Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling Erster Theil
Chapter 1
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Zuchthausgeschichten
von
einem ehemaligen Züchtling
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Mit einem Vorwort
von
#DR. ALBAN STOLZ#
Professor an der Universität zu Freiburg.
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#ERSTER THEIL#
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Münster, 1853.
#VORWORT#
Ich bin gebeten worden, dem Verfasser dieser Zuchthausgeschichten einen Verleger zu verschaffen; der Verleger wünschte dazu ein Vorwort von mir. Ich gebe es gern; ich hoffe dadurch nicht nur dem jungen Manne, den Gott durch Verirrung und Unglück hindurch zum wahren Glück, zum überzeugungsfesten Christenthum geführt hat, nützlich zu sein, sondern auch den Lesern, welche etwa durch meinen bekanntern Namen veranlaßt werden dieses Buch zur Hand zu nehmen.
Man hat viel Geschrei gemacht mit den Schwarzwälder Geschichten von Auerbach. Es wäre nicht nothwendig gewesen. Auerbach ist kein Schwarzwälder, er ist ein Jude. Ein Jude wird nämlich niemals ein Schwarzwälder, selbst wenn seine Vorfahren gleich nach der Zerstörung Jerusalems an den Feldberg oder nach Todtnau gezogen und sich niedergelassen hätten. Eben deßhalb mag Auerbach immerhin äußere Vorkommnisse auf dem Schwarzwald beschreiben; wenn er aber von dem Denken und Fühlen des Schwarzwälders reden will, so muß er dieses aus seiner Phantasie nehmen, welche aber keine Schwarzwälder Natur, sondern die eines jüdischen Literaten hat. Man hat, so will es mir scheinen, Auerbach besonders da viel gepriesen und gelesen, wo man blos unterhaltende Lektüre wollte und das tägliche Futter, die Romanenliebeleien im Schwarzwälder Bauernrock neu und pikant fand; auch mag mancher Posaunenbläser des Literaturmarktes den Meister Auerbach deßhalb gepriesen haben, weil er das Verdienst hat kein Christ zu sein.
Die Zuchthausgeschichten, welche hier vorliegen, halte ich für besser als Auerbachs Dorfgeschichten. Der Stoff ist wahr, und die kräftige Durchführung kommt aus einem Schwarzwälder Naturell und aus einer Seele, die selbst Schweres durchgemacht hat; es ist aber überhaupt eine viel interessantere und nützlichere Lektüre für einen geistiggesunden Menschen die Darstellung, wie Gottes Wege und die Wege des Menschen, wie große Sünde und großes Unglück in einandergreifen, als was ein Literat lustig zusammenphantasirt hat. Ich hoffe, daß die Leser sich nicht stoßen werden an manchen Derbheiten; der Verfasser konnte nicht Alle umgehen, wenn er lebensgetreu schildern sollte; und es scheint mir eigentlich nur eine sittliche Kränklichkeit, wenn man alsbald Aergerniß nehmen zu müssen glaubt, wo Wort und That des rohern verkommnern Menschen unverhüllt mitgetheilt werden.
Nicht minder beachtenswerth ist diese Schrift aber auch bezüglich des stets noch unentschiedenen Streites, ob Zellengefängniß oder gemeinsame Haft in Zuchthäusern den Vorzug verdienen. In dieser Frage wird es wohl keinen competentern Schiedsrichter geben, als den, der nicht aus Büchern und kopfloser Sentimentalität spricht, sondern selbst die Sache durchgelebt hat, wie der Verfasser dieser Zuchthausgeschichten. Ich habe außer dem, was mein Klient aus eigener Erfahrung darthut, auch noch ein anderes Tagbuch eines gebildeten Zellengefangenen gelesen, der seine nach der Entlassung erprobte Bekehrung gleichfalls der Einzelhaft zuschreibt. Nun reducirt sich zuletzt der Streit darauf: Die Einzelhaft ist drückender und führt zuweilen selbst zur Verrücktheit; hingegen kann bei der Einzelhaft viel regelmäßiger auf Bekehrung gerechnet werden, als bei gemeinsamer Haft, ja diese ist in der Regel der Anlaß zu gründlicherer sittlicher Verwüstung, so daß wer mit _einem_ Teufel ins Zuchthaus kömmt, oft mit sieben hinausgeht. Ein Christ, der dieses weiß, kann nicht in Zweifel sein, was vorzuziehen ist. Wenn man die Eierschalen gelehrter Bücher abgestreift hat und auf eigenen Füßen geht, so wird man letztlich nicht dafür halten, daß um eine mögliche Geistesstörung zu vermeiden lieber der Verbrecher im Morast schlechter Kameradschaft belassen werden müsse. Alle Formen des Wahnsinns sind Krankheiten der Grenzorgane zwischen Geist und Leib; sie binden allerdings den Geist und suspendiren denselben in seiner bestimmungsgemäßen Entwicklung, wie solches auch im Schlaf oder schlimmer in der Betrunkenheit geschieht. Der Wahnsinn ist daher nur ein langer Traum, eine moralische Pause, daher ein unendlich geringeres Unglück, christlich aufgefaßt, als ein bewußtes Leben in der Sünde. Hingegen ist die einzige Krankheit des Geistes selbst Irrthum und Sünde; Erlösung davon kommt oft vor in der Einzelhaft, in der gemeinsamen hingegen häufiger Verschlimmerung. Wer deßhalb, weil in seltenen Fällen Wahnsinn in der Zelle ausbricht, der verderblichen Verbrecher-Kameradschaft den Vorzug gibt, der zeichnet sich selbst damit: er ist ein Mensch, welchem zugestanden oder unbewußt das sinnliche weltliche Wohlsein mehr gilt, als die höchste Bestimmung des Menschen.
