Part 13
„Mund halten, Kerl,“ schrie der Oberst, plötzlich aus seiner Betäubung erwachend. „Danken Sie Ihrem Schöpfer, daß dieser junge Mann gekommen ist! Sonst säßen Sie morgigen Tags hinter Schloß und Riegel.“
Herr van Schleeten starrte ihn mit stumpfen Blicken an.
„Aber ich sah ihn doch,“ murmelte er, „sah ihn doch auf einer Station -- wie hieß sie nur? -- ja -- K--köln -- und da wurde er arre--arretiert. Er hat n--nämlich --“
„Trinken Sie Ihren Kaffee aus, und halten Sie den Mund!“ brüllte der Oberst. „Und dann zur Kassette, und sagen Sie uns, wieviel fehlt!“
Es verging noch eine Weile, bis es Herrn van Schleeten gelang, diese drei Wünsche zu erfüllen. Die Untersuchung der Mahagonikassette nahm lange Zeit in Anspruch, eine Zeit, während der Allan unten war und einen verstörten Nachtportier an die Polizei telephonieren ließ. Aber als er wieder heraufkam, hatte er die Befriedigung, daß Oberst Morrel ihm entgegenstürmte; der Oberst packte seine beiden Hände, es schien nicht viel zu fehlen, und er hätte sie geküßt.
„Die Fassungen sind zu groß und hinderlich gewesen, und sie hat es zu eilig gehabt!“ schrie er. „Es ist möglich, daß eins der Diademe fehlt, aber mehr nicht. Darauf schwört der verdammte Holländer. Ganz richtig, diese kleine listige Hexe von einer Abenteuerin hat ihn bestrickt, und ihr Streich wäre ihr gelungen, wenn nicht Sie --“
Allan versuchte ihn mit schwedischer Bescheidenheit zu unterbrechen. Es dauerte noch lange, bis er diese Nacht ins Bett kam. Denn einerseits mußten alle von dem erschienenen Detektivinspektor Mr. Mc. Lowndes in aller Form verhört werden (nach welchem Verhör Herr van Schleeten die Heimfahrt in Gesellschaft eines Detektivs antreten durfte); andererseits wollte Oberst Morrel nicht zu Bett gehen, ohne seinen morgigen Katzenjammer durch eine Flasche Champagner mit Allan verschärft zu haben. Zu Ende dieser Flasche erklärte er ohne alle Einschränkungen, daß er seines Wissens noch nie einem Menschen begegnet war, auf dessen Stirn alle guten Eigenschaften sich ein so harmonisches Stelldichein gegeben hatten wie bei Allan.
* * *
Allan wurde am nächsten Morgen gegen zehn Uhr in seiner Morgentoilette dadurch unterbrochen, daß Mr. Bowlby höchst unzeremoniös die Türe zu seinem Zimmer aufriß. Was er zu verkünden hatte, war nichts Geringeres, als daß Yussuf Khan und der alte Ali am selben Morgen gegen halb sieben Uhr im Viktoria-Park im East End in vollkommen bewußtlosem Zustand aufgefunden worden waren, jeder mit der aufgeklebten Etikette versehen: Abzugeben Grand Hotel Hermitage.
Allan hatte noch nicht zu Ende gefragt -- Mr. Bowlby wußte übrigens kaum mehr als die Tatsache, die er vom Direktor erfahren hatte -- und selbst noch nicht mehr erzählt als die Konturen der Ereignisse der Nacht, als eine neue Sensation über ihn hereinbrach. Noch immer von Mr. Bowlby begleitet, ging er in das Bankkontor des Hotels hinunter, um einige Pfund seines deponierten Geldes zu beheben.
Der junge Mann hinter dem Schalter starrte ihn einen Augenblick an und fragte ihn dann mit halb erschrockenem, halb mißtrauischem Gesichtsausdruck, ob er denn vergessen habe, daß er erst vor einer Stunde dagewesen war und sein ganzes Guthaben an der Kasse behoben hatte.
X
Die Nachwirkungen einer tollen Nacht auf Fürsten und Poeten
Allan starrte Mr. Bowlby an und Mr. Bowlby Allan. Dann gab er ein Expreßsignal von sich, das wie ein Schwert durch alle Stockwerke des Hotels ging und klang wie: Lebensgefahr, alle Bremsen anziehen, augenblicklich stoppen!
