Part 11
„Natürlich,“ sagte Yussuf Khan würdevoll. „Warum hätte ich Euch sonst durch Oberst Morrel Sahib rufen lassen? Er hat mir gesagt, daß Ihr in Europa der erste unter jenen seid, die edle Steine behandeln. Obwohl die meinen von geringem Werte sind und Euch nicht fesseln können, bitte ich Euch doch, sie der weißen Fürstinnen so würdig zu machen, als sie werden können. Wisset, daß ich in Europa bin, um eine Sahibprinzessin zu erringen. Und denkt daran, wenn Eure Hand an diesen Steinen arbeitet. Euer Lohn und Eure Ehre werden groß sein.“
Herr van Schleeten, dessen Augen an der Kassette und ihrem Inhalt hingen, wie die des Vogels am Reptil, wollte eben neue Einwände erheben, als Oberst Morrel ihm zuvorkam.
„Die Sache ist durch den Willen Seiner Hoheit entschieden,“ sagte er scharf. „Wollen Sie die Arbeit übernehmen oder müssen wir uns an einen anderen wenden? Lassen Sie mich das gleich wissen.“
Herr van Schleeten stand noch einen Augenblick stumm da, bevor es ihm gelang zu erwidern:
„Natürlich ... wenn es der Wille Seiner Hoheit ist ... Aber darf ich fragen, in welcher Richtung Seine Hoheit wünscht, daß ...“
„Welche Richtung immer,“ unterbrach der Oberst. „Bestimmen Sie selbst. Es ist ja Ihre Spezialität.“
Herr van Schleeten stand einen Augenblick stumm da und hörte den Oberst in sich hineinmurmeln:
„Welche gottverdammte Richtung immer, kommt schon auf eins heraus.“
Herr van Schleeten begann zu verstehen, wie die Dinge standen, und fuhr fort:
„Ist es gestattet, daß ich die Juwelen Seiner Hoheit in mein Atelier hier in London bringe, oder --“
„Sie müssen hier arbeiten,“ sagte der Oberst. „Sie bekommen ein Zimmer zu Ihrer Verfügung, und dorthin müssen Sie die Instrumente, die Sie brauchen, schaffen lassen. Außerdem müssen Sie schon entschuldigen, wenn vor dem Arbeitszimmer von der Leibgarde Sr. Hoheit Wache gehalten wird. Es ist nicht Ihretwegen, sondern um einem Attentat von außen vorzubeugen.“
„Ich verstehe,“ murmelte Herr van Schleeten, den Blick auf die Kassette und ihren Inhalt geheftet. „Und wann soll ich anfangen?“
„Sobald als möglich, sobald als möglich!“ rief der Maharadscha eifrig. „Am besten heute.“
„Heute, fürchte ich, muß ich mich damit begnügen, meine Instrumente herzubringen,“ sagte Herr van Schleeten, „aber morgen.“
„Nun gut, morgen! Und Ihr versprecht, so rasch zu arbeiten, als Ihr könnt, nicht wahr? Eure Ehre und Eure Belohnung werden nicht gering sein, so wahr ich Yussuf Khan von Nasirabad bin, Sohn des Ibrahim Khan.“
„Ich werde mein Möglichstes tun, Hoheit,“ sagte Herr van Schleeten und verabschiedete sich unter tiefen Verbeugungen. „Wenn es notwendig sein sollte, werde ich Tag und Nacht arbeiten.“
Der Maharadscha klatschte vor Freude in die Hände, als er zur Türe hinausschritt. Herr van Schleeten sah die schwarzen Diener auf einen Ruf ihres Herrschers hereineilen.
Zu seiner Enttäuschung fand er, daß Mrs. Langtrey ausgegangen war, als er sich beim Portier nach ihr erkundigte. Er schrieb einige Zeilen, in denen er sie fragte, ob er sie nicht treffen könnte, bevor er am nächsten Tage seine Arbeit in der Wohnung des Maharadscha begann, und bat den Portier sie zu übergeben.
Dies war am 15. September. Dienstag, der 16., brachte für Herrn van Schleeten ungeahnte Ueberraschungen.
