Yester und Li: Die Geschichte einer Sehnsucht

Part 10

Chapter 103,886 wordsPublic domain

»Ari«, sagte sie.

»So sage Heiner. Ich heiße auch Heiner.«

»Heiner, ach ja, Heiner!«

Stundenlang hielt er die Kleine auf dem Schoß, dieses zarte, warme Körperchen an sich schmiegend. Er erzählte immerzu Geschichten.

Das waren ganz einfache, drollige Kindergeschichten, aber für einen, der sie verstand, waren sie mehr, weit mehr.

Er küßte die Kleine. »Du bist ein Dieb!« rief es in ihm. Aber er küßte sie doch. Einmal in der Dämmerung, als er in Träumen versunken war, sprach er vor sich hin, jedes Wort stellte sich von selbst ein: »Beide Hände wollte ich gierig voller Edelsteine halten und alle rieselten sie mir durch die Finger. Du als der schönste bist mir geblieben. Kind, Kind, wenn du wüßtest, wie ich deine Mutter liebte -- Kind --«

Da wurde er sich der Worte bewußt, er sprang auf und stellte Camilla hart auf den Boden.

»Bist du böse, Heiner?«

Er lächelte. »Nein, Süße, Heiner ist nicht böse -- Heiner ist -- Heiner ist -- o, geh heute, Schätzlein -- morgen, gelt. Heiner ist heute -- geh, Schätzlein« -- --

Bianka ahnte von all dem nichts. Wie sollte sie auch? In ihrer Nähe war er ruhig, beherrscht. Und gesprochen hatte er noch keine Silbe, woraus sie es hätte entnehmen können.

Er gehörte zur Klasse jener Menschen, die innerlich verbluten und doch lächelnd sagen: ich verspüre nichts.

Er erinnerte sich daran, daß er als Knabe am längsten seinen Finger über eine brennende Kerze gehalten, wenn sie »Spartaner« spielten, oder daß er jeden im »indischen Duell«, wie sie die Austragung ihrer Ehrenhändel nannten, besiegte, weil keiner drei Tropfen glühenden Siegellacks ohne Zucken der Hand ertrug.

Er wußte, er würde schweigen und wenn er sich die Energie an den Gehirnwänden abschaben müßte.

Er hatte nicht das Recht, ihr von seiner Liebe zu reden, weil er nicht mehr rein war.

Diese fortwährenden Seelenkämpfe drückten seinem Gesicht ihre Spuren auf. Er war bleich, um seinen Mund zuckte ein krampfhaft schmerzliches Lächeln. Seine Augen waren größer geworden -- so schien es ihm -- ein düsteres Feuer brannte auf ihrem Grunde. Sah er sich im Spiegel, so war es ihm, als blicke ihn ein Fremder an, einer, der unheimliche Dinge in seinen Augen hatte.

Die Menschen mit den heißen Herzen, schrieb er in sein Tagebuch, sind nicht gut daran. Alle Menschen wollen sie lieben und von allen Menschen geliebt werden. Wer aber liebt sie?

XIV.

Eines Nachmittags, gegen sechs Uhr, empfing Ginstermann den Besuch einer Dame, die er schon irgendwo gesehen hatte.

Sie trug ein Kleid von weißer durchsichtiger Seide mit kleinen rosa Röschen darauf, einen goldenen Gürtel, einen hellen Hut mit kleinen rosa Röschen, sie trug einen Schleier.

Ginstermann stand auf und sein Herz pochte, daß er es fühlte.

Er hatte ganz in Gedanken herein gesagt, und nun trat eine Dame ein in weißem Seidenkleid mit kleinen rosa Röschen darauf, und goldenem Gürtel, eine Dame, die er kannte. Ihre Haare waren so sonderbar weißblond, wie Stroh, das lange in der Sonne gelegen hat.

Die Dame stand schweigend an der Türe und hob mit zierlicher Handbewegung den Schleier. Da erkannte er sie mit den Augen, er hatte seinem Herzen nicht glauben wollen.

Er stand wie gelähmt. Seine Augen waren ohne Blick, als zerflössen sie.

Die Dame trat auf ihn zu und gab ihm die Hand. Ohne jeden Willen hatte er ihr die Hand gegeben, ohne Druck.

