Yussuf Khans Heirat

Part 7

Chapter 73,456 wordsPublic domain

Aus Diskretion -- sowohl gegen das Etablissement wie gegen die hochgestellte Person, deren Name sich auf dem Titelblatt dieses Buches findet -- müssen wir das Lokal, das den Rahmen um das sechste Kapitel bildet, mit den fünf ersten Worten benennen, die hier oben stehen. In gewisser Weise weicht dieser Name auch nicht so sehr von dem wirklichen Namen ab; und wer London gut kennt, kann vielleicht herausfinden, was für ein Lokal wir meinen und wo Allan Kragh gewisse wunderliche Abenteuer in der Nacht zum 16. September erlebte.

Als Allan das Grand Hotel Hermitage nach halb neun verließ, hatte er keinen bestimmten Plan für den Abend. Er schlenderte nach Leicester Square hinunter, ging ins Empire und sah eine Vorstellung, die aufs Haar allen anderen Varietévorstellungen glich. Sie bereitete ihm keinerlei Enttäuschung, aber, wie ein hervorragender Schriftsteller von der Zigarette, dem Typus des Genusses sagt -- sie reizte ihn und ließ ihn unbefriedigt. Er empfand das, was er so oft bei den Eskapaden der Studentenzeit empfunden und was ihn schon soviel Geld gekostet hatte, eine ausgesprochene Unlust, nach Hause zu gehen. Er bog in eines der Gäßchen hinter dem Empire ein, schlenderte da aufs Geratewohl herum, ohne irgendwelche Angst vor den Typen, die das Londoner Abendleben bot, und ohne die zweifelhafte Beleuchtung weiter zu beachten. Wenn wir sagen würden, daß er sich dabei beobachtet oder verfolgt fühlte, so wäre dies eine Unwahrheit; aber trotzdem ist es, wie die Fortsetzung zeigen wird, Tatsache, daß er seit dem Verlassen des Hotels beobachtet und verfolgt und mit infernalischer Geschicklichkeit gerade an jenen Ort gelotst wurde, wo man ihn haben wollte. Urplötzlich befand er sich in, ja, in der Straße, in der +Das Loch in der Wand gelegen+ ist. Er blieb vor der diskret beleuchteten Fassade stehen, die irgendeinem kleinen Café in kontinentalem Stil anzugehören schien. Sollte man nach Hause gehen und Mr. Bowlbys Einladung Folge leisten oder nicht? Ein anderer Herr tauchte plötzlich auf, öffnete die Türe zum Loch in der Wand und blieb einen Augenblick auf der Schwelle stehen; Allan sah im Flug einen Raum, der einladend aussah, und faßte seinen Entschluß. Fast in den Fußstapfen desjenigen, der die Türe geöffnet hatte, trat er ein, nachdem er auf seine Uhr gesehen. Sie zeigte zwanzig Minuten über elf.

Das „Loch in der Wand“ erwies sich als eine Kombination von englischer _private bar_ und kontinentalem Café, dem Aussehen nach überaus respektabel. Ein mattglänzendes Mahagonibüfett in Halbmondform wölbte sich um die rechte Längsseite des Raumes, dahinter thronten drei diskret gekleidete Barmaids. Alle schön, aber von ebenso respektablem Aussehen wie die Bar, in der sie figurierten. Die linke Hälfte des Raumes hatte Korbstühle und kleine Tischchen. Da war ein offener Kamin, augenblicklich unbenützt, und ein Tischchen mit Zeitungen und Zeitschriften. Die Beleuchtung war ebenso diskret und angemessen wie die übrige Einrichtung.