Ich wünschte, daß diese Schrift in Norddeutschland erscheine; die darin erzählten Vorkommnisse und Schilderungen sind dort mehrfach neu und fremd, während sie uns etwas Bekannteres sind. Hoffentlich wird man in Westphalen für solche wahre Geschichten aus einem fern gelegenen und doch verwandten Volksstamme wenigstens so viel Interesse haben, als für die %mysteres de Paris% und andere aus fremden Sprachen übersetzte Verbrecherromane, wie sie sonst der teutsche Michel liebt.
_Freiburg_ am Tag des h. Mansuetus 1853.
#ALBAN STOLZ.#
#MEINE VORGESCHICHTE#
Wenn ein ehemaliger Züchtling sich unterfängt, als Schriftsteller, und zudem als katholischer, auftreten zu wollen, so möchte es am Platze sein, daß er zunächst ein Wörtlein über seine Person fallen läßt.
Zwar hat ein hochgeachteter und berühmter katholischer Schriftsteller sich meiner angenommen, mir eine Vorrede geschrieben und mir einen Verleger für die Zuchthausgeschichten verschafft, und in dieser Thatsache möchte für die Schrift und wohl auch für meine Person genügende Empfehlung lieden [liegen]; aber ein Zuchthaus ist kein Haus der Ehren, sondern ger [der] Sünde und Schmach, und ein ehemaliger Zuchthäusler, welcher die Religion und Kirche vertheidigen und verherrlichen helfen möchte, kommt namentlich heutzutage gar leicht in Gefahr, mißtrauisch angesehen und schief beurtheilt zu werden und durch öffentliches Auftreten einer großen heiligen Sache eher zu schaden als zu nützen.
Ich rede ungern von meiner Person, könnte sogar in den Verdacht gerathen, als ob ich meine zuchthäuslerische Wenigkeit sonderlich rechtfertigen, empfehlen und verherrlichen wolle; allein die Ehre der katholischen Kirche, der Inhalt dieser Schrift und wohl auch die gegenwärtigen Zeitumstände scheinen es mir anzubefehlen, zunächst Einiges über mich und noch mehr über den Standpunkt, welchen ich im Allgemeinen und in dieser Schrift insbesondere einnehme, verlauten zu lassen.
Meine eigene Geschichte ist eine Zuchthausgeschichte, deßhalb mag Einiges aus meinem äußern Leben und meiner innern Entwicklung die Vorgeschichte dieser Geschichten bilden.
Aus meinem wechselreichen und oft wildbewegten Jugendleben hebe ich nur hervor, daß ich zahlreiche Beweise und deßhalb auch Grund besitze, mit Freude und Stolz auf dasselbe zurückzublicken, insofern sich der Mensch über seine äußere ehrenhafte Haltung und redliches Streben nach Kenntnissen freuen und darauf auch als Christenmensch noch stolz sein darf.