»Mein Gott, Henri!« sagte sie bewegt, verwirrt, nahezu wie er selbst.

Sie hatte noch dieselbe Stimme.

Und er entgegnete: »Guten Tag, gnädige Frau.«

Sie lächelte voller Scham, voller Verwirrung und sah sich nach einem Stuhle um, ihre Erregung zu verbergen.

»Bitte«, sagte Ginstermann und schob ihr seinen Arbeitssessel hin.

Sie nahm Platz, setzte den linken Fuß über den rechten, dann den rechten auf die Fußspitze des linken und bewegte ihn leicht hin und her. Ihre Hände strichen über die Lehnenrundung des Sessels, immer auf und ab.

Nach geraumer Zeit sagte sie, ganz leise: »Ich habe dich gesucht, überall gesucht, aber ich fand dich nirgends. Du warst wie von der Erde verschwunden.«

Er saß ihr gegenüber und lächelte erstarrt. Sie bemerkte es nicht, sie sah zu Boden, dem Spiel ihres Fußes zu.

»Dann las ich von dir und hörte, du seist Dichter geworden. Ich wußte es ja damals schon, daß du ein Dichter bist.«

Sie blickte auf, zu ihm hin, voll Vertrauen auf die Wirkung ihrer letzten Worte. Sie war schön, ihre blaßgrauen Augen tief, erfüllt von verborgener Leidenschaft. Hellbraune Pünktchen schwebten darin wie gefangene Luftbläschen.

»Du wirst mich verurteilen, Henri, ich weiß es. Aber ich versichere dich -- glaube es mir -- ich konnte damals nicht anders handeln. Glaube es mir. Ich erzähle dir einmal alles. Ich hatte Sehnsucht, Sehnsucht, dich wiederzusehen, ich hatte auch den Mut dazu. Ich bin da, siehst du. Es steht bei dir, ob du meinen Besuch erwidern willst oder nicht. -- Ich wohne in Starnberg. Mein Gatte ist gestorben, verunglückt bei einer Segelpartie in Nizza --.«

»Nizza«, sagte ein Echo in Ginstermann.

»Ich wohne in Starnberg. -- Willst du nichts sprechen? Wie ging es dir denn?«

»Danke, es ging.«

»Vielleicht bin ich dir noch soviel, daß du mich Freundin nennen kannst, Henri?«

Ginstermann stand auf und sagte, ebenso leise wie sie, ebenso kühl, als sie herzlich sprach: »Nein, gnädige Frau.«

Die Dame erhob sich und blickte ihn an. Ihre hellgrauen Augen überzog ein Schleier.

»Glaube es mir, ich konnte damals nicht anders. Mein Gatte -- du sollst alles hören. Ich hatte so große, große Sehnsucht nach dir -- -- willst du mir nicht die Hand geben, Henri?«

»Doch, gnädige Frau. Ich danke Ihnen für Ihren Besuch.«

»Willst du mich nicht anders nennen. Hast du meinen Namen vergessen?«

»Ja, gnädige Frau.«

»Adieu, Henri. Ich sage trotzdem Henri zu dir.«

Ginstermann zog ein Schubfach auf und nahm ein Kuvert heraus.

»Ich habe Ihnen dieses Kuvert zurückzugeben, danke.«

Sie sagte: »O«, blickte ihn zusammenzuckend an und nahm das Kuvert. »Besuche mich doch«, bat sie wieder, »nur einmal, einen Augenblick! Als -- Feind, wenn du willst. Du weißt ja nicht, was die Liebe ist.«

Nein, er wußte nicht, was die Liebe ist.

Sie stand eine Weile, ließ das Kuvert in den Sessel gleiten und wandte sich zur Türe. Da fiel ihr Blick auf Biankas Büste, wie ein Blitz, so kurz zuckte er darüber.

Ginstermann nahm abermals das Kuvert und sagte: »Sie haben dies vergessen, gnädige Frau.«

Sie nahm es, zerknüllte es langsam, dann wandte sie sich nochmals um. Sie lächelte.

»Vielleicht besuchst du mich doch einmal, Henri?« sagte sie. Sie wollte ihm ihre Niederlage nicht eingestehen.

Ihr Antlitz war weiß wie ihr Kleid, und die rosa Röschen darauf schienen röter zu sein.

Sie ging.

Langsam glitt ihr Schritt die Treppe hinab. --

Ginstermann goß sich ein Glas Wasser ein und trank es auf einen Zug hinunter. Das Glas stellte er auf einen Stuhl, da es zum Tisch zu weit war.

Er kauerte sich auf die Ottomane und blieb sitzen bis es dunkel wurde.

* * * * *

An der Decke entstand ein gelber trüber Fleck, den eine Petroleumlampe aus dem Küchenfenster gegenüber hereinwarf. Es war furchtbar still. In der Ferne wurde mit Bestecken geklappert. Ein Wagen rasselte auf der Straße. Dann war es wieder still, furchtbar still. Der schmutziggelbe Flecken an der Decke schwankte, glitt zum Fenster hinaus, erschien wieder an einer anderen Stelle.

Ginstermann saß immer noch auf der Ottomane.

Die Stille spannte sich über ihn wie eine Glocke von Glas.

Ein Pfiff schrillte und lief gleich einem Risse über diese Glocke. Schritte kamen, die Huppe eines Automobils ertönte, und Surren erschütterte die Luft. Fräulein von Sacken rief draußen über das Geländer, und eine Menge schwatzender, lachender Damen trampelte die Treppe herauf.

Ginstermann stand auf und machte Licht.

Nun war es überwunden.

Er zog das unterste Fach seiner Kommode auf und kramte darin. Bündel von Zeitschriften Manuskripten, Briefen warf er auf den Boden. Ein Päckchen Briefe in dunkelroten Enveloppen trug er an den Tisch. Sie waren abgenutzt vom vielen Herumtragen und die Schrift verwischt vom Regen.

Diese Briefe las einer vor Jahren jeden Morgen und jeden Abend. Diese Briefe waren einst für einen das, was Gebete für Leute sind, die die Verzweiflung beschwören.

Er nahm den obersten und hielt ihn über die Lampe. Das Papier begann zu kohlen, zu knistern, eine kleine blaue Flamme sprang von oben herab und fraß sich am Rande wie eine feurige Schlange entlang. Das Kuvert bog sich auf und der glühende Saum kroch auf die Anrede: mon petit coeur zu, verschlang sie, und gleichsam als ihr Gespenst tauchten die Worte in bronzegrüner Tinte auf der dunklen Asche auf.

Er warf den Brief in den Ofen und die anderen dazu. Verbaffende Rauchwolken quollen aus den Fugen, die Flamme brauste auf und nun bog sich ein Stück Pappe in der Glut hin und her. Das Bildnis einer Frau tauchte einen Moment auf, neigte sich vor und zurück wie in entsetzlicher Qual und stürzte endlich als weiße Asche in das Häufchen Glut, das aussah wie ein klippiges, winziges Gebirge, das in der Sonne glüht.

Ginstermann stand, den roten Widerschein der Glut in den Augen, und lächelte.

Nun war es überwunden.

Er holte jene Päcke Manuskripte und Zeitschriften herbei und warf sie in die verglimmende Asche. Ein Fanatismus, alles zu zerstören, was ihn an seine früheren Jahre erinnerte, erfaßte ihn.

Hier und da warf er einen Blick in die Blätter. Es waren die Aufzeichnungen eines verbitterten, höhnischen Menschen, dessen Seele ein Erlebnis zerstört hatte. Ungeheure Zynismen, Verwünschungen, Flüche.

Da war auch ein Kapitel über das Weib darunter. Ginstermann lachte, als er es überflog, er las es nicht zu Ende.

Der wüste Lärm von Kneipen, das Lachen eines Wahnsinnigen, der Geruch von Branntwein, das Gekreische von Dirnen stieg aus diesen Blättern.

Er las all das nicht ohne jenen Schrecken, den einer empfindet, der einer Gefahr entronnen ist, in der er ohne sein Wissen schwebte.

Sein Blick fiel auf ein Blatt, das die Überschrift trug: Der letzte Stern.

Es war eine eigentümliche Geschichte. Sie lautete:

Eines Morgens fanden die Leute bei ihrem Erwachen die ganze Erde mit Sternen bedeckt. Alle Sterne waren des Nachts vom Himmel gefallen. Sie erschraken gewaltig und blickten bleich und höhnisch zu gleicher Zeit auf die Propheten, die sie gelehrt hatten, die Sterne anzubeten. Haha! schrien sie, die Sterne sind heruntergekommen diese Nacht!

Einige Vorwitzige hatten sich aufs Feld gemacht und sich den Sternen genähert. Kommt! schrien sie, kommt! Und sie wälzten sich vor Lachen.

O, ihr Lügner von Propheten, ihr Diebe von Propheten, so seht doch, seht doch -- hahaha! Das also sind eure heiligen Sterne, das!

Und sie spien den Propheten ins Gesicht.

Das nämlich hatte sich herausgestellt: Die Sterne waren Pappe, bronzierte Pappe, nichts als bronzierte Pappe.

Hahaha, ihr Hunde! Seht ihr, Pappe, bronzierte Pappe!

Den ganzen Tag zeterten und höhnten sie. Die Sterne schlugen sie in Fetzen, dieselben Sterne, vor denen sie früher die Stirnen beugten.

Die Propheten standen gesenkten Hauptes, das Gesicht trauernd und grübelnd in die langen Bärte gedrückt. Gegen Abend begannen sie, den andern bei der Zerstörung der Sterne zu helfen, dieser Sterne aus bronzierter Pappe.

Bis auf einen, einen alten, ganz alten mit schneeweißen Haaren. Der stand wie aus Stein.

Es wurde Nacht. Da geriet der Greis in Verzückung und deutete gen Osten. »Seht!« rief er, »seht!«

Alle sahen hin. Es war ein Wunder. Dort oben blinkte ein Stern, ein winziger Stern mit grünem Lichte.

Hoho, schrien sie, hoho?

»Seht! Seht!«

Sie aber schüttelten die Köpfe und lachten. »O, du eisgrauer Narr«, höhnten sie, »du hast den Verstand eines neugeborenen Kalbes! Begreifst du -- ha! Alle Sterne waren nichts als bronzierte Pappe, so wird auch dieser bronzierte Pappe sein!«

»Weshalb fiel er nicht? Seht ihr nicht, wie er leuchtet und sprüht! Der ist aus reinstem Golde!«

»Alle Sterne -- siehst du nicht -- Narr! Bronzierte Pappe! -- O, Narr, uns betrügst du kein zweites Mal!«

»Weshalb aber fiel er nicht?« Und der Greis deutete mit erhabenem Triumphe zu dem letzten Stern empor.

Da gab es einige wenige, die zu lachen aufhörten -- -- --

Dieses Blatt wanderte nicht in die Flammen.

Die Papiere hatten eine starke Hitze verursacht. Ein dichter Qualm zog die Decke entlang und wirbelte lustig zum Fenster hinaus. Er hatte alle Mücken, die an der Decke gesessen, in Aufregung versetzt, und sie summten wie verrückt umher.

Ginstermann saß und blickte in die Glut. Er lächelte. Seine Irrjahre waren vorbei, da drinnen sanken sie in Asche. Nichts verband ihn mehr mit ihnen. Er fühlte, daß sich seine Seele erneuert hatte.

Lange saß er bis alles kalt und tot war da drinnen. -- --

Wenn aber die Vergangenheit vergangen ist, Bianka? flüsterte er . . .

XV.

Die Würfel sind gefallen.

Alles ist verloren. --

Bianka lächelt und sagt: »Es war sehr töricht von mir. Wie hübsch hätten wir den Nachmittag bei mir verplaudern können.«

Ginstermann entgegnet: »Aber bitte. Nein, das wäre zuviel der Liebenswürdigkeit gewesen. Sie waren ohnedies so gütig gegen mich.«

Er verbeugt sich einigemal und lächelt. Er verbeugt sich linkisch und lächelt erstarrt. Da sind einige Muskeln um seinen Mund, die sich verzerrt haben.

Bianka merkt das nicht. Sie sieht nicht, daß seine Augen wie ausgetrocknet sind, seine Haare vom Schweiße an die Stirne kleben, daß er bleich ist wie eine Wand.

Es ist gut, daß es dämmert.

Sie stehen wieder in dem Vorgärtchen vor der dunklen schweren Türe und morgen geht die Reise. Adieu! Morgen geht die Reise. Um 11 Uhr.

Ein Mann muß sich beherrschen können, er muß stehen, bis er tot hinschlägt. War er nicht ein ganzer Kerl, ein ganzer Kerl! Das Messer war ihm bis ans Heft ins Herz gefahren, mitten ins Herz und er hatte nicht gezuckt. Er hatte gelächelt und geplaudert, als habe sie ihm etwas Schönes geschenkt. Sie sollte nicht wissen, daß sie ihn heute nachmittag getötet hatte.

Jetzt sei es allerdings zu spät. Es gäbe auch noch eine Menge Besorgungen für die Reise.

Aber selbstverständlich. Wann sie fahre?

Sie lächelt, da er schon einigemal gefragt hat, und erwidert: »Um 1/2 11. In Bellinzona machen wir die erste Station. Mamas halber.«

Sie sieht an den Fenstern hinauf, eine unbegreiflich lange Zeit, dann tritt sie näher und blickt ihn an. Noch einmal schwebt dieses zarte, rätselhafte Antlitz vor ihm, und diese klaren graugrünen Augen locken zum letzten Mal tote Wünsche.

Aber sie bleiben tot, nicht einer regt sich mehr.

»Sie werden mir doch dann und wann schreiben, Herr Ginstermann?«

»O gewiß, wenn sie es erlauben. Ein paar Zeilen --«

»Erinnern Sie sich stets daran, daß Sie da unten im Süden eine Freundin haben, die Ihnen für alle Zeiten und Fälle eine Freundin sein möchte, wollen Sie das?«

Er dankt ihr, indem er sich verbeugt.

Er werde sich stets daran errinnern. Für alle Zeiten. Er danke ihr, ja er danke ihr tausendmal für all ihre Güte. Er wisse, daß auch Sie sich oft an den herrlichen Sommer errinnern werde.

Fließend, ohne einen Fehler in der Betonung, spricht er. Es ist ihm, als sei da ein Zweiter neben ihm, dem er voll Bewunderung und Erstaunen zuhöre.

Dann schüttelt sie ihm die Hand.

»Adieu. Morgen um 1/2 11, bestimmt! Am Bahnhof. Adieu. 1/2 11 Uhr, nicht? Adieu!«

Das sagt sie leicht hin, etwas hastig und steigt die Treppen hinauf.

Ginstermann wendet sich augenblicklich und geht zur Gartentüre hinaus. Er geht stolz und aufgerichtet. Der Wind wirft ihm boshaft lachend eine Hand voll Staub ins Gesicht.

Da ruft sie ihn nochmals. Sie steht auf der obersten Treppe, mit einer Geste als wolle sie herabsteigen, um ihm noch etwas zu sagen. Aber sie steigt nicht herab, sie spricht nichts, sie hebt nur die Hand, um zu winken. Aber sie winkt auch nicht.

»Adieu, Fräulein Schuhmacher!«

Die Türe fällt ins Schloß, mit jenem eigentümlichen, dumpfen Laut einer Türe, die sich für immer geschlossen hat. Er sieht sie noch da oben stehen, die Hand erhoben. Und nun sieht er nur noch die Hand.

Er sieht die Türe an und lächelt, er blickt am Haus entlang und lächelt.

Dann geht er. --

Die Sache Henri Ginstermann -- Bianka Schuhmacher ist erledigt: Ginstermann ist geschlagen!

Nun war es vorbei.

Ein tränenloses Schluchzen erschütterte seine Brust und gleichzeitig lachte er.

Weshalb ereignete sich nichts? Weshalb fiel kein Haus ein, kam nicht ein Stück vom Himmel da droben herunter?

Aber er hatte es ja nicht anders verdient. Nein, wenn er einem Menschen einen Vorwurf machen konnte, so war er dieser Mensch selbst. Weshalb war er so verblendet gewesen, abermals an einen Menschen zu glauben? Sein Herz einem jungen Mädchen zu Füßen zu legen, das achtlos und blind darüber hinwegschritt? Noch immer war er jener Tor, der sein Herz auf den Händen durch die Straßen trug und die Leute fragte, ob sie es nicht haben wollten, da es zu schwer von Liebe sei für ihn. Er hatte es als Kind seinen Eltern schenken wollen, sie hatten es nicht angenommen, er hatte es später Frauen und Freunden schenken wollen, sie hatten es verspottet und mißhandelt, und wieder, wieder --? O, er war ein Tor! Die Menschen waren zersprungene Geigen, die keinen Ton mehr gaben, die Menschen waren zu arm an Liebe, um einen Hund damit ernähren zu können. Die Menschen waren ein Pack von Krämern, Kirchgängern, Wucherern, Handwerkern und Barbaren. Aber die Menschen waren keine Menschen. Diesen Titel hatten sie einigen Großen gestohlen und sich umgehängt wie einen Orden.

Das war ja des Hades Maskengarderobe, was da ging und stieg und sich brüstete nach Pfauenart, Ekel verbreitend und üblen Geruch. Als geputzte Bälge kamen sie daher, stupid und leer ihre Augen, aus denen ihr Magen blickte.

Er spie aus, er spie ihnen seine ganze Verachtung vor die Füße.

Hoho! Einer der Leichname fand diese Grabrede für zu bündig. Wohl Psalme, du Schuft?

Ginstermann erwiderte kein Wort. Er stand still, die Fäuste in den Rocktaschen und maß ihn mit messerscharfen Blicken, den Kopf kampfbereit gesenkt. Ein ganzer Kreis von Leuten bildete sich um ihn. Einen nach dem andern fixierte er und einer nach dem andern stahl sich fort.

Sie hatten alle Angst, diese Feiglinge. Es war sonderbar, niemand lächelte, niemand erwiderte eine Silbe. Diese Leute hatten Furcht vor ihm. Es war eine Wonne, seine Macht zu fühlen.

»Wäre doch wenigstens noch etwas vom Kain, vom Tiger in euch!« sagte er, verächtlich die Lippen zuckend.

Er wandte sich voller Abscheu und ging. Mit herausfordernden Blicken, den Kopf scharf nach jedem wendend, der ihn anblickte, schritt er die Straße entlang. Einigemal blieb er stehen, lachte, hustete, um einen Kampf zu provozieren.

Sie hatten Angst, alle. So ein feiges Gesindel waren diese Kreaturen!

Der Wind blies ihm entgegen in heftigen Stößen, mit seinen riesigen Fittigen bald die Straße fegend, bald die Wipfel der Pappeln beugend. Die Straße herauf flogen Karossen in Wirbeln von Staub, eine hinter der anderen. Kamen sie aber vorbei, so waren gar keine Karossen darin, nur der Wind. Der sprang lachend heraus. Plötzlich war das Trottoir mit schwarzen Sternchen übersät und eine dunkle Wolke senkte sich bis nahe an den Erdboden herab, Finsternis verbreitend. Der Wind stand, ein jammerndes Gespenst, in wirbelnde Lappen gehüllt, inmitten der Straße und drehte sich im Kreise. Durch eine Wolke von Staub hindurch sah man Leute, die betend die beiden Hände gen Himmel streckten. Die Häuser wankten, die Wagen neigten sich, die Erde drehte sich schneller unter den Füßen -- da erhielt sie einen Stoß und stand still, die Leute taumelten.

Ginstermann spürte einen heftigen Schmerz an der linken Schläfe. Er war gegen eine Staffel gefallen. Er wollte sich erheben, aber es ging nicht. Ein paar Leute standen um ihn herum, die Augenbrauen in die Höhe gezogen. Ein Student, die Mensurmütze über dem glatten Schädel, näselte ein lateinisches Wort.

Da stand Ginstermann augenblicklich auf und ging weiter. Seine Füße waren wie mit Blei ausgegossen. Um ihn rauschte es, es regnete.

Seine Schläfe schmerzte, in die Augenbraue sickerte es.

»So geht es, wenn man sich aufregt, mein Freund«, sagte er zu sich und lächelte, als wolle er einem hübschen Mädchen gefallen.

Die Häuser standen wieder aufrecht, die Leute hörten auf zu tanzen und zu taumeln.

Er bog links ab und ging in den Englischen Garten.

Das aufziehende Regenwetter hatte die Leute vertrieben. Der Park lag still und traurig, die Bäume verschleiert, als erwarte er einen Leichenzug. Man betrat ihn nicht ohne Bangen und Grauen.

Ginstermann blieb stehen und lauschte. Unzählige Spechte klopften an den Bäumen. Endlich entdeckte er, daß es das pochende Blut in seinen Ohren war. Die Baumgruppen erschienen ihm wie zusammengeduckte Ungeheuer, denen einer, der das nicht bemerkte, unfehlbar in den Rachen lief. Aber er war nicht so töricht. Im übrigen wußte er auch recht gut, daß es ganz gewöhnliche Bäume waren, nichts weiter. Dort oben stand der Monopteros.

Sonnentempel, Tempel der Seligkeit! Haha!

Er sah aus wie die Arbeit eines Zuckerbäckers, die nun im Regen elend zerweichen mußte.

Hahaha, gerade so. Er war Teig, weicher Teig war er.

Er blieb stehen.

»Zur Sache«, sprach er, »wir wollen es kurz machen. Hier war es, gerade hier.« Oder war es nicht hier? Er mußte -- wo war es? Er mußte -- bei allen Heiligen -- doch die Stelle finden, wo er begraben lag! Haha, das wäre noch hübscher! Zur Ruhe, zur Ordnung! Was hatte sie gesagt? Ein Dutzend Worte. Hier war es angegangen, also mußte es hier neben diesem kleinen Bäumchen sein.

Er kniete nieder und machte ein winziges Kreuz in den Sand.

»Henri Ginstermann, gestorben am Herzeleid. Bete ein Vaterunser, o Christ!«

Aber vielleicht war es doch nicht hier? War das nicht dumm, nicht dumm, messieurs? Man mußte ins reine kommen.

Er lief den Weg hinab und setzte sich auf eine Bank. Dann stand er auf und sagte: »Sie haben recht, die Sonne sticht hier unerträglich. Man sitzt wie im Brennpunkt einer Lupe.« Langsam schritt er, als ginge er neben Bianka einher.

Ah, nun wußte er alles, jede Einzelheit. Hier ging Bianka, hier er. Ihre Schatten liefen wie folgsame Pudel links von ihnen.

Er wußte alles ganz genau. Plötzlich war eine Jalousie in seinem Kopfe in die Höhe gegangen.

Sie sprachen von der Reise, sie sprachen von der Reise. Und sie sprachen auch vom mutmaßlichen Wetter. Jawohl. Und sie sprachen auch davon, wie schön der Sommer gewesen wäre. Auch vom Sommer. Gut. Reise, Wetter, Sommer. Gut. Es stimmt. Bianka -- ja, nun kam es. Wie kamen sie nur darauf? Ach, richtig, sie sprachen ja vom Sommer. Wie schön er gewesen wäre. Bianka -- nur Vorsicht -- bis zu dem Büschel Löwenzahn dort ungefähr von der Reise, bis zur Wegkreuzung vom Sommer, wie schön er gewesen wäre -- von hier an -- jawohl. Alles in Ordnung. Hier ging ein alter Herr mit einem glatten Elfenbeinknopf am Spazierstock an ihnen vorüber, so daß er näher zu Bianka hinüber mußte. Bianka spielte mit den Quasten ihres Sonnenschirmes, und er bemerkte, daß die Naht des Handschuhes am Ballen etwas geplatzt war. Haha, er entsann sich sogar auf Dinge, die er kaum recht beobachtet hatte. Und Bianka sagte:

»Eigentlich ist es doch recht selten --« Oder begann sie nicht so? Es war da etwas wie ein helles A am Anfang ihres Satz es. »Das passiert nicht oft, daß man einem Menschen begegnet. Mir passierte es sehr selten. Und deshalb freut es mich, daß ich Sie kennen gelernt habe.« Nun blieb sie stehen, sah ihn an und fuhr fort, indem sie lächelte: »Wie sonderbar es begann, da im Theater, da bei Kapelli, nicht? Und dieser Sommer -- es war alles hübsch.« Sie stockte, besann sich, ging weiter.

Er entgegnete nichts darauf. Von einer freudigen Ahnung durchschauert, wartete er auf das, was sie nun sprechen würde. Sie hatte gleichgültig gesprochen, wie einer, der etwas Besonderes folgen lassen wird. Es war wie eine Einleitung und hinter ihrem letzten Wort stand etwas wie ein großer Doppelpunkt.