Wunderwelten Wie Lord Flitmore eine seltsame Reise zu den Planeten unternimmt und durch einen Kometen in die Fixsternwelt entführt wird

Part 21

Chapter 213,645 wordsPublic domain

Heinz aber meinte: »Wer es zuwege bringt, diesen neumodischen Ausdruck >der Dämmer< zu gebrauchen, beweist damit ohne weiteres, daß ihm nicht nur jegliches Sprachgefühl, sondern auch aller Sinn für Poesie abgeht, was allerdings für die große Mehrzahl unsrer Versemacher zutrifft; denn zu keiner Zeit gab es so viele Dichter und so wenig Poeten wie heutzutage.«

»Darum verhöhnen sie auch die Poesie als hohles Pathos, weil sie die Göttin nicht ehren dürfen, deren Gunst, Geist und hoher Flug ihnen versagt blieb, falls sie nicht ihre eigene Wertlosigkeit einsehen und eingestehen wollen!« fügte Münchhausen noch hinzu.

»O, meine Herrschaften, ein Nordlicht!« rief plötzlich John und wies nicht nach Norden, wohl aber nach Osten.

»Das ist ja ein Mond!« berichtigte der Professor. »Wahrhaftig, ein würdiger Mond für eine Nacht im Paradiese!«

Der Mond, der über die Berge tauchte, hatte eine unbeschreiblich liebliche und duftige Rosafärbung. Nur die zartesten unter den wilden Rosenblüten oder der blühende Hauch, der ein luftiges Wölkchen vor Sonnenaufgang über dem Meere der italienischen Riviera in rosigen Schimmer taucht, hätte zum Vergleich herangezogen werden können.

Bald schwebte der Mond, der etwa doppelt so groß erschien, wie der Trabant der Erde, frei am tiefdunkeln Himmel zwischen den blitzenden Sternen. Und nun ergoß er sein entzückendes Rosenlicht über die ganze Landschaft.

Auf einmal schien ein neues Leben zu erwachen, nachdem es sich kaum ein Stündchen über die Zeit der Dämmerung zur Ruhe gelegt hatte: Vögel durchschwirrten die Luft und ließen wundervolle sanfte Weisen ertönen, Grillen zirpten in melodischen, einschmeichelnden Weisen; kleinere Tiere, den Hasen, Wieseln und Igeln ähnlich, letztere mit bunten durchsichtigen Stacheln, tummelten sich lustig umher, spielend und sich balgend, hüpfend und tanzend und seltsame Purzelbäume schießend.

Kurz, es gab wieder genug zu sehen, zu hören und zu bewundern, wenn nicht schon der Zauber der magischen, bengalischen Mondbeleuchtung genügt hätte, um alle wach zu halten: wer hätte eine solche feenhafte, ja wahrhaft paradiesische Nacht stumpfsinnig verschlafen mögen.

Aber auch neue Blumen erschlossen ihre Kelche, äußerst zarte, feingeformte Gebilde, meist leuchtend weiß mit goldgelben Staubfäden, doch vom Mondlicht rosig überhaucht; auch hellblaue und hellrote Winden, silberschimmernde Kapuzinerkresse und andere Blüten öffneten sich dem Rosenmond und hauchten Düfte aus, deren Süßigkeit alle Wohlgerüche des Tages weit zu überbieten schienen.

Acht Stunden leuchtete der rosa Mond; kaum aber war er untergegangen, so stieg ein etwas kleinerer Mond von lichtblauer Farbe am entgegengesetzten Horizonte auf.

Sein mildes Licht wirkte ungemein beruhigend. Es wurde überall still; die Tierwelt begann zu schlafen und auch die Kelche der Nachtblumen schlossen sich.

Aber wieder sprangen neue Blüten auf, große Dolden, bunte Mohnhäupter, und ein einschläfernder Wohlgeruch gesellte sich zum einschläfernden Lichte.

Auch unsere Freunde wurden still und fühlten schließlich das Verlangen nach Schlaf.