„Schon wieder Mirzl! _By Jove!_“
Endlich fand Allan die Stimme wieder und wendete sich an den Beamten. „Kann ich mit Ihrem Chef sprechen?“
„Im Augenblick bin ich allein hier, Sir, aber wenn Sie es wünschen, kann ich den Hoteldirektor anrufen. Ich sehe ja, daß da etwas nicht klappt, obwohl ich es nicht verstehe.“
„Danke, rufen Sie ihn sofort.“
Drei Minuten später kam der Direktor in das Kontor gestürzt. Es war schon von weitem unverkennbar, daß er nicht in rosiger Laune war, und die Aeußerung, die er in der Türe Mr. Bowlby zuwarf, verriet sofort die Ursache.
„Weiß Gott, warum ich Sie je gebeten habe, aus Ihrer Wohnung auszuziehen, Mr. Bowlby!“
„Gibt es etwas neues?“
„Neues! Nichts anderes, als daß ich diesen Morgen vier Dutzend Journalisten hinter mir her habe. Die Wiederauffindung des Maharadschas im East End in einem solchen Zustande war in zehn Minuten in Fleet Street verbreitet. Die dummen Polizisten, die ihn fanden, hatten natürlich nicht den Verstand, das Maul zu halten ... Und dazu ein Loch im Boden, das geflickt werden muß -- und eine Türe, vom Obersten ärger zugerichtet als der Birnbaum von George Washington. Ein Vergnügen, feine Gäste zu haben, was?“
„Sie haben auch heute Morgen feine Gäste hier gehabt, ohne daß Sie es wissen,“ sagte Mr. Bowlby. „Hören Sie nur!“
Und er erzählte, was Allan widerfahren war. Der Direktor starrte ihn an, wie ein Gespenst. Schließlich stammelte er:
„Also ... was meinen Sie? Wer ist hier gewesen?“
„Mirzl! Sie wissen doch, daß er meinem jungen Freunde die Hälfte seines Geldes abgenommen hat, als er sich das erstemal konterkarriert sah. Woher er weiß, daß der Rest hier deponiert wurde, kann ich nicht verstehen.“
„Es ist vielleicht nicht so schwer zu erklären,“ sagte Allan. „Sie sagen (er wendete sich an den Bankbeamten), daß ich vor einer Stunde hier war und mein ganzes Guthaben behoben habe. Erzählen Sie, wie das zuging.“
Der junge Bankbeamte warf einen scheuen Blick auf den Direktor und begann:
„Es war eben, als ich öffnete. Da kam ein Herr herein, der Ihnen aufs Haar ähnlich sah, Sir, und wendete sich an mich: ‚Wieviel habe ich doch hier deponiert?‘ ‚Ihr Name, Sir,‘ sagte ich der Form wegen, denn ich erkannte Sie ja ganz gut, Sir. ‚Am besten, ich buchstabiere ihn Ihnen vor,‘ sagte er und lächelte. ‚Allan K--r--a--g--h. Schwer, den Namen auszusprechen.‘ ‚_All right_, Sir,‘ sagte ich und schlug im Buche nach. ‚Sie haben etwas über fünftausend schwedische Kronen deponiert -- dreihundert englische Pfund.‘ ‚Es ist gut, ich nehme sie heraus,‘ sagte er, ‚geben Sie mir eine Quittung, dann werde ich unterzeichnen.‘ ‚Sie haben den Depotschein, den Sie seiner Zeit bekamen, nicht bei sich, Sir?‘ fragte ich. Er suchte in seinen Taschen. ‚Na aber! den muß ich in meinem anderen Anzug vergessen haben. Aber wenn ich einstweilen hier quittiere, kann ich ihn ja später bringen.‘ ‚_All right_, Sir,‘ sagte ich, denn ich dachte ja mit keinem Gedanken daran, daß es jemand anderes sein könnte, als Mr. Kragh. Und die Schrift war ...“
„Der Teufel soll das ganze holen!“ schrie der Direktor. „Ich werde schon bald ebenso verrückt, wie der Oberst. Journalisten, Einbruchsdiebe, andere Diebe, schwarze Regenten, die um sechs Uhr früh in öffentlichen Parks gefunden werden -- man kann ja toll werden! Von heute an müssen die Leute sich einem Polizeiverhör unterziehen, bevor sie die Nase zur Türe meines Hotels hereinstecken dürfen!“
Mr. Bowlby fiel ihm ins Wort.
