Wunderbare Reise Des Kleinen Nils Holgersson Mit Den Wildgansen
Chapter 24
Der Junge geht hinein; sieht aber zuerst nichts als eine ungeheure Menge von Rädern, die schnurren, von Hämmern, die stampfen, und Winden, die knirschen. Es ist hier so viel zu sehen, daß er wohl die ganze Nacht dageblieben wäre, wenn ihn der Gärtner nicht gerufen hätte.
Hierauf wandern sie miteinander im nördlichen Teil des Gartens dem See entlang. Das Ufer tritt bald zurück, ragt bald ins Wasser hinein, Landzungen und Buchten, Buchten und Landzungen wechseln miteinander ab. Vor den Landzungen liegen kleine Inseln, die nur durch schmale Wasserarme vom Lande getrennt sind. Diese Inselchen gehören auch noch zum Garten. Sie sind mit derselben Sorgfalt angelegt wie alles übrige.
Der Junge kommt an einem schönen Gebäude nach dem andern vorüber, aber der Gärtner hält nirgends an. Jetzt gelangen sie an eine prächtige rote Kirche, die von schwerbeladenen Obstbäumen umgeben auf einer Landzunge liegt und sich da ganz großartig ausnimmt. Der Gärtner will auch hier nur vorübergehen, aber der Junge faßt sich ein Herz und fragt, ob er nicht hineingehen dürfe.
»Ja, ja, geh nur hinein,« antwortet der Gärtner. »Aber hüte dich vor dem Bischof Rogge. Es ist wohl möglich, daß er sich bis zum heutigen Tage hier in Strängnäs aufhält.«
Rasch läuft der Junge in die Kirche hinein und sieht da schöne Grabdenkmäler und Altarbilder. Vor allem bewundert er in einer Kapelle neben der Vorhalle einen Reiter in vergoldeter Rüstung. Auch hier ist so viel zu sehen, daß der Junge gern die ganze Nacht hier zugebracht hätte; aber er muß wieder hinaus, denn er darf den Gärtner nicht auf sich warten lassen.
Als er wieder herauskommt, sieht er, daß der Gärtner eine Eule beobachtet, die hinter einem Rotschwänzchen herjagt. Der Alte pfeift dem Rotschwänzchen; es fliegt herbei und läßt sich vertrauensvoll auf der Schulter des Gärtners nieder, und als die Eule in ihrem Jagdeifer hinter ihm dreinfliegt, jagt er sie mit seinem Spaten fort.
»Er ist doch nicht so gefährlich, wie er aussieht,« denkt der Junge, als er sieht, wie zärtlich der Alte den armen Singvogel beschützt.
Aber sobald der Gärtner den Jungen erblickt, wendet er sich zu ihm und fragt, ob er den Bischof Rogge gesehen habe. Und als der Junge es verneint, sagt er in bitterem Gram: »Hat der Bischof Ruhe bekommen und ich nicht?«
Bald erreichen sie das stattlichste von den vielen Puppenhäusern. Es ist eine aus Backsteinen aufgeführte Burg mit drei massiven runden, durch lange Flügel verbundenen Türmen.
»Geh hinein und sieh dich um, wenn du Lust hast!« sagt der Gärtner. »Dies ist Gripsholm, und hier mußt du dich in acht nehmen, daß du dem König Erich nicht begegnest.«
Der Junge geht durch ein tiefes Torgewölbe und gelangt auf einen großen dreieckigen, von niedrigen Häusern umgebenen Hof. Die Häuser sehen nicht besonders vornehm aus, und der Junge hat keine Lust, hineinzugehen. Er springt nur Bock über zwei lange Kanonen, die hier aufgepflanzt sind, und eilt dann weiter. Nun geht es durch ein zweites tiefes Torgewölbe, und dann gelangt er in einen zweiten Schloßhof, der von prächtigen Gebäuden umgeben ist; hier geht er hinein. Er durchschreitet zuerst große altertümliche Zimmer, wo an den Decken die Querbalken sichtbar sind und an allen Wänden große dunkle Bilder hängen, auf denen ernst aussehende Herren und Damen in seltsamen steifen Gewändern abgebildet sind.
