Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling Erster Theil
Chapter 13
Anno 1805 machte ich den Feldzug nach Oesterreich mit, war bei der Schlacht von Austerlitz, erhielt einen Säbelhieb über das Gesicht, der wenig zu bedeuten hatte, dagegen wurde unser Regiment in Mähren oft zum Plänkeln verwendet, bei einer solchen Gelegenheit erhielt ich einen Bajonettstich in die rechte Seite und einen in den rechten Fuß, blieb auf dem Kampfplatze liegen und wurde gefangen.
Nicht so gar weit von Olmütz war ein ehemaliges Kloster zu einem Lazarethe eingerichtet worden; man brachte mich dahin, ich wurde gut verpflegt und besorgt, obwohl viele Soldaten darin lagen, doch die Gefangenschaft gefiel mir nicht und ich verabredete mit einigen Kameraden einen Fluchtversuch.
Oben auf einem Speicher war die Todtenkammer, Todte gab es genug, wir schlichen uns eines Abends hinauf, lagen still bis Mitternacht und ließen uns dann durch eine Dachluke an zusammengebundenen Leintüchern in den Hof hinab. Wir standen im Hofe und hatten Eile, denn die Leintücher flatterten vor den Fenstern herum, wenn uns die Schildwachen entdeckten, hatten wir nicht viel Gutes zu erwarten. Wir hatten keinen Schlüssel und keinen Ausweg, meine Kameraden verzweifelten an der Flucht, denn der Abzugskanal, der durch den Hof lief, war gefroren, zudem voll Unrath und da, wo er unter der Mauer ins Freie führte, durch ein Gatter versperrt.
Das Gatter war von Holz; wir brachen es los, doch weil das Eis nicht trug und wir leicht im Schlamme ersticken konnten, wagte es außer mir keiner diesen sichern, jedoch gefährlichen Weg zu machen.
Meine Kameraden kehrten um, einen andern Ausgang zu suchen, ich kroch durch das Gatter in den Abzugskanal, wäre um ein Haar erstickt unter der ziemlich langen Wölbung, doch Gott hatte Erbarmen mit mir und wie durch ein Wunder gelangte ich aus dem Graben ins Freie.
Es war eine sternenhelle Winternacht, weil ich tropfnaß geworden, gefror Alles an mir, meine noch nicht ganz geheilten Wunden schmerzten mich arg, ich lief auf den Feldern umher, bis ich einige Lichter sah, welche sich nicht bewegten. Dem Umsinken nahe, konnte ich nicht mehr laufen, kroch auf allen Vieren den Lichtern näher und weil ich immer nur nach den Lichtern und nicht genau um mich schaute, kugelte ich auf einmal über einen Rain hinab in einen Bach, die Eisdecke brach, ich stand zwei bis drei Schuh tief im Wasser, schrie aus allen Kräften um Hülfe, wurde gehört, einige Weibspersonen kamen und zogen mich aus dem Bache. Ich sagte denselben, daß ich kein Franzose sondern aus dem Reiche sei, sie aber sagten mir, ich sei bei keinem Dorfe, sondern bei einigen Häusern, welche zusammen einen Hof ausmachten und ich habe über 4 Stunden hieher gebraucht, obwohl das Lazareth keine Stunde weit entfernt liege. Meine Angst vor dem Erwischtwerden verschwand bei der Versicherung, man werde mir gar nicht nachspüren, der Krieg sei ja aus und ich könne ruhig bei ihnen bleiben.
