Zu stark für dies Leben

Part 1

Chapter 13,690 wordsPublic domain

Zu stark für dies Leben.

Von Iwan Heilbut.

Erstes Kapitel.

„Ich mache Schluß, Herr Grahl.“

„Guten Abend denn, Herr Uri.“

Grahl zog die elektrische Birne, die von einem grüngläsernen Schirm umgeben, über seinem Graukopf hing, tiefer zu sich herab. Er beugte sich näher aufs Buch und zeichnete mit dem Lineal zwei sorgfältige Linien, eine dicke und dicht unter dieser die dünne. Seine Augen hinter den Brillengläsern verfolgten mit Sorgfalt die Feder, und die Lippen waren mit einem Ausdruck von Behutsamkeit gespitzt. Die Hände, von schweren Adern durchlaufen, zitterten leise. Als er mit den Linien fertig war, wischte er mit einem Ausdruck von Zufriedenheit über den grauen Schnurrbart.

Uri, ein dreißigjähriger Mann, breitschultrig, mit einem dicken braunblonden Bart auf der Oberlippe, hatte inzwischen in der Garderobe die Hände mit Bimsstein gesäubert, das Jackett gewechselt. Er kam nun durch die lange Reihe zwischen den leeren Pulten an dem Platz vorbei, wo Grahl vor dem Buch stand, leise murmelnd addierte und schrieb.

„Wir wären wieder die letzten ...“ sagte Herr Uri mit einem Seufzer. Der Alte nickte und murmelte fort. „Kommen Sie mit mir,“ forderte Uri auf, „Sie versäumen sonst gewiß noch die Zeit. Und Sie wissen, von welcher Wichtigkeit die Versammlung ist, die heute abend zu den geplanten Entlassungen Stellung nimmt. Nicht _ein_ Mann von unserer Fakturenabteilung darf fehlen.“

„Kann ich denn?“ fragte Grahl und ein Lächeln, das beinahe schmerzlich zu nennen war, zog seinen schmalen Mund in die Breite. „Ich bin so entsetzlich im Rückstand mit meiner Arbeit. Sehen Sie, jenen Haufen Fakturen habe ich geprüft – und dieser Haufen bleibt mir zu prüfen übrig. Sie bemerken, daß dieser der größere von beiden ist. Ich soll bis zum dritten Oktober die Arbeit beendet haben, Sie wissen, bis dahin müssen die Rechnungen fertig zur Zahlung sein. Also vier Tage ... Aber wie soll ich – wie kann ich – wie werde ich fertig – wenn eben kein Wunder eintritt ...“

„Unmöglich, Herr Grahl,“ sagte Uri entschieden, „unmöglich, daß Sie, als Mitglied der Angestelltenvertretung fehlen.“

„Ich kann aber ... ich kann aber nicht ... Sie sehen doch selber ... Mein Gott, ich will ja nicht leugnen, daß ich den Kollegen durch das Mandat, das ich habe, verpflichtet bin. Aber bin ich nicht noch fester an meine Verpflichtung zur _Arbeit_ gebunden, die mir die Firma bezahlt? Sehen Sie, ich gehe demnächst in die Sechzig. Und während meiner ganzen Laufbahn an diesen Pulten, länger als sechsundzwanzig Jahre, hat noch niemand Grund gefunden, zu sagen: Dieser Grahl ist nicht so verläßlich als man es wünschte. – Soll mir das nun mit grauen Haaren zum ersten Male passieren?“ Er machte eine Bewegung, um die Brille besser vor’s Auge zu rücken, und schrieb. Nach einer kleinen Weile, indessen Uri ihm stumm zugesehen hatte, sagte Grahl, als ob er alles, was er gesprochen, noch einmal bei sich wiederholt hätte, gleichsam abschließend: „Na ja. Das ist doch erklärlich –?“

Darauf sagte Uri – und er versuchte deutlich, seinen Worten Wichtigkeit zu verleihen: „Erklärlich? Erklärlich wäre es mir, Herr Grahl, wenn Sie eine halbe Stunde vor Beginn der Versammlung zur Stelle wären. _Das_ wäre erklärlich.“

Grahl blickte ihn an.

