Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling Erster Theil
Chapter 15
"Erdichtung? saubere Erdichtung! Als ob in der Welt nicht ganz andere Dinge vorfielen, als die, von denen die Dichter träumen und schreiben. Soll ich Euch Personen und Zeugnisse aller Art stellen? Soll ich Datum und Ort genau nennen? Von Italien, Spanien und Rußland, wo ich auch gewesen, wüßte ich vielleicht nicht mehr Alles haarscharf, es gibt dort so wunderliche Namen, doch Zeugnisse genug würde ich aufweisen können, wenn es der Mühe werth wäre. Morgen Mittag sollt Ihr Alle meinen Leib betrachten, die Hiebe, Bajonettstiche und das Gassenlaufen sind bis dato zu sehen!"
"Wie viel Hiebe hast Du denn im Ganzen bekommen?" fragt der Indianer.
"Ach, mein Gott, 6135 bei den Kaiserlichen in _ganz kurzer Zeit_! seufzt der Paul und rechnet: zweimal Gassenlaufen zu 3000 Streichen thut 6000, zweimal 30 thut 60, dann einmal 60 zusammen 120, endlich 15 dazu, thut accurat 6,135! ... Die kleinern Portionen rechne ich gar nicht dazu; die damaligen "Verweise" bei den Kaiserlichen bestanden fast Alle aus ungebrannter Asche! ... Was später kam, will ich morgen sagen, so zwischen 9 und 10,000 Streichen hat der Paule gekriegt!
"Erzähle weiter, wie es Dir ergangen!" schreien Einige.
"Nein, für heute ists genug, der Kerkermeister kommt bald mit der Suppe, ich habe mich müde geredet und erhalte doch keinen Schluck Schnaps, keinen Pfifferling für meine ganze Leidensgeschichte!"
"Ho, das Leiden wird darin auch ein Ende nehmen, hast ja so Vieles ausgestanden in den Kriegszeiten!" meint der Zuckerhannes.
"Ja, Du lieber Gott, ein Ende nehmen! Ich bin nicht mehr so weit von Siebenzig, _dann_ muß mein Glück anfangen, es ist hohe Zeit, siebenzigjähriges Leiden ist kein Spaß, ich habe noch wenig gute Stunden gesehen und das Elend fängt jetzt erst recht an, Ihr werdets hören! ... Alles, wie Bernardus gesagt hat vor schon so vielen Jahren!"
"Ach, dein Bernardus ist ein Mährlein, nicht wahr?" fragt der Spaniol.
"So gewiß ich jetzt da stehe und rede und so gewiß ein Gott im Himmel ist, ebenso gewiß ist Alles, was ich von dem Einsiedler erzählte. Es ließe sich Alles beweisen, wenn es nöthig wäre, denn ich habe ein merkwürdiges Gedächtniß für Personen und Sachen und wollte mich heute noch in Mähren ganz gut zurecht finden, wiewohl ich seitdem nicht mehr dort gewesen!" "Ach, ich glaube, daß Du einmal bei einem Jesuiten in die Schule gegangen bist!" meint der Indianer.
"Oho, erwiederte der Paule, ich bin doch gewiß kein Jesuit, sondern von Geburt ein Lutherischer, Zwinglianischer, Calvinischer, Evangelischer, ich weiß es selbst nicht, aber das weiß ich, daß die Pfaffen einen alten Soldaten, der den Tod hunderttausendfach gesehen hat, nicht so leicht an der Nase herumführen. Laßt mich jetzt in Ruhe! ... Wer mir nicht gerne glaubt, mag es bleiben lassen, ich erzähle doch weniger für Euch, als für mich!"
"Es gibt viele Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen sich die Philosophen nichts träumen lassen, der Paule ist eine merkwürdige Person!" murmelt der Spaniol.
"Ho, Anderen sind viel seltsamere Dinge in den Weg gelaufen, ich weiß es, ich!" brummt der Paule.
"Am Ende hat der gute Bernardus den Paul leichtsinnig und verwegen machen helfen mit seiner Weissagung, ohne daß er dies beabsichtigte!" meint der Zuckerhannes und verbessert durch diese gescheite Bemerkung die dumme, die er vor einigen Augenblicken äußerte.