Für den Augenblick waren sämtliche hochbeinige Stühle an der Bar von Herren in Frack und weißer Krawatte besetzt, die offenbar, so wie Allan, auf dem Heimwege vom Theater oder von einer Gesellschaft einen Blick hereingeworfen hatten. Der Mann, der unmittelbar vor Allan eingetreten war, saß an einem der kleinen Tischchen. Allan ließ sich am Nebentisch nieder, bestellte einen Whisky und gab sich der Betrachtung der drei schönen Barmädchen hin. Die eine von ihnen war von schwedischem Typus, mit länglicher Kopfform, schmalem Gesicht und hellblauen Augen. Allan, der eben den ersten Schluck von seinem Whisky getrunken hatte, fühlte sich mit einem Male heimisch und verspürte die Lust, mit jemand zu plaudern. Er wendete sich seinem Nachbar am nächsten Tisch zu und fand, daß dieser ihn beobachtete. Allans Wunsch gleichsam zuvorkommend, beugte er sich lächelnd vor und sagte auf deutsch:

„Entschuldigen Sie, wenn ich mich vielleicht irre, aber sind wir nicht Landsleute?“

Allan hatte jetzt lange Zeit immer nur englisch gesprochen und empfand es als eine angenehme Abwechslung, einmal eine andere Sprache zu reden. Er schüttelte den Kopf:

„Nein, ich bin kein Deutscher, aber ich spreche Ihre Sprache. Sie finden, daß ich deutsch aussehe?“

Der Fremde fuhr fort ihn zu mustern.

„Hm, vielleicht ja, bei näherer Betrachtung vielleicht nein. Sie haben etwas Unenglisches ... ich weiß nicht recht was, und ich bildete mir ein ...“

Allan nickte.

„Es ist nicht das erstemal, daß ich für einen Deutschen angesehen werde. Aber das vorigemal war es nicht gerade angenehm!“

„Wieso? War es in Frankreich?“

„Nein, in Deutschland.“

„Aber wirklich? In Deutschland kann es doch keine Unannehmlichkeiten verursachen, für einen Deutschen gehalten zu werden. Das ist ja nur sehr schmeichelhaft für Ihre Sprachenkenntnisse.“

„Es war leider in anderer Beziehung weniger schmeichelhaft. Die Sache verhält sich nämlich so, daß ich für eine bekannte, ja allzu bekannte Persönlichkeit gehalten wurde, von der ich nicht weiß, ob +Sie+ sie kennen, nämlich Benjamin Mirzl. Ja, ich wurde sogar als er angehalten.“

„Von der Polizei? Als Benjamin Mirzl?“

„Allerdings, und mußte fast zwei Tage für Herrn Mirzl sitzen. Sie kennen diesen Mirzl also?“

„Wer kennt Mirzl nicht dem Namen nach? Und da Sie für ihn gehalten wurden, weiß ich jetzt also wie er ausschaut.“

„Er wird wohl nicht lange dasselbe Aussehen beibehalten, damit können Sie also nicht so sicher rechnen. Trinken Sie etwas?“ fügte Allan hinzu, tief wurzelnden nationalen Instinkten folgend.

Der Fremde lachte.

„Mit Vergnügen, danke, Herr Mirzl.“

Allan lachte.

„Ich glaube, Sie können ebenso gut Mirzl sein, wie ich. Zwei Whisky mit Soda, _please_!“

Sein Gegenüber schob seinen Stuhl näher heran. „Wollen Sie nicht diese Geschichte mit Mirzl erzählen?“ sagte er. „Wenn es kein allzu schmerzliches Thema für Sie ist!“

„Keineswegs. Mirzl ist vielleicht ein Schurke ...“

„Sicherlich! Ich kann Ihnen später einiges darüber erzählen.“

„... Aber wenigstens ein Schurke, der sein Handwerk versteht, -- Sie werden es aus meiner Erzählung ersehen -- und der Humor hat. Ich bin ihm gar nicht böse, daß er mir mein ganzes Gepäck gestohlen hat und mich zwei Tage für ihn im Arrest sitzen ließ!“

„Er hat Ihr ganzes Gepäck gestohlen? Und Sie sind nicht böse! Sie sind wirklich freisinnig. Erzählen Sie doch!“

