Yester und Li: Die Geschichte einer Sehnsucht
Part 14
Auf den Bänken im Schatten, da saßen Liebesleute, sich inbrünstig umschlingend, sie flüsterten, sie stammelten, sie küßten sich, ja sie schluchzten. Vögel zwitscherten im Traum, lautlos strichen Schatten über die Wiese, dunklen Wipfeln zu. In den Bächen tanzten des Mondlichts silberne Fische.
Auch den Monopteros besuchte er, ihn mit heiliger Scheu betretend. Dieser Tempel war heilig durch die Reinheit seiner Kunst, geheimnisvoll in der weißen Pracht, dieser Tempel war geweiht durch Biankas Fuß.
Er lehnte sich gegen eine der kühlen Säulen und blickte hinunter, hinüber. Das Zirpen der Grillen, die Stille trug ihn empor, er erschien sich wie ein Wesen, aus dem Äther herniedergestiegen.
Die Wiesen schimmerten unter ihm mit dem Schatten der Heuhäuschen, die Bäume zogen wie Rauch im Silberlichte, aus der Silhouette der Stadt stieg der Lichtschein gleich weißem Opferrauche.
Ferne, seltsame Laute ertönten, als ob die Stadt in unruhigem Schlafe rede.
Er verbrachte die Nacht im Garten. Biankas Geist war ihm nahe, umgab ihn, alle Worte, die sie zusammengesprochen, alle Gefühle, die sie hier empfunden, schwebten um ihn.
Leise singend ging er seine Wege. Er saß auf einer Bank und schrieb in den Sand. Ava -- ava -- abala -- schrieb er. Er wußte nicht, was es hieß.
Sein Wesen löste sich auf, der Zauber der Nacht war in ihm, er war ein Hauch dieser Nacht selbst.
Was ist der Mensch? Ist er eine Blume, die sich frei bewegt? Ist er ein Hauch aus fernen Gärten, der Gestalt angenommen?
Der Park erklang in silbernem Gesange. Eine Wolke trug ihn dahin, und über ihm schwebten die Sterne, den glitzernden Perlen einer ungeheuren Fontäne gleich. Im Geiste nahm er sein Herz aus der Brust und hob es hoch in den Händen den Sternen entgegen und rief: Segnet es, segnet es . . .
Früh am Morgen ging er nach Hause. Es war kühl geworden, und sein Blut floß langsam durch den Körper --
Als er die Treppe hinaufstieg, knarrte oben ein Schritt. Er erschrak nicht, er lebte noch zu sehr in seinen Träumen. Ein Mann stand in der Ecke, die Hand am hinaufgeschlagenen Rockkragen, mit nassen, verquollenen Augen. Es war Ritt. Er lächelte und huschte an ihm vorüber.
Ginstermann dachte, was mag er gewollt haben, und legte sich nieder.
Der Schlaf kam, er fühlte wie er, ein Hauch, über ihn strich.
Zwischen Wachen und Schlaf vernahm er leisen Gesang und eine Sekunde lang tauchte es vor ihm auf: Sommermorgen. Frische. Ein Hain blühender Akazien, mitten drin ein weißes Haus. Vögel zwitschern, o, des Duftes! Und aus dem Hause tönt eine weiche Frauenstimme. Aus dem fernsten Zimmer kommt ihr Gesang.
O tu mio carissimo -- o tu mio cuore . . .
Blüten wirbeln, weiß in weiß, das Haus, der Hain verschwinden.
Ferne noch: O tu mio carissimo -- o tu mio cuore . . . .
XX.
Am Tage darauf erhielt Ginstermann folgenden seltsamen Brief:
Werter Herr Ginstermann!
Sie werden gewiß verwundert sein über die Zeilen, aber es läßt mir keine Ruhe. Ich habe gestern deutlich empfunden, daß sie eine andere lieben.
Ich werde Ihnen nie zürnen, denn diese andere ist tausendmal besser und klüger denn ich, ich werde Sie bis zum Tode lieben.
Verzeihen Sie mir dies. Nun heirate ich den ersten Besten. Ihre X. X.
PS. Antworten Sie mir, bitte, nichts darauf. Sprechen Sie mich auf der Straße nicht mehr an, ich bitte Sie. D. O.