Jetzt wurde es im Gange lebendig, die Suppe kam näher und näher, man vernahm das Gelächter oder Gebrumme einzelner Gefangenen, endlich öffnet sich der Thürschalter, zunächst dringt ein kühlender Luftzug in diese Jammerhöhle, dann werden die Suppenschüsselchen hereingereicht oder vielmehr Schüsselchen mit einer unnennbaren Brühe, in der einige Brocken umherirren. Guten Appetit, ihr Gefangenen!
#DER ZUCKERHANNES KOMMT AUS DEM THURME.#
Unsere Gefangenen lagen seit einigen Stunden auf ihren Strohsäcken, der Grundbaß des Murmelthieres ward von der Fistelstimme des Schlosserlehrlings sekundirt, vom Seufzen und Fluchen Anderer zuweilen unterbrochen, die sich unruhig hin und herwälzten.
Jetzt schlugen die Uhren der Stadt und ihre langgedehnten Schläge zitterten dumpf und schwerfällig in die schwüle Behausung unserer Gesellschaft.
"Herrgottmillionen ...! flucht der Indianer, es muß anderes Wetter geben, die Flöhe, Wanzen, Spinnen thun wie besessen, ich kann nicht schlafen!"
"Der Teufel mag in dieser Folterkammer schlafen! ... Glückseliges Murmelthier, dein Speck ist dein Schild und deine Wehr! ... Ich habe noch kein Auge geschlossen! ... Gelt, Paule, im Badischen geht's oft ähnlich her, wie in Mantua!" riefen Einige.
"Hätten wir nur ein Stümpfchen Licht, dann wollten wir uns die Zeit mit Domino und Neunerstein abkürzen!" brummt der Spaniol.
"Wären wir Alle lieber im Zuchthaus, dann hätten wir Licht die ganze Nacht! ... Im Zuchthause ist's überall besser als im Untersuchungsarrest, ich war Alles in Allem 29 Jährlein gefangen und habe das erlebt! ... Im Zuchthause gehen Einem Lichter genug auf!" betheuert der Stoffel.
"Da hast Du Recht, Einäugiger! Zehnmal lieber in jeder Strafanstalt, selbst auf dem Spielberge als in dem Amtsgefängnisse! ... Ich will mich morgen gleich ins Zuchthaus melden, werde wohl wieder hineinkommen!" seufzt der alte Paule.
"Alterchen, Du könntest noch Etwas erzählen, damit wir uns müde hören!" meint der Spaniol.
"Mein Sir, wenn der Paule Ebbes erzählt, kriegt er den Wein, den ich unter dem Bette stehen habe und morgen früh Schochomajem; seine Geschicht' ist ebbes Rares!" versichert der Moses.
"So was läßt sich hören, Mauschel!" meint der Paule.
"Ich könnte von einem Juden nichts annehmen außer Geld; Alles ekelt mich an, was von einem Jud' kommt. Als kleiner Bub' hat mir ein sonst recht braves und gutes Judenweib oft Matzen gegeben, da sagt einmal Einer, in die Matzen, welche der Jud einem Gojim schenkt, kämen Speichel und alle abscheulichen Dinge, ich mußte damals dem Ulrich rufen und habe seitdem nie wieder etwas gegessen oder getrunken, was von einem Hebräer kam!" erzählte der Zuckerhannes.
"Moses schreit, dies verhalte sich nicht so, doch Alle schreien gegen ihn und der Paule versichert, er für seine Person nehme Alles von Juden an, doch habe er in ganz Europa gefunden, jeder Jude trage nebst dem Judenkopf noch besondere Mängel an sich und bei armen Juden sei der Haß gegen das Schweinefleisch begreiflich, weil nur Kannibalen Ihresgleichen fräßen!"
"Der Spaniol behauptet, ein Jude bleibe Jude, ob er emanzipirt werde oder nicht und die Renegaten unter ihnen seien gerade die miserabelsten Schufte, die mit Religion schacherten und sich zu Allem gebrauchen ließen nur zu nichts Gutem!"
