Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling Erster Theil

Chapter 17

Chapter 173,675 wordsPublic domain

Mit Hülfe anderer Gefangener steige ich um Mitternacht auf das Dach des Thurmes, will mich an zerschnittenen Leintüchern herablassen, doch die Sache geht nicht gut, ich muß mich am Schieferdeckershaken halten, bleibe dort hängen, werde bemerkt, mit großen zusammengebundenen Leitern herabgeholt, komme in ein schwereres Gefängniß, werde krank und bald wieder in ein besseres Zimmer gesetzt.

Ich würde lügen, wenn ich über meine Behandlung während der Untersuchung klagte; der Amtmann war kein Tyrann, sondern ein humaner, gerechter und sehr gescheidter Herr, der den Kerkermeistern scharf auf die Klauen sah, damit sie dieselben nicht allzuweit gegen die Gefangenen herausstreckten.

Dagegen lautete mein Urtheil schlimm genug, zumal das unglückselige Buch nicht mehr aufgetrieben wurde und mein guter Bekannter nichts mehr davon wußte.

Sieben volle Jahre hatte ich das vorigemal gemacht, ich sollte dieselben wieder machen und zwei neue dazu, folglich neun geschlagene Jahre.

Ihr könnt Euch denken, wie mir zu Muthe war bei Verlesung des Urtheils, doch mein Reden half wenig, ich dachte auf dem Wege ins Zuchthaus immer an den frommen Gottesmann Bernhardus, der mir auch dieses Unglück wie die meisten andern prophezeit hat. Wenn ich daran denke, daß ich schon bei der Geburt zu 70 Strafjahren verurtheilt wurde, so bin ich Gott dankbar, weil Er mir doch auch lustige Tage schenkte und die Kraft gab, mehr als zehn Andere auszuhalten und wenn ich bedenke, daß die 70 Jahre bald überstanden und dann noch 20 gute kommen werden, so lebe ich manchmal von Neuem auf, wenn ich nicht gerade Blutspeien habe!

Ich war diesmal nicht lange in der Strafanstalt, da gab es eine Revolution wegen der Kost, mein einäugiger Spezel da weiß auch davon zu erzählen, denn er spielte eine weit größere Rolle dabei als ich. Wir schlugen um Mitternacht alle Fenster zusammen, verrammelten uns in unsern Sälen, schlossen dieselben fest und öffneten sie nur dem Kreisdirector, nachdem die ganze Garnison gegen uns ausgerückt war. Uebrigens machte ich selbst sehr wenig dabei; ich bin nicht mehr der Alte, mein Muth und meine Kräfte sind sehr geschwunden und es ist eine leichte Sache geworden mich einzuschüchtern. Mache einer meine Feldzüge und Strapatzen durch, halte dann dazu 15 Jahre Gefängniß der schwersten Art aus und bleibe jung und stark und herzhaft, wenn er es vermag! ... Was sage ich 15 Jahre? Wartet einmal, fünf und sieben sind zwölf, zwei und ein halbes thut vierzehn und ein halbes, dann drei dazu und noch eins, macht Alles in Allem achtzehn und ein halbes Jahr in Strafhäusern seit meiner Rückkehr in die Heimath, abgerechnet, daß ich jetzt wieder einige Monate sitze und trotz meiner Schuldlosigkeit einige Jahre auf den Buckel bekommen kann. Freilich kenne ich Sträflinge, welche abwechselnd 20, 25, ja 30 und mehr Jahre in Zuchthäusern lebten und auch einen Beweis lieferten, daß der Mensch zehnmal mehr aushält als der größte und stärkste Elephant!

Nach der Kostrevolution bat ich, mich alternden Mann allein zu setzen und es geschah auch, ich erhielt ein ordentliches Zimmerchen und man plagte mich nicht sehr mit dem Arbeiten, weil ich mein Blutspeien wieder bekommen hatte.

