Yester und Li: Die Geschichte einer Sehnsucht
Part 9
So geht es fort. Am nächsten Tag, am übernächsten. Des Glückes Ewigkeit ist nun gekommen.
Und heute hat sie ihn eingeladen, sie zu besuchen. Er nahm die Einladung mit ungeschickter Verblüffung entgegen.
Sie lachte und sagte: »Kommt Ihnen das so wunderbar vor?«
Und da lachte auch er.
Noch etwas Herrliches, Sinnverwirrendes. Etwas, an das er nicht denken kann, ohne die Augen dabei zu schließen.
»Adieu«, sagte sie und streckte ihm die Hand hin. Aber sie zog sie wieder zurück und streifte den Glacé ab. Und sie gab ihm ihre nackte, weiße Hand, deren feine Knochen er fühlte. Sie hat eine Hand, die in Versen spricht!
Und nun befindet er sich in Biankas Tabernakel. Hier ist keine Farbe laut, kein Licht laut, kein Geräusch laut. Das Zimmer atmet leise, es ist ein Wesen. Auf der Konsole klingt das Ticken einer Uhr, und jedes Kling-kling siebt feinen Silberstaub auf den Teppich.
Niemand würde es wagen, hier laut zu sprechen, nicht ein Barbar.
Er befindet sich in einer Erregung, wie er sie noch nie empfand. Und er stand schon vor großen Männern, vor Theaterdirektoren und tausend Zuhörern.
»Bitte«, läd sie ihn ein, Platz zu nehmen. Sie trägt ein Hauskleid mit weiten Ärmeln und Spitzenmanschetten.
Ob er sich auf den Puff oder in den Schaukelstuhl setzen dürfe?
Nach Belieben.
So setzt er sich in den Schaukelstuhl.
»Ich habe die Schaukelstühle so gerne«, sagt er, »schon als Kind war ich verliebt in sie. Da hatte ich eine Tante, Tante Anna. Die besaß einen Schaukelstuhl. Ich besuchte sie so häufig als möglich. Obschon sie Katzen hatte. Nebenbei, sie hatte so viele Katzen, daß keine Woche verging, ohne daß eine starb.«
Sie zündet die Kaffeemaschine an.
»Rauchen wir?« fragt sie.
Er zappelt aus seinem Stuhl heraus und nimmt eine Zigarette.
Sie rauchen und plaudern.
Dann, während sie den Kaffee serviert, sagt sie: »Nun müssen sie lesen. Sie haben doch etwas mitgebracht!«
Natürlich, er hatte die ganze Tasche voll.
So liest er also. Kleinigkeiten, Stimmungen, Gedichte.
Das eine gefällt ihr gut, das andere wieder weniger. Eines entzückt sie sogar.
Es heißt: Der Sohn. Da ist eine Mutter, die nichts besitzt als einen Sohn. Er reist. Kommt er zurück, so küßt er sie. Erst heiß, dann innig, dann kühl. Zuletzt sind seine Lippen wie Eis, sie berühren kaum die ihrigen. Sie ahnt, er kommt nicht wieder. Ihre Angst, ihr Schmerz. Er kommt auch nicht wieder. Ein Telegramm aus fernem Lande.
Diese Geschichte nimmt sie und trägt sie zu ihrer Mama hinaus.
Ihre Mama habe es ergriffen.
Er verneigt sich tief.
Dann zeigt sie ihm das Bild ihres Bruders. »Sie müssen ihn kennen lernen«, sagt sie. Sie ist so gut.
Und hierauf sehen sie eine Weile zum Fenster hinaus. Sie stehen so dicht, daß sich ihre Hände nahezu berühren. Er kämpft einen entsetzlichen Kampf, nicht ihre Hand leise zu liebkosen. Sollte er sie um die Erlaubnis bitten, ihr über die Hand streichen zu dürfen? Sie könne ihm dann seine Hand abschlagen lassen. Oder er würde ihr versprechen, morgen tot zu sein.
Sie plaudern wieder, ja sie lachen zusammen. Er sitzt wieder in seinem Schaukelstuhl und fühlt sich behaglich. Er schaukelt sich leicht. Plötzlich bemerkt er es, erschrickt und sitzt still.
Endlich muß er aufbrechen.
