Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling Erster Theil

Chapter 11

Chapter 113,420 wordsPublic domain

Ihre Habsucht erzeugte täglich Veranlassung zu schweren Sünden Anderer und ihr Geiz trug als Frucht Verschwendung. Alle Dienstboten hielten gegen die Herrin zusammen und betrogen sie gleichmäßig. Hannesle, so klein er war, sah Manches und plauderte, wurde von der Pflegemutter deßhalb nicht besser behandelt, dagegen von den Verrathenen desto schlimmer. Mancher Dienstbote suchte ihn zu gewinnen und gescheidt zu machen, der Bube sah Vieles, freute sich darob, schwieg und befand sich nicht übel dabei. Was Pfarrer und Lehrer und Elsbeth selbst predigten, fand in der Sonne bei den Erwachsenen keine Geltung, weßhalb sollte ein geplagter, oft genug hungernder Bube es befolgen? Er begann auf eigene Faust zu stehlen, schritt von einem Stücklein Zucker allgemach zu einem ganzen heimlichen Magazin von Eßwaaren fort und stibitzte bei guter Gelegenheit zuerst Kreuzer, Sechser, Sechsbätzner und nachdem er einmal mit kühnem Griffe einen Brabanter genommen und nach achttägiger Angst unentdeckt geblieben war, lernte er allmälig stehlen, ohne daß ihm die Finger zitterten und das Herz pochte. Eine Magd kam hinter sein Waaren- und Geldmagazin, ihre schrecklichen Drohungen machten den Buben zu ihrem Sklaven, er stahl fortan für sie und diese versorgte ihn dagegen mit süßen Herrlichkeiten, welche einem Bettelbuben so vortrefflich schmecken wie dem verzogensten Stadtkinde. Seine Hehlerin gerieth einmal in scharfe Händel mit einer andern Magd und diese wußte im ersten Zorn nichts Besseres zu thun, als der Sonnenwirthin die Augen über die Untreue der Feindin zu öffnen, diese dagegen machte den Pflegsohn zum Sündenbocke und ein mit Zuckerwaaren halb angefüllter alter Trog sammt einem Leinwandsäckchen mit Münzen aller Art gab der erstarrenden Elsbeth Einsicht in die langfingerigen Anlagen des Hannesle, wenn auch keine in die Früchte ihrer Erziehungsweise.

Beide Mägde wurden augenblicklich fortgeschickt; wie es dem Buben erging, läßt sich denken und nur der Umstand, daß sie denselben so grausam schlug, um den Bader herbeirufen und Amtsgeschichten befürchten zu müssen, bewirkte, daß der Hannesle noch länger im Hause bleiben durfte. Elsbethens ärgster Zorn verrauchte, der Bube rutschte vor ihren Füßen herum und winselte erbärmlich, um dableiben zu dürfen und durfte bleiben. Doch weit entfernt, den Fehltritt desselben verständig zu beurtheilen und klug zu verschweigen, erfuhr jeder Gast die Beweise, welche der gottlose Hannesle für den Undank der grundverderbten Welt geliefert, sie selbst führte denselben nach der Genesung in die Schulstube und erzählte den Kindern, was ihr Mitschüler verschuldete und wie sie den Hannesle fortan nur _"Zuckerhannes"_ rief, also riefen ihn fortan auch die Altersgenossen und Erwachsene.

Brigittens Sohn erhielt durch diesen Beinamen die Taufe des Verbrechers und hat denselben niemals wieder verloren.

Der verachtete "Bankert" war ein beargwohnter und gemiedener Spitzbube geworden, die Verachtung Aller vernichtete sein Ehrgefühl, machte ihn boshaft, weil feindselig gegen die Menschen. Er fühlte wohl, seine Strafe sei nicht unverdient, doch im Grunde hatte er blos das Beispiel der Erwachsenen befolgt, diese erndteten weder Verachtung noch Verfolgung, die Unversöhnlichkeit, welche gegen ihn bewiesen wurde, verbitterte sein Gemüth und seine Selbstliebe schmeichelte ihm den vornehmsten Glaubensartikel der Spitzbuben ein, wornach nämlich nicht sowohl das Stehlen, als das Ertapptwerden etwas Schändliches und Strafwürdiges ist.