Allan stärkte sich aus dem Glas und wiederholte noch einmal die Geschichte, mit der er schon die Familie Bowlby erquickt hatte. Der Fremde horchte mit weit offenen Augen und stieß hier und da einen Ausruf aus. Als Allan zu Herrn Mirzls Ausbleiben vom Rendezvous in Leicester Lounge kam, zur Zurückgabe der Koffer und dem vergeblichen Versuch, den Dienstmann aufzuspüren, fing er so zu lachen an, daß es in der Bar widerhallte. Als Allan geschlossen hatte, beugte er sich mit Tränen in den Augen vor.

„Ein Dienst ist des anderen wert,“ sagte er. „Ihre Geschichte ist das Tollste, was ich seit langer Zeit gehört habe. Haben Sie heute abend Zeit, so möchte ich Ihnen etwas zeigen, das, wie ich glaube, +Ihnen+ ein bißchen Spaß machen wird, da Sie neu in London sind. Haben Sie Lust?“

Allan sah auf seine Uhr. Es fehlten zehn Minuten auf zwölf.

„Ich glaubte, man schließt um diese Zeit überall in London?“

„Man schließt spätestens um eins, aber +nicht überall+. Es gibt Orte ... hier zum Beispiel.“

„Hier! In dieser kleinen Bar! Ich finde, es sieht so aus, als ob der Barmann sich schon anschicken würde, uns hinauszubefördern.“

„Das würde er auch mit Ihnen tun, wenn Sie allein wären. Aber zufälligerweise gehöre ich zu den Eingeweihten.“

„Aber in dieser kleinen Bar sitzen zu bleiben ...“

„Urteilen Sie nicht nach dem äußeren Schein, junger Mann. Nur bei den Römern war der Eingang zum Avernus leicht. Hier muß sogar der Eingang zu einer Taverne schwer sein.“

Der Fremde lachte herzlich über sein eigenes philologisches Wortspiel und ging zur Bar, wo der Bartender -- ein dicker glattrasierter junger Mann von dem Aussehen eines Wettrenntrainers -- jetzt allein war und die Kasse überzählte. Die drei schönen Barmädchen waren verschwunden. Allan sah seinem neuen Bekannten interessiert nach. Es war ein kleiner, ziemlich untersetzter Herr mit glänzendem, schwarzem Haar und jener, beinahe blauvioletten Gesichtsfarbe, die vom vielen Rasieren kommt und bei Schauspielern nicht selten ist. Nun kam er zu Allan zurück.

„Nun, wie ist es? Haben Sie Lust, sich das kleine Lokal des internationalen Feuerfresserklubs anzusehen?“

„Internationaler Feuerfresserklub?“ wiederholte Allan. „Hat der Klub strenge Eintrittsbedingungen?“

„Ueberaus milde, wenn man von einem Klubmitglied vorgestellt wird. Sonst sehr strenge. Uebrigens heißt der Klub nicht so. Das ist nur ein Kosename unter den Mitgliedern.“

Allan erhob sich.

„Führen Sie mich in den Klub ein, wenn Sie wollen,“ sagte er. „Es wird mir ein großes Vergnügen sein, die Gepflogenheiten der Feuerfresser kennen zu lernen.“

Der Fremde rief dem Mann, der eben die Eingangstüre der Bar verriegelte, etwas zu. Der Barmann zog pfeifend eine Draperie zurück, die im Hintergrunde des Cafés hing, und einige Schritte weiter in einem Korridor erblickte Allan einen Aufzug. Der Fremde winkte ihm, vor ihm einzusteigen, und Allan tat es arglos. Als er später über die Abenteuer dieser Nacht nachdachte, wunderte es ihn am meisten, daß man nicht -- aber der Leser wird noch früh genug Gelegenheit finden, seine Verwunderung zu teilen.