Im Stalle zogen sie mich aus und führten mich dann in die warme Stube, wo es mich erst recht fror. Um den Leib trug ich eine Schnur, an dieser ein Amulet mit seltsamen Zeichen, Namen und Bibelstellen und dieses Amulet erregte die Neugier der guten Leute, an die ich noch jetzt niemals zurückdenke, ohne daß mir die Thränen stromweise über die alten Wangen laufen! ... Ich habe in meinem langen Leben wenig Leute gefunden, die es gut mit mir meinten, doch diese Leute behandelten mich, als ob ich ihr eigen Kind wäre, wiewohl ich als Feind in ihr Land gekommen war! ... Vor dem Kriege lag das 16. Regiment in Besançon, dort hat meine Waschfrau mir das Amulet gegeben und gesagt, daß mich keine Kugel treffen werde, wie es denn auch geschehen ist. Mehr vermochte ich den guten Leuten nicht zu sagen, sie kochten mir eine Milchsuppe und als ich ihnen Alles dafür geben wollte, was ich besaß, nämlich 15 Groschen, die in der gefrornen Montur lägen, lachten sie mich aus. Ein alter Mann mit Einem Fuße stelzte auch herein, fragte mich über Vieles und gab mir auf meine Bitte soviel Schnaps, als ich nur begehrte. Dann kam der Alte mit meinem französischen Gebetbuche, ich durfte nicht mehr in den Stall, sondern in ein gutes Bett, betete vorher laut aus dem Buche und Alle knieten nieder, obwohl sie kein Wort verstanden.
Der Stelzfuß sagte mir noch, ich sei sicher, weil kein kaiserlicher Deserteur, dann grüßten Alle mit dem Gruße jenes Landes, nämlich. "Gelobt sei Jesus Christus!" und ich schlief den ganzen Tag und die andere Nacht fast dazu.
Weil das Wetter schlecht geworden, ließen sie mich nicht marschiren, ich wollte aber nicht umsonst da sein. Es standen zwei Webstühle in einer Kammer, der Zettel war fertig, eine Magd machte mir Spulen und so webte ich ein schönes Stück Tuch, bis die Eigentümer des großen Hofes heimkamen.
Endlich wurde das Wetter gut, meine Wunden ebenfalls, ich wollte ins Preußische, dort einen Paß auftreiben und damit heimgehen.
Die Bäurin hatte eine Schwester an der Grenze verheirathet, der Mann derselben war ein Wirth. Ich bekam einen Brief an diese Leute, dazu auch an einen Einsiedler, den man in jener Gegend nur "den frommen Gottesmann Bernardus" nannte, ferner andere Kleider, einiges Geld und so viel Eßwaaren, als ich nur einzustecken vermochte. Beim Abschiede weinte ich wie ein Kind, die guten Leute weinten auch, ein Knecht und zwei Töchter fuhren mit mir bis Mährisch Neustadt, dann ging ich allein der Grenze zu.
Ich kam zu den Wirthsleuten und wurde so gut aufgenommen, als ob ich daheim gewesen wäre. Die Frau hieß ihre Kinder mir die Händchen reichen, sie mußten mich "Vetter" nennen, ich weinte vor Freuden und mußte bleiben bis Sonntag. An diesem Tage kam eine Tochter auf Besuch, diese hatte den Waldbruder Bernardus bei sich auf dem Hofe und mit ihr kam ich zu diesem eisgrauen Gottesmanne.
Am dritten Tage erst durfte ich abreisen, vorher prophezeite mir Bernardus mein Schicksal und Gott der Allmächtige weiß, daß Alles eintraf, was er sagte, wiewohl ich nicht viel darauf gab.
Er prophezeite Folgendes. "Du wirst in Preußen keinen Paß bekommen, sondern Soldat werden, dem Kaiser dienen und noch Vieles auszustehen haben, ehe Du deine Heimath wieder siehst. Du wirst nicht nur manchen Blutstropfen verlieren, sondern auch ganz unschuldig zum Tode verurtheilt werden. In der Heimath wirst Du wenig Gutes finden und im Elend bleiben, bis Du 70 Jahre alt bist, wirst mehr aushalten, als Tausend Andere auszuhalten vermöchten. Vom 70. bis zum 90. Jahre jedoch wirst Du gute Leute finden und gute Tage erleben!"
Er prophezeite mir noch vieles Einzelne und ich hatte den Gottesmann kaum recht verlassen, so erfüllte sich seine erste Prophezeiung.
