Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling Erster Theil

Chapter 16

Chapter 163,840 wordsPublic domain

Das war gut, allein mir trug es keine Rosen, denn der Amtmann vergaß mir den Streich nicht, den ich ihm gespielt hatte, jetzt bekam er mich selbst in die Klauen und sein erstes Wort hieß: "Warte, dich Lalle will ich zahm machen!"

Was ich zerschlagen, war ohne großen Werth und ich wollte es bezahlen, was ich genommen, war mein Eigenthum und ich erbot mich, dieses zu beweisen, wiewohl das Mädchen niemals ein Geschenk von mir empfangen zu haben versicherte. Im nächsten Verhöre wurde die Klägerin mir gegenüber gestellt, läugnete abermals, ich aber wollte beweisen, daß die Ohrenringe, in welchen sie gerade prunkte, ebenfalls mir gehörten, nannte den Goldarbeiter und zwei andere Zeugen, doch der Amtmann wollte nichts von ihnen hören.

Er spielte fortwährend mit einem Lineal um meine Nase herum, ich bat ihn drei und viermal, das Spiel aufzustecken, dafür trieb er es desto ärger und ruhte nicht, bis ich ihn bei der Gurgel nahm, zu Boden warf und ihm einige saftige Faustschläge ins Gesicht versetzte.

Ich bekam vier Wochen Dunkelarrest bei Wasser und Brod, doch noch heute freuet es mich, dem Kerl den Meister gezeigt zu haben. Damals wurde meine Freude getrübt, weil der Gefangenwärter sammt seiner Frau mich auf jede mögliche Weise fortwährend ärgerten, quälten und verfolgten.

Wie der Herr, so der Knecht, in meinem Falle waren beide boshafte, heimtückische Tyrannen.

Der Kerkermeister sollte durchaus Händel mit mir suchen, ich merkte es damals schon und dachte. Was Ihr wollt, könnt Ihr beim Paul bekommen!

Einmal verlangte ich Stroh, weil ich bereits auf den bloßen Brettern lag, mehrere Tage später kommt die Frau des Gefangenwärters und sagt. "Vor der Thür liegt Stroh, fülle Er seinen Sack!"--"Nein, fülle Sie ihn, Sie hat Ihr Wartgeld dafür!"--"Soll ich meinen Mann schellen?"--"Nur zugeschellt, ich fürchte Ihren Mann nicht!"

Das Weib rennt zornig fort, bringt den Mann und dieser kreischt. "Willst Du Deinen Sack füllen oder nicht?" "Nein, ich will nicht, _Du_ bist dazu da!" Er wollte mich packen und mit einem Stocke prügeln, den er mitgebracht, doch ich kriege ihn an der Kravatte, brachte ihn zu Boden und zeigte ihm, wo Barthel Most holt. Seine Frau will mir geschwind ein Fußeisen anlegen, ich versetze ihr einen Tritt, daß sie heulend und schimpfend davon rennt und bearbeitete ihren Mann, daß ihm Hören und Sehen vergeht. Das Weib kommt mit zwei Schaarwächtern; vor der Thüre liegen einige große Steine, ich nehme einen und gehe damit den Schaarwächtern entgegen, daß sie davonliefen. Der Gefangenwärter liegt in meinem Käfig und kann nicht mehr aufstehen, ich laufe auf dem Gange herum, bis der Amtmann mit 6 bis 8 Leuten kommt, von denen Jeder einen Bengel hat. Ich eile in meinen Käfig, der Amtmann kreischt. "Gehe heraus!"--"Nein, Du Mörder, ich habe nichts mit Dir!"--"Wendet Gewalt an!" brüllt er.--["]Das werdet Ihr bleiben lassen, wenn Euch euer Hirnkasten lieb ist!" schrie ich. Doch Zwei packten mich und hätten mich beinahe erwürgt; der Zorn gab mir Riesenkräfte, ich schmiß beide zum Käfig hinaus, Keiner wollte mehr anbeißen und ich sage. "Ich gehe heraus, wenn der Bürgermeister da sein wird!"