Eine Treppe höher kommt der Junge durch hellere und freundlichere Gemächer. Hier fühlt er so recht deutlich, daß er sich in einem königlichen Schloß befindet, denn an den Wänden sind lauter glänzende Bildnisse von Königen und Königinnen. Noch eine Treppe höher ist ein großer Bodenraum, auf den ringsherum die verschiedenartigsten Räume münden: die einen sind freundliche Zimmer mit schönen weißen Möbeln, dann kommt ein kleines Theater, und gleich daneben ist ein richtiges Gefängnis, ein düsterer Raum mit nackten, steinernen Wänden, vergitterten Fenstern und einem Boden, dessen Fliesen von den schweren Tritten der Gefangenen ausgetreten sind.
Hier ist so viel zu sehen, daß der Junge gern viele Tage lang da verweilt hätte; aber der Gärtner ruft ihn, und er wagt es nicht, den Ruf zu überhören.
»Hast du König Erich gesehen?« fragt der Gärtner, als der Junge aus dem Schlosse heraustritt. Aber der Junge hat niemand gesehen, und da sagt der Alte wieder wie zuvor, nur mit noch größerer Verzweiflung im Ton: »Hat König Erich zur Ruhe gehen dürfen, ich aber nicht!«
Jetzt richten die beiden ihre Schritte nach dem östlichen Teil des Gartens. Sie kommen an einem Badeort vorüber, den der Gärtner Södertelje nennt, sowie an einem alten Schloß, dem er den Namen Hörningsholm gibt. Hier ist übrigens nicht viel zu sehen. Überall ragen Felsen und Klippen auf, die immer einsamer und kahler werden, je weiter draußen sie liegen.
Jetzt wenden sie sich nach Süden, und der Junge erkennt die Hecke wieder, die der Gärtner Kolmården nannte, und daran errät er, daß sie sich dem Ausgange nähern.
Der Junge ist hocherfreut über alles, was er gesehen hat, und als sie nun schon nahe bei dem großen Gittertor sind, versucht er dem Gärtner seinen Dank auszusprechen. Aber der Alte hört gar nicht auf ihn, sondern geht nur geradenwegs auf das Tor zu. Hier angekommen wendet er sich an den Jungen und reicht ihm seinen Spaten. »Da, halte ihn, während ich das Tor aufschließe,« sagt er zu dem Jungen.
Diesem aber ist es ohnedies leid, daß er dem barschen alten Mann schon so viel Mühe gemacht hat, und er will ihm daher jede weitere Anstrengung ersparen.
»Meinetwegen braucht Ihr das schwere Tor gar nicht aufzumachen,« sagt er und schlüpft gleichzeitig zwischen den Gitterstäben hindurch; für so einen kleinen Knirps hatte das natürlich nicht die geringste Schwierigkeit.
Der Junge tut es in der besten Absicht und ist höchst bestürzt, als er hört, daß der Gärtner hinter ihm in heftigen Zorn ausbricht, auf den Boden stampft und an dem Gitter rüttelt.
»Was ist denn? Was ist denn?« fragt der Junge bestürzt. »Ich wollte Euch ja nur die Mühe ersparen. Warum seid Ihr denn so böse?«
»Sollte ich etwa nicht böse sein?« entgegnet der Alte. »Es wäre nichts weiter nötig gewesen, als daß du meinen Spaten genommen hättest, dann hättest du hierbleiben und den Garten besorgen müssen, während ich abgelöst gewesen wäre. Jetzt weiß ich nicht, wie lange ich noch hier ausharren muß.«
Bei diesen Worten rüttelt der Gärtner wieder heftig an dem Gittertor und sieht schrecklich zornig aus; aber dem Jungen tut er unwillkürlich von Herzen leid und er versucht ihn zu trösten.
