Yussuf Khans Heirat

Part 8

Chapter 83,805 wordsPublic domain

„Erhabene Sahibs! Sicherlich ist London die wunderbarste Stadt der Welt. Ihre Schönheit ist märchenhaft, wenn auch von Nebeln verhüllt, und die Tugenden und die Liebenswürdigkeit ihrer Einwohner übertreffen die aller anderen Städte so wie der Koran alle anderen Bücher übertrifft. Wisset (er wendete sich an Allan und seinen Begleiter), erst heute morgens kam ich in Gesellschaft meines jungen Schülers, der uns alle von seinem Diwan mit einem seligen Lächeln betrachtet, hier an. Erst heute morgen trafen wir in dieser Stadt ein, wo wir niemand kannten, und noch vor dem nächsten Morgen haben ich und mein Schüler so viele Freunde gefunden, und sind in diesem Hause der Zehntausend Freuden bewirtet worden, alles durch Stanton Sahibs Verdienst. An diesem Abend, als wir uns von der Tyrannei, die ein alter Sahib, dessen Namen ich nicht nennen will, gegen uns ausübt, befreit hatten, machten mein Schüler und ich uns insgeheim auf einen Streifzug durch London auf (Allan zuckte zusammen), um seine tausend Reize kennen zu lernen, von denen wir in den Lehmhütten, die uns zur Welt kommen sahen, soviel gehört haben. Kaum, o fremde Sahibs, waren wir hundert Schritte gegangen, als wir uns schon verirrt hatten, verwirrt durch die Nebel, die Londons Schönheiten zu verhüllen suchen, und von dem Getöse der zehntausend Feuerwagen. Wir waren verirrt wie die Gottlosen, die die Wahrheit außerhalb des Korans suchen (gepriesen sei sein Name). Wie Abdul Mahbub, mein alter Lehrmeister, singt: ‚Weh dem, der die Wahrheit anderwärts sucht.‘ So verirrt waren wir, als Stanton Sahib, dessen Namen auf dem ganzen Erdenrund gerühmt werden wird, uns auf der Straße sah, sich unser erbarmte (Allan zuckte wieder zusammen), und uns in dieses Haus der Zehntausend Freuden führte. Immer und allezeit wird Stanton Sahibs Name ob dieser Guttat gegen zwei arme Wanderer gepriesen werden. Lasset uns auf Stanton Sahib, den edelsten der Engländer, mit diesem Wein trinken, der frischer ist als Morgentau und kitzelnder als die Lippen eines Weibes. Lasset uns dabei bedenken, was der göttliche Zeltmacher sagt:

O trinke Wein, die Sorgen dir zu brechen, Die zweiundsiebzig Sekten durchzurechen! -- Nie trenne dich von dieser Alchimie, Ein Men davon heilt tausend von Gebrechen![2]

[2] Diese und die folgenden Verse nach der Uebersetzung von Maximilian Rudolf Schenck.

Erhabene Sahibs, lasset uns ...“

Der alte Hofdichter kam nicht weiter; die Anstrengung war zu viel für ihn gewesen, und mitten in seinem letzten Satz plumpste er plötzlich auf einen Diwan, trank die letzten Tropfen aus dem Glas und sah sich mit einem unsteten Lächeln um. Allans Begleiter füllte die Gläser wieder und ließ sich bei dem jungen Engländer nieder, den man Stanton genannt hatte. Allan saß da, in Grübeleien versunken, während seine Augen auf die Tanzenden draußen auf dem Glasboden geheftet waren; das war doch ein mehr als eigentümliches Zusammentreffen, daß er, der nie von diesem Lokal gehört, und die beiden Hindu, die den ersten Tag in London waren, alle drei von wohlwollenden Fremdlingen hier eingeführt wurden ... Er starrte seinen Begleiter an, der mit dem jungen Engländer beschäftigt war. Plötzlich kam ihm eine flüchtige Idee: Hatte er den Mann, der ihn hier eingeführt hatte, nicht in dem Varieté im Leicester Square gesehen? Unmöglich es zu sagen, man sieht ja an einem solchen Ort tausend Gesichter, und das seines Begleiters war nicht besonders auffallend. Und wenn er ihn auch in dem Varieté gesehen hatte? ... Er fuhr unwillkürlich fort, darüber nachzugrübeln, was ihm eigentlich daran, daß gerade +er+ und die beiden Hindu hier im Feuerfresser-Klub saßen, so eigentümlich vorgekommen war. Plötzlich sah er, wie der alte Hofdichter sich erhob und auf etwas unsicheren Beinen zu seinem Platz herankam.