Der Amtmann läßt den Kerkermeister wegtragen, den Bürgermeister holen, ich gehe ins Verhörzimmer, mehrere Herren kommen, der Amtmann fragt: "Weßhalb den Gefangenwärter mißhandeln?"--"Du Tyrann, wenn mich die Herren fragen, will ich eure schlechten Streiche an den Tag bringen, Du bist mir zu schlecht, als daß ich Dir antwortete!"

Den Herrn erzähle ich Alles; sie lassen den Prügel des Kerkermeisters holen, der noch auf dem Boden meines Gefängnisses lag und sage auch, weßhalb mich der Amtmann ins Unglück bringen wolle. Jetzt erfuhr ich, das Mädchen habe einen Eid geschworen, daß es Nichts von mir besitze. Ich bitte meine Zeugen vorzuladen, meine Mißhandlung dem Herrn Kreisdirector zu melden, der Bürgermeister räth mir, Alles beim Schlußverhör anzugeben, damit es das Hofgericht erfahre.

Ich kam jetzt in ein schweres Gefängniß, obwohl es noch immer besser war, als unser Loch hier, das an den Kesselthurm in Luzern mahnt.

Wie ich am Morgen mein Nachtgeschirr leere, springen mehrere Männer aus einem Verstecke, packen mich von hinten, werfen mich zu Boden, Hände und Füße werden festgehalten, der Schlosser legt mir zwei Ketten an und vernietet jede mit einem Nagel.

Am Sonntag kommen zwei Wächter mit Gewehren, bringen ein Hemd, das an der Seite ganz aufgetrennt und an den Aermeln mit Bändeln versehen war und Abends die Gefangenwärterin, welche seither die Thüre nicht mehr geöffnet hatte, so daß es unsauber genug bei mir aussah. Sie bringt den Schlosser mit und sagt: "Heraus, es wird eine Kette abgenommen, weil Ihr jetzt ordentlich seid!"--"Nein, wenn ich die Ketten verdient habe, will ich sie auch tragen!"

Mein Gefängniß lag einige Schuh unter dem Boden, wie dieses; aus den Reden einiger Leute vor demselben hatte ich entnommen, meine Geschichte sei der ganzen Stadt bekannt und Alles freue sich, weil der als Tyrann der Gefangenen bekannte und auf seine große Gestalt und Kraft vertrauende Kerkermeister doch einmal an den Unrechten gerathen und so "gezwiebelt" worden sei, daß er das Bett hütete.

Nicht lange hernach kommen Herren, um die Gefängnisse zu visitiren, ich wußte es von den Gefangenen und hörte die Thüren nacheinander aufmachen, endlich die Schritte der Besucher, welche näher und näher kommen.

Wie dieselben vor meiner Thüre sind, höre ich den Amtmann sagen: "Meine Herren, da drinnen ist's nicht sauber!"--"Du bist auch nicht sauber, Du Tyrann!" schrie ich aus Leibeskräften; die Thüre wird jetzt aufgemacht und ich klappere tüchtig mit meinen Ketten, denn Licht kam nur durch die offene Thüre herein.

Nach kurzer Einleitung halte ich eine Rede an die Herren, der Amtmann will mich unterbrechen, doch ein Herr sagt, daß er zuerst mich ausreden lassen sollte und ich erzählte Alles. Die Herren fragen, ob ich krank sei und ich antwortete: "Nein, Gottlob, trotz allem Elend bin ich bis jetzt gesund!" ... Sie sehen meinen Brodlaib, ich sage, das Brod sei bitter wie Galle, voll Sand und mache Bauchgrimmen, sie kosten Alle das Brod und sagen Nichts, Einer schüttelt aber den Kopf.

Die Gefangenwärterin meinte, die Gefangenen seien außer mir Alle mit dem Brode zufrieden, aber jetzt erzähle ich, wie verschieden hier Alle behandelt, gespeist und getränkt würden, wie wohl diejenigen daran seien, welche Geld brächten oder für die Gefangenwärtersleute arbeiteten und wie dieselben Alle abgerichtet hätten über das, was sie bei der Visitation reden sollten.

Richtig werden alle Gefangenen noch einmal einzeln verhört, mir werden die Ketten abgenommen, Alles geht besser, ich erhalte ein weit besseres Zimmer, nach einigen Wochen aber auch mein Urtheil, das auf 5 Jahre schweres Zuchthaus mit Willkomm und Abschied lautete.