„Nicht ich allein meine,“ fuhr Uri fort, „daß Sie, lieber Kollege Grahl, mehr noch als irgendein anderer, Vorteil finden, wenn heute Abend unsere Resolution stark und einig herauskommt.“

„Ich?“ Grahl riß die Brille herunter und starrte den Sprecher erschrocken an. „Ich? Meinen Sie ... ich?“ Und mit einemmal flog das schmerzliche Lächeln um den Mund, es wollte sich unter dem grauen hängenden Schnurrbart verstecken – aber Uri wußte bereits, daß Grahl ihn verstanden hatte.

„Ja,“ sagte er, mit ein wenig schauspielerischem Affekt, „Sie und kein anderer.“ Und scheinbar, um seinen werdenden Sieg recht zu genießen, fügte er hinzu: „Kommen Sie _nun_ mit?“

Er hätte das nicht zu fragen brauchen, denn er sah, daß Grahl in nervöser Eile die Papiere zusammenschob, das Buch auf dem Boden gegen die Pultseite lehnte und schnell seine Utensilien im Innern verschloß. Er lief, vornübergebeugt, zur Garderobe, und als er in Hut und Ueberrock, aber mit ungewaschenen Händen und ein wenig schnaufend, zurückkam, rief er – es sollte Humor sein: „So ist der Mensch! Mich hätte nichts vermocht, mein Pult zu verlassen, als dieser Gedanke an meine eigene Existenz. Meinen Sie wirklich,“ fügte er leiser hinzu, „meinen Sie wirklich, ich ... ich befände mich in Gefahr? Aber, mein Gott, das ist doch unmöglich zu denken! Bin ich nicht siebenundzwanzig Jahre im Dienst? – Wir müssen den anderen Ausgang nehmen, um diese Zeit hat der Hauswart das große Portal schon geschlossen. – Und dazu bin ich Obmann der Angestellten. Es ist doch unmöglich. Ich bin nicht zu kündigen, wissen Sie? Dafür sorgt unser Ausschuß, nicht wahr – ich bin doch im Ausschuß, ich bin doch immun!“

„Um so wichtiger ist,“ sagte Uri, „daß Sie Ihr Amt nicht versäumen. – Da kommt eine Bahn!“

Sie befanden sich auf der Straße, im Regen. Das mächtige weite Haus, das nichts weniger als das Kontor eines der größten Warenhäuser der Stadt vorstellte, lag wie ein Schiff, in dem nur wenige Lichter brennen, mit seiner Front in einer belebten Straße der Handelsstadt – aber die Beiden waren durch die andere Ausgangstür in eine abseitige Straße gekommen. Sie hätten nötig gehabt, die Trambahn zu nehmen, auch wenn der Herbsthimmel freundlicher und das Pflaster weniger sprühend gewesen wäre – denn von der Sankt-Petri-Kirche schlug es achtmal. Auf acht Uhr war der Beginn der Versammlung in einem Vorstadtlokal, in der „Krone“ bestimmt. Das Innere des Wagens war ziemlich leer, im Herzen der Stadt schläft das Leben um diese Zeit.

Grahl war vom Laufen noch außer Atem.

„Es ist eine Schande,“ fing Uri an, „acht hat es geschlagen. Statt unser Recht, unser Arbeitsstundengesetz zu schützen, brechen wir es aus freien Stücken.“

„Was mich betrifft,“ antwortete Grahl, während hinter ihm an den Scheiben der Regen lief, „ich gestehe, daß ich mich trotz meiner Immunität nicht sicher fühle. Ich kann nicht umhin, die Unzufriedenheit meiner Vorgesetzten recht gut zu begreifen.“

„Sie haben den schwierigsten Posten in unserer Abteilung,“ warf Uri ein.