Schon aus dem Gesicht des Portiers konnte er, als er sich gegen zehn Uhr im Grand Hotel Hermitage einfand, sehen, daß nicht alles so war, wie es sein sollte. Er war kaum zur Türe herein, als der Portier den Direktor anklingelte und ihn bat, ins Kontor hinunterzukommen. Herr van Schleeten beugte sich diskret zum Portier vor.
„Ich habe Ihnen gestern ein Briefchen gegeben,“ sagte er mit einem bedeutungsvollen Blick und strich sich seinen gelbgrauen Schnurrbart.
Der Portier schien einen Augenblick nachzudenken.
„Ach ja!“ sagte er, „gewiß. An die Dame auf Nr. 320/21. Sie ist abgereist, ohne eine Antwort zu hinterlassen.“
„+Sie ist abgereist!+“
In seiner Verblüffung und Enttäuschung sprach Herr van Schleeten in gesperrten Lettern wie ein Schauspieler.
„Sie ist heute morgen abgereist,“ sagte der Portier, „so gegen halb acht. Kurz zuvor ist ein Expreß-Telegramm gekommen.“
„Aus Amerika,“ murmelte Herr van Schleeten, plötzlich überzeugt, daß der zudringliche Freier aufgetaucht war. Was würde nun aus dem Souper werden?
„Nein, aus Paddington,“ sagte der Portier. „Ich habe es zufällig auf dem Blankett gesehen. Hier kommt der Herr Direktor.“
Herr van Schleeten, der in diesem Augenblick den Direktor des großen Hotels durch die Halle herankommen sah, war von dem Schlage, den der Portier ihm ahnungslos versetzt hatte, so betäubt, daß er weder denken noch sprechen konnte. Es dauerte darum eine Weile, bis er merkte, daß der Direktor ebenso aufgeregt war wie er selbst.
Er blieb vor Herrn van Schleeten stehen und schien nach Worten zu suchen. Endlich fiel es Herrn van Schleeten auf, wie eigentümlich es doch war, daß man den Direktor überhaupt gerufen hatte. Er hatte ja gar nichts mit ihm zu tun. Er wollte eben fragen, was denn los sei, als der Direktor sich zu einem Entschluß aufzuraffen schien.
„Wollen Sie mit mir zum Herrn Oberst kommen, Herr van Schleeten,“ sagte er. „Sprechen Sie mit ihm selber; das wird das beste sein.“
„Ja, was gibt es denn?“ fragte Herr van Schleeten erstaunt.
„Sie müssen über das, was ich Ihnen sage, Diskretion bewahren, Herr van Schleeten, aber Sie müssen doch in die Sache eingeweiht werden. Der Maharadscha ist verschwunden, und in seiner Wohnung ist heute nacht ein Einbruch verübt worden.“
„Einbruch!“ stammelte Herr van Schleeten, für den Augenblick Mrs. Langtrey und alles andere vergessend, als die wunderbaren Juwelen. „Sind die Juwelen gestohlen?“
„Nein, glücklicherweise wurde der Diebstahl im letzten Moment von einem jungen Manne verhindert, der hier im Hotel wohnt. Aber der Maharadscha ist verschwunden, und Gott weiß, wann wir ihn wiedersehen.“
Herr van Schleeten brachte kein Wort der Erwiderung hervor. Was waren das für Mysterien? Sowohl Mrs. Langtrey wie der Maharadscha verschwunden! Waren sie zusammen durchgegangen? Hatte er sie entführt? Dann, bei allen Mächten der Unterwelt, wollte sich Herr van Schleeten mit den Juwelen nicht mehr abgeben, als mit dem Schmutz der Straße. „Wann ist er verschwunden?“ stammelte er.
„Gestern abend. Er wurde an irgendeinen infernalischen Ort gelockt und konnte nicht wieder gefunden werden. Aber um Gottes willen, seien Sie diskret!“
Herr van Schleeten atmete wieder.
Herrn van Schleetens Unterredung mit Oberst Morrel auf dessen Zimmer in der fürstlichen Suite war summarisch. Er fand den Oberst von einer Wand zur anderen rennend, wie ein frisch gefangener Tiger und kaum weniger blutdürstig anzusehen.
„Was zum Geier gibt es?“ war sein artiger Begrüßungsruf.
