden!" spottet der Indianer.
"Unser Zuckerhannes bekommt Geld, viel Geld und vielleicht in kurzer Zeit, das ist gewiß!" versichert der Spaniol sehr bestimmt.
"Hat jemand für ihn in die Lotterie gesetzt? fragt der Schlosserlehrling.
"Nein, noch nicht, aber ich habe ihm mein Geheimniß anvertraut und er wird jetzt in die Lotterie setzen, falls er frei ausgeht. Das ist sein sicherer Reichthum Numero Eins. Ferner hat der Spaniol noch ein Plänlein ausgeheckt, welches ich zwar nicht kenne, aber er ist der Musje Genie und darin liegt des Zuckerhansen Reichthum Numero Zwei. Das halbe Loos wird ihn schon zum gemachten Manne machen, er wird noch weiter hineinsetzen und dann fragen können, wie theuer der Schwarzwald sei!" versichert der Paul.
"Ach, Deine Lotterie hat Dir noch nicht einmal einen guten Rock, höchstens einen Zuchthauskittel verschafft, der Zuckerhans wird hübsch blau anlaufen!" lacht der Indianer.
"Ich muß arm bleiben bis zum 70. Jahre und vielleicht die andern 20 hindurch ebenfalls, das ist und bleibt mein Schicksal!" sagt der Paul sehr ernst.
"Werde ich reich, dann nehme ich den alten Paul zu mir. Er hat mir diesen Morgen seinen Rücken gezeigt und ich weiß, was ich zu thun habe. Wäre ich nur wieder frei!" meint der Zuckerhannes.
"Jetzt, da so große Dinge im Werke sind, wundert es mich nicht mehr, daß Du mit dem Paule und dem Spaniolen so gar viel Heimliches in der Nacht zu wispern hattest!" sagt der Schlosserlehrling zum Zuckerhannes.
In diesem Augenblicke nähern sich draußen auf dem Gange die Schritte eines Mannes, das Schlüsselbund klirrt, die Thüre geht auf und der Kerkermeister steht auf der Schwelle:
"Zuckerhannes, zieht euch an und kommt mit mir!"
"Haben die zwei gefangenen Freunde, welche sich vorgestern die Zähne in den Hals schlugen, das Versöhnungsfest gefeiert, he?" fragt der Spaniol.
"Hat man den "Schwanenhals" wieder erwischt? He, _der_ ist Euch schön durchgebrannt trotz Eurer Vorsicht?" grinst das Affengesicht.
"Bringen Sie doch dem Juden da zwei Zentner Knoblauch, er riecht dann erträglicher!" spottet der Einäugige.
Der Kerkermeister gibt kurze Antworten, der Zuckerhannes legt Schuhe und Wammes an, bespiegelt sich in den blanken Westenknöpfen des Zimmercommandanten, fährt mit dem "Gesellschaftskamm" des Schlosserlehrlings ein paarmal durch die Haare und trabt alsdann neben dem Kerkermeister mit klopfendem Herzen fort.
Schlau lächelt der Paul, spöttisch der Spaniol, Beide schauen sich an und lachen alsdann laut.
Verhöre hat der Zuckerhannes genug bestanden.
Stundenlang vor einem Aktentische stehen, eine Menge Fragen beantworten, welche die Unschuld empören, die Schuld verzweifeln machen und oft Beide verwirren, geliebten, gehaßten oder unbekannten Zeugen gegenüber gestellt werden, viele Monden als Gefangener allen Entbehrungen, allen Qualen der Ungewißheit, allen zeitlichen Nachtheilen ausgesetzt sein--dieses sind Dinge, welche Jeden, auch den Unschuldigen treffen können, niemals vergütet werden und sich großentheils gar nicht beseitigen lassen, so wenig als die Pein eines Untersuchungsrichters, der sich gar oft wöchentlich einige Stunden mit dummen oder schlechten Leuten herumbalgen muß, bei denen Lügen und Läugnen, Rohheit und Unverschämtheit gemeiniglich der Fünftelsaft ihrer Tugenden zu sein pflegen.
Vor der Thüre der Amtsstube schöpft unser Held noch einigemal Athem aus tiefster Brust, dann folgt er dem anmeldenden Begleiter.
Der Verhörrichter, ein braver, kenntnißreicher Herr, der ordentliche Gefangene niemals grob behandelte, nutzlos quälte, ihren Prozeß in bequeme Länge zog und selbst bedauerte, daß die Sache des Zuckerhannes langsam entschieden wurde, steht jetzt am verhängnißvollen Tische, schaut aber dem Eintretenden weit freundlicher als sonst entgegen und ruft sogleich:
"Hans, Ihr seid frei!"
Frei!--dieses Wörtlein trifft den Hans wie ein Donnerschlag, der die Wetterwolken gewaltig zertheilt und die Sonne hineinblitzen läßt in die liebliche Frühlingslandschaft seiner Heimath.
Frei!--Er mag es kaum glauben, starrt den Beamten mit halbgeöffnetem Munde wortlos an und fährt mit der Hand über die Stirne, um sich zu versichern, von keinem Traume geäfft zu werden.
Das Erkenntniß des Gerichtshofes wird ihm vorgelesen, der Beamte redet einige Worte freundlicher Ermahnung und macht eine entlassende Handbewegung, Hans ist vor Rührung nicht im Stande zu reden und während er dem Kerkermeister wieder hinaus folgt, stürzen Thränen der Freude über seine verblichenen Wangen.
"Habt Ihr Etwas im Arrest liegen lassen?"
"Nein!"
"Gut, dann kehren wir nicht dahin zurück; kommt, ich will das Thor aufmachen, dann geht Ihr, wohin Ihr wollt!"
Hans hätte gerne von den Mitgefangenen Abschied genommen, doch besaß er nicht den Muth, diesen Wunsch zu äußern, er hatte ja kein Geld bei sich und Geldmangel ist im Kerker oft schlimmer, als in der Freiheit.
Wir wollen damit nichts weiter sagen als daß Alles, was der Hofpont des Augustus im heidnischen Rom von der Macht des Reichthumes gesungen, bis zur Stunde auch im Kerker gültig sei.