Die Zeiten sind für die Gefangenen in Manchem anders und besser geworden, andere Herren sind überall ans Ruder getreten, auch die Stockprügel sind abgeschafft worden und ich bin ganz dafür, obwohl es Menschen und Fälle genug in Strafhäusern gibt, wo ein gerechter Sträfling meint, er müsse selbst den Stock zur Hand nehmen und Mitgefangene prügeln. Wer Ehrgefühl besitzt, dem wird es durch Stockprügel gar leicht aus dem Leibe herausgeschlagen, ich habe das bei den Oestreichern und Russen genug erlebt; aber wo einmal das Ehrgefühl fehlt, da bleiben Prügel und Zwangstuhl das einzig wirksame Mittel; alles Schonen macht unverschämte und freche Menschen nur ärger und weil sie sich durch das Gesetz geschützt wissen, geberden sich manche Sträflinge heutzutage, als ob Aufseher, Beamte und Geistliche ihre Schuhlumpen wären!

Etwas über 2 Jahre saß ich wegen dem Buch in meinen Stüblein, da kam ein hoher Herr von Carlsruhe in die Anstalt, um dieselbe zu visitiren. Ich sah ihn durch den Hof gehen, rief seinen Namen, bat ihn, mich ein ein [ein] bischen zu besuchen; er kam auch richtig gleich zu mir, ich erzählte Alles, der Verwalter und der Doctor redeten auch gut für mich und der Herr sagte, er wolle meiner gedenken und schrieb Mehreres in seine Brieftasche.

Es dauerte gar nicht lange, so wurde ich begnadiget, sechs und ein halbes Jahr sind mir an der Strafzeit geschenkt worden; so oft ich an den guten Herrn und an den Großherzog Leopold denke, der so Vieles für die Aermsten aller Armen, für Gefangene gethan hat, fließen die Thränen stromweise über meine alten Wangen, ich weine wie ein Kind und kann nur beten, daß Gott den Großherzog Leopold noch lange beim Leben erhalte, denn dieser Herr ist die Güte selbst. Hätte Er nur tausend Augen, tausend Ohren und zehntausend Arme, ein edleres Herz brauchte er nicht, dann könnte er die Spitzbuben und Heuchler sammt den Volksverführern an der Cravatte kriegen und auch einmal manchen feinen Rock ins Zuchthaus abliefern! ... Schon in frühern Zeiten hatten viele Leute um meiner Abentheuer und Ausbrüche willen geglaubt, ich sei eine Art Hexenmeister und könnte recht glücklich und reich sein, wenn ich nur wollte. Lustig blieb ich bei allem Elend immer, kann noch heute recht lustig sein und werde es wohl, wenn einmal die 70 Strafjahre vorüber sind! ... Nach meiner Entlassung behaupteten die Leute, ich könne machen, daß Einer in der Lotterie gewinne, mein Widerreden half nichts, die Leute blieben so abergläubisch auf ihrer Meinung, als ob sie die ärgsten Katholiken und keine Zwinglianer wären, am Ende dachte ich: wenn Ihr durchaus betrogen sein wollt, so kanns der alte Paul ja thun, es wird ihm nicht schaden und Ihr werdet bald an Euerm Verlust merken, daß ich kein Hexenmeister bin!

Viele glaubten, ich wolle mit meiner Wissenschaft nur nicht herausrücken, steckten sich heimlich hinter mich und gaben mir, was ich gerade brauchte, versprachen goldene Berge dazu und ich sagte ihnen das Mittel, welches mir ein Jude einmal anvertraut hat und das ich niemals selbst probirte, weil mir das viele Geld dazu mangelte. Ich selbst hielt anfangs nicht wenig darauf, doch nachdem es Einige angewendet und in der Lotterie dennoch keinen Knopf gewonnen hatten, schwand mein Zutrauen, bei Andern war dies auch der Fall, sie behaupteten, ich führe die Leute betrügerisch am Narrenseil herum. Solches that mir wehe, weil es nicht wahr gewesen.

Dagegen kamen Andere noch immer heimlich zu mir, sagten, ich habe Andern wahrscheinlich das rechte Mittel nicht gesagt, weil sie zu knauserig gewesen und wollten um jeden Preis dasselbe aus mir herausbringen.

