Part 14
Dasselbe sagte Oberst Morrel Sahib von mir, nur nicht in so melodischer Sprache wie der göttliche Omar. Ich weiß kaum, was ich erlebt habe, junger Freund, und noch weniger, was mein Schüler erlebt hat. Von dem Augenblicke, wo ich ihn mit mildem, freundlichem Lächeln um die Lippen auf einem Diwan im Hause der Freuden ausgestreckt sah, habe ich ihn nicht wieder gesehen, bis ich heute die bleischweren Augenlider in diesem Zimmer aufschlug. Da war ich von weißgekleideten jungen Frauen umgeben, die mich rieben, so wie der Wucherer sein Gold reibt und beinahe noch eifriger. Außerdem befanden sich im Zimmer ein weißgekleideter Hakim (Arzt) und mein Schüler sowie Oberst Morrel Sahib, der mir sofort sagte, ich sollte geköpft und vor den Stadtmauern Nasirabads aufgehängt werden, als milde Strafe für meine Untaten, für die es in der Sprache der Sahibs gar keinen Ausdruck gibt.“
„Wo ist Oberst Morrel jetzt?“ warf Allan ein. Er konnte sich die Suada des Obersten vorstellen.
„Oberst Morrel Sahib ist ausgegangen, um mit dem Minister für Indien über wichtige Angelegenheiten zu sprechen, die er uns andeutete. Mein Schüler und ich, die wir unseren guten Namen und unseren guten Ruf in dieser Stadt verloren haben, die noch nie von ähnlichen Dingen gehört hat, sollen so still und verschwiegen als möglich wieder heimgebracht werden. Das will Oberst Morrel Sahib als eine Gnade vom Minister zu erwirken trachten, der beabsichtigt hat, uns ohne Turbans und mit geschorenen Köpfen fortzujagen.“
„Aber erinnern Sie sich an nichts aus dem Feuerfresser-Klub bis heute?“ rief Allan. „Das ist ja drei Tage her!“
„Junger Freund,“ sagte der alte Hofdichter, „ich bin ein rechtgläubiger Anhänger des Propheten und habe stets getrachtet, mich unbefleckt von den Irrlehren zu erhalten, die an Nirwana und ähnliche Einfälle einer irregeleiteten Phantasie glauben. Aber wenn ich an den Zeitraum zurückdenke, den Sie eben erwähnt haben, fühle ich eine bedauerliche Neigung zu glauben, daß die Reden dieser Irrlehrer doch etwas für sich haben, so vollständig erloschen war mein Bewußtsein in dieser Zeit, von der Sie sagen, daß sie drei Tage währte. Und mein Schüler, den ich nach seinen Erfahrungen befragt habe, sagt für seine Person das gleiche aus.“
„Das ist wahr,“ kam Yussuf Khans Stimme vom Sofa. „Was mein Lehrer sagt, ist wahr wie der Koran. Ich erinnere mich an nichts anderes, als an eine große Dunkelheit, in der ich auf einem unruhigen Meer zu treiben glaubte und von bösen Träumen gequält wurde. Plötzlich faßte jemand meine Seele, wie man einen Ertrinkenden faßt, und als ich den Kopf wieder über das schwarze Meer hob, befand ich mich in diesem Gemach, umgeben von weißgekleideten Krankenpflegerinnen und einem weißgekleideten Hakim. Die Verbrecher, die uns in das Haus der Freuden gelockt und dann entführt haben, konnten, dank Euch, meine Juwelen nicht stehlen, aber sie stahlen mir drei Tage meines Lebens.“
„Mein Schüler spricht gut,“ sagte der alte Ali bewundernd. „Wenn ich ihm auch, wie Oberst Morrel Sahib versicherte, ein so schlechtes Vorbild gewesen bin, daß diese ganze Stadt darüber empört ist und mich in vier Teile zerstückelt sehen will, merke ich doch, daß es mir einigermaßen gelungen ist, seinen Sinn für Poesie und Beredsamkeit auszubilden. Allah -- dessen Name ewig gepriesen sei -- gebührt die Ehre dafür. Jetzt erinnere ich mich doch an etwas, das ich früher vergessen hatte. Während meine Seele von dieser Dunkelheit umschlossen dalag, wie von einem Gefängnis mit unendlich dicken Mauern, rieselte plötzlich ein kleiner Lichtschimmer durch die Mauer hinein. Wie in einem Traum, oder so wie man durch dichten Nebel sieht, entsinne ich mich, daß ich ausgestreckt auf einem Lager lag, ob entkleidet oder nicht, weiß ich nicht. Nicht weit von mir, auf einem anderen Lager dünkte es mir, daß mein Schüler sich befand. Gerade als ich diese Empfindung hatte, glaubte ich zu sehen, daß ein Mann, der über mich gebeugt dagestanden hatte, von meinem Lager zu dem meines Schülers ging und sich über ihn beugte, mit einem bösartigen Grinsen, wie es die Götzenbilder in den Tempeln der Ungläubigen auf ihrem Antlitz tragen. Und seltsamerweise glaubte ich dicht neben ihm eine Frau zu gewahren. Doch, was wäre daran seltsam? Wo böse Menschen ihren Versammlungsort haben, da ist auch das Haus voll Weiber, sagt das Sprichwort, und der Koran -- der allzeit gepriesen sei -- teilt diese Anschauung.“