Der Fremde stieg nach ihm ein und drückte auf einen Knopf. Der Lift glitt hinauf, so überaus langsam, daß er noch die Lifts des Grand Hotel Hermitage bei weitem übertraf, und machte es Allan ganz unmöglich, zu beurteilen, wie hoch er hinaufging -- er war mit mattgeschliffenen Glasscheiben versehen. Allan dachte jedoch im Augenblicke nicht daran, er dachte nämlich an etwas ganz anderes und wandte sich an seinen Begleiter:

„Verzeihen Sie mir, aber wie soll ich denn wieder hinauskommen? Die Bar schließt ja.“

Der Fremde lachte.

„Dabei werde ich Ihnen schon behilflich sein. Es gibt einen anderen Ausgang. Nun sind wir da.“

Der Fahrstuhl blieb so vorsichtig stehen, als hielte er vor einer Krankenwohnung. Der Fremde zog die mattgeschliffene Doppeltüre auf und schob Allan in eine große Vorhalle, deren Boden mit dicken Teppichen belegt war. Ein Diener in orientalischem Phantasiekostüm kam herbeigeeilt und verbeugte sich, als er Allans Begleiter erblickte, sehr tief.

„Die Loge Nummer fünf steht bereit, Sir,“ sagte er.

Das ist eigentümlich, dachte Allan, hat er die Loge schon vorher reserviert? Oder kommt er jeden Abend her?

Sein Begleiter hatte sich rasch zu dem Diener herabgebeugt und flüsterte ihm etwas zu. Der Diener erwiderte etwas, worauf der Schwarzhaarige einen Pfiff hören ließ.

„Schon in der Loge Nummer sechs!“

„Ja, Sir, sie sind vor einer halben Stunde gekommen.“

„_All right._ Ist die Passage frei?“

„Ja, Sir.“

Allans Begleiter drehte sich lächelnd zu ihm um.

„Entschuldigen Sie, wenn ich geheimnisvoll wirke,“ sagte er. „Ich habe mich nur nach einem Bekannten erkundigt.“

„Sie müssen oft herkommen,“ sagte Allan, „da eine Loge für Sie reserviert ist.“

„Ja, ich komme hie und da her. Wollen Sie nicht den Ueberrock ablegen? Es pflegt hier sehr warm zu sein.“

Allan legte Rock und Hut ab und reichte sie dem Diener; sein Begleiter tat das gleiche und ging auf eine Türe zu, die einen vergoldeten Fünfer zeigte. Allan ging ihm nach, aber folgte halb unbewußt dem orientalisch gekleideten Diener mit dem Blick. Er sah ihn auf einen Knopf drücken, wobei die Türe zu einer Art Garderobe aufsprang, in der er die Ueberkleider unterbrachte, die er in Empfang genommen hatte. Rechts in der Garderobe sah Allan flüchtig eine halb geöffnete Türe mit einem schmalen Treppenaufgang dahinter. Alles dies nahm kaum drei Sekunden in Anspruch; aber wie es sich später zeigte, hing von diesen drei Sekunden der Ausgang der Abenteuer des Abends ab. Nun war er wieder an der Seite seines Begleiters. Dieser drehte sich lächelnd zu ihm um.

„Ich habe das Vergnügen, Sie in den Klub der internationalen Feuerfresser einzuführen,“ sagte er und öffnete die Türe, die die vergoldete Ziffer 5 zeigte. „Treten Sie ein!“

Allan trat vor ihm ein. Bei dem Anblick, der sich ihm bot, zuckte er erstaunt zusammen. Er hatte sich irgendein kleines Klublokal von halb zweideutiger Sorte erwartet, aber was er sah, war unleugbar etwas ganz anderes.