Ich lebte in einem Dorfwirthshause, weil ich da am wohlfeilsten schlief und um 6 Kreuzer täglich zu essen bekam. Das Essen war wenig und elend, Durst habe ich auch oft gehabt und so freute ich mich, daß die Schwester der Wirthin, eine wüste alte Jungfer, die immer noch gerne geheirathet und deßhalb in der Lotterie gewonnen hätte, sich hinter mich steckte und mir Vieles gab, damit ich das wahre Mittel sage. Den Wirthsleuten sagte sie nichts davon, um nicht ausgelacht zu werden und wir hielten Alles heimlich.

Einmal trete ich in die Stube, da sitzen einige Juden am Tische und ich setze mich neben sie. Ich hatte einem Studenten eine Kommission gemacht, ein gutes Trinkgeld erhalten, war etwas angetrunken und lasse von Zeit zu Zeit ein Stück Speck unter dem Rocke hervorschauen, um die Juden zu utzen und sage, ich sei nicht mager, wie die Leute meinten, sondern fett, man möge mich nur näher betrachten.

"Woher habt Ihr den Speck?" fährt mich der Wirth an.--"Käthchen hat ihn mir draußen gegeben in der Küche, als ich meine Pfeife anzündete!" sage ich erschrocken.--"Käthchen, hast du dem Paul von meinem Speck gegeben?" fragt der Wirth.--"Mein Herz hat nie daran gedacht, der Paul lügt!"

Jetzt beginnt der Wirth zu fluchen und zu schänden, ich gebe auch nicht nach, weil ich Etwas im Kopf hatte, zahle meine Sache und gehe fort.

Am andern Tage werde ich vor Amt geladen und eingesteckt. Käthchen beichtete die ganze Lotteriesache, dagegen legte sie einen Eid ab, mir niemals Speck gegeben zu haben, Zeugen hatte ich keine und war verloren.

Der Verhörrichter ließ mich frei, weil ich alt und kränklich sei, bis der Bescheid vom Hofgericht kam. Dieser lautete auf 3 Jahre Zuchthaus, mein Widerreden half nichts, weil ich schon oft im Zuchthause gewesen und ich machte meine Zeit.

Kaum bin ich einige Wochen frei, so passirt mir ein neues Unglück.

Ich wohnte wieder in einem Dorfe, blieb bald da bald dort über Nacht. Eines Morgens sehe ich beim Fortgehen vor der Speicherthüre schwarze Wäsche liegen, nehme zwei alte, elende Hemden, von denen keines 24 Kreuzer werth war und will fort. Ein kleines Kind schaute mir zu, wie ich die Hemden in mein Sacktuch band, rennt in die Stube und sagt es der Mutter, diese eilt heraus, stellt mich zur Rede, ich gestehe Alles gleich, während die Frau noch schimpft, tritt der Gemeindediener herein, doch läßt man mich in Frieden ziehen.

Eine halbe Stunde vom Dorfe holt mich jedoch der Polizeidiener ein, führt mich zum Bürgermeister des Dorfes zurück, dieser sagt, er würde mir eine leichte Strafe geben, wenn ich in die Gemeinde gehörte, weil dieses jedoch nicht der Fall sei, müsse er mich dem Amte einliefern.

Vor Amt läugnete ich gar nicht, wurde abermals frei, vom Hofgerichte abermals zu 3 Jahren verurtheilt, diesmal ergriff ich gar keinen Rekurs und machte abermals meine Zeit. Apropos, daß ichs nicht vergesse, meine Rechnung von vorhin leidet an einer kleinen Unrichtigkeit, ich habe die 3 Jahre, in welchen ich für die zwei elenden Hemden büßen mußte, nicht gezählt und bin also nicht 18½, sondern 21½ Jahr in Strafanstalten gewesen. Vielleicht feiere ich bald mein Zuchthausjubiläum!

