Zu stark für dies Leben

Part 2

Chapter 23,662 wordsPublic domain

„Und Sie schämen sich nicht?“ schrie Winter so laut, daß alle Köpfe im Nacken zuckten. Grahl starrte ihn an. Winter ging um den Bock herum, blickte unter das Pult, zog mit den Händen Mantel und Hut hervor, die Grahl dort in Eile verborgen hatte, schleuderte sie zur Erde und schrie noch einmal: „Sie schämen sich nicht?“

Grahl, der bis in den Vorderkopf, wo seine dünnen Haare klebten, erbleicht war, machte eine Bewegung mit Daumen und Zeigefinger zum Brillenglas – aber diese Bewegung war so, als griff er sich an das Herz. Winter betrachtete ihn mit seegrünen, zynisch lachenden Augen. –

Warum demütigt er mich dermaßen? dachte Grahl, wofern es Denken zu nennen war, was in ihm vorging. Endlich, endlich ging Winter weiter. Er ging langsam wie stets. Einem Lehrling befahl er, den Personalchef Herrn Karst zu rufen, der am anderen Ende des Ganges in einem mit Glaswänden geschlossenen Raum die Abteilung ganz überblicken konnte. Wenige Augenblicke später schon sah man Karst, eine große, breitschulterige Erscheinung, den Gang zum Privatkontor durchschreiten. Sein Gesicht, in dem nach Muster der alten Militärs ein Schnurrbart stand, war voll und breit, von gesunder Farbe, wie das eines Landmanns. Der Ausdruck der Augen, wenngleich nicht Klugheit, so doch ein Geschick zur Diplomatie verratend, dazu der wiegend elastische Gang – dies alles in einem verriet die Brutalität eines Mannes, der sich vom Pult des Kontokorrentbuchhalters bis in den „Glaskasten“ hinaufgearbeitet, und nun nicht vergessen hatte, wie schwer der Aufstieg gewesen wäre, und wie leicht nun der Vorteil an Macht zu ziehen ... Jetzt betrat Karst mit einer Verbeugung und klingendem „Guten Morgen, Herr Winter,“ den Raum seines Prinzipals, um gleich darauf die Tür zu schließen.

In der folgenden Stunde versuchte Grahl, sich zur Arbeit zu sammeln. Aber er raschelte nur unter Fakturen, blätterte in dem Journal hin und her. Seine Hände zitterten, hinter der Stirn führten zwei Stimmen Fiebergespräche. Als der Personalchef nach mehr als dreiviertel Stunden zurück durch den Gang gekommen war, um in seinem Glasraum die Morgenpost zu sichten, bemühte sich Grahl, den Augenblick zu bemerken, wenn Karst, mit dem Lesen des letzten Briefes zu Ende, für eine kurze Pause, die zwischen dieser und seiner nächsten Beschäftigung eintreten mußte, müßig am Schreibtisch saß. Als dieser Zeitpunkt gekommen war, ging Grahl in den „Glaskasten“, verbeugte sich, wünschte Guten Morgen, und bat mit leiser Stimme um Urlaub für einige Stunden, von halb zwölf gerechnet bis etwa um zwei. Karst, der nie den Ausdruck der Mienen veränderte, fragte nach einer Begründung. Grahl gab einen nicht aufzusparenden Weg, eine Altersversorgung betreffend, vor. Karst konnte ein leises Lächeln nicht unterdrücken als er nach einer Pause erwiderte, Grahl möge diese Besorgung seiner Interessen noch um einige Zeit verschieben, später sei ihm der Urlaub gerne gestattet. Bei dieser Antwort erbleichte Grahl. Zusammen mit dem verschwiegenen Lächeln drückten die Worte aus, was seinen Herzschlag stocken machte. Er betonte noch einmal die Dringlichkeit seines Weges – aber nun eigentlich nur noch zur Entschuldigung seiner Bitte. Er war ganz verwirrt. Dazu fragte Karst, in dessen Augen nun keine Spur mehr von Lächeln lag, nach dem Stande der Arbeit. Und Grahl konnte nicht anders, als die Wahrheit gestehen. Karst nickte – er hätte nicht grausamer antworten können – als ob ihm dies und nichts anderes erwartet käme. Doch, ergänzte Grahl, hoffte er durch vermehrte Stunden der Tagesarbeit mit der Prüfung seiner Fakturen noch bis zum rechten Termine fertig zu werden. Das hoffe er auch, sagte Karst, indem er nun auch den Ton zu dem vorigen Lächeln fand. Damit wandte er sich einer Liste zu, die inzwischen von einem Lehrling gebracht worden war.