„Sie sollten ein bißchen dankbarer gegen meinen jungen Freund aus Schweden sein,“ sagte er. „Er hat nun schon zweimal die Diebstähle beim Maharadscha verhindert ...“
„Dann sollte er zum Teufel doch auch die Diebstähle bei sich selbst verhindern,“ rief der Direktor. „Dankbar! Gewiß bin ich dankbar. Wieviel hatten Sie doch in englischer Münze?“
„Fünftausendvierhundert in schwedischer -- dreihundert englische Pfund,“ sagte Allan kurz. „Bitte, machen Sie sich keine Gedanken darüber, Herr Direktor. Aber ich muß um einen kleinen Aufschub bei der Rechnung bitten, nachdem Herr Mirzl meine ganze Reisekasse übernommen hat.“
Der Direktor schüttelte ihm die Hand.
„Aber, aber!“ rief er, „nehmen Sie es doch nicht übel. Mißverstehen Sie mich nicht. Natürlich ist das Hotel für deponiertes Geld verantwortlich. Aber die Umstände in diesem Falle sind solche, daß ich nicht auf eigene Hand entscheiden kann. Mißverstehen Sie mich nicht. Wenn Sie den Obersten drei Tage lang hinter sich her gehabt hätten, und heute morgen einen Schwarm von Journalisten, die Ihnen die Ohren vollschreien -- bei Gott, da kommt der Oberst. Was ist denn schon wieder geschehen? Was für ein Verbrechen ist denn jetzt im Hotel verübt worden?“
Die Miene des Obersten war wirklich nicht so sonnig, daß der Direktor mit seinen Befürchtungen nicht recht haben konnte. Immerhin erwiesen sie sich als unbegründet.
„Ich hörte, daß Sie hier sind, Direktor!“ rief er. „Warum um Himmels willen lassen Sie dieses verdammte Zeitungsschmiererpack nicht hinausschmeißen?! Sie setzen mir nach wie Hunde einem Fuchs. Ob es wahr ist, daß der Maharadscha so gut wie ermordet in einem Park aufgefunden wurde? Ob es wahr ist, daß man ein Attentat auf seine Juwelen und ein anderes auf ihn selbst verübt hat? Welche Ansicht der Maharadscha über London hat? Welche Ansicht ich über das eigentümliche Attentat auf ihn habe -- -- Gentlemen, schrie ich, ich habe die unmaßgebliche Ansicht, daß Sie ein Haufen gottverdammter Vampire sind, und wenn Sie sich nicht augenblicklich packen, werde ich versuchen, sie Ihnen mit meinem Sechsläufigen klarzumachen. Die Ansicht des Maharadscha über London ist, daß es eine entzückende Stadt sein würde, wenn die Londoner nicht wären, und um sie so wenig als möglich zu sehen, pflegt Se. Hoheit jeden Morgen in aller Frühe einen Spaziergang durch die Parks in East End zu machen, wo er heute von einer bedauerlichen Schwindelattacke befallen wurde, die Anlaß zu tausend idiotischen Gerüchten gab, die nur Leute glauben können, die dumm genug sind, Zeitungen zu lesen, die von noch größeren Idioten geschrieben werden als sie selbst; und wenn Sie mit diesem Bescheid nicht zufrieden sind, meine Herren, dann können Sie mir den Bu -- --“
Die Stimme des Obersten kippte vor Gemütserregung um, ohne daß es seinen Zuhörern Schwierigkeiten bereitete, seinen elliptischen Satz zu ergänzen. Mr. Bowlby wischte sich die Augen und sagte:
„Sie sollten Minister des Aeußeren sein, Herr Oberst, dann käme doch ein bißchen mehr Schwung in den diplomatischen Verkehr! Haben Sie Herrn van Schleeten heute schon gesehen?“
„Schleeten! Ich habe mit den Tintenkulis genug zu tun gehabt. Er wird schon im Laufe des Tages kommen, und dann werde ich ihm meine Meinung sagen. Heute früh ist mir etwas eingefallen. Wer beweist mir, daß Schleeten nicht mit im Spiel war? Ich glaube, das Ganze war ein Komplott, und ich werde die Detektive davon verständigen.“
„Aber Herr Oberst, einer der ältesten und angesehensten Juwe ...“
„Der sich von einer verdammten kleinen Abenteuerin in Hosen düpieren läßt. Es +war+ ein Komplott. Da können Sie Gift darauf nehmen.“
„Sie ging ja wohl nicht immer in Hosen herum, Herr Oberst. Und was sagen Sie zum Chloroform? Sie haben doch selbst gesehen, daß er betäubt dalag.“
„Als ob das nicht gerade das Komplott beweisen würde! Hat man nicht schon tausendmal gehört, wie Leute falsche Einbrüche arrangieren! Das ist mir nur nicht früher eingefallen. Das werde ich sofort den Detektiven telephonieren! -- Guten Morgen, junger Freund! Wie steht es?“
Er schien Allan erst jetzt zu bemerken.