Im Jahre 1837 begann ich meine Studien, der Herbst 1843 fand mich bereits als Schüler der katholischen Hochschule Freiburg, welcher ich außer vielem Andern auch die Wohlthat eines Stipendiums zu verdanken habe; im Frühling 1846 ging ich nach Heidelberg, studirte fast ausschließlich Geschichte und Philosophie, machte und bestand im Spätjahre 1847 eine Staatsprüfung als Fachlehrer der Geschichte und Philosophie gemäß den badischen Verordnungen vom Jahre 1836, erhielt zugleich das Versprechen gelegentlicher Verwendung als Sprachlehrer in den niedern Klassen einer Gelehrtenschule und zog nach Freiburg zurück, zunächst um mich auf ein Doctorexamen vorzubereiten.
Aeußere Verhältnisse und innere Lebensvorgänge wirkten zusammen, daß ich bereits im Winter 1847/48, wo die Vorboten des nahenden Völkersturmes sich allenthalben und täglich mehr bemerkbar machten, das Revolutionsfieber in allen Gliedern spürte und mich mit der leidigen deutschen Politik befaßte.
Ich träumte dabei fort vom Stillleben eines Büchermenschen und Schulmannes, doch Alles sollte anders kommen, als ich träumte und erwartete.
Gerade am Abend des verhängnißvollen Schalttages im Jahre 1848 hielt ich in einer Versammlung von Studenten, Turnern, Arbeitern und Bürgern einen Vortrag über die möglichen Folgen von Ludwigs Philipps möglichem Tode, sprach mich darin entschieden gegen eine deutsche Republik aus, erklärte eine Republik nach amerikanischem Muster für eine baare Unmöglichkeit in Europa und--keine 14 Tage später war ich erklärter, offenkundiger, glühender Republikaner und an die Stelle meines Götzen Mirabeau, der gewaltige Danton, dieser fruchtlose Atlas der Revolution gesetzt.
Die Pariser Ereignisse brachten die ältesten Diplomaten aus dem Concepte, gereiste und feine Staatsmänner zur Verzweiflung, machten Fürsten und Regierungen wehrlos, ehrliche Conservative vielfach zu aufrichtigen Freunden der bisherigen Bestrebungen der Radikalen, die Radikalen zu weißen Republikanern und rothen Sozialdemokraten, berechnende Kaufleute zu Schwärmern, redliche Handwerker zu Wirthshaushockern und Zeitungslesern, einfache Handwerksbursche zu wüthenden Politikern und so mag man es einem Lehrer ohne Schüler auch verzeihen, wenn er seiner gewonnenen Ueberzeugung folgte, den Zug des Herzens als des Schicksals Stimme betrachtete und von seinen Büchern hinweg mit wilder Thatenlust sich in den ärgsten Strudel der Revolution stürzte.
Der Mensch wird, was man aus ihm macht; aus mir haben weniger Anlagen, als Schicksale und Staatsdressuranstalten einen Revolutionair gemacht, dazu vielleicht auch der Umstand, daß ich niemals zur kraft- und saftlosen Jugend gehörte, welche man "die alte" nennen sollte, weil der Brodkorb, ein Titelchen und eine oder auch mehrere Vertreterinnen des schönen Geschlechts deren einzige Idole zu sein pflegen.
Ich habe im Frühling 1848 so thätigen und lebhaften und wiederum im Sommer 1849 im Herzen so innigen und verzweifelnden Antheil an der Völkerbewegung genommen, als ihn ein der positiven Religion gänzlich entfremdeter, gegen den büreaukratischen Staat und die "moderne" Kirche leidenschaftlich eingenommener Mensch nur zu nehmen vermag; von meinem damaligen Standpunkte aus war diese Theilnahme sittliche That und der Allmächtige weiß, daß ich mit Freuden mein persönliches Wohl und meine Existenz in die Schanzen schlug, weil ich glaubte, Völkerfreiheit und Menschheitsglück seien noch ganz anderer und schwererer Opfer würdig.
Leichtmöglich könnte ich durch Mittheilung meiner zahlreichen Erfahrungen und nicht unwichtigen Erlebnisse in jener vielbewegten Zeit viele Leser nicht nur unterhalten, sondern noch mehr belehren und zeigen, wie Gott die Revolution im Großen und Kleinen richtet; ich bin auch schon mehrfach dazu aufgefordert worden,--aber ich mag nicht in den Schatten eines Verdachtes gerathen, als ob ich bei der gegenwärtig keineswegs unberechtigten, aber immerhin übertriebenen und alle christliche Liebe mit Fäusten schlagenden Parforcejagd auf flüchtige, gefangene, verfolgte und mißtrauisch betrachtete Mitmenschen ins Hörnlein stoßen wolle und zudem müßte ich ein nagelneues Buch schreiben, welches vielleicht manchem Jäger nicht sonderlich gefiele.