Grahl befand sich wieder allein vor dem Pulte. Arbeiten war ihm unmöglich. Seine Gedanken waren bei Anna und Gertrud. Sie standen nun vor dem Richter, er aber, der zwar mit seiner Zeugenaussage auf keinem Fall dem Geschick eine Wendung zu geben vermochte, fehlte in dieser Stunde. In einer Stunde, wo Anna, die glühende Angst der Erwartung, und im furchtbarsten Fall der Entscheidung, ein Gewicht auf dem Herzen erdulden mußte, für das die bürgerliche Gesellschaft in ihrer kompakten Masse die Wage bestimmt hat. Grahl wütete gegen sich selber. Er durfte sich nicht den Weg von der Arbeitsstätte zu Anna um den Preis der preiszugebenden Wahrheit erzwingen – aber die erfundene Begründung für seinen erwünschten Urlaub war schwach, lächerlich schwach gewesen. Dennoch hatte er plötzlich den Einfall, mit dieser selben Begründung direkt bei dem Chef den Antrag zu wiederholen. Er ist ein Mensch, sagte er vor sich hin, indem er mit seinen Händen die grauen Strähnen strich, die seinen Vorderkopf leicht überdeckten. Er ging in die Garderobe, um die Hände zu waschen. Als er eintrat, verstummte sofort das Gespräch der dort versammelten jungen Leute. Es blieb still, bis er den Raum verließ. Sein Gemüt war bedrückt. Er stand an der Tür zum Privatkontor seines Chefs. Er klopfte, trat ein und wartete auf eine einladende Geste, ehe er begann. Aber Winter, nachdem er sich unterrichtet hatte wer an der Tür stand, senkte die Augen hinter dem mit gelben Hornreifen umrandeten Kneifer auf die Lektüre, die vor ihm lag.

„Ich möchte Sie bitten ...“ begann Jakob Grahl.

„Sie wenden sich wohl an Ihren Bureauchef!“

Und Grahl wendete sich mit gebogenen Knien und ging.

Sein nächster Gedanke war, ohne Erlaubnis das Haus zu verlassen. Dieser Vorsatz war schon so stark befestigt, daß Grahl bis an die Garderobe kam. Aber dort, vor der Türe, den eckigen Schlüssel bereits in der Hand, schlug ihm die Ueberzeugung, daß dieser Entschluß die wohlbegründete Lösung des Arbeitsverhältnisses seitens der Firma zur Folge haben mußte, mit solcher Heftigkeit vor die Stirn, daß er aus seinem in sich selber versunkenen Denken wie durch den Anblick einer drohenden Tiefe erschreckt, zu der Wirklichkeit seiner Lage erwachte. Er sah sich schon jetzt dem Willen sämtlicher Vorgesetzten, der Gleichgültigkeit oder Spottlust und Klatschsucht seiner Kollegen preisgegeben. Er wußte nichts Besseres zu tun, als in Unterordnung die Pflicht zu erfüllen und in Demut zu hoffen, daß alle Anzeichen, die seine Entlassung vorauszuverkünden schienen – das Lächeln Herrn Karsts, das verstummte Gespräch der Kollegen, die Ereignisse dieses Morgens, die verachtende Haltung des Chefs – dennoch nichts mehr als Täuschungen wären, die den schreckhaften Vater, der seine Familie zu jeder Minute bewußt als den Antrieb im Innern spürte, zu leicht übermannten. Die Hoffnung und bange Erwartung vermochten sogar, ihm für einige Zeit vergessen zu machen, was Anna in dieser Stunde erleben mußte.