„Junger Mann,“ sagte er und setzte sich auf den Diwan neben dem Allans, „ich will Ihnen etwas anvertrauen.“

Allan neigte lächelnd den Kopf.

„Ich will Ihnen etwas anvertrauen,“ wiederholte der alte Poet. „Dieser Wein, der frischer ist als der Morgentau auf den Berghängen und kitzelnder als die Lippen eines Weibes, ist auch ebenso hinterlistig wie das Herz eines Bewohners der Ebene. Ach, was haben wir von den Frauen, die wir lieben, und dem Wein, den wir trinken? Beide Räusche verschwinden mit dem Morgen. Doch weiß ich nicht, ob der Rausch dieses kitzelnden Weines, der wie ein Frühlingsbach perlt, morgen mit dem Morgen verschwinden wird. Ich bin fast geneigt, es zu bezweifeln; aber wenn es der Fall ist, so denke ich daran, was der göttliche Zeltmacher sagte:

Wein trinken will ich! Trinken, daß der Duft, Wo ich begraben, füllet einst die Luft; Daß all die Waller, trunken noch vom Abend, Im Rausche sinken rings um meine Gruft.

Junger Mann, hüten Sie sich vor dem Wein und den Frauen. Nehmen Sie diesen Rat von dem alten Sänger Ali. Vernehmen Sie, daß mein Schüler, der uns von seinem Diwan aus mit einem milden glücklichen Lächeln betrachtet, über das große Wasser hergekommen ist, um sich zu vermählen. Es ist eine Folge seiner jugendlichen Torheit, daß er zu diesem Zweck einen so weiten Weg macht. Er ist wie der Steinbock, der mühsam ins Dschungel herabwandert, um dort von den Tigern gefressen zu werden. Das beweist, daß ich ihm ein schlechter Lehrer gewesen bin. Lasset uns trinken!“

Allan erhob sein Glas.

„Verehrungswürdiger Dichter,“ sagte er, „wissen Sie, daß wir im selben Hotel wohnen?“

Der alte Poet sah ihn mit Augen an, die vom Wein verdunkelt waren.

„Und wenn dem so ist?“ sagte er. „Ein Wohnort, was ist ein Wohnort? Je mehr ich von diesem gelben Wein trinke, desto besser verstehe ich den göttlichen Zeltmacher, und wenn Sie von Hotels sprechen, junger Mann, denke ich daran, was er gesagt hat:

O alte Welt! Du altes Herbergshaus, Wo Tag und Nacht gehn ewig ein und aus, Du warst die Bettstatt schon von tausend Dschemschids, Der Rest von tausend Behrams reichem Schmaus.

Was bedeutet es, ob wir im selben Hotel wohnen. Ein anderer liegt morgen in dem Bett, das noch von uns lau ist.“

„Gottlob ist der Champagner für uns noch kalt,“ sagte Allan. „Prost! Seine Königliche Hoheit dort auf dem Diwan scheint ein bißchen ermüdet.“

„Mein Schüler“, sagte der alte Hofdichter, indem er sein Glas austrank, „ist noch nicht recht vertraut mit dem Wein der weißen Sahibs. Seine verräterische Süßigkeit hat ihn überwältigt. Bei der Erkenntnis dessen schaudere ich, wenn ich an die blauäugigen weißen Frauen denke, von denen er träumt. Sicherlich hat Nasirabads letztes Stündlein geschlagen, wenn eine von ihnen ihn in ihre Arme schließt. Woher wissen Sie, wer mein Schüler ist?“