Der Amtmann läßt mir den Willkomm mit 25 Stockprügeln gleich aufmessen, ich wurde streng bewacht und dann ins Zuchthaus abgeliefert.

Hier wollte ich nicht arbeiten, bis eine andere Untersuchung eingeleitet sei, der Verwalter meinte, er könne nichts machen, ich hätte den Rekurs ergreifen sollen, leider hatte ich von der Sache damals noch nicht viel los. Ich arbeitete erst, als ich zuerst 25 erhalten und im Zwangstuhle gesungen hatte. Bald kommt ein hochgestellter Herr von Karlsruhe, ich melde mich zu ihm, erzähle demselben Alles, der Verwalter unterstützt und verklagt mich gleichzeitig und der Herr verspricht das Mögliche zu thun.

Bald wurde ich aus dem schweren Zuchthaus in das Arbeitshaus nach Bruchsal gebracht, die fünfjährige Strafzeit blieb jedoch und das Ganze wurde als Gnadensache angesehen. Gnade hatte ich aber keine gewollt, machte jetzt einen Ausbruch, wurde erwischt, erhielt 40 Stockstreiche in 2 Portionen und 4 Wochen schweres Eisen.

Von da an blieb ich ruhig, machte meine 5 Jahre und wurde mit 25 Hieben beabschiedet. Das Erste, was ich that, war, daß ich mich als Dolmetscher in 2 großen Gasthöfen meldete und angenommen wurde.

Der Gefangenwärter, der alle Gefangenen so arg mißhandelte, war todt, der ungerechte Amtmann abgesetzt und verachtet, Gott ist gerecht!

Ich verdiente ordentlich Geld und wohnte in einem Hause, in welchem eine Krämerin, die hausirend im Lande herumzog, ihre Niederlage hatte. Diese machte mir die Zähne lang, that, als ob sie daheim ein eigenes Haus und Felder besäße und mich heirathen wolle. Sie beredete mich, meinen Posten aufzugeben, mit ihr auf den Jahrmärkten in der Pfalz, in Hessen und Baiern herumzuziehen und ich that es, obwohl gutmeinende Leute mich vor diesem Weibsbilde warnten und sagten, dasselbe sei schon mit mehr als Einem herumgezogen und kein Mensch wisse, wohin dieselben gekommen, sie rede immer davon, daß sie von ihr weggelaufen seien.

Einmal kamen wir nach Mannheim und logirten im "freien Leben" ... Sie gab vor, vorige Weihnachten Vieles in Mannheim gekauft, theilweise in der "goldenen Gans," theilweise in Käferthal gelassen zu haben und bat mich, ihr die Bündel zu tragen, welche sie jetzt holen wolle.

Richtig gehen wir nach Käferthal und mit einem schweren Bündel in die Stadt zurück, dann in die "goldene Gans," wo sie ihre Waarenniederlage hatte, gibt mir wieder einen Pack, geht fort und sagt, wenn sie nicht bald komme, so möge ich sie im "freien Leben" erwarten.

Lange will sie nicht mehr kommen, ich nehme den Pack und will aus der "goldenen Gans" fort, da fragt der Sohn des Hauses, was ich denn trage, ich sage es demselben, die Wirthin kommt, ich muß den Bündel öffnen und siehe da--es waren lauter Sachen, welche diesen Leuten gehörten. Ich wußte, es sei mit den Bündeln nicht ganz in Ordnung, doch daß Etwas den Leuten in der "goldenen Gans" gehöre, das habe ich nicht gewußt und nicht vermuthet.

Natürlich werde ich verhaftet, merke bald, daß ich die ganze Suppe ausessen müsse, weil die Krämerin sich aus dem Staube gemacht hat und ich nicht sauber gewesen bin, wie das erstemal. Mit Beihülfe meiner Mitgefangenen breche ich aus, werde jedoch erwischt und erhalte eine Kette an Hand und Fuß. Jetzt machen wir ein Loch in die Mauer und eines Abends, als die Lichter angezündet wurden, gehe ich sammt der Kette fort, schlage vor der Stadt das Schloß ab, werfe die Kette in einen Garten hinein und finde Zuflucht im Hause eines "guten Freundes."