Man muß bedenken, daß der Gedanke, als Mann mit ergrautem Haar aus dem Dienste entlassen zu werden, schon am dreißigsten September, das will heißen: am Termin der Kündigung auf den ersten November desselben Jahres, die Perspektive auf Schrecknisse einer Zeit eröffnen konnte, wie der vor einigen Jahren beendete Krieg sie an einem gewissen Wendepunkt mit grausamen Händen gezeichnet; wie sie eben erst – aber dies trifft nicht einmal auf alle Familien zu – von den ungleich menschenfreundlichen Händen des Friedens verwischt worden war. Die Wirkung – die seelische wie die körperliche – der Kohlrübenjahre war damals und ist noch in unseren Tagen so mächtig, daß die Furcht vor der Situation des Stellungslosen in einer Zeit, da Massenentlassungen Mode wurden, keiner besonderen Begründung bedarf. Grahl – noch vor wenigen Stunden von einer ganz anderen Sorge gepeinigt – kannte jetzt nur noch _eine_ Bitte an die schicksalsfügende Macht, an welche er glaubte, ohne sich dessen bewußt zu sein: Daß bis um die sechste Stunde der drohende Schlag der Entlassung ihn nicht treffen möge. Denn um jene Zeit verließen der Chef und die Mehrzahl der Angestellten das Haus. Hatte sich bis dahin die Gefahr nicht entladen, so war sie über ihm weitergezogen.

Aber noch war diese sechste Stunde nicht da. Nach drei rief ihn die Telephonistin in eine Zelle. „Anna,“ sagte er, und mit lautschlagendem Herzen nahm er den Hörer. Es war die Bitte um Aufschub eines zahlungssäumigen Kunden, dessen Konto Grahl in den Büchern führte.

Von nun an erschrak er jedesmal, wenn die Klingel des Telephons zu schrillen begann. Der Termin des Prozesses war um zwölf Uhr gewesen, aller Berechnung nach war nun das Urteil schon lange gesprochen. Sie wußten es, Gertrud wußte es, Hermann wahrscheinlich auch ... Und Anna ... Er aber saß hier und rang seine Finger, von Kümmernissen zu beiden Seiten des Herzens benagt. Mußten sie nicht schon längst eine Nachricht durchs Telephon für ihn haben? Und wäre es nur aus Besorgnis um ihn, warum er, seinem Versprechen entgegen, nicht im Gerichtsgebäude erschienen war ... Daß dieser erwartete Anruf nicht kam, erfüllte ihn mit brennender Angst, die in plötzlichen Wogen bis in die Augen stieg.

Die Zeiger waren bis fünf geschlichen, aus dem Privatkontor vernahm man die langhinsummenden Töne der Uhr. Grahl tat einen Atemzug der Erleichterung, aber indem seine Brust sich senken wollte, fiel auf das Buch, das mit offenen Seiten auf seinem Pult lag – ein Brief! Sein Kopf fuhr herum. Er sah den sechzehnjährigen Lehrling Menzel, der sich eben auf seinem Absatz drehte – übrigens nicht mit der Absicht, das mokante Lächeln auf seinem Gesicht zu verheimlichen. Grahl berührte den Brief noch nicht. Kein Brief mit der Post, keine Marke, kein Stempel. „Herrn Jakob Grahl, im Hause,“ stand auf dem Kuvert. Er faßte es an – er brauchte es nicht zu öffnen. Er schob es in seine Hosentasche. Sein Gesicht war aschgrau. Er fühlte den Halt seines Körpers verlorengehen, gleichsam ein notwendiges Gewicht aus dem Kopfe fallen. Es blieb eine Leere. Er stützte die hohe zerbrechliche Stirn zwischen Daumen und Zeigefinger der Linken, während die Rechte noch in der Tasche am Umschlag tastete. Ein zitternder Seufzer ging unbewußt aus seinem bebenden Munde hervor. In diesem Augenblick durchschritt Winter mit seinen schallenden Schritten die Reihe der Pulte, er trug den schwarzen Hut tief auf die Geiernase gerückt. Ein gelber Rock hing von seinem gekrümmten Rücken herunter, er trug ein paar brauner Lederhandschuhe mit einem schweren Handstock mit silberner Krücke in Händen. Vor dem Hause erwartete ihn sein Automobil.