Am Thore von Glatz nämlich wurde ich arretiert, weil ich keinen Paß besaß, auf die Hauptwache geführt, vom Commandanten examinirt. Ich erzählte Alles wahrheitsgemäß und sagte, ich sei ja gerade gekommen, um einen Paß zu holen, der Commandant aber schnauzte mich an:
"Du bist ein österreichischer Deserteur und wirst entweder bei mir Soldat oder ich lasse Dich schließen, über die Grenze bringen und an den nächsten Kreishauptmann abliefern. Hast freie Wahl, bis morgen gebe ich Dir Bedenkzeit!"
Ich wollte fast Soldat in Glatz werden, doch als der Commandant der Hauptwache sagte. "Sei gescheid, nimm keinen Dienst, wenn Du kein Deserteur bist; wir hocken bereits 6-8 Jahre in diesem Nest und haben in dieser Zeit kein Gras wachsen sehen!" da wußte ich, was zu thun war.
Am andern Morgen kommt der Adjutant und fragte: "Nehmt Ihr Dienst?"--Nein! --"Also zunächst geschlossen und ins Civilstockhaus!"
Ich bat, mich nicht zu schließen, doch er sagte, er müsse es thun, wenn es auf ihn ankäme, ließe er mich laufen. Es war kalt, ich fror, war hungerig, hatte fast kein Geld mehr, der Adjutant gab mir einige Groschen, ließ mich ins Civilstockhaus führen, wo die Weibsleute nur durch einen löcherigen Verschlag von den Mannsleuten getrennt waren, so daß unser Affengesicht, der Mausche und mein einäugiger Spezel dort ein wahres Paradies gefunden hätten!
Am andern Tag wurde ich geschlossen, ein Bube machte den Transporteur; derselbe bekam nichts dafür, weil es in der Frohne ging. Vor lauter Elend und Hunger kam ich nur 4 Stunden weit, der Bube gab seinen Brief an den Schulzen ab, der Schulze konnte keinen Buchstaben lesen, ich las ihm die Adresse. "An den Kreishauptmann auf der Grenz abzugeben," erzählte ihm mein Schicksal und dann sagte er. "Es werden 4 Groschen für Dich bezahlt, kannst bis morgen bei mir bleiben!"
Am andern Tage wurde ich nicht geschlossen, weil mir der Schulze glaubte; zum Transporteur gab er mir ein riesenmäßiges Weibsbild. Ich dachte gleich ans Durchgehen, doch der Muth dazu verging mir, wie ich das Weib näher betrachtete und es mir sagte, daß sie mich beim geringsten Fluchtversuch halbtod prügeln werde.
Als es durch den Wald ging, verließen wir die Straße und machten Nebenwege, welche näher sein sollten und kamen dann zu einem Bauernhof, der zugleich ein Wirthshaus war. Ich wollte einkehren, sie ging mit mir und wir beide bereuten es nicht, denn der Hofbauer war ein Pfälzer, überzeugte sich durch viele Fragen, daß ich meine Mundart nicht umsonst redete, zeigte eine große Freude, lud uns zum Mittagessen ein und mein Transporteur aß und trank für eine halbe Compagnie.
Der Landsmann fragt mich heimlich, ob ich wirklich ein Deserteur sei, ich sage Nein und er sagt, ich käme an den alten Ort zum Bruder Bernardus zurück. Dieser fromme Mann habe sein kleines Töchterlein von einer Krankheit bald und ganz geheilt, nachdem das Kind vergeblich die ganze Apotheke durchgebraucht gehabt hätte.
Nach dem Essen will das Weibsbild fort, der Wirth gibt ihr heimlich Geld, sagt, es pressire nicht so, sie könne auf dem Rückwege bei ihm umsonst übernachten. Jetzt trinkt die Große bis gegen Abend des kurzen Wintertages, ich hätte dann leicht entlaufen können. Kaum recht im Walde fiel sie um und ich mochte sie nicht verlassen, weil sie leicht hätte liegen bleiben und in der Nacht erfrieren können.