Grahl schwieg und blickte mit seinen nachdenklichen Augen auf die Stiefelspitzen. „Heute morgen kam ich wieder um einige Minuten zu spät. In der letzten Zeit passiert mir das oft, und unten am Eingang vermerkt die Kontrolle sogar die Zahl der Minuten. Ich bin gewiß, daß unser Bureauchef, Herr Karst, schon längst unserem Chef über mich einen gewissen Bericht erstattet hat? – Meinen Sie auch?“

„Es wäre leicht zu denken,“ antwortete Uri, „Karst sucht förmlich Vorkommnisse, an denen er seine Ergebenheit für Firma und Chef demonstrieren kann. – Aber bitte, erklären Sie mir, Herr Grahl – warum verhindern Sie nicht solche Unregelmäßigkeiten, da Sie doch wissen, wie Ihr Ruf unter ihnen leidet?“

„Ja, ja,“ sagte Grahl. Er lächelte wieder. „Sehen Sie, da ist eine Sache, die nimmt mich so sehr in Anspruch, daß ich so ziemlich den ganzen Tag daran denke. Daher auch lahmt meine Arbeit ein wenig. Die Konzentration ist nicht so billig zu haben, wenn solch ein Gedanke, der sich nicht auflösen läßt, in einem steckt. Aber laß!“ unterbrach er sich plötzlich mit einer abwehrenden Bewegung der Hand. Dann blickte er wieder wortlos auf seine Stiefel. Uri, der nicht ohne weiteres auf die erwünschte Erklärung verzichten wollte, stellte noch eine bezügliche Frage. Grahl hörte ihn nicht, wie es schien. Gleich darauf rief der Schaffner die Haltestation, an der sie den Wagen verlassen mußten. Sie gingen mit eiligen Schritten zur „Krone“.

Zweites Kapitel.

Als Grahl und Uri im Klubzimmer der „Krone“ anlangten, war der Raum von Biergeruch, Zigarettendunst und Durcheinandergewirr der Stimmen durchwirbelt; aus einer Ecke, wo übrigens einige Jünglinge untereinander tanzten, klang das Gehämmer auf einem Klavier. Sie haben noch nicht begonnen? dachte Grahl und biß ärgerlich auf den hängenden Schnurrbart, denn er hatte gehofft, die Formalitäten schon erledigt zu finden, um sofort an der Resolution teilnehmen zu können. Er begab sich sofort an den Sofaplatz vor der Mitte des Tisches und eröffnete seinerseits eilig, mit gewohnten Worten, den Abend, verlas die Bekanntmachungen in einem Zuge und brachte die Hauptfrage zur Besprechung, während der junge Mann am Klavier mit gelangweiltem Ausdruck seinen Bock eine nachlässige Drehung beschreiben ließ.

„Bekannt ist worden, daß seitens der Personalabteilung der Firma ein Plan in Vorschlag gebracht worden ist, das Personal zu verringern. Da die Durchführung dieses Vorschlags nur auf Kosten des Arbeitsstundengesetzes erfolgen kann, ersucht der Ausschuß um eine Resolution des Personals, um im gegebenen Fall zum Handeln bereit zu sein.“

Obgleich allen Anwesenden der Inhalt, wenn auch nicht der Wortlaut dieser von Grahl verlesenen Eingabe schon vorher bekannt gewesen war, da dieser Antrag das eigentliche Ereignis des Abends bildete, erhob sich dennoch ein Lärm, ähnlich dem vorigen – der kaum mit Mühe verebbt war. Ironische Rufe flogen durcheinander, jeder Bemerkung folgte mit doppelt verstärkter Stimme die nächste, so daß eine Steigerung des Durcheinanders am Ende schlechthin nicht zu denken war. Am lebhaftesten gebärdete sich aber der junge Mann, der sich vom Klavierbock erhoben hatte, mit überschwenglichen Gebärden die rechte Hand über dem Kopfe schüttelnd. „Ich weiß,“ schrie er mit so maßloser Anstrengung, daß die Adern an seinem hageren Halse, die der niedere Kragen ohnehin stark hervortreten ließ, bedeutend schwollen, „ich weiß, wer der erste ist, der hinausfliegt. Das bin ich!“ Er rief es mit einer Art Siegesgewißheit. Sein Haar war blond wie Getreidestiele, seine Augen kindlich und offen. Er war achtzehn Jahre und hieß „der Geiger“, weil er abends mit Geigenspiel in Cafés sein Monatseinkommen erhöhte. Hier ist der Platz, eine Begebenheit zu erzählen, die dem „Geiger“ an einem Spätsommervormittag geschehen ist.