Da fiel ihm dies ein: Einer kommt zu einem Weibe und sagt: Siehe, du Herrlichste, was du verlangst, ist geschehen. Ich habe mir die linke Hand abgeschlagen. Das Weib lacht: Es war ja nur Scherz, mein Freund. -- Ein andrer kommt und spricht: Du bist häßlich wie eine Unke. Nun werde ich dich schlagen! Ja, schlagen werde ich dich! Das Weib lächelt: Schlage mich, schlage mich doch, Liebster!
Dies fiel ihm ein. Er wußte nicht mal, ob er die Geschichte erfunden oder gelesen habe.
XXI.
»Kann ich weiter lesen?«
»Ja, lesen Sie weiter.«
Sie saßen zusammen auf einer einsamen Bank aus Birkenstämmen, der Ginstermann den Namen »zum schlafenden Brahmanen« gab.
Über ihnen die grüne Flut der Wipfel, die sich schläfrig hin und her wiegte. Ab und zu fiel ein Stückchen Sonne, ein Stückchen blauer Himmel zu ihnen herunter.
Sie waren ganz allein.
Und Ginstermann fuhr fort:
Yester kehrte spät in der Dämmerung zurück.
Er trug einen Strauß blauer Glockenblumen und war so müde. Die Sonne, die ihm noch in den Augen brannte, hatte ihn müde gemacht. Er war am Bache gesessen und hatte dem Spiel der Fische zugesehen. Es war ihm so eigen zumute.
Fahl leuchtete das Haus zwischen den Birken, fahl leuchteten die Hyazinthen, in denen es stand.
Die Dämmerung machte alles bleich und bläulich dunstend.
Da stand Li! Da stand Li!
Sie hatte das Gewand abgestreift und stand durchsichtig wie Marmor und regungslos. In der Hand hielt sie eine Hyazinthe, das Haupt geneigt, ohne daran zu riechen. Sie stand schon lange so.
Yester näherte sich ihr mit leisen, bebenden Schritten und glitt vor ihr in die Knie. Da bemerkte sie ihn. Sie jauchzte, schlang ihre Arme um seinen Nacken und küßte seine Haare.
Er umschlang sie und küßte ihre Lippen.
»Li! Li!« flüsterte er.
Sie sah ihn an. »Deine Stimme ist ganz anders,« sagte sie.
Er lächelte und bettete ihren Kopf an seine Brust.
Lis Augen waren tief und voller Rätsel. Sie hatte den Wald in den Augen, mit all seinen scheuen Tieren, seinen weißen Blumen, seinen purpurnen Schatten.
Ein schwüler Wind hauchte. Die Hyazinthen neigten ihr weißes Haupt und atmeten schwermütig süßen Duft.
Da fing Li plötzlich an zu weinen.
Yester erschrak so sehr, daß er keine Worte fand, sie zu fragen, sie zu beruhigen.
»Li, Li,« flüsterte er in seiner Ratlosigkeit.
Li preßte die Wange an seine Brust und weinte.
Der Wind hauchte, und von den Bäumen fielen weiße Blüten auf ihre Haare, ihre Schultern. Die Birken sangen.
»O Li, o Li -- Li, o Li?«
Li hielt im Weinen inne und lächelte zu ihm empor.
»Ich sehne mich so, Liebster,« sagte sie leise, ganz leise.
Immer noch fielen Blüten auf sie herab. Die Hyazinthen dufteten stärker, sie litten mit Li.
»Ist es nicht schön bei uns, Li?«
Li nickte.
»Ist der Wald nicht herrlich? Duften die Blumen nicht köstlich, glitzert nicht der Tau an den Rosen des Morgens?«
Li nickte.
»Und lieb ich dich nicht?«
»O Yester!«
»Und doch -- und doch -- Li?«
»Ich sehne mich so, Yester. Yester, ich sehne mich so . . .«
Im Hain schlug süß ein Vogel. Bald nahe, bald ferne. Weit drinnen im Walde, da antwortete es ihm. Im selben süßen Tone. Nun waren es zwei, nun drei, nun waren es viele. Sie lockten sich mit schmelzender Stimme, sie antworteten einander mit ihrem süßesten Liede. Es sang der ganze Hain.