Sie war zu schwer, als daß ich sie hätte auf die Beine bringen können, blieb über eine Stunde besinnungslos liegen; es wurde ihr allgemach besser, sie steht auf, ich bitte um Gotteswillen, mich nicht irre zu führen und Nachts um 12 Uhr kommen wir richtig beim Bruder Bernardus an, der mir Alles so vorausgesagt hatte. Die Leute auf dem Hofe erschrecken ob meinem Aussehen, ich war beinahe erfroren, doch eine gute Weinsuppe und ein Nachtlager in der warmen Stube stellt mich wieder her.
Am andern Morgen gibt das Weibsbild den Brief an Bernardus und weint beim Abschied über mein Elend, denn ich war kaum im Stande, sie bis zur Thüre zu begleiten.
Vier Wochen blieb ich wieder auf dem Hofe, dann war ich hergestellt, mochte nicht bleiben, weil die Feldarbeiten mir zu schwer waren; die Leute gaben mir Geld, weinend nahm ich Abschied und ging nach Jägerndorf, um mich dort unter die Soldaten anwerben zu lassen.
Am Abend des zweiten Tages komme ich in die Stadt, gehe in das nächste Wirthshaus, wo viele Soldaten waren, lasse mir ein Seidel und Essen geben und frage, ob ich über Nacht bleiben könne.
Es heißt Nein, denn das Haus sei ein Brauhaus.
Einige Soldaten hörten, ich sei aus dem Reich und bei Mannheim zu Hause, sie sagen, einer ihrer Kameraden sei mein Landsmann, verdiene schönes Geld als Küfer in diesem Hause. Einer geht und holt den Soldaten und wer ist's? der Muck, welchen ich schon als kleines Kind gekannt hatte.
Ihr könnt Euch denken wie groß unsere Freude war und als der Muck erst hörte, ich wolle mich anwerben lassen, bekam ich Essen, Trinken, Nachtlager und Kameraden genug. Muck geht, um schnell einen Nachtzettel zu holen, doch er bekam keinen, der Richter, wie man dort zu Lande den Bürgermeister heißt, wollte mich selbst sehen, ich ging hin und bekam gleich einen Nachtzettel, nachdem ich vom Anwerbenlassen geredet.
Am andern Tage war ich Soldat bei Mucks Compagnie und bekam als Handgeld 24 Gulden, die mir kein Glück brachten. Ich bekam viele Kameraden, das Regiment gefiel mir aber nicht, weil es Stockprügel regnete und ich beschloß nach drei Wochen, mit 18 Andern zu desertiren.
Dem Muck sagte ich nichts, denn er hatte es gut; an einem Sonntage liefen wir davon, doch kamen die Nachsetzer, ehe wir 3-4 Stunden weit gekommen waren. Sie hatten Fuhrwerk bis zur Grenze, eine Menge Bauern folgte ihnen, weil Jedem, der einen Deserteur fange, 24 Gulden versprochen wurden. Am Rande eines Waldes holten sie uns ein, wir hatten beschlossen, uns bis zum Tode zu wehren und nicht zu fliehen, die Bauern unternahmen einen Sturm auf uns, wir wurden bald überwältigt, gebunden, von den Bauern ins Dorf geschleppt und bewacht, am andern Morgen aber zum Regimente nach Jägerndorf eingeliefert.
Wir Alle waren von der ersten Grenadiercompagnie, unser Hauptmann dauerte mich wahrhaft, denn er war ein guter Mann, fragte, was wir denn zu klagen hätten, wir wußten nichts gegen ihn vorzubringen und er machte uns bittere Vorwürfe.
Wir Alle wurden getrennt, verhört, in 10 Tagen Kriegsgericht gehalten. Der Rädelsführer erhielt die Kugel vor den Kopf, wir die härteste Strafe nach der Kugel, nämlich 10maliges Gassenlaufen durch 300 Mann und zwar so, daß nach 5 Läufen frische Ruthen vertheilt wurden. Als ich auf dem Exerzierplatze die langen Soldatenreihen und Ruthen sah, wurde mir doch bange und als die Tambours und Pfeifer anstimmten, klopfte mir das Herz gewaltig.