Schultze leitete mit folgenden Worten den allgemeinen Rückzug in die Zelte ein: »Wenn die beiden Monde sich jede Nacht so pünktlich ablösen, wie heute, so hat dieses Paradies stets zwei Nächte, von denen die erste für das Vergnügen und die höchste Beseligung, die zweite erst für den Schlaf bestimmt zu sein scheint. Nun haben wir auch die blaue Nacht vier Stunden lang bewundert; legen wir uns zur Ruhe, wir haben noch zehn Stunden bis Sonnenaufgang.«

»Danken wir dem allgütigen Gott,« sagte der Lord, »der uns diese neuen Wunder seiner Allmacht zu schauen würdigte; vor allem aber wollen wir ihn preisen, daß er uns auf einer so lieblichen Friedenswelt landen ließ, die keine Schrecken noch Gefahren zu bergen scheint. Trotzdem wollen wir bei allem Gottvertrauen nicht lässig und leichtfertig sein und nicht versäumen, die Wachen zu halten, wie die Vorsicht es uns gebietet; denn es ist eben doch ein unbekannter Planet, auf dem wir uns befinden und der außer dem Guten und Schönen, das wir kennen lernten, noch viel des Unbekannten bergen wird, von dem wir noch nicht wissen, wie es sich uns darstellen mag.«

»Lassen Sie mich die erste Wache übernehmen,« bat Heinz, »ich fühle noch gar kein Schlafbedürfnis.«

»Gut! Nach drei Stunden wecken Sie mich, die mittlere Wache will ich selber übernehmen,« sagte Flitmore.

»Und die Morgenwache bitte ich mir aus,« erklärte der Professor, »schon der astronomischen Beobachtungen wegen, die für uns von Wert sein können.«

Dabei blieb es, und alle, bis auf Heinz Friedung, zogen sich zurück.

Nach anderthalb Stunden seiner Wache sollte der jugendliche Wächter entdecken, daß der Planet Eden nicht bloß zwei Nächte besaß, wie Schultze festgestellt hatte, sondern deren drei!

Der blaue Mond neigte sich nämlich zur Rüste, als ein neuer Mond aufging, diesmal ein dunkelgrün gefärbter. Er war wesentlich kleiner als die beiden andern, etwa gerade so groß wie der Mond unserer Erde, der scheinbaren Größe nach.

Eine halbe Stunde lang standen beide Monde gleichzeitig am Himmel; dann leuchtete nur noch der grüne Mond mit geheimnisvoll mattem Licht. Offenbar war diese dritte, die grüne Nacht, erst die rechte Nacht des tiefen Schlafes; die blaue Nacht war sozusagen der Spätabend, der den ersten Schlaf auf die Lider senkte.

Alles blieb still, wie ausgestorben, kaum ein Lüftchen wehte den Dufthauch aus den zahllosen Blüten herüber.

Heinz wurde ordentlich schläfrig und ließ sich nach drei Stunden, von denen nur eine ganz in die grüne Nacht gefallen war, gar nicht ungern durch Flitmore ablösen, dem während seiner Wache nur der dunkelgrüne Satellit Edens leuchtete.

Drei Stunden später kam der Professor an die Reihe. Noch drei weitere Stunden stand der dritte Mond am Himmel; als er hinter dem Horizont verschwand, trat die Morgendämmerung ein.

Schultze vermerkte also: Erster Sonnenaufgang (Alpha Centauri) als erste Stunde gesetzt; zweiter Sonnenaufgang nach zwei Stunden (Begleitsonne); erster Sonnenuntergang zu Ende der 25. Stunde (Alpha Centauri geht unter); mit Ende der 27. Stunde geht die Begleitsonne unter (25 Stunden nach ihrem Aufgang); folgt eine Stunde Dämmerung; zu Beginn der 29. Stunde geht der rosa Mond auf, der acht Stunden leuchtet, bis zum Ende der 36. Stunde, worauf sofort, zu Beginn der 37. Stunde, der blaue Mond erscheint, der sechs Stunden am Himmel steht; nach 41½ Stunden taucht der grüne Mond auf, eine halbe Stunde vor Untergang des blauen, und braucht 7½ Stunden, um das Firmament zu durchmessen. Zu Ende der 49. Stunde endlich geht auch er unter, worauf eine einstündige Morgendämmerung eintritt, bis nach Verfluß der 50. Stunde Alpha Centauri als erste Sonne wieder aufgeht.