Der „Geiger“, den sein Violinspiel in Kaffeehäusern nicht nur mit Geld, sondern in gleichem Maße mit jungen Damen bekannt gemacht hatte, war am Tage des betreffenden Tages von einem Brief in rosa Umschlag überrascht und sozusagen tödlich verwundet worden. Als er das Kontor betrat, lag in seinen sonst so lustigen Augen der ergreifendste Ausdruck von Gleichgültigkeit gegen die Dinge des Lebens. Er setzte sich auf seinen Bock, starrte mit einem schrägen Blick trübselig ins Leere, und zog endlich das rosa Kuvert aus der Brusttasche seines Jacketts, um es dicht vor die Nase zu bringen. Er atmete so wahrscheinlich das feine Parfüm des Papiers ein ... er steckte sogar die Nase ins Innere des Umschlags, und es war als sog er sich voll von Schmerz. Denn es stieg ihm blank über die Augen. Auf diesen Augenblick hatte sein Schicksal gewartet. Der Chef, ein furchtbarer Mann auch für solche, die sich in keiner Beziehung schuldig fühlten – sein Blick traf alle Angestellten mit einer Schärfe, mit welcher ein Stein durch das Fenster ins Innere einer friedlichen Wohnung einschlägt – dieser Herr Winter, der mehrere Male am Tag durch die Pultreihen streifte, plötzlich auftauchend und unvermittelt die Stimme erhebend, ein jähes Geschrei in der Nacht – er befand sich nun hinter dem „Geiger“, der nichts davon ahnte, und beobachtete seinen Angestellten, der, seine Nase tief in den rosa Umschlag gesenkt, in der schmerzlichsten Haltung dasaß. Zu einer Rettungsaktion seitens seiner Kollegen war es zu spät – und übrigens platzten die anderen an ihren Pulten vor innerlicher Erwartung, wie es begänne, wie es geschähe ...

„Wie alt sind Sie?“ krachte es förmlich los.

Der „Geiger“ fuhr herum. Er sah aus, als wollte er sagen: Ja, wenn du auf Zehenspitzen heranschleichst, du Gauner, da kann ich dich wohl nicht hören. Dann richtete er sein vorwurfsvolles Gesicht auf sein Gegenüber. Warum habt ihr mich nicht gewarnt, ihr Filous ...! sollte das heißen.

Da krachte es neben ihm noch einmal: „Ich frage, wie alt Sie sind.“

Der „Geiger“ konnte sich immer noch nicht zur Antwort entschließen. Er empfand so natürlich! Na, na ...! hätte er leicht gesagt, halb erstaunt, halb verächtlich – es fehlte nicht viel. Als er aber bemerkte, daß das tiefrote Gesicht, in das er hineinsah, wahrhaftig bis in die Stirne erbleichte, beeilte er sich.

„Achtzehn Jahre, Herr Winter.“

„Achtzehn Jahre ... hmhm ...“ wiegte Winter den spitzen Kahlkopf. Er war so klein; er blickte zu dem langaufgeschossenen „Geiger“ hinauf, der sich nun sogar respektvoll erhob.

„Haben Sie einen Vater?“ fragte Herr Winter, unheimlich tief, und so laut, daß man die Stimme noch an den letzten Pulten am Ausgang vernahm. Es war so still im Kontor – man hätte eine Bureaunadel fallen hören.

„Einen Vater? – Jawohl,“ gab der „Geiger“ zur Antwort.

„Und“, fragte der Chef, „er erzieht Sie nicht besser?“

Darauf wußte der junge „Geiger“ keine Antwort mehr. Er sah seinem Chef zuerst in die seegrünen Augen, dann auf die Geiernase und endlich auf die Brillantnadel in der Krawatte.

„Zeigen Sie mir diesen Brief,“ sagte Winter.

„Mit nichten,“ sagte der „Geiger“ entschlossen. „Dieser Brief ist an mich.“

„Zeigen Sie ihn,“ sagte Winter lauter.

„Wie kann ich!“ rief der „Geiger“ entrüstet, „ich kann nicht die Dame, die mir dies schreibt, kompromittieren.“

Damit wußte Herr Winter immerhin etwas und es sah aus, als wollte er gehen. Plötzlich schrie er: „Wieviel verdienen Sie aber im Monat?“

Der „Geiger“ nannte sein lächerliches Anfangsgehalt.