Die „Loge“, in der er stand, war eine Art Mittelding zwischen gewöhnlicher Theaterloge und Tribüne -- sie lag ein paar Fuß über dem Boden der großen Halle und war von dieser durch eine Rampe von flackernden Kerzenflammen getrennt, die der Halle zugekehrt waren. Die Beleuchtung der Loge kam von oben, aus einem Netz von Geißlerschen Röhren, durch die ein regenbogenschimmerndes Licht in feinen, lautlosen Fluten strömte. Die Wände waren ganz unter schweren Draperien verborgen. Es stand ein gedeckter Tisch da, mit Kuverts für zwei Personen. Der Tisch hätte jedoch reichlich Platz für sechs gehabt. Drei große Champagnerkühler auf hohen Silberfüßen standen daneben. Die Stühle waren durch orientalische Diwane ersetzt. -- Auf der anderen Seite der beständig flackernden Lichtrampe lag ein großer Saal in groteskem Rokokostil mit einem mattgeschliffenen, durchsichtigen Glasboden. Die Beleuchtung kam von tief unten in rhythmischen Kaskaden von verschiedenfarbigen Lichtern, die aufwallten und erloschen und den Paaren, die dort drinnen tanzten -- denn der Saal war offenbar als Tanzsaal gedacht -- ein wunderliches Cachet der Unwirklichkeit gaben. Eine Menge Menschen, Herren und Damen in bunten Kostümen, morgen- und abendländischen, ethnographischen und rein phantastischen, weitwallenden und zuweilen mehr als leichten, bewegten sich über den regenbogenschimmernden Glasboden zum Takt einer Kapelle, die Allan schließlich am entferntesten Ende des Saales entdeckte. Diese Kapelle, in roten Mänteln, an jene erinnernd, mit denen die Inquisition ihre Opfer ausstaffierte, saß auf einer Art schwarzen Insel des leuchtenden Glasbodens. Das Ganze machte einen so verwirrenden Eindruck, daß Allan sich mit beiden Händen an den Kopf griff. War er wach? Wie konnte ein solches Lokal seinen Zugang durch das unscheinbare Loch in der Wand haben? Er wendete den Blick seinem Begleiter zu und fand, daß er ihn von einem der Diwane mit einem amüsierten Lächeln betrachtete.

„Das kleine Lokal der Feuerfresser macht Ihnen Eindruck?“ sagte er.

„Ich habe nie in meinem Leben etwas Aehnliches gesehen,“ sagte Allan wahrheitsgemäß. „Aber wie --“

„Keine Fragen, lieber Freund. Sie begreifen, ein Klub wie der unsrige ist exklusiv und will keine fremden Personen in seine Geheimnisse einweihen. Sie haben mich dort unten amüsiert, und es hat mich amüsiert, Ihnen einen kleinen Gegendienst zu erweisen. Aber keine Fragen!“

Allan verbeugte sich.

„Gestatten Sie,“ sagte er, zum zweitenmal tiefverwurzelten Trieben folgend, „daß ich mich vorstelle?“

„Ach, was ist ein Name! Lassen Sie mich Mirzl zu Ihnen sagen, wenn es schon eine Ansprache sein muß. Name ist Schall und Rauch. Setzen Sie sich und kosten Sie, was der Klub vermag. Trocken oder halbtrocken?“

„Trocken, danke,“ stammelte Allan und sank auf den Diwan gegenüber seinem wunderlichen Begleiter. Dieser fuhr fort:

„Ich weiß nicht, ob es Sie interessiert, aber ich kann mir Ihre Abenteuer mit Mirzl nicht aus dem Kopf schlagen. Würde es Sie amüsieren, ihre Lösung zu hören? Ich glaube, merken Sie wohl, glaube, daß ich sie gefunden habe.“

Allan riß die Augen auf und vergaß im Nu das wunderliche Lokal, in dem er sich befand, sowie die tanzende Schar draußen auf dem Glasboden.

