Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling Erster Theil

Chapter 14

Chapter 143,812 wordsPublic domain

Margareth ging oft vor das Thor in ihren Garten, wir wären gar zu gerne mit einander gegangen, aber ein ausländischer Soldat mußte damals Jahr und Tag in Prag bleiben und sich musterhaft aufführen, ehe er vor das Thor kam. Der Feldwebel gab ihm dann eine Karte, jedoch nur auf einen Monat und jetzt wollte ich eine solche haben. Gab mir der Feldwebel ohne höhere Erlaubniß eine und es kam heraus, dann mußte er Gassen laufen und verlor seine Stelle dazu.

Er weigerte sich lange, eine Karte zu geben; Margareth gab ihm Geld und gelobte Stillschweigen, ich schwur, daß ich ihn nicht verrathen würde, wenn ich auch unglücklich wäre und erhielt endlich die Karte eines Soldaten, der dieselbe niemals bei sich trug, weil er immer als Gärtner vor den Thoren arbeitete und allen Soldaten bekannt war.

Glücklich komme ich vor das Thor hinaus, da führt mir der Teufel Mucks Zimmercommandanten in den Weg, der mich kannte und anhielt; "Wo ist die Karte?"--"Hier!"--"Woher die Karte?"--"Von dem und dem!"--"Kennst du den Soldaten?"--"Ja, doch weiß ich seinen Namen nicht, die Margreth im Wolf wird denselben wissen!"--"Arretirt!--"

Ich komme auf die Stockwache, der Regimentsadjutant examinirt mich, mein Feldwebel behauptet, er besitze alle Karten, bis auf die eines Bedienten, der in der Moldau ertrunken sei.

Damals desertirten sehr viele Soldaten, deßhalb wurde das Verhör scharf, als Einleitung bekam ich 30 Stockprügel. Margareth wollte von gar Nichts wissen, ich nannte sie eine Lügnerin, der Auditor betheuerte, es geschehe mir nichts, wenn ich nur sage, woher ich die Karte habe; doch ich blieb bei meinem Läugnen und bekam abermals dreißig aus dem Salz. Im nächsten Verhör gab ich gar keine Antwort und sagte endlich dem Auditor: "Es reut mich, im vorletzten Verhöre geantwortet zu haben!"--"Weßhalb?"--"Schon im ersten Verhöre sagte ich die Wahrheit, Gott weiß es und empfing dreißig Streiche dafür. Macht was Ihr wollt, doch bei der Musterung werde ich stehen bleiben und meine Sache dem General vortragen."--"Glaubst du, es sei dir zuviel geschehen?"--"Allerdings, denn ich redete Wahrheit!"--"Glaubst du nicht, daß ich dir noch mehr Prügel geben lassen könnte?"--"Freilich glaube ich's, ob es aber recht wäre, ist eine andere Frage!"--Jetzt meint der Vorsitzende des Kriegsgerichtes: es geschieht dir kein Unrecht, dafür sind wir auch da!--Der Auditor meint: die Jägerndorfer haben ihn so pfiffig gemacht!--"O nein, sage ich; bei meinen vielen Leiden habe ich auch viel erfahren, in Jägerndorf gibts keine andere Weisheit, als Einem den Buckel blau zu schlagen!"--"Du bist auf Jahr und Tag ganz frei vom Regiment und erhältst gleich 25 Kaisergulden, wenn du den Kartengeber angibst. Zeigt ein Anderer denselben an und wird es bewiesen, daß du nicht in den Garten zu dem Mädchen, sondern fort wolltest, dann wirst du nachträglich als Deserteur behandelt! Unterschreibe!"--"Nein!"--Jetzt sagte der Hauptmann: "Unterschreibe nur, es ist dir nicht zuviel geschehn. Du hast keine Strafe erhalten, man wollte blos dein Geständniß. Du kannst in der Stadt und auf der Kleinseite genug herumstolpern, hüte dich vor dem Fortlaufen, du bist ein leichtsinniger und verwegener Patron!"

Ich unterschrieb und sagte dabei: "Hätt' ich mich nur nie engagiren lassen!" In der Kaserne hieß es: "Hast dich brav gehalten, bekommst wieder eine Karte, wenn du eine brauchst. Warst aber dumm, es liegen ja 3 Regimenter hier, konntest die rechten Wachen abpassen!"