»Seid doch nicht so betrübt darüber, Herr Karl von Södermanland,« sagt er. »Denn es findet sich gewiß niemand, der Euren Garten so gut pflegen würde, wie Ihr es tut.«
Als der Junge das sagt, wird der alte Gärtner ganz still und ruhig, und der Junge meint einen hellen Schein über die harten Züge hingleiten zu sehen. Aber er kann es nicht deutlich sehen, denn plötzlich verblaßt die ganze Gestalt und verschwindet wie im Nebel. Und nicht nur die Gestalt, nein, auch der ganze Garten mit allen Blumen und Früchten und dem Sonnenschein verbleicht und verschwindet, und wo er gestanden hat, ist nichts andres mehr als der öde, wilde Wald.
24
In Närke
Die Ysätter-Kajsa
In Närke gab es in früheren Zeiten etwas, was es anderswo gar nicht gab, nämlich eine Hexe, die die Ysätter-Kajsa hieß.
Den Namen Kajsa hatte sie bekommen, weil sie soviel mit Sturm und Wind zu tun hatte, und solche Wetterhexen werden immer so genannt; der Beinamen aber war ihr gegeben worden, weil es hieß, sie stamme aus dem Ysätter Sumpf im Kirchspiel Asker.
Es hatte allerdings den Anschein, als habe sie ihre eigentliche Heimat in Asker, aber man sah sie auch häufig an andern Orten. In ganz Närke mußte man stets darauf gefaßt sein, sie vor sich auftauchen zu sehen.
Sie war aber keine traurige oder unheimliche Hexe, sondern munter und lustig, und am allerwohlsten war es ihr, wenn ein richtiger Sausewind daherfegte. Sobald es tüchtig stürmte, machte sie sich auf, um auf der Ebene von Närke einen ordentlichen Reigen zu tanzen.
Der Närker Bezirk ist eigentlich bloß eine einzige Ebene, die von allen Seiten von waldigen Höhen umgeben ist. Nur im nordöstlichsten Winkel durchbricht der Hjälmar die lange Gebirgsmauer.
Wenn nun der Wind am Morgen draußen auf der Ostsee ordentlich Kräfte gesammelt hat und sich ins Land hinein auf den Weg macht, fährt er ungehindert zwischen den Sörmländer Hügeln hindurch und gelangt ohne jegliche Schwierigkeit dort am Hjälmar nach Närke hinein. Hier fegt er quer über die Ebene hin; aber gerade gegenüber stößt er im Westen auf die hohe Kilsberger Felsenwand und wird von dieser zurückgeworfen. Da krümmt sich der Wind wie eine Schlange und jagt gegen Süden. Aber hier trifft er auf den Tived und bekommt einen Stoß, der ihn nach Osten schleudert. Im Osten jedoch liegt der Tylöwald, und dieser schickt den Wind nordwärts zu dem Kägla. Und von dem Kägla jagt der Wind aufs neue gegen Kilsberg, Tived und den Tylöwald.
So geht es fort: der Wind dreht und dreht sich in immer kleineren Kreisen, bis er sich schließlich wie ein Kreisel mitten auf der Ebene um sich selbst dreht. Aber an solchen Tagen, wenn der Wirbelwind über die Ebene hinfuhr, da war die Ysätter-Kajsa so recht vergnügt. Dann stand sie mitten drin im Wirbel und drehte sich selbst wie ein Kreisel. Ihr langes Haar flatterte bis hinauf zu den Wolken, ihr Gewand schleifte über den Boden hin wie eine Staubwolke, und die ganze Ebene breitete sich unter ihr aus wie ein Tanzboden.
Morgens saß die Ysätter-Kajsa meist auf einer hohen Tanne am Bergabhang und schaute über die Ebene hin. Zur Winterzeit, wenn es tüchtig geschneit hatte, kamen viele Schlitten dahergefahren. Und sobald Kajsa die Schlitten sah, trieb sie eiligst ein ordentliches Schneegestöber daher und fegte so hohe Schneewehen zusammen, daß die Leute nur mit Mühe und Not wieder nach Hause kommen konnten. Bei schönem Sommerwetter aber, zur Zeit der Heuernte, saß die Ysätter-Kajsa ganz still auf ihrem Baum, bis die ersten Heuwagen hoch beladen zur Abfahrt bereit waren. Dann aber hui! sauste sie mit ein paar Platzregen daher, die der Arbeit für diesen Tag ein Ende machten.