„Ich habe ja schon gesagt, daß wir im selben Hotel wohnen.“

Kurz nach dieser letzten Antwort mußte auch Allans Bewußtsein sich umnebelt haben. Auf jeden Fall war es das Letzte, was er am nächsten Tag aus seiner Erinnerung hervorzuholen vermochte. Auch in die Handlungen, die er und die anderen Anwesenden darnach vornahmen, konnte er keine Klarheit bringen. Er erinnerte sich undeutlich, daß er, nachdem er noch ein paar Gläser getrunken, aufgestanden und unter der heiteren Zustimmung seines eigentümlichen Begleiters, der noch immer im Gespräch mit Mr. Stanton dasaß, durch die Draperien in die Loge Nr. 6 gewankt war, aus der Mr. Stanton und seine Schützlinge gekommen waren. Ein paar Augenblicke starrte er die Loge an, die ebenso eingerichtet war wie die andere, und den Tanz, der draußen auf dem Glasboden unablässig weiterging. Dann legte er sich auf einen Diwan.

Das nächste, woran er sich dann erinnerte, war, daß sein Begleiter und Mr. Stanton durch die Draperie zu ihm hineinguckten; sie sahen auf ihre Uhren, lächelten und zogen sich in die Loge Nr. 5 zurück; er fing noch den Laut der Stimme des alten Hofdichters auf, der irgend etwas rezitierte, und ein Schnarchen, das vermutlich von Yussuf Khan kam.

Vermutlich war er selbst gleich darauf eingeschlummert, aber es ist unsicher, wie lange er geschlafen hatte, als er mit einemmal klar wach war, so wie es manchmal vorkommt, von einer Idee gepackt, einer halben Ahnung, wie man sie im Schlaf hat, einer Idee, die ihn dazu brachte, sich kerzengerade auf dem Diwan aufzusetzen und vor sich hinzustarren. War +das+ der Zweck des Ganzen. Waren deshalb gerade er und die beiden Inder in dieses eigentümliche Lokal geführt worden? Hatte deshalb sein Begleiter eine so plausible Erklärung für Herrn Mirzls Vorgehen geben können? ... Dann war +eine+ Sache sicher -- er mußte sich eilen, wollte er ihre Pläne durchkreuzen; und eine andere Sache beinahe noch sicherer -- er mußte mit äußerster Vorsicht zu Werke gehen, wenn es ihm gelingen sollte ... Noch wirr im Kopf von dem Champagner und unsicher auf den Beinen nach dem Schlaf erhob er sich von dem Diwan und schlich, so leise er konnte, zur Logentüre. Dort angelangt, blieb er stehen und sah vorsichtig nach den Draperien zur Loge Nr. 5. Sie hingen regungslos, kein Laut war von dort drinnen zu hören. Er drückte vorsichtig die Klinke nieder. Sie gab lautlos nach. Gott sei Dank, die Türe war also nicht verriegelt, wie er schon befürchtet hatte.

Er öffnete sie so behutsam er konnte, und guckte mit einem Auge in die Halle. Sie war leer; von dem orientalisch gekleideten Diener war nichts zu sehen. Mit noch einem gemurmelten Segensspruch auf den Zufall oder die Vorsehung ging er zur Türe hinaus, schloß sie hinter sich zu und schlich auf den Zehen zu zwei großen Doppeltüren mit elegant vergitterter Glasfüllung. Nur fort, so rasch als möglich. Er sah hastig auf seine Uhr, die fast zwei zeigte -- keine Zeit, an Ueberrock und Hut zu denken -- als er eine Entdeckung machte, die ihn zurücktaumeln ließ.

Die großen Hallentüren waren ebenso fest und unerschütterlich verschlossen wie eine Gefängnispforte!