Da droben gingen die Sterne, gingen langsam die Sterne und lauschten.
Der Wald sandte seine Gerüche, die Wiesen, die Quellen. Schatten glitten durch die Büsche, jagten sich, fanden sich. Aus den Blüten sahen Augen, schöne, sanfte Augen.
In der Ferne schrie ein Pfau.
Da verstand Yester die Sehnsucht in Lis Augen.
»Li, Li,« schluchzte er.
Der Hain sang, der Wald sandte seine Gerüche, die Wiesen, die Quellen. Da droben gingen die Sterne, gingen langsam die Sterne und lauschten . . .
Yester und Li wurde ein Knabe geboren. Es war zur Zeit, als blaue Tulpen das Haus umstanden, und deshalb nannten sie ihn »Blaue Tulpe«.
Alle Tiere des Waldes kamen, um ihn zu sehen. Die Hirsche, die Rehe, die Rotkehlchen, die Eidechsen, die Bienen. Elfen brachten ihm ein Gewand, das sie aus ihren Haaren gewoben, Erdmännlein golden Geschmeide und Spielzeug, das sie gefertigt.
»Blaue Tulpe« hatte die tiefen, klaren Augen Lis. Er hatte Lis Haare, Lis Stimme, er hatte Lis leichte Füße, Lis Lachen, er hatte Lis gütiges, goldenes Herz.
Von Yester hatte er die tiefe Farbe der Lippen, von Yester hatte er -- die Art, Li zu lieben . . .
Weiter vermochte Ginstermann nicht zu lesen. Tränen kamen in seine Stimme. Er mußte innehalten, um nicht in Weinen auszubrechen.
Sie saßen beide und waren stille.
Über ihnen rauschte die grüne Flut, die Stämme tönten.
Bianka stand auf. Ohne Ginstermann anzublicken, sagte sie: »Wir sind so allein.«
Und sie ging.
Ginstermann blieb noch eine Weile sitzen, die Hände vor die Augen gepreßt, dann stand er auf, ihr zu folgen.
XXII.
Wie war es doch gewesen?
Gestern hatte er bei Kapelli vorgesprochen, um ihm das Gedicht vorzulesen, das am Feste der Taufe gesungen werden sollte. Sie hatten probiert und probiert, und Kapelli auf seiner Laute nach einer Melodie gesucht, während Frau Trud sich schüttelte vor Lachen.
Da ging die Türe auf, ohne daß es zuvor gepocht hätte, und die Malerin von Sacken trat ein.
»Verzeihung«, sagte sie, »ich habe gar nicht geklopft,« und lachte.
Kapelli erklärte ihr, daß das längst aus der Mode sei.
Sie schüttelte Frau Trud, Kapelli und ihm die Hand und lachte. Dann blieb sie stehen und atmete tief auf, auf ihren Wangen brannten rote Flecken:
»Ich komme eben vom Sekretariat, Kinder!«
»-- mit Kri -- kra -- kri -- kra -- krallen, mit Krallen an den Fingern,« summte Kapelli und klimperte in den Saiten.
»Vom Sekretariat?«
»Ja!« Sie setzte sich, stand wieder auf. »Vom Sekretariat -- soeben bin ich gerufen worden -- -- mein Bild ist von der Staatsgalerie angekauft!«
Alle schüttelten ihr die Hände, teilnehmend an ihrer Freude, froh, sie endlich glücklich zu sehen.
»Ich gri -- gra -- gratuliere!« sang Kapelli mit hellem Tenor.
Da veränderte Fräulein von Sacken plötzlich ihr Wesen und blickte sie mit triumphierenden Augen an. »Nun noch das!« rief sie. »Erst die Rezensionen und nun noch das! O, was wird sich diese feige Gesellschaft schämen, diese nichtswürdige, erbärmliche Gesellschaft, was wird sie sich schämen!«
Damit war sie zur Türe hinaus, ohne jeden Gruß.
Die drei sahen einander an, eines verblüffter wie das andere, bis schließlich Kapelli in lautes Lachen ausbrach.
Und nun heute?
Er kam spät nach Hause und fand das ganze Haus in Aufregung. Kapelli stand unter der Türe und winkte ihn herein.
»Kommen Sie schnell!« rief er. Er war erregt wie noch nie.