„Danke, Herr Oberst,“ sagte Allan. „Es geht mir so gut, als es einem gehen kann, wenn man eben um seine ganze Barschaft bestohlen worden ist.“
„Ihre ganze Barschaft! Das ist sie und Schleeten!“
„Ich bezweifle nicht, daß Herr van Schleeten ebenso bereit wäre, zu behaupten, daß ich und sie das Attentat heute nacht arrangiert haben. Nein, es war ein anderer ihrer Freunde, den sie in letzter Zeit auch kennen gelernt haben -- Herr Benjamin Mirzl.“
Der Oberst lauschte mit weitaufgerissenen Augen Allans Erzählung, drehte seinen weißen Schnurrbart und sprach in einigen kernigen Worten seine Ansicht über Mrs. Langtrey und Herrn Mirzl aus:
„Wielange werden diese Blindschleichen die Herrschaften noch frei herumlaufen lassen? Ich glaube wirklich, dieser Mirzl ist der leibhaftige Teufel!“
Der Direktor unterbrach ihn.
„Wie steht es mit Seiner Hoheit, Herr Oberst?“
Die Stirne des Obersten umwölkte sich.
„Er und das andere Prachtexemplar liegen noch todbesoffen da,“ sagte er. „Weiß Gott, was die Räuber ihnen eingetrichtert haben. Der Doktor und die Krankenschwestern plagen sich schon eine Stunde lang mit Massage, Injektionen und Elektrizität ab, sie stellen sie bald auf den Kopf, bald auf die Füße, ohne daß sie sich mucksen. Der Doktor glaubt, es wird Aether oder Morphium sein oder vielleicht beides.“
„Ist es nicht eigentlich merkwürdig, daß die Verbrecher sie losgelassen haben, Herr Oberst?“ wagte Allan einzuwerfen. „Ohne den Versuch zu machen, etwas zu erpressen! Und gerade in derselben Nacht, in der ihr anderer Plan mißlungen ist!“
„Das ist mir total schnuppe,“ sagte der Oberst behaglich. „Sobald sie nur wieder die Schnauze in die Luft strecken können, geht es nach Indien zurück, da lassen Sie nur mich dafür sorgen. Ich gehe zum Minister für Indien und erzähle ihm die ganze Sache privatim. Und dann kann sich Se. Hoheit meinetwegen grün und blau protestieren, aber es gibt keinen weiteren Europa-Séjour für ihn und keine Werbungen um schöne weiße Prinzessinnen.“
Der Direktor des großen Hotels wendete die Augen mit einem Ausdruck der lebhaftesten Dankbarkeit himmelwärts und verabschiedete sich, nachdem er dem jungen Bankbeamten die Weisung gegeben, Allan auszuzahlen, was er momentan von ihm haben wollte. Allan wendete sich an den Obersten.
„Kann man die Patienten sehen, Herr Oberst?“
„Noch nicht, junger Freund. Jetzt muß ich selbst hinauf und sie ein wenig beaugapfeln. Wir treffen uns noch!“
Er stürzte davon. Mr. Bowlby sah auf seine Uhr.
„An der Zeit, etwas zu essen,“ sagte er. „Kommen Sie, wir wollen doch sehen, was Susan und Helen machen.“
Sie fanden Mrs. Bowlby und Miß Helen im Salon der Familie Bowlby. Mrs. Bowlby trug eine purpurfarbene Toilette, die ihr eine frappante Aehnlichkeit mit einem brasilianischen Kakadu gab.