Den Namen "Zuckerhannes" bekam er im dritten Jahre seines Aufenthaltes in der Sonne und noch mehr als diesen Namen quälte ihn die Furcht, der gute Vicar und die Katzenlene würden Alles erfahren.

Die Sonnenwirthin hegte ernsten Willen, den jungen Dieb zu bessern, wählte jedoch lauter verkehrte Mittel. Das bisherige gute Bett ward ihm genommen und durch einen Spreusack sammt Pferdeteppich ersetzt; er mußte die Nächte in der schlechtesten Bodenkammer des Hinterhauses eingeschlossen zubringen, verschmachtete im hohen Sommer beinahe vor Hitze, in dem langdauernden Winter vor Kälte, Sturm und Regen, Schnee und Eis drangen zu ihm hinein und vom zweiten Hahnenschrei bis spät in die Nacht blieb er keine Stunde unbeschäftigt, unbeobachtet und ungeschoren. Nicht die elende Kost, mit der er fortan vorlieb nehmen mußte, und nicht die Zumuthung, in Stall und Scheune, Feld und Wald die Arbeit eines baumstarken Knechtes zu verrichten, kränkte den armen Buben am meisten, wohl aber, daß er für alles Arbeiten weder Dank noch Ehre einerndtete und daß mit dem Namen "Zuckerhannes" das Mißtrauen gegen seine Ehrlichkeit sich forterbte und in Mienen, Reden und Handlungen der Hausbewohner sich täglich offenbarte.

Knechte und Mägde veruntreuten und stahlen nach wie vor, aber den Zuckerhannes machten sie nicht mehr zu ihren Vertrauten. Dieser sah fortwährend veruntreuen und stehlen, gönnte der unversöhnlichen Pflegemutter jeden Schaden und schwieg deßhalb auch, er selbst hat in der Sonne zahllose Versuchungen mannhaft überwunden und zwar aus Furcht, denn er wußte, daß Elsbeth aus Drohungen sehr bald Ernst mache und diese hatte ihm gedroht, ihn den Gerichten augenblicklich zu überliefern und jahrelang bei Wasser und Brod einsperren zu lassen, wenn er nur noch Eines Kreuzers Werth veruntreue oder entwende.

Der einzige Vortheil, welcher dem Zuckerhannes nach seiner Ansicht aus der schlimmen Geschichte erwuchs, bestand darin, daß er seines Amtes als Vorbeter und Kirchenbegleiter enthoben wurde.

"Das Gebet eines Spitzbuben hat keine Kraft; mit einem Bankert konnte ich zur Nothdurft aus christlicher Barmherzigkeit zur Kirche gehen, dagegen soll ein Galgenvogel niemals neben mir wandeln!" sagte die rauhe, mannhafte Elsbeth und dabei blieb es, denn ein Wortbruch in schlimmen Dingen war bei ihr eine Seltenheit. Zwei schwere Jahre voll Arbeit, Entbehrungen und Leiden verflossen wiederum, der Zuckerhannes wurde der Schule entlassen und betrachtete den Tag der Entlassung als den größten Glückstag, welcher seit langer Zeit ihm zu Theil geworden. Seine Freude am Lernen war niemals groß gewesen, er blieb stets hinter seinen Mitschülern zurück, zumal er daheim keine Zeit zum Lernen und keinen Sporn dazu erhielt; in den letzten Jahren lag die Mißachtung des geistlichen und weltlichen Lehrers und die der Schüler dazu immer drückender auf seinem Herzen und an den Stunden, welche er in Schule und Kirche zubringen mußte, war ihm das Ende das Allerliebste.