Ich gehörte zu den Ersten, welche laufen mußten, denn ich hatte mich gegen die Bauern arg gewehrt, der Major und Adjutant schrieen in Einem fort: Zugehauen! Zugehauen! Dennoch hieb gar Mancher auf die Hosen, Viele hieben schonend, denn die Soldaten waren fast lauter Ausländer. Uebrigens lief mir schon beim zweiten Gang das Blut durch die Hosen, denn ich trug auf dem Rücken eine große Warze, welche gar bald weggehauen war und tüchtig blutete.
_Das Aergste war mir übrigens nicht das Gassenlaufen, sondern das Zuschauen vieler Herren und Damen der Stadt._
Diese gaben uns nach der Exekution vieles Geld, wir kamen Alle ins Lazareth. Mir wurde ein nasses Leintuch auf den Rücken gelegt, dasselbe war mit Etwas bestrichen, welches mich so wüthend schmerzte, daß ich vermeinte, in die Luft springen zu müssen und eine volle, ewiglange Stunde dauerte die Qual! ... Nach 8 Tagen sollten wir als Geheilte aus dem Lazareth, da fragte ich den Krankenwärter, was denn an dem verfluchten Leintuche gewesen, doch dieser sagte nur: "Ich weiß nicht, wie es heißt und was es ist, es darf halt auf dem Rücken keine Maden geben!"
Fortan ging ich nur mit Muck um, hatte die Freude an diesem Regimente jetzt erst recht verloren und war fest entschlossen, ganz allein zu desertiren, wenn es mir auch das Leben kosten sollte.
Neben der Kaserne stand das Wirthshaus zum Mohren, wo man Alles haben konnte, was zur Menage gehört. Der Wirth war aus Landau, seine Frau, eine Wienerin, hatte zwei Schwestern bei sich, von denen eine Marie hieß. Ich trank zuweilen für einen Kreuzer Rosoli; einmal gab ich der Marie einen Groschen, sie gab mir das Doppelte wieder und so fing meine erste ernsthafte Bekanntschaft an.
Die Offiziere sahen nichts lieber, als wenn die Soldaten Liebschaften anfingen und heiratheten, denn sie glaubten, das Desertiren habe dann bei ihnen eher ein Ende. Kam ich auf Wache, so brachte die Maria mir Essen und Trinken und sagte hundertmal. "Wären wir nur in Wien, da wollte ich für dich sorgen! Habe ich nicht einen Bruder dort, einen Bäcker, der nicht heirathen mag? Wir könnten's für ihn thun!"
Solche Reden leuchteten mir ein, ich ging endlich zum Muck, um denselben zu bereden, daß er mit mir nach Wien desertire. Er kannte Sprache und Sitten, Weg und Steg, andere Montur mußte auch her und die Marie wollte ich nicht sogleich mitnehmen, was sie immer wünschte. Die Wirthin hatte alles gehört, was ich mit Muck redete doch weit entfernt, uns zu verrathen, versprach sie allen möglichen Vorschub und sagte, sie könne mich gut leiden, weil ich es mit der Marie im Mohren gut meine.
Die Wirthin schenkte mir zwei Würste, weil gerade geschlachtet worden und sagte mir beim Fortgehen, ich solle nicht mehr viel in den Mohren, Marie selbst wünsche es und wolle lieber daher kommen, ihre Schwestern plagten sie arg und paßten ihr sehr auf um meinetwillen.
Einige Tage blieb ich aus dem Mohren weg, eine Botschaft nach der andern ließ ich unbeachtet, endlich ruft mich beim Vorübergehen der Wirth hinein. "Weßhalb kommen Sie nicht mehr?"--"Weil ich keine Aufsicht brauche, wenn ich ein Glas Bier trinke, ich zahle es immer!"--"Nu, nu, Alterle!"-- "Hab' ich kein Geld, so schreibe ich heim, dort hab' ich genug; ich ließ mich nicht aus Noth engagiren, sondern weil mir das Herumziehen gefällt!"-- "So, so!"--"Komme ich auch nicht mehr ins Haus, so wird Marie doch die Meinige!"
Die Soldaten sagten, Marie werde von ihren Schwestern nur aus Neid geplagt, der Wirth und die 3 Weiber glaubten, ich besäße daheim ein ordentliches Vermögen und ich ließ sie in dem guten Glauben.