Das peinliche Wortgefecht über die armen Hebräer dauert noch einige Minuten, dann wird der Paule angegangen, "Mauschels Wein zu saufen" und seine Geschichte fortzusetzen.
Nach einigem Bitten sagt der Alte:
"Nicht der Wein und nicht der Schochomajem des Moses, auch nicht Euer Bitten bringt mich zum Plaudern, sondern die unruhigen Flöhe und Wanzen und die Schlaflosigkeit. Ich bin alt, schlafe im besten Bette nur drei Stunden, wie ein Gaul und wenn ich so daliege in der stillen Mitternacht, kommen alle Personen und Vorfälle meines langen Lebens mir in den Sinn; ich glaube, die Todten und die Weitentfernten zu sehen und reden zu hören und oft fließen die Thränen stromweise über meine alten Wangen, wenn ich daran denke, was ich ausgestanden habe! ... Es ist mehr als zehn oder tausend Andere in einem ebenso langen Leben zusammen aushielten und was ist jetzt mein Lohn? Spitalsuppen, Zuchthaussuppen, Verachtung und Lieblosigkeit! ... Nicht einmal ein Felddienstzeichen oder ein paar Kreuzer Pension habe ich je bekommen und der Einzige, der mir altem Manne ein ruhiges Plätzlein gönnen wollte, der Oberstlieutenant vom 16. Regiment, durfte es nicht thun!"
Von Neuen bitten die Mitgefangenen zu erzählen, der Moses steht auf und bringt den Wein, der Alte trinkt, selbst das Murmelthier wacht auf und will zuhören, weder das Affengesicht noch der Einäugige geben der rothen Liesli Gehör, die in Einem fort an die Wand klopft. Der Paul aber erzählt:
_Fortsetzung und Schluß der Geschichte des alten Mannes._
Als ich mein Todesurtheil vorlesen hörte, erschrak ich gar nicht, sondern behauptete meine Unschuld und forderte Untersuchung. Ich hatte wirklich gar nichts vom Vorhaben der 11 Italiener gewußt, verstand ja kein Italienisch und dies zog. Die Spitzbuben hatten mich sogar als Rädelsführer angegeben, doch der Zwölfte meiner Stubenkameraden, der die Andern verrathen hatte, weil sie nicht auf ihn warteten, bezeugte jetzt, daß ich von Allem gar Nichts wissen konnte, Andere bezeugten auch meine Unkenntniß der Sprache, die Leute auf dem Holzschiffe beschworen, ich sei nur auf das Schiff geklettert, weil man mir die Schaluppe genommen habe und das Ende vom Lied hieß, daß ich frei, der eigentliche Rädelsführer erschossen, die Andern auf das schwere %travaux% nach Straßburg gebracht wurden.
Im Anfange des Jahres 1807 wurde unser Regiment nach Spanien eingeschifft; wir landeten glücklich in Cadiz und hatten von dem heißen Lande und wüthenden Volke genug auszustehen; es ging blutig und barbarrisch her, mancher brave badische Offizier und Soldat könnte auch genug davon erzählen. Bei einem Treffen bekam ich Gelegenheit, meinem ehemaligen Kapitän vom 16. Regiment mit Hülfe eines Andern das Leben zu retten, ich wollte wieder zu diesem Regimente und brachte es dazu. Schon im Jahre 1808 kam das 16. Regiment aus Spanien zurück und blieb 10 Stunden von Paris in Garnison bis 1812, wo wir nach Rußland mußten.