Vom Beichten hielt er bereits wenig und schon der erste Gang zum Tische des Herrn galt ihm eben als herkömmlicher, wunderlicher Brauch. Mit Zeitungen, Büchern und gelehrten Leuten ist der Zuckerhannes während seines ganzes Lebens blutwenig zusammengekommen, dagegen hat er Leute genug gesehen, welche trotz Beichte und Abendmahl stets die Alten blieben und wiederum Andere, welche ohne diese Heilsmittel nicht schlimmer als Andere zu sein schienen.

War sein Schulsack klein, so wurde doch der Kropf groß, den er in die Jünglingsjahre hinübertrug und später nicht mehr wegbrachte. Derselbe entstellte seine nicht unansehnliche Gestalt und war die Ursache einer schweren Fehde mit der Pflegemutter. Der dicke Hals eines Bankerts war für sie kein Anlaß zum Geldausgeben, der Kropf eines Spitzbuben ein sichtbares Zeichen der göttlichen Strafgerichte und ein heilsames Werkzeug der Buße und Besserung. Der Hannesle bekam keinen Heller Geld in die Hände und bat und flehte vergeblich um einige Kreuzer, mit welchen die lästige Halszierde hinwegbeschworen werden konnte. Elsbeth schwur, entweder einen kropfigen oder gar keinen Zuckerhannes vor ihren Augen sehen zu wollen, gab bei heiterer Laune gute Versprechungen und wiederholte in anderer ihre Drohung, die Hausbewohner und manche Gäste hatten ihre helle Freude daran und eine so geringfügige und abgeschmackte Geschichte die eines Kropfes sein mag, so hat dieselbe unserm Helden doch manche heimliche Thräne gekostet und seinen Haß gegen Gott und Welt schüren helfen.

Elsbeth haßte den Pflegsohn, weil er ihrer Erziehung vielfache Schande eintrug, doch ihre Habsucht flüsterte ihr ein, es lasse sich ein rühriger und geschickter Knecht aus ihm großziehen, der die Sonne nicht wohl verlassen und noch weniger ordentlichen Lohn fordern könne. Bisher hatte derselbe ihren Haß nicht durch besondere Unfolgsamkeit geschürt, deßhalb behielt die Habsucht Oberhand, obwohl das Maulen und Trotzen dem einst so schüchternen, demüthigen Buben von Tag zu Tag allgemach doch geläufiger wurde.

Nach seiner Entlassung aus der Schule stimmte er merklich einen andern und höhern Ton gegen die Sonnenwirthin an und redete ziemlich laut davon, er habe bisher just wenig Gutes hier genossen, jeder Arbeiter sei seines Lohnes werth und am Ende ließe sich auch ein anderer Ort als dieses Wirthshaus für ihn finden.

Knechte und Mägde gaben ihm Recht und hetzten aus verschiedenen Beweggründen, Elsbeth ließ ein halbes Dutzend Todsünden gegen den "undankbaren, gottverlassenen Galgenstrick" immer heftiger Sturm laufen, der Angegriffene setzte ähnliche Mannschaft entgegen, es entspann sich manches wüste, hitzige Gefecht und zuletzt wurde die Katzenlene ohne Wissen und Willen der Anlaß, dem Faße der Trübsalen des Zuckerhannes den Boden auszustoßen.

Seitdem nämlich unser Held kein gezwungener Vorbeter und Kirchengänger und ein Sonntagsschüler geworden war, emanzipirte er sich allmählig vom Beten und Kirchengehen überhaupt und schlenderte an schönen Sonntagen im herrlichen Tempel der Natur herum, übrigens ohne mit Gedanken über Gott und göttliche Dinge sich sonderlich zu befassen.