Ich schwieg ganz klug, ging zum Marketender, wurde gut empfangen und gut bewirthet. Mein Feldwebel saß auch da, ich erzählte ihm alles und er meinte. "Hättest du geplaudert, du wärest ohne Einen Streich davon gekommen, ich aber in des Teufels Küche. Es desertiren viele Pfälzer; es heißt, alle würden an der Grenze eingeholt und erschossen, doch glaube ich es nicht. Du könntest es bei den Kaiserlichen gut bekommen, doch du meldest dich bei der nächsten Musterung nicht zu einem andern Regimente, sondern desertirst, ich sehe es dir an, du bist ein Leichtfuß!"

Ich dachte, _du_ hast den Nagel auf den Kopf getroffen und schwieg.

Im Wolf ward ich ganz festlich empfangen, bekam Geld von den Wirthsleuten, Lobreden, Essen und Trinken genug und die Margareth riß mich schier um, als sie aus dem Keller kam, wo sie mit meinem Gefreiten Bierkrüge für die Offiziere gefüllt hatte.

Beim Vieruhressen wollte ich nicht sitzen und mußte von meinen 60 Prügeln beichten. Im Keller drunten gestand ich der Margareth, daß ich desertire und zwar auf Johanni; sie gab mir bald Recht und als sie hörte, ich sei ein Weber und wolle auf meiner Profession arbeiten, sagte sie, in Iglau besitze sie einen nahen Verwandten, der auch Weber sei, es gebe dort über 100 Weber und Arbeit für mich genug, sie wolle mir Briefe geben und bekäme ich in Iglau keine Arbeit, so könne ich nach Brixen und werde aus Tirol gar nicht mehr fortwollen, es gäbe halt nur Ein Tirol in der Welt ... Meine Civilkleider hatte ich im Wolf geholt, jetzt nahm ich dieselben aus dem Strohsacke, wohin ich sie versteckt hatte, mein Schlafkamerad sah dieselben und ich sagte ihm, die Frau des Gefreiten müsse sie mir verkaufen und brachte Stock, Hosen und Alles in den Wolf zurück.

Es war noch nicht Johanni und an einem Tage, an welchem das Regiment Kinski die Wachen bezogen hatte, spazierte ich zu der Stunde, wo ich sonst zum Rasiren ging, aus Prag hinaus.

Vor dem Thore zog ich die Civilkleider aus, die Montur war darunter, ich warf dieselbe weg; derjenige, der sie finden und dafür 24 Gulden bekommen sollte, war schon in der Nähe!

Ohne Speise und Trank marschiere ich 6 bis 7 Stunden weit, dann trat ich bei einem Bäcker ein, ließ mir Semmel und Branntwein geben. "Woher des Landes?"--"Bin bei Eger zu Hause!"--"Freund, Ihr seid kein Deutschböhme!" --"Warum nicht?"--"Hm, hm!"

Kaum bin ich vor dem Neste draußen, kommen Bauern mit Prügeln, schreien, ich sei ein Deserteur, bringen mich zum Richter, dieser läßt mich auf die Dorfwacht bringen, an einem Fuße fesseln und am andern Tage sitze ich bereits wieder zu Prag, jedoch nicht im Wolf, sondern im--Staabsstockhaus.

Der Profoß sagte mir, die Frau meines Gefreiten sitze bereits; ich weinte darob und behauptete, meinethalben sei sie nicht in Arrest, ich habe nur für ihren Mann barbirt und genommen, was er mir dafür gab!

Mein Papiergeld versteckte ich in den Strumpf, kam am andern Tage ins Regimentsstockhaus und ins Verhör.

"Woher die Zivilkleider?"--"Mitgebracht!"--"Dann?"--"Im Wolf, dann bei der Frau des Gefreiten, endlich im Strohsacke!"--"Dann?"--"Auf dem Leibe unter der Montur!"--"Die Montur?"--"Hinter einem Gartenzaune!"--"Wie kamst du zum Thore hinaus?"--"In Civilkleidern und mit einer Karte!"--"Woher die Karte?"--"Um 12 Kreuzer auf der Brücke gekauft!["]--"So! Nun diesmal geht es anders, Paule!"