Alles, was ich bis dahin ausgestanden hatte, selbst der Krieg in Spanien war Kinderspiel im Vergleich zu dem, was ich in Rußland erlebte. Die fürchterliche Schlacht bei Borodino, der Einzug in Moskau und vieles Andere, was ich sah und erlebte, gäbe ein dickes Buch. Leider kann ich keines schreiben, zudem bin ich der arme Paule stets geblieben und unsereins kann Alles ausstehen, es kräht kein Hahn darnach, während Alles die Ohren spitzt, wenn ein General oder anderer hoher Herr nur ein bischen Bauchgrimmen bekommt! ... Das Beste war, daß ich bei einem französischen Regimente diente, denn Napoleon schonte seine Franzosen, schickte die Deutschen und Andere am liebsten in den dichtesten Kugelregen und ins Elend! ... Die Deutschen sind von jeher das einfältigste Volk gewesen, schlugen für den Napoleon und meinten, es ginge um Gott und Vaterland, wir Franzosen nannten sie nur "Kanonenfutter," lachten sie offen und heimlich für ihre Dummheit aus, aber in der Schlacht verloren auch wir genug Leute und auf dem Rückzuge nahm das 16. Regiment ebenfalls ein Ende wie das Hornberger Schießen!
Um es ganz kurz zu machen und nur von mir zu erzählen, berichte ich, daß ich nicht über die Beresina kam, sondern gefangen wurde, wie tausend Andere auch. Wir fielen wie die Mücken um Allerheiligen und es war uns fast Eins, was die Kosaken, diese wüsten, säuischen und doch gutmüthigen Leute mit uns anfingen, bis sie uns in den Klauen hatten und über die Schneefelder fortprügelten. Noch jetzt sehe ich oft im Traume die unabsehbaren Ebenen, die endlosen Tannenwälder und eingeschneiten Dörfer des Czaren im bleichen Mondlichte da liegen und mich und meine Kameraden, wie wir bei der grimmigen Kälte der sternenhellen Winternacht fast nackt und hungrig, verwundet und krank von russischen Soldaten fortgestoßen, auf elende Schlitten geschmissen und vom Volke mißhandelt, am Barte herumgerissen und umbrüllt wurden!
Ich war der Rüstigste von Allen, versuchte tief in Rußland den Kosaken durchzubrennen, doch ich kam nicht weit und dann gings nicht christlich, sondern auf gut russisch zu, man mißhandelte und schlug mich, daß ich für todt auf dem Platze liegen blieb.
Endlich marschirte ein Bataillon ins Dorf, ein Offizier sah mich daliegen und redete mich französisch an, aber mein Hals war so arg geschwollen, daß ich keine Silbe hervorzubringen vermochte.
Der Offizier ließ mich aufheben, in ein Feldspital bringen und ich wurde erträglich verpflegt, sah und hörte Alles, was um mich vorging, doch das Reden hatte ein Ende und ich befand mich kaum im Stande, ein wenig Brühe zu mir zu nehmen.
Neben mir lag ein badischer Unteroffizier Namens Ernst, der wunderte sich nur, weßhalb ich allmählig genas und hatte großes Mitleiden mit mir. Er lebt noch heute, mindestens ist er vor Kurzem noch Amtsdiener gewesen, ich dagegen hocke da bei Euch und warte auf meinen siebenzigsten Geburtstag! ... Im Feldspitale nahm sich ein russischer Bataillonsarzt meiner besonders an, es war ein geborner Baier, kannte viele Sprachen und freute sich, weil ich mir Mühe gab, russisch und polnisch zu erlernen. Von Hause aus war er blutarm, doch wegen seiner Sprachkenntnisse und sonstiger Tüchtigkeit ward er bald befördert, kam in ein großes Militärspital in Warschau und nahm mich als seinen Diener mit. Ohne diesen guten Mann wäre ich wohl als genesen entlassen und nach Asien hineintransportirt worden und es kommt sehr darauf an, ob der Paul auch einen Schneider von Pensa gefunden hätte, wie die badischen Offiziere und Soldaten, die unter dem Markgrafen Wilhelm nach Rußland zogen! ... In Warschau bekam ich es gut, erhielt viele Kleider, weil viele Soldaten starben, verkaufte dieselben in der Stadt in welche ich oft kam und besonders zu einem Wirthe, der mit Pelzwerk handelte und eine Wienerin zur Frau hatte.
Diese Leute waren reich und konnten mich bald sehr gut leiden. Die Frau konnte Wien und ihre dortigen Freunde nicht vergessen, plagte ihren Mann immer, er möge mit ihr in die Kaiserstadt gehen und weil sie versprach, mich mitzunehmen, half ich den Mann bearbeiten, sobald ich dessen Zutrauen recht gewonnen hatte.