Da war das Atelier finster, und da saß Frau Trud am Tisch und schluchzte.
Als er eintrat, stand sie auf und schluchzte lauter.
Kapelli umschlang sie und drückte sie sanft auf das Sofa zurück.
»Wein nur, wein nur Trud,« sagte er, selbst dem Weinen nahe.
Ja, was denn nur sei?
Kapelli ging in eine Ecke, wie um etwas zu suchen.
»Nun ja -- die Sacken --«
Das war es, die Malerin hatte sich erschossen . . .
»Warum nur? Warum nur?« stieß Frau Trud heraus. »Gerade jetzt --!«
Ginstermann wußte es.
Ganz plötzlich war ihm die Erleuchtung gekommen. Er wußte alles, die ganze Tragödie des armen Weibes lag vor seinen Blicken enthüllt.
Er ging hinunter zu Ritt und pochte. Keine Antwort. Er rüttelte an der Türe.
Dann begab er sich hinaus in den Hof und klopfte energisch gegen die Scheiben. Nichts regte sich.
»Schuft!« rief er. Er schlug die Scheibe ein und rief hinein in das finstere Atelier.
»Ah, öffnen Sie nur, Sie Wicht!«
Seine Stimme hallte wieder. Er fühlte, daß niemand im Zimmer war.
Er ging wieder an die Türe zurück und entzündete ein Streichholz.
»Verreist.«
»Der Schuft ist durch, der Schuft ist durch!« --
Am anderen Tage, in aller Frühe, vernahm Ginstermann vom Korridor herein die Stimme eines alten Herrn, eine schnarrende, unangenehme Stimme, aus der er aber doch die Stimme der Toten heraushörte. Es war ihr Vater.
Schritte kamen und gingen. Ein Wagen fuhr in den Hof. An allen Fenstern erschienen gefühllos-neugierige Gesichter. Ginstermann zog die Vorhänge zusammen und wandte den Fenstern den Rücken zu.
Schwere Schritte stampften die Treppe hinab, gedämpfte Rufe wurden hörbar.
»Heben Sie höher!« befahl die schnarrende, unangenehme Stimme.
Ginstermann öffnete die Türe. Ein dunkler großer Sarg schwankte auf den Schultern schwarzgekleideter Männer um die Biegung der Treppe.
Er erschien ihm wie einer, der sich im Starrkrampf befindet und winken möchte und nicht kann.
»Da drinnen liegt ein Mensch!« sagte er und begab sich zurück in sein Zimmer.
Er zog ein Schubfach auf und zählte seine Barschaft. Es waren knapp zwanzig Mark. Das Geld nahm er und bestellte einen Kranz dafür. Einen Kranz aus blutroten Rosen. Er wollte auch am Grabe der Sacken sprechen, er!
Am Abend pochte es, und ein kleiner, stämmiger Herr mit weißem Schnauzbart, kurzen Haaren und rotem Gesicht trat in sein Zimmer.
»Major von Sacken«, sagte er, sich kühl verbeugend.
Ginstermann lud ihn ein, Platz zu nehmen, und erkundigte sich nach seinen Wünschen.
»Ich möchte Sie fragen, mein Herr, ob Sie meiner Tochter irgendwie näher standen?«
Nein, er sei ihr nicht näher gestanden.
»So? Ha, das ist sonderbar, mein Herr!« Er warf ein Päckchen Briefe auf den Tisch und blickte Ginstermann höhnisch an.
Ginstermann ließ sich dadurch nicht beirren. Er öffnete einen Brief, der seine Adresse trug. Der Brief enthielt nur wenige Zeilen. Die Bitte, diese Briefe zu verbrennen, da sie es nicht vermocht habe. Und dann noch etwas.
Und dann noch etwas . . .
Der Major starrte auf den Boden, vor sich hinblasend, als wolle er eine kleine Windmühle in Gang halten.
Ginstermann legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte, ihn durchdringend anblickend:
»Sie haben ein Verbrechen begangen, Herr Major!«
Der alte Herr stand auf und maß ihn.
»Wie können Sie es wagen --!«
Ginstermann wiederholte, seinen Blick erwidernd: »Sie haben ein Verbrechen begangen, Herr!«
Der alte Herr wurde dunkelrot im Gesicht und hob die Faust empor, seine Augen waren stahlgrau.