„Nun endlich!“ rief sie. „Wo hast du dich so lange herumgetrieben, John? Ich und Helen, wir vergehen ja schon vor Neugierde. Was ist also geschehen? Ist es wahr, daß man das Untier halb tot von Ausschweifungen auf der Straße gefunden hat? Die Dienerschaft sagt es. Und den alten grauhaarigen Wüstling? So erzähle doch, John! Und der Dritte aus der sauberen Gesellschaft soll ja einen Anfall von Delirium gehabt haben, er hat die Leibwache niedergemetzelt und große Löcher in den Fußboden und die Wände gestoßen? So erzähle doch, John!“
„Sobald du mich läßt, liebe Susan. Der Ma...“
„Es ist also wahr, natürlich! Halbtot von Ausschweifungen! Helen, du solltest nicht zuhören, mein Kind, aber es kann ganz gut für dich sein, zu wissen, wie es die Männer treiben. Und der Oberst, John?“
„Liebe Susan, lasse mich doch zuerst nur zwei Worte über den Maharadscha sagen.“
„Natürlich, du willst ihn in Schutz nehmen!“
„Der Maharadscha, geliebte Susan, wurde heute Morgen in einem Park in East End aufgefunden, betäubt ...“
„Von Ausschweifungen!“
„Betäubt mit Aether oder Morphium von der Bande, die ihn und den alten Hofdichter geraubt haben.“
„Behaupten sie selbst, haha!“
„Behaupten sie nicht selbst, da die Belebungsversuche des Arztes bis jetzt weder beim Maharadscha, noch bei dem alten Ali gelungen sind.“
„Haha, John, du bist wirklich +zu+ naiv!“
„_All right._ Aber du hast nach dem Obersten gefragt.“
„Der gestern abend das Delirium hatte, das sagt die Dienerschaft. Ich +will+ ja zugeben, daß der arme Prinz nicht gerade von leuchtenden Beispielen umgeben war. Diese Gerechtigkeit muß man ihm widerfahren lassen. Wenn er von einem alten Wüstling seiner eigenen Religion in entsetzliche Lokale gelockt wird und sieht, wie sich ein weißhaariger Heuchler, der sich Christ nennt, bis zur Besinnungslosigkeit betrinkt, kann man ja verstehen, daß ein Mensch, von schwachem Charakter in Versuchung geraten kann. Und dann fehlt ihm doch auch die Stütze einer Frau.“
„Er hat doch hundertfünfzig, liebe Susan.“
„Solche nenne ich nicht Frauen, John, das weißt du.“
„Aber du hast es doch bisher getan, liebe Susan.“
„Weil ich die Ohren meiner kleinen Helen schonen wollte. Sie bekommt ohnehin genug zu hören, das arme Kind.“
„Geniere dich meinethalben nicht, Mama, ich weiß sehr gut, was für ein Wort du anwenden wolltest.“
„Helen!“
„Liebe Mama, es steht doch im Shakespeare und in der Bibel.“
Mrs. Bowlby wechselte das Gesprächsthema.
„Wie ist es also mit dem Obersten, John? Ist er in eine Irrenanstalt gebracht worden?“
„Noch nicht, liebe Susan. Wir trennten uns eben vor einem Augenblick. Er ging zu seinen Schützlingen hinauf. Er war ein bißchen erregt nach seinen Gesprächen mit dreißig oder vierzig Reportern. Sonst befand er sich ganz wohl. Und wenn du Mr. Cray so halbwegs in Frieden erzählen lassen willst, kannst du hören, wie das mit seinem Delirium zusammenhängt. Du glaubst doch Mr. Cray?“
„Soviel ich nach zwanzigjähriger Ehe einem Mann glauben kann, John.“
„Liebe Susan, sei mir nun nicht böse, weil ich dir deine Illusionen über den Maharadscha und die beiden anderen geraubt habe. Erzählen Sie, Mr. Cray!“
Allan wiederholte seinen Bericht über das, was am vorhergehenden Abend passiert war. Mrs. Bowlby hörte halbwegs ruhig zu, bis er zu der Szene kam, die sich dem Obersten und ihm selbst im Arbeitszimmer Herrn van Schleetens geboten hatte. Da stieß sie einen Schrei aus, der der baseballspielenden amerikanischen Nation würdig war.