Sie bittet ihn, noch zu bleiben, aber er geht. »Nein, nein, es ist so schon zu lange.«
O, er wäre schon noch geblieben, lange bis zur Unverschämtheit. Aber es ging nicht -- er hatte zuviel von diesem starken Kaffee getrunken.
Immer mußten so kleine, boshafte Teufelchen im Spiele sein -- --
Wieder ein Festtag. Sie holen zusammen den Bruder vom Bahnhof ab. Er hatte depeschiert: Komme drei Uhr. Gruß Theo. Und nun holten sie ihn ab. --
Ginstermann träumte noch eine Menge glücklicher Situationen durch, bis schließlich seine Sehnsucht ihn freiließ.
Nun war die Zeit zur Arbeit gekommen. In ihm redete und klang es. Es stieg wie die Wasser eines Brunnens.
Er nahm die Feder und schrieb:
Das Haus im Hain.
Yester und Li wohnten in dem Haus im Hain und waren noch nicht sechzehn Jahre alt.
Sie wußten nicht, wann und wie sie in das Haus gekommen. Eines Morgens erwachten sie auf gemeinsamer Lagerstätte und lächelten einander zu. Sie hatten ihre Hände im Schlafe gefaßt.
»Hörst du, Yester«, sagte Li und lauschte verzückt, »das ist Killi-hiwi!«
»Killi-hiwi singt am schönsten von allen«, erwiderte Yester, den Atem verhaltend.
Killi-hiwi saß jeden Morgen auf einem Rosenzweig vor dem Fenster und zwitscherte. Er war so klein wie ein Taubenei, seine Stimme war Silber. Er sang jeden Morgen zu ihrem Erwachen und war dann den ganzen Tag nicht zu erblicken.
Das Haus stand in einem Hain weißer Birken, junger weißer Birken mit hellgrünem Laub. Es war klein und weiß, schneeweiß. Wie eine Flocke Schnee sah es von weitem aus. Es hatte blinkende Fenster, die Tag und Nacht offen standen, und blitzende Beschläge an der Türe. Die Türe war aus grünem Glase. Eine Treppe führte in den Garten, auch sie war aus grünem Glase. Rings um das Haus standen Beete von Hyazinthen, oder von Mohn, oder blauen Kuckucksblumen. Das ganze Jahr. Über Nacht wuchsen stets neue.
Yester und Li wußten es nicht anders. Sie wunderten sich nicht darüber. Sie streiften den ganzen Tag umher. Der Hain war sehr groß, sie waren noch nie an sein Ende gekommen. Sie dachten auch gar nicht, daß er ein Ende haben müsse. Sie trugen weiße Schleiergewänder die von ihren Schultern herabfielen. Sie jagten einander und jauchzten von früh bis nachts. Immer hatten sie Sonne und einen Himmel, der funkelte wie ein blauer Edelstein. Des Nachts stand ein großer grüner Stern über ihrem Hause, und er wagte erst zu erlöschen, wenn die Sonne wiederkam.
Vor dem Hause, da war eine tiefe runde Quelle mit einer Bank aus weißem Marmor herum. Sie sah aus wie ein tiefes klares Auge und Li meinte, der Himmel blicke aus dem Grunde. Man sah selbst am Tage die Sterne durch den Brunnen wandern, so tief war er.
Li saß oft auf der Bank und warf Steinchen ins Wasser. Und jedesmal, wenn Li ein Steinchen warf, gurgelte es, und ein goldener Fisch mit kreisrundem Mäulchen und Edelsteinen auf dem Rücken tauchte auf und fragte: Was befiehlst du?
Er mußte kommen, er mußte fragen.
Li befahl nichts, sie freute sich an dem drolligen Kerlchen und ließ ihn oft hundertmal kommen. Er wurde nicht böse.
Yester aber stand, während sie spielte, an eine Birke gelehnt und sah ihr zu. Sie erschien ihm selbst wie eine Blume. Ihre Hand zart und durchscheinend wie die Blüten der Hyazinthe. Ihr Haar spiegelte sich im Wasser, in der Quelle schien ein Feuer zu brennen, es zerrann in goldene Fäden, wenn der Fisch auftauchte, aus dem Grunde schien ein seltsamer flimmernder Blumenkelch zu wachsen. Ihre Augen blickten heller aus dem Wasser, als sie in Wirklichkeit waren. Sie erschienen grün wie die Blätter der Birken, durch die die Sonne scheint.