Dies war der Verlauf, wie er sich zu dieser Jahreszeit abspielte unter der Breite des Planeten Eden, wo sich unsre Freunde in der ersten, wundersamen Nacht ihres dortigen Aufenthalts befanden.

42. Höhere Wesen.

In der Morgendämmerung fühlte sich Schultze schläfrig werden; ein Wunder war das nicht, hatte er doch gestern an die 40 Stunden gewacht und hernach nur 6 Stunden des Schlafs gepflogen.

Da hatte er eine wunderliebliche Erscheinung, ein märchenschönes Traumbild, das ihn umgaukelte.

Es war ihm, als sehe er durch die Wimpern seiner fast geschlossenen Augenlider eine Elfe heranschweben.

Zuerst tauchte ein herziges Gesichtchen zwischen dem glitzernden Blattwerk des nahen Gebüsches auf, halb schelmisch, halb scheu vorlugend.

Dann teilte sich das Blattwerk mit kaum hörbarem Rascheln und die ganze Gestalt schlüpfte heraus, sich über der Erde wiegend, ohne sie je zu berühren.

Die Erscheinung glich nach Größe, Gestalt und jugendlichem Aussehen einem sechzehnjährigen Mädchen, aber von einer Zartheit der Formen und Durchsichtigkeit der Haut, die das vollkommenste irdische Geschöpf plump und grob erscheinen lassen mußten.

Das Gesicht war von unbeschreiblicher Anmut und Vollkommenheit, und die großen Augen leuchteten in einem Blau, das auf Erden seinesgleichen nicht hatte.

Der duftige Hauch des rosigen Mondes schien die weiße Blütenhaut zu durchschimmern, und die durchsichtigen Blättchen der Heidenrose erreichten diese lebensvolle Zartheit der Färbung nicht.

Goldleuchtendes Haar, feiner als Seide, wallte von dem blühenden Haupte herab und rahmte das feine Oval des Gesichtchens ein.

Ein luftiges, anschmiegendes Gewand, wie aus Nebel gewoben, floß von den Schultern hernieder und umwogte die zierliche Gestalt in wunderbar grünem Schimmer.

Langsam näherte sich dieses Feenkind eines Märchentraumes, wich öfters wieder zurück, wie ein schüchternes Mägdlein wohl tut; zuletzt aber schwebte es ganz heran und beugte sich über den Professor herab, dem ganz wunderlich zumute wurde.

Er riß die Augen plötzlich weit auf. Da erschrak das reizende Elfchen und flog ins Gebüsch zurück gleich einem Meteor so geschwind.

Und die Zweige rauschten und klirrten und Vögel schwirrten auf.

Schultze sprang auf und rieb sich die Augen; wie ein Nebelstreif vom Winde entführt verschwand die lichte Erscheinung; aber er wachte doch! War das wirklich ein Traumbild gewesen?

»Na, mein Lieber, was starren Sie egal ins Gebüsch?« fragte der Kapitän, der sich bereits aufgetakelt hatte. »Sehen Sie eine Schlange oder ein Gespenst?«

»Ich sehe nichts,« erwiderte der Professor, sich dem Freunde zuwendend, »wohl aber habe ich etwas gesehen; gespenstisch sah es nicht aus, eher eine kleine Schlange, aber eine ganz reizende, sage ich Ihnen!«

»Was will das heißen unter den Wundern Edens,« lachte Münchhausen; »Sie tun gerade, als hätten wir noch nichts Wunderbares und Reizendes erblickt!«

Schultze schwieg; er war doch zu unsicher, ob er nicht alles geträumt habe. Das würde sich ja wohl noch zeigen.

Bald war alles munter. Rasch nahm man ein Frühstück ein von den köstlichen Früchten Edens; alle brannten vor Begierde, die Entdeckungsreise fortzusetzen und vielleicht noch größere Wunder, etwa gar menschliche Spuren zu entdecken, das heißt Zeugnisse für das Vorhandensein vernünftiger Wesen; denn wie sollte ein solches Paradies seine Bestimmung erfüllen, wenn es nicht von solchen bewohnt war?

