Part 20
Die Früchte waren von verschiedenster Größe und Färbung; vom Umfang eines Riesenkürbisses bis zu dem einer Pflaume waren alle Zwischenstufen vertreten. Bei den größten glich oft der Kern schon einer Kokosnuß. Diese Kerne waren meist mehlreich und sehr nahrhaft; sie konnten Zwieback und Brot vollständig ersetzen und schmeckten weit kräftiger und angenehmer als diese.
Das Fruchtfleisch war meist sehr saftig und genügte, jedes Durstgefühl zugleich mit dem Hunger zu stillen; bei etlichen Arten war es zuckersüß, bei andern ohne Süßigkeit, stets aber aromatisch und von entzückendem Wohlgeschmack; die Nadelbäume trugen eßbare Zapfen von ziemlicher Trockenheit, die teilweise an Schokolade, teilweise zu ihrem unbedingten Vorteil an nichts Irdisches erinnerten.
Schließlich entdeckten unsre Freunde noch, daß auch die Zweige und Blätter der Bäume und Büsche eßbar waren. Auch dies wurde ihnen durch das Behagen verraten, mit dem Dick und Bobs sie zerknabberten.
Gewöhnlich entsprach ihr Geschmack so ziemlich dem der Frucht, doch eine angenehme Säure gab ihm eine willkommene Abwechslung.
Ganz besonders begeistert war Münchhausen von der Entdeckung einer oder vielmehr einiger Arten von Früchten, die er alsbald »Grogfrüchte« benannte, und die er fortan mit wunderbarem botanischen Scharfblick sofort überall herauserkannte. Es waren dies eigentlich Beeren, aber Riesenbeeren von Orangengröße, die an niederen Stauden wuchsen. Schon Stengel und Blätter dieser Büsche fühlten sich warm, beinahe heiß an; die Beeren enthielten einen wirklich heißen, würzigen Saft von unterschiedlichem Aroma, der sehr stark roch und schmeckte, als sei es tatsächlich Grog oder Punschbowle; er stieg jedoch nicht zu Kopf, übte dagegen eine ungemein belebende und kraftschwellende Wirkung aus.
Der Kapitän unterschied zwischen steifen und weniger steifen Grogfrüchten; den ersteren gab er bei weitem den Vorzug.
Natürlich lernten unsre Freunde nicht alle diese Genüsse auf einmal kennen: die Menge und Mannigfaltigkeit war zu groß; aber es dauerte verhältnismäßig kurze Zeit, bis sie alles durchgekostet hatten und nun nach Lust und Belieben ihre Wahl treffen konnten; denn sie dachten nicht mehr daran, irgend welche andre Nahrung zu sich zu nehmen, als die, welche ihnen Edens Wälder und Gefilde boten und die durch nichts weder an Güte noch Bekömmlichkeit zu übertreffen schien.
Giftpflanzen oder irgendwie schädliche Gewächse gab es auf diesem gesegneten Planeten anscheinend überhaupt nicht.
Gleich beim Eintritt in den Wald machten sie auch Bekanntschaft mit dessen Insekten- und Vogelwelt.
Erstere zeigte nichts Widerliches oder Schreckliches, es waren harmlose Käfer und Kriechtiere, Mücken und Schmetterlinge, die sich sowohl durch schöne Formen wie durch prächtige Farben auszeichneten und als besondere Merkwürdigkeit eine ähnliche Transparenz zeigten wie die Pflanzen und Blüten. Sie glitzerten, schimmerten und schillerten, blitzten, flimmerten und flirrten wie leuchtende Edelsteine.
Die Vögel hatten kein Gefieder, sondern bloß ein buntes Flaumkleid, das aber lebhaft gefärbt und wunderbar schön gezeichnet war; auch ihre Flügel waren federlos und konnten im Bau am ehesten mit Schmetterlingsflügeln verglichen werden, nur daß sie ebenfalls mit Flaum behaart und im Ruhezustand nicht emporgerichtet, sondern an den Leib angelegt waren, auch die entsprechende Wölbung zeigten.