„Es ist um so wahrscheinlicher, daß Sie richtig gesehen haben,“ rief Allan, „als eine Frau in das gestrige Attentat verwickelt war. Vielleicht haben Se. Hoheit und Sie noch nicht davon gehört?“
Yussuf Khan, der sich lebhaft auf dem Ellbogen aufgerichtet und seinen Lehrer während seiner Erzählung unverwandt angestarrt hatte, schüttelte den Kopf, und der alte Ali sagte:
„Oberst Morrel Sahib nahm sich wenig Zeit zu anderem, als mir meinen Mangel an guten Eigenschaften vorzuhalten, und wie ich ihn sühnen könnte. Dann eilte er zum Minister, um einen Aufschub der Strafen zu erwirken, die dieser mir zugedacht hat. Oberst Morrel Sahib hat ein gutes Herz.“
Ohne dem alten Hofdichter seine Auffassung von Oberst Morrels Maßnahmen zu rauben, erzählte Allan, was sich am vorhergehenden Abend zugetragen hatte. Die Libationen des Obersten hüllte er in einen Schleier, aber machte eine große Nummer aus seiner Attacke gegen die Türe. Die beiden anderen lauschten ihm wie einem Märchenerzähler im Basar. Allan hatte kaum zu Ende gesprochen, als im Korridor Schritte ertönten und die Türe aufgerissen wurde. Es war der Oberst selbst, in Gesellschaft Herrn van Schleetens. Der alte Ali erhob sich mit ängstlicher Miene von seinem Sitz.
„Wie ist es abgelaufen, Oberst Morrel Sahib?“ fragte er. „Kann Se. Exzellenz der Minister uns verzeihen, oder sollen wir wie Pferdediebe aus der Stadt gejagt werden?“
Oberst Morrel zögerte einen Augenblick mit der Antwort, während er den Maharadscha und den alten Hofdichter fixierte. Endlich sagte er mit derselben Langsamkeit wie ein Klassenvorstand, wenn er zu zwei schlechten Schülern spricht:
„Ich habe ein sehr schweres Stück Arbeit gehabt. Ich fand Se. Exzellenz, den Minister für Indien, meinen hochgeschätzten Freund“ (Allan erinnerte sich, diesen Herrn von Oberst Morrel anders titulieren gehört zu haben), „in äußerst erregter Verfassung. Die Ansichten, die er über das Vorgefallene aussprach, und die ich leider nicht ganz mißbilligen konnte, die Befürchtungen, die er davor hatte, was man Allerhöchsten Orts sagen und denken würde; die Kommentare, die leider in der Presse gemacht werden -- all dies hatte seine Gemütsstimmung derart beeinflußt, daß ich fürchten mußte, meine Aufgabe würde sich als unlösbar erweisen. Nur durch Aufgebot meiner ganzen Ueberredungskunst, nur durch wiederholte Berufung auf unsere alte Freundschaft und nur indem ich heilig und teuer versprach, daß die Abreise Ew. Hoheit augenblicklich erfolgen würde, gelang es mir, zu erwirken, daß Se. Exzellenz ihren Entschluß änderte. Ich kann also mitteilen, daß wir unbehelligt abreisen dürfen, wenn dies längstens übermorgen geschieht. Ein Dampfer nach Bombay geht an diesem Tage um drei Uhr ab.“
Während der alte Ali mit einem tiefen Salaam seine Hand zu fassen suchte, wischte sich der Oberst die Stirne, ermattet von der Anstrengung seiner Rede, und fuhr in einem völlig veränderten Tone fort:
„Jetzt habe ich für Ew. Hoheit getan, was ich konnte. Nun ist es Ew. Hoheit Sache, mit diesem Herrn zu tun, was Sie für angemessen finden. Es hängt von Ihnen ab, was mit ihm geschehen soll.“
Der Maharadscha, der nach der Rede des Obersten in die Hände geklatscht hatte und eigentümlicherweise gar nicht enttäuscht darüber schien, Europa so rasch verlassen und alle Träume von weißen Prinzessinnen aufgeben zu müssen, wendete sich an Herrn van Schleeten.