Ginstermann wich nicht vom Fleck, er sagte im gleichen Tone wie vorhin:
»Sie haben ein Verbrechen begangen, Herr!«
Da brach der Alte zusammen, wie durch einen Hieb. Er sank in den Stuhl und krallte die Finger in seinen Kopf.
»Wer konnte es denn wissen!« schrie er.
Dann stand er auf und räusperte sich.
»Was wollen Sie -- mit Ihrem Verbrechen -- das ist ja heller Unsinn. Nein, sage ich, nein, Sie kennen die Verhältnisse nicht. Meine Tochter mag Ihnen geschrieben haben, was sie will! Gut. Mein Herr, meine Tochter achtete Sie, sie schrieb Ihnen ja noch zuletzt. Gut. Ich möchte nicht, daß wir als Feinde scheiden. Meine Tochter achtete Sie -- gut -- adieu, mein Herr!«
Er streckte Ginstermann die Hand hin.
Aber Ginstermann blickte ihn abweisend an, ohne seine Hand zu nehmen.
Da wurde der Alte kreidebleich. Er stand lange Zeit, dann wandte er sich der Türe zu und stolperte über die Schwelle. Schon draußen, blickte er nochmals um, noch ebenso blaß wie zuvor.
»Adieu, mein Herr«, sagte er mit gebrochener, weicher Stimme.
XXIII.
Der Hymnus der Morgenröte.
11. Hymnus an Bianka.
Stimme vom Berge: Gott ist groß! -- Licht gleißt sein Antlitz. Sein Lächeln Streut Rosen und Myrrhen Auf das dunkle Haupt der Welt.
Stimme in der Ferne: -- -- -- scheucht die Schatten In ihr finstres Reich Mit goldnen Pfeilen. -- Groß ist Gott!
Chor der Betenden: Der das Licht aus dem Dunkel schlug, Die Erde schöpfte aus der schwarzen Flut, Ist unser Herr! Gestalt gab dem Elefanten, dem Kamel, Dem einhöckrigen, dem zweihöckrigen, Dem Büffel, dem Krokodil, Das Korn, die Lotos schuf, Wind und Regen uns gibt und Weide unsrer Herde, Ist unser Herr!
Chor der Suchenden: Wir gehen rechts -- wir gehen links, Wir gehen links -- wir gehen rechts, Wissen wir's? Wir gehen vorwärts -- wir gehen zurück, Rund herum um das Glück. Das finden wir nicht. Uns trägt der Rücken eines Tiers. Das kennen wir nicht. Wir pochen an der dunklen Wand, Ob nicht die Pforte einmal springt, Die keiner fand. Wir trinken Nächte, Uns trinkt die Nacht. Wir schleppen die Kette von Menschenleid, Die endlose Kette von Menschenleid, Die jedes Herz noch schwerer macht, Durch die engen Dornentore der Zelt. Und tragen sie ringsherum um die Welt, Und immer ringsherum um die Welt, Und harren der Stunde, da sie fällt. Und suchen das Lachen. Und suchen unsere Ewigkeit. Und tasten weinend der Finsternis Pfade. Rate! Rate!
* * * * *
Eine Stimme singt: Mit Blüten bestreu ich euch, Ihr Bittren! Mit süßen, Wohlriechend wie der Morgenwind, Die in den ewigen Gärten sprießen, Die ferne von der Erde sind . . .