Wo Menschen beinahe fliegen konnten, mußten sich diese Vögel auch mit so einfachen Flugwerkzeugen bis in die höchsten Höhen erheben können.
Alles in allem, eigentümlich war auch die Vogel- und Insektenwelt Edens; aber so ganz fremdartig erschien sie den Erdenbewohnern doch nicht, und vor allem, sie hatte nichts Abstoßendes, Unheimliches oder Gefährliches, im Gegenteil hervorragende Reize, die Auge und Herz erfreuten.
Ganz besonders galt das letztere, das Herzerfreuende, von dem ungemein lieblichen Gesang der Vögel, mit dem weder die Nachtigall noch sonst ein gefiederter Sänger der Erde wetteifern konnte. Das waren richtige Melodien, die da ertönten, und zwar erhebende und einschmeichelnde Weisen! Man hätte wohl kaum die Arten nach ihren melodischen Motiven unterscheiden können, höchstens an der Klangfarbe ihres Organs, denn keine Art war an besondere Tonfolgen gebunden: es war ein wirklich individuelles Konzert; jeder war Komponist und beherrschte die ganze Tonleiter und brachte immer neue, einfache, aber doch bezaubernde Weisen hervor, und nie tönten diese von verschiedenen Seiten störend durcheinander; es schien, als werde der jeweilige Einzelsänger respektiert und die andern begleiteten ihn nur mit harmonischen Untertönen.
Noch nicht lange hatten unsre Freunde diesen Zauberflöten gelauscht, sich gleichzeitig an den ersten köstlichen Früchten erlabend und die lebendigen Edelsteine bewundernd, die im durchsichtigen Moose umherkrochen und hüpften, oder von Blume zu Blume schwirrten, als plötzlich Mietje einen leisen Schrei ausstieß.
Alle wandten sich nach ihr hin, denn bisher hatte jeder seine eigenen Beobachtungen angestellt.
Aber was sahen sie nun!
Ein großer Vierfüßler, am ehesten einem riesigen Löwen vergleichbar, war lautlos in die Lichtung getreten und hatte ohne weiteres sein mächtiges, mähnenumwalltes Haupt auf ihren Schoß gelegt!
Und Lady Flitmore? Sie streichelte ihn!
Der erste Schrecken, den das Erscheinen des gewaltigen Tieres natürlich in ihr erwecken mußte, hatte ihr den leichten Ausruf entlockt; sie hatte den Löwen, wie ihn später unsre Freunde der Ähnlichkeit halber nannten, aber erst bemerkt, als er unmittelbar von der Seite her an sie herantrat und ehe sie noch aufspringen oder sich irgend besinnen konnte, hatte das Tier sich schon niedergelegt, den Kopf in ihren Schoß schmiegend.
Wie es nun mit den großen, klugen und so sanften, harmlosen Augen zu ihr aufblickte, war eine solche Ruhe über sie gekommen und zugleich ein solches Wohlgefallen an dem schönen, stolzen und anscheinend so gutmütigen Geschöpf, daß sie unwillkürlich begann, dies anschmiegende königliche Haupt zu streicheln und zu liebkosen.
Flitmore, besonnen, wie er meist auch in den gefährlichsten Augenblicken war, erhob sich ganz langsam, um das Tier nicht zu erschrecken, dessen vermutlich wilde Natur ja immer noch zum Ausbruch kommen konnte.
Er zog für alle Fälle den Revolver und ging sachte auf seine Gattin zu; der Löwe erhob das Haupt.
»Laß ihn!« bat Mietje den Gatten.
»Ich tue ihm nichts, wenn er nicht gefährlich wird,« beruhigte sie der Lord.
Dabei legte er dem Löwen die Linke auf das Haupt.
Das Tier sah ihn nur an.
Jetzt griff ihm der Lord unter den Kiefer, stets bereit, ihm eine Kugel ins Auge zu jagen, sobald er böse Absichten zeigen würde.
Das Tier aber zeigte sich verständig und lenksam. Ein leiser Druck genügte, es sich erheben zu lassen, und ein schwacher Schub von der Seite her veranlaßte es, ganz gemütlich umzukehren und wieder im Walde zu verschwinden.