„Dies ist Herr van Schleeten, Herr Oberst,“ sagte der Direktor. „Der Juwelier, der --“
„Juwelier her, Juwelier hin! Wenn mein schwarzer Diamant beim Teu--“
Herr van Schleeten begann sich verletzt zu fühlen. Er hatte augenblicklich selbst seine Sorgen und fand sie groß genug, um nicht noch mit denen anderer belastet zu werden. Er machte einen Schritt auf die Türe zu.
„Ich werde meine Instrumente wieder holen lassen,“ sagte er mit eiskalter Stimme, „gestatten Sie mir, Ihnen zu sagen, Herr Oberst, daß ich nicht --“
„Gut! Gut! Zum Teufel hinein!“ rief der Oberst, aber hielt dann inne, von einem Gedanken gepackt. „Ja, richtig -- es ist ja doch eine Möglichkeit, daß die Blindschleichen dort oben (offenbar Oberst Morrels Kosename für die Detektive) meinen schwarzen Ado -- Sr. Hoheit finden ... Also arbeiten Sie nur nach Belieben, mein bester Herr van Schleeten, ganz nach Belieben. Dann erweisen Sie meinem schwar... Sr. Hoheit einen großen Dienst. Adieu!“
Der Oberst stürzte zur Türe hinaus und schlug sie mit einem Krach zu, der an einen Felssturz gemahnte. Der Direktor wendete sich mit einem entschuldigenden Lächeln Herrn van Schleeten zu.
„Der Oberst ist ein bißchen erregt,“ sagte er. „Nehmen Sie es nicht krumm, Herr van Schleeten, Sie wissen, ein alter Soldat ... er hat es momentan nicht sehr angenehm.“
„Das ist kein Grund, mich zu behandeln wie einen Kutscher, der falsch gefahren ist,“ sagte Herr van Schleeten mit gerunzelter Stirne. „Ein jeder hat seine Sorgen.“
„Herr van Schleeten, Sie sind doch ein Weltmann. Beachten Sie den schlechten Humor eines alten Herrn nicht. Gestatten Sie mir, Sie in das Zimmer zu führen, das für Sie reserviert ist.“
Noch etwas grollend wurde Herr van Schleeten in den Arbeitsraum geleitet. Der erste Anblick der märchenhaften Edelsteine war genug, um ihn sowohl den Obersten wie Mrs. Langtrey vergessen zu lassen. Er verbrachte eine Stunde damit, sie einen nach dem anderen zu bewundern; zwei damit, nachzudenken, wie er die Fassungen „ändern“ sollte, damit sie nach dem Geschmack des Maharadscha ausfielen. Dann klingelte er und ließ sich ein leichtes Frühstück mit einer halben Chateau-Lafitte bringen und machte sich dann gegen zwei Uhr an die Arbeit. Er blieb bis sieben Uhr dabei und merkte kaum, wie die Zeit verflog, so hypnotisiert war er von den Steinen; was er hingegen, als er seine Instrumente weglegte, merkte, war, daß er eine Hilfskraft haben mußte, wenn er die Arbeit in annehmbarer Zeit fertig bringen sollte, ganz abgesehen von der nervösen Eile des Maharadschas. Gegen halb acht Uhr verließ er das Hotel.
Die schwarze Leibgarde hielt noch immer treue, stumme Wache vor den Türen des Arbeitsgemaches. Herr van Schleeten sprach sie im Vorüberstreifen auf englisch an, aber bekam keine Antwort. Offenbar verstanden sie nur ihre Muttersprache.
Unten auf der Straße angelangt, ging er anfangs halb abwesend durch das Menschengewühl. Der Septemberabend war etwas kühl, mit einem herbstlichen Ton in der Luft. Herr van Schleeten, dessen Kopf ganz von den wunderbaren Steinen erfüllt war, wurde sich erst nach einiger Zeit bewußt, daß er Hunger hatte.
Er ging in ein kleines französisch-italienisches Restaurant, an dessen Türe er gerade vorbeikam, setzte sich nieder, und wählte einige Gerichte _à la carte_ und eine Halbe Kirwan-Cantenac. Er war zum Kompott nach dem Huhn gekommen, als er aufblickte und sah, daß Mrs. Langtrey an seinem Tische stand, allein, im Straßenkleid.