„Der auch! Ein Schwindler! Der alte Roué! Jetzt sind die Juwelen also gestohlen?“
„Noch nicht, Mrs. Bowlby. Der Oberst und ich kamen gerade in der letzten Sekunde, um es zu verhindern, und sicherlich hat die Säbelattacke des Obersten gegen die Türe den Dieb in die Flucht gejagt.“
„Den Dieb? Sie meinen den Mitschuldigen!“
„Sie sind derselben Ansicht wie der Oberst, wenn Sie das sagen, Mrs. Bowlby. Aber sie ist, mit Ihrer Erlaubnis gesagt, nicht richtig. Es war eine Schwindlerin, die Herrn van Schleeten düpiert hatte.“
In Mrs. Bowlbys Gedankennetz trat ein Kurzschluß ein.
„+Eine Schwindlerin!+ Sie haben doch gesagt, daß jemand in Männerkleidern mit ihm hinaufging?“
„Ja, aber es war doch eine Schwindlerin, Mrs. Bowlby, verkleidet.“
„In Hosen! Da würde ich doch lieber ... Helen, du siehst, wie Frauen werden können, wenn sie einmal anfangen. Tausendmal ärger als die Männer. Wer war es, Mr. Cray? Weiß man es? Eine Holländerin?“
„Eine Amerikanerin, Mrs. Bowlby. Schöpfen Sie tief Atem, bevor ich Ihnen den Namen sage.“
„Sie meinen doch nicht --“
„Ja, allerdings: Mrs. Langtrey!“
Es war offensichtlich, daß Mrs. Bowlby seiner Aufforderung in Bezug auf das Atmen nachgekommen war, denn der Ruf, den sie ausstieß, ging durch Mark und Bein.
„Hatte ich also recht, Mr. Cray?!“
„Es sieht so aus, Mrs. Bowlby.“
„So etwas, dieser alte ausschweifende Schwindler läßt sich verlocken, von einem Frauenzimmer -- Helen, mein Kind, höre nicht zu was wir sprechen -- in Hosen!“
„Er ist seiner Strafe nicht entgangen, Mrs. Bowlby. Sie hat ihn chloroformiert und würde alle Juwelen gestohlen haben, wenn wir nicht rechtzeitig gekommen wären. Nun gelang es ihr zu entkommen, aber die Juwelen mußte sie im Stiche lassen. Es war ihr Glück, daß dem Obersten die Hand zitterte. Er hat ihr sechs Schüsse durch das Fenster nachgeschickt. Aber ich muß gestehen, daß ich ihre Kaltblütigkeit bewundere, die Strickleiter anzuzünden!“
„Sie sollen nie etwas bewundern, was unmoralisch ist, Mr. Cray. Und um die Juwelen ist sie also gekommen?“
„Ja, und zum Dank dafür bin ich heute durch Herrn Mirzl von dem Rest meines Geldes befreit worden.“
„_Now, demmit lively!_ Was sagen Sie?“
Allan beschrieb, was im Bankkontor passiert war. Mrs. Bowlby hörte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Als er zu Ende war, atmete sie tief und sagte:
„Ich muß gestehen, dieser Mirzl ... Nein, daß er Langtreys Frau in die Krallen geraten mußte! Ich bin überzeugt, sie hat ihn auf Abwege gebracht wie diesen alten Roué von einem Juwelier.“
„Glauben Sie, sie hat ihn mit Chloroform betäubt, Mrs. Bowlby?“
„Eine Frau braucht zu so etwas kein Chloroform. Ich muß sagen, daß ich diesen Mirzl auf jeden Fall beinahe bewundern muß.“
„Sie sollen nie bewundern, was unmoralisch ...“
„Keine vorlauten Bemerkungen, junger Mann. _Demmit._ Also jetzt haben Sie es das zweitemal verhindert! Glauben Sie, er wird sich damit zufrieden geben?“
„Wahrscheinlich ist es nicht. Aber sobald der Maharadscha sich erholt hat -- die Schnauze in die Luft stecken kann, wie der Oberst sich so schön ausdrückte -- soll er wieder nach Indien zurückgebracht werden. Darauf schwor der Oberst. Und dann hat Mirzl keine Chancen mehr.“
Nach dem Lunch unternahm Allan einen Ausflug in das erste Stockwerk. Aber die schwarze Leibwache versperrte ihm den Weg mit einem wiedererkennenden Zähneblecken. Vor die Türe, die der Oberst gesprengt hatte, hatte man eine Draperie gehängt. Allan suchte sich den schwarzen Kriegern verständlich zu machen, aber sie antworteten nur mit einem Wort, von dem Allan schließlich begriff, daß es +Oberst+ bedeute. Der Oberst hatte offenbar allen den Zutritt verboten.