Jeder hängte seine Tasche um, die sein Zelt mit den zerlegbaren Aluminiumstäben und einige Vorräte und nützliche Gegenstände enthielt, und nun wurde das Gebüsch durchschritten, das den Lagerplatz umsäumte und in dem die liebliche Erscheinung verschwunden war, die den Professor beglückt hatte, von der er aber kein Wörtlein mehr verriet.

Als das Gebüsch durchschritten war, sahen die Wanderer, daß sie sich auf einer Hochebene befanden, deren Rande sie sich näherten.

Was aber ihre Schritte hemmte und ihre Blicke fesselte, war der Anblick zweier menschlicher Wesen, die sich in emsiger Tätigkeit befanden.

Der eine war ein erwachsener Mann mit braunen Locken, die auf die Schultern herabfielen, und einem dunklen Vollbart. Ein weißes, faltiges Gewand umwallte seinen Leib gleich einer Toga bis zu den Knöcheln herab; sein Antlitz hatte etwas Durchgeistigtes, Verklärtes, Friedestrahlendes, so daß es ein Gefühl des Vertrauens, ja der unwillkürlichen Zuneigung erwecken mußte, selbst wenn die edelgeschnittenen Züge nicht von so außerordentlicher, echt männlicher Schönheit gewesen wären.

Zarter, aber nicht minder schön und herzgewinnend erschien der Jüngling an seiner Seite: was waren gegen eine solch herrliche Gestalt die Antinous- oder Adonisideale menschlicher Kunst?

Ein blaues Gewand umhüllte die prächtigen Glieder, sich ihren Formen anschmiegend.

Die beiden wendeten alle ihre Aufmerksamkeit ihrer Arbeit zu, die eine Art Schmiedekunst zu sein schien: von einer Felsplatte stieg eine goldgelbe Flamme empor, deren Natur nicht zu erkennen war. Holz, Kohlen oder sonst ein Feuerungsmaterial war nirgends zu sehen; die Flamme schien aus dem Felsen selber hervorzubrechen.

In diese Stichflamme hielt der Jüngling metallene Stäbe und Barren, bis sie weißglühend erschienen, was in sehr kurzer Zeit der Fall war. Dann übergab er sie dem Manne, der wohl sein Vater war, und der nun das weiche Metall teils freihändig, teils mit allerlei merkwürdigen Instrumenten, Zangen und Hämmern nach Belieben formte.

»Diese Leute sind leichtsinnig, sie gehen höchst unvorsichtig mit dem Feuer um, das doch eine ungeheure Hitze entwickeln muß,« flüsterte der Professor, »man muß es ihnen sagen!«

»So sagen Sie's ihnen,« entgegnete Münchhausen ironisch, »vielleicht in Ihrer Allerweltssprache, dem Lateinischen, wie seinerzeit auf dem Mars.«

Schultze schwieg. Der Kapitän hatte recht; wie sollte er sich mit diesen Bewohnern einer fremden Welt verständigen?

»Übrigens, sehen Sie!« bemerkte Mietje, »die beiden kommen jeden Augenblick mit dem Saum und den Falten ihrer strahlenden Gewänder in die Flammen hinein. Darauf scheinen sie gar nicht zu achten, und der Stoff fängt auch nicht Feuer, wird nicht einmal angesengt.«

»Wenn ich mir eine Meinung gestatten darf,« warf nun John ein, »so ist dies sozusagen alles Hokus-pokus, ein Blendungswerk und gar kein brennbares Feuer; denn, wie Sie sehen, greift der Alte in das weißglühende Eisen mit den Händen, als sei es kalt anzufassen.«

»Aber er biegt es und formt es,« entgegnete Heinz; »es muß also doch bis gegen den Schmelzpunkt erhitzt sein.«

»Diese Edeniten,« erklärte Flitmore, »scheinen ein Schutzmittel zu kennen, das die Stoffe unverbrennlich und die Haut unempfindlich gegen die Hitze macht.«

Bei einer Wendung, die er machte, gewahrte der Schmied die Ankömmlinge. Langsam ließ er das Eisen sinken, das er in der Hand hielt und legte es dann weg.