Für einen Augenblick stand er wie gelähmt da, fast bereit, in die Loge zurückzukehren und die Dinge ihren Lauf nehmen zu lassen. Dann jedoch gewann die Empörung die Oberhand, und er begann mit zusammengebissenen Zähnen nach einer Möglichkeit zu suchen, den Leuten dort drinnen ein Schnippchen zu schlagen. Er grübelte und grübelte, während seine Augen rings um die Halle irrten, jeden Augenblick darauf gefaßt, den Diener auftauchen zu sehen. Die Halle bog sich nach rechts und links zu Korridoren um, die die Logen rings um den Saal mit dem gläsernen Boden umschlossen. Vielleicht war dort irgendein Ausgang? Er verjagte den Gedanken an diese Möglichkeit ebenso rasch, als er aufgetaucht war. Fand sich dort irgendein Ausgang, so war er sicherlich ebenso fest verrammelt wie der Hauptausgang. Der Diener in der orientalischen Gewandung hatte natürlich dafür zu sorgen, daß kein Unberufener herein oder heraus kam; und diesem Diener wollte er keinesfalls begegnen. Er hätte darauf schwören mögen, daß er seine Weisungen hatte! -- War das Spiel also verloren? Schon waren drei Minuten vergangen, seit er die Loge verlassen hatte -- hallo!

Mit einem Male fiel ihm etwas ein.

Er sah die Szene wieder, als er mit seinem wunderlichen Begleiter herausgekommen war; der Diener hatte ihre Ueberkleider genommen und sie in die Garderobe hinüber getragen, deren Türe er durch den Druck auf einen Knopf geöffnet hatte. Und drinnen in der Garderobe hatte Allan einen Augenblick eine halb offene Türe gesehen, die zu einer Hintertreppe führte. ... Ohne diesen Gedanken zu Ende zu denken oder die Chancen zu berechnen, ob er auch den Knopf zur Garderobetüre entdecken und die andere Türe geöffnet finden würde, stürzte Allan quer durch die Halle zur Garderobetüre. Er ließ die Finger über die Wand fahren, auf die er den Diener drücken gesehen hatte; Sekunde für Sekunde verging, von seinem Herzen mit einem Hämmern markiert, das man seiner Empfindung nach durch das ganze Haus hören mußte; seine Finger flogen über die Wand hin und her, ohne jedes Resultat. Halb verzweifelt ließ er die Hände sinken und starrte die Wand an. Seine Verzweiflung ging in kindische Erbitterung über; er versetzte der Wand einen Faustschlag, der dumpf krachte und weh tat, aber -- o Wunder! -- im selben Augenblicke öffnete sich die Türe. Im nächsten war Allan in der Garderobe und zog die Türe hinter sich zu, ohne zu bedenken, daß er keine Zündhölzchen bei sich hatte. Er tappte zu den Ueberkleidern, die er dort drinnen hängen gesehen hatte, und durchsuchte mit fiebernden Händen eine Tasche nach der andern: Die internationalen Feuerfresser schienen den Gebrauch von Zündhölzchen abgeschworen zu haben, und sie hätten doch die Nächsten dazu sein sollen! Ohne daran zu denken, was er in Gestalt von gebrochenen Beinen und ähnlichem riskierte, gab er seine Nachforschungen in den Ueberrocktaschen auf und tastete sich zu jener Ecke der Garderobe, wo er am Abend die offene Türe gesehen hatte. Eigentümlicherweise fand er sie so gut wie gleich, und zwar noch immer angelehnt.

Er öffnete sie ganz und machte mit ausgestreckten Händen ein paar vorsichtige Schritte über die Schwelle. Er fand ein eisernes Geländer und konstatierte, daß da eine Wendeltreppe sein mußte. Er trat einen Schritt zurück und schloß die Türe zur Garderobe wieder, um keinerlei Spuren zu hinterlassen; dann begann er die Wendeltreppe herabzusteigen, so rasch er es bei dieser Dunkelheit wagen konnte.