Soviel war sicher, daß sie selten an etwas andres dachte, als Unheil anzurichten. Die Kohlenbrenner droben in den Kilsbergen wagten die ganze Nacht kaum ein Auge zu schließen; denn sobald Kajsa einen unbewachten Meiler sah, kam sie leise herbeigeschlichen und blies hinein, bis die hellen Flammen herausschlugen. Und wenn die Fuhrleute von Laxå und Svartå einmal noch spät abends mit Erzlasten unterwegs waren, hüllte Kajsa den Weg und die ganze Gegend in so dichten Nebel, daß Menschen und Pferde sich verirrten und mit den schweren Karren in Moore und Sümpfe hineingerieten.
Wenn die Pröpstin von Glanshammar an einem schönen Sommertage den Kaffeetisch draußen im Garten gedeckt hatte, und dann ein Windstoß daherkam, der die Decke aufwirbelte und Tassen und Teller umwarf, da wußte man schon, wem man diesen Spaß zu verdanken hatte. Wenn dem Bürgermeister von Örebro der Hut vom Kopf geweht wurde und er ihm über den ganzen Marktplatz nachlaufen mußte, wenn die Leute von Vinö mit ihren Gemüsebooten im Hjälmar auf den Grund fuhren, wenn zum Trocknen aufgehängte Wäsche heruntergerissen und in den Schmutz geworfen wurde, wenn am Abend der Rauch in die Stuben hineindrang und es aussah, als könne er den Weg durch den Schornstein gar nicht finden, dann herrschte keine Spur von Zweifel darüber, wer sich auf diese Weise die Zeit vertrieb.
Aber wenn auch die Ysätter-Kajsa ihre Lust an lauter solchem Schabernack hatte, war sie doch im Grunde ihres Herzens nicht eigentlich boshaft. Man merkte wohl, daß sie mit den Händelsüchtigen, den Geizigen und den Hartherzigen am schlimmsten verfuhr, die guten Leute dagegen und die armen Kinder nahm sie sehr oft in Schutz. Und alte Leute erzählen auch heute noch, die Ysätter-Kajsa sei, als in Asker die Kirche brannte, mitten in den Rauch und die hohen Flammen hineingefahren und habe die Gefahr abgewendet.
Immerhin waren die Leute in Närke der Wetterhexe oft recht überdrüssig, sie jedoch, die Ysätter-Kajsa, war ihrer tollen Streiche nie überdrüssig. Wenn sie droben auf dem Rande einer Wolke saß und auf Närke hinabschaute, das so freundlich und wohlhabend dalag, mit seinen stattlichen Bauernhöfen auf der Ebene und seinen reichen Erzgruben und Bergwerken in dem Gebirge, mit dem langsam dahinfließenden Svartå, den seichten fischreichen Binnenseen, der guten Stadt Örebro, die sich rings um das ernstaufragende Schloß mit den massiven Ecktürmen ausbreitete, dann dachte sie gewiß: »Hier hätten es die Menschen sicherlich allzugut, wenn ich nicht da wäre. Hier muß jemand sein wie ich, der sie aufrüttelt und in Atem erhält.«
Dann stieß sie ein wildes, gellendes Gelächter aus, das klang wie das Schreien einer Elster, und jagte davon, tanzend und wirbelnd von einem Ende der Ebene zum andern. Und wenn die Bewohner von Närke sahen, wie sie ihre Staubschleppe über die Ebene hinzog, konnten sie ein Lächeln nicht unterdrücken. Denn unartig und neckisch war sie, das konnte nicht geleugnet werden, aber sie hatte auch einen herrlichen Humor. Der Umgang mit der Ysätter-Kajsa war für die Bauern ebenso belebend, wie der Sturmwind für die Ebene, wenn er so recht toll darüber hinfegte.
Heutigentages wird nun behauptet, die Ysätter-Kajsa sei längst tot und begraben, wie alles andre Hexen- und Zaubervolk auch. Aber das kann man fast nicht glauben. Das wäre gerade, wie wenn jemand daherkäme und behaupten wollte, die Luft werde von jetzt an über der Ebene ganz still stehen und der Sturm werde nie mehr mit Saus und Braus und frischem Wind und gewaltigem Platzregen darüber hinwirbeln.