Nein, der Schuster bleibe bei seinem Leisten, deßhalb will und kann ich auch nur Einiges, was meine Wenigkeit allein angeht, berühren.
Am 24. Februar 1848 noch ein erträglicher badischer Unterthan, weil ich den Segen kleinerer Staaten für die Menschheitsentwicklung nicht verkannte, wandelte mich die Nachricht der Geburt der französischen Republik schnurstracks in einen Verfechter der Monarchie auf allerbreitester demokratischer Basis um; am 3. März schwärmte ich für ein unter 3 Herrscher getheiltes einiges Deutschland und das Einkammersystem; bis zum 15. erkannte ich den lächerlichen Widerspruch eines unter 3 Herrscher getheilten und trotzdem einig sein sollenden Vaterlandes und wünschte einen Barbarossa, der die Gränzen des Reiches scharf umreite, die Souveränitätsträume aller großen und kleinen Fürsten vernichte und ein scharfes Staatsdieneredict gegen dieselben erlasse. Am 18. März war ich bei der ersten großen Offenburger Volksversammlung und nicht sowohl diese als die Wiener Nachrichten bewirkten, daß ich in der Monarchie überhaupt nur noch die fliegende Brücke sah, welche zur Republik hinüberführte; ein Aufenthalt in Straßburg ließ mich vor lauter Freude über die kleinen, tapfern Französlein ins Röthliche hinüberschillern, jedenfalls hätte Eberhard in Barte nur dann noch ruhig sein Haupt in meinen Schooß legen können, wenn er vorher seiner fürstlichen Stellung entsagt und eine Pension angenommen hätte.
"Zuerst putzen und räuchern wir den germanischen Augiasstall tüchtig aus, dann kommen unsere Brüder, die Franzosen, wir tragen zusammen die Tricolore bis zur Weichsel, errichten die Republik Polen, donnern den Czaren hinter den Ural tief in sein zobelreiches Asien hinein auf Nimmerwiedersehen, dann einstimmiger Beschluß der verbündeten Franzosen, Deutschen und Slaven: die etwa noch übrigen regierenden Häuser der pyrenäischen und italischen Halbinseln haben aufgehört zu regieren!--allgemeine Einladung an John Bull, seinen kostspieligen und ziemlich überflüssigen monarchischen Flitter vollends wegzuwerfen, allgemeiner Gehorsam, lauter Freude und Friede, ein großes Bankett von mindestens 120 Millionen Gedecken zu Ehren des nordamerikanischen Menschenstaates, ewiges Bündniß mit Bruder Jonathan, friedliches Entwickeln innerhalb der europäischen Völkerfamilie, großartige Freischaarenzüge im Interesse der Freiheit, Bildung und des Wohlstandes Aller nach andern Erdtheilen, zunächst Zurückführung der Kinder Israels ins gelobte Land und Wiederaufbau eines neuen Jerusalem!"
Dies war, man mag es glauben oder nicht, das Programm meiner und vieler Andern politischen Gesinnungen und Bestrebungen noch vor dem 1. April 1848.
Vom 18. März an predigte und lebte ich nach dem Thema: "Mißtrauen ist des Bürgers erste Pflicht! %Aux armes, citoyens%!"--erwartete von einem Parlamente voll bedächtiger Professoren, wortklaubender Juristen und schlangenkluger Aristokraten wenig oder nichts mehr für Völkerfreiheit und die Schlag auf Schlag folgenden Ereignisse sorgten dafür, daß mein Fieber fortdauerte.
An Warnungen und Winken wohlmeinender Männer fehlte es nicht, die alltägliche Erfahrung versetzte meinem Idealismus unaufhörlich Ohrfeigen und Fußtritte, ich glaubte zu schieben, sollte geschoben werden, entdeckte es ein bischen zu spät und durch diese Entdeckung an meiner Achillesferse, dem Hochmuth, tief verwundet, zog ich mich zurück, so weit es anging. Hecker reiste nach Konstanz, die Schilderhebung für die Republik war im Werke, ich griff nach Hirschfänger und Flinte und zog zu Fuß über den Schwarzwald an den Bodensee, um mit eigenen Augen und Ohren die Stimmung und Gesinnung des Volkes zu mustern.