Am nächsten Tage erfahre ich, mein Schlafkamerad sei im Verhöre gewesen, die Frau des Gefreiten, die freilich sammt ihrem Manne alles gewußt hatte, freigelassen worden. Ich war sehr froh darüber und wurde lustig, weil ich um baares Geld alles bekam, was ich wünschte.

Wie ich wieder ins Verhör komme, stehen 4 Unteroffiziere da und ich denke: "Jetzt gute Nacht, Paule, 's gibt eine schwere Tragödie!"

Der Auditor kommt und eröffnet, ich werde die schwerste Strafe erleiden, wenn ich nicht sage, woher ich meine Karte habe; sage ich es, dann werde ich von aller und jeder Strafe frei bleiben.

Ich blieb bei der alten Behauptung, da hieß es: "Fort auf die Bank, 15 herab!--Gestehst du jetzt?"--"Ja, daß ich die Wahrheit sagte!"-- "Nochmals 15!"

So ging es fort, bis ich 60 Prügel hatte, dann durfte ich abziehen, ließ ein Seidel Branntwein kommen, der "Vater", wie man den Profoßen nannte, nahm mir die Kette ab, ein Unteroffizier brachte Essig und Salz, die Frau des Gefreiten schickte Leinwand, mit Hülfe der Kameraden brachte ich es in der Nacht soweit, zumal ich nicht aufgeschlagen war, daß ich nicht geschunden wurde!

Nach 8 Tagen komme ich wieder ins Verhör und gebe keine Antwort.-- "Weßhalb keine Antwort?"--"Ich habe die Wahrheit schon gesagt!"-- "Bleibst du dabei?"--"Ja!"--Wieder 15 herunter!--"Gestehst du?"-- "Ich habe Alles schon gesagt!"--"Das Verhör ist geschlossen!"

Der Profoß durfte mir nichts mehr geben, nach 3 Tagen ward Kriegsgericht für mich und Andere gehalten, das Urtheil fiel gerade aus wie in Jägerndorf, ich mußte durch 300 Mann Gassen laufen.

Auf dem Exerzierplatze sah man, ich laufe nicht das erstemal, wurde von den Soldaten sehr geschont, erhielt Geld von den Zuschauern und als ich aus dem Lazarethe kam, war ich ein "Unvertrauter" geworden, durfte nur die Kasernenwache beziehen und nirgends hingehen, ohne daß eine Ordonnanz bei mir war.

Jetzt bekam ich die Rosenrothen erst recht satt.

Von den Kameraden ward ich fast auf den Händen getragen, weil ich Niemanden verrathen, im Wolf fand ich die herrlichste Aufnahme, denn weder Margareth noch sonst Jemand hatten geglaubt, daß ich die gräßliche Strafe überleben würde.

"Mich wundert, daß Sie noch leben!" sagt die Wirthin--"Wen Gott halten will, hält Er, die Leiden mögen noch so groß sein!"--"Ja, es ist arg!" sagt die Margareth traurig--"Arg ist's gewesen, doch bin ich an Allem selbst schuld. Wäre nur heute Sonntag, da wollt' ich besser tanzen, als auf dem Exerzierplatze!--Am Sonntag wird's eingebracht!"--"He, 's wird halter noch einmal probirt, Franzos?" schreit ein Soldat--"Ja, Bruder, wenn ich nicht bald sterbe, sterbe ich nicht in Prag!"--"Aber die Ordonnanz?"--"Können nicht Zwei zusammen gehen?"--"Ist schon oft geschehen!"--"Was der Paule im Schilde führt, muß durch, ich muß noch österreichischer Bürger werden!"

Meine Ordonnanz war ein geborner Baier, ein armer Teufel, der 10 Jahre zu dienen hatte, wie alle, welche nicht 5 Fuß 5 Zoll groß waren; ich bewirthete ihn tüchtig und konnte, wohin ich wollte, nur nicht zum Hause hinaus.