»Ach!« sagte Mietje. »Ich bin ganz froh!«
»Das glaube ich, Lady,« fiel Schultze ein, »wahrhaftig, das glaube ich, daß Sie froh sind, dieses gefährliche Raubtier auf so gute Art los geworden zu sein; wir alle haben für Sie gezittert und gebebt.«
»Nein!« sagte Mietje: »Sie mißverstehen mich, Herr Professor; dieses gutmütige Geschöpf flößte mir nur im ersten Augenblick einen kleinen Schrecken ein, ehe ich seine Harmlosigkeit aus seinen Augen erkannte. Nein, nein also! Ich wollte sagen, ich bin so froh, daß auch die Säugetiere auf diesem, Planeten denen auf der Erde gar nicht so unähnlich zu sein scheinen. Ich weiß nicht, aber auf dem Mars und dem Saturn kam mir die Welt ganz unheimlich vor, und das war doch noch in unserm Sonnensystem. Da war ich schon darauf gefaßt, wenngleich ohne mich darauf zu freuen, daß es in der entfernten Fixsternwelt noch weit seltsamer und grauenvoller aussehen werde.«
»Ein Glück,« meinte Münchhausen, »daß, sofern wir aus dem Geschauten weitere Schlüsse ziehen dürfen, diese Tierwelt Edens wenigstens an Raubgier, Blutdurst und damit an Gefährlichkeit der irdischen Raubtierwelt bei weitem nachzustehen scheint.«
»Lassen wir die Vorsicht nicht aus den Augen,« mahnte Flitmore. »Diesmal lief es gut ab; doch niemand kann uns gewährleisten, daß wir nicht bedenklichere Begegnungen erleben.«
»Vor den Löwen Edens fürchte ich mich schon nicht mehr,« meinte die Lady zuversichtlich. »Das wäre ja schnöder Undank und verwerfliches Mißtrauen!«
Beim Weiterwandern durch den Wald wurden noch zahlreiche Vertreter der Säugetierwelt angetroffen; doch zunächst lauter harmlos aussehende Geschöpfe, die sich alle durch auffallende Schönheit und Lieblichkeit auszeichneten. Das verstand sich aber nicht bloß von der Färbung und prächtigen Zeichnung der Felle und der Anmut und Eleganz der Glieder, sondern namentlich von den Gesichtszügen, deren kluger Ausdruck und ungemein freundlicher Blick sofort für sie einnahm. Da waren Tiere, die an den Hirsch, das Reh, das Zebra, die Antilope, die Giraffe, das Pferd, an Hunde, Katzen und Eber erinnerten oder an andere irdische Arten; aber alle übertrafen ihre Erdenvettern durch die Vollkommenheit ihrer Formen, den Reiz ihres Haarkleides und die Schönheit ihrer sanften Angesichter. Irgendwelche Scheu schien ihnen völlig unbekannt.
Plötzlich blieb John starr und regungslos stehen.
Vor ihm bäumte sich eine große Schlange mit wunderbar schillerndem bunten Leibe empor. Er war auf sie getreten und erwartete nun jeden Augenblick den Biß des Reptils, das sich krümmte und wand und den mit scharfen Zähnen bewehrten Rachen schmerzvoll aufsperrte:
In der Betäubung des Schreckens dachte er gar nicht daran, wegzutreten, um das Tier von seiner Last zu befreien und vielleicht seiner Rache zu entgehen.
Nun wand sich der leuchtend gestreifte Leib an seinen Beinen empor und wieder hinab; aber die Schlange biß nicht, sondern stöhnte nur.
Ein Zuruf Flitmores brachte John endlich zur Besinnung; er sprang zur Seite, und das Reptil, vom Gewicht seines schweren Fußes befreit, glitt lautlos an ihm hinab und kroch langsam davon.
