Yester und Li: Die Geschichte einer Sehnsucht

Part 15

Chapter 151,591 wordsPublic domain

Nach und nach kamen sie in ein leidliches Gespräch. Sie sprachen von ihren Zusammenkünften, bei Kapellis Fest angefangen. Sie ließen alle diese herrlichen Tage an sich vorüberziehen, ergänzten ihre Erinnerungen und lachten wohl auch über dies und jenes. Ja, sie lachten. Ginstermann kam in die Laune, Scherze zu machen, die er stets einigemal wiederholte. Und Bianka lachte mit. Eins wie das andere war bemüht, möglichste Alltagsstimmung vorzugeben, ohne zu erwarten oder zu wünschen, daß der andere sie für ernst nehme.

Hier geschah das, hier sprachen Sie das, sagte Bianka, während sie die bekannten Wege schritten.

Auch die Stelle passierten sie, wo Ginstermann einst im Wahnsinn das Kreuzchen eingegraben. Er schloß die Augen, um es nicht zu sehen.

Was wird morgen sein, was wird morgen sein, dachte er, und jedesmal zerriß sein Herz. Seine Lippen aber scherzten in gleichgültigem Tone.

Es begann zu regnen. Rings um sie rauschte es.

»Wollen Sie nicht Ihren Schirm aufspannen?«

»Nein, nein.«

»Wollen Sie nicht ins Restaurant treten?«

»Nein, nein.«

So schritten sie im Regen, der ihre Hüte zerweichte.

»Ich reise gar nicht gerne«, sagte Bianka, »gar nicht gerne.« Dann lachte sie nervös und fügte hinzu: »Morgen um diese Zeit bin ich in Mailand, im schönen Mailand.«

»Und übermorgen in Nizza?«

»Voraussichtlich.« Sie blieb stehen und schüttelte den Kopf, um das Wasser aus dem Hutrande zu schaffen.

»Aber Sie bleiben doch nicht immer in Nizza?«

»Nein, Papa trägt sich mit dem Gedanken, nach Kairo überzusiedeln.«

»Nach Ka--iro!«

Seine Zähne schlugen aufeinander, während er dieses Wort wiederholte. Er biß sich in die Lippen und hieb mit dem Stocke Blätter vom Gebüsch.

Dann lachte er heraus.

»Das ist ein kleiner Katzensprung -- das ist ein kleiner Katzensprung!« rief er aus.

Bianka sah ihn an und bat ihn mit den Augen, sich zu fassen.

»Das ist ja in Afrika!« lachte er. »In Afrika!«

Tränen traten ihm in die Augen, so sehr er auch dagegen ankämpfte.

Bianka nahm seine Hand und flüsterte: »Bitte.«

»Bitte«, flüsterte sie.

Er hatte sich auch sofort wieder und ging plaudernd neben ihr her. Aber seine Gedanken waren nicht bei seinen Worten. Er dachte daran, daß Bianka nach Kairo übersiedeln würde. Da gab es zwei Wege: einen übers Meer, einen über Kleinasien.

Heizer, Steward?

Ah, es war ja vorbei. Er würde es nicht ertragen. Morgen würde er schon verzweifeln.

Da stand Bianka still und sagte: »Wir müssen nun Abschied nehmen.«

»Ja«, sagte er rauh, »einmal muß der Teufel aus der Schachtel.«

Bianka blickte zu Boden, sie war ganz bleich.

Sie soll nur auch leiden, weshalb ließ sie mich nicht in Ruhe, dachte Ginstermann und richtete sich straff auf, ein bitteres Lächeln auf den Lippen.

Dann ging sie weiter, um bald wieder stehen zu bleiben.

»Wollen wir nicht noch einmal zu unserem Monopteros hinaufsteigen«, fragte sie und lächelte.

»Wie Sie wünschen.«

Nun galt es, sich zusammenzunehmen. Seine Hände bebten bei jedem Pulsschlag, in seinem Kopfe wimmelten verrückte Einfälle. Um keine Torheiten zu begehen, fing er an, von seinen Plänen zu sprechen.