Später ging ich in den Garten. Margareth erzählte, wie arg der Gefreite bei der Verhaftung seines Weibes geweint habe. Der Oberst hatte ihm versprochen, er sollte bald Fourier werden, kam das Geringste heraus, so durfte er nicht ans Fourierwerden denken. Die Leute im Wolf trösteten ihn, weil alle überzeugt waren, daß ich Niemanden verrathe.

Ich war entschlossen, bis Michaeli längstens zum zweitenmal zu desertiren und bewirthete meine Ordonnanzen vortrefflich.

Die Soldaten hatten nicht geglaubt, daß ich mit dem Leben davon kommen würde. Vier Mann meines Bataillons waren für mich zum Hauptmann, dann zum Oberst gegangen, um ein Fürwort einzulegen. Der Oberst sagte, ich würde mit 6 Touren davon kommen, wenn ich den Kartengeber nenne, der Auditor forderte die Soldaten auf, den Kartengeber anzuzeigen und versprach dann ein weit milderes Urtheil für mich, doch dieser Preis war zu theuer und zudem wußten sie nichts Bestimmtes. In Prag schrie der Adjutant auch nicht: Zugeschlagen! und die 2 Grenadiercompagnien schonten mich, daß es allen Zuschauern auffiel, welche mir auch weit mehr Geld als Anderen schenkten.

Meine liebste Ordonnanz hieß Müller. Er war auch ein armer Tropf und ebenfalls kein Oesterreicher, heirathete eine Pragerin, verlor damit seine Capitulation und mußte dienen, wie die Landeskinder. Sein Weib starb im ersten Wochenbette, ihr Vermögen war nicht weit her gewesen, nach ihrem Tode fiel alles an die Eltern zurück und er mußte froh sein, daß sie auch das Kind zu sich nahmen.

Im Wolf schämte ich mich oft vor den Stadtleuten welche mich auf dem Exerzierplatze Gassenlaufen gesehen, dennoch half ich fortwährend in der Wirthschaft, und die Margareth, der es gar wohl gefiel, als ich davon redete, ich wolle ein österreichischer Bürger werden, that mir, was sie mir an den Augen abzusehen vermochte.

Ich sparte tüchtig; gegen Michaeli hatte ich keine Ruhe mehr, meines Bleibens konnte in Prag nicht länger sein, Müller zeigte sich bereit, mit mir zu desertiren. Margareth sagte freilich, ich möge noch zwei Jahre zuwarten, die Pachtzeit der Wirthschaft sei dann aus, sie ginge alsdann mit mir nach Iglau und wir wollten dort heirathen, zumal sie schon bei Jahren wäre--ich wollte nicht warten in Prag, sondern in Tirol, sie war bereit, den letzten Blutstropfen für mich zu lassen und half uns zur Flucht.

Mein Abschied von ihr war so traurig, wie der von der Marie aus Jägerndorf, die Tirolerin habe ich bis zur Stunde nicht mehr gesehen ... Als Bäckergeselle verkleidet, Haare und Gesicht weiß von Mehl, einen schweren Brodkorb auf der Achsel gehe ich eines Morgens mit einem Bäcker von dem Hause eines Kunden zur Hausthüre des andern und auf diese Weise zum Thore hinaus, jedoch nicht ohne banges Herzklopfen, wiewohl es mir nie an Muth mangelte.

In einem Häuslein vor dem Thore kleide ich mich um, Müller wartete im letzten Wirthshause, es war verabredet, daß ich nicht hineinginge, er kam heraus, wir liefen davon und mit jedem Schritte, der uns weiter von Prag wegbrachte, wuchs unser Muth.

Wir gaben uns für Handwerksgesellen aus, welche nach Wien wollten, um sich dort engagiren zu lassen und kamen glücklich nach Iglau.