Er reiste zuweilen mit Pelzwerk von Warschau nach Wien, ich schleppte ihm aus dem Spitale Kleider genug herbei, er versprach, mich das Nächstemal mitzunehmen, ich versteckte die Uniform eines russischen Jägeroffiziers und nöthige Kleider bei ihm im Keller unter alte Fässer.
Mein Herr merkte, was ich vorhatte, doch lachte er nur und sagte nichts, denn ich war noch immer russischer Kriegsgefangener und er ein pflichtgetreuer Mann, der keine Ursache zum Verlassen des Dienstes sah. Ganz in Pelzwerk gehüllt, kam ich glücklich aus Warschau und mit dem Pelzhändler nach Wien.
Auf dem Wege hatte ich mich außerordentlich gefreut, meine Marie vielleicht bei dem Bäcker zu finden, doch vor den Thoren der Kaiserstadt verlor ich allen Muth, denn das Regiment Deutschmeister sammt den Rosenrothen von Prag lagen in der Stadt, so hieß es wenigstens und wenn ich erkannt wurde, war die Kugel für mich dreifach gegossen.
Mein Herr in Warschau hatte mir Geld gegeben, der Pelzhändler mich zechfrei gehalten, mancher polnische Gulden kam durch die Kleider der Verdorbenen in meinen Sack und jetzt nahm ich Abschied von meinem Begleiter, fuhr auf der Donau herauf bis Ulm und ward nicht angehalten bis Tauberbischofsheim, wo mich der Amtmann fragte, woher meine baierische Montur sei. Er schickte mir einen Spionen ins Wirthshaus nach, ich mußte wieder zum Amtmann, wurde über meine Leute und andere Personen befragt und erhielt einen Laufpaß nach Heidelberg.
Am 27. September 1813 war ich nach langer, langer Abwesenheit wieder in der unvergeßlichen Heimath, übernachtete in Schlierbach und spazierte am nächsten Tage in der Uniform eines russischen Jägeroffiziers nach Heidelberg, wo mich kein Mensch erkannte. Freilich besaß ich auch in der Stadt und Heimath keine Seele, die sich über meine Errettung aus so vielen Drangsalen und über meine Rückkehr freute.
Ein Wirth war der Erste, der mich erkannte; er rieth mir, die Russenmontur abzulegen, man sehe die Russen nicht gern am Rhein, doch befolgte ich seinen Rath nicht, Alles redete von dem russischen Offizier und darin bestand meine einzige Freude.
Ein Offizier konnte sich nicht gut an einen Webstuhl setzen, noch weniger betteln, mein Geld schwand, weil ich standesgemäß leben mußte. Ich ging zu einem Bruder über den Rhein, machte eine Krankheit durch, die jedoch nicht lange dauerte, dann aber ging ich wieder nach Frankreich und meldete mich beim 16. Regimente.