Er schien überrascht, so seltsame, niegeschaute Wesen zu erblicken, die doch ihm und seinen Artgenossen nach Bau der Glieder und des Gesichtes glichen, dagegen aus weit gröberem Stoff geschaffen zu sein schienen und der Vollkommenheit ermangelten, die seine und seines Sohnes Schönheit erreicht hatte.

Es war ja aber auch möglich, daß andere Edeniten auch weniger schön und zart gebaut waren als eben diese beiden; jedenfalls geriet der Mann in kein maßloses Erstaunen, wie man es hätte erwarten können, namentlich zeigte er keine Spur von Schrecken, vielmehr schien seine Überraschung eine freudige zu sein.

»Fliorot!« rief er seinem Sohne zu, der nun ebenfalls aufblickte und ebenso angenehm erstaunt schien; ja der Jüngling klatschte vor Lust in die Hände.

Wie der Anblick dieser Menschen etwas Überirdisches darbot, so übertraf ihre Stimme an Wohlklang alles, was die Erde an herrlichen Tönen kennt; Glocken- oder Orgelklang schien zu schallen, als der wundersame Mann das eine Wort »Fliorot« ausrief; und die helle Jubelstimme des Knaben mochte am ehesten mit der klingenden Orgelpfeife verglichen werden, die man ^Voxhumana^, Menschenstimme, heißt, aber »Engelsstimme« nennen dürfte.

»Jammerschade, daß wir uns mit diesen herrlichen Menschen, wie wir sie wohl nennen dürfen, nicht verständigen können!« bedauerte Schultze.

»Wie hat sich denn Kolumbus mit den Indianern zurechtgeholfen?« fragte der Kapitän.

»Das ist wahr,« sagte Flitmore. »Die Entdecker der verschiedenen Küsten Amerikas kamen nie in ernste Verlegenheit, wenn es galt, sich mit den Eingeborenen in Verkehr zu setzen, und sehr rasch lernten sie deren Sprachen; wenigstens fanden sich alsbald begabte Sprachgenies, die als Dolmetscher dienen konnten.«

»Sollten wir nicht so viel zu Wege bringen, wie jene?« fragte Mietje.

»Na, wie wär's Professorchen,« spöttelte Münchhausen, »wenn Sie's wiederum mit Ihrem alten Latein versuchten?«

»Ne, ne!« wehrte dieser lachend ab, »wir haben ja einen jungen Sprachgelehrten unter uns; Heinz Friedung mag sein Heil probieren!«

»Sehr gerne!« sagte Heinz ernst, ohne mit einer Wimper zu zucken.

Schultze sah ihn groß an. »Na! Ich mache nur Spaß, natürlich! Sie glauben doch nicht im Ernst, mit einer irdischen Sprache hier anzukommen? Und wenn Sie alle Dialekte der Erde kennen würden und der Reihe nach probierten, 40 Billionen Kilometer von der Erde entfernt wird nicht ein einziger davon verstanden, dafür garantiere ich Ihnen.«

»Herumprobieren wäre freilich zwecklos,« erwiderte Heinz, »aber es gibt Naturgesetze, die Ihnen nicht bekannt sind, Herr Professor.«

»Um so mehr wohl Ihnen, junger Freund?« lachte Schultze etwas ironisch. Bildete sich der sonst so bescheidene Heinz gar ein, gelehrter zu sein als der vielgereiste und hochstudierte Professor Heinrich Schultze aus Berlin?

Inzwischen waren die beiden Edeniten mit leichtschwebendem Gang, kaum die Erde mit den bloßen Füßen berührend, herangekommen.

Heinz Friedung redete sie an.

»We nom tu?« fragte er kühn.

Schultze lächelte belustigt über diese offenbar von Heinz selber erfundene, improvisierte Sprache. Und das sollten die Bewohner der Fixsternwelt gar kapieren?

Aber der Edenite sah Heinz überrascht, doch sichtlich unsicher an.

Sein Sohn dagegen brach in einen Jubelruf aus; ihm schien ein plötzliches Verständnis aufzuleuchten und, wie um seinem Vater zu erklären, was Heinz hatte sagen wollen, rief er jenem zu: »Wai nuomi itu?«

»Nuoma Gabokol,« sagte jetzt der Mann.