Mit Erlaubniß ihres Schwagers kam mein Schatz jetzt häufig in das Bierhaus, worin Muck arbeitete.
Einmal schlief ich auf dem Posten ein bischen ein, dafür gab es Stockprügel; besinnungslos vor Zorn und Schmerz renne ich zum Muck und sage: "Jetzt hats ein Ende, Bruder, Wien oder die Kugel, Eins von Beiden!"
Marie kam mit ihrem Strickzeuge, sah mich immer traurig an, denn meine Augen standen immer voll Thränen und mein Rücken war vom Gassenlaufen noch nicht ganz heil. Wie ich hinausgehe, kommt sie nach, ich erzähle Alles, stelle ihr weinend vor, sie dürfe nicht gleich mit mir nach Wien, weil sie ihr ganzes Vermögen verlieren und noch Strafe dazu erhalten könnte, wenn wir erwischt würden. Sie verspricht, am andern Tage all ihr Geld und einen Brief an den Bäcker nach Wien zu bringen, der Muck sorgt für Montur, welche im Gartenhause versteckt wird und setzt die Flucht auf den nächsten Sonntag fest, weil an diesem Tage Niemand auf dem Felde arbeitete.
Richtig bringt mein Schatz das Geld, doch den Brief nehme ich nicht aus Fürsorge für sie, sondern nur die Adresse des Bruders, auf welcher ihr Name nicht stand; ich verspreche, von Wien aus unter fremdem Namen an die Bierwirthin zu schreiben, mich eher selbst todtzuschießen, als fangen zu lassen und sie schwört, sich in den Bach zu stürzen, wenn ich eingeholt werde.
Muck besorgte Alles; am Sonntag nahm ich Abschied von Maria im Gartenhause, es war ein Abschied auf Leben und Sterben, die Thränen fließen noch jetzt oft stromweise über meine alten Wangen, wenn ich an jenen Sonntag im Gartenhause zu Jägerndorf denke!
Wir gingen und nahmen Vogelflinten mit uns, denn Ordonnanzen unseres Bataillons lagen auf den umliegenden Dörfern, an vielen Orten fand sich Militär genug, wir waren bereit eher zu sterben als uns zu ergeben und mußten Umwege in die Kreuz und Quere machen, um gefährliche Orte zu vermeiden.
Wir marschirten, daß uns die Füße schwollen und in der Nähe von Bunzlau wäre es bald schlecht gegangen ... Wir kehrten nämlich in einer elenden Kneipe ein, mehrere Gäste redeten polnisch und betrachteten mich immer, ohne daß ich wußte, was sie wollten. Der Muck war einige Minuten hinausgegangen; als er wieder kam, sagte er mir, die Leute sprächen davon, daß wir Deserteurs seien--er hob den Zeigefinger drohend in die Höhe, spielte mit der Hand am Hahne seiner Flinte, ich griff auch darnach und zog denselben auf, die Bauern erschraken und verstummten, ließen uns ungehindert abziehen, wir vergaßen unsere geschwollenen Füße und liefen wie die Rehe dem Walde zu!
Unter Noth und Entbehrungen aller Art kamen wir endlich nicht nach Wien, denn dahin war der Weg viel zu gefährlich, aber doch nach Prag.
Auf dem letzten Dorfe verkauften wir unsere Flinten, bürsteten vor den Thoren unsere Schuhe, geberdeten uns, als ob wir Spaziergänger aus der Stadt seien und kamen unangefochten hinein.
Als wir am andern Tage dem Aufziehen der Hauptwache zuschauen, kommt ein Heidelberger auf den Muck zu, ein alter Bekannter, wir gehen zu einem Marketender und erfahren, es sei rein unmöglich über die Grenze zu kommen. Muck läßt sich unter fremdem Namen sofort anwerben, ich thue es nicht, denn die Marie und der Wienerbäcker steckten mir so im Kopfe, daß ich sie selbst im ärgsten Rausche nicht vergaß.