Wenn der Leser je eine dunkle Treppe in einem fremden Hause ohne andere Richtschnur als das Gefühl hinauf oder hinunter gegangen ist, dürfte dem Leser eines aufgefallen sein: Sie erscheint ebenso endlos wie ein Satz eines besseren lateinischen Schriftstellers. Wenn der Leser diese Beobachtung nicht gemacht hat, hat der Leser nie einen besseren lateinischen Schriftsteller gelesen. Allan Kragh, der in dieser Hinsicht zu den Bevorzugten gehörte, hatte Gelegenheit zu konstatieren, daß die Wendeltreppe, die er gefunden, gut und reichlich so lang war, wie der Satz, wo Livius seine Reflexionen über die Schlacht bei Cannae beginnt. Er glaubte Aeonen gegangen zu sein und fragte sich schon, ob die Treppe zu den Verließen des Feuerfresserklubs führte, zum Inferno oder zu irgendeiner Station der Londoner Untergrundbahn, als die Treppe plötzlich ein Ende nahm und er vor einer Türöffnung stand, durch die graues Nachtlicht hereinrieselte. Er eilte so eifrig hinaus, als sei es die Pforte zu einem verzauberten Garten. Sie führte jedoch nur zu einem dunklen Brunnen -- wenigstens kam es ihm so vor. Himmelhohe Hausgiebel und Feuermauern erhoben sich auf allen Seiten, mit oder ohne Reihen von dunklen Fenstern. Er suchte die Finsternis rings um sich mit den Blicken zu durchdringen. Sollte er seine Flucht nur unternommen haben, um in eine Falle geraten zu sein? Er begann sich zwischen den Gegenständen auf dem Grund dieses Schachtes, der sich nach links ausbuchtete, weiterzutasten. Er folgte der Hausmauer. Nun kam eine Biegung im rechten Winkel, dann wieder eine in der früheren Richtung. Plötzlich fand sich Allan, mit einem Ruf der Erleichterung, vor einem Gitter zwischen zwei hohen Hausgiebeln, von denen der eine mit Efeu bewachsen war. Ohne eine Sekunde zu zögern, begann er das Gitter zu überklettern und kam mit einem zerrissenen Hosenbein auf die andere Seite hinüber. Die Straße, in der er nun stand, war kurz und sah sehr vornehm aus. An ihrem einen Ende war ein offener Platz, undeutlich beleuchtet; und auf diesem entdeckte Allan zu seiner unbeschreiblichen Freude nichts Geringeres als ein Cab.

Der Cabby unterzog ihn einer genauen Okularbesichtigung und stellte die Forderung eines Vorschußerlages, bevor er das Pferd aus seinem beschaulichen Schlummer riß und es dem Grand Hotel Hermitage zutraben ließ. Herren ohne Hut und Ueberrock um diese Tageszeit flößten ihm offenbar gemischte Gefühle ein. Allan drinnen im Cab kam es vor, als rührte sich dieser gar nicht vom Fleck; Straße um Straße passierten in unendlicher Prozession vorbei, Häuser, Häuser und Häuser, Firmenschilder und Schilder, die eine rotgelbe Gaslaterne nach der anderen. Er starrte die Zeiger seiner Uhr an, wie sie dahinkrochen -- immerhin bedeutend schneller als der Cab, schien es ihm. Hier und da sandte er durch die Dachluke dem Cabby einen flehentlichen Ruf zu; jedesmal kam ein Ruck der Zügel als Antwort und eine schwache Reaktion in der Mähne des Pferdes. Es wurde zehn Minuten vor halb drei, fünf Minuten vor halb drei. Jetzt kam er sicherlich zu spät ... Endlich bog der Cab in eine breitere asphaltierte Straße ein, die er erkannte, und stand auf dem Monmouth Square.

Das Grand Hotel Hermitage lag stumm und schlummernd da, kaum ein Fenster der großen Fassade war beleuchtet; es schien Allans Ahnungen wenig Berechtigung zu geben. Und doch dauerte es kaum so lange, bis er in die Halle gekommen war, als ihm auch schon die Bestätigung wurde, die er zugleich befürchtet und ersehnt hatte.

Der Nachtportier, der den Seiteneingang mit einem erstickten Gähnen geöffnet hatte, erstickte dieses gänzlich, als er Allan erblickte. Er prallte zwei Schritte zurück und starrte Allan wie ein Gespenst an.

„Wer sind Sie?“ rief er.