Die Reise aus dem betäubenden Volkslärm der Rheinebene über den dünn bevölkerten und stillen Schwarzwald, durch die von ihren politischen Häuptern abgehetzte Baar und den banger Erwartung vollen Hegau that mir wohl, obgleich ein Stockblinder den Ausgang des Heckerschen Unternehmens voraussehen mußte.
Unter allen demokratischen Führern, welche ich auf der Reise und in Konstanz traf, fand ich auch nicht Einen, der sich sonderlich auf das nahe Wiegenfest der Republik freute, doch mit mir glaubten Viele aufrichtig an sofortigen Uebertritt der Soldaten und an gleichzeitige Ereignisse in andern Ländern.
In Konstanz verlebte ich unvergeßliche Tage und schloß mich dann dem allmählig zu Leben kommenden Freischaarenzuge an, lediglich um meine "Ehre" zu retten und noch mehr, um ein Stücklein Geschichte mit eigenen Augen werden, wachsen, blühen und vergehen zu sehen.
Der Freischaarenzug lud mir die traurige Rolle eines politischen Flüchtlings auf den Hals.
Gott meinte es gut mit mir, denn ich besaß keine Anlage für einen eigentlichen Revolutionär, ein leicht erregbares, stürmisches Temperament würde mich bei längerm Verweilen im Strudel der Revolution aufgerieben, weitere politische Thätigkeit leiblich, geistig und sittlich ruinirt haben.
Was der ebenso gelehrte als geistvolle Staudenmaier kurz vor der Revolution über diese schrieb, was die gehaltreichen "historisch-politischen Blätter" und der berühmte Gründer derselben lange vor 1848 von dieser Hydra des Scheines und der Lüge sagten und erstere mit seltener Kühnheit fortwährend sagten, während die Revolution die Völker verblendete und verführte, muß ich als Wahrheit unterschreiben. Sie verfinstert den Kopf, vergiftet das Herz, entmenscht und verteufelt das Gemüth. Ich habe dies an mir selbst erfahren und alle Ursache, dem Allmächtigen zu danken, weil Er auf eine oft wunderbar scheinende Weise mich von Gelegenheiten zu Handlungen fern hielt, zu denen mich mein politischer Fanatismus hätte leicht hinreißen und den nagenden Wurm ewiger Reue in mein Bewußtsein werfen können.
Weniger mein Verdienst als das meines leitenden Schutzgeistes ist es, daß ich jetzt Allen, welche mich im Frühling 1848 sahen, hörten und auf irgend eine Weise kennen lernten, ruhig zurufen darf: "Wißt Ihr auch nur eine einzige unehrenhafte, gemeine und verbrecherische Handlung, welche ich damals zu verhindern vermochte und zuließ oder gar selbst beging? Habt Ihr von mir Eine Rede gehört, in welcher ich etwa nach dem Beispiele früherer und gleichzeitiger Republikaner Mord und Todschlag, Plünderung und Verfolgung Andersgesinnter als Mittel zur Freiheit und zum Volksglücke _empfahl_? Tretet auf, ihr Artikelschmiede, welche ihr jetzt unter dem Schutze großer Armeen und einer wohl dressirten Polizei so gewaltigen Heldenmuth gegen alle mißliebigen, wehrlosen Mitmenschen entwickelt! Versucht es, ob Ihr _meine_ Ehre auch besudeln könnt, es möchte schon der Mühe werth sein, gibt es jetzt doch in mir einen "Ultramontanen" zu verspeisen!"
Je weniger Menschen ich vor der Revolution kennen gelernt hatte, desto mehr lernte ich während derselben kennen. Meine Begeisterung für das "souveräne" Volk und manche Führer desselben wurde namentlich während des Heckerzuges und noch weit mehr während meines Flüchtlingslebens ungemein abgekühlt. Liebe zur Macht ist keine Freiheitsliebe und hinter den wohlklingenden Redensarten, womit dem armen Volke Sand in die Augen gestreut und den Regierenden oft auf eine sehr ungerechte und schädliche Weise das Regieren erschwert und das Gemüth verbittert und verhärtet wird, kann ungemein viel rohe und verfeinerte Selbstsucht stecken.
Im Lande der Alpen impfte mir das Flüchtlingsleben die früher einstudirte und gänzlich vergessene Wahrheit wieder ein, daß Staatsformen an sich keineswegs ein Volk beglücken und möglicherweise in einer Republik große Engherzigkeit, arge Volksunterdrückung und thatsächliche Tyrannei jeder Art, dagegen in einer Monarchie Recht, Freiheit, Wohlstand und Bildung gedeihen können.