Ja, wer da meint, die Ysätter-Kajsa sei tot und begraben, der soll nur hören, wie es in jenem Jahr in Närke ging, wo Nils Holgersson durch diese Gegend zog, und dann soll er selbst sagen, was er darüber denkt.
Der Jahrmarktsabend
Mittwoch, 27. April
Es war am Tag vor dem großen Viehmarkt in Örebro, und es goß so vom Himmel herunter, daß man draußen nichts mehr voneinander unterscheiden konnte. Das war ein Regen gerade wie die Sündflut. Der Himmel schien alle seine Schleusen geöffnet zu haben, und gar mancher dachte im stillen: »Dies ist ganz wie zur Zeit der Ysätter-Kajsa. Gerade an den Jahrmärkten, da trieb sie den tollsten Schabernack. So ein Regenwetter am Vorabend des Jahrmarktes, das hätte ihr gepaßt.«
Je weiter der Abend vorrückte, desto schlimmer wurde der Regen. Als die Dunkelheit einbrach, ging ein wahrer Wolkenbruch nieder, die Wege wurden ganz grundlos, und den Leuten, die mit ihrem Vieh unterwegs waren, um bei guter Zeit nach Örebro zu kommen, ging es schlecht. Die Kühe und Ochsen waren übermüdet und sträubten sich, weiterzugehen, mehrere von den armen Tieren warfen sich mitten auf der Landstraße zu Boden, um zu zeigen, daß sie nicht mehr weiter könnten. Alle die Leute, die am Wege wohnten, mußten den Jahrmarktbesuchern Tür und Tor öffnen und sie so gut es eben ging für die Nacht aufnehmen. Alles war überfüllt, nicht nur die Wohnhäuser, nein, auch die Ställe und Scheunen.
Wer nur immer konnte, versuchte indes sich bis zum Wirtshaus durchzukämpfen; aber wer es erreicht hatte, bereute fast, nicht in einem der Häuser an der Straße geblieben zu sein, denn alle Stände in den Kuhställen und alle Krippen im Pferdestall waren längst besetzt. Die armen Leute hatten keine Wahl, sie mußten ihre Pferde und Kühe unter freiem Himmel im Regen stehen lassen, ja, ihre Besitzer selbst konnten nur mit Mühe und Not unter Dach und Fach kommen.
Auf dem Hofplatz war ein Gedränge, ein Schmutz und eine Nässe, die man gar nicht beschreiben konnte. Viele von den Tieren standen geradezu im Wasser und konnten sich nicht einmal niederlegen. Manchen von den Bauern gelang es allerdings, Stroh für ihr Vieh zu ergattern, da konnten sich die armen Tiere wenigstens niederlegen, und man konnte sie notdürftig zudecken; andre aber saßen drin im Wirtshaus, tranken und spielten und vergaßen darüber ihr Vieh, für das sie sorgen sollten, vollständig.
Nils Holgersson und die Wildgänse hatten an diesem Abend einen Holm im Hjälmar erreicht. Die kleine Insel war nur durch einen schmalen, seichten Wasserarm vom Lande getrennt; bei niedrigem Wasserstand konnte man trockenen Fußes hinüberkommen.
Auf dem Holm draußen regnete es ebenso heftig wie sonst überall auch. Der Junge konnte bei dem Regen, der unaufhörlich auf ihn herabfiel, nicht einschlafen. Schließlich stand er auf und wanderte auf der Insel umher. Er meinte, er fühle den Regen weniger, wenn er sich bewegte.
Kaum war er rings auf der Insel herumgegangen, als er in dem Wasser, das den Holm vom Festland trennte, ein Plätschern hörte, und schon im nächsten Augenblick sah er ein einzelnes Pferd zwischen den Büschen daherkommen. Es war eine alte Mähre, ein so elendes, kraftloses Pferd, wie Nils Holgersson noch nie eines gesehen hatte. Es war lendenlahm und steifbeinig und entsetzlich mager, man konnte alle Rippen unter der Haut zählen. Es trug weder Sattel noch Zaumzeug, nur eine alte Halfter, von der ein halbverfaultes Strickende herunterhing. Offenbar hatte ihm das Losreißen keinerlei Schwierigkeiten bereitet.