Fünftes Kapitel.

Außer dem Kontenführer Grahl war noch dem „Geiger“ gekündigt worden, der erst kürzlich über den Lehrlingsgrad hinaus, in die Stellung eines Kommis geklettert war. Während aber der Kündigung Grahls ein Bemerken, das auf Ueberzähligkeit hinwies, als Begründung zugefügt war, entbehrte das Schreiben, welches der „Geiger“ erhalten hatte, einer entsprechenden Angabe ganz und gar. Der „Geiger“ empörte sich auch durchaus nicht dagegen. Er hatte in einem seiner Cafés, wo er abends spielte, ein Mädchen kennen gelernt, mit welchem er ohnehin schon einige Male über den Tag spazieren gegangen war, obgleich diese Tage weder als Fest- noch als Sonntage auf dem bürgerlichen Kalender standen. Das Geigenspiel konnte ihn über dem Abgrund vollkommenen Geldmangels halten. Dazu hatte der „Geiger“ einen Vater, der ebenso jovial war wie er. Der Vater hatte die Mittel, sich jedes Vergnügen zu leisten. Aus Gewissenszwang wollte er, was er sich selber gönnte, seinem Sohn nicht versagen.

Seide Freunde neckten den „Geiger“ mit einem unter den Angestellten beliebten Spruch. Einer rief:

„Du wirst Kommis –“

worauf der Chorus einfiel:

„Aber nich bi mi!“

Wenn sie in der Garderobe in der Nähe des Fensters standen und „durch die Nase rauchen“ probierten, neckten sie ihn. Er pfiff den Rauch weg und sagte: „Egal!“

Die innere Verfassung des anderen Gekündigten war anders. Der anfängliche Sturz der Empfindungen hatte die Denkkraft gelähmt. Und als er am Abend niemanden in der gleichwohl erleuchteten Wohnstube fand, aber Anna mit ihrem selbstvernichtenden Lächeln im Bett – nun nicht mehr glühend von innerlicher Erregung und Präparation für die Stunde am Richtertisch, sondern weiß bis in die schweigenden Lippen – da sah der Alte nur noch die Kurve des Untergangs, er fühlte die Hand eines Schicksals, der zu entrinnen vergeblich wäre. Diese Familie war ihr verfallen. Ich weiß nicht warum, sagte Grahl, ich weiß nur: es ist so. Er konnte sich keine Rettung mehr denken. Er wünschte einen beschleunigten Schluß. Er hoffte wirklich im Schlaf dies Ende zu finden. Indem er, beinahe stumpf von Leiden, in sein Bett, neben der verbissenen schweigenden Anna, hineinstieg, wanderten seine Gedanken zu Hermann und Gertrud, die nur die Hälfte des Schicksals kannten – nur das Teil, das ihre _Mutter_ betroffen hatte. Ich wünsche euch eine andere Seele, als ich sie besitze, sagte er wie zum Nachtgebet. Mehr Kraft, mehr Härte des Herzens, Kinder ...

Er fand keinen Anfang für eine Frage, welche die Bestätigung dessen verlangte, was er schon wußte. Er fühlte, daß mit gebrochenem Schweigen der Schmerz, der dieser Frau wie ein eisiger Block die Tränen versperrte, sich lösen mußte. Von den Gedanken aufs neue bewegt, verbreitete sich innerlich eine Erleuchtung – als ob hier Schuld und Verfehlung keinerlei Rolle spielten. Und all das wäre das Schicksal, wie ein Jeder das Seine gesondert empfängt. Die Erkenntnis, daß seine vom Leben gefurchte Seele es war, die ihn die Niederlage des heutigen Tages und endlich den Untergang leiden ließ – dies Gefühl erfüllte ihn, ohne daß er nach einer Begründung fragte, gleichwie ein Glück. Er war stolz, sein Schicksal, je schwerer, je lieber, zu tragen. Da sagte er: „Anna!“ Der Glauben, der in ihm zu herrschen begann, machte ihn mächtig, die Wirklichkeit in dem heiteren Lichte der Unschuld zu sehen und er meinte diese Gabe des Sehens teilen zu können, mit wem er es wünschte.