Herr van Schleeten flog in die Höhe.
„Sie!“ rief er. „Sie!“
„Ja, ich ...“ murmelte sie. „Ah, daß ich Sie treffe! ... Gott sei Dank! Gestatten Sie, daß ich mich niedersetze?“
Herr van Schleeten riß einen Stuhl unter dem Tisch mit einem Schwung hervor, als wollte er ihn als Wurfgeschoß verwenden und half ihr die Ueberkleider ablegen. Das kleine Souper winkte, und in dem rosigen Wachskerzenschein seiner Hoffnungen sah er sich ihr schon weit mehr ablegen helfen als die Ueberkleider. Sie ließ sich nieder und blätterte zerstreut in dem Menü, das der französische Kellner sich beeilt hatte, ihr zu überreichen.
„Aber heute abend müssen Sie mir gestatten,“ sagte Herr van Schleeten hastig. „Geben Sie mir die Weinkarte, Kellner.“
Sie nickte leicht und wählte ein paar Speisen. Herr van Schleeten, der die Champagnerliste durchforschte, bemerkte, daß sie auf französisch bestellte. Er war ein bißchen verwundert, und nachdem der Kellner verschwunden war, sagte er:
„Ich habe geglaubt, Sie waren nie in Frankreich, Mrs. Langtrey.“
„In Frankreich?“ wiederholte sie nach einem Augenblick. „Nein, warum denn? Ach so, weil ich Französisch spreche! Das tut doch jeder gebildete Mensch.“
Herr van Schleeten beeilte sich, das einzuräumen.
Erst beim Dessert begannen sie von ihm und dem, was er vor hatte, zu sprechen. Die Zeit bis dahin war mit ihren Berichten über die Gründe ihrer überstürzten Abreise ausgefüllt gewesen, und Herrn van Schleetens Sympathieausbrüchen bei der Anhörung derselben. Es war dieser zudringliche Freier! Natürlich! Der brutale Egoist! (Herrn van Schleetens Generalurteil.) Der rücksichtslose Geselle. Ganz einfach telegraphieren: „Ich komme, erwarten Sie mich,“ und sich einbilden, daß alles in Ordnung ist! Daß die Heirat ohne weiteres stattfinden kann! Ach, was für verächtliche Typen es doch in der menschlichen Komödie gibt (Herr van Schleeten); Wie schwer das Leben für eine arme Frau ohne Freunde ist (Mrs. Langtrey); Aber schön für den, der +einen einzigen+ guten Freund hat (Herr van Schleeten).
„Wollen Sie wirklich mein Freund sein?“ murmelte sie.
Herr van Schleeten erklärte sich bereit, diese Rolle ohne alle Einschränkungen zu übernehmen.
„Mein wirklich guter Freund, nichts anderes?“ setzte sie fort.
Herr van Schleeten ging auch darauf ein, allerdings nicht so eifrig wie auf das erste Programm. Aber er schenkte noch Champagner in ihr Glas, im Vertrauen auf diesen gelben Wein, im Notfalle auf die Zukunft. Sie war ja Amerikanerin, und die Amerikanerinnen -- man weiß schon. Ein bißchen Belagerung.
„Wie froh bin ich, daß ich Sie getroffen habe!“ flüsterte sie und ließ, wie zerstreut, ihre kleinen Finger Herrn van Schleetens etwas volle Hand streifen. „Nein, wie der Zufall einem manchmal helfen kann, wenn man es am schwersten hat. Wenn es nun der Zufall war!“
Herr van Schleeten sprach die feste Ueberzeugung aus, daß es die Vorsehung gewesen, und suchte die kleinen Finger zu erhaschen, die sich rasch aus seinem gierigen Griff retteten.