Dieser getraut sich nicht, mir andere Kleidung in meinem Wohnorte zu holen, mein Ausbruch hatte Lärm erregt, die Polizei war ins Haus gekommen und drohte mit Strafen, wenn man mich in irgend einer Weise unterstütze.

Am 6. Tage sagt die Hausfrau ganz erschrocken, das Haus sei umstellt; ich wollte zum Fenster hinaus, doch da stunden "bekannte Leute," ich hatte kaum Zeit, mich hinter die Kammerthüre zu stellen, so tritt der Bürgermeister herein: "Hat Niemand hier übernachtet?"--"Nein!"--"Ei, dort schauen ja zwei Stiefelspitzen unter der Thüre hervor!" meint der Wachtmeister, macht die Thüre ganz auf und steht vor mir. "Ah, guten Morgen, Herr Paul, habt Ihr hier übernachtet?"--"Nein, ich kam so eben, forderte ein Stück Brod, ging in diese Kammer, als ich Euch sah; ich habe mich genirt, weil mich hier so viele Leute kennen!"--"Weßhalb geniren, wenn Ihr schuldlos seid?" --"Ja, ich bin schuldlos!"--"Das wird sich herausstellen, kommt nur mit!"

Jetzt wurde ich in einem Arreste des Zuchthauses verwahrt, das Verhör fing erst recht an, meine Flucht galt als Beweis meiner Schuld, ich sah, daß Alles schief ging, dachte an Flucht, nicht aber an die Unmöglichkeit derselben. Mit unsäglicher Mühe bohrte ich ein Loch in den Kamin neben dem Ofen, Abends nach der Suppe machte ich es groß genug, um hineinzukriechen, kroch im Kamine hinauf, saß auf dem Dache und wußte nicht wohin.

Ehe mich eine Schildwache bemerkt hatte, kroch ich wieder hinab in meinen Käfig, dachte bei mir selbst: "Kommen sie um 10 Uhr zur Visitation und sehen das Loch, dann bist Du des Todes Paule! ... Sie habens schon Mehrern so gemacht, jedenfalls wehrt sich ein alter Grenadier!"

Ich zog die Bettlade als Barrikade vor die Thüre, blieb angekleidet auf dem Bette sitzen, doch kam in dieser Nacht Niemand mehr zu mir.

Am andern Morgen bringt der Zuchtknecht Wasser und Brod, betrachtet das Loch, sagt nichts, kommt jedoch bald mit drei Andern zurück, sie bringen Farrenschwänze und hauen mich, daß ich keinen Tritt mehr zu gehen vermochte.

Blutend werde ich in einen unterirdischen, stockfinstern Kerker geschleppt, alles Melden zum Doctor blieb vergeblich, mein Schreien wurde höchstens von den im Hofe arbeitenden Gefangenen gehört und so blieb ich 11 Tage liegen.

Der Zuchthauspfarrer mußte Wind bekommen haben, daß ich im "schwarzen Block" sei, dessen Wände schwarz angestrichen waren und worin der Todtenkasten lag. Er kam zu mir, ließ sich Alles erzählen, betrachtete mich vor der Thüre, wohin ich kroch, meinte unwillig. "Auf diese Weise kann man Menschen behandeln? Nimmt dies immer noch kein Ende?" und schon Mittags kam auch der Doctor. Als dieser mich sah, drohte er mit Karlsruhe und lärmte, daß Alle zitterten. Er sprach mich sogleich ins Krankenzimmer, wo Mehrere lagen seit Jahr und Tag in Folge unmenschlicher Behandlungen, bis der Tod sie erlöste oder die Gemeinde als Krüppel zurückhielt. Gottlob und Dank, diese Mißhandlungen sind seit den Dreißigerjahren unmöglich geworden, ein Sträfling der heutzutage klagt, verdient in den meisten Fällen 50 aus dem Salz! ... Die Herren in Karlsruhe und die Gerichte wollten freilich niemals solche Abscheulichkeiten, doch glaubten sie damals, Jeder sei gut genug, Zuchthausbeamter zu werden und wenn dieser ein Vieh zum Zuchtknecht machte, wurde dessen Grausamkeit den höhern Behörden als Diensteifer angewiesen! ... Während ich im Krankenzimmer lag und in Folge der Mißhandlung Blut spie und trotz aller Sorgfalt des Arztes arbeitsunfähig wurde, machten zwei Sträflinge der Mißhandlung ein Ende, indem sie ihr Leben aufs Spiel setzten.