»Wahrhaftig, hier scheint auch das giftigste Geschöpf seine Schrecken verloren zu haben,« rief Schultze: »So hättest du einer irdischen Schlange mal kommen sollen, Johann! Da wärest du nicht ohne Schaden davongekommen.«
Nun trat die Gesellschaft hinaus in die glitzernde Savannah, aber erstaunt, erschrocken und zugleich entzückt hemmten sie den Fuß.
Was für kolossale Tiere weideten da! Mammutähnliche Elefanten, Einhörner, den Fabelwesen alter Sagen gleich, Büffel und Giraffen, Kamele, Riesenbären, gefleckte und gestreifte Tigerkatzen, Panther und Leoparden, Löwen und Wölfe, Schafe und Ziegen wanderten da umher, miteinander und durcheinander, und weideten friedlich und gemütlich die durchsichtigen Halme ab oder langten sich Früchte von den hohen Stauden und den Bäumen am Waldsaume.
Das war eine unabsehbare bunte Herde, die sich hier tummelte und labte, in der weiten Ebene zerstreut!
Wohlgemerkt, diese Geschöpfe zeigten eine so in die Augen fallende Ähnlichkeit mit den genannten irdischen Arten, daß unsre Freunde nicht in Verlegenheit kamen, ihnen sofort die entsprechenden Namen beizulegen; andrerseits aber wiesen sie doch wieder wesentliche Unterscheidungsmerkmale auf, namentlich auch wieder dadurch, daß sie eine höhere, edlere Stufe darzustellen schienen, oder, wie Mietje sich ausdrückte, es war die Tierwelt der Erde, zum Teil mit ihren ausgestorbenen Arten, in idealisierter, vollkommenerer Form.
»Wagen wir uns wohl da mitten durch?« fragte Münchhausen.
»Voran!« kommandierte der Lord: »Von diesen Geschöpfen droht uns keine Gefahr.«
Heinz aber bemerkte: »Immer mehr rechtfertigt dieser Planet den Namen, den wir ihm beim ersten Anblick beilegten. Ist das nicht das Paradies, wie die kühnste Phantasie es nur träumen kann und wie es der Prophet Jesaja so wunderlieblich beschreibt?«
»Allerdings! Jesaja im elften Kapitel, im sechsten bis neunten Vers, sowie im letzten Verse des fünfundsechzigsten Kapitels wird uns das Bild beschrieben, das wir hier schauen,« bestätigte der bibelfeste Lord.
»Und wie sagt der 114. Psalm?« fügte seine nicht minder beschlagene Gattin hinzu: »Die Berge hüpfeten wie die Lämmer, die Hügel wie die jungen Schafe. Mir machte diese Stelle stets den Eindruck des Allzuunwahrscheinlichen, aber meint man hier nicht wahrhaftig, Berge und Hügel hüpfen zu sehen?«
Wenn man sah, welche meterhohen Sätze die Mammute und andre Riesentiere mit spielender Leichtigkeit ausführten, und mit welch offenbarer Lust sie sich von Zeit zu Zeit an diesen seltsamen Luftsprüngen ergötzten, so mußte man Mietje recht geben: das waren tanzende Berge und hüpfende Hügel! Und dieses sonderbare Schauspiel gab dem so herzerhebenden Bilde friedlicher Eintracht sein erheiterndes Gepräge. Aber der Humor wirkte hier durchaus nicht als Herabwürdigung des Erhabenen, sondern nur als Verklärung des beseligenden Gefühles, das die paradiesische Szene in den Herzen der Wanderer erweckte.
41. Eine paradiesische Nacht.
Wie ein Märchentraum erschien die Wanderung durch diesen blütenreichen Edengarten unsern Freunden.
Sie scheuten sich bald nicht im mindesten, selbst die gewaltigsten und raubtierähnlichsten der Tiere zu berühren und zu streicheln, was diese verständnisvoll und mit einer gewissen Zärtlichkeit erwiderten, sei es, daß sie die liebkosenden Hände sanft leckten, sei es, daß sie mit Haupt oder Rüssel sich herabneigend den fremden Freunden anschmiegend ihr Wohlwollen zu erkennen gaben; und dabei mäßigten sich auch die behendesten, muskelkräftigsten und massigsten dieser Geschöpfe so rücksichtsvoll in ihren Bewegungen, daß man daraus die bewußte Sorgfalt erkennen konnte, ja keinen Schaden zuzufügen.