„Und für mein Geld ...!“ schrie Herr Winter und schnappte. „Sie bestehlen mich!“

Und er ging mit langsamen schallenden Schritten davon. Der „Geiger“, dessen Gehirn an diesem Morgen mehr tragen mußte, als es imstande war, murmelte noch: „Meinetwegen!“ und „Nun tue ich den ganzen Tag nichts mehr – es komme, was mag,“ ging hinaus zur Garderobe und schloß sich in seine gewohnte Kabine ein, um ein wenig zu rauchen.

Daher war der „Geiger“ an diesem Abend so fest überzeugt davon, daß auf der Liste der zu entlassenden Angestellten sein Name zu oberst stünde.

Von den Ausschußmitgliedern, die sich um den großen Tisch zusammengezogen hatten, war inzwischen eine Entschließung verfaßt worden. Sie wurde nun den Versammelten vorgelegt.

„Der Ausschuß versagt seine notwendige Zustimmung zur Entlassung eines Angestellten in jedem Fall, wenn die Entlassung nicht anders als mit der Absicht einer Personalverringerung begründet erscheint. Eine derartige Absicht kann durch den Gang des Betriebes durchaus nicht gerechtfertigt werden. Die Befugnis des Ausschusses zum Einschreiten gegen Entlassungen wie die bezeichneten ergibt sich aus dem Paragraph drei im zweiten Abschnitt des Arbeitsgesetzes.“

Als diese Resolution, trotz den Zwischenrufen des „Geigers“, der noch eine Klausel verlangte, im übrigen einstimmig angenommen war, drehte sich dieser auf seinem Klavierbock und behämmerte wieder die Tasten. Die Anfangsstimmung drang durch. Einige Herren vom Ausschuß verabschiedeten sich, die Ausschußmitglieder waren alle reiferen Alters. Mehrere Angestellte wollten nicht bleiben, da sie unmöglich am vorletzten Tage des Monats – es war der neunundzwanzigste September des Jahres neunzehnhundertundvierundzwanzig – ein Vergnügen sich vorstellen imstande waren. Es hatte kaum zu den beiden Gläsern hellen Bieres gereicht ...

Der mit höflichem, dennoch sehr hastigem Gruß, das Zimmer als erster verließ, war Grahl.

Drittes Kapitel.

Als er nach Hause kam, fand er sein Essen in einer innerlich gepolsterten Kiste, die er an einem Sonntag mit seinem Sohne Hermann verfertigt hatte, warmgestellt. Hermann, der Arzt werden wollte, und über den Tag in Instituten, Vorlesungen oder in Bibliotheken war, las in der Zeitung, die er mit beiden Händen ausgebreitet vor dem Gesichte hielt.

„Hermann,“ sagte Grahl gedämpft, indem er mechanisch den Suppenlöffel zum Munde hob, „sind sie schon schlafen gegangen?“

„Ja, beide,“ gab Hermann ebenso leise zurück.

Diese „beiden, die bereits schlafen gegangen,“ waren Anna, die Frau Jakob Grahls, und Gertrud, seine achtzehnjährige Tochter. Hermann war nur fünfeinhalb Jahre älter als seine Schwester. Die Aehnlichkeit mit dem Vater war deutlich erkennbar. Er hatte dieselben vernünftigen Augen, in welchen nur dieser eine Ausdruck von sachlich beherrschter Innerlichkeit lag. Seine Lippen dagegen, die meistenteils wie die seines Vaters als ein schmales Bändchen gezogen waren, konnten sich manchmal, wenn er lebhaft mit einem Gedanken beschäftigt schien, trotzig nach außen werfen.

„Weißt du vielleicht,“ fragte Grahl nach einer Weile, während der nur das leise Schlürfen der Lippen vom Löffel zu hören gewesen, „weißt du, Hermann, ob jemand im Laufe des Tages das Vorderzimmer besichtigt hat?“

„Nein,“ sagte Hermann, „es war niemand da.“ Sein Gesicht war auch beim Sprechen von der Zeitung verdeckt.

„So,“ sagte Grahl. „Hmhm. Merkwürdig ... Als ob das Unglück mit diesem Mörk in das Zimmer gezogen wäre. Noch niemand war da, um es zu besichtigen.“

Er hatte den Namen Mörk leise hervorgestoßen, als hinderten ihn Verlegenheit oder Wut, mit offener Stimme zu sprechen. Hermann hatte die Zeitung dichter zu sich herangezogen.