Am andern Morgen treffe ich den Gefreiten eines Regimentes, welches mir gefiel. Mucks Regiment hieß: Reuß-Kreuz und trug kapuzinerbraune Aufschläge, das des Gefreiten hieß Collovrath und trug rosenrothe.
Er sagte mir, mein Kamerad werde es nicht gut bekommen, denn das Regiment bleibe in der Stadt, der Dienst in großen Städten sei sehr anstrengend, dagegen kämen die Rosenrothen nach der Musterung wieder hinaus auf kleine Stationskommandos, wo leichter Dienst und gutes Leben zu finden seien. Hier müsse fast Jeder Ordonnanz sein, der aus der Kaserne komme.
Der Gefreite war auch aus dem Reich, erst einen Monat in Prag und verheirathet. Er trieb nebenbei die Barbirerei und versprach, mir das Rasiren zu lehren; Seine Frau führte eine Marketenderwirthschaft in der Kaserne und wir wurden bald einig, daß ich bei ihm wohnen sollte, wenn ich Soldat würde. Mittags behielt er mich beim Essen; Alles sprach mir zu, bei den Rosenrothen Soldat zu werden, am andern Tage meldete ich mich bei dem Bataillonschef des Gefreiten, um mich als Freiwilliger unterhalten zu lassen, nahm eine Capitulation auf 6 Jahre und bekam 24 Kaisergulden Handgeld.
Die Rosenrothen gefielen mir weit besser, als das Regiment zu Jägerndorf, doch dachte ich schon beim Hinzahlen des Handgeldes. "Es müßte wunderlich zugehen, wenn der Paule 6 Jahre hier bliebe!" ... Ich wurde eingekleidet, zog in die prächtige Kaserne zum Gefreiten, dieser hielt redlich Wort und begann sogleich den Unterricht im Rasiren. Abends nach dem Verlesen gehe ich in die Kaserne der Reuß-Kreuzer, um endlich den Muck aufzusuchen, aber die Soldaten lachten und erzählten, er sei nebst dem andern Heidelberger mit dem Handgelde davon gelaufen, bevor er eingekleidet gewesen und jetzt vielleicht schon daheim.
Ich glaubte anfangs, man wolle mich utzen, doch wars wirklich also und ich sagte zu mir selbst. "Paule, jetzt werden die Civilkleider auch nicht verkauft, du wirst sie bald wieder brauchen!"
In den ersten Tagen hatte ich im "Wolf" geschlafen, dahin kam ich manchmal noch, brachte meine Civilkleider und gab dieselben der Kellnerin in Verwahrung. Diese Kellnerin hieß Margareth, war eine dicke starke Tirolerin, eine nahe Verwandte der Wirthin und gab mir von Anfang an immer mehr Geld heraus, als ich ihr gegeben. Einige Tage konnte ich nicht in den Wolf und als ich wieder kam, that die Wirthin sehr freundlich, ermahnte mich, doch mehr zu kommen, die Margareth habe lange nach mir verlangt, denn ich sei ein "lustiger Bub" und könne sehr gut tanzen.
Die Margareth brachte mir Braten, sagte, ich soll es nicht verübeln, daß sie mich immer "Du" nenne, das sei eben Brauch daheim in Tirol und lud mich auf den nächsten Sonntag zum Tanz ein, der das übliche Maienfest verherrlichen sollte.
Am Sonntag gings lustig zu im Wolf; ich erhielt Alles, was ich wollte, sogar das Geld für die Musikanten, doch konnte ich nicht von Herzen fröhlich sein, denn ich dachte nicht an den Muck, wie Margareth meinte, wohl aber an Wien, wo die Marie aus dem Mohren bei ihrem Bruder vielleicht schon auf mich wartete. Nach und nach wurde ich lustiger und beim Zapfenstreich ging ich mit der Frau des Gefreiten in die Kaserne.
Jeden Abend nahm ich den Feldwebel der Compagnie mit in den Wolf, hielt ihn zechfrei und das gefiel ihm gar wohl. Er war ein Stockböhme, verstand jedoch ordentlich deutsch und ich hatte bei meiner Freigebigkeit meine besonderen Absichten.