Anna aber sagte nicht mehr als _ein_ Wort, in dem sich eine Lippe rührte, sonst nichts: „Gefängnis.“

„Habe darum keinen Gram. Ueberwinde das mit dem Stolz deines Herzens, wie ich.“ Er blickte sie an.

Sie hob die blasse Hand von der Decke und drehte den Docht der kleinen Lampe so tief, daß sie verlöschte. Er nahm ihre Hand, sie entzog sie ihm nicht. Aber sie weinte auch nicht und sie sprach kein Wort. Auch er wußte nichts mehr zu sagen. Die Helligkeit in ihm war plötzlich erloschen. Er ließ ihre Hand los und bohrte den Kopf in die Kissen.

* * * * *

Gertruds Stimme weckte den Vater am folgenden Morgen. Er lag einige Minuten mit offenen Augen, ohne daß eine Erinnerung an die Dinge von gestern kam. Das Bett neben ihm war leer. Er hob sich erschreckt auf den Ellenbogen – in einer Sekunde standen die Tatsachen um ihn herum. Verwundert, wie das Gedächtnis an den verhängnisvollsten Tag seines Lebens, um soviel später in ihm erwachen konnte, als er selbst – und grübelnd, ob nicht die Fähigkeit, zu vergessen, was zu vergessen von Nutzen sei, ein zu erkämpfendes Können des Innern wäre ... so stand er auf, sah in den grauen, rieselnden Morgen, durch leckenden Regen, und kleidete sich langsam an. Eine Schwermut, körperlich, schien ihn zu lähmen.

Mit seinem Sohne ging er ein Stück des Weges. Er hatte sich von dem Anblick der leidenden Frau mit Gewalt getrennt. Hermann unterrichtete ihn mit leiser, von sachlichem Ausdruck beherrschter Stimme, von den Ereignissen des vergangenen Tages. Frau Anna Grahl war zu einer Gefängnisstrafe von dreiundeinhalb Monaten verurteilt worden. Sie war nicht einmal dazu gekommen, die wohlvorbereitete Verteidigung, alle die in schlaflosen Nächten eingeschärften und oft wiederholten Wendungen, am Richtertisch vorzutragen. Der Vorsitzende hatte ihr inneres Bekenntnis, zu dem sie nicht aufgefordert war, mit einem herrischen Ausbruch der Ueberlegenheit, die sich offenbar mit besonderer Anerkennung respektiert sehen wollte, unterdrückt, und die Angeklagte in die einzige Haltung gedrängt, die ihr in ihren eigenen Augen nun noch gemäß war: in stolzen, schweigenden Trotz. So hat sie also den Kampf aufgegeben, und ließ es gehen, ohne hinzuhören – schloß Hermann mit einem flüchtigen Seitenblick. „Ich biege hier ab. Guten Morgen, Vater.“

Grahl hatte die Kündigung sorglich verschwiegen. Sein Wunsch war, die bedrückten Herzen der Seinen durch die Form, die er selber hielt, zu erleichtern. Nichtsdestoweniger waren in ihm der leidensbereite Wille, die stolze Demut unter das Schicksal, die am vorigen Abend in eigenartiger Kraft aus der Schwäche erstanden waren – verstummt und vergessen. Aber das gleiche Gefühl für die Pflicht, das ihn am Kontorpult beherrschte, war in der Sorge um seine Familie wieder erwacht; es lenkte seine Entschlüsse in völliger Unbekümmertheit um die geschehenen Verstöße, mit welchen ein Vorgesetzter die Führung des Angestellten belasten konnte.

Er berief auf den selbigen Abend die Ausschußversammlung ein. Die Ausschußmitglieder bestanden aus sechs Vertretern des Personals, von denen Grahl der älteste war. Sie trafen am Abend in einer Restauration, die „Himmelspforte“ genannt, zusammen. Grahl forderte auf, seiner Entlassung den Ausschußwillen entgegenzusetzen, da er, als Mitglied des Ausschusses, in einem Verhältnis zur Firma stände, das bei erloschenem Mandat erst zu lösen wäre, nicht früher.