»Ud itu?« wandte sich Heinz jetzt an den Jüngling. Der Vater aber verbesserte: »Onde itu.«

»Fliorot!« erwiderte der Gefragte.

»Pa?« frug Heinz den Alteren weiter.

»Migu Pa,« sagte der, auf sich weisend: »Seit failo-mig.«

Vollständig verblüfft lauschten die Erdenbewohner, wie dieser grüne junge Mann Heinz offenbar eine Unterhaltung mit Wesen angeknüpft hatte, deren Sprache kein Mensch verstehen konnte.

Schultze rief wahrhaft entsetzt: »Da hört sich doch aber alle und jede Wissenschaft auf! Wenn einer auf Erden etliche Tausend Kilometer weit reist, so darf er darauf schwören, daß er auch nicht ein Sterbenswörtchen der Sprache versteht, die von den Eingeborenen des von ihm erreichten fremden Landes geredet wird, es sei denn, er habe die Sprache mühsam erlernt; und Sie wollen sich mir nichts dir nichts mit Leuten verständigen, die 40 Billionen Kilometer von unserem Planeten entfernt leben?«

Münchhausen schüttelte sich vor Lachen: »Ein köstlicher Scherz!« rief er. »Merken Sie nicht, Professorchen, daß dieser Erzschalk von Friedung uns zu Narren hält und nur so tut, als ob er täte?«

»Aber dann würden ihm diese Leute doch nicht ernsthaft Rede und Antwort stehen!« warf Mietje ein.

»Die Sache ist ganz in Ordnung,« sagte Heinz. »Ich habe zwar selbstverständlich die Sprache dieser Edenbewohner nie gehört noch gelernt, daher kann ich sie auch nicht richtig treffen. Doch kann ich sie immerhin so annähernd reden, um mich verständlich zu machen. Ich sagte >we< und es heißt >wai<; ich sagte >nom< und es heißt >nuomi<, in der ersten Person >nuoma<; ich sagte >tu< und es heißt >itu<; ebenso muß es >onde< heißen statt >ud<, wie ich sagte. Doch traf ich in der Regel die Konsonanten richtig, so daß ein intelligenter Edenite mich verstehen muß, und bereits lernte ich außer den genannten berichtigten Formen einige neue Wörter: >migu< heißt >ich<, >seit< heißt >dieser<, >failo< aber >Sohn< und >mig< >mein<. Wenn ich mit drei Sätzen schon so weit kam, so darf ich hoffen, in wenigen Tagen schon ein wissenschaftliches Gespräch in der klangvollen Sprache Edens mit genügendem Verständnis führen zu können.«

»Na! Was wollen Sie denn nun von diesen Herren erfahren haben?« fragte der Kapitän, noch stark zweifelnd.

»O, nicht viel, aber immerhin das, was ich zunächst erfragte. Wir haben vor uns Vater und Sohn, >Pa onde failo<; der Vater heißt >Gabokol<, was so viel wie >offenes Auge< bedeuten dürfte; der Sohn heißt >Fliorot<, was ich mit >fliegendes oder flüchtiges Rad< erklären möchte. Dies ist vorerst alles!«

»Aber wie zum Kuckuck wollen Sie uns dieses Wunder erklären?« rief Schultze. »Ich habe große Wunder erlebt, aber dies scheint mir doch das seltsamste von allen! Vierzig Billionen Kilometer, ich sage Ihnen, vierzig Billionen Kilometer trennen die Erde von Eden, und Sie kommen jung und grün von der Erde und reden ohne weiteres die Edeniten an, und Sie werden verstanden und Sie verstehen! Das übersteigt meine Fassungskraft!«

»Na, so grün, wie Sie vermuten, bin ich eben doch nicht, Herr Professor,« lachte Heinz. »Sehen Sie, die ganze Sache ist die: ich habe das Geheimnis der Entstehung der menschlichen Sprache entdeckt, und nach und nach gelang es mir, alle Lautgesetze zu finden, auf denen die Wortbildungen beruhen. Da es sich um Naturgesetze handelt und nicht um willkürliche Wortbildungen, konnte ich mir sagen, daß überall, wo Wesen sich finden, die ähnlich gebaut sind wie wir Menschen, sie auch ihre Sprache ganz von selber nach den gleichen Gesetzen bilden mußten wie wir Menschen.