„Sie glauben, Sie haben die Lösung?“

„Ach, eigentlich ist sie doch ganz naheliegend. Ich weiß nicht, ob Sie wissen, daß Mirzl vor acht Tagen in Berlin einen größeren Coup gemacht hat.“

„Man sagte es mir in der Polizeikammer in Köln. An dem Tage, bevor ich mit dem Expreß reiste. Hunderttausend Mark in irgendeinem Hotel des Westens, nicht wahr?“

„Auf jeden Fall gut siebzigtausend. Er war diesmal ein bißchen gar zu tollkühn gewesen. Er entkam gerade noch mit knapper Not, aber sein Gepäck mußte er im Stich lassen. Nun können Sie sich denken, daß er am liebsten aus Deutschland heraus wollte, und dabei wußte er, daß die Polizei überall Spione hatte. Seine Helfershelfer wagte er nicht aufzusuchen. Kam er an die Grenze und wollte sie ohne Gepäck passieren, war er sofort verdächtig und wurde hoppgenommen. Suchte er sich Gepäck von genügenden Dimensionen und entsprechender Qualität zu kaufen, so war sein Signalement so verbreitet, daß er höchstwahrscheinlich hängen blieb. Und der Boden brannte ihm unter den Füßen! Es handelte sich um Stunden. Er war im Auto nach Hamburg geflohen, er stieg ohne irgendeinen Plan in den Expreß, traf Sie -- und das übrige wissen Sie. Aber nachdem er einmal glücklich in London war, brauchte er Ihre Sachen nicht mehr. Und da er ein Freund von Exzentrizitäten ist, stellte er sie eben zurück. -- Sie trinken nichts? Was sagen Sie zu meiner Erklärung?“

Allan starrte seinen Begleiter mit weitgeöffneten Augen an. Das war wirklich ein Sherlock Holmes! Er hob sein Glas, um ihm seine Anerkennung auszusprechen, als eine Unterbrechung kam.

Die Draperien links begannen zu wogen, sie wallten auf und nieder wie ein Wasserspiegel bei einem Unterseebootangriff und teilten sich endlich. Jemand tauchte aus ihnen empor, wie Neptun aus den Fluten, taumelte ein paar Schritte in die Loge, wo Allan und sein Begleiter saßen, und blieb endlich auf ein paar nicht allzu festen Beinen mit dem Rücken gegen sie stehen, während er mit der einen Hand die Draperien festhielt, durch die er aufgetaucht war. Zu seinem Staunen merkte Allan, daß gar keine Wand zwischen den Logen war; die Draperien waren das einzige, was sie trennte. Offenbar waren sie schwer genug, um alle Laute zu dämpfen, wenn man sie ruhig hängen ließ, denn während er bisher keinen Ton aus der Nebenloge vernommen hatte, drang jetzt ein Stimmengewirr heraus. Aber was war denn das für ein ungebetener Gast? wollte er eben seinem Begleiter zurufen, als der Mann, der hereingetaumelt war, ihnen plötzlich das Gesicht zukehrte. Allans Ausruf sank zu einem Flüstern herab:

„Yussuf Khan! Der Maharadscha!“

Es war wirklich und unzweifelhaft der Maharadscha von Nasirabad, und ebenso zweifellos war es, daß dieser mohammedanische Herrscher an diesem Abend das Gebot des Propheten gröblich übertreten hatte: er war sichtlich das, was man in höflicher Sprache angeheitert nennt und wofür man in weniger höflicher Sprache eine Unzahl anderer Bezeichnungen hat. Es war jedenfalls offenbar, daß sein Schwips von der guten sanguinischen Sorte war. Jetzt wandte er sich mit einer vorsichtigen Kreisbewegung Allan und seinem Begleiter zu, machte ein feierliches Salaam und sagte mit Würde, wenn auch ein bißchen undeutlich:

„Edelgeborene Sahibs, ein armer Sohn eines toten Paria bittet euch um Entschuldigung ob dieses Eindringens in euer königliches Z--z--ze--l--“

Er kam nicht weiter. Die Anstrengung war zu groß gewesen. Er fiel sanft auf einen der Diwane und schloß seine Rede in sitzender Stellung ab:

„... Ze--zelt. Ich, Yussuf, der Sohn von tausend unwürdigen Vorvätern, bitte euch um Entschuldigung.“

Allans Begleiter hatte sich hastig erhoben und eine Champagnerflasche aus einem der silberfüßigen Kühler genommen.