„Das ist ja der Juwelenkünstler,“ rief er, „wie weit ist die Arbeit an meinen Steinen gediehen?“
„Ich ... ich habe die Arbeit vorgestern begonnen,“ stammelte Herr van Schleeten, „mit Erlaubnis des Herrn Obersten ...“
„Mit meiner Erlaubnis, an den Juwelen zu arbeiten,“ schrie der Oberst, „aber nicht Frauenzimmer heraufzuschleppen, die Sie betäuben und jene stehlen.“
„Ich ... ich sah mich gestern in die Notwendigkeit versetzt, einen Mitarbeiter heranzuziehen, um ... um die Arbeit so rasch als möglich zu Ende zu führen ... so rasch als möglich ... wie Ew. Hoheit wünschten. Leider fiel meine Wahl auf eine ungeeignete Persönlichkeit, die ...“
„Auf ein Dämchen, in das Sie verliebt waren, das Sie mit Chloroform betäubte wie in einer Klinik und alles in Bausch und Bogen gestohlen hätte, wenn nicht der Zufall und dieser junge Herr dazwischengekommen wäre! Heraus mit der Sprache!“ rief der Oberst. „Bedenken Sie, daß niemand weiß, wieviel Sie von ihr wußten!“
Herr van Schleeten warf einen wütenden Blick auf Allan, getreu dem Prinzip, sich über andere zu ärgern, wenn man sich selbst zürnen sollte.
„Es ist ja möglich, daß die Sache sich so verhält, wie der Herr Oberst sagt,“ murmelte er, „aber diesen jungen Herrn habe ich auf jeden Fall vor knapp einer Woche auf einem Bahnhof in Deutschland verhaften sehen. Wer weiß, was er ...“
„Sie sollten sich schämen,“ rief der Oberst, „nun schon zum zweiten Male mit solchem verdammten Gerede zu kommen. Sie wissen, daß es nur Gerede ist. Versuchen Sie nicht zu leugnen!“
„Es ist leider kein Gerede, Herr Oberst,“ sagte Allan und berichtete in wenigen Worten, was er im Expreß erlebt hatte.