Nun redete ich die Edeniten sozusagen in der Ursprache an; ich bildete die Worte aus den Lauten, die für den Begriff bezeichnend sind, den sie bedeuten sollen. Wenn nun die Sprache Edens sich nicht gar zu künstelnd von der Urform entfernte, so mußte ich verstanden werden, und letzteres war denn auch der Fall. Passen Sie auf! Wenn ich sage >We nom tu?< so begreifen Sie vielleicht nicht gleich, daß >nom< bedeuten soll >heißt<; denken Sie aber an das französische >^nommer^< oder an >Name<, so leuchtet es Ihnen wohl ein, daß >We nom tu?< besagen soll: >Wie heißt du?< Die Edeniten sagen nun: >Wai nuomi itu?< Aber, wie gesagt, die entscheidenden Laute sind ihnen bekannt, so daß sie auch meine mangelhafte Frage begriffen. >W< ist einmal der Fragelaut: wer, wie, wo, was, wann und so weiter; auf englisch ^where^, ^why^, ^who^ und so fort; im Lateinischen und Französischen tritt qu an die Stelle. D oder T, zuweilen S, ist der deutende Laut, also auch der Laut für >du, dich< und so weiter, er bezeichnet den, die oder das, auf die ich deute; und so könnte ich Ihnen für jeden beliebigen Begriff sagen, welcher Laut dem Menschen ganz unwillkürlich, mit Naturnotwendigkeit in den Mund kommen mußte, wenn er den betreffenden Begriff durch einen Laut ausdrücken wollte. Dies ergibt die Gesetze der Entstehung der Sprache, die ich entdeckte, und nach denen ich die Worte bildete, die von den fremdesten Wesen leicht begriffen werden müssen, falls sie eine menschenähnliche Sprache reden.«

»Ein genialer Gedanke bleibt es immerhin, daß Sie gleich darauf kamen, diese irdischen Kenntnisse in dieser Weise hier auf die Probe zu stellen,« lobte Flitmore.

Die Edeniten hatten aufmerksam gelauscht, doch sicher nichts oder nur gar wenige Worte verstanden; es gehören einfachere Sätze her, als sie dieses Gespräch enthielt, um eine wildfremde Sprache lediglich durchs Gehör kennen zu lernen.

Nun nahm Gabokol das Wort, sich an Heinz wendend.

»Er ladet uns ein, ihm zu folgen,« erklärte der junge Mann.

»Angenommen!« sagte Flitmore, und die Gesellschaft vertraute sich der Führung der neuen Bekannten an.

Diese atmeten tief ein und erhoben sich in die Luft, durch die sie nun schwebten, ohne wieder den Boden zu berühren.

Unsre Freunde konnten wohl kolossale Luftsprünge machen, aber sich dauernd in der Schwebe zu erhalten, gelang ihnen nicht.

Als die Edeniten dies merkten, ließen sie sich herab und Gabokol fragte in seiner Sprache Heinz: »Warum wollt ihr nicht fliegen?«

»Wir können es nicht!«

Der Mann schien höchlichst überrascht; aber fortan begnügten er und sein Sohn sich höflich damit, die Gäste springend zu begleiten.

Fliorot interessierte sich sehr für die beiden Schimpansen und fragte, ob das die kleinen Söhne der Lady seien.

Mietje stieß einen Schrei des Entsetzens aus, als ihr Heinz diese Frage übersetzte. Dieser aber klärte Fliorot auf, daß die Affen Tiere und keine Menschen seien, auch nicht reden könnten.

Hierauf untersuchten die beiden Edeniten die Schimpansen mit größter Verwunderung.

»Na!« meinte Münchhausen: »Diese Edenmenschen stammen offenbar von keinen Affen ab, da solche hier gar nicht bekannt sind. Professor Häckel darf froh sein, daß er nie auf den Lehrstuhl einer hiesigen Universität berufen wird; hier fielen seine Phantasien vollends in sich zusammen, auch fände er zu intelligente Zuhörer, um mit seiner Weisheit Anklang zu finden.«