Das Pferd ging geradenwegs auf die Stelle zu, wo die Wildgänse schliefen, und der Junge bekam Angst, es könnte sie treten. »Wohin willst du? Nimm dich in acht!« rief er dem Pferde zu.
»Ach so, da bist du,« sagte das Pferd und kam auf den Jungen zu. »Ich bin eine ganze Meile weit gegangen, dich zu finden.«
»Weißt du denn etwas von mir?« fragte der Junge verwundert.
»Ich habe ja wohl Ohren zum Hören, wenn ich auch alt bin. Es wird gegenwärtig viel von dir gesprochen.«
Während es dies sagte, senkte das Pferd den Kopf, um besser sehen zu können, und Nils Holgersson bemerkte, daß es einen kleinen Kopf mit schönen Augen und einem feinen, weichen Maule hatte.
»Das ist einstmals ein gutes Pferd gewesen, wenn es auch auf seine alten Tage heruntergekommen ist,« dachte der Junge.
»Ich möchte dich bitten, mit mir zu gehen und mir in einer Sache beizustehen,« sagte das Pferd.
Der Junge dachte, es wäre wohl eine gewagte Sache, mit so einem elenden Geschöpf fortzugehen, und entschuldigte sich mit dem schlechten Wetter.
Doch das Pferd sagte: »Auf meinem Rücken hast du es nicht schlechter, als wenn du hier liegst. Aber du hast vielleicht den Mut nicht, mit so einer alten Schindmähre, wie ich eine bin, wegzugehen.«
»O doch, dazu habe ich schon den Mut,« sagte der Junge.
»Dann wecke jetzt die Gänse, damit wir mit ihnen ausmachen, wo sie dich morgen wieder abholen werden,« sagte das Pferd.
Kurz darauf saß Nils Holgersson auf dem Rücken des Pferdes, das viel besser trabte, als der Junge gedacht hatte; aber es war doch ein weiter Ritt durch Nacht und Regen, bis sie endlich vor einer großen Herberge Halt machten. Hier sah es schrecklich unheimlich aus. Die Wagengeleise auf der Straße waren übermäßig tief; der Junge war überzeugt, er würde ertrinken, wenn er da hineinfiele. An dem Lattenzaun, der das Gehöft rings umgab, waren ungefähr dreißig bis vierzig Pferde und Kühe angebunden; ohne jeglichen Schutz gegen den Regen standen sie da, und innen im Hofraum sah Nils Holgersson Karren mit hohen Kisten, in denen Schafe und Kälber, Schweine und Hühner untergebracht waren.
Das Pferd stellte sich an dem Lattenzaun auf. Der Junge saß noch auf seinem Rücken, und mit seinen guten Nachtaugen, die er seit seiner Verzauberung hatte, sah er ganz deutlich, wie schlecht es die armen Tiere hier hatten.
»Wie kommt es nur, daß ihr hier außen im Regen steht?« fragte er.
»Wir sind auf dem Wege nach dem Jahrmarkt in Örebro, aber des Regens wegen mußten wir hier haltmachen. Dies ist zwar eine Herberge, es sind jedoch so viele Reisende angekommen, daß wir keinen Platz mehr im Hause fanden.«
Der Junge erwiderte nichts; schweigend schaute er sich um. Nicht viele von den Tieren schliefen, von allen Seiten ertönten Klagen und lautes Murren. Und die armen Geschöpfe hatten allen Grund zum Jammern, denn das Wetter war jetzt noch schlimmer als am Tage. Ein eiskalter Wind hatte sich erhoben, und der scharfe peitschende Regen war jetzt mit Schnee vermischt. Da war es nicht schwer zu erraten, welche Hilfe das Pferd von dem Jungen verlangte.
»Siehst du dort den großen Bauernhof, der dem Wirtshause gerade gegenüber liegt?« fragte das Pferd.