»Nun werde ich arbeiten, arbeiten, viel arbeiten. Ich habe da so etwas im Kopfe. Da kommt einer drinnen vor, der im Sterben liegt. Aber zuvor will er sich noch den Spaß machen, seiner Umgebung die Wahrheit zu sagen. Er zertrümmert alle Heiligtümer, macht ein halbes Dutzend Menschen unglücklich. Nun empfehle ich meinen Geist in Gottes Hände, höhnt er und ist tot. Punkt. Hoffentlich wird es nicht verboten . . .«

Da tauchte der Monopteros vor ihren Blicken auf, und jäh brach er ab.

Jetzt kommt der Abschied, jetzt kommt der Abschied, rief es in ihm. Zorn, Wut, Schmerz schüttelten ihn, er hätte niederstürzen mögen und jammern wie ein Kind.

Sie waren oben.

Bianka sah über den Park hinüber nach den Türmen der Stadt, deren Spitzen blinkten.

Die Sonne arbeitete sich durch die Wolken, und Milliarden Fünkchen fielen durch ihre Strahlen. Irgendwo begann ein Fink zu rufen. Auf dem Wege drüben gingen zwei Herren. Ein braungefleckter Hühnerhund sprang in großen Sätzen über die Wiese. Irgend jemand pfiff, aber der Hund kümmerte sich den Teufel um seinen Herrn.

Bianka wandte ihm den Blick zu.

Blässe bedeckte ihr Gesicht, ihr Haar sah ganz golden aus. Die schmalen, durchsichtigen Lippen waren halb geöffnet, die Pupillen ihrer Augen groß.

Da gewahrte er, daß sie litt, ja, daß dieses Leiden nicht von heute war. Diese Stunde ließ es ihn erkennen. Vielleicht hatte sie ebenso gerungen wie er.

Aber das hielt kein Mensch länger aus, er wandte das Gesicht ab und sah dem Hühnerhund auf der Wiese drunten zu.

Bianka legte ihm die Hand auf die Schulter. Diese leichte Hand drückte ihn fast zu Boden. Aber er war mutig und lächelte, obschon er ihr hätte zu Füßen stürzen und ihre Knie umklammern mögen.

»Wir müssen uns jetzt adieu -- sagen,« flüsterte sie. So leise. Es war nur ein Hauch.

»Ja«, sagte er, laut.

»Wir müssen jetzt voneinander gehen«, flüsterte sie, so leise wie vorhin. Ihre Augen wurden größer, ihr Lächeln erstarrte.

Sie nahm die Hand von seiner Schulter und blickte in die Sonne.

»Es ist so schön. Gerade jetzt.«

Die Sonne hatte die Wolken durchbrochen und leuchtete aus einer phantastischen, ungeheuren Grotte von blendendem Bernstein.

»Ja, es ist schön«, wiederholte Ginstermann ohne Gedanken.

In allernächster Nähe sagte jemand unvermittelt laut: Das ist ja nicht möglich, das ist ja nicht möglich! Und ein anderer lachte und hustete.

Das ist schon möglich, Sie Esel, dachte Ginstermann.

Die Sonne überstrahlte Biankas Antlitz, so daß es durchgeistigter, ätherischer erschien. Die Sonne tauchte bis auf den Grund ihrer Augen.

Bianka streckte ihm die Hand hin, von der sie den Glacé gestreift hatte.

Ginstermann lächelte schmerzlich, dann nahm er mit raschem Griffe ihre Hand und sagte:

»Adieu!« So tapfer als möglich sagte er es. Adieu! --

Bianka blickte ihn an, ein unnennbarer Ausdruck erfüllte ihr Gesicht, jede Linie verändernd.

Im nahen Laubgang pfiff jemand einen Gassenhauer.

Bianka zog ihn sanft an die Brust und küßte ihn auf die Lippen.

Ihr Herz pochte gegen das seine.

Er gab ihr den Kuß zurück.

»Liebster!« hauchte sie, und ihre Augen glänzten in Tränen.

Dann wandte sie sich rasch, sprang die Stufen hinab und verschwand im Laubgang.

Ginstermann stand betäubt. Er stand ganz im Licht.

Ein braungefleckter Hühnerhund springt über die Wiese.

Ein braungefleckter Hühnerhund springt über die Wiese . . . .

XXV.