„Vielleicht,“ sagte er ruhig, „sind den suchenden Einlogierern unsere vier Treppen eine Bemühung, die sie nicht lieben.“

„Aber die jungen Studenten!“ entgegnete Grahl. „Ich hatte damit gerechnet. Wir sind nicht so weit von der Akademie.“

„Ja, ja,“ sagte Hermann.

„Was steht in der Zeitung?“

„Nichts Interessantes.“

„Aber du liest sehr interessiert.“ Beide schwiegen. Plötzlich begann Grahl, noch leiser, aber ungleich lebhafter als zuvor: „Du mußt morgen zur Zeitung gehen, den Redakteur des lokalen Teiles besuchen und ihm eine Sache nahelegen. Du weißt wohl schon, hm, was ich meine?“ Das Lächeln, das ihn immer vor der Preisgabe eines Gesichtes, das er zu verbergen gewillt war, beschützte, zog seinen linken Mundwinkel aufwärts.

„Den Namen nicht nennen?“ sagte Hermann sachlich, fast ohne Ausdruck.

„Das ist es, ja,“ sagte Grahl noch leiser. Er häufelte einen Rest von Suppenkraut auf dem Teller. „Höchstwahrscheinlich wird ein Bericht über die Verhandlung erscheinen. Bitte den Redakteur, er möge sich mit den Anfangsbuchstaben begnügen. Statt des vollen Namens deiner Mutter setze er „G.“, zum Schlimmsten „A. G.“. Aber auch nicht den vollen Namen von ... Mörk. Oder vielleicht nur: Die Angeklagte ... der Kläger. Ich denke, der Zeitungsmann wird sich, auf deine besondere Bitte, ohne Weigern solch einer Art von Bezeichnung bedienen. Meinst du nicht auch?“

„Kann sein.“

„Du willst es versuchen?“

„Natürlich. – Uebrigens – ich müßte zu sämtlichen Zeitungen gehen. Kann Gertrud nicht einen Weg übernehmen?“

„Ich möchte, daß Gertrud nicht nur deine Mutter auf diesem entsetzlichen Wege morgen begleitet, sondern auch über den ganzen Tag bei ihr bleibt.“

„Ich werde es besorgen.“

„Gehe zu den drei großen Blättern: Anzeiger, Nachrichten, Städtisches Blatt. – Was für einen Eindruck hast du von deiner Mutter am Abend gehabt? Glaubst du, sie wird überleben, wenn –“

„Ich habe sie nur flüchtig gesehen,“ unterbrach ihn Hermann. „Sie ging schlafen, bald nachdem ich gekommen war. Und in der halben Stunde, daß sie im Sofa saß, konnte ich, wenn ich über den Löffel blickte, ihr Lächeln bemerken, dies unerklärliche Lächeln, das an dem Tage begann, als das Gericht uns die Anklageschrift auf den Rücken schickte.“

„Und was hat sie mit dir geredet?“

„Kein Wort.“

„O dieser Mörk, dieser Mörk,“ stöhnte Grahl, „hätte er niemals das Zimmer bewohnt.“

„Ist sonst noch etwas, Papa,“ fragte Hermann, der aufstand und alle Beilagen nach ihren Nummern zusammenlegte.

„Nein, nichts, mein Junge ... außer den Zeitungsberichten, weißt du.“

„Gute Nacht.“

„Gute Nacht, mein Junge.“

„Noch eins,“ sagte Hermann und wandte, schon an der Tür, den Kopf um ein kleines rückwärts. „Ich werde morgen sehr früh aus dem Hause müssen. Ich sage dir also schon heute für morgen Adieu.“

Grahl hörte noch seine festen Schritte, wie er über den Flur in das Zimmer hinüberging, wo Gertrud lag und wahrscheinlich noch wachte. Dann ging er selber behutsam ins Nebenzimmer. Dort, in dem Bette neben dem seinen, bei einem Lämpchen, das neben der Uhr stand, mit festverschlossenem Munde lag Anna, von ergrauendem Haar das glühende Gesicht umrahmt, aber ohne Bewegung und unhörbar atmend.

Viertes Kapitel.