„Ich fiel Herrn Mirzls List zum Opfer. Aber was Herr van Schleeten nicht unerwähnt lassen sollte, ist, daß er bei dieser Gelegenheit die Bekanntschaft der Dame von gestern Abend machte. Ich war selbst Zeuge davon. Und daß diese Bekanntschaft in ihrem Plane lag, von Mirzl gar nicht zu sprechen, ist wohl recht sicher. In der einen oder anderen Weise haben sie Wind bekommen, welchen Auftrag Herr van Schleeten in London hatte, und waren entschlossen, alle Möglichkeiten wahrzunehmen. Herr van Schleeten ging in die Falle, begreiflicherweise, denn die betreffende Dame spielt ihre Karten geschickt aus und ist ungewöhnlich schön.“
„Hat sie blaue Augen,“ fragte der Maharadscha „und blondes Haar? Ah, daß ich sobald nach Indien zurückreisen muß!“ (Oberst Morrel fuhr von seinem Sessel in die Höhe und starrte ihn an.) „Nein, Oberst Morrel Sahib, ich reise, beglückt über die Gnade Sr. Exzellenz des Ministers. Aber ...“
„Und was sagen Ew. Hoheit zu der Affäre mit Herrn van Schleeten?“ sagte der Oberst wieder beruhigt. „Hoheit wissen, daß man gestern abend eine Anzahl Juwelen gestohlen hat.“
„Ach, ein paar Juwelen mehr oder weniger!“ sagte Yussuf Khan mit einem müden, mißmutigen Kopfschütteln. „Ich kam nach Europa, um mein Herz an eine weiße Frau zu verlieren, wie die Sahibs es tun, und alles, was ich verloren habe, ist mein guter Name und ein paar Juwelen.“
„Mein Schüler spricht schön,“ sagte der alte Ali befriedigt. „Der Aufenthalt in dieser Stadt hat ihm in dieser Beziehung merklich gut getan.“
„Nun, und Herr van Schleeten?“ beharrte der Oberst, der den Holländer ungerne dem Schandpfahl entgehen sah.
„Ich sage ja,“ sagte Yussuf Khan, „daß ich diesen Juwelenkünstler beneide, dem es gelungen ist, sein Herz an eine Frau zu verlieren. Ich habe hundertfünfzig Frauen in meinem Palast, schön wie Gazellen und zärtlich wie Turteltauben im Lenzmonat, und noch hat keine von ihnen mich für mehr als eine Stunde bezaubert. Seinen Namen und seinen Ruf für eine Frau zu wagen wie dieser Mann -- das muß wunderbar sein. Der Juwelenkünstler hat meine Vergebung und meinen Neid.“
„Wahrlich,“ sagte der alte Ali, „mein Schüler spricht immer besser und besser! Die Lehren, die ich ihm eingepflanzt habe, tragen späte, aber schöne Früchte. Es muß der Aufenthalt in dieser Stadt sein, der sie zur Reife gebracht hat.“
Herr van Schleeten, dessen bordeauxfarbene Nase sich bei Yussuf Khans Rede, die er als Hohn auffaßte, zornig gerümpft hatte, richtete sich nach seinen letzten Worten erleichtert auf. Er begann etwas zu stammeln, aber Yussuf Khan schnitt seine Danksagungen ab, indem er zum Obersten sagte:
„Nun liegen mir noch zwei Sachen am Herzen, Oberst Morrel Sahib, erstens, daß eine angemessene Belohnung diesem jungen Mann überreicht wird, der nun zweimal den listigen Verbrechern zuvorgekommen ist. Wollt Ihr dies besorgen, da ich der europäischen Gebräuche ungewohnt bin?“
Allan wollte protestieren, aber der Oberst schnitt ihm das Wort ab.
„Eine Weigerung würde den Maharadscha zwecklos verletzen,“ sagte er. „Was meinen Ew. Hoheit zu einigen der Juwelen, die der junge Mann gerettet hat? Und was sagen Sie selbst, junger Freund?“
Allan murmelte etwas, und Yussuf Khan klatschte in die Hände.
„Ausgezeichnet! Ausgezeichnet!“ rief er. „Man bringe die Juwelen herein.“
Eine Minute später durfte Allan zum erstenmal die Juwelen in ihrem vollen Glanze schauen, die er mitgeholfen hatte, ihrem rechten Besitzer zu bewahren. Es wäre zu wenig gesagt, daß sie ihm den Atem benahmen. Etwas Aehnliches hatte er nie gesehen, ja nicht einmal geträumt. Es war das Morgenland, das ihm aus den Fassetten dieser tausend Steine entgegenstrahlte, wie durch ein vielfarbiges Fenster. Als er sich halbwegs erholt hatte, wählte er befangen ein paar einzelne Edelsteine aus, aber der Maharadscha, in den beim Anblick der Juwelen neues Leben gekommen zu sein schien, nahm ein Diamantenhalsband mit einem blutroten Rubin in der Mitte, in einer Goldkettenfassung, die vom Alter verblichen war, und reichte es Allan.