„Sprechen wir von Ihnen,“ unterbrach sie. „Was machen Sie denn jetzt? Sind Sie sehr beschäftigt?“
Herrn van Schleeten wandelte die Lust an, sich interessant zu machen und zu zeigen, was er alles konnte, dieselbe Lust, die der Grund ist, daß er und wir alle, dank unserem Stammvater, nicht mehr im Paradiese wohnhaft sind. Mit einer Beredsamkeit, die sie offenbar ganz und gar bestrickte, beschrieb er den Auftrag, den er vom Maharadscha empfangen, und wurde bei der Schilderung der Juwelen geradezu dramatisch. Plötzlich fiel sie ihm mit funkelnden Augen ins Wort:
„Ich +muß+ sie sehen!“ rief sie. „Ich +liebe+ Juwelen! Ueber alles andere auf Erden.“
„Ueber alles andere auf Erden?“ wiederholte Herr van Schleeten enttäuscht. „Ich fürchte, das ist unmöglich, Mrs. Langtrey, es war schon indiskret von mir, Ihnen überhaupt davon zu sprechen.“
„Mir! Haben Sie schon vergessen, daß Sie versprachen, mein Freund zu sein? Wenn es etwas auf Erden gibt, das mehr wert ist als Diamanten, ist es wahre Freundschaft. Und einem Freunde muß man seine intimsten Geheimnisse erzählen können, nicht wahr, Herr van Schleeten?“
Herr van Schleeten gab zu, daß sie recht hatte. Aber ihr die Juwelen zu zeigen --
„_All right._ Wir sprechen nicht mehr darüber,“ sagte sie, mit einem kleinen Unterton kühler Verwunderung in der Stimme, der Herrn van Schleeten einen Schauer über den Rücken jagte. „Sie brauchen sich wegen Ihrer Indiskretion keine Sorgen zu machen. Ich plaudere nichts aus.“
Der rosige Wachskerzenschimmer über Herrn van Schleetens Zukunftsträumen zuckte bei ihrer kalten Stimme wie unter einem Luftzug. Er beeilte sich, einen stammelnden Satz zu beginnen:
„Mrs. Langtrey ... liebste Freundin ... sehen Sie ... ja, was soll ich sagen? ... Warten Sie, unterbrechen Sie mich nicht! Es +gäbe+ ja eine Möglichkeit ...“
Ihre Augen begannen ihn warm und strahlend anzusehen.
„Lassen Sie mich hören!“ rief sie. „Sie sind ein Engel!“
Herr van Schleeten strich sich seinen gelbgrauen Schnurrbart.
„Es ist nämlich so,“ flüsterte er, „daß ich bei meiner Arbeit eine Hilfskraft brauche, das habe ich heute nachmittag konstatiert. Und wenn -- ja das heißt, dann müßten Sie aber Männerkleider anziehen -- und das --“
„Männerkleider! Gott, wie lustig! Was Sie sich alles ausdenken können, lieber Freund! Sie +sind+ ein Engel.“
Herr van Schleeten begann seine Worte schon halb und halb zu bereuen.
„Aber das wäre doch eine schwierige Sache,“ sagte er zögernd. „Sie verstehen, wenn jemand im Hotel Sie erkennen sollte, dann wären sowohl Sie wie ich rettungslos kompromittiert.“
„Aber wenn es dunkel wird,“ sagte sie. „In der Verkleidung bei elektrischem Licht wird man mich doch nicht erkennen. Wie lange arbeiten Sie denn dort?“
„So lange ich will,“ gestand Herr van Schleeten.
„Gott, da können Sie ja auch in der Nacht dort sein!“
„Das kann ich,“ räumte Herr van Schleeten ein.
„Aber dann komme ich eben bei Nacht,“ rief sie entzückt, ganz glücklich über diese einfache Lösung eines schwierigen Problems.
Herr van Schleeten erbebte innerlich. Wie wäre es mit einem kleinen Souper, nur von der Glut der wunderbaren Juwelen beleuchtet?
„Sie müßten abends kommen, gegen zehn Uhr,“ sagte er, „und ich müßte den Obersten vorbereiten, daß ich jemand zu meiner Hilfe mitbringe. Um diese Zeit sind die meisten Hotelgäste zu Bett oder im Theater.“
Sie klatschte vor Entzücken in die Hände und drückte über den Tisch hinweg seine Hand.
„Gott, wie reizend! Das wird das Reizendste, was ich noch im Leben mitgemacht habe, und Ihnen habe ich es zu verdanken!“
„Aber,“ stammelte Herr van Schleeten wieder reuig und sich an diese letzte Chance festklammernd, „es steht eine schwarze Leibwache mit gezogenen Säbeln vor den Türen, und --“
„Das macht nichts,“ rief Mrs. Langtrey, „gar nichts, wenn ich weiß, daß ich mit einem wirklichen Freund bin!“
Das Souper schloß in scharmanter Stimmung von seiten Mrs. Langtreys. Aber die Hoffnung, die Herr van Schleeten an den Champagner geknüpft, erfüllte sich nicht; trotz dieses gelben und verräterischen Trankes mußte er Mrs. Langtrey an der Türe eines Autos Adieu sagen (sie war in ein kleines Familienhotel irgendwo gezogen, sagte sie). Ein Druck ihrer weichen festen Hand und ein Blick durch den Schleier, versprachen immerhin deliziöse Möglichkeiten für die Zukunft, und während Herr van Schleeten heimwärts ging, gelang es ihm bald, sich selbst zu überzeugen, daß er ein verfluchter Kerl war und daß alles gut gehen würde. Morgen abend, im Zimmer des Maharadscha ...
IX
Yussuf Khans Wiederkehr
Als die Detektivs endlich gegangen waren und die Familie Bowlby unter dem Präsidium Mrs. Bowlbys die Einbruchsaffäre und Mrs. Langtreys Verschwinden zu Ende debattiert hatte, dachte Allan an sein eigenes Privatmißgeschick; aber es wäre unwahr zu sagen, daß er es sehr schwer nahm. Was hatte er sich doch zugeflüstert, als er vor einigen Tagen die Küste der Heimat verbleichen sah? Vorwärts, den Abenteuern entgegen! Schicksal, _en garde_! Unleugbar waren ihm Abenteuer begegnet; aber das Schicksal hatte seine Herausforderung ebenfalls angenommen und zu einem recht fühlbaren ersten Gegenstoß ausgeholt. Wäre Herr Mirzl nicht ebenso exzentrisch gewesen, als er kühn war, so stünde Allan heute ohne Koffer und Kasse da -- und was hätte er dann angefangen? Nach Hause telegraphiert ...? Das Vorstellungsbild der jetzt wohl laut brüllenden Akzeptanten ließ ihn rasch davon abstehen, diesen Gedanken zu Ende zu verfolgen. Auf jeden Fall wollte er einer Wiederholung vorbeugen. Es konnte ja geschehen, daß Herr Mirzl in seiner Exzentrizität sein Urteil kassierte und die Geldbuße in gleicher Weise zurückschickte wie damals die Koffer; aber in der Erwartung dessen war es wohl am besten, den Rest der Reisekasse außer Reichweite für ihn zu placieren. Am Mittwoch deponierte Allan ihn folglich im Bankkontor des Hotels, nur gegen von ihm signierte Schecks oder Quittung zu beheben. Zwei Exemplare seiner eigenhändigen Namensunterschrift wurden dem Bankbeamten eingehändigt.
Am selben Abend gegen sieben Uhr sah Allan den alten Herrn mit der Raubvogelnase, der, wie er nun wußte, der Juwelenspezialist Mynheer van Schleeten war, die Treppe von der Wohnung des Maharadscha herunterkommen. Er sah ein bißchen erregt aus. Als der Hoteldirektor etwas später die Halle passierte, nahm Allan seinen ganzen Mut zusammen und ging auf ihn zu.
„Darf ich Sie etwas fragen, Herr Direktor?“
Der Direktor, der Allan von dem gestrigen Verhör kannte, nickte wohlwollend. Das war ja dieser junge Mann, dem man es zu danken hatte, daß nicht alles verloren war.
„Sie haben noch keine Nachrichten vom Maharadscha?“
Der Direktor schüttelte düster den Kopf.
„Leider nicht. Sie sind doch diskret gewesen, hoffe ich?“
„Absolut. Ich habe kein Wort über die Sache zu irgend jemand verlauten lassen außer der Familie Bowlby. Aber darf ich Sie etwas fragen? Ich sah gerade den alten Juwelier, den der Maharadscha berufen hat, aus seinem Appartement herunterkommen. Arbeitet er denn an den Juwelen, obwohl Se. Hoheit verschwunden ist?“
„Ja, er kam heute morgen, und da ich nicht wußte, was ich tun sollte, führte ich ihn zu Oberst Morrel hinauf ...“
Der Direktor brach ab und bemühte sich ein Lachen zu verbeißen.