Margarethens Verwandter konnte mich gerade nicht brauchen, wollte mich nach Brixen recommandiren, doch der Weg schien mir zu gefährlich. Am andern Tage sitzen wir Abends in der Weberherberge einer Garnisonsstadt, Müller steht auf, geht zur Thüre hinaus und--kam nicht wieder. Gott weiß, wohin er gekommen ist, vielleicht in seine Heimath! ... Ich sagte dem Wirth, mein Kamerad sei ein Deutschböhme und habe gute Bekannte hier, ich dagegen sei ein Pfälzer, ein Vetter von mir Militairchirurg in der Kaiserstadt, wo ich mich engagiren lassen wolle. Es hieß, daß ich niemals daran denken dürfe ohne Paß nach Wien zu kommen und der Mangel an einem Schreiben betrübte auch die Mutter zweier Harfenspielerinnen. Diese Weiber wollten nach Wien, ich sollte mit ihnen, denn eine Tochter war unwohl; wenn ich die Harfe derselben tragen wollte, so wurde ich zechfrei gehalten.

Abends kommen viele Soldaten, ein alter Schnauzbart erzählt mir, die Frau seines Majors sei auch eine Pfälzerin, habe ihre Schwester bei sich und wie ich nach dem Namen frage, weiß ich, daß diese Frauen noch bei meinem Vater das Tanzen gelernt haben.

Der Schnauzbart wollte es mir ansehen, daß ich auch schon bei den Oesterreichern gedient habe und als ich ihm erzählte, ich hatte in Leitmeritz als Weber gearbeitet, die Bleicharbeit sei fertig, ich wolle jetzt nach Wien, um mich engagiren zu lassen, da meint er, ich möge immerhin dableiben und mich hier annehmen lassen.

Er brachte es mir wacker zu, doch die Harfenmädchen stießen mich immer heimlich mit den Füßen, ich ließ mich nicht beschwatzen und wie der Schnauz am andern Morgen in aller Frühe wieder kommt und fragt, bin ich eben so wenig wie am Abend vorher zum Bleiben bereit.

Um 9 Uhr besuchte ich meine Landsmänninnen, ward erkannt, fand eine sehr gute Aufnahme, die Jüngere freute sich insbesondere, weil ich noch ihren Taufnamen wußte und Beide, weil ich gut gekleidet war.

Sie riethen mir ebenfalls, mich hier engagiren zu lassen, doch der Herr Vetter, der Chirurg in Wien mußte aushelfen, ich erzählte Vieles, wurde zum Mittagsessen eingeladen und erhielt ein namhaftes Geschenk.

Kaum sitze ich wieder im Wirthshause, so kommen zwei Polizeidiener, trinken Bier, fragen nach den Schriften ich habe keine, sie sagen, ich sei gewiß ein Deserteur, es liefen deren gar viele herum, verhaften mich und führen mich auf die Polizei, wo ich mich auf die Frau des Herrn Majors und deren Schwester berufe als Zeugen, daß ich ein Pfälzer, ehrsamer Weber und kein Deserteur, aber ein Rekrute sei.

Die Polizeidiener erhalten ein Schreiben, führen mich zu den Frauen zurück, der Herr Major war jetzt auch da, einst lange in der Pfalz und ein Gönner meines Vaters gewesen, gab mir ein Schreiben an den Polizeicommissär, dieser fertigte dann einen Paß für mich aus und rieth mir, ja nicht von der angezeigten Route abzugehen, weil ich sonst große Unnannehmlichkeiten bekommen würde.

Voll Freuden gehe ich zum Herrn Major zurück, um für die Fürsorge zu danken. Er dringt in mich, mich hier beim Regimente Lindenau anwerben zu lassen, doch ich behaupte, während meines Aufenthaltes zu Leitmeritz eine schöne, junge und vermögliche Wienerin kennen gelernt zu haben, welche in einem Wirthshause bei Verwandten lebte und bereits nach Wien gegangen sei, das Mädchen habe mir viel Geld gegeben und ich müsse zu ihm in die Kaiserstadt.

Ich mußte dem Offizier mein Geld zeigen, er vermehrte es durch einen Fünfguldenschein, lud mich zum Nachtessen ein und sagte, ich könne bei ihm essen so lange ich bleiben wolle, beim Fortgehen werde mir seine Frau noch einen Bündel weiße Wäsche und Kleider geben.

Die Leute im Wirthshaus freuten sich sehr über mein Wiederkommen, besonders die Harfenmädchen; es hieß, der Schnauz habe mir einzig und allein die Polizei auf den Hals geladen. Ich blieb im Wirthshause, mochte nicht mehr bei meinen guten Bekannten zu Nacht essen, sondern zeitig ins Bett, um früh den Weg unter die Füße zu bekommen.