Dann besann er sich jedesmal, was er ihr Liebes erweisen könne.
Yester liebte Li über alle Maßen. Li liebte Yester über alle Maßen.
Ihr Haus lag im endlosen Hain, und der endlose Hain lag am Morgenrot. --
* * * * *
Der Damm war gebrochen. Die Einfälle fielen über ihn her wie ein Rudel hungriger Tiere. Irgend jemand schien ihm die Geschichte zu diktieren und er schrieb, schrieb: fieberhaft schrieb er.
Das große Glück der Inspiration war über ihn gekommen. Es durchschauerte ihn am ganzen Körper. Da gab es kein Zögern, keinen Zweifel, keine Pause. Alle Geheimtüren seiner Seele sprangen auf, alle Schönheiten, die er aufgespeichert, lagen funkelnd vor seinen Blicken, alle Stimmungen, die er empfunden, strömten aus ihm und hüllten ihn in ihren Duft. Während er noch am ersten Kapitel schrieb, arbeitete einer in ihm am letzten.
Er saß inmitten eines Gartens, Blumen wuchsen vor seinen Augen empor, entfalteten ihre märchenhaften Kelche, aus den Kelchen stiegen Wunder, zerfielen, andere quollen heraus. Flammen stürzten von den Bergen ringsum und hüllten ihn ein, weiße Flammen. Aus ihnen rief es, aus ihnen klang es. Er war das Herz einer Welt, und alles strömte nach ihm.
Das war der Hain, der in der Sonne zitterte, das waren die Blumenbeete, über die die Falten des Windes streiften. Das waren die bunten Vögel, die seltsame Worte sangen.
Das war Li. So schritt Li, so sprang Li, so lachte, so weinte Li. Und das waren Yesters glückstrahlende Augen, das war seine Art, über die Bäche zu fliegen, wenn Li ihm rief, so umschlang, küßte er Li. So waren ihre Sonntage, so ihre keuschen Liebesnächte.
So war ihr Glück, so war das Glück überhaupt, rein von aller Erde.
Er fand kein Ende. Wie eine große Woge trug es ihn dahin.
Wo ist Yester? Yester ist fort. Drei Tage fort. Li weint und läuft umher und ruft in alle Winde. Yester verfolgte einen Falter, den sie gerne gehabt hätte. Endlich schimmert sein Gewand im Hain. Er geht langsam, erschöpft von der Jagd. Den Falter trägt er zwischen den Fingern. Li schwenkt den Schleier und ruft: »Ye--ster -- Ye--ster --!!«
Li! Li!!
Und Yester saust wie ein Wind über die Wiese, er spürt keine Müdigkeit mehr.
Bogen um Bogen füllte er.
Und er schrieb immer nur über den ewigen Lenz, der jeden Tag neu und herrlich ist.
Seine Lampe verlosch. Er brannte die Kerze an.
Und nun war er fertig. Er jauchzte. »Fertig!« jauchzte er.
Noch klang es in ihm weiter. Das war Lis Jubeln, Yesters Rufen, das war der Hufschlag des sonderbaren Reiters, das war das Jubilieren der Vögel, als ihnen ein Kind geboren ward, das war der krächzende Ruf der Geier, die, eine dunkle Wolke, nach dem Menschenlande flogen und riefen: Krieg -- Krieg. -- --
Er ging ans Fenster und zog die Gardinen auseinander.
Allah ist groß -- es war Tag.
Langsam mit wankenden Füßen ging er im Zimmer hin und her. Er blieb vor der Büste stehen und küßte ihre Schulter.
Das war ja keine Sünde. Heute hatte er sich dieses Recht verdient.
Aus Kapellis Atelier erscholl Gesang. Er mußte hinunter, nichts hätte ihn mehr zu halten vermocht. Er konnte keine Sekunde mehr allein sein.
Er nahm Hut und Manuskript und ging die Treppe hinunter. Er hielt sich am Geländer fest, um nicht zu stürzen.
Kapelli empfing ihn, als sei er ein Gespenst.