„Nr. 417!“ rief Allan. „Rasch! Kommen Sie mit! Es ist keine Minute zu verlieren.“

„Aber ich habe Sie doch vor zwei Stunden nach Hause kommen sehen ...“

„Ich weiß! Ich weiß! Ich werde Ihnen schon alles später erklären. Man hat ein Verbrechen geplant -- ist Mr. Bowlby mit seiner Familie schon nach Hause gekommen?“

„Nein, aber -- --“

„Kein Aber! Die Stiege hinauf in ihre Wohnung, und rasch, wenn wir verhindern wollen, was man geplant hat!“

Ohne sich auf weitere Erklärungen einzulassen, packte Allan den verblüfften Portier beim Arm und zog ihn die Treppe hinauf, zur Suite der Familie Bowlby im zweiten Stockwerk. Als sie den großen Treppenabsatz im ersten Stockwerk passierten, warf Allan einen Blick in den Korridor, wo die Zimmerflucht lag, die Bowlbys früher inne gehabt hatten und die nun vom Maharadscha bewohnt wurde. Er sah seine Annahme bestätigt: Fünf Mann von Yussuf Khans zehn Mann starker Leibgarde hielten vor den Türen seiner Wohnung Wache. Diesen Weg hatten also die Betreffenden nicht einschlagen können, und deshalb hatten sie eben -- -- er verdoppelte seine Schritte. Würde er noch zurecht kommen? war der einzige Gedanke, für den er Raum hatte. Den Portier hinter sich herschleppend, erreichte er die Türe zu Mr. Bowlbys Privatrauchzimmer -- dem Zimmer, das infolge seiner Lage und aus anderen Gründen das sein mußte, das die Betreffenden für ihre Operationen gewählt hatten. Der dicke Teppich im Korridor dämpfte den Laut ihrer Schritte; und richtig, als sie die Türe erreicht hatten, und einen Augenblick davor stehen blieben, war drinnen eben jenes Geräusch zu hören, das Allan erwartet hatte, ein gedämpftes Scharren wie von einer Feile oder Säge ... Allan packte die Klinke.

Die Türe war verriegelt.

„Ich verdammter Esel,“ murmelte Allan heiser. „Portier, haben Sie Doppelschlüssel? Uebrigens was wollen wir mit Doppelschlüsseln? Ein Stemmeisen, und zwar rasch!“

„Ein Stemmeisen?“ Der Portier starrte Allan wie einen Wahnsinnigen an.

„Ich sage,“ flüsterte Allan atemlos, „hier wird ein Attentat begangen, das das Hotel für immer in Verruf bringen wird! Wissen Sie, was für ein Zimmer unmittelbar hier darunter liegt?“

Der Portier dachte eine Sekunde mit weit aufgerissenen Augen nach.

„Das Privatschlafzimmer des Maharadscha!“ murmelte er schließlich.

„Wo er alle seine Juwelen hat! Verstehen Sie jetzt? Begreifen Sie, daß dieser Herr, der vor zwei Stunden herkam, nicht ich war, sondern ein verkleideter Einbruchsdieb! Rasch, ein Stemmeisen, und lassen Sie ihn uns fangen, so lange es noch Zeit ist.“

Endlich ging dem Portier ein Licht auf. Er schoß wie ein Pfeil die Treppen hinunter, und Allan stand allein vor der verriegelten Türe, die er mit den Augen verschlang. Der verdammte Mirzl! +Wenn+ Allan nicht auf die Gedanken verfallen wäre, dies ihm im Feuerfresserklub gekommen waren, hätte jetzt wohl +er+ die Ehre des Einbruchs ...

Allan kam in seinem Gedankengang nicht weiter. Urplötzlich, ohne daß er einen Laut gehört hatte, wurde die Türe vor ihm aufgerissen; Jemand im _evening-dress_, der ihm selbst ähnlich sah, packte ihn bei den Armen, drehte ihn im Kreise herum wie ein Kind und warf ihn in das Zimmer hinein, vor dem er gewartet hatte. Er wurde einfach hingeschleudert wie ein toter Gegenstand und konnte noch gar nicht daran denken, sich zu erheben, als das elektrische Licht im Zimmer erlosch und er sich in abgrundtiefer Finsternis befand. Sein Kopf tickte und summte wie ein Uhrmacherladen, und seine Augen sahen mehr Sterne als sich je auf einer Kognakflasche befunden haben. Endlich war er wieder auf den Beinen und tappte, so rasch er konnte, zur Türe. Sie war versperrt. Er warf sich dagegen, ohne daß sie nachgab. Es gelang ihm, den elektrischen Kontakt zu finden, und er drehte ihn herum, so wie man eine Uhr aufzieht, ohne daß auch nur ein Lichtfünkchen kam. Endlich hörte er eilige Schritte dort draußen, ein Rütteln an der Türe und die Stimme des Portiers:

„Haben Sie ihn drinnen? Haben Sie den Hauptkontakt abgedreht?“

Allan bemühte sich die Worte zu unterdrücken, die ihm auf der Zunge lagen.