Am andern Morgen gab mir die Frau Majorin richtig einen schönen Reisebündel; ich weinte beim Abschiede und wenn ich an diese guten Leute denke, laufen die Thränen noch jetzt stromweise über meine alten Wangen!

Neben dem Bündel mußte ich die schwere Harfe des kranken Mädchens tragen, doch machten wir täglich nur 2 bis 3 Stunden und lebten gut, denn die Weiber verdienten mit Harfenschlagen und Singen schweres Geld. Wir kamen glücklich nach Wien, die Begleiterinnen zogen ungehindert hinein, doch ich wurde angehalten, zum Platzmajor geführt und da hieß es gleich. "Welches Regiment?"--"Deutschmeister!"--"Gut, du kannst jetzt allein gehen und dich melden, dein Paß bleibt da!"

Am andern Tage sah der Arzt meinen Rücken, fragte, woher die Bescheerung sei, ich erwiederte, daß ich bei den Preußen in Glatz gezwungen gedient habe, erhalte Handgeld, werde eingekleidet und noch an demselben Tage steht der Paule als neugebackener Soldat des Regimentes Deutschmeister in einem Bäckerladen und--vor der geliebten Marie aus dem Mohren zu Jägerndorf, welche bisher auf mich geharrt hatte.

Welche Freude, welch Wiedersehen! Noch jetzt fließen mir die Thränen reichlich, wenn ich daran zurückdenke! ... Wie weinte aber erst meine Marie sammt ihrem Bruder, dem Hagestolzen, nachdem Beide wußten, was ich ausgestanden seit jenem Sonntage, an welchem ich im Gartenhause Abschied genommen und mit Muck desertirt war! ... Einige Wochen lebten wir in der Kaiserstadt wie die Engel im Himmel, wir hatten es gut mit einander vor, der Bäcker war ein gar zu guter Mann, doch Unglück soll mich verfolgen bis zum Jahre 1852!

Wir begegnen einigen Kameraden, welche mit mir in Jägerndorf gedient hatten und jetzt Artilleristen geworden waren, erkannten und begrüßten mich und fragten gleich: "Wo ist denn der Muck?"--"Ebenfalls hier!"--"Wo finden wir ihn?"--"Er hat die Wache beziehen müssen!"--"Wo gehts Abends hin?" --"Da und da!"--"Gut, wir treffen uns!"

Ich bat die Kanoniere, mich und den Muck um Gotteswillen nicht zu verrathen, sie versprachen es hoch und theuer, doch ich traute nicht, denn die 24 Gulden waren ein gar zu großer Reiz für arme Soldaten.

Wie weinte die Marie, wie erschrak der Bruder, als ich athemlos in den Bäckerladen stürzte, die fatale Begegnung erzählte und damit schloß, daß ich noch heute aus Wien fort müsse, wenn ich nicht erschossen werden wolle! ... Ich zog sogleich meine Civilkleider wieder an, welche ich aus Vorsicht aufbewahrt hatte, das Handgeld war fort, doch besaß ich noch Geld, Marie gab, was sie hatte, der Bruder in seiner Angst, was er zu entbehren vermochte, ich versprach in der Nähe Arbeit zu suchen, vor Eile bekam ich keine Zeit zum Weinen, mein Schatz sank beinahe in Ohnmacht, ich aber lief aus der Stadt, so rasch ich es vermochte, ohne Aufsehen zu erregen.

In der Nähe zu bleiben, dazu empfand ich keine Lust, sondern wollte nach Rom, um mich bei den päpstlichen Truppen anwerben zu lassen, schlich durch Steuermark [Steyermark] und Illirien Italien zu und kam ganz ungefährdet tief in die Lombardei.

Unglücklicherweise begegnen mir französische Soldaten, welche einen Trupp Menschen, lauter Gefesselte, transportirten, ich werde nach meinem Passe gefragt, wiewohl ich aus Vorsicht gar kein Gepäck bei mir trug, besitze nichts Schriftliches, werde arretirt, bekomme auch sofort eine Kette, muß eine Stunde weit zurückmarschiren und hier wird der Transport abgeliefert.