Elender, schwächer und ärmer als je kam ich heim und kein Mensch wollte sich jetzt mehr meiner annehmen, ich vermeinte, die guten Leute seien auf der Welt Alle ausgestorben! ... Voriges Jahr wird Einer Präsident der Armencommission, welcher allen Armen Abzüge machte. Seit mehreren Jahren bekam ich vom Spitale ganze Kost und Brod oder Kostgeld, weil ich jährlich Zeugnisse vom Physikus brachte, daß ich arbeitsunfähig sei.

Jetzt muß ich zum Präsidenten und da heißt es: "Er erhält gar nichts mehr vom Spitale, arbeitet!"--"Kann ich denn weben? Ich darf ja nicht!"-- "Verrichtet leichte Arbeit!"--"Geben Sie mir; ich bekomme nirgends mehr eine Gelegenheit zum Verdienen!"--"Suche Er nur eine solche!"--"Ja, was soll ich jetzt anfangen?"--"Betteln oder Stehlen, mir ist es gleichgültig!"

Einige vornehme Bürger, von denen ich wußte, daß sie den Präsidenten als einen Aristokraten nicht leiden mochten, ermahnten mich, die Sache bei den Behörden anzuzeigen und Einer setzte mir eine Schrift auf.

Diese Schrift gab ich am rechten Orte ab, erhielt 4 Wochen keinen Bericht, hatte manchen Tag nichts zu essen und verhungerte beinahe.

Endlich gehe ich auf das Oberamt, klage mein Elend, die Thränen fließen stromweise über meine alten Wangen, die Herren aber verwundern sich, weßhalb ich noch nichts erhalten, denn sie hatten das Nöthige sogleich gethan. Es dauerte wieder 14 Tage, ohne daß ich etwas erfuhr, ich ging wieder zu den Bürgern und klagte, diese gaben mir Geld, Einer machte mir wieder eine Schrift, worin der Präsident der Armencommission sammt dem Oberamte verklagt war und ich wanderte zum Herrn Kreisdirector.

Dieser gute Herr las meine Schrift und sprach mir Trost ein.

Das Oberamt verübelte mir, daß ich es ungerecht verklagt habe, doch ich hatte dies ja nicht gewußt, die Bürger sagten alle, das Oberamt spiele mit dem Präsidenten unter Einer Decke und beide seien gleich schlecht und volksfeindlich.

Endlich nach 3 weiteren Wochen ist Sitzung der Commission, dieselbe spricht mir für jeden Tag einen Schoppen Suppe und einen Schoppen Gemüse und für jeden fünften Tag 4 Pfund Brod zu. Als alter Mann wollte ich auch Fleisch, ging deßhalb zu einigen Herrn der Commission, doch nicht zum Präsidenten und erhielt dann alle Sonntage ein Stücklein Fleisch.

Weil ich auch unter der Woche Fleisch will, gehe ich endlich wieder zum Präsidenten, erhalte aber nichts, bis er von seiner Stelle abdanken muß, alsdann gibt mir sein Nachfolger Alles, was ich früher genossen. So oft ich an diesen guten Mann denke, laufen mir die Thränen stromweise über meine alten Wangen und der Gottesmann Bernhardus kommt mir in den Sinn! ... Im vorigen Spätjahre hatte ich keine Winterkleider und lief in elenden Sommerhosen herum, obwohl der Winter diesmal früh angefangen hatte; dies sahen einige Herren und es dauerte nicht lange, so trug ich eine ganz schöne, warme Montur. Gott verläßt den alten Paul nicht, wenn Er ihn auch aus einem Kreuz ins andere schickt!

Daß ich jetzt in Untersuchung bin, weil Eine, welche Lotterielose sammelt, mir mein Geheimniß abschwatzte, Manches gab, in der Lotterie Alles verlor und mich aus Rachsucht nachträglich anklagte, ich hätte ihr Vieles gestohlen, was auf meinem Speicher in der Kiste unter der Bettlade doch ganz schön geordnet gefunden wurde, dies wißt Ihr Alle! ... Der Hauptfehler ist, daß ich eine kleine Winterreise machte und hier herauf gerieth, wo ich arretirt wurde und jetzt schon so lange sitze, ehe ich in die Heimath geliefert werde. Wie wird es mir noch ergehen! ... Gottlob, daß das Jahr 1852 jetzt nahe ist!