* * * * *
Alles, was klingt, Zerspringt. Das tiefste Meer Verrinnt. Alles, was Staub ist, Wird Wind. Wird Wind! Alle Zeit Ist ein Flügelblinken der Ewigkeit. Und denkst du an den letzten Tag Gibt's keinen Tag! Öffne dein Herz. Schwester, Bruder, Bruder, Schwester, Öffne dein Herz! Die Zeit der Saat -- naht! Denke an mich: Die Lebensgebärerin, Die Lebensernährerin, Die Lebenserweckerin, Die Lebensvollstreckerin Bin ich! Denke an mich: Was schläft, das muß reden. Was tot ist, will ich töten. Und keine Tiefe ist mit zu tief, Die ich nicht rief. Flügel schenk ich dir, die tragen Dich über die Erde. Wer über der Erde Nicht lebt, Lebt nicht Auf der Erde, Und nimmer ist's nötig, Daß er begraben werde. Denke an mich: Die Lebensgebärerin, Die Lebensernährerin, Die Lebenserweckerin, Die Lebensvollstreckerin Bin ich! Im Herzen des Alls, Da quillt ein See, Er hat nicht Grund. Gott warf sein Herz hinein, Daß ich entsteh! Gott warf sein Herz hinein, Warf seines Sohnes Herz hinein, Warf aller Weisen und Guten Herz in den See, Daß ich entsteh! Öffne dein Herz, Schwester, Bruder, Bruder, Schwester, Öffne dein Herz. O, öffne dein Herz! Die Zeit der Saat -- naht! Schmücke dich! Den Blühenden trägt die weite Flut zur Ewigkeit, Der Dorre sinkt! Die Ewigkeit liebt wüste Gärten nicht!
* * * * *
Chor der Erlösten, jubelnd: Liebe! Liebe!!
Chor der Verlornen, schluchzend: Die Ewigkeit liebt wüste Gärten nicht . . . . . .
XXIV.
Der letzte Tag.
Ginstermann stand fröstelnd am Fenster und sah ihn grau über die Dächer kommen. Und voller Bangen frug er ihn in sein verschlossenes Antlitz hinein: Was bringst du mir?
Er hatte versucht zu schlafen, umsonst. So war er wieder in seine Kleider geschlüpft und auf und ab gegangen in seinem Zimmer, auf und ab, diese dunkle, ewige Nacht voller seltsamer Rufe und gequälter Schreie hindurch.
Was wird morgen sein, was wird morgen sein? frug seine Qual.
Bianka war für ihn ein großes Feuer, durch das ihn das Geschick peitschte. Wie würde er hervorkommen? Würde es ihn verbrennen?
Liebe Freunde, er wollte sich ja zusammennehmen. Er wollte ja ringen, soweit seine Kräfte reichten. Aber tief in seinem Innern, da lebte eine verzweifelte Überzeugung: er sah einen schwanken und stürzen. Er wollte kämpfen, so lange es ging.
»Wer gab dir diese Macht, Bianka?« rief er aus. »Ein Lächeln von dir kann mich selig machen, du kannst mich in ein Land schicken, von dem kein Schiff mehr zurückkehrt. Mache meiner Qual ein Ende, so oder so, heute mache ihr ein Ende. O Vernunft, wie ohnmächtig bist du!«
Alle Kämpfe der letzten Monate tobten in ihm, alle zugleich, und diese dunkle Einsamkeit stand vor ihm, starr, unerbittlich, riesengroß, wie sein Schicksal selbst, zu dessen Füßen er lag.
Dumpf schlugen die Uhren. »Hörst du«, rief er, »nun treiben sie die Nägel in deinen Sarg. Das Schicksal hat seinen Pfeil auf dich abgedrückt, du magst dich krümmen und winden, wie du willst, er wird dich erreichen.«
Da draußen stöhnte die Nacht. Es waren die Todesschreie der Getroffenen, die auf der unendlichen, dunklen Wahlstatt sanken, die Leben heißt.
All die Kämpfe -- und zuletzt doch verzweifeln! Und doch verzweifeln!
So war sein Leben: er ward und ging und geriet in ein Bordell. Er entkam und ging und geriet in das Herz eines jungen Mädchens. Immer geriet er, immer geriet er. Der Mensch geht nicht, er gerät! Das ist die letzte Wahrheit.
Und hier sollte er enden. Er, der noch vor kurzem über sein Leben gesehen hatte wie über weite, weite Ebenen!
Er sah seine gespenstisch flackernden Augen im Spiegel und nickte. »Jaja, du bist gezeichnet!«
Aber vielleicht, vielleicht würde sich die dunkle Wand doch teilen und ihm einen schmalen Pfad zeigen, auf dem er entweichen konnte?
Vielleicht, vielleicht würde er Bianka auch wiedersehen? Da sah er einen vor sich, der von Dorf zu Dorf zog, in den Schenken sang und lustige Verse deklamierte, um seine Schlafstätte zu verdienen. Er wanderte nach Süden, immerzu nach Süden.