Hätte etwa so ein Mammut mit seinem Rüssel eine etwas temperamentvolle Liebesbezeugung ausführen wollen, wie er es seinen Kameraden oder Familiengliedern gegenüber tat, so wäre selbst Münchhausens solide Masse zu Boden geschleudert worden.
Aber alle diese Tiere wußten das richtige Maß einzuhalten.
Die zweite Sonne neigte sich ihrem Untergange zu, -- die erste war schon vor einer Stunde hinter dem Horizont verschwunden, -- als unsre Freunde endlich daran dachten, ihr Lager aufzuschlagen.
Die Früchte des Waldes hatten Hunger und Durst so nachhaltig gestillt, daß selbst der Kapitän während der stundenlangen, meist sprungweise ausgeführten Wanderung, kein einzigesmal die Notwendigkeit einer Mahlzeit betont hatte. Und dabei war er einer der eifrigsten im Hüpfen, wobei es ihm ganz besonderen Spaß machte, über den hohen und breiten Rücken der größten Kolosse hinwegzusegeln.
Auch während des Aufschlagens der Zelte zeigte er sich noch unermüdlich in Ausübung dieses erheiternden Sports; denn um den Lagerplatz herum weideten just einige riesige Pelzelefanten.
John und Heinz pflöckten die Zelte ein, während die übrigen der Zirkusvorstellung zuschauten, die Münchhausen gab, mehr zu seinem eigenen Vergnügen, als um seine Gefährten zu belustigen.
Lautes Bravo und stürmisches Beifallsklatschen belohnten seine gelungensten Sprünge.
Die Glanznummer der Vorstellung aber bildete ein Kunststück, das er zum Schlusse noch vorführte, und zwar ganz gegen seine Absicht, es stand durchaus nicht in seinem Programm!
Er hatte sich hinter einem gewaltigen Mammutbullen aufgestellt und schnellte empor, um den Riesen in seiner ganzen Länge zu überspringen.
Nun fiel es aber im selben Augenblick dem Mammut ein, seinerseits einen Luftsprung zu machen, und so kam es, daß Münchhausen mitten in seiner Luftreise auf den Rücken des emporsegelnden Tieres zu stehen kam.
Eine Sekunde lang ritt er so als echter Kunstreiter stehend durch die Luft; doch hatten seine Füße keinen festen Halt, er schwankte und wäre kopfüber hinabgestürzt, hätte er nicht die Geistesgegenwart gehabt, die kurzen Beine auszuspreizen, sodaß er alsbald rittlings auf dem seltenen Reittier saß.
Es war ein großartiges Bild! Der Lord versäumte nicht, es auf einer photographischen Platte zu verewigen.
»Ein Koloß auf dem andern!« jubelte Schultze.
John und Heinz hielten in der Arbeit inne, um das unvergleichliche Schauspiel mitzugenießen.
Stolz um sich blickend, als habe er einen Drachen gebändigt und mit kühner Absicht zu einer Luftfahrt bestiegen, so saß der Kapitän oben auf dem kolossalen Dickhäuter, einer Kugel gleich, die kurzen Beine wagrecht ausgestreckt, da er mit ihnen den breiten Rücken des Ungetüms nicht umklammern konnte.
Jetzt landete Freund Mammut und mit einer Gewandtheit, die ihm niemand zugetraut hätte, sprang Münchhausen auf die Beine und setzte mit elegantem Schwunge von der Höhe herab auf den Erdboden. Jubel und Lachen und nicht endenwollendes Beifallklatschen empfingen ihn nach solchem Bravourstück, so daß das Mammut sich verwundert umsah und die Mähne schüttelte, es mochte denken: »Bei denen ist es auch nicht mehr ganz richtig im Oberstübchen!«
Nun half Mietje John und Heinz Früchte einsammeln für das Nachtessen, denn an solchen fehlte es nicht in der Nähe, und die verschiedenen Grogfrüchte sollten den warmen Tee vorteilhaft ersetzen.