* * * * *

"Die Geschicht' vom Paul is ebbes Rares, meiner Schumme! Ich glaab' aber, wenn wär' Gott gewest mit ihm, hätt' er nicht so viel' leichtsinnige Streich' gemacht!" meint der Moses.

"Oh, diese Geschichte ist fürchterlich schön, was hat _der_ Mensch ausgestanden! ... Man sollte es kaum glauben! ... Morgen zeigt Ihr mir Euern Rücken Paul, nicht wahr?" ... sagt der Zuckerhannes ganz begeistert.

"Mich wunderts nur, wie es dir nach dem 70sten Jahre ergeht! Siehst nicht darnach aus, als ob du noch 20 Jahre gut zu leben vermöchtest oder schlimm; so oft du Geld hattest, hast du jedesmal dummes Zeug gemacht!" bemerkt der Indianer.

"Ach die Weibsleut', von denen hättest du doch mehr erzählen sollen. Jedenfalls hast du mehr mitgemacht, als wir alle zusammen! Ich wollte, ich hätte die Marie, die Margreth und meinethalben noch Eine jetzt neben mir!" grinst das Affengesicht.

Der alte Paul schluchzt, die Mitgefangenen hören es und fragen.

"Ach Gott! ... o Marie, du Längstverfaulte! ... Ach, auch! ... ich war in Akazien geboren! ... Und die Tirolerin! ... Nein, der Mensch liebt nur einmal recht, dann hat er kein Herz mehr dazu! ... So oft ich an den Mohren zu Jägerndorf zurückdenke, fließen die Thränen stromweise über meine alten Wangen! ... Ach, Alle, die ich kannte und liebte, sind todt, lauter neue Gesichter, neue Einrichtungen! ... Für mich ist die Welt ein Kirchhof und was soll ich auf diesem Kirchhofe noch 20 Jahre und mehr thun? ... Das Leben ist nur in der Jugend schön, später wird Einem der Tod lieb, Nichtsterbenkönnen wäre wohl die härteste aller Strafen! ... Hast noch einen Tropfen Wein, Mauschel? ... Nicht? o weh!" jammert der Alte, "deine Geschichte ist nicht ohne Interesse, das Beste daran bleibt, _daß sie nicht erdichtet ist_!" meint der Spaniol und setzt bei: "Was du von der Zeit deiner Rückkehr aus Frankreich an erzähltest, ist im Ganzen eine _gewöhnliche Zuchthausgeschichte_, wie wir sie von vielen Rückfälligen vernehmen können!"

"Heutzutage gibts doch keine rechten Zuchthausgeschichten mehr!" schreit der Stoffel. "Was der Paule von den _alten_ Zuchthäusern erzählte, habe ich großenteils nicht nur mit angesehen, sondern mitgemacht. In meinen jüngern Jahren war ich auch keiner von den Letzten, aber jetzt bin ich froh, daß die Herren in Carlsruhe, die Beamten und Meister in den Strafanstalten ganz andere und bessere sind. Kost und Brod ist gut, die Behandlung menschlich und das hält Einen eher vom Stehlen ab, denn alle Strenge und Grausamkeit!"

"Dich hat es doch noch nie vom Zuchthaus abgehalten!" lacht der Indianer.

"Weßhalb? Hatte ich zu leben, dann würde ich nicht "rapsen." Ich bin arm, ohne Heimath und Freunde, verstehe kein Gewerbe, kann nicht schwer arbeiten, da wäre ich doch ein Narr, wenn ich nicht lieber ins Zuchthaus ginge, als draußen mich müde und hungrig herumschleppen, von Jedem schief ansehen und verachten lassen möchte! Gehe in die Strafanstalten und Wen findest du unter den Stammgästen? Lauter Arme und Verarmte Buben ohne Väter, Waisenkinder, kurz Leute, die vom Schicksal verfolgt wurden! Die Zeiten werden schlecht, bald ist es im Zuchthause besser als draußen!" belehrt der Stoffel.