„Yussuf, Sohn himmelgeborener Eltern, geruhe mit dem verächtlichsten der weißen Männer zu trinken.“

Er schenkte ein Glas ein, das der Maharadscha mit einem wohlwollenden, aber abwesenden Lächeln automatisch ergriff und austrank. Er blieb mit dem Glas in der Hand sitzen, als die purpurroten, gelbgeflammten Draperien zum zweitenmal zu wogen begannen, diesmal jedoch planmäßiger als früher, worauf ein graubärtiger Kopf im Turban (der Maharadscha hatte seinen verloren) sich in einer Spalte zeigte, so allmählich folgte sein Besitzer nach, der sich als der alte Hofdichter Ali entpuppte.

Er rief dem Maharadscha etwas zu, der nur mit einem Winken des Champagnerglases und einem herzlichen Lachen antwortete, worauf er sich wohlbehaglich seiner ganzen Länge nach auf dem Diwan ausstreckte. Der alte Hofdichter, der selbst in aufgeräumter Stimmung zu sein schien, zog die Draperie zurück und rief in die andere Loge hinein:

„Stanton Sahib, er hat sich hier drinnen zur Ruhe gelegt. Er weigert sich, meinen weisen guten Ratschlägen Gehör zu schenken.“

Die Folge dieses Rufes war, daß eine dritte Person sich zwischen den Draperien zeigte, ein junger blonder, scharfäugiger Engländer, mit dem denkbar korrektesten Scheitel und dem denkbar reinsten Rasseprofil. Auch er schien in brillanter Laune zu sein. Er puffte lächelnd den alten Hofdichter in die Loge Nr. 5 und kam selbst nach. Dann wandte er sich mit einem tiefen orientalischen Salaam an Allans Begleiter und sagte mit singender Stimme:

„Edelgeborene Feuerfresser, verzeiht diese Zudringlichkeit meiner zwei Schützlinge und meiner selbst, dem unwürdigen Sohn von zehn Generationen von Sklaven! Salaam, edle Feuerfresser! Möge euer Schatten stets zunehmen und eure Widersacher keine andere Speise finden als den Schmutz der Erde.“

Allan beobachtete diesen Auftritt mit offenem Munde. Er blickte in den Saal hinaus, wo der Tanz auf dem Glasboden herumwirbelte, um sich selbst zu bestätigen, daß er wach war. Der Anblick der Tanzenden in dieser phantastischen Beleuchtung trug nicht gerade dazu bei, sein Zutrauen zu seinen Sinnen zu stärken. Yussuf Khan hier in dieser Gesellschaft! Sein mystischer Begleiter aus dem ‚Loch in der Wand‘ war aufgestanden und hatte den Gruß des jungen Engländers mit einigen ebenso orientalischen Wendungen erwidert, indem er erklärte, daß sein Zelt (womit die Loge Nr. 5 gemeint war) der Ehre, die ihm von diesen erhabenen Fremdlingen, deren Aussehen zur Genüge ihre Geburt und ihre Tugenden bezeugte, erwiesen wurde, gänzlich unwürdig sei; doch wenn sie sich in besagtem Zelt niederlassen wollten, wage er ihnen vorzuschlagen, einen Becher elenden und essigsauren Weins zu leeren.

Der junge Engländer sank laut lachend auf einen Diwan und akzeptierte ohne Umstände ein Glas; der alte Hofdichter trank das seine auf einen Zug aus und erhob sich dann. Trotz des Weines stand er ziemlich sicher. Der Maharadscha lag auf seinem Diwan und betrachtete sämtliche Anwesende mit einem Lächeln des äußersten Wohlwollens. Der alte Hofdichter hob die Hand und begann zu sprechen: