Yussuf Khans Heirat

Part 10

Chapter 103,590 wordsPublic domain

„Ich nicht,“ sagte Allan, der schon befürchtete, daß den Oberst bei seinem hartnäckigen Leugnen der Schlag treffen könnte. „Es war ein Mithelfer von Mirzl, von dem Sie den Herrn Inspektor sprechen gehört haben. Ich wurde selbst in den Klub hinaufgelockt --“

„Haha! Hahaha! Hinaufgelockt! Arretieren Sie ihn doch, Inspektor! Er war es, zu allen Teufeln, das müssen Sie doch sehen und hören.“

„Ich wurde selbst von einem anderen Genossen Mirzls in den Klub hinaufgelockt. Wir wurden freigebig mit Wein bewirtet, ich und der Maharadscha und der alte Hofdichter, die nach einer Weile in die Loge kamen, in der ich saß. Darf ich fragen, Herr Oberst, kennen Sie jemand, der Stanton heißt?“

„Stanton? Stilton? Wer zum Teufel ist dieser Stanton?“

„Das war der Mann, der Se. Hoheit dort hinaufgelockt hatte.“

„Haha! Natürlich! Inspektor --“

„Nach einiger Zeit gelang es mir durchzubrennen, und ich kam glücklicherweise noch zur rechten Zeit, um den Einbruch hier zu verhindern, der von Mirzl selbst in höchsteigener Person ausgeführt wurde. Er hatte sich so kostümiert, daß er mir ähnlich sah --“

„Gütiger Gott im Himmel, Inspektor, hören Sie, oder sind Sie taub? Können Sie noch mehr Lügen dieses Menschen hinunterschlucken ohne daß Sie daran ersticken? Kostümiert wie +er+. Da will ich doch gleich tot niederfallen, wenn ich je etwas Aehnliches gehört habe! Er +war+ es, natürlich, er +war+ es, wie ich Ihnen jetzt schon seit einer Stunde in die Ohren schreie!“

„Lieber Oberst, darf ich Sie eines fragen: Kann man zugleich hinter und vor einer Türe sein?“

„Natürlich, wenn man will!“

„Das ist nämlich die einzige Möglichkeit dafür, daß der Portier diesen jungen Herrn einerseits durchs Eingangstor entfliehen sah und ihn andrerseits, als er mit den Konstablern heraufkam, übel zugerichtet hier im Zimmer fand.“

„Dann ist er einfach durch das Loch im Boden wieder heraufgeklettert.“

„Und ist also an den Wächtern vorbei in das Schlafgemach des Maharadscha gekommen und ohne Leiter durch das Loch im Boden hier herauf, um den Polizisten in die Arme zu laufen?“

Der Oberst verstummte endlich. Die Möglichkeiten, die der Inspektor dafür dargelegt hatte, daß Allan der Verbrecher war, schienen sogar seiner bereitwilligen Phantasie etwas zu vage. Er sank auf einen Stuhl und wischte sich mit dem Taschentuch die Stirne.

„Aber gütiger Gott im Himmel,“ stöhnte er, „der Minister erwartet uns um fünf Uhr mit Tee und der Himmel weiß was noch! Und mein Ruf! Und die Regierung in Indien!“

„Sie sollten diesem jungen Mann dankbar sein,“ fuhr der Kommissar sanft, aber unerbittlich fort, „daß er doch wenigstens verhindert hat, daß die Juwelen gestohlen wurden. Es hing an einem Haar. Dankbar, ganz gewiß.“

Der Oberst heftete ein blutunterlaufenes Auge auf Allan, das gerade keine lebhaftere Potenz von Dankbarkeit ausdrückte. Er murmelte etwas Unhörbares, sprang auf und stürzte zur Türe hinaus.

Allan sah den Kommissar an, der sein Lächeln erwiderte. Im selben Augenblicke wurde die Türe aufgerissen, und Mrs. Bowlby sauste herein wie eine grüne Bombe. Sie erblickte Allan und pflanzte sich vor ihm auf.

„Haben Sie ihnen von Langtreys Frau erzählt?“ rief sie, sich bald zu Allan, bald zum Kommissar umwendend. „Ja?“

„Langtreys Frau?“ fragte der Kommissar. „Wer ist denn das?“

„Eine gräßliche Person,“ rief Mrs. Bowlby triumphierend. „Gräßlich. Sie steckt hinter der ganzen Geschichte, Sie werden schon sehen.“

„Darf ich einen von Ihnen bitten, zu erzählen, aber so klar als möglich,“ sagte der Kommissar und ergriff die Feder.

„Darf ich, Mrs. Bowlby?“ sagte Allan.

Mrs. Bowlby nickte, indem sie sich triumphstrahlend bereit hielt, alle erforderlichen Randbemerkungen beizusteuern. Allan begann:

„Unmittelbar vor dem Verhör ist mir eine Sache eingefallen, die mir zu denken gegeben hat, Herr Inspektor. Offenbar hat Mirzl und seine Bande über alles, was im Grand Hotel Hermitage vorging, durch Spione genaue Kontrolle ausgeübt. Es können ja Bediente, Kammerjungfern, Kellner, Laufburschen gewesen sein, von denen es hier wimmelt. Durch sie wußten sie Bescheid über die Lokalitäten, und auch, daß ich mich mit der Familie Bowlby, die die Zimmerflucht über Seiner Hoheit hat, angefreundet habe. Sie haben erfahren, daß Mr. Bowlby mit Familie gestern bis spät nachts ausbleiben würde. Diese Sache war schon Freitag bestimmt, und sie haben sofort ihren Coup geplant. Daß er unter normalen Verhältnissen diese Form angenommen haben würde, nämlich daß Mirzl sich gerade in meine Gestalt gehüllt hätte, ist wohl nicht ausgemacht, wenn auch immerhin möglich. Aber nun kam hinzu, daß Mr. Bowlby mich gestern, bevor er vom Mittagstisch aufstand, freundlich aufforderte, ungeniert in sein Rauchzimmer hinaufzukommen, wenn ich Lust hätte, einen Whisky mit Soda zu trinken. Dies war gegen acht Uhr, und Mr. Bowlby versprach sogar, seinen Diener zu verständigen, daß ich vielleicht kommen würde. Frappiert Sie dieses Detail? Wir waren damals allein bei Tisch; es war niemand vom Personal in der Nähe. Sollte Mirzl das im letzten Moment erfahren haben, hat es ihn natürlich in seiner Wahl der Verkleidung bestimmt. Aber wie konnte er es erfahren haben? Wie ich Ihnen schon sagte, war niemand von der Dienerschaft in der Nähe. Aber kurz nachdem Mr. Bowlby mit seiner Familie gegangen war, warf ich zufällig einen Blick nach rechts, von unserem Tisch aus gerechnet; und da, tief im Schatten der Palmen, die diesen Teil des Speisesaales dekorieren, und so gut wie von ihnen verborgen, saß eine Dame, von der Mrs. Bowlby behauptet, daß sie von zweifelhaftem Charakter ist, eine Amerikanerin aus guter Familie, die vor mehreren Jahren aus Amerika durchgegangen ist und sich vermutlich hier in Europa mit einem Abenteurer zusammengetan hat. Ihr Name ist Mrs. Langtrey ...“

„Und heute,“ ertönte Mrs. Bowlbys schrille Stimme wie ein Trompetenton, „heute um halb acht Uhr morgens ist Mrs. Langtrey aus dem Hotel verschwunden, nachdem sie ein Lokal-Expreßtelegramm bekommen hat!“

VIII

Mynheer van Schleetens Erlebnisse

Mynheer van Schleetens Leben hatte seine Wechselfälle gehabt; das Angenehme daran für Mynheer van Schleeten war, daß sie sich in einer stets aufsteigenden Kurve bewegt hatten. Aus einem Unbekannten war er eine europäische Berühmtheit geworden; aus einem armen Schlucker ein reicher Mann, aus einem reichen ein noch reicherer. In dem Jahre, in dem Yussuf Khan von Nasirabad seinen ersten Besuch in dem Weltteil machte, war Herr van Schleeten in demselben der berühmteste Juwelenspezialist. Wie Mr. Bowlby schon Allan Kragh mitgeteilt hatte, hatte er das Diadem angefertigt, das die französische Republik bei einem denkwürdigen Anlaß der Kaiserin von Rußland sandte, und noch ein Dutzend ähnlicher Dinge. Sein Hauptgeschäft war in Amsterdam, aber sein Beruf brachte es mit sich, daß er sich fast ebensoviel in Berlin, Paris und London aufhielt wie in seiner Heimatstadt. In allen diesen Städten hatte er Filialen oder Korrespondenten.

Ende August des obenerwähnten Jahres hatte er in Berlin (wo er sich im Auftrage eines später geadelten Finanzmannes befand, dessen Name mit B. anfängt) einen Brief von seinem Korrespondenten in London erhalten, daß ein gewisser Oberst Morrel seine Dienste für seinen Schützling, den Maharadscha von Nasirabad wünsche. Mynheer van Schleeten, der noch nie mit orientalischen Fürsten zu tun gehabt, aber um so mehr von ihren Juwelen gehört hatte, hatte sich beeilt, das Anerbieten anzunehmen, namentlich da es von einem sehr schmeichelhaften Honorarvorschlag begleitet war. Er teilte seine Freude den Zeitungen mit, die sich in mehreren Notizen mit ihm freuten. Es handelte sich um neue Fassungen und Aenderungen der Edelsteine des Maharadscha. Der junge Fürst war etwas exzentrisch, und war der Dinge, die seit tausend Jahren dasselbe Aussehen hatten, müde geworden.

Anfangs September reiste Mynheer van Schleeten nach Hamburg, wo er ein kleineres Geschäft hatte; und am selben Tage, an dem Herr Allan Kragh aus Schweden in dieser Stadt ankam, verließ Herr van Schleeten sie mit dem Morgenexpreß nach Paris, wohin ihn eine kleine Angelegenheit rief, die ihm gestattete, ganz bequem zur festgesetzten Zeit in London zu sein.

Mynheer van Schleetens Erlebnisse begannen im Expreß.

Er war als Holländer ein phlegmatischer Herr; die Erfolge, die er in seinem fast sechzigjährigen Leben gehabt, hatten dazu beigetragen, dieses holländische Phlegma noch zu erhöhen. Er ereiferte sich selten; er hatte nur zwei Passionen, denen er sich in passender, phlegmatischer Weise hingab. Die eine, die mit den Jahren gekommen war, galt altem molligem Bordeaux; die andere, die mit den Jahren etwas abgenommen hatte, jungen molligen Frauen. Mynheer van Schleetens Jugend war von verschiedenen lustigen Soupers in Damengesellschaft belebt gewesen; sein phlegmatisches Temperament hatte ihn jedoch abgehalten, so oft zu soupieren, daß es ihm die Fähigkeit oder die Freude am Dinieren geraubt hätte. In späteren Jahren hatte Herr van Schleeten viel häufiger diniert als soupiert. Das ging auch aus seinem Aussehen hervor; seine Nase war groß, gebogen, und hatte allmählich die Farbe des guten französischen Weines angenommen, in dem er sie am liebsten spiegelte. Sein gelbgrauer Schnurrbart war bei diesen Libationen gewachsen wie ein Baum, am Bachesrand gepflanzt; und wenn Herr van Schleeten jetzt trank, hing er auf das Bordeauxglas herab wie ein Grasbüschel über ein Bächlein.

Diese Bemerkungen werden vorausgeschickt, um Herrn van Schleetens Abenteuer im Expreß Hamburg-Köln und später zu erklären.

Sogleich, nachdem Herr van Schleeten seinen Platz in einem Coupé erster Klasse eingenommen hatte, -- seiner Gewohnheit gemäß den Fensterplatz in der Fahrtrichtung -- kam eine Dame ins Coupé. Sie betrachtete einen Augenblick Herrn van Schleeten, der sie seinerseits betrachtete. Er konstatierte, daß sie jung, ziemlich mollig war und sehr hübsch aussah, wenn auch ein bißchen hochmütig, und daß er folglich in der Zeit seines Leichtsinnes nichts dagegen gehabt hätte, mit ihr zu soupieren. Welche Resultate ihre Prüfung seiner Person ergaben, ist unbekannt; jedoch waren sie offenbar befriedigend, denn sie placierte ihre Reiseeffekten in das Netz und sich selbst auf dem Sitz gegenüber Herrn van Schleeten. Dann setzte sich der Zug in Bewegung, und Herr van Schleeten versenkte sich, um seine phlegmatische Natur zu dokumentieren, in das Studium der Morgenzeitungen.

Es dauerte bis Bremen, bevor sich etwas ereignete.

Kaum war der Zug in dieser Station stehen geblieben, als Herr van Schleeten Schritte im Korridor hörte und sah, wie die Türe seines Coupéabteils von einem jungen Manne geöffnet wurde, der auf der Suche nach einem Platz zu sein schien. Herr van Schleeten konstatierte, daß der junge Mann ein ganz sympathisches Aussehen hatte; aber da er es höchst ungerne sah, wenn das Coupé, in dem er reiste, mehrere Personen beherbergte, betrachtete er den jungen Mann mit einer bestimmten, barschen, abweisenden Miene, die ausdrücken sollte: Gehen Sie in das nächste Coupé, junger Freund. Ohne sich im geringsten daran zu kehren, ließ sich der junge Mann ungeniert auf Herrn van Schleetens Sofa nieder, ihm dadurch alle Chancen raubend, sich nach dem Lunch auszustrecken und ein kleines Schläfchen zu machen. Herr van Schleeten repetierte seinen barsch abweisenden Blick und legte noch eine Portion wohlerzogenen Staunens über ein solches Betragen hinein. Leider merkte er, daß dieser Blick an den jungen Mann (der übrigens gar kein Gepäck hatte) verschwendet war; dieser war ganz und gar damit beschäftigt, Herrn van Schleetens schönes Visavis mit den Augen zu verschlingen; sie ihrerseits schien eingeschlummert zu sein. Herr van Schleeten gab sich selbst seine Ansichten über die jungen Leute von heute kund, und nahm nach einer Weile sein Studium der Morgenblätter wieder auf.

Die nächste Episode ereignete sich, als der Zug etwa eine halbe Stunde weitergesaust war. Die Coupétüre wurde plötzlich wieder geöffnet, diesmal zu Herrn van Schleetens Befriedigung vom Kondukteur, der die Fahrkarten zu sehen wünschte. Der junge Mann wies die seine vor, die zu Herrn van Schleetens Enttäuschung in Ordnung zu sein schien. Der Schaffner wendete sich nun an Herrn van Schleeten, betrachtete seine Fahrkarte und hustete dann zweimal ein „Gnädige“, um die Aufmerksamkeit der jungen Dame zu erregen, die Herrn van Schleeten gegenüber saß. Dies erwies sich jedoch als vergeblich. Sie schlief noch immer. Der junge Mann schien einen Augenblick nachzudenken, dann beugte er sich vor und tätschelte Herrn van Schleetens Visavis sanft das Knie.

Die Wirkung war eine momentane. Die junge Dame schnellte von ihrem Platze auf, warf ihm einen furchtbaren, empörten Blick zu, starrte um sich, reichte dem Schaffner die Karte und brach dabei in eine Sturzflut von englischen Worten aus: Wie konnte dieser junge Mann es wagen? Was meinte er eigentlich? Konnte man nicht in Europa reisen (sie war also Amerikanerin), ohne beleidigt zu werden? Herr van Schleeten fand ihren Zorn etwas übertrieben, in Gedanken an die Damen amerikanischer Abstammung, die er sowohl am Knie wie auch anderswo getätschelt hatte; aber als er bedachte, daß er durch eine feindselige Haltung den jungen Mann möglicherweise von seinem (Herrn van Schleetens) Sofa vertreiben konnte, hütete er sich wohl, sie zu unterbrechen. Plötzlich wendete sie sich an ihn:

„Sir, haben Sie gesehen, ob dieser junge Mensch sich noch andere Freiheiten gegen mich herausgenommen hat, während ich schlief?“

„Ich weiß nicht,“ sagte Herr van Schleeten diplomatisch, noch immer in Gedanken an sein kleines Mittagschläfchen. „Ich habe Zeitungen gelesen.“

„Es ist gut!“

Sie setzte ihre Ausfälle gegen den jungen Mann fort, der zuerst ganz verblüfft zugehört hatte und nun zu einer Entgegnung ansetzte. Sie unterbrach ihn sofort.

„Wie können Sie es wagen, mich anzusprechen?“

Nun wurde es ihrem Widersacher zu toll. Er erhob sich zu Herrn van Schleetens Entzücken von dem Sofa und verschwand in den Korridor. Im selben Augenblick verspürte Herr van Schleeten eine leise Reue, daß er dazu geholfen hatte, ihn in die Flucht zu jagen: es würde wohl nicht sehr angenehm sein, allein mit solch einer empfindlichen, streitsüchtigen, kleinen Xantippe zu reisen. Kaum war jedoch der junge Mann zur Türe hinaus, als sie ihr Aussehen veränderte wie ein Aprilhimmel und sich mit dem sonnigsten Lächeln der Welt Herrn van Schleeten zuwendete:

„Ich war vielleicht ein bißchen heftig,“ sagte sie, „aber ich kann nun einmal die Zudringlichkeit solcher junger Laffen nicht vertragen.“

Sie legte einen Akzent auf „solche junge Laffen“, der Herrn van Schleeten angenehm berührte. Er konstatierte, daß sie weiße starke Zähne hatte, und daß ihre Augen, wenn sie lächelte, ungewöhnlich anziehend waren. Der Farbe nach waren sie grau; grau war mit den Jahren Herrn van Schleetens Lieblingsfarbe geworden, nachdem er in allzuviel blaue und schwarze Augen zu tief gesehen und dafür hatte büßen müssen.

„Madame,“ sagte er, „die Zudringlichkeit dieses jungen Mannes war einfach unerhört.“

Bald waren sie in ein interessantes Gespräch vertieft, das nur dadurch unterbrochen wurde, daß der Speisewagenkellner in ihr Coupé kam und meldete, daß das Diner serviert sei. Obgleich Herr Van Schleeten jetzt mit sich schon darüber einig war, daß er gar nichts dagegen hätte, mit seinem Visavis zu soupieren, schob er den Gedanken daran doch bis auf weiteres auf, und schlug ihr vor, mit ihm zu dinieren. Sie nickte gnädig:

„Natürlich unter der Voraussetzung, daß ich selbst für mich bezahle.“

Herr van Schleeten verbeugte sich.

Nach dem Mittagessen, das bei gutem alten Bordeaux auf das angenehmste verstrichen war, vergingen einige Stunden, bis Herr van Schleeten wieder etwas von dem jungen Mann sah, der gedroht hatte, ihn seines Mittagschläfchens zu berauben. Gegen die junge Dame, die ihm diesen Genuß nun tatsächlich geraubt hatte, hegte er keinerlei Groll; sie hatte ihm durch ihre höchst flirtoyante Konversation soviele andere bereitet. Der Zug stand in Köln, als Herr van Schleeten und die junge Amerikanerin, deren Name, wie er jetzt wußte, Mrs. Langtrey war, durch aufgeregte Stimmen im Korridor mitten aus einem interessanten Meinungsaustausch, ob gemeinschaftliche Schulen für Knaben und Mädchen ratsam seien, gerissen wurden. Sie blickten hinaus und sahen den jungen Mann, der sie beide zum Zorn gereizt hatte, in Gesellschaft eines Polizeikonstablers und eines Zivilisten verschwinden, den Herr van Schleeten sofort als Detektiv agnoszierte. Herr van Schleeten sah Mrs. Langtrey an. Mrs. Langtrey sah ihn an und rief:

„Sehen Sie, was habe ich gesagt! Ich habe es förmlich im Gefühl, wenn ich in der Nähe eines Verbrechers bin!“

Während Herr van Schleeten ihr seine Bewunderung für diese Clairvoyance ausdrückte, mußte er sich selbst gestehen, daß seine Gefühle für sie durchaus nicht telepathischer Natur waren.

Bei der Ankunft in Paris um halb elf Uhr abends machte es sich ganz natürlich, daß sie im selben Hotel abstiegen. Herr van Schleeten wählte ein ruhiges Familienhotel in der Nähe der Madeleinekirche, und sie erklärte sich damit einverstanden. Wie sie sagte, war sie noch nie in Paris gewesen. Sie war mit einem der Schiffe der Hamburg-Amerika-Linie herübergekommen und reiste nur, um den Schmerz über den Verlust ihres ersten Mannes zu betäuben, der gestorben war, und einem zudringlichen Freier auszuweichen, der sich einbildete, daß sie ihn liebte.

Herr van Schleeten war gerne bereit, ihr schon am ersten Abend in Paris behilflich zu sein, alle Schmerzen zu vergessen, aber er fand keine Gelegenheit dazu. Nach einer Tasse Tee verschwand Mrs. Langtrey in ihr Zimmer.

Zwei Tage später fuhren sie nach London, noch immer zusammen. Sie hatte ein Telegramm bekommen, das sie zwang, am selben Morgen wie Herr van Schleeten hinzufahren; sie würde im Grand Hotel Hermitage absteigen. Bei der Ankunft in Charing Croß drückte sie Herrn van Schleeten so ungeschminkt herzlich die Hand, wie es nur eine junge Amerikanerin wagt, und bat ihn am nächsten Tage zum Diner im großen Hotel ihr Gast zu sein.

Dieses Diner war entzückend; vor allem dekretierte sie mit Prinzessinnenmiene, daß nur sie allein bezahlen dürfe. Herr van Schleeten war der Gastgeber vieler junger Damen gewesen, doch nie der Gast einer Dame. Es war ein eigentümlich prickelndes Gefühl, so etwa wie ein neuer holländischer Likör. Er beeilte sich zu betonen, daß dies nur unter der Voraussetzung denkbar sei, daß sie sobald als möglich mit ihm im Savoy soupieren wollte. Sie akzeptierte, immer mit derselben freimütigen Prinzessinnenmiene.

Beim Abschluß dieses Mittagessens entdeckten Herr van Schleeten und seine Partnerin zu ihrem Staunen an einem Tisch im Speisesaal des Hotels keinen Geringeren als den jungen Mann aus dem Eisenbahnzug.

„Sollten wir nicht eigentlich die Polizei verständigen, Mrs. Langtrey?“ sagte Herr van Schleeten.

Mrs. Langtrey schüttelte ihr schönes Haupt.

„Ich liebe meine Nächsten immer, wenn ich Champagner getrunken habe,“ sagte sie.

Herr van Schleeten beschloß, daß beim Souper im Savoy Champagner und nicht Bordeaux serviert werden sollte.

Dies war Donnerstag, den 11. September. Herrn van Schleetens Geschäfte zwangen ihn zu einer Spritztour nach Amsterdam, die auf die nächsten drei Tage Beschlag legte. Als er Montag, den fünfzehnten, zu früher Morgenstunde nach London zurückkehrte, erwartete ihn die Mitteilung, daß Seine Hoheit, der Maharadscha von Nasirabad am selben Tage in der Weltstadt eintreffen sollte, und, um sobald als möglich mit präsentablen Juwelen auftreten zu können, sein sofortiges Erscheinen im Grand Hotel Hermitage wünschte.

Herr van Schleeten empfand einen Augenblick Verwunderung, daß Seine Hoheit und Mrs. Langtrey dasselbe Hotel gewählt hatten, aber vergaß sie bald über der angenehmen Perspektive, sie im Hotel zu treffen und das Datum für das kleine Souper festzusetzen, das er nun halb und halb an einen bedeutend diskreteren Ort als das Savoy zu verlegen gedachte, beispielsweise seine eigene überaus diskrete Privatwohnung. Er verfügte sich ohne Aufschub in das Hotel.