Von hier kam ich jedoch nach Mantua in ein erbärmliches Gefängniß, wo 300 Gefangene fast nichts zu essen bekamen, dafür vom Ungeziefer beinahe verzehrt wurden. Solchen Mühseligkeiten erlag endlich auch meine riesenhafte Natur, ich wurde schwer krank, was mir der fromme Bernardus auch prophezeit hatte und als ich genas nach mehrwöchentlichen Leiden und trotz der elenden Verpflegung, da betete ich mit einer Inbrunst, mit der ich seither wenig mehr gebetet, um meinen Tod, damit doch nicht Alles eintreffe, was mir der Einsiedler vorausgesagt hatte.

Kaum konnte ich recht laufen, so begann das Verhör. Ich sagte, daß ich wohl kein Deserteur, sondern französischer Soldat beim 16. Regimente sei, der nach der Schlacht bei Austerlitz verwundet und gefangen wurde. Man glaubte mir jedoch nicht, obwohl ich gleich bei der Verhaftung gesagt hatte, ich befände mich auf dem Wege mein 16. Regiment aufzusuchen. Man schrieb hin und her, ich mußte noch mehrere Wochen in dem abscheulichen Loche schmachten, dann hörte man endlich auf, mich als Deserteur zu betrachten und steckte mich unter ein Regiment, welches in einem Seehafen lag und viele Italiener in seinen Reihen zählte. Es lag sehr viel Militär in der Stadt, wir wurden zu den Bürgern einquartiert, aßen jedoch in der Menage und ich hatte das Unglück, in Ein Quartier mit 11 anderen Soldaten zu kommen, welche Alle Italiener waren, von deren Kauderwälsch ich kaum das %No% und %Si% verstand.

Waren wir frei vom Dienste, so fuhren wir in einer Schaluppe ins Meer hinaus, um zu fischen und ich ging gewöhnlich mit.

Eines Tages fahren wir nicht weit, da wird einem Holzschiff zugerudert, meine zehn Begleiter kletterten in Strickleitern auf das Verdeck, ich habe keine Lust dazu, merke schon, wo das Ding hinaus will, doch ich muß den Andern folgen, denn die Schaluppe wurde gleich mit einem Flaschenzug auf das Holzschiff gezogen und wir fahren mit demselben davon. Weit kamen wir nicht. Das Wachtschiff, das wegen der Contrebande und andern Dingen umherfuhr, ließ unser Schiff nicht passiren, zog die Fahne auf, welche uns Halt gebot und meine Kameraden sehen aus, mehr todt als lebendig und kriechen in allen Winkeln herum, ich selbst suche auch ein Winkelchen.

Richtig wird das Holzschiff streng durchsucht, wir Alle werden entdeckt und verhaftet, unsere Schaluppe wird wieder ins Wasser hinabgelassen, nach kurzer Zeit sitzen wir im Cachot und weil damals gerade das Kriegsrecht im Flore war, werden wir Alle ohne sonderliches Verhör vom Kriegsgericht zum Tode verurtheilt!

Damit war eine Hauptprophezeiung des Einsiedlers Bernardus, nämlich daß ich ganz unschuldig zum Tode verurtheilt werde, an mir in Erfüllung gegangen und Du siehst nun, Mauschel, daß der Mensch sein Schicksal nicht macht, sondern daß es gemacht wird, ob von Gott oder dem Teufel, darüber bin ich zweifelhaft, wahrscheinlich arbeiten Beide zusammen!

Du bist doch nicht todgeschossen worden, he? fragt der Zuckerhannes und wenn der Kerker nicht schon sehr dunkel gewesen wäre, würde man ein ziemlich einfältiges Gesicht gesehen haben.

Der alte Paul lacht, die Andern lachen auch, der Schlosserlehrling meint. "Wenn _Ihr_ nicht lügt, dann lügt Keiner mehr. Wie könnte ein Mensch in kurzer Zeit aushalten, was Ihr ausgehalten habt!"

"In der That, Alter, Dein Leben ist so bunt und abenteuerlich, daß man die Erzählung für Erdichtung halten könnte!"