Weil er gerne allein war und keinen guten Kameraden brauchte, der während des Gottesdienstes mit ihm im Gebüsche längs den Ufern des Gießbaches oder im Walde schlief und sich herumtrieb, kam ihm solcher Naturdienst recht angenehm vor, doch im Schwarzwalde dauerte die milde Jahreszeit nicht allzulange und die Freude manches Sommertages wird durch einen wolkenreichen Himmel getrübt. In die Kirche zu gehen, scheute sich der Zuckerhannes immer mehr, vom Bären hielt ihn Menschenscheu und Geldmangel ab, in ein anderes Haus getraute er sich nicht wohl, als in das der Katzenlene und seitdem ein arger Platzregen ihn wiederum einmal dahin getrieben und der Besuch ihn überzeugt hatte, daß die Alte zwar seine böse Geschichte kenne, ihn jedoch keineswegs verachte und geringschätze, saß er manches Stündlein bei ihr.

Am Morgen durfte er jedoch nicht kommen, weil das Schwänzen des Hochamtes bei gesundem Leibe in ihren Augen ein unverzeihliches Verbrechen war, doch Mittags während der Vesper übte sie Nachsicht, nachdem sie sich einreden lassen, der Besucher vermöge es nicht, mitten unter den Thalbewohnern, unter lauter Verächtern und Feinden das Herz zu Gott zu erheben.

Der alten Großmutter erzählte der Zuckerhannes gar Mancherlei von seinem Leben und Leiden, verschwieg Alles, was ihn selbst herabzusetzen vermochte, aber sie merkte sehr wohl, woran es ihm fehlte, wollte Alles thun, um den auf gefährlichen Pfaden Wandelnden zu Gott zurückzuführen und als kluge Frau nicht mit der Thüre ins Haus fallen, sondern vor Allem das Herz des Sünders für sich gewinnen.

Kam er auf die Sonnenwirthin zu sprechen, so redete heißer Haß aus ihm und weil der Haß keineswegs ein grundloser war, mußte die Katzenlene um ihres Zweckes willen ruhig zuhören und dem Ankläger in Manchem um der Wahrheit willen Recht geben. Gar Vieles empörte die alte Christin und so ließ dieselbe einmal das Wort fallen: "die Elsbeth müsse ein wahrer Drache sein, der die Seelen verderbe!" Diesen Ausspruch vergaß der Zuckerhannes nicht wieder, überbrachte denselben den Hausgenossen und als er unter der Woche wegen eines nachläßig geschmierten Wagenrades mit der Pflegmutter in schwere Händel gerieth, so schrie er im Zorne aus:

"Tobt nur wie der lebendige Teufel! Als ein Drache und eine Seelenverderberin seid Ihr ja genugsam bekannt, die Katzenlene hat es erst am Sonntage noch gesagt!"

Diese Worte versetzten die Elsbeth in besinnungslose Wuth, sie ergriff eine eiserne Stange, welche gerade vor ihr lag und schlug den davonspringenden Burschen mit solcher Wucht auf das Bein, daß derselbe stürzte und von den herbeieilenden Knechten in die Kammer getragen werden mußte.

Die Verletzung mag nicht sehr bedeutend gewesen sein, aber das beharrliche unversöhnliche Schweigen des Verletzten machte ihr Angst und sie fürchtete amtliche Untersuchung, obwohl keine Zeugen in der Nähe gewesen, ihr Geiz redete auch ein Wörtlein und ein versoffener Bader, welcher versprach, den Fuß binnen 8 Tagen schöner herzustellen, als die Natur denselben geschaffen, machte den kropfigen Zuckerhannes binnen 8 Wochen zu einem lebenslänglichen Hinkebein.

Gerade noch rechtzeitig schwur der Gequälte, seinen Mund zu halten, wenn ein ordentlicher Arzt gerufen würde, ein solcher erschien und durfte von Glück reden, weil der Fuß nicht vom Leibe getrennt werden mußte.

So gütig, milde und freigebig war die Sonnenwirthin niemals gewesen, wie jetzt, als sie den Bankert und Spitzbuben doch Etwas zu fürchten hatte, sie versprach demselben goldene Berge---eines schönen Morgens fand man das Bett desselben leer, der Vogel war ausgeflogen und das Wohin konnte Niemand sagen.