»Mensch!« rief er. »Kommen sie als Ihr eigener Gipsabguß?«
Nein, aber diese Nacht habe etwas wie ein kleines Feuerwerk in seinem Kopfe stattgefunden.
»Ah!« Der Bildhauer betrachtete ihn mit gutmütiger Verachtung. Er liebte Erzesse nicht.
»Gebummelt, Kapelli, gebummelt. Und zuletzt noch ein kleines Abenteuer mit einer Dame, die den reizenden Namen Li hatte.«
Aber da kam Frau Trud, fix und fertig angekleidet bis auf die Schleife, lachend, und frisch, wie aus dem Ei gesprungen.
»Guten Morgen«, sagte Ginstermann, in Sprache und Miene einen Betrunkenen kopierend.
Sie wich erschrocken zurück. »Hu, was hat er denn?«
Kapelli machte ihr ein Zeichen. Dann ging er auf ihn zu und richtete ihn energisch in die Höhe.
»Ginstermann, heute abend kommen Sie zum Tee, nicht? Adieu, Sie schlechter Kerl!« sagte er halb ärgerlich.
Aber da zog Ginstermann sein Manuskript aus der Tasche und schlug es auf den Tisch, daß es nur so krachte.
»Sehen Sie her! Diese Nacht!«
»Nanu?« Kapelli betrachtete das Manuskript und sagte lachend: »So ein Filou, er ist ganz nüchtern.«
Frau Trud machte sich daran, die Bogen zu zählen, ungläubig den Kopf schüttelnd. In einer Nacht? Das sei ja unmöglich. Und das könne ja niemand lesen.
Nein, kein Mensch könne das entziffern. Was zum Beispiel das da hieße?
»Schwesterseele, holde!«
O, das könne ebensogut Stiefelknecht heißen. -- Und das da?
»Die silbernen Lerchen der Nacht steigen empor.«
Hahahaha.
Da seien die Sterne gemeint.
Hahahaha.
Ginstermann fiel in einen Stuhl, seine Knie zitterten.
Er sah noch wie Frau Trud aus einer weißen Kanne Kaffee einschenkte und während er sich auf das heiße Getränk freute, versank er in einen senkrechten, bodenlosen Schacht, an dessen Wänden er sich vergebens festzuklammern suchte. Das Lachen Frau Truds flatterte über ihm wie ein Schwarm Vögel, der höher und höher stieg.
Nach einem kleinen Jahrtausend hörte er im Halbschlafe eine gedämpfte Stimme. Es war Fräulein von Sacken, die sprach. Sie sagte, er sei hier gewesen und habe das Bild gesehen. Er habe sie beglückwünscht!
Da erwachte er vollständig. Fräulein von Sacken ging eben zur Türe hinaus, elastischer, stolzer denn sonst. Eine Lampe brannte auf dem Tische, Kapelli saß bei der Zeitung, eine dicke Zigarre im Munde, aus der eine mächtige Wolke wirbelte.
Er fand sich auf dem Sofa liegend, die Füße in eine Decke gehüllt, ein Kissen unter dem Kopfe. Ohne Kragen.
Da kam Frau Trud durch die Portiere, machte einen Knix und rief, kindlich lachend: »Guten Morgen, Langschläfer!«
XIII.
Am Tage darauf trafen sie sich wieder, Bianka und Ginstermann.
Sie trafen sich nun beinahe jeden Tag.
Es waren herrliche Sonnentage. Der Vormittag noch frisch von der Kühle der Nacht, der Nachmittag von einer alles durchdringenden Wärme, gerade noch erträglich, der Abend von einer stillstehenden Schwüle, die der Nachtfrische wie ein Block trotzte. Der Himmel wie ein weiches blauflimmerndes Meer, durch das schneeweiße Wolken segelten, langsam, ohne Aufhören, rings um die Erde herum.
Auf den Straßen war es leer, Pflaster und Gebäude warfen die Glut der Sonne verstärkt zurück. Die Menschen gingen ermattet, die Augen zusammengezogen; die Pferde setzten im Halbschlaf ihren müden Trab fort, wunderliche Schattenflecke unter ihren Schritten zerschlagend.