Aber zu seinem Erstaunen waren die übrigen Ausschußmitglieder durchaus nicht einig in ihrer Meinung. Es ergab sich, daß drei unter ihnen in ihrem Gewissen Bedenken empfanden, das Interesse ihres Kollegen zu schützen, ohne den Standpunkt der Firma in Rücksicht zu ziehen. Diesen Standpunkt, hieß es, kenne man wohl, obgleich er – wohl aus einer gewissen Milde – in dem Entlassungsschreiben verschwiegen war. Der eigentliche Grund zur Entlassung Grahls – darin waren diese drei Herren sicher – wäre natürlich der Mangel an Arbeitskraft und Zuverlässigkeit, der in den letzten Wochen vermocht hatte, den guten Kredit seiner siebenundzwanzig Arbeitsjahre zu annullieren. Wie sollten sich also diese gewissenhaften Ausschußmitglieder für Grahl entscheiden?

Widerrede wurde dagegen laut. Grahl selber erklärte, daß _die_ Begründung, die das Kündigungsschreiben enthielt, maßgebend wäre – nicht eine verschwiegene. Wer nähme wohl an, die Firma wäre in ihrer Erklärung von zarter Rücksicht geleitet? Im übrigen hielt der Einwand, die mangelnden Qualitäten betreffend, nicht Stich. Wenn im Verlauf von mehr als einem Vierteljahrhundert ein Mann mit niemals lahmendem Willen die Kraft seines Denkens und Tuns in den Dienst einer Firma gestellt habe, so sei er nicht davonzujagen gleich einem ungebärdigen Hunde, wenn ihn in einem gefährlichen Augenblicke seines Familienlebens die Kraft für eine Spanne verlasse. Er setzte sich wieder und stützte den Kopf in die zitternde Hand.

Man fragte ihn, ob er nicht dies persönliche Schicksal als Begründung seiner offenbaren Veränderung vortragen wollte. Er schüttelte mit dem Kopf, ohne die Hand von den Augen zu lösen.

Den drei Vorsichtigen wurde noch andershin widersprochen. Wiewohl es auch möglich sei – führte ein Obmann aus –, daß die Entlassung des Kollegen Grahl aus den vorhin genannten Gründen erfolgt sei, so bestehe die Tatsache dennoch fort, daß Entlassungen zu Zwecken von Ersparnis einiger Angestelltensaläre ohnehin in Aussicht genommen waren. Mehrere Posten mit geringerer Arbeitsbelastung sollten, je zwei, vereinigt an einen der beiden Postenverwalter übertragen werden, um den zweiten zur Uebernahme anderer Tätigkeit freizumachen. Hätte das Schicksal also nicht Grahl getroffen, so wäre ihm gleichwohl ein anderer zum Opfer gefallen. Derjenige nämlich, der nach der Geschäftsleitung Ansicht am wenigsten Nutzen der Firma bringe. – Das sehe man ein, nicht wahr? Man müsse also _dagegen_ sein, im Prinzip. Stände im Falle des „Geigers“ die unanfechtbare Begründung mit seiner Faulheit nicht fest zu erwarten, so wäre auch dieser Kündigung die notwendige Beistimmung des Ausschusses zu versagen. Es handle sich um Entscheidungen, die für Jeden einmal Bedeutung erlangen könnten. Ueber allem aber dies: Zu was bestände denn das Gesetz, das die Entlassung des Obmanns verbietet? Wer könnte bürgen, daß nicht eben sein Amt im Ausschuß es war, das ihn zum Fallen gereift hätte? Und wer von den Ausschußmitgliedern dächte hierbei nicht an sich selber? Er verlangte die Unterschriften.