"Oho, oho! Wollen sie nicht bald das Zellengefängniß in Bruchsal bauen? Kann man dort nicht mit Jedem anfangen, was den Beamten oder Aufsehern beliebt? Heißt es nicht in den Zeitungen, die Gefangenen würden alle zu Narren oder Selbstmördern? Hat man nicht schon Zellenbewohner in andern Ländern gefunden, welche vergessen wurden, sich bei lebendigem Leibe die Arme und Beine anfraßen und den Hungertod starben? He?" schreit der Indianer.

"Hu, das ist grausig!--gräßlich!--Lieber todt als in der Zelle!--Man sollte das neue Käfig in Bruchsal niederbrennen, ehe es gebaut ist!" rufen die Gefangenen im Chorus.

"Ach, die Sache ist nicht halb so arg, ich weiß dies von Frankreich und der Schweiz her!" sagt der Spaniol. "Zellengefängnisse sind zwar keine Marterhöhlen und Folterkammern, aber Volksverdummungsanstalten, in denen der Mensch mit Religion angesteckt wird, eine kleine Schlappe, welche bei uns Preußen und Baden der Armee der großen Zukunft versetzen!"

"Was verstehst du unter der Armee der großen Zukunft? he?" fragt der Zuckerhannes.

"Mon Dieu, _du_ Dummkopf gehörst ja selbst dazu!"

"Ich?"

"Ja du!"

"Setze es dem Simpel noch einmal auseinander, s'ist ein Kerl, mit dem man Riegelwände einstoßen könnte, ohne daß sein Hirn beschädigt würde!" lacht der Indianer.

"Oh, ich bin nicht halb so dumm wie ich aussehe! ... Ihr könnt Einen schon gescheidt machen! ... Hab' ich doch in diesen paar Wochen von den Weibern, Pfaffen und "Großköpfen" hier Dinge gehört, die ich draußen nicht sagen möchte! ... Der Einäugige hat Recht, im Arrest ist Freiheit, es lebe der Arrest!" ... ruft der Gefoppte. "Halt' jetzt deine Gosche, der Spaniol will wieder eine Rede loslegen, er räuspert sich schon und wir wollen den Takt dazu kratzen, während die Flöhe tanzen und das Murmelthier den Contrebaß brummt!" lacht der Stoffel.

"Noch Ein Wort!" bittet der Paul und sagt: "Der Indianer hat vorhin von Zeitungen geredet, die einem vor Zellengefängnissen bange machten.["]

Darauf ist wenig zu geben, denn Zeitungen lügen und Zeitungsschreiber verstehen sicher oft kein Maaß, wenn von Gefängnissen die Sprache ist und schmieren in den Tag hinein, damit das Blatt voll wird. Jedenfalls habe ich, der alte Paul, im Zuchthause Vier gekannt, die sich innerhalb weniger Jahre erhängten, ich selbst habe mich aufgehängt, war weder der Erste noch der Letzte und Narren habe ich auch genug unter den Sträflingen gesehen. Es kommt eben sehr viel auf die Behandlung an! Was die Narren betrifft, so hat mir ein Herr Student in Heidelberg einmal gesagt, der berühmte Doktor Roller habe ausgerechnet, daß auf je 1000 Menschen 3 Narren kämen, das heißt anerkannte Narren, denn wenn man Viele dazu rechnete, welche für gescheidte Leute gelten, gäbe es unter 1000 Menschen mindestens 800 Narren! ... Das hat mir auch ein Heidelberger Student gesagt und es ist so, je nachdem man die Sache betrachtet! ... Ich selbst bin oft ein rechter Narr gewesen!"

"Nach dem Jahr 1852 wirst du gescheidt, hast dann bald das doppelt Schwabenalter!" lachte der Stoffel.

"%Silence, je vous prie!%" brummt der Spaniol, räuspert sich noch einmal und spricht mit steigender Aufgeregtheit.