Was hilft ein schöner Hafen, wenn nichts Rares drinnen steckt?--
Im August 1848 kehrte ich freiwillig in die Heimath zurück und stellte mich bei den Gerichten derselben Stadt, in der ich meine politischen oder unpolitischen Hörner zuerst abgerannt, nämlich in Freiburg. Ein talentvoller und im traurigen Juristengewerbe wahrscheinlich noch nicht genug verhärteter Untersuchungsrichter schien den ehrlichen Geständnissen hinsichtlich meiner persönlichen Theilnahme an hochverrätherischen Unternehmungen Glauben zu schenken; ich konnte mich auf Thatsachen berufen, die mir zur Ehre gereichten und der Umstand, daß ich kurz vor dem unerwarteten Ausbruch des Struveputsches freiwillig mich gestellt, mochte viel dazu beitragen, daß ich auf die Liste der zu Amnestirenden gesetzt wurde.
Nach kurzer Haft bekam ich Stadtarrest und am 18. Oktober 1848 unter der Bedingung eines gesetzmäßigen Verhaltens gänzliche Amnestie.
Mit der immer verworrener und hoffnungsloser werdenden deutschen Politik mochte ich mir keine Mühe mehr geben, ein Doktorhut war mir gleichgültiger als eine Pfefferdute, etwas für die Menschheit und mich Ersprießliches wollte und mußte ich jedoch unternehmen, zog in eine entlegene Gegend des Landes und unterrichtete Kinder, deren Hauslehrer und Vater wegen des Heckerzuges in der Schweiz herumirrten.
Vom Herbste 1848 bis Mitte April 1849 führte ich ein friedliches und glückliches Schulmeisterleben, alsdann machte ich eine Ferienreise nach Freiburg, vorzüglich um den Prozessen einiger mir bekannten politischen Persönlichkeiten beizuwohnen und blieb bis zum Ausbruch des Maiaufstandes, an welchem ich mich wiederum betheiligte, obwohl in sehr untergeordneter Weise.
Wer sich von einem großmüthigen Staatsoberhaupt unter der Bedingung eines gesetzmäßigen Verhaltens begnadigen läßt und später doch wieder gegen seinen Wohlthäter durch Theilnahme an einem Aufstande sich versündigt, geräth bei allen Redlichen leicht in den Verdacht, sonderbare Begriffe von Ehre und jedenfalls ein weites Gewissen zu besitzen.
Wem Amnestie bei so schwerer Betheiligung an der Revolution zu Theil wurde, wie dies bei mir der Fall gewesen und wer zum _zweitenmal_, wenn auch in der untergeordnetsten Weise an einer Revolution sich betheiligt, gehört nach meiner Ansicht von Gott und Rechtswegen geradezu in ein entehrendes Zuchthaus.
Wie verhält sich dies nun bei mir? War ich des Zuchthauses nicht würdig?-- Wahrheit sei mein Leitstern und wer immer mich der geringsten Lüge zu zeihen vermag, soll den Antrag stellen, daß ich als der Gnade des Fürsten unwürdig wiederum ins Zuchthaus spedirt werde, um dort die an der Strafe geschenkten Jahre auszuhalten.
Weder mein Urtheil noch meine Richter kann und will ich im mindesten angreifen, ich beginge damit das größte, fragwürdigste Unrecht; aber gegen jenes Gesetz, welches rein politische Verbrecher, mit deren Handlungen weiter keine ehrlose That oder gar ein gemeines Verbrechen concurrirt, ins Zuchthaus spricht, glaube ich im Interesse der Menschheit, des Rechtes und meiner eigenen Person protestiren zu müssen und zu dürfen.
Ich habe mein der badischen Regierung gegebenes Versprechen eines gesetzmäßigen Verhaltens nicht gebrochen, obwohl meine Theilnahme am Aufstande des Sommers 1849 stark dagegen zu sprechen scheint.
Die Gegend, in der ich vom Spätherbste 1848 bis Mitte April 1849 und noch später lebte, gehörte meines Wissens schon vor der Revolution zu den Wahlbezirken der Opposition; bekanntlich haben sich die Bewohner desselben sehr lebhaft am Heckerzuge betheiliget, den flüchtigen Hecker beharrlich zum Mitgliede des Frankfurterparlamentes wählen helfen und würden sich ohne Dazwischenkunft des einflußreichen Flüchtlings W. wohl bedeutender auch am Struveputsch betheiliget haben, als dies wirklich der Fall gewesen ist.