Beide saßen im "schwarzen Block" und paßten, bis der Schlimmste unter den Aufsehern zum Visitiren kam. Wie er die Thüre öffnet, sticht ihm Einer ein geschliffenes Spuleisen in den Leib, der Zweite nimmt ihm den Säbel und beide verwunden und verfolgen den zweiten Aufseher, der ein guter Mann war, worauf die Sträflinge in ihrer Raserei nicht achten. Derselbe entwischt ihnen, die beiden Sträflinge rennen mit dem Säbel und Spuleisen in den Gängen herum und fordern die eingesperrten Gefangenen auf, alle Beamten und Aufseher todt zu schlagen und allgemein auszubrechen, thun jedoch guten Aufsehern, die ihnen begegnen, nichts und löschen alle Lichter aus.

Wie sie zum Fensterlein des Meisterzimmers hineinschauen, siehe da, da steht der Schlimmste von Allen, den sie erstochen zu haben glaubten, die Thüre ist zu, im Gange liegen Gewichtsteine von 25 und 50 Pfund, sie werfen diese Steine gegen die Thüre und durch das Fenster des Meisterzimmers, ein Stein trifft den Gestochenen mitten auf die Brust und er fällt wie ein Sack.

Andere Gefangene ergreifen Hämmer zum Kettenanschlagen, schlagen Thüren ein und suchen in den Hof zu kommen, die halbe Stadt steht jedoch schon vor dem Zuchthaus, die Soldaten können nicht gleich hereindringen, weil das Schloß des eisernen Gitterthores verstopft wurde, endlich kommen sie doch herein, schaffen Ordnung und bringen die beiden Sträflinge in den Block zurück.

Der schlimme Aufseher starb bald an seinen Wunden; schon das Spuleisen würde ihn getödtet haben, wenn seine Sackuhr den Stich nicht aufgehalten und abgeleitet hätte. Der bessere Aufseher war durch die Säbelhiebe auf den Kopf halb wahnsinnig geworden, lag lange krank, wurde alsdann Pförtner, jagte sich jedoch bald nachher eine Kugel durch den Kopf. Er war ein guter Mann, trug das silberne Medaillon für einen Feldzug und hinterließ einen achtjährigen Buben als Waise. Vielleicht hat es ihn gekränkt, weil die Sträflinge ihn ungerecht mißhandelten und die Stadtleute als einen Haupttyrannen der Gefangenen verachteten, was er doch nie gewesen. So oft ich an den guten, unglücklichen Mann zurückdenke, schießen mir die Thränen in die Augen, er war auch eines bessern Schicksales würdig!

Ich genas allmählig, ging auf einen Webstuhl, um mir einige Kreuzer gutschreiben zu lassen, dann kam mein Urtheil und lautete schlimm genug. Die fünf Jahre, welche ich schon gemacht, sollte ich wieder machen und noch zwei dazu, also sieben volle Jahre, zum Willkomm 25 Stockprügel, nach Erstehung der halben Strafzeit 25 Repetirstreiche und zum Abschied noch 25 empfangen.

Den Willkomm erhielt ich gleich baar ausbezahlt und während ich sie erhielt, beschloß ich, die sieben Jahre um keinen Preis zu bleiben. Die Weber zettelten ein Complott ein, wir wollten beim Gang aus dem Schlafsaal ins Freie, doch als der Tag da war, wurden wir viel später als die Andern herausgelassen, wagten nichts, weil Alles in der Stadt schon lebendig war, fanden doppelte Aufsicht, wurden aus dem Webersaale bald wieder abgeführt, dann kam der Verwalter und hatte alle Verschworenen auf einem Zettel mit Ausnahme eines Franzosen, der uns verrathen hatte. Wir Alle wurden verhört, einzeln in Arrest gesetzt oder paarweise, ich mit Zweien, die nichts von der Geschichte wußten, mir Strafzulage prophezeiten. Sie waren auch zur Flucht bereit und hatten bereits dafür gesorgt, daß sie in der Stadt ihre Montur mit Civilkleidern vertauschen konnten. Wir brachen aus, gelangten jedoch nicht ins Freie, weil die Ausgänge ganz verändert und fester verrammelt worden waren. Einer von uns war ein junger Mensch, wir wollten nicht, daß er mit uns gestraft werde, er mußte Lärm machen, wir redeten in unserm Verhöre für seine Schuldlosigkeit, doch uns selbst konnten wir nicht weiß waschen, denn abgesehen davon, daß wir aus dem Arreste gebrochen, hatte ich allzuvoreilig meine Schuhe, mein Kamerad seine Kette ins Freie hinausgeworfen.