Im Englischen Garten war es schön wie im Paradies. Alles blühte, was noch nicht ausgeblüht hatte, die Wipfel waren von strotzender Fülle, die Wiesen standen am höchsten, bunt wie ein Teppich, übersät von einem Heere Falter und Bienen. Die Hitze tanzte über den Wegen, die hellen Kleider der Frauen und Kinder leuchteten weithin, in der Vorstellung Jauchzen und helle Lieder erweckend.
Bianka und Ginstermann gingen meist vereinsamte Wege. Sie mochten die vielen Leute nicht, die herumtollenden Kinder. Im Schatten der Büsche schritten sie, umsurrt von tausend Insekten, das Schwatzen des Tages in der Ferne. Waren sie müde, so suchten sie eine abgelegene Bank auf, die Ginstermann »Zum schlafenden Brahmanen« getauft hatte.
Nachdem sie sich ausgesprochen hatten über das, was sie Probleme, Fragen, letzte Dinge nannten, drehten sich ihre Gespräche zumeist um ihre persönlichen Erlebnisse und Wünsche.
Je mehr Ginstermann Bianka kennen lernte, um so mehr bewunderte er sie. Sie war so rein, so keusch, wie ein Weib nur sein kann, das Erziehung und Selbstüberwachung vor unreinen Dingen bewahrte. Ihre krankhafte Scheu vermied es, die Motive der menschlichen Handlungen bis an die Wurzeln zu verfolgen.
Alles verklärte sich in ihren Augen, sie trug noch ein Ideal vom Menschen in sich. Die Menschen waren für sie gefallene Engel, die man bemitleiden müsse, nicht Tiere, die sich zum Menschen emporgerungen. Sie hatte noch wenig erlebt, wünschte auch nicht, viel zu erleben, in der Furcht, ihre Unberührtheit und Selbständigkeit zu gefährden. Sie gehörte nicht zur Klasse der Frauen, die mit ihren Eroberungen großtut, sie schien es sogar unangenehm zu empfinden, wenn einer sie tiefer, als die Höflichkeit es erheischt, grüßte, wenn einer sich nach ihr umwendete oder ihr folgte.
Ihr Urteil war schüchtern, anspruchslos, ihre Verwirrung oft kindlich. Sie maßte sich nicht an, wie es Frauenart ist, mit einer Handbewegung das Resultat einer Kulturarbeit abzuurteilen, mit einem Lächeln zu verspotten.
Ginstermann fühlte sich in ihrer Nähe ruhig, gleichsam geborgen. Er vergaß die Kämpfe der letzten Tage, die Jahre, die hinter ihm lagen. Seiner geistigen Überlegenheit war er sich wohl bewußt, ebenso aber auch seiner seelischen Verstümmelung und Zerrissenheit im Gegensatze zu ihrer Harmonie und zielbewußten Energie.
Bianka schenkte ihm Vertrauen, behandelte ihn mit zurückhaltender Herzlichkeit, wie einen Freund, nahezu wie einen Freund. Ihr Benehmen tat ihm wohl. Es gab ihm seinen Glauben zurück, der da und dort wankend geworden war, ein neuer Stolz kam über ihn. Etwas von ihrem Wesen strömte in ihn über, glühte die Schlacke in ihm aus, er wurde rein, indem er Biankas Freundschaft genoß.
Seine Anschauungen festeten sich, nachdem er den Maßstab reguliert hatte, der sich während seiner Einsiedlerzeit verzerrte. Es war wunderbar, zuweilen hatte er Augenblicke, die ihm alle Dinge in momentaner Bewegungslosigkeit zeigten, bis ins Innerste und Geheimste erkennbar. Und es hatte nur dieses kleinen Anstoßes bedurft. Gleichsam wie ein Gefäß eisigen Wassers, das schon die Kristalle birgt, ein unmerkliches Rütteln zur Erstarrung bringt.
Ihr Benehmen war Tag für Tag das gleiche. Sie empfing ihn freundlich, entließ ihn mit einem freundlichen Wort, führte kleine Wortkriege mit ihm in ganz objektivem Tone, lachte und scherzte. Nie, daß sie ihn durch eine Bemerkung, eine Miene von sich gedrängt hätte, nie, daß eine Laune, ein Verletzttun in ihm die Ahnung hätte aufkeimen lassen, daß er Macht über sie besitze.