In den ersten Tagen war es Elsbethen nicht recht geheuer, sie entfärbte sich Etwas, so oft der Gerichtsbote in den Bereich ihrer Augen kam, doch dieser brachte ihr niemals eine Vorladung, sie fing an, sich lauter und heftiger über den entlaufenen Galgenstrick auszutoben und ohne ihre Predigten würden wohl Wenige denselben vermißt haben.

Der Zuckerhannes aber saß droben im Hegau, lebte in der Nähe eines Amtsstädtleins in einem stattlichen Bauernhofe, dem Mooshofe, glücklicher als er jemals im Schwarzwalde drunten gewesen und in die Hoffnungen einer freudenvollen Zukunft warf nur zuweilen Ein Gedanke Schatten, nämlich der Gedanke an seine Papiere.

Der Moosbauer war ein guter, verständiger Mann und hatte den hergelaufenen Zuckerhannes probweise unter der Bedingung als Roßbube eingestellt, daß er sich über seine Person gehörig ausweise. Der übelaussehende, menschenscheue und wortarme Bursche, der zudem noch ein hinkendes Bein hatte, wollte ihm nicht recht gefallen, aber die Bäurin redete für den Weinenden ein gewichtiges Wörtlein und weil der Bauer als tüchtiger Landwirth bald sah, daß er keineswegs einen Faullenzer oder im Bauernwesen unerfahrenen Menschen aufgenommen und derselbe in den ersten Wochen nicht das Mindeste von einem Säufer, Spieler, Mädchenjäger oder Raufer an sich merken ließ, so schenkte er den Reden des Zuckerhannes bald vollen Glauben und versprach, ihn so lange zu behalten, als er da bleiben und keine schlechten Streiche machen wolle. Unser Held fühlte sich wie neugeboren, denn sein Arbeiten und Benehmen fand Anerkennung, Meister und Meisterin, Knechte und Mägde kamen ihm freundlich und wohlwollend entgegen und den argen Zwiespalt zwischen Dienstgeber und Dienenden, welchen er in der Sonne von Kindesbeinen an erlebt, fand er im Mooshofe nicht.

Die Leute mußten tüchtig arbeiten, dafür erhielten sie gute Pflege, hohen Lohn und menschliche Behandlung und waren stolz darauf, dem reichen, angesehenen Moosbauern dienen zu dürfen.

An einem Montag erhielt der Moosbauer genügende und überflüßige Aufschlüsse über den neu eingestellten Schwarzwälder. Das Zeugniß des Vogtes war kurz und gut, dagegen hatte das 265pfündige Dekanat ein großes, bogenlanges Sündenregister gesandt, welches am Zuckerhannes kein gutes Haar übrig ließ und vorzüglich deßhalb seine Wirkung nicht vollständig hatte, weil das Uebertriebene gar zu sehr hervorleuchtete.

Der Moosbauer schüttelte den Kopf, nahm nach der Heimkunft den Roßbuben ins Hinterstübchen und ließ sich von demselben seinen ganzen Lebenslauf erzählen, ohne eine Silbe von den angekommenen Schriften laut werden zu lassen. Der Zuckerhannes hatte in der Sonne in der Kunst des Lügens nicht unerhebliche Fertigkeit erlangt, doch diesmal merkte er Etwas, log nicht, sondern erzählte binnen einer peinlichen Stunde Alles, was sein Herkommen und seine Schicksale betraf, der Wahrheit gemäß.

"Es ist dein Glück, weil Du nicht logst, denn ich weiß Alles und würde einen Lügner auf der Stelle fortgejagt haben. Jetzt bleibe Du nur da, sei fleißig und brav, dann wird Alles gut gehen!"

Mit diesen Worten entließ der Moosbauer den Zuckerhannes und sie klangen in ihm fort wie himmlische Musik. Gegen die Knechte und Mägde wollte der Meister Stillschweigen über alles Nachtheilige beobachten, was er von jenem gelesen und gehört hatte, dagegen mußte die Bäurin Alles wissen, um sich darnach zu richten.