»Jawohl,« sagte der Junge, »ich sehe ihn, und ich begreife nicht, warum ihr nicht dort um Obdach gebeten habt. Ist dort auch schon alles voll?«
»Nein, es sind keine fremden Tiere dort,« antwortete das Pferd. »Aber die Besitzer dieses Hofes sind so geizig und ungefällig, daß es gar nichts nützen könnte, wenn man sie um ein Obdach bitten würde.«
»Ach, so hängt es also zusammen! Ja, dann müßt ihr freilich bleiben, wo ihr seid.«
»Aber ich bin auf dem Hofe drüben geboren und aufgewachsen,« sagte das Pferd, »und ich weiß, daß dort ein großer Pferdestall und auch ein Kuhstall ist mit vielen Krippen und Ständen, und ich möchte wissen, ob du uns nicht den Eintritt dazu verschaffen könntest.«
»Ach nein, dazu habe ich sicher den Mut nicht,« erwiderte der Junge. Aber die armen Tiere taten ihm schrecklich leid, und so entschloß er sich, es jedenfalls einmal zu versuchen.
Er lief hinüber auf den fremden Hof und sah da gleich, daß alle Wirtschaftsgebäude verschlossen und alle Schlüssel abgezogen waren. Ratlos und hilflos stand er da, doch da wurde ihm von einer ganz unerwarteten Seite Hilfe zuteil. Mit gewaltigem Sausen kam plötzlich eine Windsbraut dahergefahren und riß eine große Scheunentür auf, vor der der Junge eben Halt gemacht hatte.
Natürlich kehrte der Junge mit größter Eile zu dem Pferde zurück und sagte: »Ihr könnt zwar nicht in die Ställe hinein, aber eine große leere Scheune ist zu schließen vergessen worden, und dahin will ich euch führen.«
»Dafür sollst du schön bedankt sein,« sagte das Pferd. »Es wird mir gut tun, wenn ich noch einmal in meiner alten Heimat schlafen darf. Dies ist die einzige Freude, die mir in meinem Leben noch zuteil werden kann.«
Auf dem reichen Bauernhofe, der dem Wirtshaus gerade gegenüber lag, waren indes die Bewohner an diesem Abend viel länger als gewöhnlich aufgeblieben.
Der Bauer war ein Mann von ungefähr fünfunddreißig Jahren. Er war groß und schlank und hatte ein schönes, aber etwas finsteres Gesicht. Am Tage war er im Regen draußen gewesen und war da ebenso naß geworden wie alle andern Leute auch. Deshalb hatte er beim Abendessen seine alte Mutter, die noch Herrin auf dem Hofe war, gebeten, ein Feuer auf der offenen Feuerstelle anzuzünden, damit er seine Kleider trocknen könnte. Die Mutter hatte ein ärmliches Holzfeuerchen angezündet, denn in diesem Hause wurde kein Brennholz verschwendet, und der Bauer hatte seinen Rock auf einem Stuhl dicht vor dem Feuer aufgehängt. Dann hatte er den Fuß auf den Herd gestellt, den Ellbogen aufs Knie gestützt und nachdenklich in die Flammen geschaut. So stand er nun schon seit mehreren Stunden, ohne sich zu rühren; die einzige Bewegung, die er machte, war, ab und zu ein neues Stück Holz aufs Feuer zu werfen.
Die Mutter hatte den Tisch abgeräumt und sein Bett hergerichtet, dann war sie ins Hinterstübchen gegangen und hatte es sich da bequem gemacht. Von Zeit zu Zeit trat sie an die Tür und sah ihren Sohn fragend an, der noch immer vor dem Feuer stand und nicht zu Bett ging.
»Es fehlt mir nichts, Mutter,« sagte er. »Ich muß nur an etwas aus früherer Zeit denken.«
Die Sache aber war die: Als der Sohn bei seiner Heimkehr am Wirtshaus vorbeigekommen war, hatte ihn ein Pferdehändler gefragt, ob er nicht ein Pferd kaufen wolle. Dabei hatte er ihm einen alten Gaul gezeigt, der so jämmerlich zugerichtet war, daß der Bauer den Mann unwillkürlich mit den Worten anfuhr, er müsse ja verrückt sein, wenn er meine, er könne ihn mit so einer Schindmähre anführen.