Es dämmerte, als man sich zum Imbiß lagerte.
»Nun,« sagte Münchhausen, »Sie meinten, wir würden drei Tage brauchen, um die Ebene zu erreichen, verehrtes Professorchen! Wir haben sie nicht nur erreicht, sondern schon ein gutes Stück durchwandert am ersten Marschtage.«
»Kunststück!« meinte Schultze. »Ich dachte an eine irdische Fußwanderung, Schritt für Schritt; nachdem aber Sie, erfindungsreicher Seebär, uns als lebendiger Luftballon die geniale Kunst der Hüpf- und Schwebereise vorgemacht und beigebracht haben, hätten wir noch viel weiter kommen können, wenn wir uns nicht so viel unterwegs aufgehalten hätten. Auch ist die Länge des Tags in Betracht zu ziehen, der, wie ich hiemit feststelle, vom Aufgang der ersten bis zum Untergang der zweiten Sonne volle 27 Stunden gedauert hat!«
»Merkwürdig, daß wir uns so gar nicht müde fühlen,« bemerkte Mietje, »nach einem so langen und ereignisreichen Tag. Ich wenigstens fühle keine Spur von Ruhe- oder Schlafbedürfnis.«
»So scheint es uns allen zu gehen,« meinte der Lord. »Ich glaube, wir haben uns eben schon der Eigentümlichkeit des Planeten angepaßt; dazu mag uns die köstliche Luft und die erfrischende, belebende Kraft der Früchte geholfen haben; wir werden wohl hier dauernd weit leistungsfähiger sein als auf der Erde, entsprechend den doppelt so langen Tagen.«
»Brauchen wir gar nicht,« warf der Kapitän ein, »wozu solch' kolossale Leistungsfähigkeit, da einen hier alles so gar nicht anstrengt noch ermüdet?«
»Ich habe nur eine Sorge,« sagte Heinz. »Wie werden wir die lange Nacht herumbringen, die doch von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang 23 Stunden währt, wenn wir so gar nicht müde sind?«
»Wir legen uns eben erst schlafen, wenn wir das Bedürfnis dazu fühlen,« schlug Mietje vor.
»Einverstanden!« stimmte der Professor zu. »Wir pflegen der Unterhaltung und studieren die Wunder der Nächte Edens, bis es uns Zeit scheint zur Ruhe zu gehen.«
»Wertester Herr Professor,« fragte nun John, »welche Jahreszeit dürften wir hier wohl haben? Nach den Blüten sieht es wie Frühling aus, sonst aber wie Sommer; andrerseits aber, falls ich mir diese nicht unhöfliche Bemerkung zu erlauben mir gestatten darf, ist es hier in der Ebene nicht so furchtbar heiß, wie Sie die Vermutung aussprachen, als wir noch oben waren.«
»Offen gestanden, über die Jahreszeit vermag ich noch keinen sicheren Aufschluß zu geben,« entgegnete Schultze. »Ich vermute, wir stehen zu Beginn des Frühlings, jedenfalls aber haben wir nahezu Tag- und Nachtgleiche.«
»Entschuldigen der Herr Professor, aber ich bitte, noch einmal nicht unhöflich sein zu dürfen, wenn ich verstanden zu haben glaubte, der Tag sei heute vier Stunden länger als die Nacht.«
»Allerdings, mein Sohn; aber nur deshalb, weil wir hier zwei Sonnen haben, die gegenwärtig in Opposition zu einander stehen, das heißt am weitesten von einander entfernt sind auf ihrer Bahn, so daß stets mehr als die Hälfte des Planeten erleuchtet ist und die zweite Sonne noch fast zwei Stunden scheint, wenn die erste schon untergegangen ist. Stehen die Sonnen in Konjunktion, also einander am nächsten, wobei die eine vorübergehend die andere verdecken kann, so gehen sie uns gleichzeitig auf und unter; vielleicht wird es dann auch viel heißer. Über den Verlauf der Jahreszeiten Edens können wir aber noch nichts wissen, kennen wir ja nicht einmal die Länge des Jahrs, das vielleicht nur sechs, vielleicht bis zu tausend Erdenmonate dauert. Eines aber scheint mir gewiß, große Unterschiede in der Temperatur herrschen hier nirgends; denn wenn bei 6000 Meter Höhendifferenz so gut wie gar nichts davon zu merken ist, wenn in solcher Höhe dort oben eine so herrliche Pflanzenwelt vorkommt, dann kann auch Winterkälte und Sommerhitze kein Übermaß entwickeln, sonst hätten wir droben irgendwelche Gletscherspuren sehen müssen, hier unten aber fände sich keine so mannigfaltige Tierwelt in einer Gegend, die den Polen näher steht als dem Äquator.«
Inzwischen hatte die Dämmerung eingesetzt.