„Nehmt dies,“ sagte er, „wenn Ihr wollt. Es ist ein unwürdiger Beweis meiner Dankbarkeit.“
„Es gehörte einmal,“ schaltete der alte Ali ein, „Mahmud, Sultan von Naishapur, an dessen Hof der göttliche Zeltmacher lebte. Vielleicht hat er es am Halse einer der Favoritinnen des Sultans bewundert und vielleicht besang er dieses Diadem mit den Worten ...“
„Ja, ja! Vortrefflich!“ sagte der Oberst. „Und die andere Sache, die Ew. Hoheit wünschten?“
Es war klar, daß der Oberst die Poesie des göttlichen Zeltmachers nicht im gleichen Grade liebte wie der alte Ali, und auch, daß er in glänzender Laune war, nun er die Abreise gesichert sah. Yussuf Khan erwiderte:
„Die andere Sache war, daß ich gerne mit dem Mann sprechen möchte, der diese Karawanserei innehat ... wenn er kommt, werde ich schon erklären, warum. Wollt Ihr ihn rufen lassen, Oberst Morrel Sahib?“
Mit wieder unruhigem Gesichtsausdruck klingelte der Oberst; ein paar Minuten später erschien der Direktor des großen Hotels, von einem Angestellten gerufen. Er begann den Maharadscha zu seiner Genesung zu beglückwünschen. Der Oberst unterbrach ihn:
„Se. Hoheit mit Gefolge reist übermorgen, Herr Direktor!“
Der Direktor schlug einen dankbaren Blick zur Höhe auf, während er sich verbeugte.
„Nicht so eilig, Oberst Morrel Sahib!“ sagte Yussuf Khan. Der Direktor blieb erschrocken in seiner Verbeugung stecken. „Nicht so eilig! Wir reisen übermorgen, Dank der Gnade Sr. Exzellenz des Ministers, aber vorher wünsche ich noch etwas.“
Er wendete sich an den Direktor:
„Zweifelsohne habt Ihr einen Saal, wo Festlichkeiten abgehalten werden? Einen Saal mit Raum für viele, so wie ich ihn in dem Hause der Freuden sah?“
Der Direktor bejahte es.
„Gut. Hört also meinen Willen. Dieser Saal soll für morgen abend zu einem Feste bereitet werden, und alles soll dem, was wir in Indien haben, so ähnlich als möglich sein. Da ich nicht mehr von dem Lande der Sahibs sehen kann, will ich den Sahibs mein eigenes Land zeigen. Darum ist es mein Wille, daß alles dem, was wir in meinem Lande haben, so ähnlich als möglich sein soll.“
Der Direktor verbeugte sich tief.
„Zu diesem Feste,“ fuhr Yussuf Khan fort, „das so festlich sein soll wie die Vermählung eines Maharadschas, ist es mein Wille, daß alle jene eingeladen werden, die in der Zeit, die ich hier war, unangenehme Erlebnisse gehabt haben.“
Er machte eine Geste, die sämtliche Anwesende umfaßte; Allan murmelte dem Obersten zu:
„Dann müßten Bowlbys mit dabei sein.“
„Was sagte der junge Mann?“ fragte Yussuf Khan.
„Er meinte, daß eine amerikanische Familie, aus deren Wohnung das erste Attentat unternommen wurde, eingeladen werden sollte,“ sagte der Oberst.
„Sie soll eingeladen werden,“ sagte Yussuf Khan ohne Zögern. „Und dieser Mann, dem die Karawanserei gehört?“
Der Direktor erklärte mit einer Verbeugung, daß es ihm erstens unmöglich sei, in seinem eigenen Hotel zu Gast zu sein, daß er sich zweitens undenkbar zu der Kategorie von Personen rechnen könne, die durch die Anwesenheit Sr. Hoheit Unannehmlichkeiten gehabt hatten. Die Anwesenheit Sr. Hoheit im Hotel habe im Gegenteil ...