Ginstermann ging nach Hause. Ginstermann setzte sich in einen Sessel. Ginstermann dachte nichts.

Er fühlte nur, daß er glücklich war, befreit, erlöst, gerettet! Er fühlte nur, daß ihn neue Kraft durchströmte.

Die Stunden gingen, er saß und dachte nichts.

Am Abend pochte es, und er sagte herein.

Bianka trat ins Zimmer.

Er faßte es nicht sofort, und doch war er auch nicht überrascht.

Sie blieb an der Türe stehen und sagte: »Bleib, bleib.«

So blieb er auf derselben Stelle stehen.

Sie blickten einander an, eine Ewigkeit.

»Wollen Sie nicht Platz nehmen, Bianka?« fragte er endlich.

Sie antwortete ihm mit einem langen Blick.

»Sage doch du zu mir.«

»Willst du nicht Platz nehmen, Bianka?«

Nein, nein -- o, nur schnell -- sie wolle nicht Platz nehmen. Sie wolle gleich wieder gehen. Der Wagen warte unten. Sie wolle -- sie sei nur gekommen, um es ihm zu sagen . . .

Aber sie setzte sich doch. Auf einen Stuhl nahe der Türe.

Lange Zeit war es stille, dann begann sie mit leiser Stimme:

»Weshalb ich nicht kann -- das will ich dir sagen, Liebster.«

»Sag es, sag es, Bianka, Herrlichste.«

Sie sann vor sich hin, sie blickte ihn an, sie blickte ihn voller Qual an.

Dann schüttelte sie den Kopf und breitere die Hände vors Gesicht.

Sie brach in Weinen aus.

Erst nach geraumer Zeit wagte er es, näher zu treten. Er legte seine Hand auf ihre Schulter, ganz sachte.

»Bianka?«

Da schluchzte sie laut auf und tastete nach seiner Hand, die Linke auf die Augen pressend.

Er führte ihre Hand an seine Lippen, ganz sachte.

Plötzlich hörte sie auf zu weinen. Sie erhob sich. Ganz dicht kamen sie zu stehen. Unwillkürlich rückte sie den Stuhl zurück.

»Ich kann nicht«, flüsterte sie, ihn mit den Blicken beschwörend. Sie sah zu Boden und schüttelte sonderbar den Kopf.

»Härme dich nicht, Beste«, sagte er,

Sie ging zur Türe, ging hinaus. Die Türe stand offen.

Er wagte es nicht, ihr zu folgen, er blieb auf der gleichen Stelle stehen. Er wußte . . .

Da kam sie zurück. Sie nahm seine beiden Hände.

»O du!« stammelte sie.

Sie küßte ihn auf die Lippen, sie beugte sich herab und küßte ihn auf das Herz.

Sie lächelte verzückt.

Dann ging sie . . . . .

XXVI.

Drei Uhr morgens.

Auf dem Geleise, das nach Süden führt, geht ein Mann. Weit weg liegt die Stadt.

Er geht immerzu.

Die Nacht ist klar und frisch, ringsum dampfen die Wiesen. Kein Laut. Der Mond steht am Himmel und alle seine Sterne.

Der Mann wandert immerzu, auf dem Geleise, das nach Süden führt.

Zur Linken ein Garten. Schimmernde Wipfel, ein bleicher Giebel. Der Duft von Rosen steigt in die Nacht.

Der Mann klettert über den Zaun. Ein Hund schlägt an.

Der Mann geht gemächlich von Stock zu Stock und reißt die Rosen ab. Ein Hund zerrt an der Kette und kläfft. Das kümmert den Eindringling nicht. Er plündert die Stöcke, dann steigt er wieder über den Zaun und setzt gemächlich seinen Weg fort.

Wo die Geleise in den Wald einmünden, macht er Halt.

Er wirft die Rosen über die Schienen.

Dann wartet er.

Er steht und wartet.

Eine Stunde. Ein Hahn kräht von weit her.

In der nebligen Ferne erscheint ein dunkler Punkt.

Es schnaubt, es rast, Eisen klingt in Eisen.

Der Mann tritt zurück.

Der Zug rast heran, der Zug rast vorbei.

Er entblößt sein Haupt.

Ende.

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