Die Verschwornen erhielten Einer nach dem Andern 25 und mußten singen d. h. in den Zwangstuhl, ich erhielt 50 und mußte auch doppelt singen.

Von nun an blieb ich ruhig, bis ich meinte, die sieben Jahre seien abgelaufen. Da nahm ich meine Sachen, brachte dieselben dem Obermeister und sagte, ich wolle fort, meine Zeit sei aus. Er wollte davon nichts wissen, ging zum Rapport, kam zurück und berichtete, ich müsse noch 7 Monat und 23 Tage bleiben.

Nun wollte ich nicht mehr arbeiten, hörte nicht auf die Ermahnungen des sehr braven Obermeisters, sondern ging lieber in den schwarzen Block und hungerte. Täglich wurde ich ermahnt, vernünftig zu sein und zu arbeiten, ich hörte nicht darauf und kam endlich in den untersten Block, hatte jeden andern Tag einen Hungertag und hielt es 33 Tage aus, entschlossen, mich eher tödten zu lassen, als zu arbeiten.

Am 34. Tage werde ich zu den Geistlichen gerufen, diese setzen mir den Kopf zurecht, ich wurde gar schwach und verworren im Kopfe, fühlte schon, ich sei nicht mehr der junge Paul, sondern es gehe allmählig abwärts mit mir. Ich versprach zu arbeiten, wenn ich ein besonderes Zimmerlein erhielte, weil ich nicht mehr zu den Sträflingen gehöre, erhielt auch Eines und arbeitete.

Doch ein solches Leben, wie ich es seit meinen Feldzügen geführt, war mir entleidet; ich spürte, daß ich der Grenadier von Anno 1805 und 1815 nicht mehr sei und der Gedanke, was noch aus mir werden sollte, wenn ich noch schwächer, dümmer, furchtsamer oder gar kränker würde, machte mich schwermüthig, zumal auch gar kein Mensch auf der weiten Welt sich um mich kümmerte. Gott möge es mir verzeihen, daß ich es gethan--ich hing mich einmal in der Nacht an meinem Webestuhle auf, nachdem ich eine Zeitlang bittere Thränen über mein Unglück vergossen hatte. Die Nachtwache entdeckte es jedoch, ich wurde zeitig abgeschnitten, kam ins Krankenzimmer und die Geistlichen sprachen mir armen Teufel Trost, Ermuthigung und Gottesvertrauen ein.

Fortan war ich so schüchtern, daß ich erschrack, wenn mich Jemand nur scharf ansah und ohne Freude sah ich meiner Freilassung entgegen.

Es war Winter, als ich in einer elenden Montur in meinem Heimathsort ankam, doch gute Leute schenkten mir Kleider und verschafften mir Arbeit bei einem Weber. Bald bekam ich mein altes Blutspeien wieder, der Herr Medizinalrath Z. erklärte, ich müsse das Weben aufgeben, wenn mir mein Leben lieb sei. Den Tod scheute ich nicht, desto ärger lange Krankheit, machte wieder den Dolmetscher, diesmal in Heidelberg und bediente einige Herren.