Yussuf Khan unterbrach ihn mit einer Handbewegung. Der Oberst warf knurrig ein:
„Und Herr van Schleeten?“
„Natürlich auch der Juwelenkünstler,“ sagte Yussuf Khan. „Von allen beneidet soll der Mann an der festlichen Tafel sitzen, der sein Herz an eine Frau verlieren konnte.“
Herr van Schleeten verbeugte sich, ohne daß besondere Freude über die Rolle, die ihm bei der Festtafel zugedacht war, sich auf seiner bordeauxfarbenen Nase spiegelte. Der alte Ali rief hingegen:
„Mein Schüler spricht immer besser und poetischer! Der Aufenthalt in dieser Stadt, die wir Dank Oberst Morrel Sahib mit unversehrtem Turban und ungeschorenem Kopfe verlassen dürfen; hat ihm in dieser Beziehung wunderbar gut getan.“
XI
Das vielleicht seine Aufgabe erfüllt, den Leser zu verwirren
In der Ziegelwüste des nordwestlichen Londons liegt, nicht weit von Maida Vale, ein Ziegelkanon Chesterton Mansions genannt. Tatsächlich erinnert er mit seinen steilen hohen Ziegelmauern an nichts so sehr wie an die berühmten Schluchten, die sich die Flüsse im Westen Amerikas gegraben haben. Warum er die Bezeichnung Mansions führt, ist unbekannt; im allgemeinen pflegt dieses Wort anzudeuten, daß eine Straße mit Bäumen bepflanzt ist; aber wenn das bei Chesterton Mansions einstmals der Fall war, so ist jetzt nur mehr der Name als einziges Rudiment übrig. Die siebenstöckigen Häuser der Straße sind in Mietwohnungen geteilt, zwei in jedem Stockwerk, so wie man es bei uns zulande kennt, aber wie es in England etwas relativ Neues ist. Da der Ruf der Straße nicht der beste ist, stehen oft eine Menge Wohnungen leer. In jenem September, in dem die Ereignisse dieses Buches sich abspielten, stand beispielsweise das Haus Nr. 48, das die Mietwohnungen Nr. 659-672 enthält, noch am 11. September leer. Am 12. fand sich jedoch ein Herr beim Hausverwalter ein, stellte sich als Baron de Citrac vor und wünschte eine so ungestörte Wohnung als möglich zu mieten. Er sei wissenschaftlicher Arbeiten wegen nach London gekommen und bringe seine Frau mit, für die er am liebsten eine separate Wohnung gegenüber seiner eigenen haben wolle. Der Häuserverwalter Mr. Markham, beeilte sich, ihm das Haus Nr. 48 zu zeigen. Der Baron entschied sich sofort für die Wohnungen Nr. 661-662 im ersten Stock, bezahlte im vorhinein und bat den Verwalter, ein einfaches, aber solides Ameublement für beide Wohnungen zu beschaffen. Er drückte seine Anerkennung für Mr. Markhams Entgegenkommen durch eine Fünfpfundnote aus, die Mr. Markham zu seinem Sklaven machte, und nahm dann Abschied.
Montag, den 15., zog er ein. Der Verwalter war selbst zugegen, und fand Gelegenheit, seine Meinung über den neuen Mieter in einem Punkte zu ändern. Die Reden des Barons von wissenschaftlichen Arbeiten hatte er nur als einen durchsichtigen Vorwand für etwas ganz anderes aufgefaßt, worin die Franzosen eine traurige Berühmtheit besitzen und dem auch Chesterton Mansions nicht fremd war: eine Eskapade mit einer nicht offiziellen Baronin. Er gab den Glauben daran auf, als er die Baronin de Citrac erblickte; denn gewiß war sie schön und pikant, mit grauen Augen und rotblondem Haar, aber dabei sah sie so vornehm aus, daß der Verwalter die ganze Zeit, die sie da war, mit dem Hute in der Hand dastand. Der Baron, der zwei Diener mit hatte, drückte seine Zufriedenheit mit der Möblierung der Wohnungen aus und verabschiedete den Verwalter.