"Ihr wißt, Brüder, daß alle Menschen von Geburt gleich sind und daß wir im Leben doch überall Ungleichheit des Besitzes, Genusses, der Arbeit, Bildung, kurz aller Dinge sehen. Schlaue Betrüger haben die Menschheit mit eitlen Phantasiegebilden von Gott, Ewigkeit, Vergeltung und dergleichen Träumereien des beweglichen Herzens in Furcht, Angst, Verwirrung und Noth gejagt. Der Starke unterdrückte den Schwächern und nahm mit Hülfe betrügerischer Priester seine Berechtigung von einem Himmel, der nirgends existirt, betrog die Mehrzahl um alle Freuden und Güter des Erdenlebens und stellt ihr fortwährend Wechsel aus, welche der Unverstand acceptirt und der Tod mit Nichts honorirt. Millionenfach haben die Interessen der Menschen sich verschlungen, die Armen opferten das wahre Interesse ihrem scheinbaren, die absolute Unordnung wurde zur Ordnung, zum Gesetze."

"Zerstäubte Millionen wurden um ihr Glück betrogen, unterdrückte Millionen seufzen nach Erlösung aus den Banden des Aberglaubens und des Despotismus, Millionen sehen noch nicht, wo sie eigentlich der Schuh drückt, senden heimlich verspottete Gebete zum ewigstummen Himmel und schlachten ihre natürlichsten, schönsten Gefühle auf dem Altare des Wahnes und der Knechtschaft, welche ihre Herrschaft in ein endloses Jenseits ausdehnten, um der Herrschaft über das Diesseits desto gewisser zu sein."

"Es läßt sich berechnen, Brüder, daß, wenn Louis Philipp fortwucherte, in einigen Jahrzehnten die Geldmasse des europäischen Festlandes in seine usurpatorischen Hände käme!--Ihr wißt selbst, daß die Weiber in einer Art Sklaverei auch bei uns leben, daß Jeder nur Ein Weib nehmen darf und Hunderttausende nicht im Stande sind, ein Weib zu ernähren oder ihre Familie also zu unterhalten, daß sie frohe Stunden erlebt. Schwelgen und Befehlen ist das Vorrecht Weniger, Hungern und Unterdrücktwerden das Loos der ungeheuern Mehrzahl. Ihr wißt ferner, von wem und wie die sogenannten Gesetze gezimmert und aufrecht erhalten werden, Ihr Alle seid ja gegenwärtig Opfer derselben und in dieser Stunde seufzen Hunderttausende in Kerkern, die Angehörigen verfluchen ihre Dränger."

"Dies sind nur einige kleine Belege für die unermeßliche Summe des Elendes, welches ob der freigebornen, gleichberechtigten Menschheit lastet. Flössen alle Thränen zusammen, welche nur seit 2000 Jahren auf dem weiten Erdenrunde von der gepeinigten Natur und vom gequälten Herzen geweint wurden, es gäbe ein Thränenmeer, gegen welches das mittelländische in der That nur ein französischer See sein würde."

"Brüder, es wird anders werden und muß anders werden!"--

"Ich habe die Jahrbücher der Menschheit aufgeschlagen und trotz aller Verfälschung derselben gefunden, daß ein tiefes, unauslöschliches Sehnen nach Urfreiheit und Erdenglück durch die Völkerherzen aller Zeiten und Welttheile zieht und daß diese Sehnsucht in fortwährenden Kampf gegen Knechtung und Elend trieb."

"Ich habe die gebildeten Völker besucht und allenthalben gefunden, daß die unbestimmte Sehnsucht der Völker zum Bewußtsein der eigentlichen Zwecke des Erdenlebens und der rechten Mittel für Erfüllung dieser Zwecke sich steigert."

"Ich habe auch gefunden, daß in der Entwicklung der Völker eine gewisse Gesetzmäßigkeit liegt und aus all diesem den herzerfreuenden Schluß gezogen, die Morgendämmerung der großen Zukunft sei angebrochen, die vielen Culte der Völker wichen dem einzigen Culte des reinen Menschenthumes und die Zeit schärfe die Schwerdter des letzten, furchtbaren Krieges, in welchem die unterdrückte Mehrzahl die bisher triumphirende Minderheit unterjochen oder vernichten wird."