Ich weiß recht gut, daß ich mit mehr Fehlern behaftet bin als ein alter Judengaul und einer derselben besteht darin, daß ich Niemanden leicht eine Bitte abzuschlagen vermag. Ein hoher Beamter, den ich bediente, besaß lange Reihen von Büchern und wie mich eines Tages Einer ersucht, ihm ein Buch zu verschaffen, dessen Aufschrift er mir nannte und welches er in drei Tagen zurückzugeben versprach, suchte, fand und nahm ich dieses Buch bei dem Beamten und trug es zu dem Herrn, welcher es lesen wollte. Nach drei Tagen erhielt ich das Buch richtig zurück, wollte es auch gleich wieder an Ort und Stelle bringen, doch auf dem Wege begegnet mir ein guter Bekannter aus einem nahen Dorfe, ich muß mit ihm gehen, schleppe das verdammte Buch mit und vergesse, dasselbe auf dem Rückwege mitzunehmen, zumal es wegen seiner Größe in keinen Sack gesteckt werden konnte.

Am andern Tag stehe ich vor dem Prinz Carl, sinne darauf, wie ich Etwas verdienen könnte, da fahren zwei Kutschen heran, aus einer derselben steigt ein ältlicher Herr und wer ists? Mein alter Kapitän vom 16. Regiment, welchem ich in Spanien das Leben retten half und der später bei Waterloo auch einen Fuß verlor.

Er erkennt mich alten Kunden ebenfalls bald, freut sich sehr, mich hier zu finden und wie ich ihm kurz mein Schicksal oder besser mein Elend erzähle, so sagt er, er sei als Oberstlieutant pensionirt worden, von Hause aus reich, habe ein Gut in Oestreich gekauft, wolle mich mitnehmen und versorgen, so lange ich lebe oder so lang es mir bei ihm gefallen würde.

Eilends gehe ich vors Amt und verlange meine Schriften, doch da heißt es: "Eure Schriften kann ich Euch nicht geben, Ihr würdet nur wieder in der Welt herumzigeunern, auf dem Schube wieder heimkommen und Unkosten verursachen!" ... "Bin ich je in meinem Leben per Schub heimgekommen?"-- "Nun, wenns auch nicht so ist, so müßt Ihr Euch doch an höhere Behörden wenden!"

Auch gut! denke ich und gehe nach Mannheim zum Herrn Kreisdirector, sage diesem guten Herrn mein Anliegen und daß ich wegen meiner Armuth nichts Schriftliches mitbrächte. Er läßt ein Protokoll aufnehmen und verspricht, sogleich für Herausgabe meiner Schriften zu sorgen.

In Heidelberg erzähle ich Alles meinem Oberstlieutant, dieser kann nicht lange warten, gibt mir ein schönes Geschenk sammt seiner Adresse, heißt mich bald nachkommen und reist weiter.

Nach einigen Tagen gehe ich zu dem Beamten und frage, ob nichts von der Kreisregierung an mich gekommen sei? Allerdings! sagt er; doch ich habe Gegenbericht eingesandt, Ihr dürft nicht fort!

Flugs eile ich zu einem Advokaten, ich hatte ja Geld, lasse eine schöne Schrift an die Regierung aufsetzen und trage sie selbst auf die Post.

Am andern Tage finde ich den hohen Beamten, den ich bediente, sehr zornig; es sind Leute bei ihm, er heißt mich später kommen und ich gehe in den schwarzen Bären, um das Morgenessen einzunehmen.

Während ich dies thue, kommt der Wachtmeister und bringt mich zu dem Herrn zurück, der mich gleich fragt: "Wo habt Ihr mein Buch?"--"Ich habe kein Buch mitgenommen."--"Gesteht oder Ihr werdet eingesperrt!"--"Ich weiß von keinem Buche nichts!"--"Fort, in den Brückenthurm!"

Auf dem Wege sagt der Wachtmeister: "Ohrfeigen hätt' ich Euch geben mögen, weil Ihr so unnöthig läugnetet; es geschähe Euch ja Nichts, höchstens würdet Ihr 2 bis 3 Täglein im Schatten gesetzt von wegen der Freiheit!"-- "Ist die wahr?"--"Mein Seel!"--"Ich wills gestehen, ich habe das Buch genommen, jedoch nicht gestohlen, sondern nur für einen Herrn geliehen!"-- "Gut, da Ihr gescheid seid, wollen wir gleich zu dem Herrn zurück!"

Es geschah, ich erzählte Alles der Wahrheit gemäß, doch wurde ich nicht frei und komme ins Verhör.