Ich machte alle Gefechte und Schlachten der folgenden Zeit mit, insofern mein Regiment dabei war, kam auch immer glücklich davon bis zur Schlacht von Waterloo. In dieser Schlacht haben außer den Schotten nicht die Engländer, sondern die Braunschweiger, Hannoveraner und Andere uns das Fell am ärgsten gegerbt, die pfiffigen Preußen mit ihrem alten Blücher kamen sehr zur unrechten Zeit und dort verzweifelten wir am Glücke des großen Kaisers, der nicht von uns Soldaten, sondern von den Marschällen und Generalen um theures Geld an die fremden Potentaten verschachert worden war. Die Meisten derselben waren große Spitzbuben, das wußten wir Soldaten ganz gut, sonst wäre es bei Waterloo trotz aller Tapferkeit doch noch anders gegangen! ... Kaum bei Austerlitz oder Borodino habe ich ein so mörderischeres Kanoniren, Kleingewehrfeuer und Einhauen der Reiterei erlebt, wie bei Waterloo, wo auch mein Regiment im Angesicht der alten und jungen Kaisergarde tüchtig mitgenommen wurde! ... Diese Garden hättet Ihr je sehen sollen, wie sie ins Feuer gingen, als ob ein Schlachtfeld ein Tanzboden wäre und noch mit den Zähnen um sich bissen, wenn sie sterbend auf dem Boden lagen! ... Ja, einen Soldaten wie der alte Napoleon Einer war, gabs damals Keinen und wirds Keinen mehr geben, denn wo haben die Deutschen, außer dem Erzherzog Karl, dem Blücher und wenigen Generalen auch nur Einen gehabt, der dem Napoleon die Schuhriemen hätte auflösen dürfen? Keine Führer; lauter Anführer hatten sie und es scheint heute noch so zu sein. Keinen Knopf gebe ich um das ganze Deutschland, für den Napoleon wollte ich noch heute ins Feuer, habe auch bei den Franzosen nie ans Desertiren gedacht!--Die Schlacht bei Waterloo war beinahe vorüber, die Retirade begann, da wurde ich durch eine Kanone, die eine Wendung machte, zu Boden geschlagen und weiß heute noch nicht, wie es möglich war, daß ich nicht hundertmal von Kanonen oder Cavallerie zu einem Brei zerquetscht wurde.
Ich wurde auch nicht gefangen, sondern lag in einem französischen Spital, das Kreuz hatte viel gelitten und es ging mehrere Wochen, bis ich wieder an einer Krücke zu laufen vermochte und mehrere Monate, bis ich wieder hergestellt und beim 16. Regimente, damals einer der ältesten Soldaten war.
Ich habe mich bei den Franzosen nicht schlecht gehalten, doch das Glück wollte mir eben nirgends, ich hatte das Unglück, ein Deutscher zu sein und bekam im Jahre 1818 meinen Abschied ohne alle Auszeichnung, ohne jede Pension, ohne Hoffnung und Aussicht. Ich wollte mich von Neuem engagiren lassen, aber ich wurde bei mehrern Regimentern für zu alt und untauglich erklärt und wanderte zuletzt nothgedrungen von Lyon, wo ich mit meiner Weberei keine Arbeit fand, in meine Heimath zurück.
Im Herbst 1818 kam ich heim, spielte jedoch keinen Offizier mehr, sondern lebte einige Zeit bei Kameraden, welche mit mir in Spanien gewesen waren, bis ich Arbeit erhielt.
Als die fremden Truppen aus Frankreich marschirten, befolgte ich guten Rath und ging nach Mannheim, machte den Dolmetscher beim Verkaufen und Geldwechseln, verdiente damit in kurzer Zeit schweres Geld, verfiel aber auch in meine alte Dummheit und meinen alten Leichtsinn.
Während ich nämlich in einem Dorfe bei Mannheim lebte, wurde ich mit einer Weibsperson bekannt, die ich zu heirathen gedachte und der ich viel Geld anhing, zumal ich sonst keine Seele auf der Welt hatte. Einige Wochen ging es ganz gut, ich glaubte lauter Liebes und Gutes, da sagten mir rechte Leute, was Andere auch schon gesagt und es hieß, mein Schatz halte mich nur zum Besten, so lange ich Geld besitze, sei ein ziemlich verrufenes und liederliches Weibsstück.
Dies that mir in der Seele weh, ich konnte es fast gar nicht glauben und um mich mit eigenen Augen zu überzeugen, gehe ich Nachts mit einer ungeladenen Pistole in ihr Haus. Richtig finde ich zwei Bursche in der Kammer, bekomme Händel und wie sie meine Pistole sehen, rennt das Kleeblatt zum Hause und Dorfe hinaus in den Weinberg. Ich verfolgte das treulose Weib nicht lange, ging in die Kammer zurück, zerschlug, was ich zerschlagen konnte, zertrümmerte ihre Kiste, nahm die Geschenke heraus, die ich ihr gemacht hatte und war noch mit Einsacken beschäftiget, als sie mit den beiden Burschen zurückkehrten, andere Leute durch ihr Geschrei herbeiriefen und mich einen Räuber und Spitzbuben nannten.