Es gab wohl hundert Möglichkeiten, Hunderte und abermals Hunderte von Zufällen.
Da ist ein Theater, vollgepfropft von Menschen, Was spielt man? Man spielt: Yesters Tod. Wißt ihr, was Liebe ist, ihr Leute? Nun tritt einer vor die Rampe und verbeugt sich. Sein Lächeln ist traurig, seine Augen erstorben. Ich habe mein Herzblut für dieses Stück gegeben, ihr da drunten, das ihr applaudiert. In der ersten Sitzreihe -- er verbeugt sich tief und lächelt . . .
Da ist der Kurgarten eines Weltbades. Die elegante Welt promeniert, die Kapelle spielt. Aus Tristan und Isolde. Sie spielt gut, sie spielt für verfeinerte Ohren. Auf einer Bank am Wege sitzt ein Bettler. Er kam zu Fuß hierher, seine Schuhe sind zerrissen. Grau und welk ist sein Gesicht, vom Trunk verwüstet seine Augen. Er hat sein Ziel verfehlt, er ging zugrunde. Einst war er ein König. Die Allee herauf wandelt eine schlanke Frau am Arme ihres Gatten. Sie sind glücklich, sie sind vornehm, hinter ihnen geht ein Diener mit silbernen Knöpfen. Die schlanke Frau streift den Bettler mit einem kurzen Blick. Sie ist reich, sie ist glücklich, was kümmert sie der Bettler? Heute, morgen, jeden Tag. Die Kapelle spielt sanfte Weisen, die vornehme Welt zieht vorbei. Die schlanke Frau sieht in des Bettlers verwüstete Augen. Er hat sein Ziel verfehlt, einst war er König. Was kümmert sie der Bettler? Und heute -- heute kommt ein Diener mit silbernen Knöpfen an die Bank am Wege und spricht: »Jemand interessiert sich für Sie. Man bittet Sie, Ihren Namen zu sagen.« Da erhebt sich der Bettler und geht. Weit, weit, so weit ihn seine Füße tragen . . . .
Endlich graute der Tag.
Er wuchs, er wuchs, es wurde ganz helle.
Ginstermann hätte sich gerne von irgend einem Gotte eine kleine Ewigkeit erbeten, um sie zwischen Nacht und Tag zu schieben. Nur eine kleine Ewigkeit. Aber unaufhaltsam flogen die Minuten. Keine Macht der Welt hielt auch nur eine Sekunde auf. Ja, man mußte eilen, um mitzukommen.
Es war ein trüber Tag. Zeitweise regnete es.
Aber Bianka würde kommen, so konnte sie unmöglich von ihm gehen.
Den Vormittag über saß Ginstermann auf den Treppen des Monopteros. Als die Glocken zu Mittag läuteten, begab er sich in die Stadt, weit hinein, um die Zeit zu verscheuchen, die ihm nun endlos deuchte. Er trieb sich auf dem Bahnhof herum, sah Züge gehen, hereinbrausen, er ging zur Parade an der Feldherrnhalle, hörte die Wache mit Rumtata und vielen Kommandorufen aufziehen, betrachtete sich die Fremden, die auf den Staffeln herumsaßen und lauschten.
Kurz vor drei stieg er wieder den Hügel zum Monopteros hinauf.
Bianka stand schon oben.
»Ich bin etwas früher daran« sagte sie, sich gleichsam entschuldigend.
Seit wann sie schon da sei?
Ungefähr zehn Minuten.
Wenn er es nur geahnt hätte!
Bianka trug ein graues Kleid und graue Glacé, so grau wie der Himmel.
Sie lächelte, aber ihr Lächeln war nicht wie früher.
Der Park war wie ausgestorben, die Wege naß und aufgeweicht. Das Gras lag am Boden, die Blätter hingen schlaff. Aus den grauen Tüchern da droben fielen vereinzelte Tropfen, ein weißer Fleck, wie ein transparenter Öltropfen auf grauem Papier, zeigte den Stand der Sonne.
Bianka brach ein Zweigchen zwischen den Fingern.
»Wir werden kein hübsches Reisewetter haben.«
Aber es sei kühl. Wie qualvoll wäre doch die Hitze in den Waggons.
»Ja, das ist allerdings ein Vorteil.«