Am nächsten Morgen beim Kaffeetrinken saß Anna im Sofa. Grahl begann, wie in den letzten Tagen gewohnt, eine Unterhaltung von nebensächlichen Dingen, auf welche Anna mit kargen Worten, dazu mit ihrem beständigen Lächeln einging. Grahl fühlte die Zeiger weiterrücken, er vergewisserte sich, daß seine Zeit schon knapp überschritten war – aber er wollte seine Frau nicht verlassen, ohne ein bestimmtes Wort gefunden zu haben. Er suchte danach. Wie jeden Morgen empfand er es als Unmöglichkeit, Anna in ihrem einsamen Unglück für sich zu lassen. An diesem, dem entscheidenden Tage, erschien ihm das als Verrat, als der Bruch einer Pflicht. Er saß und blickte vor sich in die Tasse – bis Anna aufstand und schweigend die Stube verließ.

Der Morgen war dunkel. Regen sprang auf den blanken Straßen, an den Sielen schäumten die Strudel. Bei der Haltestelle, die in der Nähe der Wohnung gelegen war, hielt Grahl im Laufen inne. Aber die Trambahnen waren bei solchem Wetter kurz vor Beginn der Geschäftszeit so überladen, daß sie die Stationen ohne zu halten durchfuhren. Und Grahl, unfähig auf einem Ort zu verharren, begann zu laufen – aus Furcht vor versäumter Zeit und aus dem Bedürfnis, das Denken in seinem Gehirn zu zerstreuen – in einem Tempo, wie es ein eiliger Schuljunge anschlägt. Er hätte bei tüchtigem Schritt weit länger als eine halbe Stunde für seinen Weg gebraucht – nun lief er mit langen Beinen über die Straße, der Schmutz des Pflasters spritzte an seinen Hosen hinauf, und die Füße, in undichten Stiefeln, wurden vom Wasser gebadet. Er kämpfte um jede Sekunde und erledigte seinen Lauf in siebenundzwanzig Minuten – aber es war mithin doch dreizehn Minuten nach neun geworden.

Als Grahl in die Nähe des Kontorhauses kam, zog er den Hut sehr tief ins Gesicht und ging nahe an den Häusern. Er fürchtete nichts so sehr, als seinem Chef, der selber erst eine Viertelstunde nach neun zu kommen pflegte, hier zu begegnen. Er wußte bereits aus Erfahrung, daß Winters Automobil von der anderen Seite auffuhr – daher hielt er das Auge spähend vorwärts gerichtet, indem er mit kleinen Anläufen dem großen Portal näher kam. Aber noch etwa zehn Schritt vom Eingang entfernt, bemerkte er das blaue Automobil, wie es hielt ... und schon erschien die zum Aussteigen etwas gebückte Gestalt seines Chefs. Grahl, überrascht von diesem Ereignis, stand einen Augenblick still, wie an die Stelle gezwungen. Er wollte zurück. Aber die Vorstellung: wie Winter an seinem leeren Pulte vorbeischreitend, stutzen würde und fragen ... trieb ihn auf’s Geratewohl vorwärts. Wäre er blind gewesen – genauer hätte er nicht ins Verderben hineintappen können. Am Portal war er seinem Chef um einige Schritte voraus, er stieß die Türe auf, aber nur einen schmalen Spalt, durch welchen er selber allein hindurchschlüpfen konnte ... Daß Winter, der nun vor der zugefallenen Tür stand, schon allein wegen der Unhöflichkeit auf den vor ihm Gekommenen aufmerksam werden mußte, sagte Grahl sich nicht. Er kämpfte nur, wie ein Sterbender, um den Augenblick, und wollte nichts weiter denken. Er jagte mit eingezogenem Kopf, an der Kontrolle vorbei, die Treppen hinauf. Indessen fuhr Winter, vom Hauswart höflich bedient, in einem nur für Chefs und höhere Angestellte bestimmten Aufzug die Höhe dreier Etagen aufwärts. Als er durch die Pultreihen kam, langsamen Schritts, um alle Plätze eingehend zu mustern, war Grahl, noch im Straßenjackett, statt wie gewohnt in der schwarzen Lüsterjacke, mit einer Rechnung beschäftigt. Grahls Stirne war dunkelrot. Winter blieb neben ihm stehen ... so lange, bis Grahl seine Augen hob.