»Ah!« rief Mietje plötzlich, »die Natur sorgt uns für Abendunterhaltung!«
»Prächtig!« schmunzelte der Kapitän.
»Hochinteressant!« rühmte der Professor. »In der Tat, nicht uneben!«
Und als nun auch Heinz sein »Großartig!« beigesteuert hatte, fühlte sich John verpflichtet auch seinen Beifall zu äußern, indem er ausrief: »Wirklich important!«
Imposant war allerdings das Feuerwerk, das sich in der Dämmerstunde entwickelte: kleinere und größere Feuerfliegen und Leuchtkäfer erhoben sich in die Luft; da sah man Funken, Sterne und Flammen teils aufblitzen und verschwinden, teils ununterbrochen flimmern.
Das Neue und besonders Herrliche aber war das Farbenspiel dieser lebendigen Meteore und Sternschnuppen; denn gelbes, rotes, blaues und grünes Licht ging je nach ihrer Art von ihnen aus.
Auch auf dem Boden wurde es lebendig und hell: da krochen die Funken und Laternchen der Glühwürmer und leuchtenden Schnecken und Ameisen durcheinander, als rollten und rieselten selbstleuchtende Edelsteine, Topase, Rubinen, Smaragde, Amethyste und Saphire dahin.
»Es ist mir unbegreiflich,« bemerkte Münchhausen, dem höchst poetisch zumute wurde, »wie es Schriftsteller, ja solche, die Dichter sein wollen und zu sein glauben, heutzutage fertig bringen, >der Dämmer< zu sagen, statt >die Dämmerung<. Der Dämmer! Welch ein Wort! Ohr, Gemüt und Vernunft wird gleicherweise dadurch beleidigt und die traute Stimmung und Vorstellung der zarten Dämmerung geht dabei völlig verloren, wird sozusagen totgeschlagen mit einem groben Knüppel in der Faust eines Tölpels. Sehen Sie doch diese weichen Schleier, die von unsichtbaren Elfenhänden in der dunkelnden Luft ausgebreitet werden; wie dämpft dieses schleiernde Weben die farbigen Lichtstrahlen unsrer nächtlichen Feuerwerker! Und nun soll man sich dieses zartwebende, sachthändige, leisschwebende und schleierumwallte Wesen als eine männliche Persönlichkeit vorstellen? Nein! ich bitte Sie, was ist das für eine Geschmacklosigkeit, Stilwidrigkeit, ja für ein Blödsinn! He, Professorchen! Können Sie sich etwa die liebliche, einschmeichelnde Dämmerung durch einen Mann verkörpert denken, den Dämmer?«
»Ne, Kapitän, wenn ich mir denken sollte, Hugo von Münchhausen, so elegant er zu schweben versteht, senke sich von Schleiern umwogt hernieder und wollte mich mit ruhespendenden Elfenhänden liebkosen als schmeichelnde Dämmerung, ich wäre aus allen Märchenträumen gerissen.«
»Münchhausen als Fee der geheimnisvollen Dämmerung ist gut! Ausgezeichnet! Diese Vorstellung stimmt mich heiter!« sagte Flitmore lachend.