Er bewegte sich in stets gleichem Abstande um sie. Es war, als habe sie einen Kreis um sich gezogen, den sie im Verkehr mit ihm nie überschritt und nie überschreiten ließ.
Einmal allerdings ereignete sich etwas, das diese seine Anschauung für Minuten ins Wanken brachte.
Sie promenierten im Park, Weg hin, Weg her, als sie einer kleinen schmalen Frau begegneten, die ein niedliches Mädchen in blendend weißem Kleide an der Hand führte. Die kleine, mädchenhafte Frau blickte sie erschrocken, ja entsetzt an mit blauen, blindglänzenden Augen und wandte nicht den Blick von ihnen. Das Mädchen streckte glucksend und lallend die Hände nach Ginstermann aus. Es war die Comptoiristin, die Witwe des Möbelzeichners.
Ginstermann grüßte und ging, von einer Erregung gepackt, weiter. Da fühlte er den Blick Biankas auf sich gerichtet. Sie war totenbleich, und ihre Augen verrieten Schmerz und Angst. Aber nur einen Augenblick, dann beherrschte sie sich. Und als Ginstermann ihr die Geschichte dieses unglücklichen Weibes erzählt hatte, ergriff sie impulsiv seine Hand und sagte: »Verzeihen Sie mir, ich habe Sie in Gedanken beleidigt.« --
In seinen freien Stunden trieb sich Ginstermann ruhelos umher, Bianka vor Augen, in Bianka lebend. Nahte die Zeit ihrer Zusammenkunft heran, so wurde er ruhiger, trennte er sich von ihr, so krochen aus allen Winkeln seiner Wesenheit die alten Gespenster hervor, um ihn zu martern.
Einst war Bianka verhindert zu kommen. Das war ein schlimmer Tag, das war ein schlimmer Tag! Und das Billett, das er am nächsten Morgen erhielt, bedeckte er mit Tränen der Freude.
Aber natürlich, wenn Sie Besuch haben, natürlich! -- rief er immerzu aus.
Da war ein Mann, der schlich des Nachts scheu wie ein Verbrecher zu einem Hause da draußen. Wie auf einer Woge von Blüten thronte es. Und er koste die Klinke der Türe. Niemand darf es wissen, niemand!
Da war ein Mann, der saß Nächte durch auf einem Hügel, drei Stunden entfernt von der Stadt. Und dieser Mann sprach: Dort über den Bergen bist Du nun, Geliebte! Meine Gedanken wandern zu dir über die Berge. Meine Seele breitet die Schwingen, siehe, in ihren hohlen Händen ist Blut, Geliebte! Das ist das Blut meines Herzens, Geliebte. Schläfst du? Hast du auf sie gewartet mit der bittren Last? Wachst du, Geliebte? Da, zwischen dir und mir, da ist eine Wiese, dort begegnen wir uns des Nachts und bringen einander Sehnen und Tränen des Tages, Geliebte --
Niemand darf es wissen, niemand!
Da ist ein Mann, der sitzt auf einer einsamen Bank im Park. Ein Vogel flötet im Gebüsch. Und dieser Mann spricht mit jemandem, der nicht da ist. Du hättest es sehen müssen, Beste, sahst du's mir nicht an den Augen an. O, was fieberte ich, nun ist es vorbei, Beste, nun ist ja alles gut.
Niemand darf es wissen, niemand! --
Zuweilen jedoch überfiel ihn ein Zustand vollkommenster Gleichgültigkeit.
Es kam ihm unsinnig vor, daß er jenes Mädchen im Englischen Garten spazieren führte, daß er sich überhaupt durch sie aus dem Gleichgewichte hatte bringen lassen. Weshalb liebst du sie eigentlich, fragte er sich. Sie ist hübsch, ihre Sprache ist melodisch, ihr Gang ist aristokratisch, das alles hat dich bestochen. Ihre weißen Elfenbeinhände mit. Aber ist sie auch die, die du in ihr anbetest? Ist es nicht das Ideal des Weibes überhaupt, das du dir gebildet hast, was du in ihr anbetest? Sie ist es gar nicht. Deine Liebe gilt ihr gar nicht. Vielleicht einer in Australien, irgendwo. Und das, was du rein an ihr nennst, keusch, was ist das eigentlich? Es ist Indolenz, sonst nichts. Oder was sollte es sonst sein? Mit Fischblut in den Adern hat man es leicht, sich rein zu halten, mein Freund. Und dieses hübsche, elegante Mädchen hat dich bezwungen? Was bist du nun? Du bist zum Objekt geworden, o, Schmach über dich! Groß warst du einst und ein Herrlicher in deiner Einsamkeit. Lache doch über dich, wenn du nicht ehrlich genug bist, um über dich zu weinen. Was war dein Ziel? Herrschen will ich und sie alle zu meinen Füßen wissen. O, mein Held, mein tapfrer, kühner Held! Heil dir! --
So dachte er auch einst, als er neben Bianka ging. Und diese Anschauung gab ihm ein Lachen, ein kurzes höhnisches Lachen. Da zuckte sie zusammen. Er war unglücklich, ihr wehe getan zu haben und maskierte sein Benehmen so gut als es ging. --
Diese Stimmungen waren nur von kurzer Dauer. Dann überfiel ihn wieder jene namenlose Sehnsucht und Qual, die wie lohende Flammen über ihm zusammenschlug und ihn verbrannte.
Er bat sie um etwas Liebe, nur etwas Liebe sollte sie ihm geben, für all seine Glut nur einen kleinen winzigen Tropfen.
Keinen winzigen Tropfen? Keinen winzigen Tropfen?
Es war hart für einen Mann seines Stolzes, so demütig zu lieben!
Wieder und wieder träumte er von einem Glücke, das nie werden würde. Sie lebten in einem Hause abseits der Straße. Er kannte es ganz genau, dieses Haus, das Gärtchen davor, alles. O, in diesem Hause lebten glückliche Leute. Alle nichtssagenden Details, alle harmlosen Kleinigkeiten eines Lebens zu zweien durchlebte er. Er lag des Nachts neben ihr auf dem Lager und koste sachte die Haare der Schlafenden. Er schlich sich fort, um Mohn zu holen, den sie so sehr liebte, und legte ihn ihr auf die Decke, damit sie ihn beim Erwachen finde. Er löste ihr die Schuhe und küßte in Demut ihren Fuß. Er saß mit ihr auf dem Rasen und las vor, was er geschrieben hatte.
So oft es anging, versuchte er Fräulein Scholl zu treffen. Sie hatte dreimal in der Woche Violinstunde, das war sehr günstig. Er wartete auf sie, schwätzte mit ihr, ausschließlich von dem Verlangen beseelt, irgend etwas von Bianka zu hören, einige Worte sprechen zu können über sie, ihren Namen von den Lippen der Freundin zu vernehmen.
Einmal traf er im Hausflur ein Kind, ein Mädchen, schmächtig, zart, mit blonden Haaren und klaren Augen, die denen Biankas glichen.
»Wie heißt Du?« fragte er die Kleine, bemüht, sie für sich zu stimmen.
»Camilla.«
Könntest du nicht Bianka sein, dachte er. Bianka ein Kind und ich ein Kind, und wir beide Gespielen. Unsere Gärten, die stießen zusammen und im Zaun da wäre ein Loch. Wir schlüpften hin und her, zwitscherten zusammen wie Vögelein.
Und dann -- und dann -- --
Weshalb war das Leben so grausam, so geizig mit seinen Freuden, so karg. All das dachte er, während er bei dem Kinde kniete.
»Nun wollen wir uns etwas kaufen«, sagte er zu ihm und lächelte. »Komm!«
Dieses Kind liebte er. Weil es Biankas klare Augen hatte, Augen ohne Grund, von einer Tiefe, aus der es flüsterte, die alles in sich hineinzog.
Camilla wohnte in seinem Hause, das war gut. Er schmeichelte sich mit Süßigkeiten und Märchen ein bei dem Kinde, so daß es schließlich von selbst auf sein Zimmer kam.
Sie nannte ihn »Onkel Ginster«.
»Ich heiße Henri«, sagte er zu ihr. »Du sollst Henri sagen. Du sollst auch du zu mir sagen, ganz als ob ich ein kleiner Bub wäre.«