Ich schlug darauf, daß sie Feuer vor die Augen bekamen, doch Andere eilten herbei, sie überwältigten und prügelten mich gottserbärmlich und am andern Tage lieferten sie mich in die Amtsstadt, wo der Amtmann mich gleich einlochen ließ, freilich in ein besseres Gefängniß, als diese Spelunke Eines ist. Übrigens kochte er es mir schlimm genug, denn ich hatte ihn mir zum Feinde gemacht, wie ich kurz erzählen will.
Ein armer Mensch, den er nicht leiden mochte, weil er keine Kappe vor ihm abzog, im Wirthshause schimpfte und ihm gegenüber auch kein Blatt vor das Maul nahm, war unschuldig in den Verdacht eines Diebstahles gekommen und blieb viele Monate sitzen.
Beim Vorübergehen rief mir der arme Kerl, nannte in der Geschwindigkeit alle Entlastungszeugen, klagte, wie er schon mondenlang sitze und niemals ins Verhör komme, so daß er und seine alte Mutter in großer Noth waren. Wir redeten, bis die Gefangenwärterin uns störte und mich nicht mit ihren Drohungen gegen mich, sondern mit denen gegen den Gefangenen fortjagte.
Ich besaß damals Geld, ging zu einem Advokaten, erzählte Alles, der Advokat redete mit den Entlastungszeugen, machte mir eine Schrift und mit dieser lief ich vor die rechte Schmiede, direct nach Karlsruhe zum Großherzog, der mich sehr freundlich und gütig anhörte, die Schrift nahm und das Beste versprach!
Ich habe in meinem langen Leben stets gesehen und erfahren, daß die vornehmsten und höchsten Personen gerade die herablassendsten und besten sind. Bei uns wird es oft dem Bürger und Bauer himmelangst, wenn er vor Amt muß, denn wir haben gar zu viele Amtskosaken und die dummen Leute meinen immer, die Amtskosaken könnten als studirte und angestellte Herren gegen den gemeinen Mann nicht so gar grob und brutal sein, wenn es nicht von Karlsruhe aus also angeordnet würde.
Freilich ist gerade das Gegentheil der Fall; noch Jeder, den die Noth in die Residenz trieb, und mit dem ich redete, konnte sich nicht genug verwundern, wie gnädig und herablassend der Großherzog sammt den Herrn Ministern und andern hochgestellten Personen gegen arme und geringe Leute seien. Das thut den Leuten wohl und sie verschmerzen es leichter, wenn sie auch mit ihrer Bitte abfahren müssen, doch im Lande wissen und glauben es Viele nicht, meinen, es sei ganz in der Ordnung, wenn die Polizeidiener die Leute bei Feuersbrünsten zur Kurzweil prügelten, die Polizeicommissäre Handwerksbursche beim Visiren fast zerrissen, hohlköpfige Schreiber wie Pfauen und bissige Hunde zugleich sich geberdeten und mancher Amtskosak die größten Injurien und Schimpfreden Jedem ins Gesicht werfe, der keinen feinen Rock trägt. Sie getrauen nicht, sich zu beklagen, mögen den Pontius nicht beim vermeintlichen Pilatus anzeigen, schimpfen dafür heimlich und rächen sich, so gut sie es vermögen! ... Auch von denen in feinen Röcken darf Einer nur im Geruche stehen, ein Liberaler oder Radikaler zu sein, dann bekommt er Grobheiten und Verfolgungen genug auf den Hals, verliert vollends allen Glauben an das Wohlwollen der regierenden Herren und denkt: Kommt Zeit, kommt Rath!
Mein Gefangener hatte Licht im Apfel, ich alter Soldat stand frisch vor dem Großherzog; so ein Amtmännlein, das nach Oben kriecht und nach Unten kratzt, macht mir keine Angst und richtig, der Großherzog hielt redlich Wort, der Gefangene kam rasch ins Verhör, die Entlastungszeugen wurden gerufen und nach 14 Tagen ward der mondenlang Herumgezerrte als unschuldig erkannt und freigelassen.