„Ich hatte selbst das Vergnügen, den Oberst gestern morgen zu treffen,“ sagte Allan. „Herr van Schleeten bekam vermutlich die Aufforderung, sich an einen heißen Ort zu verfügen?“
„Etwas Aehnliches. Aber dann reute es den Obersten, und er bat ihn -- na ja, +bat+, hm, -- die Arbeit in Angriff zu nehmen. Herr van Schleeten hat den ganzen Tag oben in der Suite des Maharadscha gearbeitet.“
„Glauben Sie nicht, daß er in der Einsamkeit in Versuchung kommen könnte?“ fragte Allan. „Er geht ganz nach Belieben aus und ein?“
„Er! Er ist ja selbst ein Krösus und einer der bestrenommierten Juwelenspezialisten in Europa! Ebensogut könnten Sie ihn des Einbruchs verdächtigen.“
„Ich bitte um Entschuldigung,“ sagte Allan, „vermutlich geht mir der Einbruch im Kopfe herum. Und dann ist da noch eine andere Sache, die ich zufällig weiß.“
„Was denn?“
„Ich weiß zufällig, daß Herr van Schleeten intim oder zumindest bekannt mit Mrs. Langtrey war, die gestern früh verschwunden ist.“
„Ich habe Mrs. Bowlbys Insinuationen gegen die betreffende Dame gehört. Aber die Detektivs zuckten nur die Achseln darüber, und weder uns noch ihnen ist etwas Nachteiliges über sie bekannt. Und wenn Sie sie auch im selben Zug gesehen haben wie Mirzl, könnten Sie doch nicht behaupten, daß sie einander kannten. Aber man wird sie natürlich im Auge behalten.“
„_All right_,“ sagte Allan. „Ich wollte Ihnen nur sagen, was ich weiß.“
Der Direktor neigte den Kopf und ging in das Bureau.
Kurz darauf wurde Allan Zeuge einer Szene, über die er hell aufgelacht haben würde, wenn er ihren Ernst nicht erkannt hätte. Der alte Oberst kam die Treppen herunter und stürzte mit nervösen Schritten auf das Bureau zu. Im Vorbeieilen warf er Allan einen ergrimmten Blick zu. Offenbar war er noch durchaus nicht überzeugt, daß nicht alle Attentate ihren Ursprung von Allan herleiteten. Bevor er noch das Bureau erreicht hatte, kam der Direktor wieder herausgeeilt; in seinem Gesicht prägte sich die lebhafteste Erregung aus. Bei dem Anblick des Obersten stieß er einen kleinen Schrei aus. Allan sah ihn mit gesenkter Stimme dem alten Krieger etwas mitteilen. Der Oberst starrte ihn regungslos an und stieß dann ein Gebrüll aus, bei dem die Leute rings in der Halle von ihren Klubsesseln emporfuhren. In der nächsten Sekunde stürzte er wie ein Wahnsinniger die Treppen hinauf. Allan eilte auf den Direktor zu, um ihn zu fragen, was denn los sei. Hatten sie den Maharadscha ermordet?
„Der arme Oberst Morrel,“ sagte der Direktor. „Mich soll es wundern, wenn nach seinem letzten Geheul nicht das ganze Hotel weiß, wie die Dinge stehen.“
„Was gibt es denn? Ist Seine Hoheit tot aufgefunden?“
„So schlimm ist es nicht -- noch nicht. Aber er ist überhaupt nicht gefunden, und das ist fast ebenso arg.“
„Aber das wußte ja der Oberst schon?“
„Ja, aber wir hatten eben eine telephonische Botschaft vom Inspektor Mc. Lowndes -- Sie wissen, der magere Mann, der Sie gestern früh verhört hat. Seine Leute haben das Lokal herausgeschnüffelt, von dem Sie sprachen!“
„Sie haben den Feuerfresserklub gefunden?“