„Um Gottes willen!“ schrie er, „so lassen Sie ihn doch nicht entwischen! Versperren Sie den Ausgang! Telephonieren Sie der Polizei! Er hat mich hier drinnen eingesperrt!“

Er hörte den Portier die Treppe hinunter verschwinden, ohne sich auch nur die Zeit zu nehmen, den elektrischen Kontakt aufzudrehen, und es verging eine Ewigkeit, während der er, vor Ungeduld schnaubend, vor der verriegelten Türe auf und ab tanzte. Von Zeit zu Zeit unternahm er einen neuen Versuch, sie zu sprengen. Immer vergeblich. Es mochten vielleicht zehn Minuten vergangen sein, die ihm wie zehn Jahrhunderte vorkamen, als er zum zweiten Male draußen Schritte hörte, diesmal von mehreren Personen. Das Zimmer füllte sich plötzlich mit Licht, und ein Schlüssel drehte sich im Schloß. Er riß selbst die Türe auf und fand draußen den Portier, atemlos vor Erregung, in Gesellschaft von zwei Polizisten. Er setzte zu Erklärungen und Fragen an, aber ein Ausruf des einen Polizisten kam ihm zuvor.

„Nanu! Einbruchsversuch, todsicher! Sehen Sie mal!“

Allan drehte sich nach der Richtung um, in die der Konstabler wies. Wenn es noch eines Beweises für die Richtigkeit seiner Ahnungen bedurft hätte, so hatte er ihn nun.

Eine Oeffnung von etwa sechzig Zentimeter im Durchschnitt klaffte im Fußboden, daneben lag ein geschlossener Regenschirm und eine Anzahl Holzscheiben und etwas Mörtel. Er starrte verständnislos den Regenschirm an, bis der eine Polizist auf das Loch im Boden zueilte und den Regenschirm aufhob. Er spannte ihn auf; es zeigte sich, daß er eine Quantität Sägespäne, Mörtel und Gips enthielt. Der Polizist nickte:

„Der gewöhnliche Trick, damit der Mörtel nicht in das Zimmer darunter fällt! Seine Strickleiter hat er glücklich mitgenommen.“

Endlich fand Allan die Sprache wieder.

„Ist er entwischt?“

Der Portier nickte düster.

„Er hat sowohl den Hauptkontakt abgedreht wie den Etagenkontakt für dieses Stockwerk. Die sind beide hier drüben in der Treppenhalle. Ich stand unten im Bureau und klingelte die Polizei an. Als es plötzlich dunkel wurde, stürzte ich die Treppe hinauf. -- Sie brauchen mich nicht so anzusehen, Sir; was hätten denn Sie getan? In solchen Fällen ist man immer nachher am klügsten. Ich merkte in der Dunkelheit nichts, bis ich den Hauptkontakt aufgedreht hatte -- den Etagenkontakt vergaß ich ganz. Im selben Augenblicke sehe ich jemand die Treppe hinunter verschwinden. Ich stürze nach --“

„Ist er denn +erst dann gegangen+?“ rief Allan, „warum ist er so lange dageblieben?“

„Da müssen Sie einen anderen fragen, Sir. Ich stürzte ihm nach, aber es war zu spät. Er war, bevor ich nur mau sagen konnte, schon draußen und in einem Auto, das in der Nähe des Hotels stand. In diesem Moment kamen die Konstabler --“

Der eine der erwähnten Konstabler unterbrach ihn.

„Wir müssen ein Protokoll aufnehmen,“ sagte er.

„Ist das notwendig?“ murmelte der Portier. „Der Maharadscha -- Bedenken Sie den Ruf des Hotels!“

„Wir halten einstweilen alles geheim, wenn Sie selbst nicht darüber sprechen.“