Es dauerte bis zum 16., bevor dieser den neuen Mieter wiedersah, denn er wohnte selbst in einer Quergasse; aber als dies geschah, war es unter Umständen, die ihn aufs neue an dem Ernst von Herrn de Citracs wissenschaftlichen Studien zweifeln ließen. Mr. Markham war am Abend des 15. Septembers in einer Gesellschaft gewesen, die sich bedenklich in die Länge gezogen hatte; ein Freund von ihm, der Junggeselle war und ein Geschäft in einer Quergasse von Chesterton Mansions hatte, hatte ihn zu einer Geburtstagsfeier eingeladen. Diese hatte im „Roten Löwen“ in Maida Vale begonnen und war nach Schließung dieses populären Lokales in der Junggesellenwohnung des Freundes fortgesetzt worden. Die Haupterfrischung war irländischer Whisky gewesen, und Mr. Markham war sich des Einflusses dieses Getränkes auf die Balancierfähigkeit ganz bewußt, als er gegen halb vier Uhr morgens heimwanderte. Er nahm den Weg durch Chesterton Mansions aus dem Grunde, weil diese Straße eine unerklärliche Anziehung auf seine Beine auszuüben schien, doch ohne daß diese irgendwelche Parteilichkeit für eine bestimmte Seite derselben zeigten; und er hatte sich eben an einem Laternenpfahl auf dem linken Trottoir verankert, als die Nachtruhe von etwas anderem als dem Trommelwirbel, den seine Stöckel auf dem Pflaster vollführten, unterbrochen wurde. Ein Auto kam nach Chesterton Mansions gesaust und hielt vor dem Hause gegenüber von Mr. Markhams Laternenpfahl. Mr. Markhams irrender Blick hatte soeben konstatiert, daß es das Haus Nr. 48 war. Jetzt sah er zwei Herren mit aufgestellten Rockkragen aus dem Auto steigen und mit großer Anstrengung zwei andere herausheben, die in beträchtlich schlimmerer Verfassung schienen als Mr. Markham selbst. Sie konnten faktisch nicht auf den Beinen stehen. Mr. Markham glaubte zu sehen, daß sie in irgendein exzentrisches Kostüm gekleidet waren. Der Kontrast zwischen den Evolutionen der vier Herren und seiner eigenen sicheren Position am Laternenpfahl erfüllte ihn mit einer Befriedigung, die in einem herzlichen Lachen Ausdruck fand.
„Mi--mir scheint, die haben g--genug,“ sagte Mr. Markham.
Die Laterne, unter der Mr. Markham stand, war ausgelöscht, und Mr. Markham erregte daher nicht die Aufmerksamkeit der vier Herren. Jetzt sprang der Chauffeur ab und übernahm den einen der beiden übererfrischten Herren, während einer der Herren, die zuerst ausgestiegen waren, das Haustor von Nr. 48 öffnete. Der Mann, den der Chauffeur stützte, fiel seinem Helfer in die Arme, und verlor dabei einen weißen Turban, der auf das Trottoir rollte.
„Der ist wohl auf einem Ma--maskenball gewesen,“ sagte Mr. Markham. „Mir scheint, der hat genug. Und jetzt trei--treiben sie es, scheint mir, noch weiter!“
Jetzt öffnete sich die Haustüre, und ein mühsamer Transport begann, dem Mr. Markham unter großer Heiterkeit zusah. Schließlich kehrte der Chauffeur allein zurück, schloß das Tor und fuhr im Auto fort, ohne Mr. Markham gesehen zu haben.
„De--der wird sich auch ein schönes Trinkgeld verdient haben,“ murmelte Mr. Markham mit einem verständnisvollen Lächeln und löste sich von dem Laternenpfahl los. Er erreichte die nächste Straßenecke, wo er sich wieder verankerte, um einem Gedanken Luft zu machen, der sich in seinem Innern emporgearbeitet hatte.
„Nummer ach--achtundvierzig, hol mich der und jener!“ brummte Mr. Markham. „Die Wohnung des B--barons. Die einzige, die vermietet ist! Wissenschaftliche Arbeiten, hahaha! Go--gott helfe mir, wissenschaftliche Arbeiten!“
Er gewann diesem Gedanken alle Ergötzlichkeit ab, die er bot, bevor er den Laternenpfahl wieder losließ und seinen unsicheren Heimweg fortsetzte.