Der Direktor empfing ihn selbst und führte ihn in die Suite des Maharadscha im ersten Stock. Nach ein paar Minuten des Wartens wurde Herr van Schleeten in die Privaträume des Maharadscha geleitet, und sah sich einem bräunlichen, etwas korpulenten, jungen Manne mit dunklem Schnurrbart gegenüber, offenbar Sr. Hoheit, einem graubärtigen alten Hindu, dessen Identität ihm unbekannt blieb, und einem Engländer von militärischem Typus mit weißem Schnurrbart. Der letztere ergriff das Wort:

„Sie sind Mr. van Schleeten aus Amsterdam, Spezialist in Juwelen?“

„Ja.“

„Seine Hoheit wünscht Sie wegen Aenderungen einiger besonders wertvoller Schmuckstücke zu konsultieren. Sie verstehen, besonders wertvoll!“

„Wertvoll!“ unterbrach der junge Maharadscha, „Morrel Sahib, wie könnt Ihr sie wertvoll nennen! Sie sind ebenso unwürdig der weißen Fürstinnen wie ich selbst. Vielleicht können sie ihrer würdig werden durch die Hilfe dieses Mannes, dessen Belohnung und Ehre in solchem Falle nicht gering sein werden.“

„Kann ich die Schmucksachen sehen?“ sagte Herr van Schleeten, der fand, daß dieser Meinungsaustausch den Juwelen kein gutes Prognostikon stellte, und der an Mrs. Langtrey dachte.

Auf einen Ruf von Oberst Morrel öffneten sich die Türen zu einem inneren Gemach, und zwei schwarze Diener von ernstem und drohendem Aussehen kamen herein, eine eisen- und kupferbeschlagene Mahagonikassette von ansehnlichen Proportionen schleppend. Die schwarzen Diener verschwanden wieder, Herr van Schleeten wurde aufgefordert, sich abzuwenden und hörte einiges Knirschen und Knacken. Offenbar wurde diese Kassette durch ein verwickeltes Sesam geöffnet, in das man ihn nicht einweihen wollte.

Nun, wenn die Steine nicht besser waren, als der Maharadscha meinte, dann! Glaubten sie vielleicht, daß er das erstemal Juwelen sah? Nun wurde er aufgefordert, sich umzudrehen. Er tat es und wäre fast umgefallen.

Natürlich hatte er von den Juwelenkammern der orientalischen Fürsten gehört und hatte selbst die Mehrzahl ihrer europäischen Kollegen gesehen, aber das übertraf seine wildesten Phantasien. Das war Tausendundeine Nacht. Das war der Todesstoß sogar für sein holländisches Phlegma. Eine Flut von verschiedenfarbigen Steinen, von denen ein jeder würdig war, ein Kronjuwel zu sein; ein Springbrunnen von Licht; schwere blaue Trauben von Saphiren; Perlenschnüre, die sich durch das Juwelengewühl ringelten wie matt blinkende graue Schlangen; Smaragden, brennend wie Raubtieraugen; ein Blutgeriesel von Rubinen über dem Ganzen, so, als wäre irgendein unredlicher Wächter über der Truhe geköpft und gezwungen worden, sein Blut über ihren Inhalt sprühen zu lassen -- und überall zwischen die anderen versprengt, Diamanten und Diamanten, deren kaltes Feuer wie Wintersterne und Nordlicht flammte. Diese ganze Eruption von farbenstrahlendem, aus sich selbst geborenem Licht, die Herrn van Schleeten entgegengeschleudert wurde, benahm ihm fast den Atem. Erst nach einiger Zeit sah er die Einzelheiten, die seltenen Steine, deren Ton von dem normalen abwich; schwarze Diamanten und Diamanten, deren blaue Farbe die Morgenbläue um die Bergfirne des Himalaya war; Smaragden, deren grüner Glanz in einen Opalton überging wie ein eben entflammter Abendhimmel, Rubine, deren rotes Blut einen Stich ins Blaue hatte, wie um ihren uralten Adel zu zeigen -- schließlich auch die Goldfassung um die Steine. Sie war schwer, phantastisch, zuweilen grotesk, aber welcher Gedanke, sie zu modernisieren! Herr van Schleeten schöpfte tief Atem und stammelte an den Maharadscha gewendet:

„Und Hoheit wollen, daß ich das ändere?“