Die drei Widerstrebenden dachten wahrscheinlich sehr intensiv an sich selber. Sie hielten die Macht ihres Mandats für gering im Verhältnis zur Macht eines Leiters der Personalabteilung, gegen dessen Beschlüsse man wohl am besten nicht knurrt. Ein Mandat hat auch einmal ein Ende, dachten sie wohl ... Und sie konnten sich nicht für ihren Kollegen entscheiden. Sie meinten, etwaige Mängel der Führung seien durchaus nicht durch ein im übrigen unantastbares Amt als gedeckt zu betrachten. Darauf berief sich Grahl erneut auf die Begründung des Kündigungsschreibens, in welchem mit keinem Worte irgendeines Mangels gedacht war. Es gelang ihm nicht, sie auf seine Seite zu ziehen. Und obgleich dem gegebenen Rechte nach kein Ausschußmitglied seine Unterschrift unter das Einspruchsschreiben, das inzwischen gefertigt war, hätte verweigern können, so zeigte es sich dennoch, daß die drei Nichtgewillten bis zum Ende in ihrer Opposition verharrten. Ihre Furcht vor dem Eindruck, den ihre Unterschrift unter ein dem Willen der Geschäftsleitung entgegengesetztes Schriftstück hervorrufen mußte, war begreiflich groß. Nach langem Widerstande bemerkte Grahl, daß sein beharrliches Dringen aufs Recht ihm dennoch keinen Vorteil brachte, und er ergab sich darein, seinen Fall als den Fall eines einfachen Angestellten zu führen. Noch bei einem Stimmenverhältnis von drei zu drei war _für_ den Angestellten entschieden. Das Schriftstück, in welchem der Ausschuß die Einwilligung zur Entlassung des Buchhalters Grahl versagte, trug die folgenden Unterschriften: Baaß, Ehrlich, Grahl.

Grahl ging in bedrückter Stimmung nach Hause. Die Unzulänglichkeit dieser an sich so verläßlichen Institution hatte ihn überrascht und erschüttert. Er war für den Tag, für den Monat und für den nächstfolgenden auch, gerettet. Aber gewöhnt, bei der Bilanz seiner Lebenshaltung nicht nur die Gegenwart, sondern auch Vergangenheit und Zukunft in Betrachtung zu ziehen, bangte ihm vor den kommenden Zeiten, die ihn zwingen würden, die Hilfe der Ausschußmitglieder erneut anzurufen. Wenn sie ihm dann sein Recht versagten? Gewiß, er würde es von höherer Stelle erhalten. Das Recht schützt der Staat ...

Als er nach Hause kam, fand er wieder die Stube erleuchtet und leer. Er ging schweigend durch alle Zimmer; Hermann und Gertrud fand er in ihrer gemeinsamen Stube lesend. Als er ihre hochgezogenen roten Stirnen wahrnahm, unterdrückte er seine Frage.

Frau Anna Grahl war bereits ins Gefängnis gegangen.

Sechstes Kapitel.

Am zweiten Oktober wurde das Schriftstück, das der Ausschuß am vorhergehenden Abend beraten hatte, dem Personalchef Herrn Karst übergeben. Dies geschah gegen Mittag. Nachmittags ging Herr Karst in das Kontor des Chefs, und die Türe wurde nachdrücklich geschlossen. Aber bis zum Abend geschah durchaus nichts.

Grahl blieb an diesem Tage bis fast in die Nacht am Pulte, um die Fakturenkontrolle, wie erforderlich, am nächsten Tage beenden zu können. Mitunter gelang es ihm, wohl eine Viertelstunde lang ruhig und aufmerksam die Salden der Konteninhaber zu prüfen, – dann plötzlich fuhr er sich mit der Hand über Stirn und Augen, blickte um sich, um zu bemerken, daß selbst Herr Uri schon fortgegangen war, und daß außer dem hellgrünen Licht, das auf sein Pult von der Lampe über ihm strahlte, das ganze Kontor im Dunkel lag. Dann konnte er zehn Minuten lang mit verdeckten Augen sitzen und denken. Er dachte an Anna. Die Notwendigkeit trieb ihn wieder zur Arbeit. Wenn er die Menge des noch zu bewältigenden Materials vor sich sah, fühlte er, wie sein Herz sich krampfte, ein Schwindel begann seinen Kopf zu verwirren. Mit einem stöhnenden Laut, gewaltsam, setzte er seine Rechnungen fort.