Diese war ein gutes Weib und versprach Stillschweigen, aber am Dienstag Mittag wußten sämmtliche Hofbewohner, daß ein Bankert, Spitzbube, undankbarer, gottvergessener und entlaufener Kerl, kurz der "Zuckerhannes" mit ihnen aus Einer Schüssel esse und der Oberknecht, der Bläsi, der seines Zeichens auswendig ein beurlaubter Dragoner und inwendig ein etwas stolzer und hochfahrender Bursche war, munkelte davon, der neue Gast gehöre von Gott und Rechtswegen ins Zuchthaus statt in den Mooshof und es sei merkwürdig, daß heutzutage ein ehrlicher Meisterknecht nicht mehr gelten solle, denn ein hergelaufener Galgenvogel, in dessen Nähe man alle Schlüssel abziehen, unter Tag im Sack herumschleifen und Nachts unter das Kopfkissen legen müsse. Der Moosbauer hat dem Dragoner den Mund verstopft, doch über Gesichter und Gebärden desselben vermochte er so wenig zu befehlen, als über die der übrigen Knechte und Mägde.

Dienstag Nachts hat der arme Zuckerhannes schon gewußt, daß Achtung, Zutrauen und Liebe der meisten Hausbewohner für ihn auch hier ein Ende hätten und altes Elend in anderer Weise beginne. Am Mittwoch Morgen erzählte die Hausmagd der Bäurin, das Kopfkissen des Roßbuben sei ganz naß gewesen, derselbe müsse heute Nacht wenig geschlafen und viel geweint haben.

Eine Andere versicherte, derselbe sehe übernächtig drein, habe diesen Morgen nicht laut mitgebetet, gezittert, als er den schwarzen, blechernen Löffel, den sonst Niemand brauche, welchen ihm der Bläsi zuschob, in die Hände genommen und kaum einen rechten "Schub" Suppe gegessen.

Am Sonntag Abend wußte der Held unserer Geschichte, sein Herkommen und seine begangenen Sünden sammt vielen unbegangenen seien im Dorfe drüben und sogar im Amtsstädtchen in mehr als Einem Munde, schwor, niemals Kameraden zu suchen und ohne besondere Geschäfte kein Wirthshaus zu betreten und hat den Schwur bis tief in den Winter hinein gehalten. Still, verschlossen und menschenscheu lebte er im Mooshofe und erfüllte seine Pflichten mehr als getreu, indem er die Stallbewohner beinahe zu seinen ausschließlichen Gesellschaftern machte.

An einem Sonntage saß er vor dem Stalle auf der Hundshütte, ließ eine silberne Sackuhr im Licht der Wintersonne spielen, der Bläsi sah dies aus der Ferne und lächelte höhnisch, am andern Tage aber holte ein Gensdarme den Zuckerhannes aus dem Mooshofe und führte ihn in das Amtsgefängniß.

#IM THURM.#

Es bleibt eine Thatsache, über deren Richtigkeit schon das Studium der Schriften der ausgezeichneten Gefängnißkundigen genügend belehrt, daß in Deutschland Preußen und Baden das Meiste gethan haben und noch thun, um das Gefängnißwesen in musterhaften Stand zu setzen.

Preußens Gefängnisse kennen wir nur durch Schriften, Unterredungen mit einzelnen Gefängnißbeamten und ehemaligen Gefangenen, die badischen dagegen vielfach aus eigener Anschauung und Erfahrung.

So vortrefflich in neuer und neuester Zeit die Zuchthäuser, Arbeitshäuser, Kreisgefängnisse eingerichtet und verwaltet werden, so sehr man sich bemüht, auch die Untersuchungsgefängnisse in guten Stand zu setzen, so bleibt doch in Beziehung auf letztere noch Manches zu thun übrig.