„Lassen Sie mich mit dem Oberst sprechen,“ sagte er.
Sie schüttelten den Kopf und sagten irgend etwas Unverständliches, als sich im selben Augenblicke eine Türspalte öffnete und ein blasser Kopf im Turban sichtbar wurde. Es war der alte Ali.
„Verehrungswürdiger Poet,“ rief Allan. „Lassen Sie mich hereinkommen und Ihnen die Hand drücken! Wie geht es Ihnen? Erinnern Sie sich meiner nicht aus dem Hause der Tausend Freuden, auch Feuerfresserklub genannt?“
Der alte Hofdichter fuhr sich über die Stirne.
„Das Haus der Tausend Freuden war ein vermummter Eingang zum Palast der Plagen,“ sagte er. „Es kommt mir nun vor, daß ich mich Ihrer erinnere, junger Mann. Von Ihnen hat man uns gesprochen! Sie waren es, dem es gelang, von diesen Söhnen Scheitans zu flüchten und es zu verhüten, daß die Juwelen meines Schülers gestohlen wurden.“
„Es war meine Wenigkeit,“ sagte Allan.
„Kommen Sie also herein, und seien Sie gesegnet! Nicht so sehr von mir -- denn was sind wohl Juwelen anderes als farbiger Kies? -- aber von meinem Schüler, dessen Herz in jugendlicher Torheit von den vielfarbigen Lichtnebeln dieser Welt erfüllt ist, von denen diese Steine ein Symbol sind. Beim Propheten, mein Kopf schmerzt. Seit Jamshyd König von Kaikobad war, hat es einen solchen Rausch nicht gegeben, der große Richter sei mir gnädig. Kommen Sie herein!“
Allan passierte ein Spalier von Säbeln. Drinnen fand er den Mann, um den so viele Intrigen gesponnen waren, in derselben Stellung liegen, wie er ihn zuletzt im Feuerfresser-Klub gesehen, auf einem Diwan ausgestreckt, aber mit einem bedeutend matteren und weniger freudigem Lächeln als damals. In der halbgeöffneten Türe zu einem inneren Zimmer sah er eine Krankenpflegerin. Bei Allans Eintritt hob Yussuf Khan beide Hände zum Gruß.
„Seid mehr als tausendmal gegrüßt!“ sagte er mit schwacher Stimme. „Verzeiht mir, daß ich mich nicht erhebe, edelster der Sahibs. Man hat es mir verboten. Sagt, was Ihr als Belohnung für das, was Ihr an mir getan, wünschet! Sprecht frei!“
„Wir wollen ein andermal darüber reden,“ sagte Allan, „es ist mehr dem Zufall als mir zu verdanken, daß den Verbrechern ihr Anschlag mißlungen ist. Lassen Sie mich lieber hören, was für Abenteuer Ew. Hoheit und dieser verehrungswürdigste der Dichter, seit wir uns zuletzt sahen, erlebt haben.“
Der alte Ali sank auf einen Stuhl, nachdem er Allan einen hingestellt hatte.
„Setzen Sie sich,“ sagte er. „Ich bin, wie mein Schüler, ermattet von der Behandlung, der die Söhne Scheitans uns unterworfen haben. Nach dem, was mir Oberst Morrel Sahib sogleich, als ich hier wieder zum Leben erwachte, anvertraute, habe ich für immer meinen guten Namen und meinen Ruf verwirkt. Mit Recht sagt der göttliche Zeltmacher von sich selbst:
Gurt, Kleid und Seele, alles, was mir teuer, Gab ich als Pfand dem Schenken-Ungeheuer. Nun denn, so bin ich frei von Furcht und Hoffen Und los von Erde, Wasser, Luft und Feuer.