Wir kennen trefflich eingerichtete Untersuchungsgefängnisse, welche nur noch an Einem großen Mangel leiden, nämlich daß sie _durch das Beisammenleben der Gefangenen Vorschulen aller Verkehrtheit und Laster werden_; wir kennen aber auch Arrestlocale, deren Beschaffenheit und Einrichtung wohl bis zur Stunde aller Gesundheitspolizei und Humanität schneidenden Hohn sprechen.

Von Oben herab geschieht freilich alles Mögliche, damit Untersuchungsgefangene oder polizeilich Verurtheilte nicht an Leib und Seele Schaden leiden, allein mancher Phisikus ist dick und bequem dazu, mancher Beamte hat viel zu viel mit der Unschuld zu schaffen, um sich sonderlich um etwas anderes denn um Verurtheilung der Schuld zu bekümmern, mancher Kerkermeister ist ein kleiner Absolutist, der hinter dem unnahbaren Schild des Gesetzes und der Verordnungen seinen Eigennutz und seine Launen versteckt und in mancher kleineren Gemeinde sind gewiß keine drei Personen, die sich Etwas von der Wichtigkeit des Gefängnißwesens träumen lassen, weit eher dreißig gedankenlose, kurzsichtige Schwätzer, welche sich über kostspielig scheinende Verbesserungen der Gefängnisse aufhalten und lieber großen Schaden mitbezahlen, als kleinere verhüten helfen würden.

Freilich gibt es unter dem Monde nichts ganz Vollkommenes; wie in allen Dingen lassen sich auch im Gefängnißwesen manche Mißstände nur langsam, schwer oder auch gar nicht beseitigen oder Verbesserungen ziehen neue Mißstände nach sich, so daß die Menschen am Ende ein großes Übel weniger auszumärzen, als durch ein kleineres zu ersetzen vermögen.

Was Friedrich II. in der bekannten Audienz zu einem deutschen Gelehrten sagte: "Die Menschen seien eine ganz verfluchte Race" werden die Regierenden zu allen Zeiten an einzelnen Werkzeugen und vielen Unterthanen bestätigt finden, welche ihre wohlwollenden Absichten Absichten sein lassen oder gar vereiteln.

Die Hauptsache bleibt, daß nach dem Vorbilde der preußischen die badische Regierung fortwährend redlich und ernstlich nach musterhafter Einrichtung und Verwaltung aller Zweige des Gefängnißwesens strebt und hierin wohl mehr bereits geleistet hat, als einige größere Staaten zusammengenommen--mit diesem tröstlichen, versöhnlichen Gedanken wollen wir in eine _Ausnahme_ von der Regel, nämlich in ein _schlechtes_ Amtsgefängniß treten und in einer Spelunke desselben den Zuckerhannes aufsuchen.

Man stelle sich ein nicht gar geräumiges Gemach oder vielmehr Kellergewölbe vor, das durch ein kleines, hoch oben angebrachtes Fenster Licht und Luft erhalten soll. Ein außerhalb des Fensters angebrachter Verschlag, dessen Zweck sich schwer absehen läßt, hindert jedoch das Einströmen frischer Luft und ließe bei Tag von der Erde das Dach einer nahen Scheune, vom Himmel einiges Blau und in der Nacht einige Sterne deutlich sehen, wenn die Scheiben nicht durch den Qualm und Staub vieler Jahre zu einer Satire auf die Erfindung des Glases geworden wären. Ein enggeflochtenes Drahtgitter am Fenster und sechs lange, mächtige Eisenstäbe spotten jedes Versuches, zum Fenster emporzuklettern, um etwa Vorüberwandelnde zu sehen und zu sprechen. An sonnenhellen Tagen stiehlt sich um Mittag zuweilen ein barmherziger Sonnenstrahl matt und vielfach gebrochen durch die Gitter herein und macht alte Jahreszahlen und verschollene Namen ehemaliger Bewohner dieser Höhle denjenigen bekannt, die kein Vergnügen an rohen Versen und schmutzigen Zeichnungen finden, welche auf die altersgrauen, von Feuchtigkeit marmorirten Wände hingeklekst wurden.